Predigt zu Lukas 6,27-35 Von Helmut Gollwitzer Aber ich sage euch, die ihr zuhöret: Liebet eure Feinde; tut denen wohl, die euch Haffen; segnet die, so euch verfluchen; bittet für die, so euch beleidigen. Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den andern auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock, wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, da fordere es nicht wieder. Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, also tut ihnen gleich auch ihr. Und so ihr liebet, die euch lieben, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch. Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf daß sie Gleiches wieder nehmen. Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen. „Aber ich sage euch, die ihr zuhöret“: Denen, liebe Gemeinde, die bis hierher zugehört haben, wird das gesagt, und nur sie können es fassen als eine Botschaft des Evangeliums. Denn in diesem so unübersteiglich schweren Wort „Liebet eure Feinde!“ ist die ganze Freudenbotschaft enthalten, deutlich für den, der bisher hat zuhören können, so deutlich wie kaum in einem anderen Wort. „Ich sage euch aber, die ihr zuhöret“, die ihr so zuhöret, daß ihr zu ihm gehört, so wie eben ein Jünger hört, wenn der Meister redet, durch den er ein Jünger ist und aus dessen Wort er sein Leben hat. Denen und euch hier, wenn ihr so zuhören wollt, wird's gesagt, also euch, so weit ihr gehört habt mit einem inneren Ohr die Seligpreisungen. Denn ohne das Seligpreisen, das vorangegangen ist, kann alles Folgende gar nicht verstanden werden. „Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben's nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben's nicht gehört“ (Lk. 10,24). Zu armen Menschen, deren Reichtum er gepriesen hat, sagt Jesus: „Liebet eure Feinde!“ Ihr, die ihr reich geworden seid, denen etwas gegeben wird, wonach die ganze Welt umsonst verlangt hat, ohne es zu wißen, und wonach Propheten verlangt haben, weil sie es wußten. Ihr, die ihr so reich seid, daß ihr jetzt triumphierend der Welt entgegentreten dürft, daß nichts euch arm macht, sondern alles, was geschieht, euch nur reicher machen kann. Ihr, die ihr euch so selig gepriesen hört, ihr werdet angesprochen. Das heißt: Ihr, deren Leiden ihnen kein Schaden ist, sondern ein Gewinn. „Ich achte aber alles für Schaden, auf daß ich Christus gewinne“ (Phil. 3,6). Selig seid ihr, weil in eurem Leiden euch neue Aufgaben aufgehen, weil ihr das, was ihr erlebt, nun, wenn ihr zugehört habt, nicht mehr mit menschlichen Augen seht, wie es die ganze Welt sieht, sondern weil ihr auch euer Leiden, euer Entbehren, euer Verlieren mit neuen Augen, mit Gottes Augen seht, so wie Gott diesen euren weg sieht als einen weg, begleitet von Christus, geführt von Christus und hingehend in die ewige Herrlichkeit, also einen guten weg: „Freuet euch und hüpfet!“ Als Menschen, denen das gesagt ist, wird euch nun noch gesagt: weil es so steht mit euch, darum liebet eure Feinde! wer dies Gebot hört, ohne sich selig gepriesen zu wißen, unter allen Umständen selig, vor dem steht's so, wie es immer wieder vor uns steht: als eine riesenhafte Mauer, unübersteiglich, 1000 Meter hoch. Da droben, da ist die Feindes- liebe und da unten sind wir und kommen längst nicht hinauf, wir, die wir es kaum fertig bringen, unsere Freunde ein wenig so zu lieben, daß man wirklich von Liebe sprechen kann, bei denen die Liebe so untermischt ist mit allen möglichen falschen Motiven, wir sollen die Feinde lieben? Es ist zum Lachen, wenn Loren sagen, das sei ein schwächliches Gebot. Daß es das nicht ist, weiß ein jeder von uns gut genug, wir sind nicht zu stark, sondern zu schwach, die Feinde zu lieben. Zu schwer ist es uns, zu außerordentlich. Von dem Außerordentlichen der Seligpreisung her, nur von da her, können wir auch dieses Gebot verstehen. Seligpreisung heißt doch: Sieh nun endlich einmal, lieber Jünger, das, was dich trifft — Haß der Welt, Leiden der Verfolgung, Armut Gollwitzer - Predigt zu Lukas 6,27-35
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20.02.2022