Süddeutsche Zeitung - 21.07.2015, Vladi Private Islands

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WIRTSCHAFT

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Dienstag, 21. Juli 2015, Nr. 165 DEFGH

Alles meins Johnny Depp hat eine, Mel Gibson sowieso und Warren Buffett jetzt auch: Eine Insel ist für viele Reiche ein zeitgemäßes Accessoire – und manchmal kostet ein Eiland im Paradies nicht mehr als eine kleine Wohnung in Deutschland

Welche Insel darf’s denn sein? Angebote gibt es reichlich: Dubai (oben), Malediven (v.l.), Palau, Seychellen, Great Barrier Reef. FOTOS: IMAGO STOCK&PEOPLE

von angelika slavik

E

s gibt einen Song von der deutschen Band Juli mit dem Titel „Insel“. Darin heißt es: „Niemand, der mich sucht/ und niemand, der mich hört/ niemand, der mich kennt/ und niemand der mich stört.“ Ob Warren Buffett daheim in seinem Wohnzimmer in Omaha wohl manchmal was von Juli hört? Und dann dazu ein bisschen mit dem Fuß wippt? Warren Buffett jedenfalls, 84 Jahre alt und Investor mit Bewunderern auf der ganzen Welt, hat sich nun eine Insel gekauft: Agios Thomas. Eineinhalb Quadratkilometer schroffer Felsen vor der Küste Griechenlands. Kein Sandstrand, keine Infrastruktur, keine Bewohner. 15 Millionen Euro sollen Buffett und ein befreundeter griechischer Geschäftspartner dafür bezahlt ha-

ben. Um Agios Thomas zu erreichen, muss man von Athen aus 45 Minuten mit dem Wassertaxi fahren. Niemand, der ihn kennt und niemand, der ihn stört. Ein Pionier ist Buffett mit diesem Investment allerdings nicht: Insel statt Immobilie, nach diesem Motto verfahren viele Menschen – und die meisten spielen finanziell nicht einmal annähernd in einer Liga mit Warren Buffett. Farhad Vladi ist Inselmakler. Er vermittelt, wenn man so will, Ruhe und Abgeschiedenheit an Menschen auf der ganzen Welt. „Die meisten meiner Kunden wollen die Natur genießen“, sagt Vladi. „Und sie wollen Einfluss haben auf das, was sie sehen und was sie umgibt, während sie Ferien machen.“ Sein Unternehmen Vladis Private Islands betreibt ein Büro in Hamburg an der Binnenalster, außerdem gibt es eine Niederlassung im kanadischen Halifax. „Man muss für eine Insel keine 15 Millionen ausgeben“, sagt Vladi. „Mit 150 000 Euro Budget kann man genauso viel Spaß haben wie Warren Buffett“, sagt er. 150 000 Euro – in deutschen Großstädten muss man für eine Eigentumswohnung mittlerer Größe mitunter das Vierfache bezahlen. Die günstigsten Inseln gebe es derzeit allerdings nicht, wie man vielleicht glauben könnte, in Griechenland, sagt Vladi – im Gegenteil. „Als Ausländer muss man

30 verschiedene Genehmigungen einholen, um in Griechenland eine Insel erwerben zu können“, sagt der Makler. Griechenland mache es ausländischen Käufern traditionell schwer, das habe sich auch durch die finanzielle Notlage des Landes nicht geändert. Sogar Milliardenerbin Athina Onassis habe die Familieninsel Skorpios vor zwei Jahren entgegen anders lautenden Berichten nicht verkauft, sondern an die Russin Ekaterina Rybolovleva, ebenfalls Erbin eines Milliardenvermögens, lediglich langfristig verpachtet, sagt Vladi. „Alles andere ist rechtlich kaum zu stemmen.“ Wer günstig zu einer eigenen Insel kommen will, könnte vor allem in Kanada fündig werden: Private Inseln sind dort dank des großen Angebots schon für umgerechnet etwa 50 000 Euro zu haben. Dafür gibt es etwa 20 000 Quadratmeter wilde Natur,

in Einzelfällen steht auch schon eine alte Blockhütte dort. Auch in Schweden kann man mit vergleichsweise überschaubaren Summen Inselbesitzer werden. Allerdings sollte man sich den Kauf gut überlegen – muss die Insel erschlossen werden, sind mitunter beachtliche Investitionen notwendig, um Wasser, Strom und vielleicht auch Internet verfügbar zu machen. Dazu kommt, dass die Einsamkeit einer privaten Insel auch Nachteile hat: Der Weg zu medizinischer Versorgung ist mitunter lang und mühsam – und der zum nächsten Supermarkt vielleicht auch. Dazu kommt, dass Inseln als Geldanlage nur mäßig geeignet sind – auch wenn die Preise in den vergangenen Jahren konstant angezogen haben. Doch die Rechtslage ist mitunter schwierig, in vielen Ländern hat der Staat bei einer Veräußerungsabsicht ein Vorkaufsrecht. Zudem werden die Auflagen tendenziell strenger. In vielen Ländern dürfen unbewohnte Inseln zwar verkauft, aber nicht mehr erschlossen werden, was sie entsprechend wenig attraktiv macht. Kanada etwa stellt gerade große Teile seiner Inseln unter Naturschutz, auch in Deutschland sind Inseln geschützt. Manche können derlei Überlegungen freilich nicht abschrecken: Der TV-Moderator Jörg Pilawa etwa hat vor einigen Jahren vor der kanadischen Küste zugeschlagen,

der Komiker Didi Hallervorden bewohnt zeitweise seine eigene Insel in der Bretagne. Der US-amerikanische Schauspieler Johnny Depp nennt schon seit mehr als zehn Jahren die Insel Little Hall's Pond Cay auf den Bahamas sein Eigen, Kollege Mel Gibson erwarb einst Mago Islands, das zu den Fidschis gehört. Und der Frauenheld, Schauspieler und Umweltschützer Leonardo DiCaprio besitzt Blackadore Caye vor Belize – allerdings nicht, um sich von Models und Paparazzi zu erholen, sondern um den Ökotourismus zu fördern: Er plant dort ein nachhaltiges Fünf-Sterne-Resort. Wem das für ein paar Wochen Urlaub im Jahr dann doch zu viel Aufwand ist, der kann sich eine private Insel immerhin für einen begrenzten Zeitraum sichern: Viele Inselbesitzer, die sich selbst nur wenige Tage im Jahr dort aufhalten, vermieten an Fe-

riengäste. Auch das gibt es in jeder Preislage: Der Virgin-Gründer Richard Branson etwa hätte Neckar Island im Angebot, eine 30 Hektar große Insel, die zu den Britischen Jungferninseln gehört. Die ist zu mieten für schlappe 37 000 Euro am Tag. Dafür wird natürlich auch etwas geboten – 50 Angestellte, die alle Wünsche erfüllen. Und 200 Flamingos zum Bewundern. Ob Warren Buffett so ein Geschäftsmodell auch vorschwebt? Inselmakler Vladi jedenfalls glaubt nicht, dass Buffett tatsächlich in Badehosen über Agios Thomas stapfen wird. Stattdessen interpretiert er den 15-Millionen-Euro-Kauf als „freundliche Geste“: Damit signalisiere Buffett medienwirksam, dass Investitionen in Griechenland interessant wären. „Hätte er einfach nur ein Grundstück in Athen gekauft, hätte das ja niemanden interessiert.“

Ende des leichten Lebens

30 000 Jobs bedroht

Jahrelang konnten sich die Industriestaaten auf starkes Wachstum in Schwellenländern verlassen. Damit ist es nun vorbei

Der künftige Chef der Großbank Barclays muss sparen

München – Als die Weltwirtschaft abstürzte, gaben ihr die neuen Boomregionen Halt. Während viele Industriestaaten nach der Finanzkrise 2008 lange wankten, zeigten Asien oder Lateinamerika bald erstaunliche Stärke: Die Volkswirtschaften der Schwellenländer wuchsen 2010 schon wieder um durchschnittlich 7,5 Prozent. Ein weiterer Höhepunkt in dem Aufstieg, den Brasilien, China und andere Staaten seit 20 Jahren erleben. Nun aber deutet sich eine grundlegende Wende ab: In den Boomregionen wird der Boom schwächer. Und das könnte Industriestaaten wie der Bundesrepublik zu schaffen machen, die sich an die Konjunkturspritze aus dem fernen Ausland gewöhnt haben. Der Internationale Währungsfonds IWF rechnet damit, dass die Schwellenländer 2015 nur noch um gut vier Prozent wachsen. Am Montag warnte die Bundesbank, dass diese Abschwächung nicht allein durch die verhaltene Entwicklung von Schwergewichten wie Indien, China oder Russland zu erklären ist: Die Dynamik hat sich in allen Boomregionen merklich verringert. Die mittlere Wachstumsrate aller dieser Länder lag in den vergangenen beiden Jahren nur noch gut halb so hoch wie in den Jahren vor der Finanzkrise. Für Industriestaaten wie Deutschland ist das gefährlich: Die Schwellenländer waren in den

vergangenen Jahren für satte 80 Prozent des globalen Wachstums verantwortlich. Deshalb stellen sich zwei Fragen: Woher kommt diese Abschwächung? Und ist sie vielleicht bald wieder zu Ende? Die Ökonomen der Bundesbank machen Punkt wenig Hoffnung. Sie arbeiten heraus, dass weder Unternehmern noch Organisationen wie der IWF die Flaute in den Schwellenländer voraussahen. Das mag daran liegen, dass sie zunächst vor allem mit kurzfristigen Einflüssen erklärt wurde. Damit, dass zuletzt viele Staaten ihre Geld- und Fiskalpolitik weniger expansiv gestalteten. Oder damit, dass rezessionsgeschüttelte Länder weniger Waren orderten. Vor allem letzterer Grund aber kann kaum stichhaltig sein, meint die Bundesbank. Denn exportabhängige Schwellenländer, die weniger Nachfrage aus den Industrieländern stärker treffen müsste, gehe es nicht schlechter als anderen Staaten. Und die Konjunktur in den Industrieländern verbesserte sich zuletzt, ohne dass die Schwellenländer profitieren würden. Die Bundesbank sieht einen anderen Grund: Das Wachstum in den einstigen Boomregionen flacht sich grundsätzlich ab, und zwar für eine ganze Weile. Das passt zur Diagnose des IWF, der in den nächsten fünf Jahren in den Schwellenstaaten nur noch fünf Prozent Wachstum im

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Jahr erwartet – statt sieben Prozent, wie es bislang hieß. Die Gangart bleibt in diesen Regionen in den nächsten Jahren gedämpft, sekundiert die Bundesbank. Und womöglich kommt es noch schlimmer. Industriestaaten wie Deutschland müssen sich bei Exporten auf ein geringeres Tempo einstellen.

Das wichtigste Mittel gegen die Flaute: mehr Marktwirtschaft Der weitaus größte Teil der Abschwächung lässt sich anhand von China und jener Länder erklären, die wie Brasilien oder Russland besonders von Rohstoffexporten abhängen. In China sieht die Bundesbank vor allem drei Faktoren: Eine Verlangsamung des Strukturwandels, der zuvor deutlich mehr Menschen vom Land in die Städte getrieben hatte, so dass die Arbeitsproduktivität stark zunahm. Zweitens Überinvestitionen etwa in den Häuserbau oder die Stahlbranche. Und ein Auslaufen der Reformen, die zuvor für viel Wachstum sorgten – so sei die Zahl der Beschäftigten in Staatsbetrieben bis Mitte der Nullerjahre um 40 Prozent geschrumpft, verharre aber seitdem auf dem selben Niveau. Bei den Rohstoffexporteuren wie Brasilien

oder Russland habe die Preisverdoppelung von 2000 bis 2011 Defizite überdeckt, die sich jetzt zeigen und die Wirtschaft hemmen: Etwa schlechte Infrastruktur und hohe Steuern in Südamerika oder Korruption und politische Unsicherheit in Russland und Zentralasien. Die Bundesbank sagt voraus, dass sich der Westen womöglich auf mehr als eine gedämpfte Entwicklung in den Schwellenländern einstellen muss: „Unter ungünstigen Umständen könnte sich das Wachstum sogar weiter verringern“ – etwa wenn höhere US-Leitzinsen Länder mit außenwirtschaftlichen Defiziten treffen oder die stark angewachsene Verschuldung von Firmen und Staaten Eruptionen auslöst. Die Bundesbank spielt einen China-Schock durch, in dem das Wachstum binnen zwei Jahren um jeweils etwa drei Prozent schwächer ausfällt als vorausgesehen. Deutschland müsse in diesem Fall auf 0,3 Prozentpunkte Wachstum im Jahr verzichten. Wie können die Schwellenstaaten gegensteuern? Vor allem durch eine Rückkehr zu den Strukturreformen, die vor zwei Dekaden ihren Aufschwung eingeleitet hätten. Also: Mehr marktwirtschaftlicher Umbau in China. Und: In den anderen Ländern eine Diversifizierung weg von Rohstoffen. Allerdings sei die Bereitschaft dazu „eher gering“, resümiert die Bundesbank.

London – Erst muss der Chef gehen, und nun könnten ihm Tausende Angestellte folgen. Die britische Großbank Barclays erwägt, in den kommenden zwei Jahren mehr als 30 000 ihrer weltweit 132 000 Arbeitsplätze zu kappen. Das berichten britische Medien unter Berufung auf ungenannte Manager. Erst vor zwei Wochen entließ der Aufsichtsrat Antony Jenkins, den Vorstandsvorsitzenden des DeutscheBank-Rivalen. Kritiker warfen ihm vor, die Kosten des Londoner Instituts nicht schnell genug zu senken. Dabei hatte auch Jenkins bereits massiv Stellen gestrichen, allein im vergangenen Jahr Zwölftausend. Bis kommendes Jahr wollte Jenkins, der Barclays seit 2012 geführt hat, weitere 7000 Jobs im Investmentbanking kappen. Top-Manager in dem Konzern schätzen allerdings, dass das nicht reichen wird, um den enttäuschend niedrigen Gewinnen und dem vor sich hin dümpelnden Aktienkurs einen Schub zu verleihen. Sie gehen den Medienberichten zufolge davon aus, dass Jenkins’ – noch nicht gefundener – Nachfolger ein viel radikaleres Sparprogramm verordnen wird. Das Institut wollte sich nicht äußern. Barclays betreibt wie die Deutsche Bank neben dem klassischen Filialgeschäft weiterhin ein umfangreiches Investmentbanking. Das war früher sehr lukrativ, doch

seit der Finanzkrise machen strengere Vorgaben der Aufseher die riskanten Deals der Investmentbanker deutlich teurer. Zugleich belasten die niedrigen Zinsen die Ergebnisse. Barclays, Deutsche Bank und ihre Rivalen mussten zudem in den vergangenen Jahren Milliardenstrafen für Falschberatung und Manipulationen der Finanzmärkte zahlen. Auch das zehrt an den Gewinnen. Andere britische Banken waren bei ihren Sparprogrammen ehrgeiziger als Barclays. Jenkins’ Ziele machen sich bescheiden aus im Vergleich zur Royal Bank of Scotland, deren Mitarbeiterzahl sich seit der Krise halbiert hat – auch durch Verkäufe von Sparten. Lloyds verabschiedete sich fast von einem Drittel der Belegschaft. Ein weiterer Grund für den Abgang von Barclays-Chef Jenkins war sein zerrüttetes Verhältnis zum Leiter des Investmentbankings. Jenkins kommt aus dem klassischen Bankgeschäft, er sollte 2012 als neuer Konzernchef aufräumen nach all den teuren Skandalen, in welche die Investmentbanker verwickelt waren. Doch befürchteten diese, dass Jenkins ihre Abteilung – einst Garant dicker Gewinne – kaputt schrumpfen will. Der Chef der Sparte drohte zu kündigen. Und der Aufsichtsrat entließ lieber den ohnehin umstrittenen Vorstandsvorsitzenden. björn finke aslavik SZ20150721S2765041


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