Amt der Tiroler Landesregierung, Jugendreferat
zum Beispiel
Nr. 1
Beitr채ge zur Jugendarbeit in S체dtirol und Tirol
> > > >
Geschlechterpolitik Landesjugendbeir채te Israel Streetwork
> Girls Power
[Thema]
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
FEBRUAR 2009
Verlagspostamt 6020 Innsbruck. Erscheinungsort Innsbruck. P.b.b. GZ 02Z030010M
Leitartikel
Geschichte trifft Zukunft Das Jahr 2009 steht in Tirol ganz unter dem Gedenk-Schwerpunkt „Geschichte trifft Zukunft“. Anlass sind die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1809 bzw. das Leben und Sterben der damaligen Tiroler Freiheitskämpfer. Die Meinungen, welche Rolle Andreas Hofer, Pater Haspinger oder Josef Speckbacher damals gespielt haben, gehen heute auseinander, die Palette der Bezeichnungen der damaligen Freiheitskämpfer reicht vom Helden oder Märtyrer bis zum religiösen Fanatiker oder Fundamentalisten. Letztlich ist es immer schwierig, Menschen und deren Handlungen aus der Vergangenheit ganz zu verstehen. Unbestritten scheint aber doch zu sein, dass jene, die damals gegen Franzosen und Bayern gekämpft haben, ihr Land, ihre Heimat und ihre Werte im Auge hatten. Für die Erhaltung dieser Werte war es ihnen offensichtlich wichtig, aufzustehen, sich einzusetzen und in letzter Konsequenz auch die kriegerische Auseinandersetzung zu wählen. Unabhängig davon, wie die Bewertung der früheren Zeit
ausfällt, die Analyse der Vergangenheit, kann und soll den Blick in die Zukunft schärfen. Darin sehe ich auch die Chancen und Möglichkeiten des Kreativwettbewerbs 2009 „Geschichte trifft Zukunft“. Junge Menschen sind aufgerufen, ihre Zukunft, unter dem Blickwinkel unseres geschichtlichen Erbes, in Bild, Wort und Musik darzustellen. Junge Menschen sollen sich Gedanken machen, woher sie kommen und wohin sie gehen (wollen). Alle MultiplikatorInnen der Kinder- und Jugendarbeit, LehrerInnen, JugendleiterInnen und Jugendverantwortliche, sind eingeladen, unsere Jugend zur Teilnahme zu motivieren. Wichtig ist aber auch schon jetzt, dass sich die Verantwortlichen in unserem Lande bewusst sind, dass die Beiträge der jungen Menschen ernst genommen werden. Dabei vertraue ich auf die PolitikerInnen in unserem Lande, dass der Kreativwettbewerb ein weiterer wichtiger Schritt sein wird, dass die Ansichten, Ideen und Vorstellungen junger Menschen gehört, ernst genommen und berücksichtigt werden. Mag. Reinhard Macht
Impressum
2
Beiträge zur Jugendarbeit in Südtirol und Tirol • Offenlegung (Gem. § 25 Mediengesetz) • Medieninhaber (Verleger): Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung JUFF, Michael-Gaismair-Str. 1, 6020 Innsbruck • Abteilungsvorstand: HRin Dr.in Waltraud Fuchs-Mair, Kooperation mit dem Amt für Jugendarbeit in Südtirol • Redaktion: Helga Baumgartner/Andres, Klaus Nothdurfter, Mag. Reinhard Macht, Mag. Christine Kriwak • Kontakt: Helga Baumgartner@provinz.bz.it oder juff.jugend@tirol.gv.at • Fotoredaktion: JUFF, Bilderbox, Ernst Gutschi, Amt für Jugendarbeit • Unternehmensgegenstand: „zb“ dient zur Information für die Jugendarbeit. Die Zeitschrift wird den Verantwortlichen in der Jugendarbeit und allen Interessierten gratis zur Verfügung gestellt. Grundlegende Richtung: Im „zb“ werden nach überparteilichen, sachbezogenen Gesichtspunkten und nach journalistischen Kriterien eigene und fremde Beiträge für die Jugendarbeit publiziert • Grafische Gestaltung: MEDIAmacs • Druck: Fotolito Varesco • Konzept: MEDIAmacs • Titelseite: Lisandra Barros Mendonça
i
ZUM THEMA
Geschlechterpolitik in der Gemeinde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Gestrandet Ein Theaterpürojekt des Juze „Jux“ in Lana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Medienpädagogik in der offenen JA Geschlechtsspezifische handlungsorientierte Medienpädagogik in der JA. . . . . . . . . 7 Was machen die Mannsbilder mit den Jungs? Burschenarbeit aus der Sicht eines Männerberaters . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Quo vadis Mädchenarbeit? Perspektiven geschlechtsbezogener Kinder- und Jugendarbeit . . . . . . . . . . 10
Stromkeller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 10 Jahre Jux Streetwork Schwaz Tag der offenen Tür . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Politik-Lexikon für junge Leute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Neue Landesjugendbeiräte . . . . . 25 Israel Eine Reise ins heilige Land . . . . . . . . 26
Editorial
inhalt
Die Frage nach der Bestimmung des eigenen Geschlechts sollte immer mit einer Bestimmung der eigenen Fähigkeiten und Werte einhergehen. Was ich gut kann und gerne tue oder tun möchte und mir wichtig ist, das sollte ich im Leben verwirklichen. Wer dann hinter dem Herd und wer hinter dem Schreibtisch oder an der Werkbank steht, ist dabei irrelevant. Es geht darum, sich erstmals von eingefahrenen Stigmen zu lösen und alle Möglichkeiten zuzulassen. Es würde unser Leben bereichern und wir wären zufriedener. Schließlich tut jede/r lieber das was er/sie gerne tut und ist zufriedener wenn er/sie seine/ihre Fähigkeiten einbringen kann. Man möchte meinen, dass dies in einer Gesellschaft wie der unseren, in der fast alles möglich ist, selbstverständlich sei. Am besten fassen wir uns selbst einmal an der Nase und überprüfen, ob wir imstande sind, alle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung zuzulassen und wie weit wir uns von vorgegebenen Stereotypen stempeln lassen. In diesem Sinne wünsche ich allen LeserInnen eine gute Lektüre und ein erfolgreiches Arbeiten im Neuen Jahr.
Rosarot und Himmelblau Geschlechterbilder in den Medien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Helga Baumgartner
Seitenweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
AKTUELLES INFOECK InfoEck Imst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Fit für’s Leben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 n_irgendwo daheim Stationen Asylsuchender auf ihrer Reise ins Ungewisse . . . . . . . . . 20 Lebensraum Jugend Jugendliche gestalten und „leben“ ihren Lebensraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Girls Power Kurs, Workshops & more für Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 57. Redewettbewerb 2009 Für klare und präzise Gedanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Menschen und Jobs . . . . . . . . . . . . . . . 28 Kurz vor Schluss
...................
30
Redaktionstermin für die nächste Ausgabe des z.B.:
27. Februar 2009 THEMA: Vergangenheit trifft Zukunft
Seite 15-18
Bildungsprogramm zum Herausnehmen
3
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
Geschlechterpolitik in der Gemeinde 1999 hat die EU die Strategie des sog. Gender Mainstreaming (GM)* eingeführt, das für die EU-Mitgliedsländer verbindlich ist und die Gleichstellung der Geschlechter in allen Lebensbereichen zum Ziel hat.
D
as Südtiroler Amt für Jugendarbeit hatte sich bereits vorher schon zum Ziel gesetzt, möglichst viele MitarbeiterInnen in der Jugendarbeit für die geschlechtsbezogene Arbeit zu sensibilisieren. Die Frage, ob Kinder und Jugendliche auch in ihrer geschlechtlichen Identität wahrgenommen werden und wie die Be-
gen zu Körper, Beziehungen, Sexualität ansprechen)
•
Im Erziehungs- und Bildungsbereich kann das „Gendern“ mit diesen Maßnahmen erfolgen:
•
•
4
die Persönlichkeitsentwicklung unter Berücksichtigung des Geschlechts begleiten, (z. B. Selbstbewusstsein und Selbständigkeit als Mädchen entwickeln) die Beziehung zum eigenen Geschlecht bzw. die Entwicklung einer Geschlechteridentität fördern (Fra-
Geschlechterpolitik auf Gemeindeebene umfasst aber mehr als die Arbeit in Jugendeinrichtungen: Die Gemeinden selbst wären als öffentliche Verwaltungen besonders gefordert, Maßnahmen zur Umsetzung des Gender Mainstreamings zu ergreifen, da es sich um ein Top-down-Prinzip handelt, also von übergeordneten Strukturen ausgehen müsste. Eine geschlechtergerechte Planung auf Gemeindeebene wäre eine willkommene Unterstützung der oben beschriebenen konkreten Arbeit.
•
Bewusstmachen und Aufweichen von Geschlechterrollen (wer fühlt sich wofür zuständig? Aus Zwang oder Vorliebe?)
•
Reflexion der Rolle als Erzieher und Erzieherin (Nehme ich eine traditionell weibliche/männliche Rolle ein? Was könnte ich anders machen?)
•
Freiräume für Jungen und Mädchen schaffen (Was brauchen Jungen/Mädchen zum Wohlfühlen? Können sie ihre Bedürfnisse äußern und können sie etwas verändern?)
•
Zugang von Materialien und Medien für beide Geschlechter überprüfen (Was wird in Medien vermittelt? Ist die Art und Weise für Mädchen/Jungen geeignet?)
•
Ressourcen gerecht verteilen (Geld, Räume, Zuwendung für beide Geschlechter)
Als wirksames Instrument hat der Europarat für öffentliche Haushalte das Gender Budgeting ausgemacht, d. h. die Ausweisung der finanziellen Mittel soll so erfolgen, dass ersichtlich wird, welche Auswirkungen die Einnahmen und Ausgaben auf die ökonomische, kulturelle und soziale Situation von Frauen und Männern haben und wie sie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern beeinflussen. Es handelt sich um ein komplexes Instrumentarium, das nicht einfach ein Zahlenspiel ist, sondern, wie weiter unten erklärt, prozesshaft und mit Fachkompetenz eingesetzt werden muss.
In der Jugendarbeit wird bereits gegendert, freilich nicht systematisch oder gar flächendeckend in ganz Südtirol. Immerhin gibt es seit Dezember 2008 „Grundlagen der Offenen Jugendarbeit“, wo die geschlechtssensible Jugendarbeit als Schwerpunktthema festge-
Ein wesentliches Element beim Gender Budgeting ist die Einbeziehung der Betroffenen selbst, sie sind die ExpertInnen, die Auskunft darüber geben können, welche Maßnahmen zu ihrem Wohl oder Schaden sind. Auf Gemeindeebene wurde bereits mit verschiedenen Partizipati-
Gerda Gius
ziehungen zwischen Mädchen und Buben gestaltet werden können, hing aber wesentlich vom Interesse und von der Kompetenz der MitarbeiterInnen ab. Mit GM wurde dann ein Instrument von oben eingeführt - als Unterstützung und Garantie, dass eine Chancengleichheit ohne Unterschied des Geschlechts (gender) in allen Bereichen erreicht werden kann.
Erkennen und Fördern der individuellen Interessen, Stärken und Fähigkeiten von Jungen und Mädchen (besonders jene, die geschlechtsuntypisch sind und deshalb oft abgewehrt werden)
schrieben wird - wohl auch dank der Vorarbeit in den geschlechtsspezifischen Arbeitskreisen.
•
ist bedarfsgerechter und konsensfähiger als eine Planung für „alle“
•
berücksichtigt geschlechterspezifische Aspekte im gesamten Beteiligungsprozess: gleichwertige Vertretung der Geschlechter, Moderation mit Genderkompetenz, Gendercheck
Im letzten Punkt wird der Unterschied zu allgemeinen partizipativen Planungen deutlich, Es mutet zwar eigenartig an, dass in einem partizipativen Kontext der Aspekt Geschlechter eigens erwähnt werden muss, die Erfahrung zeigt aber, dass die geschlechtsspezifischen Anliegen von Frauen unter „normalen“ Umständen tatsächlich unbewusst oder unausgesprochen bleiben.
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
Patchworkfamilien bis hin zu Mehrgenerationenfamilien oder Alleinlebenden
Was aber können wir unter Gender Check verstehen? Ein Gender Check stellt Grundfragen und ist hilfreich, um festzustellen, ob die Ziele der Planung erreicht werden können:
ons-Modellen ein wichtiges Signal gegeben: Kinder und Jugendliche werden einbezogen und bis in die Raumplanung, wie bei der Gestaltung des Kinderspielplatzes z. B. in Völs am Schlern beteiligt. Damit wurde ein Tabu gebrochen: ExpertInnen sind nicht nur Fachleute und Gewählte (meist männlich und im mittleren Alter), sondern die Betroffenen selbst. Was (meist) in gutem Glauben als das Beste für alle scheint, ist oft nämlich an den Bedürfnissen von Mädchen und Frauen vorbei geplant und insofern keine gute Investition. Partizipative Prozesse sind deshalb das Um und Auf für die Geschlechterpolitik in der Gemeinde, vorausgesetzt, dass auch die Methoden geschlechter- und altersgerecht eingesetzt werden. Ge-
schlechtergerechte Planung ist wie jede partizipative Praxis, vielleicht mühsamer, aber nachhaltig und gewinnbringend für die Gemeinde. Sie
•
•
•
benötigt eine partizipative Planungskultur, fördert Beteiligung und Engagement von Betroffenen, MultiplikatorInnen, Gruppen sorgt dafür, dass Mädchen und Buben, Frauen und Männer, Seniorinnen und Senioren die gleiche Chance haben, ihre Bedürfnisse zu erkennen und in der Gemeinde einzubringen berücksichtigt unterschiedlichste Lebensphasen und Lebensentwürfe, von der klassischen Kleinfamilie über
•
Sind männliche und weibliche BürgerInnen von einer Planung/Maßnahme unterschiedlich betroffen?
•
Welche Auswirkungen hat die Planung/Maßnahme auf deren Lebensbedingungen, wie Arbeit, Mobilität, Freiraum?
•
Welche Auswirkungen hat sie auf die Chancengleichheit der Geschlechter? Wie kann sie gegebenenfalls verbessert werden?
WARUM erfolgt die Umsetzung des Gender Mainstreaming bisher schleppend? Es mangelte wohl lange an der Vorstellung, mit welchen konkreten Maßnahmen die Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden könnte. Und in unseren Breiten wird das Thema meist als Anliegen der Frauen angesehen, die sich dafür einzusetzen hätten. Mittlerweile haben sich gar einige, darunter auch Männer, in 5
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
verschiedenen europäischen Ländern zu Gender-TrainerInnen qualifiziert und konnten einschlägige Erfahrungen sammeln. Es zeichnet Gemeindeverwaltungen aus, wenn sie Geschlechterpolitik als Auftrag erkennen und verankern. Wird das Ziel der Chancengleichheit der Geschlechter im Leitbild der Gemeinde festgeschrieben? Wer hält das Anliegen im Blick? Welche konkreten Maßnahmen werden durchgeführt? Entscheiden sie sich für Gender Budgeting, so gibt es mittlerweile genügend TrainerInnen, die sie darin fachgemäß begleiten können. Genderplanning, d. h. geschlechtergerechte Raumplanung, bietet sich als Teilbereich für das Gender-Budgeting besonders an. Alle, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen sind von Dorf- oder Stadterneuerung, Freiraumplanung, Mobilität, Gestaltung öffentlicher Plätze und Straßen betroffen. Z.B. sind kurze und gut überschaubare Wege praktisch und zeit-
sparend, sicher, umweltfreundlich und gemeinschaftsfördernd. Dennoch werden Verbindungen häufig noch vom Reißbrett aus und nach technisch-ästhetischen Prinzipien geplant. Mit Gender-Budgeting/Genderplanning wirft die Gemeinde einen differenzierteren Blick auf die Bedürfnisse der ge-
samten Bevölkerung als ohne diese Instrumente, sie wird zukunftsfähig und erhöht ihre Standortqualität, schließlich bestimmen die Infrastrukturen an Wohnund Arbeitsort oft, ob Familie, Beruf, Ehrenamt und Freizeit vereinbar sind. Setzen wir uns ein, damit in unseren Gemeinden „rosige“ Zeiten für alle „herrschen“! Dr. Gerda Gius Amt für Jugendarbeit
Quellen •
Handreichung „Gender Kompass. So wird Planung eine runde Sache“ zu Modellprojekten in der Region Rheinpfalz. 2008 Bezug: frauenmitplan@gmx.de
•
Praxisbericht zum Projekt „Gender Mainstreaming bei Trägern der Jugendhilfe in NRW“, Fachstelle Gender NRW
•
Genderplanning. Leitfaden für gendergerechte Planung in der Gemeinde (zum Interreg Projekt Genderplannning – geschlechtergerechte Planung im öffentlichen Raum) Juli 2008. Hrsg. Amt der Vorarlberger Landesregierung, Frauenreferat, u.a.
LINKS •
www.genderalp.at
•
www.genderkompetenz.info
•
www.difu.de (Deutsches Institut für Urbanistik)
•
www.frauen-rpk.de (Gleichstellungsstelle des Rhein-Pfalz-Kreises)
•
www.magwien.gv.at/stadtentwicklung/alltagund-frauen/
Welche Ziele verfolgt Geschlechterpolitik? Es geht um die Herstellung von Chancengleichheit von Männern und Frauen und in der Folge um Geschlechtergerechtigkeit. Mechanismen und Strukturen können geschlechtsspezifische Rollen, Rechte und Pflichten verstärken – oder verflüssigen! Es geht also darum, die Rahmenbedingungen für die Nutzung von Ressourcen so zu gestalten, dass sie für Frauen und Männer gleichermaßen zugänglich sind. Die EU sieht dafür vor: > Gender Mainstreaming: Es gibt keine direkte Übersetzung des Begriffs, der sich zusammensetzt aus gender (sozial geprägtes Verständnis von Mann und Frau) und mainstreaming (Übernahme eines Denk- und Handlungsmusters in den „Hauptstrom“). G.M. heißt also, dass in allen Bereichen die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bewusst gemacht wird, und die strukturellen Rahmenbedingungen zur Beseitigung dieser Ungerechtigkeit geschaffen werden müssen. > Gender Budgeting: Im öffentlichen Haushalt müssen Informationen zur Wirkung der Ausgaben und Einnahmen auf die Geschlechter (Genderinformationen) berücksichtigt werden. Dadurch wird deutlich, welche Zielgruppen erreicht werden und welche ökonomischen Effekte vorliegen. Die Darstellung der Wirkung ist für die Überprüfung der Folgen von Bestimmungen und Beschlüssen, interessant. Gender Budgeting wird so zu einem transparenten Steuerungsinstrument hinsichtlich der Verteilung öffentlicher Mittel. Das Budget muss aber nicht immer 50:50 verteilt werden, z. B. bei bisheriger Benachteiligung eines Geschlechtes oder bei fachlicher Begründung. > Genderplanning: Geschlechtergerechte Raumplanung, bei der frühzeitig und prozessartig viele Teilaspekte (Begegnung, Freizeit, Erholung, Bildung, Beschäftigung, Nahversorgung, Wohlfühlen, Belebung, Mobilität, Kommunikation) berücksichtigt werden. 6
in der offenen JA Geschlechtsspezifische handlungsorientierte Medienpädagogik in der offenen Jugendarbeit
Die Lebenswelten von Jugendlichen sind größtenteils Medienwelten, da Medien im Alltag von Heranwachsenden eine große Rolle spielen. Jugendliche nutzen Medien vor allem in ihrer Freizeit, hier kann die offene Jugendarbeit anknüpfen, da sie die besten Voraussetzungen für die Realisierung medienpädagogischer Angebote hat. Jugendarbeit basiert auf dem Prinzip der freiwilligen Teilnahme ohne jedweden Leistungsdruck, die Angebote werden von den Jugendlichen selbst mitbestimmt, und es kommt zur Bildung von Peergroups. Für die Umsetzung handlungsorientierter medienpädagogischer Angebote findet die Methode der aktiven Medienarbeit Anwendung.
Aktive Medienarbeit Aktive Medienarbeit ermöglicht den Jugendlichen den Schritt von der passiven Nutzung hin zur aktiven Mitgestaltung von Medien. Auf diese Art werden Heranwachsende angeregt, Medien kreativ und selbstbestimmt zu nutzen sowie Medien selbst zu produzieren. Aktive Medienarbeit gilt als „Königsweg“ der medienpädagogischen Arbeit, weil Jugendliche Medien selbst in die Hand nehmen und sich darüber ausdrücken. Sie setzen sich mit ihrer Medienwelt auseinander, machen neue Erfahrungen, erweitern ihre Kommunikationsfähigkeit und bringen ihre eigenen Interessen und Probleme in der Gesellschaft zum Ausdruck.
Medien und Mädchen Die medienpädagogische Arbeit mit Jugendlichen zeigt nach wie vor Ge-
schlechterdifferenzen bei der Herangehensweise an Medien und deren Technik auf. Buben haben häufiger Zugang zur Medientechnik und zeigen sich deshalb erfahrungsgemäß selbstbewusster im Umgang mit Medien. Bestärkt wird dieses
Irene Ohnewein
Phänomen durch Geschlechterstereotypen wie „Technik ist Männersache“. Die gemeinsame Betreuung von Mädchen und Jungen mit dem Ziel der Chancengleichheit sollte den Geschlechtern dieselben Zugangsmöglichkeiten zu Medien und Medientechnologien ermöglichen. Da die Mediennutzung von Mädchen und Jungen jedoch von Unterschieden gekennzeichnet ist, birgt die Koedukation auch Probleme: zum einen werden Mädchen von Jungen vielfach zurückgedrängt, zum anderen werden die Interessen von Mädchen oft als zweitrangig eingestuft. Der Gleichheitsansatz läuft Gefahr, männerorientiert zu handeln und Mädchen aufgrund ihrer Sozialisation Defizite zuzusprechen. Auch der Mangel an qualifizierten Medienpädagoginnen wirkt sich negativ auf die Zukunftschancen von Mädchen aus. In geschlechtshomogenen Medienangeboten kann spezifisch
auf die Interessen und Bedürfnissen von Mädchen eingegangen werden. Damit eine geschlechtsneutrale medienpädagogische Arbeit durchgeführt werden kann, sollte deshalb die Koedukation aufgelöst werden. Denn nur so kann ein Raum ohne Geschlechterhierarchien für Mädchen geschaffen werden, in dem ihnen der Zugang zur Technik offen bleibt. Bis heute werden Mädchen und junge Frauen nicht ausreichend gefördert, was Medienberufe betrifft, weshalb der außerschulischen Jugendarbeit eine große Bedeutung bei der Vermittlung eines Zugangs zu Medien und anderen Technologien für Mädchen zu. Geschlechtsspezifische handlungsorientierte Medienangebote bieten eine Gelegenheit, an die Fähigkeiten der weiblichen Jugendlichen anzuknüpfen und das Interesse bei Mädchen für Medienberufe zu wecken. Berufe im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik bieten oft flexible Arbeitsorte und Arbeitszeiten und stellen deshalb vor allem für Mädchen eine Chance dar, in Zukunft Familie und Beruf besser zu vereinen. Deshalb ist es auch ein frauenpolitisches Ziel, den Anteil von Mädchen in Medienberufen drastisch zu erhöhen. Medienpädagogik ist bis heute kein fester Bestandteil der Jugendarbeit. Ein Problem stellt meist die Finanzierung für technische Geräte und die Aus- und Weiterbildung für JugendarbeiterInnen dar. Für zukünftige Jugendmedienarbeit ist die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen für medienpädagogisches Personal und technische Ausstattung wünschenswert.
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
Medienpädagogik
Dr. Irene Ohnewein Pädagogische Mitarbeiterin im Jugendzentrum Fly Leifers 7
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
Burschenarbeit aus Sicht eines Männerberaters
Was machen die
Mannsbilder mit den
Jungs? „Schönen guten Morgen, ich bin NN, 47 Jahre alt, habe einen Sohn und eine Tochter, beide erwachsen, ich bin seit vielen Jahren verheiratet. Seit 14 Jahren arbeite ich bei der Männerberatung Mannsbilder mit, also seit es die Männerberatung in Tirol gibt.“ So oder so ähnlich begrüße ich die Burschen, mit denen ich es in einem „Burscheneinsatz“ zu tun habe. Während mein Kollege sich vorstellt, schaue ich auf die Gruppe, merke mir, wie sie sitzen, wer sich zurücklehnt, wer aus dem Kreis drängt, wie sie körperlich „beinand“ sind, auf welche Reizwörter sie reagieren. Gleichzeitig bin ich bei mir und merke, was in mir vor geht, was die Burschen in mir auslösen. Dann schildere ich knapp, was wir in der Männerberatung so machen – und dass sich viele Männer, die heute an einer schwierigen Situation leiden, gewünscht hätten, dass sie in ihrer Jugend davon gehört hätten, wie das mit dem Mannsein so ist. Deshalb sind wir jetzt da. Mein Kollege beschreibt, welche Regeln bei unseren Treffen gelten: Ausreden lassen, sich einbringen und dass wir als Berater zwar unsere Eindrücke ihren LehrerInnen, ErzieherInnen, etc. schildern, dass wir aber der Verschwiegenheit unterliegen und deshalb nicht Vorfälle mit konkreten Namen weitererzählen. Meist habe ich jetzt genügend Informationen, dass ich weiß, mit welcher Fragestellung und welcher Methode ich weitermache. Zu diesen Infos gehören auch räumliche Aspekte: Wie ist der Raum gestaltet, in dem sie sich aufhalten? Wie bewegen sie sich z.B. in ihrem Klassenzimmer? Ich schau’ meinen Kollegen
8
an und wenn es nicht von vornherein klar ist, stimme ich mich mit ihm vor der Burschengruppe ab. Dabei erklärt einer von uns den Jungs – warum wir zu zweit kommen: Es ist gut, dass Männer nicht alles allein machen müssen, dass sie auf die Unterstützung anderer setzen können.
Und das, was jetzt kommt, hängt ganz von den Jungs ab. Die Themen kreisen meist um Gewalt und Sexualität und alles, mit dem sie ihre Männlichkeit unterstreichen: z.B. Sport und Alkohol. Oder auch, wie sie ihre Väter und Lehrer erleben. Manchmal erlebe ich die Jungs, meinen Kollegen und mich so gespannt, dass es wie von selbst geht. Ein andermal
bauen wir ein paar Körperübungen ein oder einige Demonstrationen. Wenn ich es im Körper merke, um was es da geht, dann merken es die Jugendlichen vielleicht auch. So ernst die Erlebnisse der Burschen auch sind – manchmal kommen mir fast die Tränen – so wichtig ist für mich der Humor. Die Auseinandersetzung mit dem Mannsein darf Spaß machen. Am Ende legen wir die Inhalte des zwei-
ten Treffens fest, häufig nehmen sich einzelne Burschen auch kleine Aufgaben mit, was sie in den nächsten Wochen versuchen werden und wie sie auf Veränderungen achten können.
Wir als Mannsbilder möchten, dass die Burschen bei diesen 2 x 2 Stunden erleben, dass Selbstempathie, Empathie für die anderen, männliche Identität, Selbstwert und Gewaltprävention zum Mannsein gehören. Wenn ich diese fünf Aspekte mit meinem Kollegen im Burscheneinsatz bei mir erlebe, dann erleben die Jungs das zumindest auch als Zeugen mit. Ich achte also darauf, dass ich nicht nur die Burschen wahrnehme, sondern auch mich; dass ich die „Stillen“ nicht übersehe; dass ich mich als Mann wohl fühle, (damit fällt auch die Protzerei weg) und – ich achte auf meine Macht, dass ich in meinen Konfrontationen behutsam vorgehe und trotzdem klar Stellung nehme, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Ich bewege mich beim Burscheneinsatz in der Lebenswelt der Jugendlichen, die um uns herum sitzen, in ihrem Klassenzimmer oder ihrem Jugendzentrum. Das macht es mir leichter, mich in sie hineinzufühlen, wie es ihnen in ihrem Lebensraum geht. Burscheneinsätze z.B. in der Männerberatung sind schwieriger, da wird ein neuer künstlicher Raum aufgemacht, der mit den konkreten Jugendlichen wenig zu tun hat.
Was ist der Boden der Burschenarbeit? Der Boden unserer Arbeit mit Burschen ist die Männerberatung. Ich bin meinen Klienten dankbar dafür, was ich alles von ihnen gelernt habe. Viele kränkende, zerstörerische und unerträgliche Situationen habe ich dadurch kennen gelernt, ohne diese Erfahrungen selber machen zu müssen. Die Unterstützung für die Männer in der Beratung hat uns Mannsbilder gezeigt, worauf es bei den Jugendlichen ankommt, was sie brauchen, damit sie ihre Stärken entdecken und ausbauen können, ohne anderen wehzutun. Deshalb achte ich darauf, diesen Boden nicht zu verlieren, ich mache mehr Beratungen als Burscheneinsätze. Ich möchte den Burschen gut geerdet gegenübertreten, als einer, der auch die Uner-
träglichkeit des Mannseins kennt, und der nicht immer alles besser weiß. Daher habe ich den Mut, aus meiner Erfahrung zu schöpfen.
Und weshalb Boysdays? Die Arbeit mit den Männern bei den Mannsbildern hat mir deutlich gemacht, wie wichtig für Männer ein guter Beruf ist, in dem sie ihre Fähigkeiten umsetzen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Männer haben auch viele Qualitäten im emotionalen, empathischen, sozialen Bereich. Für manche Jungs wäre der Pflegebereich oder das Mundwerk (Kindergarten, Volksschullehrer) ein geradezu idealer Beruf, um zufrieden Mann sein zu können. In den Boysdays möchte ich sie ermutigen, diesen Weg wenigstens zu überlegen. Außerdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass sich Buben wohler fühlen und zufriedener Mann werden, wenn auch Männer sie im Alltag, schon in der Kindergruppe oder in der Volksschule begleiten.
Was hat das alles mit Gender zu tun? Ich bin kein Gender-Experte. Ich bin ein Praktiker, der viel übrig hat für eine gute Theorie. Das Verständnis für das andere Geschlecht geht über das Verständnis des
eigenen Geschlechtes. Die Wertschätzung des anderen Geschlechts ist nur möglich, wenn ich mein eigenes wertschätze. Dann ist Gleichwertigkeit möglich, die für mich die Basis für ein gelungenes Zusammenleben von Frau und Mann in der privaten und öffentlichen Welt ist. Wenn Burschen im Bezug zu sich selbst verunsichert sind, dann besteht die Gefahr, dass sie zu überkommenen Rollenmustern greifen, weil sie sich davon mehr Sicherheit erhoffen. Wenn sich das erwünschte Gefühl der Selbstsicherheit nicht einstellt, dann wird im Sinn dieser Rollenmuster nachdrücklich nachgebessert: Niedermachen, das Eigene selbst überbewerten, Gewalt. Jungendliche, die sich in aller Unsicherheit gestärkt erleben, haben Mut, Neues auszuprobieren, weil sie sich mögen – mit ihrer männlichen Identität. Für uns steht also nicht die Geschlechterrolle im Mittelpunkt – das halte ich sogar für gefährlich – sondern der Einzelne, der sich mit jenen Menschen, die für ihn wichtig sind, solidarisch zeigt, gleichgültig ob es sich um Frauen bzw. Mädchen oder Männer bzw. Burschen handelt.
Geschlechterspezifische Jugendarbeit
Was ist der Sinn der Burscheneinsätze?
Edwin Wiedenhofer Mannsbilder – Männerberatung 0512 – 576644 Anichstraße 11, 6020 Innsbruck
Das Angebot der Mannsbilder Zur Zeit bieten für Burschengruppen (ab dem. 12. Lebensjahr) Krafträume, Krisen interventionen in Gruppen und Boysdays an. Im Jahr 2007 wurde mit 20 Gruppen gearbeitet. Die Burscheneinsätze koordiniert Martin Oberthanner. Unsere Genderexperten, die auch Fortbildungen – auf Wunsch mit Gendertheorie – anbieten sind: - Gotthard Bertsch: gotthard.bertsch@mannsbilder.at - Karl Stark: karl.stark@mannsbilder.at - Martin Oberthanner: martin.oberthanner@mannsbilder.at 9