P U B L I R E P O R TA G E
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Der Weg in den Weltraum beginnt im Klassenzimmer Wo Kinder lernen, Fragen zu stellen, entstehen neue Perspektiven. Dafür setzt sich die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ein.
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m 21. Juli 1969 blickten rund 600 Millionen Menschen gebannt auf ihre Fernsehbildschirme. Als Neil Armstrong seinen Fuss auf die Mondoberfläche setzte, schien einer der ältesten Träume der Menschheit Wirklichkeit geworden zu sein: Der Mensch hatte das Weltall erreicht. Die Bilder aus dem All erzählten von Raketen, Computern und technischer Meisterleistung. Doch der eigentliche Ursprung dieser historischen Errungenschaft lag nicht auf einer Startrampe in Florida. Er lag in Klassenzimmern, Bibliotheken und Laboratorien, überall dort, wo Menschen lernen, Fragen zu stellen und Wissen weiterzugeben. Die Mondlandung war das Ergebnis von Generationen von Menschen, die lesen, rechnen, beobachten und forschen gelernt hatten. Jede Generation baute auf dem Wissen der vorhergehenden auf. Ohne Schulen gäbe es keine Astronomie. Ohne Bildung keine Physik, und ohne Physik keine Raumfahrt.
Vor der Mondlandung Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war von zwei grossen Hoffnungen geprägt. Die eine richtete den Blick nach oben. Mit Satelliten, Raumstationen und Mondmissionen wollte die Menschheit die Grenzen des technisch Machbaren verschieben. Die andere richtete den Blick zurück auf die Erde, als Versuch, menschliches Versagen zu überwinden und eine friedlichere Zukunft zu gestalten. Nach den Erfahrungen zweier Weltkriege entstand die Überzeugung, dass Bildung, Menschenrechte und internationale Zusammenarbeit die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben bilden müssen. 1948 wurde das Recht auf Bildung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Gleichzeitig entstanden zahlreiche Initiativen, die Kindern neue Perspektiven eröffnen sollten. Eine davon war das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen. Als 1946 der Grundstein gelegt wurde, lag Europa in Trümmern. Millionen Kinder hatten Eltern, Heimat oder Zugang zu Bildung verloren. Der Arzt, Philosoph und Visionär Walter Robert Corti und seine
Mitstreiterinnen Elisabeth Rotten und Marie Meierhofer waren überzeugt, dass Frieden nicht allein durch politische Verträge gesichert werden kann. Er beginnt mit Bildung und damit, dass Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen, andere Menschen zu verstehen und ihre Zukunft selbst zu gestalten. Diese Überzeugung prägt die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi seit 80 Jahren. Was als Zufluchtsort für Kriegswaisen begann, ist heute eine internationale Bildungsorganisation, die sich in der Schweiz und zwölf Programmländern weltweit für das Recht auf hochwertige Bildung engagiert. Ihr Ziel ist aktueller denn je: Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten mitzugeben, die sie brauchen, um ihre Zukunft selbstbestimmt und zuversichtlich zu gestalten.
Die Kraft einer Frage Jede grosse Entdeckung beginnt mit einer einfachen Frage. Warum leuchten Sterne? Wie funktioniert die Welt? Gibt es Leben ausserhalb unseres Planeten? Kinder stellen solche Fragen ganz selbstverständlich. Viele Astronaut*innen berichten später, dass ihre Faszination für den Nachthimmel bereits in der Kindheit begann. Bildung bewahrt diese Neugier und verwandelt sie in Wissen, Kompetenzen und Handlungsmöglichkeiten. Wie wichtig das ist, zeigt sich besonders dort, wo die Voraussetzungen schwierig sind. So etwa bei Su Meh, einer Kindergärtnerin im Flüchtlingslager Ban Mai Nai Soi im Nordwesten Thailands. Sie gehört zur ethnischen Gemeinschaft der Karenni und ist selbst im Lager aufgewachsen. Als sie zur Schule ging, wurden verschiedene Sprachen ohne klare Struktur miteinander vermischt, was
das Lernen für viele Kinder erschwerte. Heute unterrichtet sie selbst die nächste Generation. Die Kinder lernen zunächst in ihrer Muttersprache Kaya und werden schrittweise an Burmesisch und Englisch herangeführt. Statt auswendig zu lernen und Texte abzuschreiben, erzählen sie Geschichten, diskutieren, singen und lernen aktiv. Vor allem aber werden sie ermutigt, Fragen zu stellen. Zu ihren Schülerinnen gehört die achtjährige Ku Moe. Sie träumt davon, später selbst Lehrerin zu werden. Vielleicht wird sie diesen Traum verwirklichen, vielleicht wird ihr Lebensweg ein anderer sein. Doch eines hat Bildung ihr bereits heute geschenkt: eine Vorstellung von Zukunft. Die Geschichte von Su Meh und Ku Moe erinnert daran, dass Fortschritt nicht nur in Raumfahrtzentren oder Forschungslaboren entsteht. Er beginnt überall dort, wo Menschen Wissen weitergeben und Kinder ermutigen, an ihre eigenen Möglichkeiten zu glauben. Wissen entsteht durch Verstehen. Und Verstehen beginnt mit Sprache. Wer nicht versteht, kann kaum Fragen stellen. Wer keine Fragen stellen kann, kann nur schwer lernen und entdecken. Sprache ist deshalb weit mehr als ein Kommunikationsmittel. Sie ist das Fundament von Bildung. In Laos, einem Land mit grosser sprachlicher und kultureller Vielfalt, arbeitet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi mit Kindern aus ethnischen Gemeinschaften, deren Muttersprache oft nicht mit der offiziellen Unterrichtssprache übereinstimmt. Lehrpersonen werden dabei unterstützt, den Unterricht stärker an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten und mehrsprachige Ansätze einzusetzen.
Wenn Sprache Türen öffnet Die Erfahrungen zeigen, dass Kinder regelmässiger zur Schule kommen, aktiver am Unterricht teilnehmen und mehr Freude am Lernen entwickeln, wenn ihre sprachlichen Voraussetzungen berücksichtigt werden. Die Erkenntnis ist einfach: Wenn Bildung Kinder dort abholt, wo sie stehen, schafft sie die Vo-
raussetzungen dafür, dass sie ihr Potenzial entfalten können und vielleicht sogar davon träumen, eines Tages nach den Sternen zu greifen. Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi verfolgt einen ganzheitlichen Bildungsansatz. Sie unterstützt nicht nur einzelne Kinder, sondern stärkt ganze Bildungssysteme. Lehrpersonen werden weitergebildet, Schulleitungen begleitet, Eltern und Gemeinschaften einbezogen und Behörden bei der Entwicklung inklusiver Bildungsangebote unterstützt. In der Schweiz stehen Demokratiebildung, Medienkompetenz, Kinderrechte, interkulturelle Verständigung und globales Lernen im Zentrum. Internationale Austauschprojekte bringen junge Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen und schaffen Räume, in denen sie lernen, Perspektiven zu wechseln, Dialog zu führen und Verantwortung zu übernehmen. Diese Arbeit zeigt Wirkung. Allein im Jahr 2025 profitierten in der Schweiz und weltweit über 320’000 Kinder und Jugendliche von Bildungsangeboten und zusätzlichen Lernmöglichkeiten. Tausende Lehrpersonen wurden weitergebildet, Schulleitungen gestärkt und lokale Gemeinschaften stärker in Bildungsprozesse eingebunden. Hinter jeder Zahl steht eine persönliche Geschichte: ein Kind, das erstmals regelmässig zur Schule geht; eine Lehrperson, die neue Unterrichtsmethoden anwendet; eine Gemeinschaft, die die transformative Kraft von Bildung erkennt.
Der Blick zurück auf die Erde Der Blick in den Weltraum verändert oft die Perspektive auf die Erde. Viele Astronaut*innen beschreiben den sogenannten «Overview Effect» als den Moment, in dem sie unseren Planeten als kleine, verletzliche Kugel im schwarzen Universum sehen. Aus dieser Perspektive verschwinden Grenzen, Unterschiede und Konflikte. Sichtbar wird vor allem eines: eine gemeinsame Zukunft. Vielleicht liegt darin die bedeutendste Verbindung zwischen Bildung und Raumfahrt. Die grossen Herausforderungen der Zukunft – sei es der Klimawandel, künstliche Intelligenz, gesellschaftlicher Zusammenhalt oder die Erforschung neuer Welten – werden nicht allein durch Technologie gelöst. Sie werden von Menschen gelöst, die gelernt haben, kritisch zu denken, Verantwortung zu übernehmen und zusammenzuarbeiten. Die grössten Entdeckungen der Menschheit beginnen deshalb nicht in Kontrollzentren oder Forschungslaboren. Sie beginnen dort, wo Kinder ermutigt werden, Fragen zu stellen. Der Weg ins All beginnt nicht mit einer Rakete. Er beginnt im Klassenzimmer.