«Funktionierendes
Ökosystem
ist entscheidend
–genau das macht St. Gallen für Startups attraktiv»
Andreas Göldi zählt zu den profilierten Risikokapitalgebern der Schweiz. Er ist Partner bei b2venture und war die letzten beiden Tage am START Summit in St. Gallen. Dass er nach seinem Abstecher in die USA wieder in St. Gallen aktiv ist, liegt an seinen Wurzeln – aber vor allem am leistungsfähigen Startup-Ökosystem im Umfeld der HSG.
Andreas Göldi ist Wirtschaftsinformatiker und Internetpionier – und seit Jahren eng mit St. Gallen verbunden. 1995 gründete er dort die Digitalagentur Namics, verkaufte sie später und ging 2006 mit seiner Frau Bettina Hein nach Boston, wo sie die Werbetech-Firma Pixability aufbauten. 2018 kehrten sie als Familie nach St. Gallen zurück. Seither ist Göldi Partner bei der Schweizer Beteiligungsgesellschaft b2venture AG und investiert mehrheitlich in KI-Startups.
Herr Göldi, Sie haben zwölf Jahre in Boston verbracht und die dortige Startup-Szene als Unternehmer und Investor kennengelernt. Welche drei Unterschiede sind Ihnen zwischen Schweizer und US-Startups am meisten aufgefallen? Die Startup-Szene ist heute stark globalisiert. Viel Know-how aus den USA ist inzwischen in Europa angekommen. Darum gibt es heute weniger Unterschiede als noch vor einigen Jahren. Wenn ich aber drei Unterschiede nennen soll: Es ist ein Klischee, aber durchaus zutreffend, dass in den USA von Anfang an grösser gedacht wird und mehr Risiken eingegangen werden. Schweizer Startups haben dafür oft mehr technische Substanz und Qualität zu bieten. In den USA geht man viel früher an den Markt, auch wenn das Produkt noch unreif ist. Das führt drittens dazu, dass Schweizer Startups manchmal ihre Technologie zu lange perfektionieren, statt sich früh Kunden zu suchen.
Weshalb sind Sie als Startup-Investor in die Ostschweiz zurückgekehrt?
Ich bin in St. Gallen aufgewachsen und schätze die Vorteile der Region sehr. Unsere Firma b2venture ist im Umfeld der HSG entstanden. Sie ist aus START Global hervorgegangen, der Studentenorganisation an der HSG, die sich mit Unternehmertum beschäftigt. Die Nähe zu diesen Institutionen ist uns bis heute sehr wichtig. Ausserdem ist St. Gallen logistisch ein guter Standort, und wir schätzen den Pragmatismus und die Proaktivität der regionalen Behörden dem Startup-Ökosystem gegenüber. Nicht zuletzt ist in St. Gallen die Lebensqualität sehr hoch.
Welche Voraussetzungen sind strukturell nötig, damit in einer Region eine erfolgreiche Startup-Szene gedeihen kann?
Das Wichtigste ist ein funktionierendes Ökosystem, in dem alle relevanten Player zusammenarbeiten. Die grossen amerikanischen Startup-Regionen wie Silicon Valley oder Boston sind uns diesbezüglich etwa 40 Jahre voraus, aber wir holen auf in Europa. Ein starkes Ökosystem fängt an den Unis an, die

Diese fünf Tipps von Andreas Göldi sollten sich Gründerinnen und Gründer merken
1. Überzeugen gehört zum Alltag: Kunden, Investoren, Talente. Auch Tech-Gründer müssen verkaufen lernen.
2. Die richtigen Mitarbeitenden sind zentral. Bereits die ersten zehn Angestellten sind prägend für den Erfolg der Firma. Hiring bleibt Chefsache.
3. Starte ein Startup nur, wenn dich das Thema für mindestens zehn Jahre begeistert – so
lange dauert in der Regel der Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens.
4. Investoren sind Partner auf Jahre, nicht nur Geldgeber. Wähle sie sorgfältig – und suche nicht das schnelle Geld.
5. Erfolgreiche Unternehmen lösen echte Marktbedürfnisse. Die Nähe zu Kunden ist entscheidend, um den Product-Market-Fit zu finden.
heute Kurse in Unternehmertum anbieten und Spin-offs fördern. Auch eigenständige Förderprogramme wie der HSG START Accelerator oder Venturekick sind sehr effektiv. Weiter braucht man Investoren auf verschiedenen Ebenen, sowohl private Business Angels als auch professionelle Venture Capitalists (VCs, Risikokapitalgeber). Wichtig sind auch unterstützende Funktionen wie etwa Anwaltsfirmen, die über Startup-Kompetenz verfügen. Die Politik kann schliesslich einen entscheidenden Beitrag leisten mit vorteilhaften Rahmenbedingungen.
«Ein starkes Ökosystem fängt an den Unis an, die heute Kurse in Unternehmertum anbieten und Spin-offs fördern.»
In der Schweiz existieren mehrere Startup-Hotspots, häufig im Umfeld von Hochschulen. Wie würden Sie das «Valley» um St. Gallen benennen? Das Schlagwort heisst «Precision Valley», weil in der Region Ostschweiz sehr viele Unternehmen in der Präzisionsfertigung tätig sind. Dieser Hintergrund wird gerade im Zeitalter der nächsten Robotikgeneration, die derzeit entsteht, sehr wichtig. Aber St. Gallen hat schon lange eine lebendige ITSzene und ist auch in Medizintechnologie stark. Ohnehin sehen wir die Ostschweiz nicht als isolierten Markt, sondern als Teil der alpinen Innovationsachse von Lausanne bis nach München. St. Gallen liegt ziemlich genau in der Mitte dieses Gebiets. VC ist heute ein globales Geschäft: Die erfolgreichsten Ostschweizer Startups haben Kapital aus ganz Europa und selbst aus den USA erhalten. Wir bei b2venture investieren ebenfalls in ganz Europa. Wie kommen Sie als Venture-Capital-Investor mit spannenden Jungunternehmen aus der Region in Kontakt?
Pro Jahr erhalten wir als Firma etwa 4000 PitchPräsentationen aus ganz Europa und sprechen direkt mit bis zu 1000 Startups. Daneben nutzen wir diverse Onlinekanäle. Events wie der START Summit, der jedes Jahr im März in St. Gallen stattfindet und 7000 Besucher aus der ganzen Welt anzieht, sind aber nach wie vor von grosser Bedeutung. Hier treffen Top-VCs sowie Hunderte von Startups aufeinander. An solchen Konferenzen kann man sich sehr effizient mit vielen Leuten austauschen – sowohl mit Gründern als auch mit Investoren. In Zeiten der KI-basierten Marktbeobachtung ist es zwar selten, dass wir an einer Konferenz ein Startup antreffen, von dem wir sonst nie gehört hätten. Aber es ist natürlich von Vorteil, wenn man sich persönlich kennenlernen kann. Darüber hinaus sind Konferenzen wichtig, um Entwicklungen im Markt direkter zu spüren.
Woran erkennen Sie, ob ein Startup eine Investition wert ist?
Drei Dinge müssen stimmen: Die Qualität des Teams, die Attraktivität des Markts und die Einzigartigkeit des Produkts. Unsere Analyse von Startups ist sehr nuanciert und basiert auf klaren Thesen darüber, welche Marktsegmente wir attraktiv finden. Das kann sich im Laufe der Zeit auch ändern. Beispielsweise haben wir in der Vergangenheit kaum in Robotik investiert. Heute ist dieser Sektor dank der KI-Revolution sehr attraktiv geworden.
START Summit: Von der lokalen Initiative zum internationalen Innovations-Hub
Am START Summit haben sich am Donnerstag und Freitag über 7000 Gründerinnen, Unternehmerinnen, Talente und Investoren aus mehr als 30 Ländern in St. Gallen getroffen. Was 1996 als Initiative von Studierenden der HSG begann, ist heute Europas führende Early-Stage-Startup-Konferenz.
Der START Summit gilt als Europas führende Early-Stage-Startup-Konferenz und ist ein zentraler Bestandteil des St. Galler Startup-Ökosystems. Gegründet 1996 von Studierenden der Universität St. Gallen (HSG), hatte die Veranstaltung von Beginn an das Ziel, Unternehmertum in den universitären Alltag zu bringen und Studierenden Zugang zu Gründerinnen, Investoren, Unternehmerpersönlichkeiten, Führungskräften und praktischem Wissen zu ermöglichen. Aus der lokalen Initiative entwickelte sich eine international ausgerichtete Plattform. Parallel entstand mit START Global eine Dachorganisation, die unter anderem Programme für Jungunternehmer, Wett-
bewerbe und internationale Partnerschaften koordiniert.
Im März kommen heute jeweils um die 7000 Gründerinnen und Gründer, Investorinnen und Investoren, Unternehmerinnen und Unternehmer, Forschende und politische Entscheidungspersonen aus mehr als 30 Ländern nach St. Gallen. Das Leitthema 2026, «Embrace New Horizons», hat den Blick über kurzfristige Trends hinaus gerichtet. Im Zentrum standen dieses Jahr Deep-Tech-Innovationen, nachhaltige Geschäftsmodelle und neue Investitionsdynamiken. Die Frage lautete: Wie kann wissenschaftliche Exzellenz in marktfähige Unternehmen übersetzt werden – und welche Bedingun-
gen helfen Startups, schnell und erfolgreich zu skalieren?
Ein besonderer Schwerpunkt liegt beim START Summit auf der Alpenregion als vernetztem Innovationsraum. Von Genf über Zürich bis München verknüpfen sich Forschung, Industrie und Kapital, wobei St. Gallen eine tragende Rolle als Knotenpunkt zukommt. Die Startup-Region St. Gallen tritt am START Summit mit allen führenden Institutionen aus dem Startup-Ökosystem auf. Zu den Partnern zählen die Universität St. Gallen (HSG), die OST – Ostschweizer Fachhochschule, der HSG START Accelerator, der Switzerland Innovationpark Ost, die Empa, die Stadt St. Gallen und
b2venture. Die Zusammenarbeit in diesem starken Netzwerk zeichnet St. Gallen als Startup-Hub aus. Unter dem Motto «Do it in St. Gallen» zeigen sie auf, wie Startups von diesem Netzwerk profitieren –dank kurzen Wegen zu Entscheidungsträgern und Bildungsinstitutionen, enger Vernetzung zur anderen Startups und der Anbindung an internationale Märkte.
Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation im Auftrag des Kantons St. Gallen erstellt.