Buchbesprechungen
Julia Inthorn, Rudolf Seising (Hg.)
Digitale Patientenversorgung Zur Computerisierung von Diagnostik, Therapie und Pflege
W
as wäre, wenn man noch vor ihrem Ausbruch über eine Krankheit Bescheid wüsste und man dadurch frühzeitig Maßnahmen ergreifen könnte, um dem Ausbruch der Krankheit vorzubeugen oder ihn einzudämmen? Was wäre, wenn man so viele Informationen über jede einzelne Krankheit hätte, dass man alles über diese weiß und somit eine ganz individuell angepasste Behandlung ansetzen könnte, ganz ohne lästige oder gefährliche Nebenwirkungen?“, fragen Florian Müller und Melanie Saverimuthu im Kapitel „‚Das Zukunftsmuseum‘ – ‚Science or Fiction?‘“ des hier besprochenen Buches. Wäre doch super – aber so einfach wird’s nicht gehen. Wer neugierig ist, was derzeit schon alles geht in Sachen digitale Patientenversorgung, welche Hoffnungen, aber auch Ängste und Widerstände damit verbunden sind, der sollte das Buch der Herausgeber Julia Inthorn und Rudolf Seising lesen. Es gibt einen ausgezeichneten Überblick über den Stand der Wissenschaft, der technischen Entwicklung und der Diskussion über ethische Fragen der Digitalisierung der Patientenversorgung. IT-gestützte Apparate und Verfahren halten in die Versorgung und Pflege kranker und pflegebedürftiger Menschen immer mehr Einzug. Anspruch des Buches ist es, sich „aus interdisziplinärer Perspektive den Fragen und Veränderungsprozessen, die durch den Einsatz digitaler Technik im Kontext der Patientenversorgung aufgeworfen werden“, zu widmen. Die kritische Überprüfung dieser Prozesse und Entwicklungen ist ebenso der Anspruch wie die Darstellung der bis dato vorliegenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. „Anthropologische Grundlegungen sowie ethisch-normative Anforderungen an den Wandel, der durch den Einsatz digitaler Technologie in Medizin und Pflege“ entsteht, werden analysiert und deren Zusammenspiel diskutiert. Dabei kommen Autor:innen aus verschiedenen beteiligten Disziplinen zu Wort, neben Medizin und Informatik auch eine ganze Reihe Wissenschaftler:innen aus dem Feld der Ethik. Dr. med. Mabuse 255 · 1. Quartal 2022
Der Einsatz von OP-Robotern wie Da Vinci oder von Beziehungsrobotern wie der Robbe Paro bei der Therapie dementer Menschen wird umfassend und durchaus auch konträr beleuchtet. Im Artikel „Healthy Smart Home“ wird eindrücklich beschrieben, was heute schon alles denkund machbar ist – je nach Gemütslage atemberaubend oder erschreckend, welche Szenarien sich da eröffnen. Die Problematik des gläsernen Menschen und speziell des Datenschutzes sind dabei erst andiskutiert beziehungsweise völlig ungeklärt. Der Beitrag von Karschuk und Huber zur „Entscheidungshilfe Prostatakrebs“ verdeutlicht, wie künftig Patient:innen mithilfe der durch Künstliche Intelligenz gewonnenen umfassenden Informationen über eine Erkrankung zu Partner:innen auf Augenhöhe für die Mediziner:innen werden können. Auch hier wird die Kehrseite beleuchtet: Was wird aus dem vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis? Wie kann der Nutzen so gestaltet werden, dass er nicht einer privilegierten Akademikerschicht vorbehalten bleibt? Zwei kritische Anmerkungen zum Buch seien erlaubt: Gleich drei Beiträge befassen sich mit den Anfängen der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Bei dem rasanten Tempo, mit dem sich die Informationstechnologie in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, ist das für Praktiker:innen eher Schnee von gestern und die Lektüre der dafür aufgebrachten 72 Seiten eher von begrenztem Mehrwert. Und der inhaltlich interessante Artikel zu gesundheitsbezogenen Apps unter dem Titel „‚Meine‘ Daten – ‚meine‘ Verantwortung?“ ist streckenweise in einem schauderlich abgehobenen Wissenschaftsdeutsch geschrieben und somit eher mühsam zu lesen. Davon abgesehen löst das Buch seinen Anspruch ein, nicht nur einen umfangreichen Überblick über den Stand der Digitalisierung in der Patientenversorgung zu leisten, sondern auch die wesentlichen ethischen und politischen Fragen in diesem Feld zu diskutieren. Dr. Karlheinz Jung, Freiburg
Marjorie Kellogg
Aus dem Englischen von Gisela Günther 256 Seiten, gebunden
»Was für ein wunderschönes, liebevolles Buch. So witzig, so ehrlich, so schön – ein Buch, das einen richtig, richtig, richtig an der Seele packt und umarmt.« OR F
transcript, Bielefeld 2021, 264 S., 30 Euro
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