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Saalinfo Fingernails

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01. 04. – 14. 05. 2022

DE

Oh, make your fingernails into spades, Your palms into shovels Dorota Gawęda & Eglė Kulbokaitė „Despite the fact that there are no people in them or even animals, it’s as if there is something, or someone, looking back out.“1 Mit diesen Worten beschreibt Lois, die Protagonistin der Erzählung Death by Landscape (1990) von Margaret Atwood ihre Sammlung von sieben Landschaftsgemälden an ihren Wänden, die sie gleichermaßen berühren wie in Schrecken versetzen. Das, was aus den Landschaften zurückblickt, ist ihre Sommercamp-Freundin Lucy, die eines Tages einfach verschwand. So plötzlich, so unerklärlich, als hätte die Landschaft selbst sie fortgerissen. Die Landschaften, auf die Lois blickt und die wiederum Lois anblicken, stehen für ihre Trauer, für ihr Unwissen um Lucys Verbleib und für deren geisterhafte Existenz. Lucy ist der Geist, der Lois und die Bilder umgibt: denn wer will schon wissen, ob eine Freundin lebt oder tot ist? Sie ist einfach weg. Die Künstlerinnen Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė, die mit Oh, make your fingernails into spades, Your palms into shovels erstmalig ihre Praxis in einer institutionellen Soloausstellung in Österreich präsentieren, wählten den Titel von Atwoods Kurzgeschichte für eine der gezeigten künstlerischen Arbeiten, das Glasfenster in der Mitte des Raumes. Bilder von Landschaften prägen sowohl die Drei-Kanal-Videoinstallation Mouthless Part II (2021) und Death by Landscape (Fribourg) (2020) in Form von GAN-Animationen als auch die Installation Hexanol (IV) (2019), ein heuhaufenartiges Objekt im Kabinett zur rechten Hand. An anderer Stelle finden Sie Rechen und Votivblumen, allesamt dreidimensionale Bildwerke, die sich Bildraum mit uns teilen und den Kunstraum selbst zur Kulturlandschaft machen. Die Landschaftsmalerei ist in Europa etwa ab dem „Ghosts remind us that we live 16. Jahrhundert eine eigen- in an impossible present – a ständige Gattung der Maletime of rupture, a world rei, die uns den menschlichen haunted with the thread of Blick auf den Kultur-Naturextinction. Deep histories Raum zeigt. Die Rückenfigur der tumble in unruly graves romantischen Landschaftsmalerei, that are bulldozed gedanklich am einfachsten mit dem into gardens of bekannten Beispiel von Caspar David Progress.“  2 Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer (1818) aufrufbar, macht deutlich, dass auf der scheinbar unberührten Natur immer der Blick des Menschen weilt. Unschuldig ist im Anthropozän keine Darstellung von Landschaft mehr. Aber wie kann die Landschaft – wie eben die Bilder in Atwoods Death by Landscape – uns ebenso eindringlich, appellierend, vielleicht auch anklagend, ansehen? Wie die Katze des Philosophen Jacques Derrida, die ihn im Badezimmer überraschte, sodass er beschämt ihren Blick spürte: „Das Tier schaut uns an und wir stehen nackt vor ihm. Und vielleicht fängt das Denken an genau dieser Stelle an.“3

Vielleicht beginnt das Denken unserer Gegenwart, wenn uns die Landschaft, über die ein Trauerschleier ausgebreitet ist, anblickt: eine Landschaft, die vom dramatischen Verlust von Biodiversität, auch unter dem Begriff des sechsten Massenaussterbens zusammengefasst, geprägt ist. Sie ist ein Friedhof, ein Ort der Lebenden wie der Toten – diejenigen Arten, die noch leben, entstanden in Ko-Evolution mit jenen, die mittlerweile ausgestorben sind. Diese geisterhafte Qualität beschwören Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė beispielsweise durch die Verwendung von künstlicher Intelligenz (GAN) für ihre morphenden Landschaftsbilder in Mouthless Part II oder die stillgelegten und doch durch unterschiedliche Lichtverhältnisse veränderlichen Landschaften in Death by Landscape (Fribourg). Was allen Arbeiten im Kunstraum gemein ist, ist das Zusammenfallen unterschiedlicher Zeitlichkeiten: Die Zeitlichkeit der Lebenden und der Toten etwa kreuzt sich in unserer alltäglichen Wahrnehmung wohl kaum, hier wird sie immer wieder ins Bild gesetzt. In Mouthless Part II üben die Performer:innen den baltisch-slawischen Brauch des „Dziady“ aus, ein Totengedenken mit Gaben für die Verstorbenen. Im Raum verteilt finden sich Edelstahldisplays mit LED-Blumen, die als Votivblumen bezeichnet werden. Votivgaben waren besonders seit dem Mittelalter als Bittgabe oder zum Dank hergestellte Gegenstände, oftmals den Anliegen und Körperteilen nachempfunden, für die um spirituellen Beistand gebeten wurde. Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitės „Riddles are ästhetische Praxis ist rätselhaft. Literarifunny because sche Referenzen, Bezüge auf baltischthey exploit an slawische Traditionen und aktuelle irreducible gap Theorie unterfüttern ihre künstbetween what a thing lerischen Arbeiten und machen is and how it appears. sie vielschichtig und mehrdeutig. Riddles are realist because Gleichzeitig muss man gewiss things are riddles.“  4 nicht alle Stränge entwirren, um ihre Arbeiten zu rezipieren. Denn obwohl das Duo recherche­ basiert arbeitet, ist das Verhältnis zwischen Recherche und künstlerischer Arbeit nie eines der Visualisierung von Text, ihre Arbeiten sind nicht auf einen Begriff reduzierbar. Dennoch: Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė lesen viel und gerne. Um mit einer ihrer theoretischen Referenzen zu enden, Timothy Mortons Schrift Dark Ecology (2016): Er vergleicht darin unsere Gegenwart mit noir fiction, einer Gattung der Kriminalliteratur, in der Gut und Böse verschwimmen. Wir leben also in einer Gegenwart, in der wir sowohl Täter:in als auch Ermittler:in im gleichen Kriminalfall sind, so seine Worte, wir sind Ankläger:innen und Angeklagte. Mitunter auf der Liste der Anklagepunkte: das sechste Massenaussterben, das Anthropozän und neue Virus­ erkrankungen. Diese Ambiguität trieft aus den Landschaften der Künstlerinnen. Katharina Brandl

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Margaret Atwood, Wilderness Tips (New York: Doubleday, 1991), 100. Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan, Nils Bubandt, Introduction: Haunted Landscapes of the Anthropocene, in: Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan, Nils Bubandt (Hg.), Arts of Living on a Damaged Planet. Ghosts of the Anthropocene (Minneapolis/London: University of Minnesota Press, 2017), 6. Jacques Derrida, Das Tier, das ich also bin (Wien: Passagen, 2010), 260 (Original: L’animal que donc je suis). Zitationen beziehen sich auf die französischsprachige Ausgabe (Paris: Galilée, 1999). Timothy Morton, Dark Ecology. For a Logic of Future Co-Existence (New York/ Chichester: Columbia University Press, 2016), 62.


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