ZEHN JAHRE FAMILIENGERICHTSHILFE
Hochkonflikthafte Eltern ALEXANDRA LOIDL* Im Jahr 2023 blickt die bundesweite Familiengerichtshilfe auf ihr zehnjähriges Bestehen zurück. Anlässlich dieses Jubiläums werden in der iFamZ Beiträge und Erläuterungen Einblick in die einzelnen Aufgaben der Familien- und Jugendgerichtshilfe geben. Trennungsfamilien mit hochkonflikthaftem Beziehungsgeschehen nehmen einen verhältnismäßig großen Teil der Ressourcen des Justizapparats im Bereich Pflegschaftsrecht in Anspruch. Die Arbeit ist nicht nur zeitlich aufwändig, sondern erfordert auch andere Vorgehensweisen als bei weniger konflikthaften Konstellationen. In diesem Beitrag wird erläutert, was in derartigen Fällen zu beachten ist und wie die Arbeit der Familiengerichtshilfe im Bereich Hochkonflikthaftigkeit aussehen kann. I. Grundlegendes
■ der Beziehung zwischen den Eltern untereinander und
Hochkonflikthaftigkeit ist ein Phänomen, mit dem Fachkräfte im Pflegschaftsrecht eher früher als später in Kontakt kommen. Familien in Hochkonfliktphasen sind anders: Sie fallen durch häufige Kontaktaufnahmen, langjährige durchgehende oder wiederkehrende Befassungen, hohe emotionale Intensität in ihren Vorbringen und durch das Scheitern üblicher Vermittlungs- und Befriedungsversuche auf.
■ der Nutzung von institutioneller Hilfe zur Klärung der
zwischen ihnen und dem Kind sowie *
II. Was bedeutet Hochkonflikthaftigkeit? Etwa fünf bis zehn Prozent der Scheidungs- und Trennungsfamilien nehmen Schätzungen zufolge einen hochkonflikthaften Verlauf, binden jedoch zirka 80 % der Kapazitäten von Institutionen.1 Unter dem Begriff hochkonflikthafte Familien werden jene Eltern subsumiert, deren Konflikte ums Kind nach Trennung und Scheidung über eine längere Zeit hinweg andauern, anwachsen und schließlich außer Kontrolle geraten, mit nicht selten negativen Auswirkungen für die Kinder.2 Dabei handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe. Typische Merkmale der Eltern (zB reduzierte Verträglichkeit, unflexible Denkstrukturen, hohe emotionale Beteiligung an der Elternkommunikation etc) variieren sowohl im Hinblick auf deren Auftreten als auch auf deren Intensität stark. Der Versuch, den Begriff Hochkonflikthaftigkeit bei Trennung und Scheidung zu definieren, zu klassifizieren und daraus Leitsätze für die Praxis abzuleiten, wird von mehreren Autoren aufgegriffen. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft“ des Deutschen Jugendinstituts werden jene Scheidungs- und Trennungsfamilien als hochkonflikthaft bezeichnet, in denen ein so hohes Konfliktniveau vorliegt, dass „erhebliche Beeinträchtigungen ■ auf den Ebenen des Verhaltens und/oder der Persönlichkeit mindestens eines Elternteils, * Mag.a Alexandra Loidl ist klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin und Teamleiterin der Familien- und Jugendgerichtshilfe Wels. 1 Barth/Deixler-Hübner/Jelinek (Hrsg), Handbuch des neuen Kindschafts- und Namensrechts (2013); Dettenborn, Hochkonflikthaftigkeit bei Trennung und Scheidung (Teil 1), Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe 2013, 231; Dietrich/Paul, Hoch strittige Elternsysteme im Kontext Trennung und Scheidung, in Weber/Schilling (Hrsg), Eskalierte Elternkonflikte2 (2012) 13 (15). 2 Dietrich et al, Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien (2010) 10.
Konfliktsituation vorhanden sind“.3 Bei Hochkonflikthaftigkeit stehen die emotionalen Probleme der Eltern im Vordergrund, die Expartner:innen sind nicht in der Lage oder willens, selbst kleine Konflikte ohne Hilfe des Gerichts zu lösen, die Kinder werden in die Paarkonflikte miteinbezogen, die Beziehung zwischen Elternteil und Kind leidet, die Kinder werden dadurch gefährdet und Versuche, den Konflikt zu beenden, scheitern.4 Hochkonflikthafte Eltern haben häufiger verfestigte Ansichten und Feindbilder, neigen zu Misstrauen, wenig Kooperation und fühlen sich in Konfliktsituationen mit dem/ der ehemaligen Partner:in tendenziell hilflos. Häufig findet sich bei diesen Elternteilen die Selbstwahrnehmung als Opfer, mit einer stark ausgeprägten Tendenz zur Schwarz-WeißMalerei in Bezug auf sich selbst (als den fähigen Elternteil) und den anderen (als den bösen, unfähigen Elternteil). Negative Emotionen wie Wut, Enttäuschung, Trauer und Hass, die trennungsbedingt auftreten, werden weiter im Konflikt mit dem/der Expartner:in ausgetragen und können nicht erfolgreich reguliert werden. Aus diesem Grund fällt es ihnen auch besonders schwer, zwischen Paar- und Elternebene zu unterscheiden (mit dem Ziel, zugunsten der Kinder zu kooperieren). Zudem wird ein besonderes Bemühen um eine positive Selbstdarstellung beobachtet.5 III. Entstehung von Hochkonflikthaftigkeit und Konfliktdynamik Doch wie entsteht eigentlich hochkonflikthaftes Verhalten? In der Regel kommt es durch eine Trennung zum Verlust von Perspektiven, was die psychische Stabilität und den Selbstwert negativ beeinflusst und sowohl Ängste als auch psychosomatische Beschwerden begünstigt.6 Bei hochkonflikthaften Verläufen bestehen bei den Paaren zusätzlich Schwierigkeiten, sich emotional voneinander zu lösen. Hinzu kommen bestimmte kognitive Verarbeitungs- und Interpretationsmuster, die die Konflikteskalation begünstigen. Ein Beispiel 3 4 5 6
Dietrich et al, Trennungs- und Scheidungsfamilien, 12. Dietrich/Paul in Weber/Schilling, Eskalierte Elternkonflikte2, 13 (15). Dietrich et al, Trennungs- und Scheidungsfamilien, 13 f. Dietrich/Paul in Weber/Schilling, Eskalierte Elternkonflikte2, 13 (16).
Juni 2023
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