Die „Attitude Era“ bezeichnet im Wrestling –einem geskripteten Unterhaltungssport –eine Phase zwischen den späten 1990er- und den frühen 2000er-Jahren. Mit provokanten, schockbetonten Storylines und entfremdeten Antiheld*innen wollte man neue Zielgruppen für den Showkampf gewinnen. Mit Erfolg: Die von blutigen Duellen und bewussten Tabubrüchen geprägte Periode sorgte für einen globalen Wrestling-Boom und bewahrte die Branche so vor dem Niedergang.
Auch Donald J. Trump spielte dabei eine Rolle. Als prominenter Gast und Förderer hostete er die World-Wrestling-EntertainmentLiga (kurz: WWE) nicht nur in seinen Casinos, sondern trat auch selbst auf: etwa 2007 beim „Battle of the Billionaires“. Dort ließ er gegen WWE-Chef und seinen späteren Vertrauten Vince McMahon kämpfen, der als Verlierer öffentlich den Kopf rasiert bekam.
Spätestens die vom amerikanischen Präsidenten für Juni 2026 vor dem Weißen Haus angekündigten „Käfigkämpfe“ erscheinen in diesem Licht wie eine Wiederbelebung der Attitude Era: Das Spektakel und seine politische, ökonomische und soziale Verwertbarkeit sind zum alltäglichen Modus geworden. Die Verwischung von Realität und Schein entsteht nicht mehr allein durch zentral –z.B. staatlich – produzierte Inhalte, sondern aus millionenfachen digitalen Mikroperformances. Memes, alternative Fakten, Deep Fakes und Slopaganda machen alle, die über die nötige Hardware verfügen, sowohl zu Konsumierenden als auch zu Produzierenden von Wirklichkeit.
Die für diese Inhalte benötigten Algorithmen haben zur Wahrheit bekanntlich ein flexibles Verhältnis. Ob eine Aussage wahr oder unwahr ist, ist nicht länger von Bedeutung. Entscheidend ist, was die Aufmerksamkeit der User*innen fesselt. Nicht ohne Grund ist der Populismus digital so erfolgreich. Denn algorithmisch belohnt werden Inhalte, die polarisieren, Ängste triggern, Fakten in Frage stellen oder gezielt eigene „alternative Fakten“ schaffen.
Wollen wir diese Verschiebung von Idee hin zu Wirkung verstehen, müssen wir Wrestling in seiner Funktionsweise ernst nehmen, schreibt die Publizistin Abraham Josephine Riesman in ihrem Buch „Ringmaster: Vince McMahon and the Unmaking of America“ (2023). Wie im Wrestling lernen auch wir als Zuschauende bzw. als User*innen, unser Bewusstsein flexibel den Wendungen des Skripts anzupassen, mal dieses und mal jenes als Wirklichkeit zu akzeptieren, ungeachtet von Logik, Wahrscheinlichkeit oder Sinn. Wahr ist, was gefällt. Attitude ist alles.
Wer selbst keine monetarisierbaren Spektakel erzeugen will oder kann, bleibt über den Konsum der (vermeintlichen) Realitäten anderer beschäftigt. „Binge watch. Binge drink. Binge eat. Oblivion.“1 Bequemlichkeit ersetzt zunehmend Verantwortung und Partizipation. Autor*in und Künstler*in Kae Tempest beschreibt diesen Zustand als funktionale Betäubung: ein Zustand zwischen permanenter Überreizung, Erschöpfung und dem Bedürfnis, sich in Rausch, in der Fiktion oder in der ironischen Brechung zu verlieren.
Diese Form der Dissoziation, aber auch der willentlichen Hingabe an die Illusion, eröffnet kalkulierte Auswege aus einer Realität, die kaum noch Halt gibt und in der ohnehin längst alles zu spät zu sein scheint. So werden schnelle, intensive körperliche und sinnliche Soforterfahrungen zur Ressource, um in der Welt zu bestehen – und um die Ungleichheiten zu vergessen, die diese hervorbringt.
Die Künstler*innen der Gruppenausstellung Attitude Era widmen sich Formen der konstruierten Realitätsverschiebung und erkunden Momente, in denen Zweifel, Fragilität und Humor als Werkzeuge dienen, um die Gegenwart zu durchdringen. Nicht als moralische Geste, sondern als Versuch, jene Räume sichtbar zu machen, in denen Erzählungen in ihrer Konstruiertheit entlarvt und brüchig werden.
Frederike Sperling & Pia Wamsler Kuratorinnen
1 Kae Tempest, On Connection (Faber & Faber, 2022), 17.
Alice Bucknell Zonamata 2021
Willkommen bei Zonamata, einem gigantischen Stadtentwicklungsprojekt, für das drei männliche Stararchitekten damit beauftragt wurden, die Welt neu zu gestalten. Wir schreiben das Jahr 2036 und ein Meteoriteneinschlag hat den Großteil der Erde zerstört. Sie als Besuchende sitzen mitten in der Veranstaltung, bei der Winy Maas, Rem Koolhaas und Bjarke Ingels nacheinander ihre urbanen Prototypen eines unternehmerischen Stadtstaats vorstellen: etwa die „Metacity Datatown“, die dank ihres Datenabschöpfsystems Aktivitäten und Wohlbefinden aller registrieren und daraus neue Handlungen generieren kann, sodass –so das Versprechen – „Politiker*innen und Steuern überflüssig werden“. Oder eine sich selbst regenerierende, „nachhaltige“ Stadt, die sich auf fünf sogenannte HightechCommunitys aufteilt und auf blockchainbasierte landwirtschaftliche Infrastruktur setzt. Bjarke Ingels sei die Idee zu seiner „CO₂-neutralen Krypto-Smart-City für Milliardäre“, so der Architekt, beim Burning-ManFestival in den Sinn gekommen und sie sei „so real wie jeder andere fiktive Ort“.
So absurd dieser Plot auch klingen mag, so plausibel erscheint er in Anbetracht der derzeitigen Allmachtsfantasien von TechMilliardären: Schenkt man ihnen Glauben, gehört die Zukunft jenen, die sich einen Ausflug ins All, eine eigene Insel und YoungBlood-Transfusionen leisten können, zu-
mindest aber einen Platz in einer der von Donald J. Trump geplanten „Freedom Cities“.2
Tatsächlich entspringt das Video der Fantasie einer künstlichen Intelligenz: Für Zonamata trainierte Alice Bucknell das Vorläufermodell von ChatGPT – die Sprach-KI GPT-3 – mit Archivmaterial (u.a. Pressemitteilungen, Architekturtheorie) des niederländischen Architekturbüros MVRDV. Bucknells Prompt an die KI: Wie kann Architektur uns vor der Apokalypse retten? Die Antwort der KI ist dieses Video.
Die Ironie, die das Skript und die Charaktere in Zonamata durchzieht, wirkt dabei gleichermaßen unterhaltsam wie verstörend: Ist sie von der KI als Überzeichnung intendiert oder nehmen wir sie nur als Ironie wahr, weil sich unsere Realitäten und unser Vorstellungsvermögen bereits auf fundamentale Weise von jenen der Superreichen unterscheiden?
Zuzanna Czebatul
Macromolecule Exploiting some Biological Target IV (Reality / Embargo) 2023
Zu überdimensionaler Größe aufgeblasen, dreht sich Zuzanna Czebatuls Arbeit monoton um die eigene Achse. Auf den länglichen Seiten dieser gigantischen Ecstasy-Pille erscheinen in einem Trompe-l’œil-Effekt wie eingraviert die Wörter „Embargo“ und „Reality“.
Ordnet man die Begriffe unterschiedlich an (Embargo-Reality / Reality-Embargo), so er-
öffnet die Arbeit verschiedene Bedeutungsspektren entlang politischer Machtstrukturen, ökonomischer Interessen und deren gesellschaftlichen Dimensionen: Um wirtschaftliche Sanktionen wie Embargos gegen Staaten verhängen zu können, setzen Regierungen mitunter den Vorwurf des Drogenhandels als rhetorische Strategie ein. Die so beschuldigten Länder werden delegitimiert und vom internationalen Handel isoliert –ein Prozess, der in vielen Fällen erst zu den illegalen Geschäften führt, die er vorgibt, zu bekämpfen.
Derartige Verzahnungen zwischen Macht und Kapital machen eine Gegenwart sichtbar, die kaum Perspektiven jenseits des, geschweige denn Auswege aus dem globalen Kapitalismus erkennen lässt. So erinnert die endlose Drehbewegung der Pille dann auch an das von dem Kulturtheoretiker Mark Fisher beschriebene Gefühl zeitlicher Stagnation3: Trotz ständiger Beschleunigung und technologischer Innovationen scheint sich strukturell nichts zu verändern. Die Zukunft wirkt weniger wie ein Versprechen denn als Verlängerung der krisenhaften Gegenwart. Ein Kreislauf ohne erkennbaren Handlungsspielraum.
Dieser Umstand verstärkt sich durch die aktuelle Weltlage und die omnipräsente Krisenmüdigkeit weiter. Es erscheint kaum noch möglich, sich der Realität – oder gar der Zukunft – auszusetzen. Der Rausch, die Hingabe an intensive körperliche Erfahrungen und das zeitweilige Abgeben von Verantwortung werden so zu immer bedeutenderen, mitunter überlebensnotwendigen Strategien.
Toxic Thekla The Ring 2023
Grelles Scheinwerferlicht, ein ausgerollter roter Teppich und eine ins Dunkel getauchte, tosende Menge in gebannter Erwartung des Spektakels: In ihrer Malerei The Ring aus der Werkserie Gimme Danger lenkt die aus Wien stammende Künstlerin und internationale Wrestling-Ikone Toxic Thekla die Aufmerksamkeit auf jene Kampffläche, die im WrestlingBusiness als „Ring“ bezeichnet wird.
Wie eine Theaterbühne steckt dieser das Geschehen räumlich ab und markiert eine scheinbar klare Grenze zwischen Spiel und Ernst, zwischen Show und Realität: Innerhalb des Rings gelten die Regeln des Wrestling-Sports; Hiebe, Schläge, Würfe und sogar soziale Dynamiken folgen einem präzise inszenierten Skript. Dieser Modus des Fiktionalen wird in der Branche auch als „kayfabe“ bezeichnet.
Doch wer den Sport kennt, weiß: Wrestler*innen brechen regelmäßig aus dieser Begrenzung aus. Sie verlagern das Inszenierte in die Sphäre der Zuschauenden und unterlaufen so die Trennlinie zwischen kayfabe und Wirklichkeit. Was zuvor eindeutig als Fiktion abgesteckt war, beginnt zu kippen: Konflikte scheinen zu eskalieren, Szenen wirken plötzlich, als entfesselten Sportler*innen einen tatsächlichen Schlagabtausch –einen, den sie dann nicht selten in Fernsehinterviews fortführen. Das Publikum wird so in eine ambivalente Dimension manövriert, in der Fragen wie Was ist wirklich wahr? Ist das ernst gemeint? unbeantwortet bleiben. Für viele macht das den eigentlichen Reiz dieses Sports aus.
So beschreibt auch Thekla Kaischauri ihre Stage-Persona, deren Name „Toxic Spider“ sich von ihrem Signature Move – dem Rückwärtslaufen in Brücke – ableitet, mit den Worten: „Das bin ich – in aufgetunter Version.“4
Andrea Ferrero
It portends something awful for us 2026
„It portends something awful for us“, warnt die Protagonistin Ellen Hutter in dem Horrorfilm Nosferatu (1922) – ein Satz, der weniger als konkrete Prophezeiung erscheint, sondern vielmehr als diffuse Vorahnung: ein Kippen der Atmosphäre, das sich bereits ankündigt, bevor es sichtbar wird.
Genau diesen Zustand kurz vor dem Umschlag greift Andrea Ferrero in ihrer neuen und ortsspezifischen Installation auf: Drei Wasserspeier, der Ornamentik des Stephansdoms entnommen, treten aus den Wänden des Kunstraums hervor. Einst im Mittelalter aus massivem Stein gehauen, sollten sie mit ihren grotesken und abschreckenden Zügen über Jahrhunderte hinweg die Gemeinde zu Gottesfurcht und Demut ermahnen. Bei Ferrero allerdings erfahren diese Wächter eine entscheidende Transformation. Ihre Körper sind aus mit Kaffee und Gewürzen marmorierter Schokolade gegossen –Rohstoffe, die untrennbar mit kolonialem Handel und Ausbeutung verbunden sind. Im Innern sind sie hohl. So verweisen sie auf jene ungleichen Verhältnisse, auf denen jegliche Form von Macht und Autorität fundamental aufbaut, und legen zugleich die Fragilität dieser Abhängigkeit und Substanzlosigkeit offen: Schokolade ist verzehrbar, schmelzend, brüchig. Was Dauer verspricht, kippt ins Prekäre; jede noch so minutiöse Inszenierung zerfällt im Moment ihrer Enthüllung zu einer leeren, haltlosen Geste.
Den Raum durchzieht eine leise, aber unausweichliche Dynamik des Verfalls. Fliegen und Motten bevölkern den Kunstraum, setzen sich auf die Figuren, erscheinen in den Winkeln der Architektur. Als vertraute Vanitasmotive sind sie die Vorboten eines Zerfalls, der sich bereits abzeichnet: Sie markieren nicht das Ende, sondern den Moment davor – jenes fragile Dazwischen, in dem die so stabil scheinenden Symbole der Macht
zu bröckeln beginnen. Was einst Legitimation sicherte und Einschüchterung erzeugte, kehrt sich ins Gegenteil: Ihre Oberflächen werden porös, ihre Autorität wird unterwandert, ihre Dauerhaftigkeit infrage gestellt.
Die Schokolade für die Skulptur wurde bereitgestellt mit freundlicher Unterstützung von Heindl.
Chun Dobbergun 2024
Ein hybrides Wesen – halb Spielzeug, halb Waffe, halb Fluchtmaschine in DobermannOptik. Auf dem Kopf dieser fragmentierten Figur ein Cowboyhut mit US-Flagge. Am Arm ein überdimensioniertes „Peace on Earth“Tattoo; der Finger rutscht bereits Richtung Abzug. Am Horizont der Schatten eines Pinup-Girls, schräg darunter eine eingezäunte Figur, von Flammen umgeben. Daneben eine gestikulierende Maus auf einer Säule wie ein schräges Denkmal; links ein aufgeschlagenes Buch, vielleicht ein Gesetzestext?
Rote Linien und Feuer jagen durch das Geschehen – Pfeile, Laser, Explosionen von überall. Alles ist in Bewegung, nichts hält still, vieles schießt einfach ins Leere. Und mitten in diesem Chaos: ein verdutzt dreinblickender kleiner Hund mit hängenden Ohren, der eine Blume in der Pfote hält – als hätte er sich ins falsche Szenario verirrt.
Der Versuch, Dobbergun zu beschreiben, kippt schnell in Überforderung. Comicfiguren, militärische Zeichen, religiöse Symbole und popkulturelle Versatzstücke türmen sich zu einem dichten Wimmelbild; kindliche Bildsprache prallt auf apokalyptische Erzählstränge. Auch die Materialität wird zu einem Teil dieser überladenen Bühne: Unterschiedlichste Textilien wirken wild zusammengesetzt, vernäht und verschoben. Es ist eine Welt aus Fragmenten von Kindheit, Krieg, Computerspielen und Meme-Culture.
Vor unseren Augen entfaltet sich – ähnlich dem einstigen TikTok-Trend der sogenannten Corecores – eine radikale Gleichzeitigkeit der Ereignisse, in der alles irgendwie zusammenhängt und sich doch in keinen logischen Zusammenhang bringen lässt. Statt Ordnung manifestiert sich ein Zustand permanenter Ausnahme: die kollektive Überforderung als Symptom unserer Gegenwart. Diese ästhetische Strategie der Überfülle hat ein Pendant in der Politik, die Desinformation. Man entfesselt eine Lawine aus Fake News, Halbwahrheiten und Nonsens („Flood the Zone!“), um die Öffentlichkeit in einen Zustand radikaler Orientierungslosigkeit zu versetzen. Diskurs als Informationskrieg – mit der „Dobbergun“ als Superwaffe.
Ndayé Kouagou A to Z 2024
Lebensgroß tritt uns in A to Z eine Figur gegenüber. Vor einem neutralen, hellen Hintergrund spricht sie mit routinierter Selbstverständlichkeit im Stil einer Anmoderation direkt in die Kamera.
Zu Beginn des Videos erscheint bildschirmfüllend wie in einem Online-Clip in großer Schrift die Frage „How to go from ‘A’ to ‘Z’? And why not stop at ‘N’?“. Ausgehend vom Alphabet als scheinbar neutralem Ordnungssystem hinterfragt die Person im Anschluss uns vertraute Denk- und Wahrnehmungsmuster: Warum folgen wir eigentlich der Logik des Abc von A bis Z, vom Anfang bis zum Ende? Und was geschieht, wenn wir stattdessen in der Mitte beginnen – bei N?
Kouagou, dessen beruflicher Ausgangspunkt in der Werbebranche liegt, arbeitet überwiegend textbasiert und nutzt die Sprache als Werkzeug und Medium zugleich. Seine Texte wirken zugänglich, spielerisch, mitunter ironisch – und öffnen gerade dadurch Räume für Zweifel. „Who told us that Z is the goal?“ wird zur zentralen Frage, die sich auf weit
mehr als das Alphabet bezieht: auf gesellschaftliche Normen, auf Autoritäten, auf das, was wir scheinbar ungeprüft in unsere Vorstellungen und Überzeugungen übernehmen.
Die Figur, die uns da gegenübertritt, bleibt ganz bewusst uneindeutig: Der Künstler entzieht sich einer klaren Autorschaft, indem er eine Persona inszeniert, die zwischen Identitäten oszilliert. Stimme und Erscheinung sind voneinander gelöst; das Gesagte wirkt vertraut und fremd zugleich.
Zwischen Social-Media-Ästhetik, Gaming und Werbesprache angesiedelt, bleibt sie aus verschiedenen Perspektiven zugänglich –und gewinnt gerade daraus ihre Tiefe. A to Z liefert keine Antworten, sondern stößt Denkprozesse an, die über den Ausstellungsraum hinausreichen. Das Video wird zum fortlaufenden Gespräch, das nicht endet, sondern sich im Kopf der Betrachtenden fortsetzt – vielleicht beginnt es dort auch erst wirklich.
Kiki Furlan
Choochoo 2024
Railway Works 2024
Geplüschte Schienen schlängeln sich auf dem Ausstellungsboden und erinnern an klassische Holzeisenbahnen, wie sie vielen aus der Kindheit vertraut sind. Sie führen in einen Raum, in dem eine Lokomotive auf einem gepolsterten Unterbau unentwegt vor- und zurückfährt – ähnlich jenen Münzfahrgeschäften, die früher oft vor Supermärkten standen. Jede ihrer Bewegungen ist von einem maschinellen Störgeräusch begleitet, das die Atmosphäre schleichend ins Unheimliche überführt.
In Choochoo und Railway Works löst Kiki Furlan Alltagsszenen, Traummotive und Kindheitserinnerungen aus ihrem ursprünglichen Kontext und inszeniert sie neu im Ausstellungs-
raum. So wirken ihre Arbeiten nostalgisch, bizarr in Form und Verhalten und laden dazu ein, sich Momenten der Erinnerung hinzugeben. Resignation und die Suche nach Zuflucht in Erinnerungen und Träumen erscheinen heutzutage zunehmend als eine Strategie der Selbstregulierung: eine psychopolitische Antwort auf eine immer komplexer werdende neoliberale Realität, deren permanenter Leistungsdruck, steigende Selbstverantwortung und mentale Überreizung die Stimmung immer öfter in Resignation kippen lässt.
2 Deregulierte Start-up-Nationen, oftmals auch als „Städte ohne Demokratie“ bezeichnet, die wie Unternehmen geführt werden. Tech-Milliardäre wie Peter Thiel und Marc Andreessen finanzierten 2020 den Launch einer solchen Sonderentwicklungszone, „Prospéra“, auf der honduranischen Insel Roatán. In ihr müssen Unternehmen nur wenig bis gar keine Steuern zahlen und Vorschriften befolgen. https://www.prospera.co/en
3 Mark Fisher, Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures (Simon and Schuster, 2014).
4 Birgit Wittstock, „Toxic Spider rockt den Ursprung der Sonne“, Falter (19. Okt. 2022), https://www.falter.at/ best-of-vienna/artikel/20221019/toxic-spider-rockt-denursprung-der-sonne.
Saalplan
Alice Bucknell
Zonamata (2021), Video, 10:18 Min.
Zuzanna Czebatul
Macromolecule Exploiting some Biological Target IV (Reality/Embargo) (2023), Plane, Drehmotor, Gesamtgewicht 44 kg + 4,5 kg (Deckenmotor)
Toxic Thekla
The Ring (2023), Zeichnung auf Papier, 59,5 × 89,4 cm
Ndayé Kouagou
A to Z (2024), Video, 4:14 Min., Produktion: Palais de Tokyo & Gathering London
Chun
Dobbergun (2024), Baumwolle, Polyester, Wolle, Leder auf Leinwand, 90 × 100 cm
Andrea Ferrero
It portends something awful for us (2026), Schokolade, Kaffee, Gewürze, Gussaluminium, Maße variabel (Wasserspeier: 50 cm, Fliegen: 2 cm, Motten: 15 cm).
Die Schokolade für die Skulptur wurde bereitgestellt mit freundlicher Unterstützung von Heindl.
Kiki Furlan
Choochoo (2024), Mixed Media, 170 × 150 × 70 cm
Railway Works (2024), Wolle auf Schaumstoff, Maße variabel (90 Teile)
Do, 25.06.2026, 18:30 Uhr mit Eric BigClit (Wrestling-Dragking)
Mi, 15.07.2026, 18:30 Uhr mit Stefanie Fridrik (politische Bildnerin)
Kuratorinnenführung
Di, 07.07.2026, 18 Uhr mit Pia Wamsler (Ko-Kuratorin)
Workshop
Computed Reality
Sa, 25.07.2026, 12:30–15 Uhr mit Brooklyn J. Pakathi & freakygreenfish
KUNSTRAUM NIEDEROESTERREICH
HERRENGASSE 13, 1010 WIEN
WWW.KUNSTRAUM.NET
Mit Unterstützung von:
Artists
Alice Bucknell
Chun Zuzanna Czebatul
Andrea Ferrero
Kiki Furlan
Ndayé Kouagou
Toxic Thekla
Curators
Frederike Sperling & Pia Wamsler
Introduction
In professional wrestling, a scripted form of sports entertainment, the “Attitude Era” refers to a period spanning from the late 1990s to early 2000s. With provocative, shock-seeking storylines and aloof antiheroes, promoters sought to attract new audiences to the sport. With great success: this era, marked by bloody duels and blatant violations of taboos, sparked a global wrestling boom and saved the industry from decline.
Donald J. Trump also played a role in these affairs. As a prominent guest and sponsor, he not only hosted World Wrestling Entertainment (WWE) in his casinos, he also made cameo appearances himself: for instance, in the 2007 “Battle of the Billionaires,” where he fought against WWE CEO and future confidant Vince McMahon – who, as the loser, had his head shaved in public.
In this light, the “cage fights” announced by now US president for June 2026 in front of the White House seem, at the very least, like a return to of the Attitude Era: the spectacle and its political, economic, and social exploitability have become the norm. The blurred lines between reality and illusion are no longer owed to content from one central source, such as the government, but to millions of digital micro-performances. Memes, alternative facts, deepfakes, and slopaganda turn anyone with the necessary hardware into both consumers and producers of “reality.”
As we know, the algorithms needed for these contents maintain a rather flexible relationship with the truth. Whether a statement is true or false is irrelevant. What matters is what grabs users’ attention. So it is no coincidence that populism is thriving online. Algorithms push content that polarizes, triggers fears, questions facts, or tactically creates its own “alternative facts.”
If we want to understand this shift from idea to impact, we must take a serious look at how wrestling works, writes journalist Abraham Josephine Riesman in her book Ringmaster: Vince McMahon and the Unmaking of America (2023). As in wrestling, we viewers, or users too, learn to bend our minds to the twists and turns of the script, accepting first one thing and then another as reality, regardless of logic, probability, or reason. What you like is what’s true. Attitude is everything.
Those who do not want to or cannot create money-making spectacles themselves are left consuming the (alleged) realities of others. “Binge watch. Binge drink. Binge eat. Oblivion.”1 Convenience increasingly replaces responsibility and participation. Author and artist Kae Tempest describes this state as numbness: a state somewhere between constant sensory overload, exhaustion, and the need to lose oneself in intoxication, fiction, or ironic detachment.
This form of dissociation – but also voluntary abandon to illusion – offers calculated
escape holes from a reality that provides little foothold, where one feels too late for almost everything. As a result, intense physical and sensory instant experiences become a lifeline to persist in the world – and a means to forget the inequalities it engenders.
The artists in the group exhibition Attitude Era delve into forms of constructed reality shifts to capture moments in which doubt, fragility, and humor can serve as tools to penetrate the present. Not as moral gestures, but as an attempt to shed light on those spaces where narratives are exposed as fabrications and begin to crumble.
Frederike Sperling & Pia Wamsler Curators
1 Kae Tempest, On Connection (Faber & Faber, 2022), 17.
Works
Alice Bucknell Zonamata 2021
Welcome to Zonamata, a colossal urban development project that has tasked three male star architects to redesign the world. The year is 2036. A meteorite impact has destroyed most of the Earth. As a visitor, you are seated in the middle of the event at which Winy Maas, Rem Koolhaas, and Bjarke Ingels take turns presenting their urban prototypes of a corporate city-state. For example, “Metacity Datatown”: thanks to its data-harvesting system, it can record the activities and well-being of the population and generate new responses from this data. The result, so the promise goes: “politicians and taxes become superfluous.” Or a selfregenerating, “sustainable” city divided into five so-called high-tech communities and built around blockchain-based agricultural infrastructure. According to architect Bjarke Ingels, he came up with the idea for his “carbon-neutral crypto-smart city for billionaires” at the Burning Man festival, and it is “as real as any other fictional place.”
As absurd as this plot may sound, it seems quite plausible in light of tech-billionaires’ current power fantasies: if we are to believe them, the future belongs to those who can afford a trip to space, their own private island, and transfusions of young blood –or at the very least, a spot in one of Donald J. Trump’s envisioned “Freedom Cities.”2
In fact, however, the video is the brainchild of artificial intelligence: for Zonamata, Alice Bucknell trained the predecessor model to ChatGPT, the LLM AI GPT-3, with archival material (including press releases and architectural theory) from the renowned Dutch architecture studio MVRDV. Bucknell’s prompt to the AI: How can architecture rescue us from the apocalypse? The AI’s answer is this video.
The irony that permeates the script and characters in Zonamata is both entertaining and disturbing: is it intended by the AI as a hyperbole, or do we perceive it as irony simply because our realities and imagination differ so fundamentally from those of the super-rich?
Zuzanna Czebatul Macromolecule Exploiting some Biological Target IV (Reality/Embargo) 2023
Inflated out of proportion, Zuzanna Czebatul’s work rotates monotonously on its own axis. On the broad sides of this giant ecstasy pill, the words “Embargo” and “Reality” are engraved in a trompe-l’œil effect.
When the terms are reversed (embargoreality / reality-embargo), the sculpture discloses multiple layers of meaning that intersect with political power structures, economic interests, and their social dimensions: in order to impose economic
sanctions like embargos on other countries, governments frequently employ allegations of drug trafficking as a rhetorical strategy. The accused are discredited and isolated from international trade – a process that, in many cases, in fact leads to the very illegal practices it purports to combat.
Such entanglements of power and capital expose a present situation that offers little prospect beyond global capitalism, let alone any path out of it. And so the endless spinning of the pill evokes the feeling of a “slow cancellation of the future,” as described by cultural theorist Mark Fisher:3 despite constant acceleration and technological innovation, nothing seems to change structurally. The future feels less like a promise and rather a perpetuation of the crisisridden present. A cycle with no apparent leeway for action.
This situation is further exacerbated by the current state of world affairs and the omnipresent crisis fatigue. It seems almost impossible to confront reality – let alone face the future. The thrill, the surrender to intense physical experiences, and the temporary relinquishment of responsibility become ever more appealing strategies –and, at times, strategies needed for survival.
Toxic Thekla
The Ring 2023
Blinding spotlights, a rolled-out red carpet, a boisterous crowd shrouded in darkness, eagerly awaiting the spectacle: in her painting The Ring from the series Gimme Danger, Vienna-born artist and international wrestling icon Toxic Thekla shifts our attention to the battle zone known in the wrestling world as the “ring.”
It stakes out the scene like a theater stage, drawing a seemingly clear line between performance and truth, between show and
reality: inside the ring, the rules of professional wrestling apply; punches, kicks, catapults, even social dynamics follow a precisely choreographed script. In the business, this mode of fiction is dubbed “kayfabe.”
But those familiar with the sport know that wrestlers regularly break out of these boundaries. They bring the staged performance to the realm of the audience, blurring the line between kayfabe and reality. What was previously clearly defined as fiction begins to falter: conflicts escalate, scenes suddenly appear as if the performers have unleashed a real exchange of blows –and often continue in television interviews. The audience is drawn into an ambiguous dimension where questions like What is really true? and Are they serious? go unanswered. For many, that is precisely what makes this sport so intriguing.
The artist, born Thekla Kaischauri, describes her stage persona – “Toxic Spider,” which is derived from her signature move, walking in a reverse bridge – as follows: “That’s me, just a camped-up version.”4
Andrea Ferrero
It portends something awful for us 2026
“It portends something awful for us,” warns the protagonist Ellen Hutter in the horror film Nosferatu (1922), a line that has less a concrete prophecy and more a vague premonition: a tipping point of the atmosphere already foreshadowed before it happens.
In her new site-specific installation, Andrea Ferrero captures precisely this moment on the brink: three gargoyles, cited from the ornamentation of Vienna’s St. Stephen’s Cathedral, emerge from the walls of the Kunstraum. Once carved out of solid stone in the Middle Ages, the figures’ wild, grotesquely distorted features imbued the
population with humility and the fear of God for centuries. In Ferrero’s work, however, these sentinels undergo a decisive transformation. Their bodies are cast from chocolate marbled with coffee and spices – raw materials inextricably linked to colonial trade and exploitation. Inside, they are hollow. In this way, they allude to the imbalanced relationships upon which all forms of power and authority rest, while revealing the fragility of this dependence and its lack of substance: chocolate is edible, meltable, and brittle. A promise of permanence tips into precariousness; even the most meticulous staging crumbles into an empty gesture the moment it is unveiled.
A subtle but inescapable sense of decay pervades the space. Flies and moths infest the Kunstraum, settling on the figures and in the corners of the architecture. These familiar Vanitas motifs are harbingers of a decay already in the making. They mark not the end but the moment before it – that fragile in-between in which seemingly stable symbols of power begin to collapse. What once ensured legitimacy and instilled fear turns to the opposite: their surfaces become porous, their authority is undermined, and their longevity called into question.
This artwork was created with chocolate, kindly provided by Heindl.
Chun Dobbergun 2024
A hybrid creature – part toy, part weapon, part escape machine with a Dobermann look. A cowboy hat with the US flag adorns the head of this fragmented figure. Its arm sports an oversized “Peace on Earth” tattoo; its finger is in a sliding movement toward the trigger. The silhouette of a pin-up girl on the horizon, diagonally below her a fenced-in character surrounded by flames. Next to it, a gesticulating mouse perched on a column
like a quirky monument; to the left, an open book – perhaps a legal text? Red lines and wildfires torpedo through the scene – arrows, lasers, explosions from all directions. Downright commotion, nothing stands still, and much just shooting into nowhere. And in the midst of this chaos: a bewildered little dog with floppy ears, holding a flower in its paw – as if it stumbled into the wrong scene.
Any attempt to describe Dobbergun quickly becomes futile. Comic book figures, military emblems, religious symbols, pop cultural snippets accumulate into a dense, teeming jumble; childhood imagery collides with apocalyptic storylines. The materials too play a role on this cluttered stage: different fabrics are wildly pieced together, sewn, and shuffled. It is a world built from bits and pieces of childhood, war, video games, and meme culture.
Unfolding before our eyes – reminiscent of the old TikTok trend Corecore – a radical simultaneity of events in which everything is somehow connected yet cannot be brought into any logical correlation. Order makes place for permanent emergency: collective overload as a symptom of our present age. This aesthetic strategy of excess has a counterpart in politics: disinformation. An avalanche of fake news, half-truths, and nonsense is unleashed (flood the zone!) to plunge the public into a state of utter disorientation. Discourse as info war – the Dobbergun its superweapon.
Ndayé Kouagou A to Z 2024
In A to Z, a life-size figure confronts us faceto-face. Against a neutral, white background, he speaks directly into the camera with the confident ease of a news anchor.
At the beginning of the video appears the question “How to go from ‘A’ to ‘Z’? And why not stop at ‘N’?” in large, screen-filling
block letters. Taking the alphabet as an apparently neutral system of order, the person challenges our familiar patterns of thought and perception: Why do we actually follow the logic of the ABCs from A to Z, from beginning to end? And why not start in the middle instead – at N?
Kouagou, originally a professional in the ad industry, works primarily with text, using language as both a tool and a medium. His texts come across as accessible, playful, and at times ironic, yet herein lies the room for doubt. “Who told us that Z is the goal?” is the pivotal question – one that extends far beyond the alphabet to encompass social norms, so-called authorities, and the ideas and beliefs we tend to accept blindly. The figure we encounter remains deliberately ambiguous: the artist eschews clear authorship by staging a persona that oscillates between identities. Voice and appearance are detached from one another; what is said feels familiar and foreign at the same time.
Situated at the intersection of social media aesthetics, gaming, and advertising language, the video offers multiple access points, and precisely this lends it its depth. A to Z does not provide answers, rather it sparks a world of thoughts extending far beyond the exhibition space. An ongoing conversation without end unfolds in the viewer’s mind –perhaps its true beginning.
Kiki Furlan Choochoo 2024
Railway Works 2024
Plush train tracks wind across the exhibition floor, reminiscent of the classic wooden train sets we all know from childhood. They lead into a room where a locomotive travels back and forth on a padded base – like a coinoperated ride that used to be found outside supermarkets. Each movement is accompanied by a disturbing mechanical noise that gradually makes the atmosphere a bit eerie.
In Choochoo and Railway Works, Kiki Furlan extracts everyday scenes, dreamlike motifs, and childhood memories from their original contexts and reimagines them in an exhibition setting. While her works evoke a sense of nostalgia, their bizarre forms and behavior invite visitors to lose themselves in moments of recollection.
Today, resignation and the search for solace in memories and dreams are increasingly a strategy for self-regulation: a psychopolitical response to an ever-more-complex neoliberal reality in which the constant pressure to perform, overwhelming personal responsibility, and mental overload all too often cause people to grow numb.
2 Deregulated startup nations, often dubbed “cities without democracy,” are run like businesses. In 2020, tech billionaires such as Peter Thiel and Marc Andreessen funded the launch of one such special economic zone, “Prospéra” on the Honduran island of Roatán. There, companies pay little to no taxes and are subject to minimal regulations. https://www.prospera.co/en.
3 Mark Fisher, Ghosts of My Life: Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures (Simon and Schuster, 2014).
4 Birgit Wittstock, “Toxic Spider rockt den Ursprung der Sonne,” Falter (Oct. 19, 2022), https://www.falter.at/ best-of-vienna/artikel/20221019/toxic-spider-rocktden-ursprung-der-sonne.
Floor plan
Alice Bucknell
Zonamata (2021), Video, 10:18 min
Zuzanna Czebatul
Macromolecule Exploiting some Biological Target IV (Reality/Embargo) (2023), Tarp, rotary motor, total weight: 44 kg + 4.5 kg (ceiling motor)
Toxic Thekla
The Ring (2023), Drawing on paper, 59.5 × 89.4 cm
Ndayé Kouagou
A to Z (2024), Video, 4:14 min, production: Palais de Tokyo & Gathering London
Chun
Dobbergun (2024), Cotton, polyester, wool, leather on canvas, 90 × 100 cm
Andrea Ferrero
It portends something awful for us (2026), Chocolate, spices, coffee, cast aluminum, variable dimensions (gargoyle: 50 cm, flies: 2 cm, moths: 15 cm). This artwork was created with chocolate, kindly provided by Heindl.
Kiki Furlan
Choochoo (2024), Mixed media, 170 × 150 × 70 cm
Railway Works (2024), Wool on foam, variable dimensions (90 pieces)