WIRTSCHAFT
NZZ AM SONNTAG
Geld & Geist
Von MELANIE HÄNER-MÜLLER
Herkunft und Aufstieg: Die verborgenen Treiber der sozialen Mobilität
Die Schweizerische Eidgenossenschaft hat sich per Bundesverfassung unter anderem der Aufgabe verschrieben, möglichst grosse Chancengleichheit für ihre Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten. Doch was bedeutet Chancengleichheit eigentlich, und wie lässt sie sich messen? Chancengleichheit meint, dass jeder Mensch das Recht und die Möglichkeit hat, sein Potenzial zu entfalten – unabhängig von den Ausgangsbedingungen. Anders ausgedrückt: Erfolg sollte durch Anstrengung und Talent und nicht nur durch ererbte Ressourcen oder Beziehungen erreicht werden können. Um das Ausmass der Chancengleichheit in einer Gesellschaft zu bestimmen, wird daher die soziale Mobilität gemessen. Sie zeigt, wie stark der familiäre Hintergrund den eigenen Erfolg prägt. Die meisten Untersuchungen zur sozialen Mobilität konzentrieren sich auf den Zusammenhang zwischen Eltern und Kindern. Ein starker Zusammenhang deutet darauf hin, dass die Gesellschaft wenig durchlässig ist und der eigene Erfolg stark durch das Elternhaus geprägt wird. Ist der Zusammenhang hingegen schwach, gilt die Gesellschaft als durchlässig. Möchte man jedoch den Einfluss der gesamten familiären Umgebung auf den eigenen Erfolg erfassen, lohnt es sich, neben den ElternKind-Beziehungen auch Geschwisteranalysen durchzuführen. Diese erweitern das Verständnis des familiären Einflusses. Geschwister teilen sich nicht nur die Eltern und deren finanzielle Ressourcen, sondern auch die Nachbarschaft, in der sie aufwachsen, die Schule, die sie besuchen, gemeinsame soziale Netzwerke und vieles mehr – kurzum: alle Faktoren, die im weitesten
Sinn als familiäre Einflüsse betrachtet werden können. Wer die Geschwisteranalysen für die Schweiz auswertet und sie mit denen aus anderen Ländern vergleicht, stellt fest: Der familiäre Einfluss ist hierzulande vergleichsweise gering. So erklärt der gesamte familiäre Hintergrund lediglich 15 Prozent der totalen Einkommensunterschiede. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 85 Prozent des eigenen Einkommens auf externe, also ausserhalb der Familie liegende Faktoren zurückzuführen sind. Dazu zählen zum Beispiel die eigenen Fähigkeiten, der eigene Einsatz und auch eine Portion Glück. Zum Vergleich: Bei unserem nördlichen Nachbarn Deutschland beträgt der Anteil des familiären Effekts 43 Prozent, in den USA sogar 49 Prozent und selbst in dem als besonders durchlässig geltenden Dänemark 20 Prozent. Diese Zahlen deuten auf eine intakte gesellschaftliche Durchlässigkeit in der Schweiz hin. Neben der Bestimmung des familiären Einflusses ist es entscheidend, die Faktoren zu identifizieren, die die gesellschaftliche Durchlässigkeit fördern oder hemmen. Die Forschung hat bereits gezeigt, dass das duale Bildungssystem und die frühkindliche Förderung zu einer Erhöhung der gesellschaftlichen Durchlässigkeit beitragen können. Unklar bleibt jedoch, welche Faktoren für die verbleibenden 15 Prozent des familiären Einflusses verantwortlich sind. Der renommierte amerikanische Ökonom Gary Solon bezeichnete bereits Ende der 1990er Jahre die Ursachen für die Ähnlichkeiten im sozialen Status von Geschwistern als ein «Geheimnis», das es zu entschlüsseln gelte. Gemeinsam mit Jonas Bühler und Christoph Schaltegger habe ich in einer wissenschaftlichen Untersuchung ver-
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sucht, diesem Geheimnis für die Schweizer Gesellschaft auf die Spur zu kommen. Konkret haben wir untersucht, welcher Anteil des familiären Einflusses auf das elterliche Einkommen, die Nationalität, den Wohnort oder den Zivilstand der Eltern zurückzuführen ist – also auf jene Faktoren, die als deterministische Treiber betrachtet werden können. Wenn ein Grossteil des familiären Einflusses auf diese Elemente zurückzuführen wäre, würde dies das Bild einer chancengerechten Schweiz trüben. Denn wenn beispielsweise vor allem die Nationalität einer Familie ausschlaggebend für den Erfolg ihrer Mitglieder wäre, würde dies auf eine klare Chancenungleichheit hindeuten. Unsere Analyse zeigt jedoch: Diese Faktoren erklären gemeinsam weniger als 10 Prozent des familiären Effekts. Das bedeutet, dass mehr als 90 Prozent des familiären Einflusses nicht durch die häufig diskutierten deterministischen Faktoren bestimmt werden. Diese Erkenntnis ist zentral für die Beurteilung der Chancengerechtigkeit in der Schweiz. Der familiäre Einfluss ist nicht nur vergleichsweise gering, sondern auch kaum von diskriminierenden Faktoren geprägt. Es scheint also kein einfaches Patentrezept für den Erfolg von Familien zu geben – und das ist mit Blick auf die Chancengleichheit gut so!
Melanie Häner-Müller leitet den Bereich Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.
P U B L I R E P O R TA G E
Zürcher Immobilienmarkt sucht sich neue Räume Wohneigentum in der Region Zürich wird immer knapper und teurer. Dies führt dazu, dass Kaufinteressenten mit kleinerem Budget zunehmend in die Agglomerationen oder aufs Land ausweichen. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Grundbuchämtern im Kanton Zürich wieder mehr Arbeit bescherte. Tatsächlich gab es 2022 und 2023 weniger Immobilientransaktionen, da die Finanzierungskosten nach dem jähen Ende der Negativzinsen steil angestiegen waren. Wer rechnete, merkte oft: Mieten war günstiger als Kaufen. Mit einer ersten Leitzinssenkung im März 2024, der im Juni, September und Dezember drei weitere folgten, sorgte die SNB aber wieder für mehr Dynamik im Markt. Erfreulich dabei ist, dass in den Jahren, in denen die obersten Währungshüter die geldpolitischen Zügel strafften, zwar weniger Handänderungen stattfanden, die Immobilienpreise im Kanton Zürich aber robust blieben und an vielen Orten sogar leicht anzogen. Dies ist umso bemerkenswerter als neben den gestiegenen Finanzierungs- und Unterhaltskosten auch konjunkturelle Unsicherheiten und geopolitische Krisen den Markt belasteten.
Es gibt viele Zuzüger in der Stadt Zürich Für diese ausserordentliche Resilienz der Immobilienpreise im bevölkerungsreichsten Schweizer Kanton gibt es gute Gründe. So lockt die wirtschaftliche Attraktivität der Region Zürich – und insbesondere der Stadt Zürich – jährlich rund 15 000 Zuzüger an, die meisten davon hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Auch die stabile politische Lage in unserem Land sowie die ausserordentlich hohe Lebensqualität tragen zur massiven Nettozuwanderung bei. Da die Erstellung von bezahlbaren Wohnungen mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt zu halten vermag (insbesondere
Orientierung für Wohneigentum in der Region Zürich
nicht an den zentralen Lagen, wo eine deutliche Verdichtung bei der Umsetzung auf Hürden stösst), wird im Kanton Zürich Wohnraum immer knapper und teurer. Ein Trend, der dazu führt, dass es nicht nur den oben beschriebenen anhaltenden Zuzug von Expats, Schweizern aus anderen Landesteilen und vermögenden Ausländern gibt: Es findet auch eine Migration innerhalb der Region Zürich statt – und zwar von Innen nach Aussen. Konkret: Da aufgrund der steigenden Immobilienpreise Wohneigentum in den begehrten Stadtkreisen und an den Seeufern zusehends einer Vermögenselite vorbehalten bleibt, weichen Kaufinteressenten mit kleinerem Budget immer öfter an verhältnismässig
PD
struktur und Sicherheit bleiben wesentliche Vorteile, die für eine hohe Nachfrage sorgen. Die regionale Bautätigkeit bewegt sich, auch aufgrund begrenzender regulatorischer Rahmenbedingungen, auf einem moderaten Niveau. Wir sehen aber auch attraktive Neubau-Aktivitäten, die sukzessive auf den Markt kommen. Das aktuelle Niveau der Hypothekarzinsen unterstützt mit dem erreichten niedrigen Refinanzierungssatz von 0,5% seit Dezember 2024 eine weitere positive Entwicklung des lokalen Immobilienmarkts, auch wenn die Einführung des internationalen Reformpakets für die Banken unter dem Titel «Basel III» ab Januar 2025 zu erhöhten Kosten führt. Hieraus resultieren höhere Anforderungen an die Hypothekarfinanzierungen. Das erreichte Preisniveau, die überschaubare Breite des Angebots und die höheren Tragbarkeitsanforderungen für Hypotheken fordern von den Kaufinteressierten, gerade mit limitiertem Budget, eine erhöhte Flexibilität hinsichtlich Lage, Grösse und Ausbaustandard.
günstigere Adressen am Stadtrand, in der Agglomeration oder auf dem Land aus. Wir stellen fest, dass die Nachfrage nach Wohneigentum in Gegenden, die in den Augen der oberen Mittelschicht früher wenig attraktiv waren, deutlich zugenommen hat.
Attraktivität der Region Zürich erfordert Flexibilität Wie sind die Aussichten für den Immobilienmarkt in der Region Zürich? Die bewährten Standortfaktoren spielen gerade auch in dem aktuell unruhigen internationalen Umfeld lokal eine stabilisierende Rolle. Die hohe Lebensqualität, die Zuverlässigkeit der Infra-
Bei allen Fragen rund um Immobilienkauf, -verkauf oder Projektentwicklung steht Engel & Völkers mit mehr als 60 Spezialisten an 13 Standorten im Kanton Zürich zur Verfügung.