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Kopfsache - Neurologie, Psyche und mentale Gesundheit

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Kopfsache

PSYCHE UND MENTALE GESUNDHEIT

"Ich dachte, ich wäre faul –dabei war es ADHS" Lisa spricht über Ihren Weg zur Diagnose – und darüber, was ihr wirklich hilft

“Meine Form von Aktivismus: Ich möchte Sichtbarkeit schaffen und zeigen, wie es ist, mit MS zu leben.“

Chris hat Multiple Sklerose und spricht ganz offen über ihren Alltag mit der Erkrankung.

VERANTWORTLICH FÜR DEN INHALT DIESER AUSGABE JUNI 2026

IMMACOLATA CIRILLO

“Neurologische Erkrankungen sind oft unsichtbar, aber für Betroffene jeden Tag spürbar. Mehr Verständnis beginnt dort, wo wir zuhören, aufklären und Symptome ernst nehmen.“

MIRIAM HÄHNEL

“Neurologische Erkrankungen beeinflussen viele Lebensbereiche. Umso wichtiger sind neben der medizinischen Versorgung ein verständnisvolles Umfeld, Teilhabe und Wertschätzung!“

Alles beginnt mit einem Impuls. Deutscher Schmerzkongress 2026

Wie denken wir Zukunft? Matthias Horx, bekanntester Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum verbindet als Analytiker, Visionär und brillanter Erzähler Zukunft, Gegenwart und Geschichte zu einem humanistischen Zukunftsbild. Er beleuchtet die Bedeutung von Zukunftsbildern, die zentralen Wandlungswellen unserer Zeit, technologische und gesellschaftliche Big Shifts, kulturelle Veränderungen im Umgang mit Schmerz sowie Zuversicht in Zeiten globaler Krisen. Wenn Schmerz sich verändert, muss auch die Medizin in Bewegung bleiben – beim Deutschen Schmerzkongress 2026 in Mannheim steht genau das im Mittelpunkt. Unser Vortrags-Tipp: Zukunft, Schmerz und Zuversicht im Zeitalter der Omnikrisen von Matthias Horx – Der Morgendenker Datum: Do. 22.10.2026 15:30–17:00 Uhr

Messen 2026

Weitere Informationen unter: deutscherschmerzkongress.de

Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2026 –Reformen im Realitätscheck

Der Hauptstadtkongress bringt die zentralen Akteure des Gesundheitssystems zusammen und bietet eine wichtige Plattform, um Reformvorhaben der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Pflege und der GKV-Finanzkommission praxisnah zu diskutieren. Erwartet werden rund 5.000 Teilnehmer:innen aus Politik, Gesundheitswirtschaft, Medizin, Pflege, Wissenschaft sowie von Kostenträgern und Versicherungen. Im Fokus stehen die Weiterentwicklung der Krankenhausreform, die nachhaltige Finanzierung und Krisenresilienz des Systems sowie Themen wie Digitalisierung, KI und neue Perspektiven für die Pflege. Der Hauptstadtkongress 2026 versteht sich dabei als Dialogforum, Standortbestimmung und Impulsgeber zugleich – für alle, die die Zukunft des Gesundheitswesens aktiv mitgestalten.

Datum: 23. bis 25. Juni 2026

Ort : hub27 der Messe Berlin

Weitere Informationen unter: www.hauptstadtkongress.de

Neurologie bedeutet heute

PRÄZISE DIAGNOSTIK UND WIRKSAME THERAPIE

Neurologische Erkrankungen wurden lange unterschätzt – medizinisch, aber auch gesellschaftlich. Kopfschmerzen galten als Befindlichkeitsstörung, ADHS als Erziehungsproblem, Parkinson als schicksalhafte Alterskrankheit. Heute wissen wir: Das war zu kurz gedacht.

Als ich meine Ausbildung begann, hatte die Neurologie noch ein anderes Selbstverständnis. Sie war ein Fach der genauen Beobachtung und klugen Einordnung – intellektuell anspruchsvoll, aber therapeutisch oft begrenzt. Wir haben Symptome analysiert, Lokalisationen diskutiert und uns nicht selten gefragt: Ist das funktionell, psychiatrisch oder wirklich neurologisch? Viele Antworten blieben unsicher. „Man kann halt nichts tun“, war ein nicht selten gesagter Satz in dieser Zeit.

Besonders deutlich war das beim Schlaganfall. In den Diensten bedeutete das früher häufig: beobachten, stabilisieren und abwarten, wie sich der natürliche Verlauf entwickelt. Heute ist das kaum mehr vorstellbar. Mit der Lysetherapie und vor allem der mechanischen Thrombektomie ist aus einer eher abwartenden Disziplin eine echte Akutmedizin geworden. Minuten entscheiden –und wir können heute aktiv eingreifen und Verläufe grundlegend verändern.

Diese Entwicklung steht beispielhaft für einen größeren Wandel. Auch bei der Multiplen Sklerose hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan: Immer mehr immunmodulatorische Therapien stehen zur Verfügung und haben das Fach grundlegend verändert. Während früher oft das Bild einer jungen Frau im Rollstuhl vorherrschte, können heute viele Betroffene ein weitgehend normales, selbstbestimmtes Leben führen. Ähnlich dynamisch ist die Entwicklung bei der Parkinson-Erkrankung. Neben einer differenzierteren medikamentösen Therapie hat vor

allem die tiefe Hirnstimulation neue Möglichkeiten eröffnet, Symptome gezielt zu beeinflussen und die Lebensqualität deutlich zu verbessern. Und auch bei der Migräne hat sich der Blick grundlegend gewandelt. Lange als psychosomatische „Frauenkrankheit“ stigmatisiert, wird sie heute als komplexe neurologische Erkrankung verstanden. Mit CGRP-basierten Therapien stehen erstmals Behandlungsansätze zur Verfügung, die gezielt in die zugrunde liegende Pathophysiologie eingreifen.

“Neurologie

verlangt, genau hinzusehen, zuzuhören und Zusammenhänge zu verstehen.“

Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee Oberärztin der Klinik für Neurologie und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums am Universitätsklinikum Essen

Und doch bleibt eine Herausforderung: Dieses neue Bild der Neurologie ist noch nicht überall angekommen. Viele verbinden das Fach weiterhin vor allem mit Diagnostik und Einordnung – weniger mit konkreten therapeutischen Möglichkeiten. Gleichzeitig erhalten Betroffene noch immer oft zu spät die richtige Diagnose oder Behandlung. Viele werden immer noch als „psychosomatisch“ abgestempelt und ihre Symptome werden oft lange nicht ernst genommen.

Neurologie bedeutet heute beides: präzise Diagnostik und wirksame Therapie. Sie verlangt, genau hinzusehen, zuzuhören und Zusammenhänge zu verstehen – aber eben auch, die vorhandenen Möglichkeiten konsequent zu nutzen. Die Neurologie ist nicht mehr das Fach des Abwartens. Sie ist zu einem Fach des aktiven Handelns geworden.

Weitere Einblicke & Informationen finden Sie auf Instagram @ migraene_doc

Miriam Hähnel (Director Business Development Health) Immacolata Cirillo (Project Manager), Natascha Wesiak (Business Devolopment Manager), Henriette Schröder (Managing Director), Philipp Colaço (Director Business Development), Lea Hartmann (Head of Design), Cover: Chris Marie von Nauman Sebastian Haas | Mediaplanet-Kontakt: de.redaktion@mediaplanet.com. Alle Artikel, die mit “In Zusammenarbeit mit“ gekennzeichnet sind, sind keine neutrale Redaktion der Mediaplanet Verlag Deutschland GmbH. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Alle Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Sprache und Gedächtnis selbstständig trainieren, messbar verbessern

Sprache, Gedächtnis und Alltagsfähigkeiten bei neurologischen Erkrankungen gezielt fördern – mit der myReha-App. Zu Hause und für viele Versicherte kostenfrei.

Worte, die nicht einfallen wollen. Sätze, die auf halbem Weg verloren gehen. Wenn Gehirn, Wahrnehmung oder Konzentration nach einer neurologischen Erkrankung nicht mehr wie gewohnt funktionieren, ist das für Betroffene und ihre Angehörigen oft ein tiefer Einschnitt. Der Wunsch, wieder klar zu denken, zu sprechen und den Alltag selbstständig zu meistern, treibt viele an.

Genau hier setzt myReha an. Die App begleitet Menschen nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma sowie bei Demenz, Parkinson, Multipler Sklerose oder Long COVID – Schritt für Schritt, jeden Tag. Mehr als 65.000 interaktive Aufgaben aus Logopädie, Ergotherapie und Neuropsychologie fördern Sprache, Gedächtnis, Konzentration und Alltagsfähigkeiten.

Therapie für zu Hause myReha macht moderne Therapie ortsunabhängig und ohne Wartezeit auf einen Therapieplatz möglich – auf Smartphone oder Tablet. Jede Übung zählt: Deshalb passt sich der Therapieplan automatisch an die persönlichen Fortschritte an.

Eine KI-gestützte Sprachanalyse gibt unmittelbares Feedback und macht selbst kleine Fortschritte sichtbar.

Die Wirksamkeit ist belegt: In einer klinischen Studie verbesserte eine zwölfwöchige Therapie mit myReha die Rehabilitation bei erworbenen Hirnschädigungen signifikant gegenüber der Standardtherapie. Als CE-zertifiziertes Medizinprodukt wird die App bereits in über 100 Neuro-Reha-Kliniken eingesetzt. So wird persönliche und professionelle neurologische Therapie auch zu Hause möglich.

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myReha im App Store oder bei Google Play laden, kurz registrieren – die Kostenprüfung läuft automatisch.

Mehr Informationen: www.nyra.health

Text Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee

„ICH DACHTE, ICH WÄRE FAUL – DABEI WAR ES ADHS“

Fünfzehn Jahre lang suchte Lisa Vogel nach Antworten – und fand sie erst mit 27, als endlich ADHS diagnostiziert wurde. Was folgte, war zunächst aber kein Befreiungsschlag, sondern der Beginn einer ganz eigenen Reise: mit sich selbst, mit ihrem Gehirn und mit einer Community, die sie auf Instagram unter „The Unnormal Brain" aufgebaut hat. Heute klärt sie dort über ADHS auf, schreibt gerade an ihrem zweiten Buch und plant einen Podcast. Im Interview erzählt sie, warum die Diagnose allein oft noch nichts verändert –und was wirklich hilft.

Text Christine Thaler

Welche Anzeichen für ADHS hast du bei dir selbst schon vor deiner Diagnose festgestellt?

Ich war schon immer ein chaotischer Mensch - im Kopf wie auch in meiner Umgebung. Das habe ich aber nie auf ADHS zurückgeführt, weil ich die typischen Vorurteile hatte: „Das haben doch nur kleine Jungs“, „Ich kann das nicht haben, ich habe doch Abitur“ etc.

Deswegen dachte ich bei den meisten Symptomen, sie seien einfach Teil meiner Persönlichkeit und ich sei einfach faul und öfter vergesslich, oder habe es auf andere psychische Erkrankungen geschoben.

Wie und wann kam die Diagnose zustande?

Ich wurde 2019 mit 27 Jahren diagnostiziert, nachdem ich 15 Jahre lang wegen Depressionen und einer Angststörung behandelt wurde.

Eine sehr aufmerksame Therapeutin hat mal den Verdacht ADHS in den Raum gestellt, das war schon 2017 –den habe ich aber nicht weiterverfolgt, weil ich quasi nichts über ADHS wusste. Erst zwei Jahre später hatte ich das Gefühl, dass ich mit meinen anderen Diagnosen nicht weiterkomme und ich mich jetzt um diesen Verdacht kümmern muss.

Wie hat die Diagnose dich beeinflusst?

Ehrlich gesagt – die Diagnose an sich war nicht, wie man es häufig hört, eine Erleichterung oder ein Befreiungsschlag. In meinem Fall habe ich die Diagnose zusammen mit einem Flyer erhalten, auf dem stand: „Mit ADHS leben lernen“, und als erster Punkt war darin aufgeführt, dass man gesunde Routinen etablieren sollte.

Das war eine Sache, die ich sowieso schon mein ganzes Leben erfolglos versuchte, und deshalb war ich zuerst ein wenig enttäuscht: Jetzt hatte ich diese Diagnose, und die Lösung dafür sollte etwas sein, was ich nicht konnte. Was für mich dann wirklich etwas verändert hat, war, als

ich anfing, mich mit anderen ADHSlern im Internet auszutauschen. So begann ich nicht nur zu verstehen, wie m ein Gehirn funktioniert, sondern entdeckte auch nützliche Dinge, die mir im Alltag helfen.

Eine Zeit lang habe ich jeden Samstag meine Wohnung in einem Online-Livestream mit Zuschauenden aufgeräumt, um eine Aufräum-Routine durchzuziehen. Als das nicht mehr funktionierte, habe ich angefangen, mir kleine Aufräum-Challenges mit Deadline zu setzen. Und wenn gar nichts geht, dann verkleide ich mich sogar beim Aufräumen als Putzkraft und schimpfe darüber, wie unordentlich es bei meinem Kunden mal wieder ist.

“Da mein Hirn sich durch Neues, Aufregendes oder Dringendes motivieren lässt, ist es auch wichtig, immer mal zu rotieren –immer gleiche Routinen funktionieren für mich gar nicht.“

Am allermeisten hat mir das aber das Gefühl von Normalität gegeben, nach dem ich so lange gestrebt hatte. Und eben auch die Sicherheit, nicht alles an mir ändern zu müssen, um ein gutes Leben zu führen.

Gibt es Strategien, Routinen oder Hilfsmittel, die dir helfen, besser mit ADHS umzugehen? Wahrscheinlich hunderte! Da mein Hirn sich durch Neues, Aufregendes oder Dringendes motivieren lässt, ist es auch wichtig, immer mal zu rotieren – immer gleiche Routinen funktionieren für mich gar nicht.

Was bei mir nie fehlen darf, sind visuelle Timer für alle möglichen Aufgaben, damit ich mich nicht verzettle. Aber wie gesagt, es gibt so viele Tipps und Strategien, dass ich sogar gerade an meinem zweiten Buch darüber schreibe.

Wie hat dein Umfeld auf die ADHSDiagnose reagiert?

Durchweg positiv. Es war auch für die meisten letztendlich nicht besonders überraschend.

Welche positiven Seiten oder Stärken hat ADHS bei dir?

Ich bin eine extrem kreative Problemlöserin – vor allem für andere. Außerdem habe ich als Selbstständige gemerkt, dass ich gut darin bin, vieles selbst zu machen – ich eigne mir Dinge, die mich interessieren, gern und schnell an, kann aber auch direkt spüren, wenn mich etwas nicht interessiert. Was ich bei vielen ADHSlern wahrnehme, ist, dass sie wahnsinnig emphatisch sind und ein großes Gerechtigkeitsbedürfnis haben. Das hat wahrscheinlich weniger mit ADHS an sich zu tun, sondern damit, dass man in seinem Leben selber ständig das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein und nie wirklich irgendwo reinzupassen. So ging es mir zumindest oft, und deswegen bin ich hilfsbereit und positioniere mich auf der Seite der Schwächeren.

Weitere Informationen finden Sie auf Instagram @the.unnormal.brain

LEBEN MIT MIGRÄNE:

„Sichtbarkeit kann so viel Kraft entfalten!“

Migräne ist weit mehr als „nur Kopfschmerz“ – sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben von Millionen Menschen stark beeinflusst und dennoch häufig unterschätzt wird. Umso wichtiger sind Stimmen, die offen darüber sprechen und Betroffenen Sichtbarkeit geben. Anni tut mit ihrem Projekt „Migräne: du Arsch!“ genau das: aufklären, enttabuisieren und Mut machen. Im Interview erzählt sie von ihren eigenen Erfahrungen mit Migräne – und davon, warum es so wichtig ist, darüber zu sprechen.

Wa nn hast du das erste Mal realisiert, dass es bei dir nicht „nur Kopfschmerz“, sondern Migräne ist?

Ich habe meine Diagnose schon im Alter von sechs Jahren bekommen. Die Migräne war immer schon Teil meines Lebens. Meine Mutter hatte Migräne, meine Großmutter auch. Daher hat meine Mutter die Symptome damals direkt richtig gedeutet. Dadurch, dass ich die Diagnose so früh bekam und mir Aufklärung fehlte, war ich nur damit beschäftigt, wenn ich Schmerzen hatte. Danach war das Thema schnell wieder vom Tisch. Mir war lange nicht klar, dass es eine neurologische Krankheit ist. Das habe ich erst vor etwa anderthalb Jahren verstanden.

Welche typischen Symptome erlebst du – und wie unterscheiden sie sich von normalen SpannungsKopfschmerzen?

Ich dachte lange Zeit, dass ich zusätzlich zur Migräne auch Spannungskopfschmerzen hätte, da die Attacken meiner Mutter ganz anders aussahen als meine: Sie lag stets für drei Tage im abgedunkelten Zimmer, hat sich übergeben und war kaum mehr ansprechbar. Daher war das das Bild, das ich von der Migräne hatte, und was bis heute auch viele Menschen von dieser Erkrankung haben. Dabei äußert sich Migräne so unterschiedlich!

Ich habe erst spät herausgefunden, dass das, was ich als Spannungskopfschmerz erlebte, auch Teil meiner Migräne ist. Ich habe also Attacken ganz unterschiedlicher Stärke. Ich hatte zwar auch lange Zeit so heftige Attacken wie meine Mutter, aber seit ich weiß, dass meine Migräne sich oft schleichend ankündigt und sich gerade zu Beginn der Attacke wie Spannungskopfschmerz anfühlen kann, behandle ich die Attacken auch direkt. Migräne sieht bei jeder und jedem Betroffenen anders aus.

Bei mir beginnen die Attacken oft im Nacken, noch bevor der Kopfschmerz einsetzt. Ich fange dann instinktiv an, meinen Nacken zu massieren. Der Schmerz wandert dann im Hinterkopf meist langsam nach oben, es fühlt sich kribbelig an und nach ein bis zwei Stunden setzt dann der heftige Kopfschmerz ein. Seit ich das weiß, kann ich auch direkt gegensteuern.

Wie sehr beeinflusst Migräne deinen Alltag bei Arbeit, sozialen Aktivitäten und Plänen?

Ich muss die Migräne immer mitdenken. Ich wache morgens auf und scanne erst mal meinen Körper. Und so geht das dann den ganzen Tag weiter, ich bin immer in Hab-Acht-Stellung. Das kostet sehr viel Energie.

Gibt es bestimmte Situationen oder Auslöser, bei denen du merkst: „Jetzt kommt eine Attacke“? Meine Migräne ist stark hormongetrieben. Die Zeit um den Eisprung, rund um den Start der Periode und kurz danach sind bei mir Zeiten, in denen ich vermehrt Attacken habe. Zudem gehören emotionaler Stress, Reizüberflutung und Schlafmangel zu meinen größten Triggern. Für mich war sehr wichtig zu verstehen, dass die Erkrankung nicht linear und logisch verläuft. Das heißt, ich kann meine Trigger kennen, aber selbst, wenn ich alles „richtig“ mache, kann die Attacke trotzdem kommen. Und selbst wenn ich mich wissentlich Triggern aussetze, kann es sein, dass die Attacke ausbleibt. Das macht so deutlich, dass es eine neurologische Erkrankung ist, die man nur bedingt beeinflussen kann. Diese Erkenntnis ist für mich entscheidend, denn dadurch weiß ich: Ich bin nicht schuld an den Attacken! Welche Strategien oder Routinen helfen dir am meisten dabei, Attacken zu verhindern oder zu lindern?

druck für mich vorprogrammiert wäre. Das hilft enorm! Ich habe zudem eine Akupressurmatte, auf die ich mich zu Beginn einer Attacke lege, wenn die Zeit es zulässt. Ich nutze auch ein Neuromodulationsgerät, das den Trigeminusnerv stimuliert, wenn eine Attacke bereits begonnen hat. Ich habe auch einen Vagusnerv-Stimulator, der ähnlich funktioniert und mir dabei hilft, das Stresslevel während einer Attacke zu senken. Manchmal gehe ich auch in die Badewanne oder wasche meine Haare. Das klingt vielleicht seltsam, aber Haare waschen funktioniert bei mir tatsächlich oft zu Beginn einer Attacke! Zudem habe ich natürlich Medikamente, die ich immer in einer Tasche dabeihabe. Ich nutze verschiedene Triptane, die ich je nach Bedarf einsetzen kann. Manche davon wirken schnell und über einen kürzeren Zeitraum, manche langsamer, aber halten in der Wirkungsdauer länger an. Für den absoluten Notfall habe ich auch einen Injektionspen, den ich z. B. nutze, wenn eine Attacke bereits die ganze Nacht läuft und ich nicht eingreifen konnte, weil ich nicht wach geworden bin. Ich wäge also immer genau ab, welches Medikament mir in welcher Situation am besten hilft.

Was hat dich dazu bewegt, mit „Migräne: du Arsch!“ Sichtbarkeit für die Erkrankung zu schaffen?

Als ich meine erste Antikörperspritze als Prophylaxe verschrieben bekommen habe, habe ich die Videos von Phia Quantius rauf und runter gesehen, weil es mir die Angst genommen hat, mir die Spritze selbst zu geben. Deshalb dachte ich, wenn ich anfange, meinen Weg zu zeigen, wie ich mit der Migräne umgehe und auch nur einer einzigen Person helfen kann, dann bin ich glücklich. Ich wollte quasi das zurückgeben, was Phia mir gegeben hat. Es hat etwas Überwindung gekostet, aber letztes Jahr habe ich das erste Video hochgeladen und direkt so viel tolles Feedback bekommen! Das hat mir gezeigt, dass man sich auf diesem Weg gegenseitig unterstützen kann und dass Sichtbarkeit so viel Kraft entfalten kann! „Migräne, du Arsch!“ ist mein Weg, mich mit der Erkrankung nicht mehr zu verstecken.

Der Reizüberflutung begegne ich, indem ich in Situationen mit vielen Menschen und Geräuschen Ohrstöpsel trage. Auch eine Sonnenbrille hilft mir, mit der ich auch schon mal in der U-Bahn sitze. Was andere von mir denken, ist mir mittlerweile vollkommen egal. Ganz neu habe ich eine Lichtfilterbrille, die die Lichtempfindlichkeit bei Migräne senkt und eine absolute Bereicherung ist. Was die Reduktion von Stress angeht, habe ich mir ein Helfernetzwerk aufgebaut, um Stress zu minimieren, wo es möglich ist. Meine Schwiegereltern unterstützen mich sehr mit meinen beiden Kindern, wenn z. B. Abholtermine zu eng beieinander liegen und Zeit-

Wenn der Körper mehr braucht

Studien zeigen: Migränepatienten haben nachweislich einen erhöhten Bedarf an Magnesium, Vitamin B2 (Riboflavin) und Coenzym Q101.

Migravent® zum Diätmanagement bei Migräne

3 mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Bioflavonoiden

3 sehr gut verträglich und mit jeder Akuttherapie kombinierbar

3 die Zusammensetzung wird in den aktuellen Migräneleitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) aufgeführt2

1 Gaul C et al. Improvement of migraine symptoms with riboflavin, magnesium and coenzyme Q10. J Headache Pain. 2015;16:32.

2 Migräne-Therapieleitlinie der DGN und DMKG (2025)

www.migravent.de

Gibt es einen persönlichen Tipp oder eine Botschaft, die du Betroffenen mitgeben möchtest? Migräne ist eine neurologische Erkrankung, für die du nichts kannst! Du bildest dir das nicht ein, und du bist damit nicht allein. Du darfst darüber sprechen und musst dich für deine Erkrankung nicht rechtfertigen! Du darfst Grenzen setzen, du darfst auch Nein sagen. Du darfst leben und musst dich nicht verstecken. Du bist so viel mehr als deine Erkrankung!

Weitere Informationen unter: migraeneduarsch.de und bei Instagram @ migraene_du.arsch

Weber & Weber GmbH · Herrschinger Straße 33 · 82266 Inning/Ammersee info@weber-weber.de · www.weber-weber.de

Text Levi Müller

Individuelle Therapie-Ansätze: WENN DIE MIGRÄNE ANROLLT, ZÄHLT JEDE MINUTE

Millionen Menschen in Deutschland kennen das Gefühl: ein pochender Kopfschmerz, der komplett lahmlegen kann – oft begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Trotzdem wird Migräne noch immer häufig unterschätzt oder falsch behandelt. Dr. med. Sebastian Strauß erklärt, warum Migräne eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung ist – und warum die richtige Therapie einen entscheidenden Unterschied machen kann.

Text Hanna Sinnecker

Viele Menschen denken bei Migräne zunächst an einen besonders starken Kopfschmerz und greifen zu gängigen Schmerzmitteln. Warum ist das oft der falsche Ansatz – und was unterscheidet Migräne grundlegend vom klassischen Spannungskopfschmerz?

Bei der Migräne liegt eine andere Ursache als bei Spannungskopfschmerzen vor. Migränepatienten haben eine gewisse Veranlagung für eine Reizverarbeitungsstörung: Reize werden vom Gehirn intensiver wahrgenommen, was zusammen mit inneren und äußeren Umständen zu einer maximalen Überreizung führt. Das zeigt sich dann an der klinischen Symptomatik wie z. B. Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und dem Drang, sich komplett zurückziehen zu müssen. Über diese Kaskade kommt es dann auch zu einer Überreizung der Hirnhäute, was den starken Kopfschmerz auslöst. Bei der Migräne findet also durch eine Überreizung eine Art Kettenreaktion statt, die dann nacheinander die verschiedenen Symptome auslöst.

Wenn man dem therapeutisch begegnen will, müssen wir diese Kettenreaktion so früh wie möglich stoppen. Daher ist Zeit ein großer Faktor, da es extrem schnell geht, bis der maximale Überreizungszustand erreicht ist. Daher reichen gängige Schmerzmittel in ihrer Anwendungsform als Tablette häufig nicht aus, da wir etwas brauchen, was zum einen schnell wirkt und zum anderen gezielt und spezifisch den Überreizungsmechanismus im Hirn adressiert.

Welche Behandlungsoptionen stehen MigräneBetroffenen heute zur Verfügung? Zunächst muss man sich mit den nicht-medikamentösen Prophylaxe-Möglichkeiten befassen: Man sollte regelmäßig Sport treiben, Entspannungstechniken in den Alltag integrieren, eine gesunde Schlafhygiene betreiben und sich gesund und ausgewogen ernähren. Das kann dazu beitragen, die Reizverarbeitung zu normalisieren. Medikamentös gibt es zur Prophylaxe zum einen unspezifische Medikamente, die für einen anderen Zweck entwickelt wurden, aber auch zur Migränetherapie zugelassen sind. Dazu gehören etwa Beta-Blocker oder bestimmte Antidepressiva oder Epilepsiemedikamente.

Zudem gibt es inzwischen auch spezifische Medikamente zur Migräne-Prophylaxe, wie z. B. CGRP-Antikörper. Aber auch Botox kann zum Einsatz kommen.

“Die Migräne ist

so

komplex, dass sich die Behandlung nicht auf ein einziges Medikament reduzieren lässt.“

Dr. med. Sebastian Strauß Facharzt für Neurologie an der Universitätsmedizin Greifswald und den LUP-Kliniken, DMKG-Kopfschmerzexperte

In der Akuttherapie ist es ähnlich: Auch hier gibt es unspezifische Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin, die durchaus eingesetzt werden, aber nicht allen Betroffenen helfen. Wenn wir Migräne-Attacken behandeln wollen, die schnell an Fahrt aufnehmen oder unzureichend auf diese Wirkstoffe reagieren, kommen Triptane zum Einsatz, die spezifisch am Angriffspunkt der Schmerzverarbeitung im Kopf-Hals-Bereich wirken. Hier stehen uns verschiedene Darreichungsformen zur Verfügung, die eine unterschiedliche Dauer der Wirksamkeit haben und sich auch im Wirkungseintritt unterscheiden. Erzielt man auch mit den Triptanen keine zufriedenstellende Wirkung, kommt im nächsten Schritt eine Kombinationstherapie in Betracht, bei der verschiedene Wirkstoffe gleichzeitig eingesetzt werden.

In der aktuellen Leitlinie zur Migränetherapie geht es auch um die Attacken-individuelle Akuttherapie. Was bedeutet das konkret, welche Vorteile hat sie für Betroffene und haben wir hier ggf. noch Nachholbedarf? Die Migräne ist so komplex, dass sich die Behandlung nicht auf ein einziges Medikament reduzieren lässt. Auch bei den hochwirksamen Triptanen geht man davon aus, dass es wirksam ist, wenn es in drei von vier Attackenfällen wirkt. Aber was machen wir mit den 25% der Fälle, wo keine Wirkung eintritt? Mit einem starren Behandlungskonzept kommen wir also nicht weiter und müssen

zusätzliche Möglichkeiten haben, die wir mit den Patienten besprechen und testen können. Hier spielen die Situationen, in denen die Migräne auftritt, und die verschiedenen Attackenformen eine große Rolle. Wenn man das als Behandler und Patient versteht, kann man in unterschiedlichen Situationen auch verschiedene Medikamente ausprobieren, um dann festzustellen, was hilft oder eben nicht. Der Patient lernt so, seine Attackentypen und -ausprägungen zu unterscheiden und spielt eine große Rolle bei der Wahl des passenden Medikaments. Denn wir Behandler sind nun mal meist nicht dabei, wenn die Migräne anrollt. Wir Behandler müssen dazu stets im engen Austausch mit unseren Patienten bleiben, um die jeweils passende Attacken-individuelle Akuttherapie zu finden.

Nicht jeder Migräneanfall ist gleich –und nicht jeder Patient kann z. B. eine Tablette schlucken. Welche alternativen Darreichungsformen gibt es, und für wen sind sie geeignet?

Das stimmt. Gerade die Übelkeit kann hier zum Problem werden, weil man aufgrund des Brechreizes nichts schlucken kann. Hier gibt es z. B. Schmelztabletten, die sich im Mund langsam auflösen, wobei wir auch hier sicher gehen müssen, dass das Medikament im MagenDarm-Trakt ankommt. Denn was bei einer Attacke auch auftreten kann, ist eine sogenannte Gastroparese: Der Magen arbeitet quasi in Zeitlupe, das orale Medikament kommt nicht oder verspätet im Darm an, wo es erst seine Wirkung entfalten kann, und dann ist die Attacke bereits in vollem Gange. Medikamentenformen, die das umgehen, sind z. B. Nasensprays oder subkutane Applikationsformen der Triptane. Diese zeigen dann auch eine deutlich schnellere Wirksamkeit, weil sie nicht erst den Magen passieren müssen.

Seit einiger Zeit gibt es auch einen Migräne-Pen, der zunehmend bekannter wird – wie funktioniert er und in welchen Fällen ist er eine sinnvolle Alternative für Migränebetroffene?

Der Pen gehört zu den subkutanen Triptanen. Er hat aber den entscheidenden Vorteil, dass Betroffene ihn selbst handhaben können. Die Anwendung ist sehr einfach, auch wenn es den einen oder anderen erst einmal Überwindung kostet, sich selbst eine Spritze zu setzen. Hat man es einmal gemacht, ist aber schnell die Übung da. Wenn eine Attacke sehr schnell und plötzlich startet oder man morgens bereits mit einer laufenden Attacke aufwacht, hat ein Pen die schnellste Wirksamkeit und kann Beschwerden rasch lindern. Auch beim sogenannten Status migraenosus, also einer Migräneattacke, die länger als 72 Stunden anhält, ist der Pen eine wirksame Option, um die Attacke zu brechen. Viele Betroffene, die den Pen kennen und bereits genutzt haben, sind sehr froh, ihn als zuverlässige Option in der Hinterhand zu haben und im Ernstfall schnell reagieren zu können.

„Man stempelte mich als Simulantin ab – dabei war es Narkolepsie“

Narkolepsie ist eine der am häufigsten übersehenen neurologischen Erkrankungen – viele Betroffenen warten Jahre, bis sie eine Diagnose erhalten. Katrin-Wiebke Müller kennt diesen Weg aus eigener Erfahrung. Als stellvertretende Vorsitzende des Narkolepsie-Netzwerk e. V. setzt sie sich dafür ein, dass andere Betroffene nicht so lange im Ungewissen bleiben. Mit uns sprach sie über ihren langen Weg zur Diagnose, den Alltag mit der Erkrankung –und die wichtige Rolle der Vernetzung unter den Betroffenen.

Narkolepsie ist vielen Menschen kaum bekannt. Wie hat sich die Erkrankung bei Ihnen gezeigt – und wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihre Diagnose erhalten haben?

Meine ersten Symptome traten schon während der Schulzeit auf. Es hat mich eine permanente Schläfrigkeit begleitet, aber damals dachte man, dass das in der Pubertät nicht ungewöhnlich sei. Ich schlief immer öfter im Unterricht ein, manchmal sogar mit offenen Augen. Ich suchte mir dann einen freien Raum, weil ich einfach schlafen musste. Im Sportunterricht hatte ich dann auch erste Kataplexien: ich verlor bei starken Emotionen die Kontrolle über meine Skelettmuskulatur und sackte in mich zusammen oder fiel um. Statt Unterstützung erfuhr ich zunehmend Misstrauen und wurde schließlich als Simulantin abgestempelt. Das war eine sehr schwere und prägende Zeit für mich. Dabei waren die Symptome im Nachhinein betrachtet Anzeichen für meine Narkolepsie-Erkrankung.

Schnell kamen dann weitere typische Symptome der Narkolepsie wie Halluzinationen und Schlaflähmungen hinzu, die wirklich furchtbar sein können, weil man dadurch eine regelrechte Angst vor dem Schlaf entwickelt, obwohl man ihn so dringend braucht. Seitens der Ärzte wurde ich deswegen erst einmal in die „psychisch belastete Schublade“ gesteckt, obwohl die Symptome eine klare physische Ursache hatten: bestimmte Nervenzellen werden im Gehirn geschädigt, die u. a. die Schlaf-Wach-Regulation steuern. Aber leider wussten und wissen Ärzte noch immer zu wenig über Narkolepsie.

Die Diagnose wurde erst über 20 Jahre später im fünften Schlaflabor gestellt, in dem ich untersucht wurde. Die Diagnose war damals eine Erleichterung für mich: plötzlich ergab alles Sinn.

Welche Missverständnisse oder Vorurteile sind Ihnen in Ihrem Umfeld begegnet?

Das Schwierigste ist, dass Narkolepsie eine unsichtbare Erkrankung ist. Man sieht mir nicht an, dass ich eine chronische neurologische Krankheit habe, die den Takt für mein ganzes Leben angibt. Das ist Außenstehenden oft schwer zu vermitteln. Zudem denken viele, dass man mit der Diagnose einfach Medikamente einnehmen kann und dann so einsatzfähig wäre wie gesunde Menschen. Das stimmt so aber nicht. Zwar sind medikamentöse Therapien sehr wichtig für uns Betroffene, aber gegen die Symptome der Narkolepsie an sich kann man nicht ankämpfen. Die Schläfrigkeit ist

otoF Pir v a

dann zwar “unterdrückt“, aber trotzdem immer spürbar. Auch die unkontrollierbaren Schlafattacken sind für viele Menschen nicht nachvollziehbar, denn man wird förmlich vom Schlaf übermannt und kann nichts dagegen tun. Für gesunde Menschen wirkt das oft befremdlich, denn sie kennen Schlaf nur als etwas, dem man sich bewusst hingibt. Narkolepsie verursacht einen Schlafdruck, dem man unkontrolliert zu jeder Minute ausgeliefert sein kann. Durch die gestörte Regulation des Bewusstseins kann es aber auch v. a. nachts dazu kommen, dass man dann wach ist, wenn man eigentlich schlafen möchte.

Wir können zudem mit spezialisierten Experten in der Nähe vernetzen, wenn Anlaufstellen gesucht werden oder schnell ärztliche Hilfe gebraucht wird.

Was wünschen Sie sich von Behandlern, aber auch von der Gesellschaft im Umgang mit Narkolepsie – und was sollte jeder über diese Erkrankung wissen? Wir würden uns wünschen, dass sich besonders Neurologen mit dem Krankheitsbild besser vertraut machen, um Diagnosewege zu verkürzen und Patienten adäquat betreuen zu können.

“Viele Betroffene haben zunächst das Gefühl, allein zu sein. Sich andere Betroffene zu suchen, mit denen man sich austauschen kann, ist eine ganz große Hilfe.“

Katrin-Wiebke Müller

Narkolepsie-Betroffene und stellvertretende Vorsitzende Narkolepsie-Netzwerk e. V.

Narkolepsie ist nicht heilbar, aber behandelbar. Welche Therapieansätze und Strategien helfen Ihnen persönlich?

Zunächst muss man die Erkrankung akzeptieren. Gegen die Symptome anzukämpfen, verschwendet nur Energie. Was vielen Betroffenen sehr hilft, ist, Routinen zu etablieren und eine gute Schlafhygiene zu betreiben: sprich, möglichst zur selben Zeit schlafen zu gehen und aufzustehen, auch wenn das durch den fragmentierten Nachtschlaf schwierig sein kann. Ich persönlich werde vor Monitoren wesentlich schneller schläfrig, daher drucke ich mir zu lesende Dokumente gern aus. Zudem kann es sehr helfen, sich Zeiten für Naps zu schaffen, wenn unser Körper eine kurze Pause braucht. Eine Integration in den Alltag hilft enorm. Zudem würde ich persönlich ohne Medikamente nicht zurechtkommen. Dafür sind meine Tageszustände zu schwankend, und die medikamentöse Therapie schenkt mir deutlich mehr Planbarkeit. Diese Therapien helfen auch dabei, die imperativen Schlafattacken und Kataplexien besser zu kontrollieren.

Sie engagieren sich im Narkolepsie-Netzwerk e. V. –was leistet diese Organisation für Betroffene? Viele Betroffene haben zunächst das Gefühl, allein zu sein. Sich andere Betroffene zu suchen, mit denen man sich austauschen kann, ist eine ganz große Hilfe. Sie finden ein geschütztes Umfeld, in dem sie einfach loslassen und all ihre Fragen stellen können. Das gilt auch für die Angehörigen von Betroffenen. Wir bemühen uns daher sehr, dafür zu sorgen, dass flächendeckend Selbsthilfegruppen entstehen, an die man sich anschließen kann. Gleichzeitig sprechen wir mit den Ärzten und schlafmedizinischen Fachkräften und beziehen diese mit ein.

Zudem wäre ein Ausbau der Telemedizin eine große Erleichterung. Wenn es um das Umfeld Betroffener geht, wäre es hilfreich, wenn diese Menschen sich vor Augen führen, dass wir viele Dinge nicht mit bösem Willen tun. Manchmal ereignen sich z. B. im Zuge von Schlafattacken oder Kataplexien unschöne Dinge: man verletzt sich, wirkt unkontrolliert und wie betrunken oder erschreckt Außenstehende sehr. Entsprechendes Verständnis würde Betroffenen sehr dabei helfen, sich nicht permanent für eine Sache schuldig zu fühlen, an der man nichts ändern kann, und die man sich zudem nicht ausgesucht hat.

NARKOLEPSIE-NETZWERK E. V. –ANLAUFSTELLE FÜR BETROFFENE, DEREN ANGEHÖRIGE & SCHLAFMEDIZINISCH TÄTIGE FACHKRÄFTE

Das Narkolepsie-Netzwerk e. V. bietet Hilfestellungen für Betroffene, alle Interessierten und Ärzte – vom Neurologen bis zum Allgemeinmediziner. Einer unserer Schwerpunkte ist der Austausch in der Selbsthilfe: So können sich Narkolepsie-Patienten gegenseitig unterstützen und sich Hilfestellungen bei Fragen rund um die Erkrankung geben. Namhafte Schlafmediziner stehen dem Netzwerk mit ihrer Expertise hilfreich zur Seite. Das schafft eine kompetente und solide Basis, um sowohl Betroffenen als auch interessierten Ärzten einen Überblick über die Symptomatik, Diagnostik und Behandlung zu geben.

Weitere Informationen: narkolepsie-netzwerk.de

Hellwach durchs Leben

Neue Perspektiven für Menschen mit schweren Schlaferkrankungen

Schlaf beeinflusst jeden Moment unseres Lebens – unsere Energie, unsere Stimmung und unsere Fähigkeit, aktiv am Alltag teilzunehmen. Für Menschen mit Schlaferkrankungen ist genau das jedoch oft eingeschränkt: Was für viele selbstverständlich ist, wird für sie zur täglichen Hürde.

Daher arbeitet Bioprojet seit Jahrzehnten daran, das zu ändern. Als familiengeführtes Unternehmen mit europäischen Wurzeln entwickeln wir für Menschen mit schweren Schlaferkrankungen neue Therapieoptionen, die dort ansetzen, wo Betroffene sie am meisten brauchen: im Alltag.

In enger Zusammenarbeit mit Fachleuten weltweit arbeiten wir daran, diese Krankheiten besser zu verstehen – und Wege zu eröffnen, die langfristig zu mehr Lebensqualität führen können.

Text Hanna Sinnecker

MEDIZINISCHE

ENTLASTUNG – EIN neues

Denken

IN DER GESUNDHEITSVERSORGUNG

Wir leben länger als jede Generation vor uns – und sind dabei so oft krank wie nie zuvor. Anhaltende Erschöpfung, chronische Schmerzen, getrübtes Denken, systemische Entzündungen: Symptome, die auftreten und sich einer klaren Diagnose entziehen. Der Alltag von Millionen Betroffenen ist dadurch belastet. Die Medizin beginnt, darauf eine neue Antwort zu formulieren – und die lautet: Entlastung.

Text Ella Krahmer

Eine neue Realität für den menschlichen Körper Schadstoffe wie Umweltgifte oder Ewigkeitschemikalien (PFAS), Mikroplastik, Nanosubstanzen, können im Körper akkumulieren – oft unbemerkt, aber mit messbaren Folgen wie dauerhaften Entzündungen oder Stress. Was daraus entsteht, sind keine klassischen Erkrankungen mit klaren Auslösern, sondern eine systemische Dysbalance: Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, chronische Schmerzen. Immer mehr Fachleute sind sich einig: Diese Beschwerden sind real – und sie haben Ursachen, die die klassische Medizin lange zu wenig in den Blick genommen hat.

Entlastung als medizinisches Prinzip Wer Gesundheit neu denken will, muss über die Abwesenheit von Krankheit hinausgehen. Medizinische Entlastung versteht den Körper als System, das im Gleichgewicht gehalten werden muss – zwischen dem, was er aufnimmt, und dem, was er verarbeiten und ausleiten kann. Wenn diese Balance dauerhaft gestört ist, reicht es nicht, Symptome zu behandeln. Dann braucht es Ansätze, die tiefer greifen.

Genau hier setzt ein wachsendes Feld aus Forschung und klinischer Praxis an: Universitäten, spezialisierte Kliniken und interdisziplinäre Teams entwickeln diagnostische Methoden und therapeutische Verfahren, die darauf abzielen, physiologische Belastungen zu erfassen und gezielt zu reduzieren.

Neurologie als Vorreiter eines neuen Denkens Besonders deutlich zeigt sich die Relevanz dieses Ansatzes in der Neurologie. Bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Parkinson, Alzheimer oder auch Long-Covidassoziierten neurologischen Beschwerden werden neben genetischen und klassischen Risikofaktoren auch chronische Entzündungsprozesse und Umweltfaktoren als mögliche Mitursachen in der Wissenschaft diskutiert.

Was verbindet diese Erkrankungen? In vielen Fällen spielen chronische Entzündungsprozesse, neurotoxische Substanzen und eine Überlastung der körpereigenen Ausleitmechanismen eine nachweisliche Rolle –

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Ayus Medical Group AG entstanden.

ZIRKULIERENDE BELASTUNG. GEZIELT REDUZIERT. INUSPHERESE®.

Im folgenden Gespräch erläutert Dr. med. Philip Mavberg, Chief Scientific Officer der Ayus Medical Group, den Wirkmechanismus der Inuspherese®, die klinische Erfahrung aus über 70.000 Behandlungen und für welche Patienten dieses extrakorporale Filtrationsverfahren als Ergänzung zur Standardtherapie relevant sein kann.

Dr. Mavberg, Sie behandeln Patienten mit einem Verfahren, das vielen vielleicht noch unbekannt ist, aber auf einem bewährten Prinzip basiert: die Inuspherese®. Was genau passiert dabei?

Die Inuspherese® basiert auf einem seit Jahrzehnten bewährten medizinischen Prinzip – der DoppelfiltrationsPlasmapherese, die unter anderem zur Behandlung stark erhöhter Blutfettwerte zugelassen ist, wenn Medikamente allein nicht ausreichen. Die Inuspherese® erweitert diesen Ansatz: Neben Lipiden werden auch Entzündungsstoffe, Autoantikörper und umweltbedingte Belastungsfaktoren gefiltert. Dieses Anwendungsfeld ist vielversprechend und Gegenstand wachsender wissenschaftlicher Forschung. Das Ziel ist nicht, eine einzelne Krankheit zu heilen, sondern die Gesamtbelastung des Körpers zu senken –individuell abgestimmt und immer als Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts.

Wie funktioniert diese Filtration?

Das Verfahren arbeitet mit zwei Filtern, die nacheinander geschaltet sind. Der erste Filter trennt das Plasma vom Blut. Der zweite, der sogenannte Plasmafraktionator, sortiert innerhalb des Plasmas vor allem nach Molekülgröße: Größere Moleküle wie bestimmte Autoantikörper oder Entzündungsmediatoren werden zurückgehalten, während kleinere, körpereigene Bestandteile wie Albumin dem Patienten überwiegend zurückgegeben werden, so dass sich diese Spiegel im Körper rasch wieder normalisieren. Der wesentliche Vorteil gegenüber der klassischen Plasmapherese: Der Eiweißhaushalt bleibt weitgehend stabil.

Für wen kommt das infrage?

Das Verfahren steht in der Tradition der Lipidapherese, für die klare, gut belegte Indikationen existieren. Die Erweiterung auf chronisch-entzündliche Erkrankungen wie

nicht als alleinige Ursache, aber als Faktor, der Entstehung und Verlauf maßgeblich beeinflusst. Forschende untersuchen deshalb zunehmend, was passiert, wenn dieser Grundlast aktiv begegnet wird: wenn der Körper nicht nur medikamentös behandelt, sondern systematisch entlastet wird. Die bisherigen Erkenntnisse sind ermutigend – etwa zeigt die Forschung zu Luftschadstoffen, dass eine gezielte Expositionsreduktion kardiovaskuläre und respiratorische Erkrankungen messbar positiv beeinflusst. Solche Befunde verschieben den Blick von der reinen Symptomkontrolle hin zu einem ganzheitlicheren Verständnis dessen, was Heilung und Stabilisierung unterstützen kann.

“Schadstoffe wie Umweltgifte oder Ewigkeitschemikalien (PFAS), Mikroplastik, Nanosubstanzen, können im Körper akkumulieren – oft unbemerkt, aber mit messbaren Folgen wie dauerhaften Entzündungen oder Stress.“

Ein Gespräch, das sich lohnt Dort, wo es gelingt, diese Grundlast des Körpers zu reduzieren, können sich oft Verbesserungen zeigen, die mit klassischen Therapieansätzen allein nicht erreicht werden konnten. Regenerationsprozesse werden angestoßen, das Immunsystem kann dabei unterstützt werden, sich zu stabilisieren, die Lebensqualität kann potenziell verbessert werden. Für Betroffene, deren Beschwerden trotz Behandlung anhalten, oder die nach ergänzenden Ansätzen suchen, lohnt es sich, das Thema medizinische Entlastung aktiv anzusprechen – beim Hausarzt, beim Spezialisten oder in spezialisierten Zentren, die sich mit diesen neuen Behandlungsansätzen beschäftigen.

INUSPHERESE® –DAS VERFAHREN AUF EINEN BLICK

Long Covid oder chronische Erschöpfungssyndrome ist ein neueres, wissenschaftlich interessantes Feld – erste Studien sind ermutigend, größere klinische Studien laufen bereits oder sind in Planung. Die Inuspherese® ersetzt keine Standardtherapie, sondern ergänzt sie. Nicht geeignet ist sie u. a. bei akuten Entzündungen, schweren Gerinnungsstörungen oder bestimmten Herzerkrankungen; eine individuelle ärztliche Abklärung ist immer zwingend erforderlich.

Was erleben Ihre Patienten nach der Behandlung? Die Rückmeldungen sind sehr unterschiedlich, und das spiegelt die Realität wider: Jeder Körper reagiert anders. Berichtete subjektive Veränderungen betreffen u. a. Fatigue, Schmerzwahrnehmung und kognitive Funktionen; ein Teil erlebt Veränderungen erst über mehrere Wochen. Das Verfahren wird ambulant durchgeführt und setzt eine ärztliche Indikation voraus. Die DoppelfiltrationsPlasmapherese als Grundtechnologie wird weltweit seit Jahrzehnten millionenfach angewendet. In unserer eigenen Auswertung von über 70.000 Behandlungen traten in 0,7% der Fälle Nebenwirkungen auf, überwiegend milde, vorübergehende Kreislaufreaktionen während oder kurz nach der Sitzung. Ernste Komplikationen sind ausgesprochen selten und liegen im Bereich dessen, was auch aus der langjährigen Anwendung der Doppelfiltrationsplasmapherese in anderen Indikationen bekannt ist. Wir dokumentieren alle Behandlungsverläufe systematisch, um die wissenschaftliche Grundlage stetig zu erweitern. Denn unser Ziel ist es, die Inuspherese® als ergänzenden Therapieansatz weiter wissenschaftlich zu untersuchen und – wo medizinisch sinnvoll – für möglichst viele Patienten zugänglich zu machen.

Was: Therapeutische Blutfiltration zur gezielten Reduktion systemischer Belastungsfaktoren (Umwelt gifte, Entzündungsmediatoren, Lipide, Autoantikörper).

Für wen: Patienten mit Fettstoffwechselstörungen, chronisch-entzündlichen, neurologischen oder autoimmunen Erkrankungen – insbesondere, wenn klassische Therapien an Grenzen stoßen.

Wie: Ambulante Behandlung in spezialisierten Zentren. Die Therapie wird individuell abgestimmt und ärztlich begleitet.

Wo: Rund 70 zertifizierte Inuspherese®-Zentren weltweit.

ZENTRUM IN IHRER NÄHE FINDEN! www.inuspheresis.com/find-center

Text Katharina Lassmann

Diagnose MS

UND EINE GANZE

COMMUNITY, DIE AUFFÄNGT

Wann und wie hast du deine MS-Diagnose erhalten — und wie hast du diesen Moment erlebt?

Ich lag bereits 2018 im Krankenhaus, weil ich Sehstörungen auf beiden Seiten hatte. Ich konnte nichts mehr sehen, das war dramatisch. Man konnte aber nichts feststellen und ging von einem klinisch isolierten Syndrom aus, aber in einem Nebensatz fielen auch die Worte Multiple Sklerose. Sicherheitshalber solle ich mich in sieben bis acht Jahren doch noch einmal untersuchen lassen.

Also habe ich für Anfang 2025 einen Kontrolltermin vereinbart, Ende August fand ein MRT statt. In dieser Zeit habe ich für meinen ersten Marathon trainiert, den ich am 7. September gelaufen bin. Am 11. September stand das MRT-Auswertungsgespräch an. Ich war der festen Überzeugung, dass ich mir dort einfach nur die finale Entwarnung abhole. Stattdessen sagte meine Neurologin, dass beim MRT Läsionen in meinem Gehirn gefunden wurden, die typisch für MS sind und zeigten, dass ich seit 2018 mehrere Schübe gehabt haben musste. Ich hatte also MS. Plötzlich passten auch andere Beschwerden, die ich im Laufe der Jahre hatte, wie Puzzleteile ins große Ganze: ich war immer wieder wegen starker, bleierner Müdigkeit (Fatigue) und Empfindungsstörungen in den Beinen beim Arzt. Nun wusste ich, dass die MS dahintersteckte.

Wie hat sich dein Alltag seither verändert?

An den Makro-Strukturen meines Lebens hat sich bisher nicht so viel verändert. Aber ich überprüfe derzeit genau, was ich weiterhin machen kann und möchte und worauf ich verzichten kann, um die Erkrankung nicht zusätzlich zu „befeuern“. Die MS muss immer mitgedacht werden, das ist für mich bisher die größte Veränderung.

Die kleinen Veränderungen stecken in Details: ich achte jetzt noch stärker auf eine antientzündliche Ernährung, auch wenn ich mich vorher schon zu 80% vegan ernährt habe. Ich treibe weiter Sport, aber passe ihn sehr genau an mein Energielevel an. Wo mein Arbeitspensum sich früher nach den Zielen gerichtet hat, die ich erreichen wollte und ich einfach durchgepowert habe, achte ich auf die Grenzen, die mir mein Körper setzt. Ich checke schon beim Aufstehen, wie voll mein Akku ist, der ohnehin meist nie die 75% übersteigt. Mit dem jeweiligen Akkustand muss ich dann haushalten, daher überlege ich mir inzwischen viel ge-nauer, wo ich meine Kraft investiere. Das hat auch bedeutet, dass sich vereinzelte Menschen, mit deren Energielevel ich nicht mehr mithalten konnte, aus meinem Umfeld verabschiedet haben. Der Großteil meines Umfeldes unterstützt mich aber sehr, wofür ich total dankbar bin!

Welche Rolle s pielen Therapien oder Behandlungen in deinem Alltag und gibt es Dinge, die dir besonders dabei helfen, deine Lebensqualität zu stabilisieren oder zu verbessern?

Zu Beginn wurde ich auf ein immunmodulierendes Medikament eigestellt, das aber seine Wirkung nicht entfalten konnte, weil ich kurz darauf einen Schub hatte. Deshalb stellte meine Neurologin dann auf ein Medikament um, das die Teile meines Immunsystems unterdrückt, die für die MSAktivität verantwortlich sind. Das bekomme ich alle sechs Monate als Infusion verabreicht. Das funktioniert bisher gut, aber ich muss natürlich mein Immunsystem stärker schützen und gehe z. B. auf größere Veranstaltungen mit einer Maske, um mich zu schützen. Was mir sehr hilft ist

Multiple Sklerose verändert ein Leben von einem Moment auf den anderen – und doch entscheiden sich manche, lauter zu werden statt leiser. Chris Marie von Nauman ist eine von ihnen: Die Beratungspsychologin teilt auf Instagram offen ihren Alltag mit MS. Im Interview spricht sie über den Moment der Diagnose, die täglichen Herausforderungen – und darüber, warum Sichtbarkeit für sie keine Option, sondern eine Haltung ist.

Sport. Ich war vor der Diagnose schon sehr sportlich und behalte das in einem für mich machbaren Umfang bei. Ich spüre, dass ich dadurch weniger Fatigue habe und die Missempfindungen in den Beinen abnehmen. Mittlerweile gibt es auch Studien, die belegen, dass regelmäßige Bewegung mit günstigeren Krankheitsverläufen in Zusammenhang steht.

Gab es Momente, in denen du dachtest „Das schaffe ich nicht mehr“ – und wie hast du diese überwunden?

Die ersten vier Wochen nach der Diagnose waren schwer. Ich habe um mein altes Leben getrauert, habe viel geweint und war sehr traurig. Dann habe ich begonnen, mich intensiv zu informieren, auch im Zuge der MedikamentenEinstellung. Es folgten viele Arzt-Termine und Untersuchungen, sodass ich gut beschäftigt war. So konnte ich in die neue Situation hineinwachsen und mit meiner neuen Lebenssituation umgehen lernen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen über Instagram hat mir sehr geholfen. Schwierige Phasen habe ich immer wieder, aber ich versuche stets, mir selbst ein guter Freund zu sein und habe mir dafür auch therapeutische Unterstützung gesucht.

Du gehst auf Instagram sehr offen mit deiner Erkrankung um und schaffst Aufmerksamkeit rund um MS. Warum hast du dich entschieden, deine Erkrankung öffentlich zu thematisieren? Zu Beginn habe ich nur meinen Eltern und sehr engen Freunden davon erzählt. Darüber hinaus wollte ich mit keinem über meine Diagnose sprechen, auch im Job habe ich zunächst nichts gesagt. Irgendwann fühlte das sich an wie eine große Last, wie ein schreckliches Geheimnis, das ich mit mir herumtrage, obwohl ich gar nichts für meine Diagnose kann!

Ich hinterfragte immer mehr, warum das so ein Problem für mich ist, und merkte, dass das gesellschaftlich so gewachsen ist: Wir sollen immer fit und einsatzbereit sein, müssen stets performen. Da passt eine chronische Krankheit nicht ins Bild. Das ärgerte mich irgendwann so sehr, dass ich mich davon befreien wollte.

Also begann ich, auf meinem Instagram-Kanal auch Facetten meines Lebens mit MS zu teilen. Zu Beginn habe ich mich vorsichtig herangetastet, weil ich nicht plötzlich „die mit MS“ sein wollte. Ich bin damals gar nicht auf die Idee gekommen, dass es noch viele andere Menschen gibt, denen es genauso geht, und dass es eine riesige MS-Community gibt! Ich merkte: Ich bin eine von vielen, und zwar im allerpositivsten Sinne. Plötzlich wurde ich gesehen, ernst genommen, verstanden. Das hat mir sehr viel Mut und Kraft gegeben. Durch dieses großartige Miteinander traute ich mich, immer mehr preiszugeben.

Man lernt voneinander und fängt sich gegenseitig auf, das ist etwas ganz Besonde res. Mittlerweile sehe ich das als meine Form von Aktivismus, um Sichtbarkeit zu schaffen und zu zeigen, wie es ist, mit einer chronischen Erkrankung wie MS zu leben.

“Ich bin eine von vielen, und zwar im aller positivsten Sinne.“

Mehr zu Chris‘ Alltag mit MS gibt es bei Instagram!

@CHRIS.MARIE.VON.NAUMAN

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