SUSTAINABLE SWITZERLAND
Freitag, 18. September 2026
«Nachhaltigkeit ist ein ökonomisches Muss» Die Debatte über Nachhaltigkeit in der Wirtschaft verändert sich grundlegend. BFH-Professor René Schmidpeter erläutert, warum nachhaltiges Wirtschaften heute Basis guter Unternehmensführung ist – und die Betriebswirtschaftslehre weiterentwickelt werden muss.
Für Professor René Schmidpeter stehen bei nachhaltiger Unternehmensführung zunehmend ökonomischer Nutzen, Resilienz und Zukunftsfähigkeit im Mittelpunkt. PD
Herr Professor Schmidpeter, aktuell wächst international der Unmut über eine zu starke ESGRegulierung. Befindet sich die Nachhaltigkeitsdebatte an einem Wendepunkt? Ja, davon bin ich überzeugt. Die vergangenen Jahre waren stark von Regulierung, Standards und Berichtspflichten geprägt. Das war wichtig, um Transparenz zu schaffen und Nachhaltigkeit überhaupt auf die Agenda vieler Unternehmen zu setzen. Gleichzeitig wurde Nachhaltigkeit leider vielerorts auf Compliance reduziert. Viele Unternehmen haben umfangreiche Reporting-Strukturen aufgebaut, während der strategische Mehrwert des Themas in den Hintergrund gerückt ist. Heute stellt sich nicht mehr die Frage, ob Firmen nachhaltig wirtschaften müssen, sondern wie nachhaltige Unternehmensführung langfristig Wert schafft. Genau darin liegt der eigentliche Wendepunkt. Der Begriff «Value Creation» (Wertschöpfung) spielte allerdings früher schon in ESG-Regelwerken eine wichtige Rolle. Warum setzt sich diese Sichtweise erst jetzt stärker durch? Fachleuten war diese Entwicklung durchaus bewusst. In der Praxis verstand man Nachhaltigkeit jedoch vielfach nur als regulatorische Pflichtübung. Die Debatte wurde eher ideologisch-politisch geführt. Und das, obwohl Nachhaltigkeitsdaten enormes Potenzial besitzen, um Geschäftsmodelle zukunftsfähig zu machen und strategische Entscheidungen besser abzusichern. Zudem haben sich die Rahmenbedingungen fundamental verändert: Ressourcenknappheit, geopolitische Unsicherheiten, Klimarisiken und gesellschaftliche Veränderungen wirken inzwischen unmittelbar auf Unternehmen zurück. Nachhaltigkeit wird deshalb immer stärker mit Resilienz verbunden. Diese betriebswirtschaftliche Dimension hätte in der öffentlichen Debatte früher stärker im Vordergrund stehen können. Sie sind Mitherausgeber des Buchs «Nachhaltige Betriebswirtschaft». Ist der Name Programm? Nachhaltigkeit darf kein Wahlfach oder Zusatzthema sein, sondern muss Bestandteil sämtlicher betriebswirtschaftlicher Disziplinen werden. Die klassische Betriebswirtschaftslehre (BWL) hat über Jahrzehnte erfolgreich zu Produktivität,
Sustainable Switzerland ist die nationale Nachhaltigkeitsinitiative des Unternehmens NZZ mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft. Gemeinsam beschleunigen wir die nachhaltige Entwicklung der Schweiz. sustainableswitzerland.ch Dieser Inhalt wurde von NZZ Story Lab und Sustainable Switzerland im Auftrag der BFH erstellt.
Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand beigetragen. Doch heute bewegen sich Unternehmen in einer Welt, die durch Unsicherheiten und tiefgreifende Veränderungen geprägt ist. Deshalb reicht es nicht mehr aus, ausschliesslich Effizienz und kurzfristige Optimierung zu betrachten. Unternehmen müssen in allen Bereichen – von Finance über Marketing bis zum Personalmanagement – berücksichtigen, welche Auswirkungen ihr Handeln auf Gesellschaft und Umwelt hat und wie diese «Impacts» wieder auf das Unternehmen zurückfallen. Sie müssen also in Risikokategorien denken. Deshalb wird Nachhaltigkeit zum integralen Bestandteil unternehmerischer Entscheidungen. Sie ist ökonomisch ein Muss. CEOs stellen dennoch häufig den unmittelbaren Nutzen aufwendiger Risikoanalysen infrage. Manager haben lange Zeit viele gesellschaftliche oder ökologische Fragen dem Staat überlassen. Heute funktioniert das nicht mehr. Denn Unternehmen verfügen selbst über erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten – und tragen gleichzeitig deutlich mehr Verantwortung für die Stabilität ihrer eigenen Geschäftsmodelle. Deshalb müssen wir Betriebswirtschaft systemischer denken. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, wirtschaftliche Ziele zugunsten moralischer Ideale aufzugeben. Es geht vielmehr um die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens, und diese Zukunftsfähigkeit wird selbst zum Wettbewerbsfaktor. Haben Sie dafür ein Beispiel? Die deutsche Automobilindustrie zeigt sehr deutlich, was passiert, wenn notwendige Transformationen zu spät erfolgen. Hätte man frühzeitig konsequent auf neue Mobilitätskonzepte gesetzt, wären die Chancen deutlich grösser gewesen, die internationale Führungsposition zu sichern. Ähnliches gilt für Lieferketten. Über viele Jahre dominierte das Prinzip maximaler Effizienz. Unternehmen kauften weltweit dort ein, wo es gerade am günstigsten war. Geopolitische Krisen haben jedoch gezeigt, wie schnell solche Lieferketten zusammenbrechen können. Denken Sie nur an die Blockade der Strasse von Hormus oder den Ukrainekrieg. Sie argumentieren ökonomisch und nicht moralisch. Ist nachhaltige BWL am Ende schlicht gute Unternehmensführung? Genau das ist die Konsequenz. Ich hoffe, dass wir das Adjektiv «nachhaltig» langfristig gar nicht mehr benötigen. Dann sprechen wir einfach von einer modernen BWL und einer guten Unternehmensführung, die alle für die Firma relevanten Risiken und Chancen in den Blick nimmt und langfristig bewertet. Basierend auf dieser Analyse, können Unternehmen ihre Geschäftsmodelle resilienter gestalten, Innovationen vorantreiben und Wettbewerbsvorteile aufbauen. Nachhaltigkeit umfasst dabei weit mehr als Umweltfragen. Themen wie Fachkräftesicherung, Diversität, Inklusion oder der demografische Wandel beeinflussen die Wettbewerbsfähigkeit ebenso. Wer diese Entwicklungen frühzeitig in seine Strategie integriert, verschafft sich langfristig Vorteile.
Was heisst das für die Ausbildung von Führungskräften? Die Anforderungen an Führung haben sich grundlegend verändert. Manager müssen lernen, auch unter Unsicherheit tragfähige Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist dazu ein klarer Wertekompass, der Orientierung gibt, wenn sich Entscheidungen nicht allein auf Kennzahlen stützen lassen. Zudem sind Kompetenzen wie Dialogfähigkeit, Stakeholder-Management und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen, gefragt.
«Wir sollten endlich aufhören, Wirtschaft und Nachhaltigkeit gegeneinander auszuspielen. Nachhaltige Geschäftsmodelle sind zunehmend die Voraussetzung für den Unternehmenserfolg.»
Unternehmensführung neu gedacht Mit ihrer Publikation «Nachhaltige Betriebswirtschaft, Management in der Transformation» wollen René Schmidpeter und Ingrid Kissling-Näf, Direktorin des Departements Wirtschaft der Berner Fachhochschule (BFH), zeigen, wie Nachhaltigkeit in alle betriebswirtschaftlichen Disziplinen und Unternehmensbereiche integriert werden kann. Das im August 2026 erschienene Buch bündelt die Expertise sämtlicher Institute der Business School der BFH. Es ist frei zugänglich und kann als E-Book heruntergeladen werden. Zielgruppen sind Entscheider, Lehrende und Studierende.
Download des kostenfreien E-Books.
Wie reagiert die Berner Fachhochschule auf diese Entwicklung? Wir haben Nachhaltigkeit bewusst nicht als isoliertes Fach etabliert, sondern als integralen Bestandteil unserer gesamten Business School. Das betrifft Forschung, Lehre und Weiterbildung gleichermassen. Nachhaltigkeit wird heute gemeinsam mit Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und technologischer Transformation vermittelt. Ein Schwerpunkt der BFH liegt auf der Weiterbildung von Verwaltungsräten. Was wird VR-Mitgliedern geboten? Verwaltungsräte tragen die strategische Verantwortung für Unternehmen und müssen daher Entwicklungen früh erkennen und richtig einordnen können. Im Mittelpunkt unseres CAS-Angebots steht deshalb die Einordnung grosser Entwicklungen: Wie verändern neue Technologien Unternehmen? Welche Folgen haben Klimarisiken oder geopolitische Unsicherheiten? Welche Bedeutung haben neue Führungsmodelle oder der Fachkräftemangel? Verwaltungsräte müssen der Geschäftsleitung die richtigen Fragen stellen können. Wie gelingt es, erfahrene Führungspersonen für solche Programme zu gewinnen? Entscheidend ist die Praxisnähe. Unsere Dozierenden verfügen selbst über Management- oder Verwaltungsratserfahrung. Dadurch entstehen Diskussionen auf Augenhöhe. Hinzu kommt die Zusammensetzung der Gruppen. Wenn Verwaltungsräte aus Industrie, Finanzwirtschaft, Tourismus oder öffentlicher Verwaltung gemeinsam über aktuelle Herausforderungen diskutieren, entstehen wertvolle Perspektivenwechsel. Ausserdem pflegen wir ein wachsendes Alumni-Netzwerk, das als vertrauenswürdige Austauschplattform immer wichtiger wird. Die BFH positioniert sich seit Langem im Bereich Nachhaltigkeit. Mit welchem Ziel? Wir möchten Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil wirtschaftlicher Bildung etablieren. Deshalb verfolgen wir auch selbst einen sogenannten Whole Institution Approach: Nachhaltigkeit prägt tatsächlich alle Bereiche der Hochschule. Externe Rankings wie unser 1. Platz beim Nachhaltigkeitsvergleich des WWF-Hochschulrankings in der Schweiz bestätigen diesen Weg. Wichtiger noch ist es, eine breite Diskussion anzustossen. So verstehen wir auch unser aktuelles Buch als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der BWL. Jetzt geht es darum, die Erkenntnisse in Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft zu verankern.