Im November 2024 liegt in der Werft Goltens in Dubai ein Rumpfteil aus rotem Stahl auf dem Hallenboden. Sophie Galvagnon, damals 37-jährige Polarkapitänin und Mitgründerin der Reederei Selar, tritt mit einem handgrossen, vergoldeten Stern vor die Zuschauer und schlägt ihn in eine dafür vorgesehene Einbuchtung. Das traditionelle maritime Ritual markiert die Geburt der «Captain Arctic». «Es war überwältigend», sagt sie im Rückblick. «Ich hatte Gänsehaut!»
Galvagnon ist die Tochter eines Kapitäns, aufgewachsen in der Nähe von Marseille. Sie hat auf schwedischen Staatseisbrechern Polarnavigation erlernt und mit 26 Jahren das erste Mal ein Polarschiff befehligt – als jüngste Frau überhaupt. Ihre erste Reederei funktionierte nach dem klassischen Modell. Doch das Unbehagen, Passagiere auf umweltbelastenden kleinen Schiffen durch eine Landschaft zu führen, die ihr am Herzen lag, wurde grösser. Sie entschied sich, die Branche zu hinterfragen.
Gemeinsam mit Julia Bijaoui und Quentin Vacher aus der französischen Startup-Welt gründete Galvagnon die Reederei Selar – ein Name, der auf Sailor, Solar und Sails anspielt. Mit dem Schiffsarchitekten Laurent Mermier und im Austausch mit Forschenden entstanden die Pläne für ein Schiff, das in dieser Form nicht existierte.
Die Segel als Systemfrage
Was das Ergebnis so ungewohnt macht, ist kein Designentscheid, sondern Konsequenz. Fünf 35 Meter hohe Segel aus Aluminium überragen den Rumpf, lassen sich bis zu 180 Grad drehen und bei Bedarf einklappen. Auf 2000 Quadratmetern sind Photovoltaikmodule installiert. Bei Windstille wirken die Propellerwellen als Hydroturbinen. Süsswasser wird durch Umkehrosmose – ein Filtrierverfahren – direkt aus dem Meer gewonnen, die Heizung läuft mit recycelten Holzpellets, Abfälle werden in einem Kreislaufsystem verarbeitet. Für Phasen ohne Wind und Sonne ist ein elektrischer Antrieb mit Biokraftstoff vorgesehen.
«Das Schiff ist so konzipiert, dass es grundsätzlich mit Wind- und Sonnenenergie mit netto null Emissionen laufen kann», sagt Galvagnon. Laut Selar soll die «Captain Arctic» rund 90 Prozent weniger CO2 ausstossen als herkömmliche Kreuzfahrtschiffe in der Arktis – sofern das Konzept unter realen Bedingungen aufgeht. Das Schiff kostet rund 40 Prozent mehr als ein vergleichbares Modell. Die Grundannahme dahinter: Es ist die günstigere Wahl, wenn man den ökologischen Preis einrechnet.
Klein genug für mehr Flexibilität
Das Schiff ist 70 Meter lang. Maximal 34 Passagiere reisen an Bord, betreut von 24 Crew-Mitgliedern. Diese Grösse ist kein Kompromiss – sie ist Programm. Grosse Expeditionsschiffe fahren nach festen Routen; die «Captain Arctic» hat diesen Zwang nicht. «Dank der überschaubaren Grösse bleiben wir flexibel. Zeigt sich ein spektakulärer Sonnenuntergang, passen wir den Zeitplan an, damit alle den Moment in Ruhe geniessen können», sagt Galvagnon. Die Route richtet sich täglich neu nach Wetter, Eis und Tierwelt.
Die Innenarchitektin Joséphine Fossey hat die Kabinen minimalistisch gestaltet, mit Fokus auf natürliche, nachhaltige Materialien. An Bord gibt es ein Restaurant, eine Bibliothek, ein wissenschaftliches Labor, einen Spa-Bereich mit Sauna sowie einen Fitnessraum und Yoga-Kurse. Die Ausrüstung für die Zeit draussen umfasst Zodiacs, Kajaks, Ski, Schneeschuhe und Schnorchelausrüstung. Durch die kleine Gruppengrösse können Gäste täglich sechs bis acht Stunden in der Natur verbringen – auf dem Eis, beim Beobachten von Tieren oder beim Schnorcheln. Das Kommandodeck ist jederzeit zugänglich; man erfährt dort täglich, ob heute ein unbekanntes Gebiet auf den Karten erscheint.


