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Kuenker_Exklusiv_2026_37

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In dieser Ausgabe

3 Frühjahrs-Auktionen 438-441 4

Ein Goldstater des Vercingetorix 22

Harald Blauzahn – ein Wikingerfürst 34 gründet ein christliches Königreich

Der Zenit der 46 polnischen Münzprägung

Wenn Geld Geschichte erzählt – 54 Die Bilderwelt neugriechischen Geldes

Als Bayern und Russland 76 aneinander gerieten …

Kopf & Kragen – eine Ausstellung des KHM 80

Vorschau auf die Sommer-Auktion 84

Titelbild:

Theodoros Vryzakis, 1865: Der Metropolit Germanos von Patras segnet am 25. März 1821 im Kloster Agia Lavra die griechische Fahne. Wikipedia Commons, gemeinfrei.

Impressum

Herausgeber

Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG

Nobbenburger Straße 4a · 49076 Osnabrück www.kuenker.de

Redaktion

Julia Kröner

Inja MacClure

Dr. Ursula Kampmann

Professor Dr. Johannes Nollé

Gestaltung

Helge Lewandowsky

Termine 2026

eLive Auction 91 2.-6. März 2026

Numismata München 7.-8. März 2026

Frühjahrs-Auktionen 2026 16.-20. März 2026

eLive Auction 92 18.-22. Mai 2026

Sommer-Auktionen 2026 22.-26. Juni 2026

eLive Auction 93 20.-24. Juli 2026

Herbst-Auktionen 2026 21.-25. September 2026

eLive Auction 94 5.-9. Oktober 2026

eLive Auction 95 1.-4. Dezember 2026

Fotos Auktionen 438-441 (Münzen)

Lübke + Wiedemann KG, Leonberg

B.Seifert / O. Graf

Fotos Auktionen 441 (Orden)

Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG

V.i.S.d.P.

Dr. Andreas Kaiser

Druck

Druck- und Verlagshaus

Fromm+Rasch GmbH & Co.KG www.frommrasch.de

ISSN 3052-0630

Liebe Kundinnen und Kunden, liebe

Münzfreunde,

Das Jahr 2026 ist noch jung und doch haben wir bereits erfolgreiche Messen in New York und Berlin hinter uns gebracht. Auch unsere Auktion in Berlin wurde mit großem Zuspruch durchgeführt. Unser herzlicher Dank gilt Ihnen, unseren Kunden und Einlieferern aus aller Welt, für Ihre Treue, Ihre Auktionsbeteiligung und das in uns gesetzte Vertrauen.

Die Begeisterung für Münzen spiegelte sich sowohl in New York als auch in Berlin eindrucksvoll wider, denn beide Messen konnten erneut Besucherrekorde verzeichnen. Diese außerordentlich positive Resonanz bestätigt die anhaltende Stärke des Marktes. Insbesondere seltene, gut erhaltene Münzen sind derzeit sehr begehrt. Auch die Provenienz der Münzen als wertbildende Eigenschaft wird immer wichtiger. Qualität, Seltenheit und Herkunft sind die entscheidenden Faktoren, die am Markt gefragt sind.

Über diese Entwicklung freuen wir uns sehr und blicken mit Zuversicht auf unsere anstehenden FrühjahrsAuktionen, die wie gewohnt im März in Osnabrück stattfinden. In unserem Vorbericht stellen wir Ihnen die vier Auktionen 438–441 detailliert vor und geben Ihnen einen umfassenden Einblick in die vielfältigen und hochkarätigen Offerten, die Sie erwarten.

Wir freuen uns darauf, Sie auch bei unseren kommenden Veranstaltungen begrüßen zu dürfen.

Bitte beachten Sie, dass wir Ihnen auch in diesem Jahr erneut die Möglichkeit bieten, unsere Münzen der Frühjahrs-Auktionen in München im Rahmen der Münzmesse Numismata zu besichtigen. Von Freitag, 6. März bis Sonntag, 8. März stehen wir Ihnen von 9:00 bis 18:00 Uhr in der Motorworld München, Kleine Lokhalle zur Verfügung und freuen uns auf Ihren Besuch! Die Motorworld liegt ca. 5 Gehminuten vom Messegelände der Numismata entfernt. Auf der Numismata finden Sie uns natürlich ebenfalls vom 7.-8. März an unserem Messestand.

Wir haben uns bemüht, interessante Beiträge zur Numismatik mit Hintergrundartikeln zu unserem aktuellen Auktionsprogramm abzurunden.

Wir hoffen, Sie haben viel Freude beim Studieren unserer neuesten Ausgabe! Teilen Sie uns gerne mit, wie Ihnen die März-Ausgabe gefällt, wir freuen uns immer sehr, von Ihnen zu lesen oder zu hören.

Spezialsammlungen und Nachlässe in unseren Frühjahrs-Auktionen

Antike Münzen mit großen Partien Kelten und Byzanz, frühneuzeitliche Münzen aus Dänemark, Habsburg, Malta, Norwegen, Polen, Württemberg, Sachsen, Sachsen-Coburg-Gotha und dem Habsburger Reich, und last but not least Orden aus dem Nachlass von Wilhelm Herzog in Bayern –das sind unsere Frühjahrs-Auktionen.

Wenn es um die Auflösung großer und bedeutender Sammlungen geht, dann sind unsere Auktionen die beste Lösung. So sehen es heute viele Sammler, wie die Auktionen im Frühjahr beweisen. Sie finden vom 16. bis zum 20. März 2026 in Osnabrück statt und enthalten etliche bedeutende und umfangreiche Sammlungen.

Für die Auktionskataloge 438-441 und eine detaillierte Auktionsübersicht scannen Sie einfach nebenstehenden QR-Code.

Münzen der antiken Welt

Drei große Sammlungen beherrschen unsere Auktion 438 mit Münzen der antiken Welt. Angeboten werden die Sammlung Topp / Dormagen, die Sammlung Jürgen und Erika Schmidt / Bovenden und die Everglades Collection. Das heißt für jeden, der antike Münzen liebt, dass er aus allen Bereichen sorgfältig ausgewählte Münzen findet, die das Sammlerherz höherschlagen lassen.

Keltische Münzen

Los 14

Kelten. Gallien. Anonym. Goldstater, Typ „Pons Sainte-Eanne“, frühes 2. Jh. v. Chr. Selten. Aus der Sammlung Topp. Fast vorzüglich.

Schätzung: 6.000 Euro

Das gilt vor allem für die keltischen Münzen, die zum größten Teil aus der Sammlung Topp stammen. Abgedeckt wird mit mehr als 100 zum Teil hochkarätigen Losen das volle Spektrum von England bis zum Balkan. Vor allem Gallien ist hervorragend vertreten durch etliche frühe Nachahmungen der Goldmünzen Philipps II., wie sie von den Münzen inspiriert wurden, die keltische Söldner während der makedonischen Feldzüge verdient hatten.

Höhepunkt ist ein äußerst seltener Goldstater des Vercingetorix, der es bis in die moderne Populärkultur geschafft hat. Einst gelang es dem Fürsten der Arverner, die keltischen Stämme gegen die Römer zu vereinen und so fast Caesars Eroberung Galliens zu verhindern. Im 19. Jahrhundert wurde Vercingetorix zu einem Symbol französischer Identität und als solches sieht man ihn noch heute in Asterix-Comics und Filmen, wenn er Caesar bei seiner Kapitulation die Waffen nicht vor, sondern auf die Füße wirft. Münzen, auf denen sein Name zu lesen ist, gehören zu den großen und begehrten Raritäten der keltischen Numismatik.

Auf den Seiten 22-33 widmen sich Johannes Nollé und Jens-Ulrich Thormann dieser außergewöhnlichen Münze.

Los 29

Kelten. Gallien. Vercingetorix, 52 v. Chr. Goldstater. Sehr selten. Prägeschwächen, sonst sehr schön.

Schätzung: 40.000 Euro

Los 104

Kelten. Süddeutschland. Goldstater, Regenbogenschüsselchen. Äußerst selten. Aus der Sammlung Topp. Sehr schön.

Schätzung: 7.500 Euro

Griechische Münzen

Auch im Bereich der griechischen Münzen finden Sie viele sorgfältig ausgewählte Stücke von großer Schönheit und in ausgezeichneter Qualität. Für Freunde des amerikanischen Gradings sei angemerkt, dass alle Münzen der Everglades Collection bewertet sind.

Los 162

Syrakus (Sizilien). 100 Litren, 295-289. Selten. Fast vorzüglich.

Schätzung: 10.000 Euro

Los 388

Parther. Phraatakes und Musa. Tetradrachme, 2 v. - 4 n. Chr., Daisios 312 der seleukidischen Ära (= Mai 1 n. Chr.). Sehr selten. Gutes sehr schön.

Schätzung: 5.000 Euro

Interessant ist eine Partie von 20 Kyzikenern, jenen Elektronstateren, die auf der Vorderseite immer den Thunfisch zeigen.

Das Ehepaar Schmidt interessierte sich vor allem für die Feinde der Römer, für jene Völker, die im Osten an der Grenze des römischen Reichs lebten. Sie werden eine reiche Auswahl an parthischen und sasanidischen Prägungen finden, darunter auch selten zu sehende Herrscher und Herrscherinnen wie eine Tetradrachme von Phraatakes und Musa sowie eine Drachme der Königin Buran und der gesamten königlichen Familie Vahrans II. Natürlich gibt es auch ein umfassendes Angebot baktrischer Prägungen aus der Sammlung Schmidt. Wenn Sie also die antiken Kulturen des Ostens reizen, nehmen Sie sich die Zeit, den Katalog in Ruhe zu studieren.

Los 320

Rhodos (Karien). Goldstater, 125-88. Äußerst selten. Sehr schön.

Schätzung: 50.000 Euro

Los 416

Sasaniden. Buran, 630-631. Drachme, Jahr 2, Sakasan. Sehr selten. Aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt. Vorzüglich. Schätzung: 1.000 Euro

Los 449

Zeugitania. Karthago. Trihemistater, um 260 v. Chr. Sehr selten. NGC AU, 4/5, 4/5, Fine Style, light marks. Vorzüglich.

Schätzung: 40.000 Euro

Gold, Silber und Bronze aus Rom

Natürlich gibt es auch im Bereich der römischen Münzen eine Fülle von spannenden Stücken zu entdecken. Ganz gleich, ob Sie Münzen der Republik, der Bürgerkriegszeit, der Kaiserzeit oder Spätroms sammeln, ganz gleich wie hoch Ihr Budget ist. Sie finden in dieser Auktion das Stück Ihrer Träume.

Los 518

M. Iunius Brutus. Denar, 42, Lagermünzstätte in Kleinasien oder Nordgriechenland.

Sehr selten. Av. schön. Rv. schön bis sehr schön.

Schätzung: 50.000 Euro

Eine umfangreiche Sammlung byzantinischer Münzen

Los 559

Römisches Kaiserreich. Spintria, 22-37. Äußerst selten. Vorzüglich.

Schätzung: 8.000 Euro

Los 691

Pertinax, 193. Aureus. Sehr selten. Fast vorzüglich.

Schätzung: 40.000 Euro

Zum größten Teil aus der Sammlung Topp stammen die byzantinischen Raritäten, die in Auktion 438 angeboten sind. Freuen Sie sich auf rare Solidi in Erhaltungen, wie man sie nur selten sieht. Höhepunkt ist ein wohl unpublizierter Solidus, der während der Revolte der Heraclii entstanden ist. Damals rebellierte der Exarch von Karthago, Herakleios und sein gleichnamiger Sohn gegen den unbeliebten Phokas.

Los 945

Byzanz. Revolte der Heraclii, 608-610. Solidus, unbestimmte Münzstätte. Äußerst selten.

Wohl unediert. Aus der Sammlung Topp. Fast vorzüglich.

Schätzung: 15.000 Euro

Bemerkenswert sind Titel und Tracht der beiden: Sie bezeichnen sich nämlich auf dieser Münze als Konsuln, ein Titel, den ihnen der Senat von Karthago verliehen hatte. Das ist nicht die einzige Seltenheit.

Los 1025

Byzanz. Irene, 797-802. Solidus 802. Selten.

Aus der Sammlung Topp.

Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 7.500 Euro

Raritäten der Gupta

Los 1076

Gupta. Kumaragupta, 414-455. Stater, Rhinoceros-Slayer-Typ. Sehr selten.

Aus der Sammlung Nessim Shallon (Shalom).

Fast vorzüglich.

Schätzung: 25.000 Euro

Die Sammlung Topp versammelt viele Münzen historisch interessanter Persönlichkeiten, so auch einen Solidus der Kaiserin Irene und einen des Michael III. mit seiner Mutter Theodora und seiner Schwester Thekla.

Los 1034

Byzanz. Michael III. mit Theodora und Thekla.

Solidus 842/3. Sehr selten. Aus der Sammlung Topp.

Sehr schön bis vorzüglich.

Schätzung: 7.500 Euro

Freunde der indischen Kultur werden in dieser Auktion zwei überaus seltene Goldmünzen der Gupta finden, die aus der Sammlung von Nessim Shallon (Shalom), ehem. Gesandter der Vereinten Nationen stammen. Sie wurden von Kumaragupta I. zwischen 415 und 455 geprägt. Seine Regierungszeit gilt heute als späte Blüte des Guptareiches, in der Wirtschaft und Kunst sich noch einmal entfalten konnten, ehe regionale Interessen das Guptareich nachhaltig schwächten und den langsamen Machtverlust einleiteten.

Los 1077

Gupta. Kumaragupta, 414-455. Stater, Elephant-Rider-Typ. Sehr selten.

Aus der Sammlung Nessim Shallon (Shalom). Vorzüglich.

Schätzung: 20.000 Euro

Altdeutschland

Auf drei Kataloge verteilt finden Sie die Münzen aus Altdeutschland:

• Goldmünzen und -medaillen in Auktion 439,

Los 2380

• Silbermünzen und -medaillen mit der Sammlung

Dr. Wolfgang Kümpfel Sachsen, Coburg und Gotha in Auktion 441,

• sowie Württembergischen Raritäten aus der Sammlung Gaiser in der Auktion 440.

Und das sind nur einige Stichpunkte zum Thema Altdeutschland.

Wir präsentieren Ihnen in diesem Vorbericht nur einige von vielen Highlights. Aus Preußen stammt zum Beispiel eine Prämienmedaille der LeopoldinischCarolinischen Akademie, die 1893 an Professor Adolf Fick verliehen wurde (Los 2380). Adolph Fick war der wohl bedeutendste Physiologe des 19. Jahrhunderts. Er arbeitete sowohl mathematisch als auch experimentell und ging so einen völlig neuen Weg in der medizinischen Forschung. Noch heute sprechen Kardiologen von einem Fickschen Prinzip und Physiker von den Fickschen Gesetzen. Wie wichtig dieser Forscher für die Entwicklung der modernen Medizin war, sei daran gezeigt, dass sein WikipediaArtikel in 33 Sprachen übersetzt ist.

Eine Nürnberger Goldmedaille (Los 2458) erinnert an ein zentrales Ereignis der Geldgeschichte im 30-jährigen Krieg. Am 15. Mai 1624 beschlossen auf einem Probationstag in Regensburg die drei südwestdeutschen Reichskreise Schwaben, Franken und Bayern, ein neues, stabiles Kursverhältnis zwischen Kleinmünzen und wertbeständigen Münzen wie Taler und Dukat. Damit endete im Süden des Reiches die verheerende Kipper- und Wipperzeit, die den Handel durch die unberechenbare Geldverschlechterung nachhaltig geschädigt hatte. Dass sich hier die drei großen Reichsstädte Augsburg, Regensburg und Nürnberg die Einhaltung der Konvention - zumindest auf ihrem Gebiet - garantierten, darf als großer diplomatischer Erfolg gewertet werden.

Brandenburg-Preußen. Preismedaille der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie, verliehen 1893 an Prof. Adolf Fick, geprägt mit den Stempeln von 1789. Sehr selten. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 7.500 Euro

Los 2458

Nürnberg. Goldmedaille 1624, auf die Münzkonvention der drei korrespondierenden Kreise Bayern, Franken und Schwaben.

Sehr selten, nur wenige Exemplare in Gold bekannt. Fast Stempelglanz.

Schätzung: 10.000 Euro

Los 2506

Sachsen, Königreich. Anton, 1827-1836. Goldmedaille 1831 von A. F. König auf die Verfassung. NGC MS63*. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 15.000 Euro

Los 4255

Hameln. Reichstaler 1639.

Sehr selten. Aus Auktion Sally Rosenberg 49 (1920), 1497. Sehr selten. Sehr schön.

Schätzung: 7.500 Euro

Los 4304

Mühlhausen. Reichstaler 1619. Aus Auktion Hess Nach. 214 (1933), Los 1536. Sehr selten. Gutes sehr schön.

Schätzung: 6.000 Euro

Los 4350

Quedlinburg. Beatrix II. von Winzenburg. Brakteat. Sehr selten. Aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 3.000 Euro

Los 4464

Man schreibt die unsignierte Medaille, die daran erinnert, heute Christian Maler zu, der 1603 die Werkstatt seines Vaters in Nürnberg übernahm und dort bis nachweislich 1625/27 arbeitete. Er erhielt übrigens im Jahr 1613 ein kaiserliches Privileg, dass all seine Medaillenentwürfe vor Nachahmungen schützen sollte.

Wer sich für Brakteaten interessiert, entdeckt – verteilt über den gesamten Bereich Altdeutschland– eine reiche Auswahl in Auktion 441. Sie stammen aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt und zeichnen sich durch Qualität und künstlerischen Anspruch aus. Man sieht, wie sorgfältig das Sammlerehepaar die Stücke selektierte. Es gelang, etliche Raritäten zu erwerben. Zu ihnen gehört ein Brakteat der Abtei Quedlinburg von Äbtissin Beatrix II. von Winzenburg (Los 4350), einer der mächtigsten Frauen der hochmittelalterlichen Kirchenhierarchie Deutschlands. Auf sie gehen gleich mehrere Klostergründungen zurück. Machtbewusst lässt sie sich im vollen Ornat darstellen: Sie thront auf einem Faltstuhl, wie er für offizielle Anlässe genutzt wurde, und hält als Insignien ihres Amtes ein offenes Buch und den Kreuzstab. Dieser Brakteat gehört darüber hinaus zu den seltenen Beispielen, auf denen eine deutlich lesbare Legende zu sehen ist.

Erwähnen wir zuletzt den prachtvollen Reichstaler Augusts des Starken mit der Darstellung des polnischen Ordens des Weißen Adlers (Los 4464). Er wurde 1705 gestiftet, um Augusts Anhänger zu belohnen, die ihm wieder auf den Thron verholfen hatten. Die ungewöhnliche Münzinschrift „Restaurator Ordinis Aquilae Polonicae“ (= Wiederhersteller des Ordens des polnischen Adlers) geht darauf zurück, dass August sich auf einen – in Wirklichkeit– inexistenten Orden König Władysławs I. berief, den er vorgab, neu belebt zu haben. So umging er den Widerstand des polnischen Adels gegen die neue Auszeichnung.

Sachsen. Friedrich August I. (August der Starke), 1694-1733.

Reichstaler 1696, Dresden. Fast vorzüglich.

Schätzung: 20.000 Euro

FRÜHJAHRS-AUKTIONEN 438-441 KÜNKER

Große Serie Löser

Erneut können wir eine große Partie von Braunschweiger Lösern anbieten. Darunter befindet sich ein äußerst seltenes Exemplar zu 10 Reichstalern von 1614, das Friedrich Ulrich in Goslar oder Zellerfeld prägen ließ. Ebenfalls angeboten wird ein Löser zu zwei Reichstalern auf den Tod Augusts des Jüngeren sowie ein Löser Friedrichs zu 4 Reichstalern von 1639 aus Clausthal.

Los 4111

Braunschweig-Wolfenbüttel. Friedrich Ulrich, 1613-1634.

Löser zu 10 Reichstalern 1614, Goslar oder Zellerfeld. Äußerst selten. Aus Altbestand der Preussag in Goslar, erworben am 28. Februar 1977. Sehr schön.

Schätzung: 100.000 Euro

Los 4164

Braunschweig-Lüneburg-Celle. Friedrich, 1636-1648. Löser zu 4 Reichstalern 1639, Clausthal. Sehr selten. Fast vorzüglich.

Schätzung: 15.000 Euro

Los 4134 Braunschweig-Wolfenbüttel.

Auf den Tod Augusts des Jüngeren, † 1666. Löser zu 2 Reichstalern 1666, Zellerfeld. Sehr selten. Vorzüglich.

Schätzung: 20.000 Euro

Die Sammlung Dr. Wolfgang Kümpfel:

Sachsen-Coburg-Gotha

Los 4504

Sachsen-Gotha-Altenburg. Friedrich I.

Taler 1680, Gotha, auf den Bau des Schlosses Friedrichswerth. Sehr selten. Aus der Sammlung Dr. Wolfgang Kümpfel. Vorzüglich.

Schätzung: 3.500 Euro

60 Lose der ernestischen Linien in Coburg und Gotha kommen am Nachmittag des 19. März 2026 zur Versteigerung. Sie stammen aus der Sammlung des Chemikers Dr. Wolfgang Kümpfel, der sich mit Begeisterung für seine Geburtsstadt Gotha einsetzt. Ihn faszinierte ihre Geschichte, inspiriert von der ehemaligen Residenz, in der sich so viele Zeugnisse einstiger Größe bewahrt haben. Deshalb legte der Sammler bei der Auswahl seiner Stücke auf ihre historische Bedeutung und auf attraktive Darstellungen Wert. Ein gutes Beispiel dafür ist der Taler von 1680 auf den Bau von Schloss Friedrichswerth - nicht zu verwechseln mit Schloss Friedenstein in Gotha - oder der Dukat von 1692, der im Auftrag Friedrichs II. von Sachsen-Gotha-Altenburg auf seine Huldigung in Gotha geprägt wurde. Wir wissen, dass der Fürst damals 45 Stücke dieser mit insgesamt 115 Stücken winzigen Emission erhielt, um sie als Geschenke an fürstliche Besucher der Huldigungszeremonie zu verteilen.

Los 4516

Sachsen-Gotha-Altenburg. Friedrich II. Dukat 1692, Gotha, unsigniert von C. Wermuth, auf die am 15. Juni stattgefundene Huldigung in Gotha. Äußerst selten. Aus der Sammlung Dr. Wolfgang Kümpfel.

Sehr schön bis vorzüglich.

Schätzung: 4.000 Euro

Die Sammlung

Heinz-Falk Gaiser: Württemberg, Teil 3

Los 3528

Württemberg. Friedrich II. / I., 1797-1805. Friedrichs d‘or 1810. Sehr selten. Aus der Sammlung Gaiser. Vorzüglich.

Schätzung: 7.500 Euro

Los 3540

Württemberg. Friedrich II. / I., 1797-1805. Konventionstaler 1809. Sehr selten. Aus der Sammlung Gaiser. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 15.000 Euro

Mittlerweile sind wir bei der dritten und letzten Auktion mit württembergischen Münzen der Sammlung Heinz-Falk Gaiser angelangt. Sie umfasst 153 Lose aus der Periode von 1797 bis 1918. Wieder sind zahlreiche Raritäten in außergewöhnlicher Erhaltung zu entdecken, die nicht nur Sammler württembergischer Münzen entzücken werden. Dazu gehören der äußerst seltene Friedrichs d‘or von 1810 mit dem Königstitel, der so genannte Königstaler von 1806 und der sehr seltene, außergewöhnlich gut erhaltene Konventionstaler von 1809. Für all diejenigen, die sich für Münzen des Kaiserreichs interessieren: Vergessen Sie nicht, sich auch die Sammlung Gaiser anzusehen. 13 außergewöhnlich gut erhaltene Stücke stammen aus dieser Periode.

Los 3537

Württemberg. Friedrich II. / I., 1797-1805. Konventionstaler 1806, Königstaler. Sehr selten. Aus der Sammlung Gaiser. Vorzüglich.

Schätzung: 7.500 Euro

Los 3652

Württemberg. Wilhelm II., 1891-1918. 3 Mark 1916. Regierungsjubiläum. Wohl nur 350 Stück erhalten. Aus der Sammlung Gaiser. Vorderseite mattiert, polierte Platte, minimal berührt.

Schätzung: 4.000 Euro

Deutsche Münzen ab 1871

Los 2537

Deutsches Kaiserreich. 5 Pfennig 1874. Aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt. Sehr selten. Stempelglanz. Schätzung: 100 Euro

Los 2855

Deutsches Kaiserreich. Sachsen-Meiningen. George II. 20 Mark 1882. Sehr selten. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 15.000 Euro

Los 2903

Weimarer Republik. 5 Reichsmark 1927 A, Bremerhaven. Aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt. PCGS PR66 CAM. Polierte Platte. Schätzung: 1.250 Euro

Und damit sind wir beim Thema Kaiserreich: Natürlich haben wir auch diesmal ein umfassendes Angebot an deutschen Münzen ab 1871 im Angebot. Viele Stücke stammen aus der Sammlung Jürgen und Erika Schmidt, darunter eine interessante Partie von Kleinmünzen in Stempelglanz sowie etliche Münzen der Weimarer Republik in Polierter Platte.

Außergewöhnlich ist außerdem eine kleine, aber sehr feine Partie von Proben von Reichssilbermünzen.

Los 2600

Deutsches Kaiserreich. Oldenburg. Friedrich August. 5 Mark 1900. PCGS PR67. Prachtexemplar. Polierte Platte. Schätzung: 6.000 Euro

Los 2887

Deutsch-Neu-Guinea. 10 Neu-Guinea Mark 1895. Nur 2.000 Exemplare geprägt. NGC PF67 (Top Pop). Polierte Platte. Schätzung: 50.000 Euro

Los 2946

Deutsches Kaiserreich. Sachsen. Georg. Probe zu 5 Mark 1902. Äußerst selten, wohl nur dieses Exemplar bekannt. Vorzüglich bis Stempelglanz aus polierter Platte. Schätzung: 30.000 Euro

Münzen

des Habsburgerreichs aus der Sammlung

Kommerzialrat

Dr. Herbert Wenzel u. a.

Los 2264

Römisch-Deutsches Reich. Matthias, 1608-1612-1619. 8 Dukaten 1609, Wien. Äußerst selten.

Im Gewicht von 8 Dukaten unediert.

Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel.

Sehr schön.

Schätzung: 10.000 Euro

Auch in dieser Auktion wird ein umfangreicher Teil der spektakulären Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel, Wien, angeboten. Es handelt sich um Münzen des Habsburgerreiches, die sich durch ihre Seltenheit und ihre außergewöhnliche Qualität auszeichnen. Wir nennen an dieser Stelle ein im Gewicht von 8 Dukaten bisher unbekanntes Multiplum von Matthias, geprägt 1609 in Wien (Los 2264) sowie eine tragbare Goldmedaille zu 40 Dukaten von 1711 auf die Ankunft Kaiser Karls VI. anlässlich seiner Krönung in Frankfurt (Los 2287). Bei diesem Stück dürfte es sich um ein Unikum handeln.

Bemerkenswert ist auch der vierfache Schautaler von 1629, den Ferdinand III. in Prag prägen ließ (Los 4757). Die Numismatik des 19. Jahrhunderts wollte die Prunkausgabe mit der kaiserlichen Genesung von den Pocken erklären, was ziemlich unwahrscheinlich ist. Viel realistischer ist eine Verwendung als diplomatisches Geschenk im Rahmen des Regensburger Kurfürstentages. Ferdinand II. versuchte damals, die Wahl seines Sohnes zum König durchzusetzen. Dies scheiterte, weil die spanischen Habsburger in den Niederlanden militärische Hilfe benötigten. So musste der Kaiser bei diesem Treffen im Tausch gegen die Unterstützung der Reichsfürsten nicht nur auf das Versprechen verzichten, seinen Sohn zum König zu wählen, sondern auch den bei den Kurfürsten sehr unbeliebten Wallenstein opfern.

Beenden wir unsere kleine Exkursion ins Habsburgerreich mit einem Konventionstaler aus dem Jahr 1790, der in Wien für Ungarn geprägt wurde (Los 4896). Außergewöhnlich ist an dem interessanten Stück vor allem seine Erhaltung. Es handelt sich um einen perfekt erhaltenen Erstabschlag aus besonders frischen Stempeln, der jedes Detail der Darstellung zeigt.

Los 2287

Römisch-Deutsches Reich. Karl VI., 1711-1740. Tragbare Goldmedaille zu 40 Dukaten 1711 von B. Richter, auf seine Ankunft zur Krönung in Frankfurt.

Äußerst selten, vermutlich Unikum.

Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel.

Sehr schön bis vorzüglich.

Schätzung: 40.000 Euro

Los 4757

Römisch-Deutsches Reich. Ferdinand III., 1625-1627-1657. Vierfacher Schautaler 1629, Prag. Äußerst selten.

Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel. Fast vorzüglich.

Schätzung: 10.000 Euro

Los 4896

Römisch-Deutsches Reich. Leopold II., 1790-1792. Konventionstaler 1790, Wien für Ungarn.

Sehr selten. Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel. Erstabschlag. Fast Stempelglanz.

Schätzung: 15.000 Euro

Polnische Raritäten

Interessieren Sie sich für polnische Münzen? Dann werden Sie begeistert sein von dem, was wir in unserer Auktion 439 zu bieten haben. Mehrere Großgoldmünzen von Sigismund III. sowie das, was man unter polnischen Sammlern einen weißen Raben nennt, den Dukat von 1630 aus Bromberg.

Die Münzprägung Sigismunds III. genießt bei polnischen Sammlern geradezu ikonischen Status, weil unter ihm das Münzwesen in beispiellosem Maße ausgebaut wurde. Eine Fülle von neuen Münzstätten entstand. Man spricht von neun königlichen und sechs städtischen Münzstätten. Kenner der polnischen Münzprägung begeistern sich für den fabelhaften Stempelschnitt, der vor allem bei der Goldprägung Anwendung fand.

Los 2173

Polen. Sigismund III., 1587-1632.

Portugalöser zu 10 Dukaten o. J., vermutlich Krakau.

Äußerst selten. Gutes sehr schön.

Schätzung: 125.000 Euro

Highlight der angebotenen Partie ist ein äußerst seltener Portugalöser zu 10 Dukaten von Sigismund III. (Los 2173), vermutlich aus Krakau. Aber auch die anderen Stücke haben es in sich. Zwei weitere äußerst seltene 10-fache Dukaten werden angeboten, einer mit dem Prägeort Olkusz, ein weiterer aus dem litauischen Vilnius. Dazu kommen zwei Dukaten, einer von Sigismund I. geprägt 1532 in Krakau, und dann der berühmte „weiße Rabe“, der Dukat Sigismunds III. des Jahres 1630 aus Bromberg. Er gilt als äußerst selten. Tatsächlich scheinen lediglich zwei Exemplare auf dem freien Sammlermarkt zu kursieren. Scheint deshalb, weil es nicht immer einfach ist, die Abbildungen aus alten Auktionskatalogen eindeutig mit modernen Münzen zu identifizieren. Wahrscheinlich stammt das bei Künker 2021 und jetzt erneut versteigerte Stück aus den Sammlungen Chelminski - Otto Helbing (25. April 1904) – und Frankiewicz– Felix Schlessinger (15. September 1930). Allerdings wurden für die Lichtdrucktafeln der alten Auktionskataloge von den Münzen Gipse angefertigt, auf eine Tafel geklebt und so das gesamte Foto der Tafel gemacht. Deshalb lässt sich die Form des Schrötlings in alten Auktionskatalogen nicht bestimmen, was die eindeutige Identifizierung einer Münze, die sich heute auf dem Markt befindet, mit einem Foto in einem alten Auktionskatalog erschwert.

Übrigens, auch beeindruckende Prägungen aus den Städten Danzig und Thorn gibt es in Auktion 439 zu entdecken.

Los 2176

Polen. Sigismund III., 1587-1632.

Dukat 1630, Bromberg.

Äußerst selten. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 75.000 Euro

Polen. Danzig. 3 1/2 Dukaten 1650.

Äußerst selten. Fast vorzüglich.

Schätzung: 50.000 Euro

Los 2183

Spezialserie:

Johanniter auf Rhodos und Malta

Los 2131

Johanniter auf Rhodos und Malta. Philippe Villiers de L‘Isle Adam, 1530-1534. Zecchino o. J. vermutlich Rhodos. Äußerst selten. Gutes sehr schön. Schätzung: 7.500 Euro

Ausland

Los 2023

Dänemark. Christian V. Dukat, 1692, Kopenhagen. Reiterdukat. Sehr selten. Fast vorzüglich. Schätzung: 2.500 Euro

Der Johanniterorden und seine Münzprägung ist ebenfalls ein sehr beliebtes Sammelgebiet. 27 Lose können Sie in unserer Auktion 439 entdecken, darunter zahlreiche große Seltenheiten wie eine Zecchine, die sozusagen am Übergang zwischen Rhodos und Malta steht (Los 2131). Sie stammt von Philippe Villiers de l‘Isle-Adam, der 1521 Großmeister wurde. Er erwartete die Invasion des osmanischen Heeres, die tatsächlich im Juni des Jahres 1522 begann. Trotz des monatelangen Kampfes konnten sich die Johanniter nicht halten. Sie kapitulierten gegen freien Abzug mit Waffen und persönlichem Besitz am 22. Dezember 1522. Damit verlor der Orden nach 213 Jahren sein Hauptquartier auf Rhodos. Kaiser Karl V. begann sofort, nach einer sinnvollen Alternative zu suchen. Diese fand sich allerdings erst im Jahr 1530, als Malta den Johannitern als erbliches Lehen übergeben wurde. Als Tribut waren sechs Falken pro Jahr vereinbart. Es handelt sich um jenen in der Populärkultur nur allzu bekannten Malteserfalken, den Dashiell Hammett unsterblich machte. Wo genau die Zecchine geprägt wurde, die wir mit einer Schätzung von 7.500 Euro anbieten, ist nicht gesichert. Sie könnte durchaus noch 1522 während der Belagerung auf Rhodos entstanden sein.

Natürlich finden Sie noch viele andere Seltenheiten aus dem Ausland in den Auktionen 439 und 441. So zum Beispiel eine Partie von je 26 dänischen Gold- und Silbermünzen, zum größten Teil aus einer Sammlung aus adligem Privatbesitz.

Hier sehen Sie einige besonders bemerkenswerte Stücke des Auslands:

Los 2042

Frankreich. Philippe IV. le Bel, 1285-1314. Masse d‘or o. J. (1296), 1. Emission. Sehr selten. Vorzüglich. Schätzung: 10.000 Euro

Los 2087

England. James I., 1603-1625. Rose Ryal o. J. (1605-1606), London. Sehr selten. Gutes sehr schön.

Schätzung: 7.500 Euro

Los 2158

Niederlande. Haarlem. Goldmedaille 1778 von J. G. Holtzhey, Ehrenmedaille von Teyler‘s Godgeleerd Genootschap, verliehen 1796 an den Pastor und Lehrer Jan Brouwer. Äußert selten. Vorzüglich.

Schätzung: 40.000 Euro

Los 2113

Sardinien. Karl Emanuel III., 1730-1773. 5 Doppie 1755, Turin. Sehr selten. Vorzüglich.

Schätzung: 40.000 Euro

Los 2185

Portugal. Sancho I., 1185-1211. Morabitino (18 Dinheiros), Coimbra.

Sehr selten. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 15.000 Euro

Los 2191

Russland. Nikolaus I., 1825-1855. 3 Rubel Platin 1828, St. Petersburg. PCGS PR65. Sehr selten. Prachtexemplar. Polierte Platte.

Schätzung: 12.500 Euro

Los 2236

Peru. 8 Escudos 1712, Lima. Sehr schön bis vorzüglich.

Schätzung: 12.500 Euro

Orden und Ehrenzeichen aus dem Nachlass von Wilhelm Herzog in Bayern

(1752-1837)

Last but not least bieten wir eine Partie von Orden und Ehrenzeichen aus altem deutschen Adelsbesitz an. Der phaleristische und numismatische Nachlass von Wilhelm, Herzog in Bayern wird versteigert.

Wilhelm wurde 1752 in Gelnhausen als Sohn von Johann von Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen geboren. Damit gehörte er zwar dem Hause Wittelsbach an, aber nur einer Nebenlinie. Diese hatte 1704 die verpfändete Reichsstadt Gelnhausen sowie eine Leibrente erhalten. Da Gelnhausen aber 1746 an Hessen-Kassel verkauft wurde, besaß Wilhelms Vater nur den Titel, aber weder Territorium, noch Armee. Es war also ein echter Glücksfall, dass Wilhelm durch seine Heirat mit Maria Anna von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler-Rappoltstein zum Schwager des zukünftigen bayerischen Königs Maximilian I. Joseph wurde. Mit ihm schloss er 1797 den Ansbacher Hausvertrag, der die Einheit und Unteilbarkeit aller wittelsbachischen Länder fixierte. Zum Ausgleich erhielt Wilhelm beim Amtsantritt seines Schwagers den Titel eines Herzogs in Bayern – nicht zu verwechseln mit der Titulatur des regierenden Hauses Herzog von Bayern.

Los 4025

Kurfürstlich Pfälzischer Hausritterorden vom hl. Hubertus. Großes, sehr gewichtiges Kleinod zum Schulterband, Anfertigung von ca. 1767. Äußerst selten.

Aus dem persönlichen Nachlass von Herzog Wilhelm in Bayern. II. Schätzung: 15.000 Euro

Angeboten wird u. a. aus dem persönlichen Besitz von Wilhelm in Bayern das Kleinod des Kurfürstlich Plälzischen Hausritterordens vom hl. Hubertus, die Ordensdevise besetzt mit ca. 56 runden und länglichen Diamanten in Altschliff, Diamantrosen und -splittern.

Wilhelm wurde bereits am 2. Februar 1768 von Kurfürst Carl Theodor in den Orden aufgenommen. Dieser Orden wurde von König Max I. Joseph zum höchsten Orden des Königreichs Bayern erhoben. Da es sich aber de jure immer um einen Hausorden handelte und handelt, kann er bis in die Gegenwart durch den jeweiligen Chef des Hauses Wittelsbach in seiner Funktion als Großmeister des Ordens verliehen werden.

Porträt von Herzog Wilhelm in Bayern im Ordensornat des Pfälzischen Hausritterordens vom hl. Hubertus. Charakteristisch ist nicht nur Orden und Collane, sondern auch das Gewand: Eine schwarze Samtjacke mit dem (hier nicht sichtbaren) roten Ärmelaufschlag und einem -Spitzenjabot. Links davon ist auf dem ebenfalls schwarzen Radmantel nicht etwa ein anderer Orden, sondern der Bruststern des Hubertusordens zu sehen.

Viele bayerische Herrscher und Hochadelige ließen sich in dieser Tracht abbilden.

Ölbild eines unbekannten Malers, wohl um 1820.

© Nachlass Christian Mitko / NEUMEISTER

Münchener Kunstauktionshaus GmbH & Co. KG

Ein Goldstater des Vercingetorix

Abb. 1: Goldstater des Vercingetorix, Künker Auktion 438, Los 29. Schätzung 40.000 Euro.

Die gallische Goldprägung des Vercingetorix besteht aus zwei Typen (Abb. 2): Die eine Version zeigt den barhäuptigen und bartlosen Kopf eines jungen Mannes, die andere einen ähnlichen Kopf mit Helm. Unter beiden Köpfen steht in lateinischen Lettern VERCINGETORIXS. In jedem Fall bringt diese Legende den Goldstater mit dem arvernischen Adligen Vercingetorix in Verbindung, sei es, dass sie den Prägeherrn nennt, sei es, dass sie als ,Bildunterschrift‘ den Dargestellten bezeichnet.

Eine besondere Münze

Ein gallischer Goldstater (Abb. 1), den wir in unser Auktion 438 als Lot 29 anbieten können, konfrontiert uns mit zwei bedeutenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte, ferner mit dem Beginn einer kulturellen Umprägung unseres Nachbarlandes Frankreich und schließlich mit dem Absturz zweier Kulturnationen in nationalistisch-aggressives Denken und Fühlen.

Goldstatere des Vercingetorix sind äußerst selten. 1 Die Zahl der bisher bekannt gewordenen Exemplare dürfte unter 30 Stücken liegen, von denen die meisten sich in öffentlichen Sammlungen befinden. 16 von ihnen stammen aus dem Hortfund von Pionsat, das 50 km nordwestlich von Clermont-Ferrand liegt. 2 Für die geringe Stückzahl dieser Münzen lassen sich vor allem zwei Gründe anführen: Sie wurden in nur geringer Zahl geprägt, weil sie weniger Stücke des allgemeinen Geldumlaufs als vielmehr Geschenkmünzen waren, mit denen verdiente Mitkämpfer ausgezeichnet wurden. Die Vorstellung ist faszinierend, dass ein solches Stück einst aus der Hand des Vercingetorix als ehrendes Geschenk in die eines gallischen Kriegers wechselte, der sich im Kampf gegen Caesar besonders ausgezeichnet hatte. Auf alle Fälle ist damit zu rechnen, dass die Vercingetorix-Statere schon bald als Rebellenmünzen galten und ihre Besitzer verdächtig machten. Allein schon deshalb dürften viele von ihnen nach der Gefangennahme des Rebellenführers eingeschmolzen worden sein.

Mit Recht ist öfter daran gedacht worden, dass die beiden Köpfe den gallischen Aufstandsführer repräsentieren sollen. Dabei sollte man bedenken, dass wir in dieser Zeit und in diesem kulturellen Umfeld nicht mit photographieähnlichen Portraits rechnen können. Wenn auch antike Münzbilder von Menschen Rücksicht auf die tatsächliche Physiognomie nehmen konnten und erwiesenermaßen nahmen, so handelt es sich dennoch um ,stilisierte Portraits‘. Durch deren Verwendung als Münzbild, durch erklärende Legenden und durch die politischen Gegebenheiten konnten sie als Bilder – weniger als Bildnisse – eines bestimmten Herrschers verstanden werden. Manche Wissenschaftler sprechen sich mit Vehemenz gegen eine Identifizierung des Dargestellten mit Vercingetorix aus: Die Köpfe seien Nachahmungen griechischer Münzen und orientierten sich an Apollonköpfen, was aber lediglich die Tradition einer solchen Ikonographie beschreibt und eine Identifizierung mit Vercingetorix nicht ausschließt. Derartige Analysen übersehen in all ihrer Gelehrsamkeit, dass nahezu jeder Zeitgenosse dieser Münze, der ein solches Geldstück mit dem jugendlichen, in einigen Fällen behelmten Kopf sowie mit der Namensbeischrift in die Hand bekam, geneigt war, den Abgebildeten mit Vercingetorix zu identifizieren. Beide Darstellungsweisen passen zu dem, was wir über Vercingetorix wissen: Vercingetorix war noch ein junger Mann, als er die Jugendlichen des in der mittelfranzösischen Auvergne siedelnden Stammes der Arverner zum Kampf gegen Caesar und die römischen Besatzer aufstachelte. 3 Bildlich konnte das damit ausgedrückt werden, dass er einerseits als junger Mann in der Blüte seiner Jugend bzw. apollongleich dargestellt wurde, andererseits marsgleich mit aufgesetztem Helm.

Die Rückseite der Vercingetorix-Statere zeigt ein springendes Pferd, das in zwei Varianten erscheint: Auf einigen Münzen springt es nach rechts, auf anderen nach links. Über dem nach links springenden Pferd ist ein S-förmiges Ornament platziert, über dem nach rechts springenden eine Mondsichel. Bei beiden Varianten findet sich eine Amphora unter dem Pferd. Kern der gallischen Truppen – das war auch bei den aufständischen Arvernern um Vercingetorix der Fall – bildeten die adligen Reiter dieses Volkes. Ob die Amphora auf die Bankette der Adelsgesellschaft mit reichlichem Weingenuss anspielt, sei dahingestellt.

Die Prägung gallischer Goldstatere hatte gegen Ausgang des 3. Jhdts. v. Chr. ihren Anfang genommen, als Kelten, die den Karthagern und den Makedonenkönigen als Söldner gedient hatten, mit griechischen Goldstateren in ihre gallische Heimat zurückgekehrt waren. 4 Der Goldgehalt der Vercingetorix-Statere ist aus heutiger Sicht bescheiden. Metallanalysen haben ergeben, dass diese Münzen durchschnittlich 50,8 % Gold (= ca. 12 Karat), 33,8 % Silber und 15,1 % Kupfer enthalten. 5

Der Aufstand des Vercingetorix im Jahre 52 v. Chr.

Auch wenn die Arverner wie andere gallische Stämme seit dem 3. Jhdt. v. Chr. Goldmünzen prägten, können die Goldstatere des Vercingetorix als eine besondere Prägung und zugleich als ihre bekannteste und geschätzteste angesehen werden. Bei ihnen handelte es sich um die Emissionen eines Aufstandes, über den wir dank des 7. Buches von Caesars ,Gallischem Krieg‘ recht eingehende Kenntnisse haben. Neben den Goldstateren sind auch einige wenige Messingmünzen erhalten

Abb. 2: Die beiden Typen der Vercingetorix-Statere (nach J.-B. Colbert de Beaulieu –G. Lefèvre, Les monnaies de Vercingétorix, Gallia 21, 1963. 11-75, Fig 6bis).

geblieben, die mit den Goldstempeln geprägt wurden. Es könnte sich bei ihnen um Notgeld handeln, das bei der Belagerung von Alesia in der von Caesar mit einem zweifachen Belagerungsring eingeschlossenen Stadt geprägt wurde.

1 B. Fischer – J.-L Genévrier, Les monnaies de Vercingétorix: une nouvelle acquisition?, Gallia 44, 1986, 167-169, bes. 167 «Les monnaies de Vercingétorix sont rares: nous n’en connaissons que vingt-sept exemplaires, dont vingt-cinq en or et deux en bronze. Cependant, un texte daté de 1898 signale une monnaie de ce type, sans que, par ailleurs, aucune trace à ce jour n‘en ait été retrouvée.“

2 S. Nieto – J.-N. Barrandon, Le monnayage en or arverne: essai de chronologie relative à partir des données typologiques et analytiques, RN 158, 2002, 37-91, bes. 38.

3 Vgl. J.-B. Colbert de Beaulieu – G. Lefèvre, Les monnaies de Vercingétorix, Gallia 21, 1963, 11-75, bes. 23.

4 Vgl. dazu die Aufsätze von P. Ducrey, Les mercenaires dans le monde grec, und S. Nieto-Pelletier & J. Olivier, De l’Égée à la Gaule, aux sources de la monnaie d’or celte occidentale, in: Les Celtes et la monnaie, Gollion (CH) 2017, 38-42.

5 S. Nieto-Pelletier, Monnaies arvernes (Vercingétorix, Cas) en orichalque, RN 160, 2004, 5-25, bes. 12.

Von 58 bis 53 v. Chr. hatte Caesar (Abb. 3) in einem genial wie brutal geführten Krieg den größten Teil Galliens, das weitgehend dem heutigen Frankreich entspricht, unter die Kontrolle, aber längst noch nicht unter die gesicherte Herrschaft Roms gebracht. 6

Caesar ging es bei dieser Kampagne zum einen um persönlichen Ruhm: Er wollte sich brüsten können, ein großes und bedeutendes Gebiet dem Römischen Reich eingegliedert zu haben, um damit als großer Eroberer in die Geschichte einzugehen. Dieses Ziel hat er tatsächlich erreicht: In seinen Parallelbiographien großer Griechen und Römer stellte der gelehrte Autor Plutarch im 2. Jhdt. n. Chr. Caesar an die Seite Alexanders.

Der Gallienfeldzug diente Caesar zum anderen dazu, Machtmittel zu gewinnen: Für die zu erwartende Auseinandersetzung mit seinen politischen Konkurrenten – insbesondere mit Pompeius – um die Alleinherrschaft über Rom, musste er sich ein ihm treu ergebenes und gut trainiertes Heer schaffen und außerdem jenen Reichtum gewinnen, mit dem er Anhänger für sich einnehmen und gute Ausrüstung bezahlen konnte. Die Ausbeutung des reichen Galliens schien ihm dafür ein geeignetes Mittel zum Zweck zu sein: In den Augen Caesars war Gallien ein herausforderndes Trainingslager und eine sprudelnde Geldquelle.

Die Folgen für Gallien waren katastrophal. Bereits antike Schriftsteller wie Plutarch und Appian schätzten, dass 1 Million Gallier bei Caesars Feldzügen das Leben verloren hatten und eine weitere Million als Sklaven geendet war. 7 Zu den Toten gehörten nicht nur die in Schlachten ums Leben gekommenen Krieger und die oftmals niedergemachten Menschen eroberter Städte. Viele Gallier, insbesondere auf dem Land, waren verhungert, weil das römische Militär ihnen ohne Zaudern mittels rücksichtslosen Fouragierens den größten Teil der Lebensmittel weggenommen hatte. Hinzu kam, dass Caesar die Heiligtümer der Gallier, in denen sich in vielen Jahrhunderten die Weihegaben frommer Menschen angesammelt hatten, in hemmungsloser Gier nach Edelmetall hatte ausplündern lassen. Viel Geld brachten ihm auch jene Menschen ein, die er und seine Soldaten als Gefangene an die schon wartenden Sklavenhändler verkauften.

Angesichts dieser Zustände ist es kaum verwunderlich, dass sich an dem Punkt, wo das ganze Ausmaß und die Folgen von Caesars gallischen Feldzügen sichtbar wurden, Widerstand regte und zur Rebellion der Gallier führte. Sie wurde im Jahre 52 v. Chr. in der Mitte Galliens von dem mächtigen Stamm der Arverner ausgelöst. Die Erinnerung an dieses bedeutende Volk Galliens ist in dem Namen der von erloschenen Vulkanen geprägten Landschaft der Auvergne bis heute erhalten geblieben.

Anführer der Rebellion war der um 80 v. Chr. geborene Vercingetorix, der aus einer führenden Familie des arvernischen Adels stammte. Sein Name bedeutet soviel wie ,König über die Krieger‘. 8 Sein Vater Celtillus, der danach gestrebt hatte, ganz Gallien unter seiner Führung zu vereinen, war einem Mordanschlag zum Opfer gefallen: Kantönligeist war auch in den Kelten Galliens zutiefst verwurzelt und hatte Caesar die schnelle Erreichung seiner Ziele erleichtert bzw. erst möglich gemacht. Möglicherweise hatte Vercingetorix eine kurze Zeit als Reiterführer im Heer Caesars gedient und war deshalb mit der römischen Kriegsführung gut vertraut. Im Jahre 52 v. Chr. scharte er einen ganzen Trupp junger Männer um sich, die ihm treu ergeben waren. Sie strebten die Befreiung Galliens und Rache für das erlittene Unrecht an. Damit wurde Vercingetorix das, was sein Name versprach: Der königliche Anführer einer mächtigen Kriegerschar. Im Jahre 52 v. Chr. hielt er den Zeitpunkt für gekommen, die Römer aus Gallien zu vertreiben: Die Verbitterung der Gallier und ihr Hass auf die Römer hatten einen Höhepunkt erreicht. Die Nachrichten von bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Rom ließen die Hoffnung aufkommen, Caesar würde nicht so schnell nach Gallien kommen können. Möglicherweise wurde der Aufstand der Gallier auch von der Erinnerung beflügelt, dass es einst Galliern gelungen war, Rom zu erobern. Und so schlossen sich viele Stämme der Rebellion des Vercingetorix an. Der Aufstand begann damit, dass Gallier am 21. Februar in Cenabum/Orléans eindrangen und die dort ansässig gewordenen

Abb. 3: Moderne Statue in Savignano sul Rubicone, die an Caesars Rubikon-Überschreitung erinnert (Photo JN 2016).

Römer – vor allem die verhassten Getreidehändler –ermordeten. Gegen alle Erwartung brach aber Caesar schon am 1. März von Ravenna nach Gallien auf und erreichte in 13 Tagen Narbo/Narbonne in Südgallien.

Schon damals handelte er nach seiner später in drei Worte gefassten Devise: „veni, vidi, vici“ (Ich kam, ich sah, ich siegte), die nichts anderes besagen will, als dass schnelles zur Tat Schreiten und gründliche Betrachtung und Einschätzung der Lage zum Sieg führen müssen.

Theodor Mommsen schätzt die durch Caesars blitzartigem Auftritt entstandene Situation richtig ein,

6 Vgl. dazu T. Rice Holmes, Caesar’s Conquest of Gaule, Oxford 21911; Ch. Goudineau, Caesar und Vercingetorix (Zaberns Bildbände zur Archäologie/Antike Welt, Sonderband). Mainz 2000.

7 Plutarch, Caesar, 15; Appian, Keltike I 6.

8 X. Delamarre, Dictionnaire de langue gaulois, Arles 2003, 116 s.v. cinges, cinget(o)-, guerrier; 260 s.v. rix, roi; 314 s.v. ver(o)-, sur-, super-.

9 Th. Mommsen, Römische Geschichte 4, München 1976 (9 1904, III 281), 272.

10 Zur Taktik des Vercingetorix vgl. Y. Le Bohec, Vercingétorix. Stratège et tacticien, Paris 2023.

Abb. 4: Caesars Feldzüge in Gallien (historicair, Wikipedia).

wenn er über die Rebellion des Vercingetorix schreibt: „Es war eine Torheit, unter solchen Umständen auf die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn diese hatten bereits unwiderruflich entschieden“. 9 Nach der Ankunft Caesars in Gallien lief alles wie ein Uhrwerk ab: Nach gründlichen Erkundungen und Vorbereitungen begann Caesar am 15. April seinen Feldzug gegen die Arverner (Abb. 4) und marschierte damit auf das Zentrum des Aufstandes zu. Am 9. Mai eroberte er Cenabum/Orléans zurück. Vercingetorix versuchte, mit der Taktik der ,Verbrannten Erde‘ das römische Heer auszuhungern und zum Abmarsch aus Gallien zu zwingen. 10 Größere Lebensmittelvorräte waren aufgrund dieser Strategie des Vercingetorix für Caesar nur in der Stadt Avaricum/Bourges zu finden, die deshalb von Caesar eingeschlossen und schließlich auch erobert wurde. Bei deren Erstürmung am 15. Juni 52 v. Chr. kam es zu einem Massaker, das nur 800 der 40.000 Einwohner überlebten. Damit wurde deutlich gemacht, wie Caesar mit den Aufständischen umzugehen gedachte. Er betraute seinen erfahrenen Kommandanten Labienus damit, die übrigen Gallier ruhig zu halten, und rückte selbst dann gegen Gergovia (unweit des heutigen Clermont-Ferrand), den Vorort der Arverner, vor. Vercingetorix gelang es dort, Caesar eine empfindliche Schlappe beizubringen, bei der etwa 700 römische Soldaten zu Tode kamen. Voller Enthusiasmus übertrugen die Gallier daraufhin bei einer Versammlung in dem Felsennest Bibracte dem Vercingetorix den Oberbefehl. Die Hoffnungen der Gallier wurden aber

enttäuscht, als im Spätsommer in dem Reitergefecht an dem kleinen Fluss Armançon Caesars germanische Reiterei ihnen eine schwere Niederlage beibringen konnte. Vercingetorix blieb nichts anderes übrig, als sich nach Alesia (Abb. 5) zurückzuziehen. Caesar erkannte sofort, dass er nunmehr die Chance hatte, Vercingetorix in seine Hand zu bekommen. Er umgab die Stadt mit einem zweifachen Belagerungsring (Abb. 6 und 7). Nachdem Caesar ein großes gallisches Entsatzheer zurückgeschlagen hatte, saß Vercingetorix in der Falle: Caesar hungerte ihn aus. Ausbruchsversuche konnten daran nichts ändern, auch nicht die Austreibung von alten Menschen, Frauen und Kindern aus der Stadt. Vercingetorix wollte mit dieser grausamen Aktion erreichen, dass die spärlichen Lebensmittelvorräte allein den männlichen Stadtverteidigern zur Verfügung standen und dadurch länger reichten. Gnadenlos ließen beide Kontrahenten, Caesar wie Vercingetorix, Alte, Frauen und Kinder vor der Stadt dahinsiechen. Diese Aktion steigerte und verlängerte nur noch das Drama von Alesia. Schließlich mussten die Rebellen im Oktober 52 kapitulieren.

Vercingetorix wurde in Ketten nach Rom geschafft. Er sollte im Triumphzug Caesars mitgeführt worden, doch musste er noch 6 Jahre warten, ehe Caesar vom 20. September bis zum 1. Oktober des Jahres 46 v. Chr. 4 Triumphe – über Gallien, Ägypten, Pontos und Africa – zugleich feiern konnte. Vercingetorix erlebte nun das, was traditionsgemäß bei Triumphzügen mit gegnerischen Anführern, die es gewagt hatten, Rom Widerstand zu leisten, zu geschehen pflegte und Cicero in folgende Worte gefasst hat: „Denn selbst jene, die Triumphe feiern, sparen die feindlichen Anführer nur deshalb längere Zeit lebend auf, damit das römische Volk, wenn diese Anführer im Triumphzug mitgeführt

werden, das herrlichste Schauspiel und die Frucht des Sieges erblicken kann. Sobald aber die Triumphatoren damit beginnen, ihre Wagen vom Forum auf das Kapitol zu lenken, geben sie den Befehl, dass jene in das Gefängnis geführt werden, und derselbe Tag setzt den Siegern ein Ende ihres Oberbefehls, den Besiegten aber ihres Lebens“.11 Auf ein Nicken des Triumphators Caesar wurde Vercingetorix vom Triumphzug weg in das am Aufgang zum Kapitol gelegene Staatsgefängnis, das sogenannte Tullianum, abgeführt und dort hingerichtet. 12 Caesars Hass auf den gallischen Rebellen war selbst 6 Jahre nach dessen Aufstand nicht geschwunden, so dass ihm die clementia Caesaris –die zur Redewendung gewordene Milde des Diktators – nicht zuteilwurde. Im Gedächtnis des siegreichen Gallieneroberers dürften noch zuviele Bilder von römischen Soldaten gespukt haben, die beim Aufstand des Arverners ihr Leben verloren hatten.

Vercingetorix – Von der Keltomanie zur Ideologisierung einer Niederlage

Im 16. Jhdt. begann in Frankreich eine Keltomanie –wir würden heute eher von ,Keltenhype‘ sprechen –um sich zu greifen. In der Zeit des 18. und 19. Jhdts. erreichte sie einen Höhepunkt. Frankreich begann, seine Vergangenheit in die Keltenzeit zurückzuverlegen, indem keltische Sprachreste, insbesondere geographische Namen, aber auch Dolmen und Menhire wie etwa in Carnac – in Wahrheit Relikte der Steinzeit – mit den Kelten in Verbindung gebracht wurden. Damals wurde der Hahn, der lateinisch ,gallus‘ heißt, zum Symbol für Frankreichs Verwurzelung im Keltentum, denn dasselbe Wort mit groß geschriebenem Anfangsbuchstaben – ,Gallus‘ – bezeichnet auch den Gallier (Abb. 8).

Abb. 5: Alesia, das heutige Alise-Saint-Reine (Photo JN 2018).

Abb. 6: Die Belagerungsringe Caesars um Alesia (American Military Accademy, Department of History, Wikipedia).

Abb. 8: Medaille des Bürgerkönigs Louis Philippe auf die Heimholung der Gebeine Napoléon Bonapartes von St. Helena nach Paris aus dem Jahr 1840: Auf einem antikisch stilisierten Schiff stehen die bekrönte Britannia mit Szepter und die Gallia mit der Urne, die die Gebeine Napoleons enthält. Britannia hat ihren Arm um die Gallia gelegt, hinter der der gallische Hahn steht (Auktion Künker 323, 28.6.2019, Lot 2628).

Abb. 7: Der rekonstruierte äußere Belagerungsring Caesars um Alesia (Photo JN 2018).

11 Cicero, Reden gegen Verres II 5, 77. 12 Ungewiss ist, ob er enthauptet (so Th. Mommsen, Römische Geschichte 4, München 1976 [9 1904, III 291], 282) oder erdrosselt wurde.

Abb. 9: J. Au. D. Ingres, Le songe d’Ossian, 1813. Musée Ingres Bourdelle, Montauban.

Diese Anknüpfung an die Frühgeschichte begann seit der Französischen Revolution jene Traditionen zu überflügeln, die den Merowinger Chlodwig (der das Christentum in Gallien eingeführt hatte) und die Frankenkönige an den Beginn der französischen Nation gestellt hatten. 13 Die Revolutionäre bekämpften das Königtum und den mit ihm eng verbundenen Katholizismus, und da kam ihnen die Vorstellung von den Ursprüngen Frankreichs im Keltentum gerade recht, auch wenn das Land weiterhin ,France‘, d.h. ,Reich der Franken‘, genannt wurde. Französische Historiker wie die Brüder Thierry (L’Histoire des Gaulois depuis les temps les plus reculés jusqu’à l’entière soumission de la Gaule à la domination romaine/Die Geschichte der Gallier seit den entferntesten Zeiten bis zur völligen Unterwerfung Galliens unter die römische Herrschaft, Paris 1828) und Henri Martin (Histoire de France, Paris 1833) rückten die Gallier in den Focus des französischen Geschichtsbilds und machten den Gallier Vercingetorix zu einem Nationalhelden. Wie einst die Griechen bei ihren Gründungsmythen größten Wert auf ein hohes Alter ihrer Vorväter legten. schwelgten die Franzosen

Abb. 10: Franz Xaver Winterhalter, Napoleon III., um 1853, Museo napoleonico di Roma.

in der Vorstellung, Abkömmlinge des ältesten Volkes Europas zu sein.

Die Keltomanie verdankte viel ihrer Anziehungskraft einem schottischen Hauslehrer namens James Macpherson, der im Jahre 1760 einen Band gälischer Heldendichtung in englischer Übersetzung veröffentlichte. Er gab vor, diese Poesie im schottischen Hochland gesammelt zu haben. Angeblich gingen sie auf einen gälischen, d.h. keltischen Barden namens Ossian zurück. Trotz der rasch einsetzenden Kritik der Gelehrten, die die Heldengesänge als Fälschungen entlarvten und Macpherson als Schwindler enttarnten, gewann dieses Werk immense Verbreitung. Die Hochschätzung ging so weit, dass Ossian als ,Homer des Nordens‘ bezeichnet wurde. Es waren nicht nur Dichter wie Herder und Goethe, die sich für Ossian begeisterten; auch Napoleon Bonaparte wurde zum Verehrer des keltischen Dichters. Seine Begeisterung für Ossian ging so weit, dass er von dem berühmten Maler Jean Auguste Dominique Ingres für sein Schlafzimmer in Rom ein Bild malen ließ, das im Vordergrund den Barden Ossian mit seiner Harfe zeigt, im Hintergrund aber die nebulösen Gestalten seiner Gesänge (Abb. 9).

Die Keltenschwärmerei Napoleons I. ging auf seinen Großneffen Napoleon III. über, der von 1848 bis 1852 Präsident der 2. Republik war, sie aber 1852 durch einen Staatsstreich in das 2. Kaiserreich überführte.

Napoléon III. (Abb. 10) war ein Liebhaber von Geschichte und Archäologie. Großenteils aus eigenen Mitteln finanzierte er die Ausgrabungen von Alesia, nachdem die bis dahin umstrittene Lage des Ortes bei

13 Vgl. A. King, Vercingetorix, Asterix and the Gauls. The Use of Gallic national symbols in 19th and 20th century French politics and culture, Winchester 2015, 4: „We see, therefore, the rise of the Gauls as a focus of nationalist interest, with both the Franks and the Romans falling out of favour because they were ancestors of aristocracy and privilege“.

Alise-Saint-Reine gesichert worden war. Das Dörfchen bewahrt bis heute mit seinem ersten Namensbestandteil die Erinnerung an Alesia, den Ort des verzweifelten Endkampfes von Vercingetorix; die Kirche des Ortes war einer Märtyrerin namens Regina (französisch ,Reine‘) geweiht worden. Napoléon III. ließ in Alise-Saint-Reine ein lokales Museum errichten, in dem die Funde der Grabungen untergebracht werden konnten. Französischdeutsche Ausgrabungen im Jahre 1990 konnten bestätigen, dass die ersten Ausgräber in Alesia sehr gut gearbeitet hatten. Zu kritisieren bleibt allein, dass die Grabungen nur unzureichend publiziert wurden, doch ist dies ein geläufiges Vergehen der Archäologen.

Krönender Abschluss der Alesia-Forschungen unter Napoleon III. war die Errichtung einer Statue von Vercingetorix auf dem Hügel oberhalb von Alesia. Geschaffen hat sie der französische Bildhauer Aimé Millet (18191891). Die Weiheinschrift Napoleons auf dem Sockel der Statue gibt auf Französisch einen Gedanken des Vercingetorix wieder und beschwört den Zusammenhalt Frankreichs, der angesichts der sich überstürzenden Veränderungen, die das Land im 19. Jhdt. durchmachte, von entscheidender Bedeutung war: „La Gaule unie, formant une seule nation, animée d’un même esprit, peut défier l‘univers. Vercingétorix aux Gaulois assemblés“/ Gallien einig ist, wenn es eine einzige Nation bildet, wenn es beseelt ist von demselben Geist, kann es der gesamten Welt trotzen. Vercingetorix zu den versammelten Galliern. (Abb. 11, 12 und 13).

Das Vercingetorix-Denkmal von

Abb. 12:

Das Vercingetorix-Denkmal von Alesia: Der Kopf des gallischen Rebellen (JN 2018).

Unter dem Eindruck der Ausgrabungen von Alesia erschienen 1865 und 1866 zwei Bände eines Buches mit dem Titel ,Histoire de Jules César‘, dessen zweiter Band dem Gallischen Krieg gewidmet ist. Napoleon III. hatte dieses Buchprojekt initiiert; durch sein Vorwort im ersten Band insinuierte er mehr oder weniger seine Autorschaft. In Wirklichkeit war es ein Team, das dieses Buch realisiert hatte.

Mit den Ausgrabungen von Alesia und der Errichtung einer Statue des Vercingetorix rückte der gallische Rebell gegen Rom immer mehr in das öffentliche Bewusstsein der Franzosen. Bei dieser Vereinnahmung des Galliers kam wie von selbst das Problem auf, dass es Caesars Eroberung Galliens gewesen war, die die Romanitas und damit die wesentlichste kulturelle

Alesia (JN 2018).

14: Das Vercingetorix-Denkmal auf der Place de Jaude in Clermont-Ferrand: Der große Sohn der Auvergne (Jamesdu92320, Wikipedia)

Substratkultur herabsank und Latein sich als Sprache Galliens durchsetzen konnte, wurde der arvernische Gallier zum Vorkämpfer für die Freiheit Galliens bzw. Frankreichs stilisiert. Überall in Frankreich wurden Denkmäler für ihn errichtet. Stellvertretend für sie sei hier das von Clermont-Ferrand erwähnt. Es ehrte vor allem den großen Sohn der Auvergne (Abb. 14). Es sollte allerdings immer ein Problem dieser neuen Symbolfigur Frankreichs bleiben, dass man mit ihrer Erwählung andere Nationalhelden unterdrücken bzw. gänzlich ausschalten wollte, ohne sich zuvor Rechenschaft über Vercingetorix’ historischen wie nationalen Symbolwert gegeben zu haben. Dieser musste im Verlauf der Geschichte noch gefunden werden, und dieser Prozess verlief nicht ohne Irrungen und Wirrungen.

Prägung Frankreichs begründet hatte. Nicht einmal das keltische Bretonisch geht auf die Gallier zurück; keltische Flüchtlinge brachten die Schwestersprache des Kornischen und Walisischen von England nach Frankreich. Und dennoch, obwohl Vercingetorix besiegt und von den Römern brutal umgebracht worden war, so dass mit seiner Niederlage das Keltische zur

Vercingetorix’ Opfermut wurde bald schon als beispielhaft empfunden und herausgestellt, sein Tod in Rom machte ihn zum Märtyrer im Kampf um die Freiheit. Diese Deutung des Vercingetorix gewann an Bedeutung, als Napoléon III. im Krieg gegen Preußen unterlag und in Gefangenschaft geriet, aber von Wilhelm I. weitaus besser behandelt wurde als Vercingetorix von Caesar. Die Franzosen setzten Napoleon III. ab, die 3. Republik begann, und

Abb.
Abb. 13: Das Vercingetorix-Denkmal von Alesia: Die Widmungsinschrift Kaiser Napoleons III.

Abb. 15: Lionel Noel Royer, Vercingetorix wirft seine

Waffen Caesar zu Füßen, Le Puy-en-Velay, Musée Crozatier.

viele Franzosen steigerten sich nach der Demütigung von Sedan in die Opferrolle des Vercingetorix hinein und akzentuierten einen bestimmten Zug dieser Kapitulaiton. Historienmaler stellten dar, wie Vercingetorix sich heroenhaft Caesar ergibt und ihm unerschrocken und trotzig zugleich seine Waffen vor die Füße wirft (Abb. 15). Auf diese Weise konnte der besiegte Vercingetorix zum Wahrer des „honneur de la France vaincue“ werden.14

Bald wurde Vercingetorix beim ideologischen Zweikampf mit Deutschland missbraucht. Die zum Deutschen Reich vereinigten deutschen Staaten finanzierten den 1838 begonnenen, dann aber liegengebliebenen Bau des Hermannsdenkmals. Erst 1875, einige Jahre nach dem Deutsch-Französischen Krieg, konnte es eingeweiht werden (Abb. 16). Auch Hermann – latinisiert heißt er Arminius – hatte gegen die Römer gekämpft und im Teutoburger Wald drei römische Legionen vernichtet. Sein Kampf hat tatsächlich Weltgeschichte geschrieben, da er die Römer von einem Vormarsch über den Rhein abbringen konnte und der größte Teil des späteren Deutschlands nicht romanisiert wurde. Bis heute spricht es eine germanische und nicht eine romanische Sprache. Der Hermann des Denkmals im Teutoburger Waldes richtet drohend sein 7 m langes Schwert

14 Ch. Amalvi, Vercingétorix ou les métamorphoses idéologiques et culturelles de nos origines nationales, in: ders., De l’art et la manière d’accommoder les héros de l’histoire de France. De Vercingétorix à la Révolution, Paris 1988, 51-88, bes. 51.

Abb. 16: Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald (Thomas Wolf, www.foto-tw.de).

gegen Frankreich, das vor allem unter Ludwig XIV. und Napoléon mit dem Streben nach der gallischen Rheingrenze den Deutschen, besonders im Südwesten, übel mitgespielt hatte. Nach 1870 wurden der Germane Arminius und der Gallier Vercingetorix zu Leitfiguren nationalistischer Ressentiments und Propaganda. Es wurde herausgestellt, dass Caesar vor allem mit seiner germanischen Reiterei den Reiterhelden Vercingetorix und seine gallische Kavallerie besiegt hatte.

Der 1. Weltkrieg verschärfte die Spannungen um die beiden Nationalhelden. 1916 publizierte der französische Historiker Jules Toutain ein Pamphlet mit dem Titel ,Héros et bandit. Vercingétorix et Arminius‘. Darin warf er Arminius vor, dass er im Gegensatz zu Vercingetorix nicht einen offenen Kampf mit den Römern ausgetragen habe, sondern im Teutoburger Wald drei römische Legionen hinterhältig niedergemacht habe. Während des Zweiten Weltkrieges nahmen Marschall Pétain und seine Vichy-Regierung für sich in Anspruch, wie Vercingetorix größte persönliche Opfer für das besiegte Gallien/Frankreich gebracht zu haben, um sein Überleben und seine Ehre zu bewahren, während General De Gaulle und seine Widerstandskämpfer Vercingetorix als Vorbild für die Resistance in Anspruch nahmen.

Das Bild vom Resistance-Helden Vercingetorix hat nach dem 2. Weltkrieg mit Asterix (Abb. 17) Eingang in die Volkskultur gefunden. Sein Widerstand gegen die Römer, der im Gegensatz zum Geschick des Vercingetorix, immer erfolgreich endet, wird lustig und unterhaltsam geschildert: Ein blutiger und verheerender Krieg der Vergangenheit wurde zu amüsantem Klamauk. Asterix sei uns allen gegönnt!

Und dennoch sollten wir verstehen, dass wir die Nachteile davon, das wahre Gesicht von Krieg zu übertünchen und keine wirklichkeitsnahen Lehren aus der Geschichte ziehen zu wollen, in unseren Tagen mehr als nachdrücklich, wenn nicht gar bedrückend erfahren.

Insofern können uns diese famose Münze und die Geschichte, die sie evoziert, zur Reflexion über vielerlei Aspekte anregen. Vercingetorix und seine Geschichte haben uns jenseits von nationalistischen Vereinnahmungen und spaßigen Comics noch viel zu sagen.

Abb. 17: Asterix, eine Wandmalerei in Wuppertal (Fährtenleser, Wikipedia).

Harald Blauzahn –ein Wikingerfürst gründet ein christliches Königreich

Nicht allen an der Geschichte Europas interessierten Menschen ist bekannt, dass das dänische Königshaus zu den ältesten Monarchien der Welt gehört. Mit Stolz kann es auf eine an Ereignissen reiche Geschichte bis in die Wikingerzeit des 10. Jhdts. zurückblicken. In unserer Auktion 441 am 19.-20. März bieten wir zwei äußerst seltene Münzen des Gründers der dänischen Dynastie, König Haralds I. Blauzahn (Harald I. Blaatand) an, die in Haithabu (Hedeby), einem frühmittelalterlichen Handelsplatz der dänischen und schwedischen Wikinger, während der Regierungszeit König Haralds zwischen 970 und 980 geprägt wurden. Diese Münzen sind Nachahmungen der Denare Karls des Großen aus der karolingischen Handelssiedlung Dorestad in Friesland. Auf den Vorder- und Rückseiten erkennt man die ornamental aufgelösten CAROLVSund DORESTAD- Legenden (Abb. 1 a-c).

Abb. 1 a: Katalog zur Künker-Auktion 441, 19.-20. März 2026 in Osnabrück

Wer war dieser König Harald Blauzahn? Nur ein grausamer Wikingerhäuptling und Machtmensch, der auf Beutezügen reich geworden war und sich selbst zum König erhob? Wir werden sehen, dass er in Wahrheit ein früher „Netzwerker“ war, der die Stämme der Dänen einte, ein kühl kalkulierender Stratege, der sich zwar als erster Wikingerfürst zum Christentum bekannte, jedoch nur, um seine Herrschaft zu sichern und dabei sein Territorium zu vergrößern, der das sumpfige dänische Land durch den Bau von Straßen, Brücken und Verteidigungsanlagen erschloss und sicherer machte, und der uns dazu einen Stein mit der vielleicht berühmtesten Inschrift der dänischen Geschichte hinterließ (Abb. 2).

Im Drachenboot zu fernen Ufern –Die Wikinger als „Entdecker“

Die Wikinger stellten keine geschlossene Volksgruppe dar, sondern kamen aus unterschiedlichen Gegenden Norwegens, Schwedens und Dänemarks; sie alle waren germanische Völker des Nord- und Ostseeraumes. Die Wikinger – der Name geht wohl auf den skandinavischen Begriff „auf viking (Beutezug) gehen“ zurück – waren demnach skandinavische Seekrieger,

Abb. 1 b: Los 4946 Königreich Dänemark.

Harald Blauzahn, 936-987.

Halbbrakteat, Haithabu (Hedeby).

Feine Patina, vorzüglich +.

Schätzung: 1.000 Euro

Abb. 1 c: Los 4947 Königreich Dänemark.

Harald Blauzahn, 936-987.

Halbbrakteat, Haithabu (Hedeby).

Feine Patina, vorzüglich

Schätzung: 1.000 Euro

die in losen Stammesverbänden in Norwegen, Schweden, Dänemark und Südfinnland vor allem an den Meeresbuchten siedelten.

Die Bezeichnung Normannen, der genau genommen ein Oberbegriff ist und nicht nur die Wikinger bezeichnet, leitet sich von Nordmännern ab; ebenso geht der Name der französischen Region Normandie auf die Wikinger zurück, die diese Region besiedelten.

Die Wikingerstämme lebten bescheiden: Ackerbau, der wenig ertragreich war, und Viehhaltung bildeten ihre wichtigsten Lebensgrundlagen, während der Fischfang allenfalls für den Eigenbedarf betrieben wurde. Ihre größte Stärke war die Seefahrt, in der sie es, angesichts ihrer einfach konstruierten Langboote und primitiver Navigationshilfen zu wahrer Meisterschaft brachten. Vor allem ihr Wagemut führte die geschickten Seefahrer dazu, ab der Mitte des 9. Jhs. den Nordatlantik zu erkunden. Weil der Lebensraum für ihre wachsende Bevölkerung zu knapp wurde, suchten sie neue Territorien. Dabei machten sie, vermutlich eher zufällig, einige Entdeckungen, die zu Landnahmen führten. Schon in der 2. Hälfte des 9. Jhs. kamen norwegische Seefahrer auf Island an, das sie ab 870 dauerhaft besiedelten. Weitere ließen sich unter der Führung von Erich dem Roten ab 980 auf Grönland nieder. Dessen Sohn Leif Erikson fuhr durch die Davisstraße und erkundete die Küsten von Labrador und Neufundland, wo es in der Folge von Grönland aus zu mehreren Siedlungsversuchen auf dem nordamerikanischen Kontinent kam, die jedoch bald wieder aufgegeben wurden (Abb. 3).

Maritime Unternehmer – Die Wikinger als Händler

Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches und dem Vordringen der Araber nach Nordafrika und Spanien hatte der Mittelmeerraum seine Bedeutung als zentrales Wirtschaftsgebiet verloren. Mit der Etablierung des Frankenreiches verlagerten sich die politischen und religiösen Zentren nach Norden, was z. B. an der Bedeutung Aachens für das Karolingerreich ersichtlich ist. Der seit der spätrömischen Periode hoch entwickelte Wirtschaftsraum im Gebiet zwischen Rhein, Mosel, Seine und Loire suchte nach den Wirren der Völkerwanderungszeit noch offene Handelsrouten in den östlichen Teil des Mittelmeeres. Es bildete sich eine Fernhandelsroute heraus, deren Ausgangspunkt das Handelszentrum Dorestad im Mündungsgebiet des Rheins war. Drei wichtige Handelsrouten trafen sich dort. Die eine führte rheinaufwärts in das heutige Deutschland und Frankreich. Eine zweite ging nach Westen in Richtung England nach London und weiter nach York. Die dritte lief durch die Nordsee ins Baltikum und nach Schweden sowie nach Haithabu im Süden der kimbrischen Halbinsel.

Der Handel spielte für die seefahrenden Wikinger, die mit ihren speziellen Booten sowohl das offene Meer als auch Flusssysteme geschickt zu nutzen wussten, schon früh eine sehr bedeutende Rolle. Um 770 hatten dänische und schwedische Wikinger den an einer Bucht der Schlei zwischen Ost- und Nordsee gelegenen Handelsplatz Haithabu gegründet. Die Schlei ist ein weit ins Land reichender Meeresarm, der als direkter Schifffahrtsweg in die Ostsee führt. Auch die Nordsee liegt in erreichbarer Nähe, so dass Schiffe über die Flüsse Eider und Treene bis in das nahe Hollingstedt fahren konnten. Das kurze Wegstück über Land wurde in der Wikingerzeit mit Fuhrwerken oder Packtieren bewältigt. Somit bildete der Weg über Haithabu eine Möglichkeit für den Warenaustausch zwischen Nord- und Ostsee, der den Kaufleuten den langen und gefährlichen Weg um die Nordspitze Jütlands ersparte. Durch die Ostsee und den Finnischen Meerbusen erreichten die Händler auch Altladoga am Ladogasee, um von dort über den Dnjepr und Kiew nach Konstantinopel und zum östlichen Mittelmeer zu gelangen. Vom 9. bis ins 10. Jhdt. entwickelte sich Haithabu mit seinen über eintausend ständigen Einwohnern zu einem überregional bekannten Handelsort und wichtigen Umschlagsplatz für den Fernhandel zwischen dem Baltikum, Skandinavien, West- und Osteuropa, an dem auch eigene Münzen geprägt wurden. Waren aus der gesamten damals bekannten Welt wurden hier gehandelt: aus Norwegen, Schweden, Irland, dem Baltikum, Konstantinopel, Bagdad und dem Fränkischen Reich. Zahlreiche Funde von Fuß- und Handfesseln belegen zudem einen

Abb. 2: Harald Blauzahn. Fiktive moderne Zeichnung.

schwunghaften Handel mit Sklaven. Während der skandinavische Raum vorwiegend Rohstoffe, Bernstein und Felle lieferte, kamen aus den Gebieten des Mittelmeerraumes und des Ostens Luxusgüter.

Da die Wikingersiedlungen an jenen Routen lagen, über die im 8. und 9. Jhdt. der west-östliche Warenverkehr lief, hörten die Nordmänner von den weitgereisten Händlern sagenhafte Geschichten über schlecht bewachte Reichtümer im fremden Mitteleuropa, die man mühelos rauben könne. Sie stellten eine förmliche Herausforderung dar, dass jemand kam und sie sich nahm. Viele junge Männer sahen darin ihre Chance, zu Reichtum und einem besseren Leben für sich und ihre Familien zu kommen. So fanden sich jeweils mehrere Wikinger zu einer Fahrgemeinschaft zusammen und stachen in See.

Die Beutezüge auf schnellen Schiffen

Als am 8. Juni 793 das auf einer Insel vor der nordostenglischen Küste gelegene Kloster Lindisfarne völlig überraschend von skandinavischen Seeräubern geplündert und zerstört wurde, erregte dieser erste zweifelsfrei belegte Überfall von Skandinaviern die sofortige Aufmerksamkeit in den höchsten politischen und kirchlichen Kreisen Europas. Denn ein ehemaliger Mönch dieses Klosters, kein geringerer als Alkuin von York, der zum Kreis der Gelehrten an der Hofschule Karls des Großen zählte, schrieb mehrere Briefe, in denen er die Überfälle und Gräueltaten der Piraten aus dem hohen Norden im Frankenreich schilderte. Bis zum Papst in Rom gelangte sein Bericht, wo er größte Sorge auslöste.

„Inzwischen überfielen dänische Seeräuber von der Nordsee aus durch den Kanal fahrend Rouen, wüteten mit Raub, Schwert und Feuer, schickten die Stadt, die Mönche und das übrige Volk in den Tod oder in Gefangenschaft, verheerten alle Klöster, sowie alle Orte am Ufer der Seine oder ließen sie, nachdem sie sich viel Geld hatten geben lassen, in Schrecken zurück.“ (Schilderung des Alkuin in einem Brief an Bischof Arno von Salzburg).

Der Überfall auf Lindisfarne gilt als Beginn der sog. „Wikingerzeit“ – eine gut 250 Jahre andauernde Periode der skandinavischen Expansion nach West- und Osteuropa.

Die besten Voraussetzungen für die Kampftaktik der Wikinger, die auf überraschender Annäherung und schnellem Rückzug basierte, bildeten die Wikingerschiffe. Diese berühmten Langschiffe aus Eichenholz, die besonders wegen ihrer reichen Stevenverzierungen mit Schlangen und Drachenköpfen ins Auge fielen, waren leichte, schnelle und wendige

Abb. 3: Karte mit den Zügen, Landnahmen und Siedlungsgebieten der Wikinger von 800-1050. Foto: Mediatus (H.J.)/Wikimedia Commons/ CC-BY-SA-3.0 & GFDL.

Kriegs- oder Kampfschiffe, mit denen man blitzschnell manövrieren konnte, um wie aus dem Nichts heraus aufzutauchen, an Land zu gehen, anzugreifen, reiche Beute zu machen und sofort wieder den Rückzug anzutreten. Das war ein Albtraum für die Überfallenen, die sich dagegen nicht wirkungsvoll verteidigen konnten (Abb. 4).

Die Langschiffe (Drakkar genannt) waren mit einem flachen Kiel und vernieteten Planken versehen, wodurch sie einen hohen Grad an Festigkeit und Elastizität erhielten. Die Bootsrümpfe waren in der typischen Klinkerbauweise, überlappend wie Dachziegel, ausgesteift. Zur Fortbewegung kamen bunte Segel und Ruder zum Einsatz. Der Segelmast konnte in kürzester Zeit umgelegt werden. Die Schiffe nahmen aufgrund ihrer leichten Bauweise schnell an Fahrt auf.

Ihr Tiefgang betrug nicht mehr als 1,5 Meter, wobei sie etwa 20 Knoten (37 km pro Stunde) schnell werden konnten. So konnten die Wikinger mit ihren Langbooten in allen Gewässern navigieren: auf dem offenen Meer, aber auch auf großen und kleineren Flüssen. Für den Fall, dass ein Binnengewässer nicht weiterführte, konnte das Boot von der Mannschaft sogar geschultert und zum nächsten Wasserarm getragen werden, wo die Fahrt dann fortgesetzt wurde. Auf diese Weise konnten die Wikinger tief in das jeweilige Landesinnere vorstoßen. Für den Warenaustausch und Handel nutzten die Wikinger dickbäuchige Handels- und Lastschiffe, die so genannten Knorren. Als Kompass dienten flache Holzscheiben mit Markierungen und sog. Sonnensteine, mit denen sich die Seefahrer auch bei bedecktem Himmel zurechtfanden.

Abb. 4: Wikingerschiff in voller Fahrt mit buntem Segel.

Foto: Wikipedia, Archiwum własne Jarmeryka.

Abb. 5: Das Oseberg-Schiff im Vikingskipshus in Oslo. Foto: Wikipedia, Petter Ulleland.

Für die Wikinger waren ihre Schiffe nicht nur ein schnelles Fortbewegungsmittel – sie waren zudem Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung, der kulturellen Identität und der Verbindung mit den nordischen Göttern. Ein prächtig geschnitztes Langschiff zeigte den Status und Einfluss eines Wikinger-Jarls, d.h. eines Fürsten. Die mit geschnitzten Drachenköpfen, Tiermotiven oder mythologischen Szenen geschmückten und bunt bemalten Vordersteven dienten als Schutz gegen böse Geister und sollten Feinde in Angst versetzen. Besonders aufwendig verzierte Schiffe gehörten Königen oder Fürsten, die mit ihrem Prunk Ansehen und Autorität demonstrierten. In vielen Fällen begleiteten sie bedeutende Persönlichkeiten auch auf deren Reise ins Jenseits. Schiffbestattungen, wie sie bei hochrangigen Kriegern oder Adligen durchgeführt wurden, belegen den hohen Stellenwert der Schiffe in der nordischen Gesellschaft. Zwei der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen auf dem Gebiet der skandinavischen Geschichte sind das Oseberg-Schiff und das Gokstad-Schiff, beide im 9. Jhdt. gebaut und in Norwegen gefunden. Derartige Bestattungen waren prachtvolle Inszenierungen: Der Verstorbene wurde mit Waffen, Schmuck, Lebensmitteln und manchmal sogar

geopferten Tieren oder Sklaven in ein Schiff gelegt, das entweder verbrannt oder unter einem Hügel begraben wurde (Abb. 5).

Die Taktik der schnellen Überfälle mit wendigen Schiffen befähigte zu den schnellen Raubzügen, die für die Anfangsphase der Wikingerzeit bis etwa 830/840 typisch waren. Die kurzen Überfälle, die zumeist von kleineren Banden junger Männer unternommen wurden, waren auf die Sommermonate beschränkt, und die Wikinger kehrten danach wieder in die Heimat zurück. Bevorzugte Ziele waren den Quellen nach zunächst Klöster und Kirchen, da hier am Leichtesten Reichtümer zu holen waren.

Obwohl solche Angriffe offensichtlich nur von wenigen Schiffen unternommen wurden, müssen die Nordleute schon bald als ernsthafte Bedrohung angesehen worden sein. In den Annales regni Francorum (Annalen des Fränkischen Reiches) wird berichtet, dass Karl der Große im Jahre 800 zur Abwehr von Wikingerüberfällen Küstenbefestigungen und Signalfeuer zwischen der Rhein- und Scheldemündung einrichten ließ. Schiffskontingente wurden an der Loiremündung,

an der Garonne und nach einem dänischen Angriff auf Friesland 810 auch in Gent und Boulogne zum Einsatz gegen die Plünderer stationiert. Diese ersten Abwehrbemühungen scheinen anfangs durchaus Erfolge gezeitigt zu haben, denn es sind bis in die ersten Jahrzehnte des 9. Jhdts. auch gescheiterte Raubzüge von Wikingern überliefert.

Nach dem Tod Karls des Großen im Jahr 814 war das westliche Frankreich wieder den Angriffen der Wikinger ausgesetzt. Erst als der bedeutende Handelsplatz Dorestad in den Jahren 834, 835 und 836 dreimal geplündert wurde, ließ Kaiser Ludwig der Fromme Rundburgen anlegen, um die Küste Flanderns zu schützen. In England, Irland und Westfrankreich dagegen stießen wikingische Scharen bis in die Binnenregionen vor.

Die Wikinger werden sesshaft

Die Teilung des Fränkischen Reiches von 843 im Vertrag von Verdun zwischen den Enkeln Karls des Großen veränderte die Situation grundlegend: Jetzt war das geschwächte westliche Frankenreich den Wikingereinfällen nahezu ungeschützt ausgeliefert. Im Jahr 841 fuhren Wikinger zum ersten Mal über die Seine nach Süden; 845 wurde ein Angriff auf Paris nur durch Zahlung einer enormen Summe von 7000 Pfund Silber abgewendet. In dieser Phase vollzog sich eine entscheidende Veränderung der Kriegsführung: Die Wikinger zogen sich in den Wintermonaten nicht mehr in ihre Heimatländer zurück, sondern überwinterten in den von ihnen heimgesuchten Gebieten, zuerst ab 841 in Irland, dann ab 851 auf der Themseinsel Thanet und 851 zum ersten Mal auf einer Insel in der Seine. Später folgten Quartiere auf der Insel Noirmoutier in der Loiremündung und ein befestigtes Lager bei Löwen im heutigen Belgien. Von solchen Basen aus wurden in der Folgezeit systematisch auch die Einzugsgebiete der Mittel- und Oberläufe der jeweiligen Flüsse angegriffen. Neben westfränkischen Städten wie Nantes, Bordeaux, Toulouse, Rouen und Paris traf es mittel- und ostfränkische Küstenplätze wie Dorestad und Hamburg ebenso wie Aachen, Köln und Trier im Binnenland. Seit dem 9. Jhdt. verlegten sich einzelne Wikingerkontingente zunehmend auf das „Brandschatzen“, d.h. auf Plünderungen und Zerstörungen von Städten, Klöstern, Landesherren gegen Geldzahlungen zu verzichten.

In einem nächsten Schritt gingen die Gepeinigten dazu über, den Wikingern auf der Grundlage von Verträgen Land an der Küste abzutreten. Als Gegenleistung sollten die nun Sesshaften andere Wikingertrupps von Plünderungen in dieser Region abzuhalten. Das Modell wurde an verschiedenen Stellen versucht, so

auf der Halbinsel Walcheren in Seeland und an der Rheinmündung bei Dorestad. Diese ersten Siedlungen waren jedoch recht kurzlebig. Am dauerhaftesten erwies sich die Präsenz der Seine-Wikinger um Rouen unter ihrem norwegischen Anführer Rollo, die nach dem Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte mit dem westfränkischen König Karl III. dem Einfältigen ihr Siedlungs- und Herrschaftsgebiet ständig ausweiteten und damit die Grundlagen für das später so bedeutsame Herzogtum Normandie legten.

In England begannen sich seit 865 mehrere Wikingerscharen zusammenzuschließen, um Land in ihren Besitz zu bringen. Ab 871 beherrschten sie weite Teile Ostenglands; ab 876 begannen sich einzelne Clans zwischen York und London dauerhaft anzusiedeln. Nur das angelsächsische Königreich Wessex unter König Alfred dem Großen konnte seine Unabhängigkeit bewahren. Nach seinem Sieg über ein Dänenheer unter der Führung des Wikingerfürsten Guthrum im Jahr 878 schloss Alfred mit den Dänen einen Vertrag über die Aufteilung der Machtbereiche ab. Grenzlinie war die Watling Street, eine zwischen London und Chester verlaufende Römerstraße. Östlich davon lag das autonome Herrschaftsgebiet der Dänen, das Danelaw oder (altnordisch) Danelagh. Es erhielt Zuzug vor allem aus den irischen Wikingersiedlungen sowie aus Dänemark und Norwegen selbst. In Northumbria mit dem Hauptort York etablierte sich eine norwegische Herrschaft.

Die Präsenz von Skandinaviern an der Ostsee, im Baltikum, in Karelien, in Russland vor allem entlang der Flüsse Dnjepr und Wolga, am Unterlauf der Wolga und im Umkreis des Kaspischen Meeres sowie schließlich im byzantinischen Schwarzmeergebiet und in Konstantinopel selbst, ist vor allem durch Münzfunde sehr gut belegt. Eine Vielzahl von Depotfunden in Gotland und Schweden mit Tausenden von Silbermünzen aus Byzanz und dem Kalifat von Bagdad bezeugen den Fernhandel der Wikinger mit dem östlichen Mittelmeerraum. Byzantinische Chroniken und Berichte arabischer und persischer Kaufleute sind dafür ebenfalls eine gute Quelle: Einige von ihnen gelangten auf den warägischen Handelsrouten sogar bis nach Haithabu und hinterließen Beschreibungen dieses internationalen Handelsortes. Die Aktivitäten der Skandinavier im Osten, in erster Linie der Schweden und Gotländer, konzentrierten sich vor allem auf die Gewinnung der beiden wichtigsten skandinavischen Handelsgüter: Sklaven und Felle. Die Sklaven wurden ins Kalifat von Bagdad verkauft, im Westen über Zwischenhandel auch bis in das Kalifat von Córdoba.

Mitte des 9. Jhdts. gelang es den Kiewer Rus oder Warägern – wahrscheinlich in einer Allianz mit den

einem der beiden Runensteine von Jelling als „König aller Dänen“. In Norwegen gelang es einzelnen Wikingerführern, in ihrem Heimatland Thronansprüche durchzusetzen, so im Falle der norwegischen Könige Olaf I. Tryggvason (995–1000) und Olaf I. Haraldson (1015–30).

Mit großen Flotten und unter königlicher Führung eroberten die Dänen England. Erster Dänenkönig auf dem englischen Thron wurde 1013/14 Sven Gabelbart, der Sohn Harald Blauzahns. Sein Sohn Knut II. der Große wurde 1016 Alleinherrscher über England; seit 1019 und 1028 war er auch König von Dänemark und Norwegen. Durch diese Personalunion entstand ein Nordseeimperium, das aber über seinen Tod (1035) hinaus keinen Bestand hatte.

dort ansässigen slawischen Fürsten – eine weiträumige Herrschaft zu errichten und eine anfangs skandinavisch geprägte Fürstendynastie zu gründen. Mittelalterliche russische Quellen berichten von Angriffen der Kiewer Rus auf Konstantinopel, die im letzten Drittel des 9. Jhdts. begannen. Der byzantinische Kaiser Leo VI., der schon durch verlustreiche Kriege mit Bulgaren und Arabern in Bedrängnis geraten war, gewährte den Warägern 911 Handelsprivilegien; vielleicht musste er auch Tribut zahlen. Ab etwa 970 begann die Aufnahme skandinavischer Söldner in die kaiserliche Palastgarde („Warägergarde“). Der wohl bekannteste von ihnen war der spätere norwegische König Harald III. der Strenge.

Die Entstehung der skandinavischen Königreiche

In den letzten Jahrzehnten des 10. Jhdts. traten verstärkt norwegische und dänische Könige als Führer und Initiatoren von Wikingerzügen auf. Das kann als deutliches Indiz dafür gesehen werden, dass sich im Laufe der Wikingerzeit in den skandinavischen Ländern ein zentrales Königtum anstelle der bisherigen kleinräumig-regionalen Herrschaften zu entwickeln begann.

So erkämpfte in Norwegen der Wikingerfürst Harald I. Schönhaar (860–930) erstmals ein landesweites Königtum. In Dänemark bezeichnete sich der getaufte König Harald Blauzahn (935/940 bis etwa 987) auf

Mobilität und flexible Anpassung an fremde Lebensund Herrschaftsverhältnisse sowie der Hunger nach Land und Beute, der immer der Hauptantrieb für die Wikingerzüge war, zeigten sich noch einmal deutlich im Engagement normannischer Gruppen aus dem neu konstituierten Herzogtum Normandie in Süditalien und auf Sizilien. Nach der Übernahme romanischer Sprache und Kultur während der Ausweitungs- und Konsolidierungsphase des Herzogtums im 10. Jhdt., griffen Teile des neu formierten Adels, zunächst als Söldner, in die Machtkämpfe Unteritaliens ein und errangen dort mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit die Herrschaft. Die erste Gruppe normannischer Ritter muss in der Zeit zwischen 1000 und 1015 von einem langobardischen Fürsten zur Unterstützung gegen Byzantiner und Sarazenen angeworben worden sein. Mit der Ankunft der Brüder Hauteville, Angehörige einer Adelsfamilie aus der Normandie, begann die normannische Reichsbildung endgültig Gestalt anzunehmen. Eine wichtige Voraussetzung dafür war die gegen Byzanz gerichtete, nicht immer problemlose Beziehung der Normannen zum Papst und die Anerkennung des Kaisers als oberstem Lehnsherrn. Drogo von Hauteville erhielt von Kaiser Heinrich III. 1047 als Herzogtum Apulien und Kalabrien zu Lehen. Nach der siegreichen Schlacht von Civitate 1053 gegen ein Heer von Langobarden, Byzantinern und päpstlichen Truppen musste Papst Leo IX. die normannischen Eroberungen in Süditalien anerkennen. Robert Guiscard, ebenfalls ein Hauteville, ließ sich darüber hinaus 1059 von Papst Nikolaus II. mit Sizilien belehnen, das die Normannen erst mit Roger I. 1091 eroberten. Bohemund von Tarent, ein Sohn Robert Guiscards, nutzte seine Teilnahme am Ersten Kreuzzug zur Errichtung des normannischen Fürstentums Antiochia in Syrien (ab 1098). Roger II. wurde 1130 König über das normannische Unteritalien und Sizilien. Das Königreich beider Sizilien blieb bis zur Eroberung durch die Staufer in normannischer Hand.

Abb. 6: Karte des Wikingerzeitlichen Dänemarks, Casiopeia (German Wikipedia).

Harald Blauzahn aus dem „Hause Jelling“

Es sei vorausgeschickt, dass die Abfassung einer möglichst historisch genauen Lebensbeschreibung des frühen Dänenkönigs Harald bei der dürftigen Quellenlage aus dieser Zeit und dieser Region äußerst schwierig ist. Unser wichtigster und zuverlässigster Informant ist der Benediktinermönch Widukind (geboren um 925 oder 933/35; gestorben am 3. Februar nach 973) aus der Abtei Corvey bei Höxter. Er ist einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des Mittelalters und Verfasser der Res gestae Saxonicae, (Sachsengeschichte).

Im 10. Jhdt. war Dänemark ein Land aus Inseln und Wäldern, Seen und Marschen, fruchtbaren Äckern und sandigen Böden (Abb. 6). Die Kontrolle über das Gebiet übten Wikingerclans aus, die von einem ,Warlord‘ angeführt wurden. Besonders mächtig war die Sippe der Jellings. Dem Großvater Harald Blauzahns, dem Wikinger-Jarl Harthaknut, gelang es um 900 die dänischen Wikingerstämme zu einen. Ihn nennen die christlichen Chroniken einen „blutrünstigen Drachen“, der angeblich Geistliche verfolgen und nicht selten zu

Tode foltern ließ. Sein Sohn Gorm folgte ihm in den dreißiger Jahren des 10. Jhdts. nach. Über Gorm, den die Dänen den ,Alten‘ nennen, sind wir durch Saxo Grammaticus (geb. um 1160, gest. nach 1216) informiert, der die Gesta Danorum, eine 16-bändige Geschichte Dänemarks in geschliffener lateinischer Sprache verfasste. Möglicherweise nutzte er dafür die Abschrift der Gesta Hamburgensis ecclesiae pontificum (Taten der Bischöfe der Kirche Hamburgs) des Adam von Bremen, der um 1066 im Auftrag seines Erzbischofes zum König von Dänemark, Sven Estridson, gereist war. Gorm selbst betrachtete sich als König, wie aus der Inschrift auf dem Kleinen Runenstein von Jelling hervorgeht, den er seiner Frau Thyra Danebod („dem Stolz Dänemarks“) zum Gedächtnis gesetzt hatte (Abb. 7). Über das Wesen dieses frühen Königtums können die historischen Quellen jedoch wenig aussagen. Es ist aber bemerkenswert, dass hier zum ersten Mal der Name Dänemark schriftlich auf dänischem Boden erwähnt wird. Zum Zentrum seiner Herrschaft machte Gorm seinen Stammsitz Jelling auf der Halbinsel Jütland. Als sein erstgeborener Sohn Knut im Kampf fiel – ihn traf bei einem Überfall in Irland ein Pfeil, so berichtet es der dänische Chronist

Abb. 7: Kirche und Runenstein in Jelling auf einer Darstellung des Reichsarchivars von Dänemark, Ole Worm, 1643. Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen; Magnus Manske, 28. September 2012, Wikipedia.

Abb. 8: Taufe König Haralds, Altarrelief der Tamdrup Kirche aus Goldblech um 1200, Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen.

Saxo Grammaticus – folgte ihm sein jüngerer Sohn Harald nach. Gemeinsam mit seinem Vater regierte er 15 Jahre lang, bis der alte Herrscher im Winter 958/59 starb. Harald ließ für seinen Vater ein gigantisches Grabmal errichten: ein 350 Meter langes, aus mannshohen Steinen geformtes Schiff, das die Reise ins Totenreich symbolisiert. Der Leichnam wurde in einer 18 Quadratmeter großen und knapp 1,50 Meter tiefen, mit Holz ausgekleideten und wuchtigen Eichenstämmen verschlossenen Grube im Zentrum beigesetzt. Rund drei Jahre lang häuften Arbeiter Steinmassen über die Kammer, überzogen das acht Meter hohe Monument mit einem Gerüst aus Ästen und bedeckten es schließlich mit Heide und Grasziegel. Vermutlich um 960 ließ Harald Blauzahn, nachdem er zum Christentum konvertiert war, seinen Vater exhumieren und unter der hölzernen Kirche beisetzen, die nach seiner Taufe in Jelling errichtet wurde. Die Gebeine des Königs wurden bei einer Grabung in der Kirche entdeckt, später untersucht und im Jahr 2000 wieder am Fundort beigesetzt.

Mit der Herrschaft seine Sohnes Harald Gormsons, der den Beinamen Blauzahn trug (Spekulationen gehen von einem abgestorbenen und dunkel verfärbten Vorderzahn aus), entwickelte sich das Haus der Jellinge zur führenden Dynastie in Skandinavien.

Einigung mit Kaiser Otto dem Großen –Harald wird Christ

Das Territorium Dänemarks erstreckt sich seit dem Jahr 800 bis in die heutigen südschwedischen Gebiete Halland und Schonen. Nach Kämpfen zwischen Franken und Wikingern hatten sich Kaiser Karl der Große und der Dänenkönig Hemming im Jahr 811 darauf verständigt, dass der Fluss Eider die südliche Grenze Dänemarks markieren sollte. Zur Nordsee hin war das Grenzgebiet versumpft und ohnehin unpassierbar, im östlichen Bereich schützte ein rund 30 Kilometer langes, aus Gräben und Erdwällen bestehendes und mit Holzpalisaden versehenes Bollwerk die Grenze: das Danewerk, die größte Festungsanlage Skandinaviens. Sehr wahrscheinlich reichte die Macht nordischer Anführer schon Jahrhunderte zuvor bis hierher; das belegen archäologische Reste von Vorgängerbauten des Danewerks.

Gleich zu Beginn von Haralds Herrschaft kam es zu einem militärischen Konflikt mit dem Nachbarn im Süden: Der römisch-deutsche Herrscher Otto I. wollte die Dänen zur Anerkennung seiner Vorherrschaft und zum Christentum zu zwingen. Das entstehende Heilige Römische Reich war in der Mitte des 10. Jhdts. die führende Macht in Mitteleuropa. Wohl aus der Einsicht, dass er Ottos Truppen nicht dauerhaft standhalten werde können, unterwarf sich Harald um das Jahr 948 dessen Oberherrschaft und nahm ihm dadurch jeden Vorwand für einen weiteren Angriff. Dänemark wurde zwar nicht direkt abhängig, zahlte jedoch Tribute und erfüllte weitere Verpflichtungen. Ob, wie gelegentlich angenommen, Otto der Große auch Pate von Sven Gabelbart, dem Sohn Haralds war, ist historisch nicht nachweisbar. Mit der Anerkennung des christlichen Reiches setzte auch die Christianisierung von Skandinavien ein: Harald Blauzahn, der mächtige heidnische Dänenkönig, bekannte sich zum Kreuz Christi! Angeblich soll er von dem deutschen Missionar Poppo durch ein Wunder bekehrt worden sein, wie Widukind von Corvey berichtet: Auf einem Fest habe Harald den Priester auf die Probe gestellt und behauptet, dass andere Götter zu weitaus größeren Wundern und Zeichen fähig seien als Christus. Poppo habe daraufhin ein glühendes Eisen umfasst und dem überraschten König anschließend seine unversehrte Hand gezeigt. Daraufhin sei der Dänenkönig am Poppostein getauft worden, einem Hünengrab aus der Jungsteinzeit bei Flensburg. Eine vergoldete Reliefplatte aus dem 12. Jhdt., die sich heute im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen befindet, zeugt von dem Taufakt. Sie stellt den Täufling Harald in einem großen Bottich stehend dar, neben ihm Poppo, der spätere Bischof von Schleswig. Vermutlich fand die königliche Taufe, entgegen der Legende vom Poppostein, in Haithabu oder Aarhus statt (Abb. 8).

Harald erkannte, dass das Christentum nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Waffe war, um das Land zu vereinen und seine Herrschaft zu stabilisieren. Mit der Taufe begann der Bau von Kirchen und die Gründung der Bistümer Aarhus, Ribe und Schleswig. Otto I. erkannte den König der Dänen nun als christlichen Herrscher an und verzichtete auf seine kaiserlichen Rechte über die drei dänischen Diözesen. Die Einführung des Christentums hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf Dänemark und verdrängte, nicht ohne Widerstand, zunehmend die alten heidnischen Bräuche. Die Christianisierung Dänemarks gilt als eines der bedeutendsten Vermächtnisse Haralds.

Trotz der Einigung mit Kaiser Otto I. befürchtete Harald weitere Angriffe und ließ daher um 968 das Danewerk ausbauen, mit Palisaden verstärken und mit dem Schutzwall zusammenführen, der Haithabu umgab.

Die Eroberung von Norwegen

Norwegen, ein bergiges Land mit einer langen, zerfurchten Küstenlinie war schwer unter Kontrolle zu bringen und zerfiel zu Beginn der Wikingerzeit in eine Vielzahl von kleinen Herrschaftsgebieten. Zwar gelang es dem norwegischen König Harald I. Schönhaar um 880, große Teile seines Landes zu vereinen. Doch der Norden bleibt unabhängig, über ihn geboten die Jarle von Lade, eine bei Trondheim beheimatete, mächtige Häuptlingssippe. Um 955 erhoben sich die Enkel Harald Schönhaars gegen einen neuen Herrscher, der sich den Thron mit Gewalt genommen hatte, und baten einen mächtigen Verwandten um Unterstützung: Harald Blauzahn, den Bruder ihrer Mutter. Der Dänenkönig verhalf seinen Neffen zur Macht und setzte einen von ihnen auf den Thron. Schnell verfolgte dieser jedoch eigene Ziele, die nicht im Interesse seines Onkels waren. Harald handelt daraufhin ganz nach der althergebrachten und bewährten Methode der Wikinger: Er verbündete sich 965 mit Haakon, dem Jarl von Lade, tötete seinen Neffen – und wurde auf diese Weise auch Herrscher im südlichen Norwegen. Haakon, der Jarl von Lade, wurde als Dank für seine militärische Unterstützung von Harald Blauzahn als sein Stellvertreter in Norwegen eingesetzt.

Ein monumentales Bauprogramm in Kriegszeiten

Als König zweier Reiche fühlte sich Harald Blauzahn auf dem Zenit seiner Macht und fiel 974, ein Jahr nach dem Tod Ottos I., in die Reichsgebiete südlich der Eider ein. Mag er sich zur Loyalität gegenüber Otto I. verpflichtet gefühlt haben – dessen Nachfolger zu dienen, passte offenbar nicht in seine Großmachtpläne. Doch im Kampf mit Otto II. unterlag der Dänenherrscher. Bei einem Gegenschlag nahmen die Truppen Ottos sogar das Danewerk ein und eroberten Haithabu.

Es folgten schwere Jahre für König Harald. Der Süden seines Landes blieb von Otto II. besetzt, fremde Wikingerflotten suchten wiederholt die dänischen Küsten heim – und wie zu erwarten, verweigerte auch Haakon von Lade dem Dänen Harald bald die Gefolgschaft. Zum Bruch führten vor allem Haralds Missionierungsversuche, denen sich der Jarl von Lade – obwohl selbst getauft – zunehmend widersetzte: Er wendete sich vom Christentum ab und betete wieder die alten Götter an. Ein Rachefeldzug gegen den abtrünnigen Jarl schlug fehl: in der Seeschlacht von Hjorungavag in Westnorwegen wurden die Dänen von einer Flotte der norwegischen Wikinger besiegt.

Als Otto II. in Kalabrien 983 gegen die Sarazenen eine schwere militärische Niederlage erlitten hatte, sah der Däne Harald seine Chance für eine Revenge gekommen. Er eroberte Haithabu und das Grenzland zurück, während sein mit ihm verbündeter Schwiegervater, der Fürst der elbslawischen Obodriten, zeitgleich Holstein plünderte und Hamburg angriff. Auch eine von Otto II. angelegte Burg nördlich der Eider nahm Harald ein und brannte sie nieder; was der Kaiser 974 gewonnen hatte, verlor er ein knappes Jahrzehnt später durch diesen Handstreich. Auch Schleswig, das er 874 verloren hatte, konnte Harald Blauzahn wieder zurückgewinnen.

Angesichts dieser für ihn unsicheren Situation mit vielen Kämpfen ist es erstaunlich, dass Harald Blauzahn gerade in jenen Jahren ein einzigartiges Bauprogramm in Gang setzte. Aus der Einsicht heraus, dass sich ein großes und zentral regiertes Territorium nur mithilfe gut ausgebauter Straßen, Brücken sowie Burgen zusammenhalten lässt, verbesserte er zum einen die Infrastruktur in erheblichem Maße und verstärkte durch die Errichtung militärischer Anlagen den Schutz seines Landes.

Jütlands Haupttrasse, die auch Ochsenweg genannte Heerstraße, war bis dahin nicht mehr als ein breiter Trampelpfad. Andere Straßen endeten nicht selten an Seen oder Flüssen, die nur mit einer Fähre oder an einer Furt durchquert werden konnten. Und im Winter kämpften sich die Menschen auf Skiern und mit Schlitten mühevoll durch Schnee und Eis. Der König ließ mindestens 300 Hektar Wald fällen und die Eichenstämme in das Gebiet südlich von Jelling transportieren. Bald darauf spannte sich bei dem heutigen Ort Ravning eine gewaltige Holzkonstruktion über die weite Niederung des Flusses Vejle und machte das sumpfige Gebiet bei jeder Witterung passierbar: 760 Meter lang, mehr als fünf Meter breit, getragen von 280 Pfostenreihen – die größte Brücke Dänemarks. König Harald sicherte sein Reich zudem durch weitere spektakuläre Bauten: ringförmige Festungen, die

seine Macht wohl nicht nur nach außen, sondern auch gegen Feinde im Inneren schützen sollen. Deren genaue Funktion jedoch bleibt bis heute unklar. Vielleicht nutzte Harald die königlichen Festungen auch als Verwaltungszentralen, denn sie finden sich in allen dicht besiedelten Regionen Dänemarks. Eine dieser Burgen ist die 981 erbaute Trelleborg auf der dänischen Hauptinsel Seeland, die Platz für etwa 1300 Menschen bot (Abb. 9). Über einen heute verlandeten Binnensee bestand eine schiffbare Verbindung zum Großen Belt, der Meeresstraße zwischen Seeland und Fünen. Alle diese monumentalen Bauprojekte erforderten den Einsatz von tausenden Arbeitern. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde diese schwere Arbeit hauptsächlich von Sklaven erledigt, die die dänischen Wikinger auf ihren Raubzügen gefangen und nach Skandinavien verschleppt hatten. Möglicherweise zog der König auch die eigenen Leute zur Zwangsarbeit heran und belegte die Oberschicht mit hohen Abgaben. Sicher ist, dass die Trelleborg nur wenige Jahre genutzt und dann für immer verlassen wurde. Auch die anderen Festungen und die große Brücke über den Vejle wurden den archäologischen Befunden nach nur kurz genutzt und dann nicht mehr instandgesetzt. Keimte vielleicht Widerstand im Land gegen den allzu mächtig auftretenden König auf?

König Haralds Tod im Exil

Um die Mitte der achtziger Jahre des 10. Jhdts. kommt es in Dänemark zu einer Rebellion gegen den König. Bei den dürftigen, teils tendenziösen Quellen, die über das Geschehen erzählen, handelt es sich in der Hauptsache um die „Sagas“ der Wikinger. Sie berichten, dass Haralds Sohn Sven Gabelbart in den Aufstand gegen seinen Vater verstrickt gewesen sein soll. Dieser scheint, wenn man den Wikinger-Sagas Glauben schenken will, kein ehelicher Sohn gewesen zu sein, denn seine Mutter wird als Dienstmagd bezeichnet. Da die

legitimen Söhne Haralds schon verstorben waren, blieb die Frage der Thronfolge wohl nicht zufriedenstellend geregelt. In der legendären Seeschlacht von Bornholm um 986, wahrscheinlich bei Bornholm, besiegte Sven seinen Vater Harald Blauzahn, der durch einen Pfeil aus dem Hinterhalt schwer verwundet wurde. Er floh und brachte sich mit einigen Getreuen in Sicherheit. Am Allerheiligentag 985 oder 986 starb er auf der Jomsburg bei Swinemünde. Gefolgsleute überführten seinen Leichnam in die Heimat und setzen ihn in der Kirche bei, die Harald einst auf einem Hügel am Roskildefjord auf Seeland hatte errichten lassen. Heute erhebt sich an jener Stelle der Dom von Roskilde – die Grablege von 40 Königinnen und Königen, die dem ersten christlichen Herrscher Dänemarks seither auf den Thron gefolgt sind; 30 Generationen, über die das dänische Königshaus bis heute mit der Dynastie von Jellinge verbunden ist (Abb. 10).

Sein Sohn Sven Gabelbart eroberte England und ließ sich dort 1013 zum König proklamieren. Doch erst Harald Blauzahns Enkel, Knut dem Großen, gelingt es, die dänische Herrschaft über Norwegen und England (sowie über Teile Schwedens) zu festigen.

Knut war wohl erste Wikinger, den die europäischen Königshäuser in ihren Kreis aufnahmen. Der römischdeutsche König Konrad II. lud ihn sogar zu seiner Kaiserkrönung im Jahr 1027 nach Rom ein – neben deutschen und italienischen Fürsten, Großäbten, Bischöfen und dem König von Burgund.

Was bleibt von Harald Blauzahn?

Der knapp zehn Tonnen schwere und 2,40 Meter hohe „Große Jellingstein“ aus Granit ist das „gewichtigste“ Zeugnis von König Harald Blauzahn, das er uns hinterlassen hat. Er wurde einst am Königshof in Jelling aufgestellt und blieb bis heute an seinem Platz. Er liegt zusammen mit dem schon oben erwähnten kleinen Thyrastein zwischen dem nördlichen Grabhügel von Jelling, der ein geplündertes Doppelgrab (vermutlich das von Thyra und Gorm) enthielt, und einem weiteren Hügel im Süden. Daneben steht eine kleine, aus Stein erbaute Kirche aus der Zeit um 1100, die über drei älteren Holzkirchen errichtet wurde. Unter einem dieser Vorgängerbauten fand man ein Skelett, das die Forschung heute dem umgebetteten Gorm dem Alten zuschreibt. Das Ensemble von Kirche, Grabhügeln und Runensteinen wurde 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Der große Stein ist auf drei Seiten mit einer Christusdarstellung, einem Fabeltier, das von einer Schlange umwunden wird, und einer vierzeiligen Runenschrift reliefiert: König Harald befahl, diesen

Luftbild von der Trelleborg; Foto Thuecl, 7. Januar 2014, Wikipedia.

Stein zu errichten zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und an Thyra, seine Mutter. Der Harald, der sich ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und die Dänen zu Christen machte. Die Christusdarstellung ist die älteste in Dänemarks. Hier sehen wir den Erlöser nicht ans Kreuz geschlagen, aber seine ausgestreckten Arme, die von Ranken umgeben sind, symbolisieren wohl die Kreuzigung (Abb. 11).

Im Zusammenhang mit dem Vermächtnis König Harald Blauzahns ist auch der „Silberschatz von Schaprode“ auf Rügen zu erwähnen, der im Jahr 2018 gefunden und bis Ende des Jahres 2026 im Museum von Bergen auf Rügen ausgestellt sein wird. Dieser Hortfund, der wahrscheinlich in den 980er Jahren

vergraben wurde, besteht aus etwa 600 Silberteilen, darunter hauptsächlich Hacksilber, und hat ein Gesamtgewicht von 1,5 kg. Von ganz besonderem Interesse sind circa 100 „Kreuzbrakteaten“, Münzen aus dünn ausgewalztem Silberblech mit einem Gewicht von etwa 0,3 g, in die das christlich Kreuz eingeprägt ist. Sie wurden in geringen Stückzahlen unter Harald Blauzahn geprägt, der sie an seine Gefolgschaft als Zeichen der Verbundenheit mit ihm ausgab. Bisher sind die Forschungen zu dem Schatz von Schaprode noch nicht abgeschlossen; möglicherweise steht er in Zusammenhang mit Haralds Verwundung und Flucht nach der Schlacht von Bornholm gegen seinen Sohn Sven.

Ebenso wie der Silberschatz von Schaprode wird auch der berühmte „Goldschatz von Hiddensee“ mit Harald Blauzahn in Verbindung gebracht. Der aus 16 Goldteilen um 970/980 gefertigte Schmuck wurde zwischen 1872 und 1874 nach Sturmfluten als Strandgut bei Neuendorf auf der Ostseeinsel Hiddensee gefunden und gilt als ein herausragendes Beispiel südjütländischer Goldschmiedekunst, das vielleicht in Haithabu gefertigt wurde. Bei der Restaurierung der Stücke stellte sich heraus, dass sie offenbar in einem keramischen Gefäß versteckt waren, was auf einen Fluchtzusammenhang hindeuten könnte.

Die Funktechnik ,Bluetooth‘ ermöglicht es Geräten wie Computern, Smartphones oder Druckern, drahtlos miteinander zu kommunizieren. Auf der Suche nach einem passenden Namen für die neue Technologie stießen ihre Entwickler auf die Geschichte des berühmten Dänenkönigs. Es gefiel ihnen, dass es Harald Blauzahn gelungen war, als großer „Netzwerker“ die Dänen zu vereinen. Deshalb wählten sie für ihr Firmenlogo die Runen ᚼ (H) und ᛒ (B), die Initialen von Harald Blauzahn („Bluetooth“), aus. Durch diese technische Errungenschaft sind wir alle noch heute mit Harald Blauzahn verbunden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Großer

2.

1.

Fotos: Roberto Fortuna,

Abb. 10: Der Dom zu Roskilde; Foto Mael Milsothach, 24. Juli 2018, Wikipedia.
Abb. 11:
Die Runensteine von Jelling. Runeninschrift König Haralds.
Großer Runenstein von Jelling.
Bildseite mit Christus
Runenstein von Jelling.
Bildseite mit Fabeltieren
Wikipedia

Porträt Sigismunds III. Königsschloss Warschau. Foto: UK.

Der Zenit der polnischen Münzprägung

Die Zeit Sigismunds III. gilt in Polen als der Zenit der polnischen Münzprägung.

Nie zuvor waren und zu keinem späteren Zeitpunkt sollten wieder so viele verschiedene Münztypen und Nominale in so vielen verschiedenen Münzstätten entstehen. Wir erzählen, warum.

Von Ursula Kampmann

Sigismund III. von Gottes Gnaden König von Polen und von Schweden, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien und Livland, so nennt sich Sigismund in der Umschrift auf einem Portugalöser zu 10 Dukaten, der am 17. März 2026 bei Künker mit einer Schätzung von 125.000 Euro versteigert wird. Sigismund III., König von Polen und von Schweden, man muss es noch einmal betonen, damit diese Titel nicht als selbstverständlich hingenommen werden. Denn natürlich stellt sich die Frage, wie es dazu kam, dass ein schwedischer Prinz zum König von Polen wurde.

Es war einmal...

... ein König, der hatte drei Söhne. So fangen viele Märchen an. Tatsächlich war das Schicksal Sigismunds weniger märchenhaft, sondern vielmehr ein Jonglieren zwischen den Gegenpolen der damaligen Zeit: Zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Adelsmacht und Königtum. Aber von Anfang an.

Ganz wie im Märchen hatte Gustav I. – der erste von vielen Wasas – eine Fülle von ehrgeizigen Söhnen. Drei von ihnen sollten die schwedische Krone tragen. Erik war der Älteste und damit der direkte Nachfolger. Den um vier Jahre jüngeren Johann machte Gustav I. zum Herzog von Finnland. Magnus wurde wegen einer psychischen Erkrankung vom Thronerbe ausgeschlossen. Und dann war da noch Karl, beim Tod des Vaters im Jahr 1523 gerade mal 10 Jahre alt.

Natürlich gerieten Erik und Johann aneinander. Johann suchte einen mächtigen Verbündeten und fand ihn in Sigismund II. Augustus, König von Polen und Großfürst von Litauen. Schweden und Litauen waren nur durch die Ostsee getrennt, und die sahen beiden Herrscher nicht als Hindernis, sondern als schnellen und effizienten Verkehrsweg.

Sigismund hatte eine schöne und gebildete Schwester. Sie hieß Katharina und wurde wie damals so üblich zum Pfand des Vertrauens zwischen den Verbündeten. Johann heiratete Katharina Jagiellonica – sehr zum Ärger seines königlichen Bruders Erik. Der hatte sofort begriffen, welchen Machtzuwachs die Heirat dem Jüngeren verschaffte. Deshalb klagte er Johann des Hochverrats an und sperrte ihn mitsamt der frisch angetrauten Gattin vier Jahre lang auf Schloss Gripsholm ein. Während der Gefangenschaft wurde ihnen 1566 ein Sohn geboren. Die Eltern nannten ihn programmatisch Sigismund.

Sigismund als polnischer Königsname

Der Name war nicht willkürlich gewählt. Der hl. Sigismund, Namenspatron vieler polnischer Könige,

Wachsporträt Sigismunds III. von Antonio Abondio. Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für byzantinische Kunst. Foto: KW.

Polen. Sigismund III. Portugalöser zu 10 Dukaten ohne Jahr, vermutlich aus Krakau. Äußerst selten. Gutes sehr schön. Schätzung: 125.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2173.

lebte im frühen 6. Jahrhundert und war König der Burgunder. Ursprünglich ein Arianer trat er zum katholischen Glauben über. Als er in einem Wutanfall die Ermordung – nach anderen Quellen die Hinrichtung –des eigenen Sohnes befahl, entsetzte er sich so über sich selbst, dass er alle Macht niederlegte, das Schweizer Kloster Saint-Maurice gründete und sich dort in den Chor der Mönche einreihte. Mit militärischer Gewalt aus dem Kloster vertrieben, siedelte Sigismund erst als Eremit im Wald, ehe ihn der neue König fangen und hinrichten ließ.

Mit dieser Vita sprach der hl. Sigismund besonders die soziale Schicht der Fürsten und Adligen an: Ganz gleich, welches Unrecht ein Herrscher begehen musste, so ihre Hoffnung, Gott würde dem reuigen Sünder verzeihen. Kein Wunder, dass sich der Name Sigismund bei vielen adligen, nach Macht strebenden Familien verbreitete –auch in Polen.

Dass in der Kathedrale von Płock seit dem 12. Jahrhundert Reliquien des hl. Sigismund lagerten, war da eine schöne Draufgabe. Geben wir es zu, es existierten viele Reliquien in Polen. Es war also eine politische Entscheidung, dass Sigismund I. den Kult seines Namenspatrons so nachhaltig förderte. Auf ihn geht u. a. die berühmte Sigismund-Glocke der Krakauer Kathedrale zurück, die seit 1520 die wichtigsten Ereignisse der polnischen Geschichte einläutet.

Warum gaben die Eltern ihrem Sohn den Namen Sigismund?

Aber zurück zum kleinen Sigismund. Seine Geburt fiel in eine Zeit, die wir heute als das Konfessionelle Zeitalter beschreiben. Protestanten und Katholiken kämpften darum, wie ihre Welt in Zukunft aussehen sollte. Die Religion war dabei ein Vehikel. Deshalb war die Frage, ob der Erbsohn der katholischen Polin Katharina und des protestantischen Schweden Johann katholisch oder protestantisch getauft würde, extrem politisch. Die Taufe war ein Statement: Würde sich Baby-Sigismund später nach Schweden oder nach Polen hin orientieren?

Die Eltern entschieden sich für den Katholizismus. Das war für die Gefangenen erst einmal sicherer. König Erik fühlte sich durch einen katholisch getauften Säugling

Sigismondo Malatesta kniet vor dem hl. Sigismund. Templum Malatestianum / Rimini. Foto: KW.

Polen. Sigismund I. Dukat 1532, Krakau. Äußerst selten. Sehr schön. Schätzung: 15.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2172.

Schweden. Johann III. Daler 1569, Stockholm. Sehr selten. Aus einer Sammlung von Münzen und Medaillen aus adligem Privatbesitz. Sehr schön. Schätzung: 1.000 Euro. Künker-Auktion 441 (19.-20. März 2026), Los 5108.

Maximilian der Deutschmeister. Doppelter Reichstaler 1614, Hall. Fast vorzüglich.

Schätzung: 750 Euro. Künker-Auktion 441 (19.-20. März 2026), Los 4793.

nicht bedroht: Ein katholischer Prinz würde einem protestantischen König im protestantischen Schweden nicht gefährlich werden. In Polen sah die Sache anders aus: Das Land war ein Wahlkönigtum, und ausländische Fürsten hatten bei jeder neuen Wahl gute Aussichten, solange sie katholisch waren und genug Geld und Soldaten mitbrachten.

Sigismund wird schwedischer Thronerbe und polnischer König

Wir müssen an dieser Stelle nicht die gesamte schwedische Geschichte wiederholen. Es genügt zu sagen, dass Erik sich mit seinen Entscheidungen bei seinem Adel derart unbeliebt machte, dass dieser ihn für verrückt hielt und Johann half, in einem blutigen Aufstand den Bruder zu vertreiben und 1569 die Krone zu übernehmen.

Er erbte nicht nur die Herrschaft, sondern auch den Kampf um die Vormacht über den einträglichen Ostseehandel. Wichtigster Konkurrent war Russland. Und da war und blieb sein Schwager Sigismund II. ein machtvoller Verbündeter. Leider starb der schon 1572 und sein Nachfolger Stephan Báthory interessierte sich nicht für diese Verbindung. Doch nach dessen Tod im Jahr 1586 sah Johann die Chance für seinen inzwischen

20jährigen Sohn: Wie gesagt, das Königreich Polen war ein Wahlkönigreich. Sein Sohn hatte als Katholik und Enkel Sigismunds I. von Polen hervorragende Chancen, vom Sejm zum polnischen König gewählt zu werden. Wurde er auch. Leider nicht alleine.

Auch der Habsburger Maximilian III., zubenannt der Deutschmeister, betrachtete sich als rechtmäßig gewählt. Militärisch war Sigismund überlegen, so dass es ihm gelang, die Habsburger Truppen aus dem Land zu vertreiben und seinen Konkurrenten gefangen zu nehmen.

Zwischen Schweden und Polen

Nach langwierigen Verhandlungen wurde Sigismund am 27. Dezember 1587 in Krakau gekrönt. Damit hatte tatsächlich ein schwedischer Prinz den polnischen Thron bestiegen. Doch da der Prinz gleichzeitig der

Karte Livlands von Johannes Portantius aus dem Jahr 1573.

älteste Sohn des schwedischen Königs war, beerbte er ihn, als Johann III. am 17. November 1592 starb. Doch im protestantischen Schweden entwickelte sich der Katholizismus von Sigismund zum echten Problem.

Denn es gab dort ja noch den jüngsten Sohn von Gustav I. Wasa, jenen Onkel Karl, der genauso machthungrig war wie seine Brüder. Zwar stand der schwedische Adel fest auf Seiten Sigismunds. Schließlich bedeutete ein weit entfernter König jede Menge Handlungsspielraum. Aber Karl nutzte den religiösen Fanatismus seiner Zeit und brachte das einfache Volk auf seine Seite. Er soll im Winter 1596/7 auf allen Wintermärkten vor den Bürgern und Bauern Reden darüber gehalten haben, welche Schrecken ein katholisches Regime mit sich bringen würde. So gelang es Karl, 1599 die Absetzung Sigismunds durchzusetzen.

Kriegskosten

Und das bedeutete natürlich Krieg. Denn Sigismund war nicht gewillt, freiwillig auf Schweden zu verzichten. Welch hohe Kosten von Polen und Litauen dafür aufgebracht werden mussten, hat die polnische Historikerin Anna Filipczak-Kocur rekonstruiert. Sie kommt auf 3.845.000 Złoty, damals eine immense Summe.

Wie finanzierte man Ende des 16. Jahrhunderts einen Krieg? Steuererhöhungen? Nun, wir befinden uns erst am Anfang der modernen Staatswesen. Die Fürsten kennen noch keine Einkommens-, Mehrwerts- oder Gewinnsteuern. Sie besorgen sich ihr Geld auf andere Weise. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Geldwesen.

Es war leicht, schlechtes Geld auf den Markt zu werfen, da die staatlichen Autoritäten festlegten und

kontrollierten, mit welcher Münze auf ihren Märkten bezahlt wurde und zu welchem Kurs man sie tauschte. Schlechte Münzen brachten einen hohen Schlagschatz. Man denke nur an die Kipper- und Wipperzeit zu Beginn des 30-jährigen Krieges. Damals finanzierte der Kaiser so seinen Feldzug gegen die Böhmen. Er war nicht der erste und nicht der letzte, der dergleichen tat. Doch solches Vorgehen war für die Bürger und Bauern, ja sogar für die kleinen Adligen, die auf werthaltiges Kleingeld angewiesen waren, verheerend. Deshalb suchte man in Polen nach Alternativen.

Und damit kommen wir zur zweitwichtigsten Einnahmequelle jedes Herrschers, zu den freiwilligen Steuern. Es war das Parlament – im Falle Polens der Sejm -, das zusätzliche Mittel genehmigen oder verwehren konnte. Und für solche Genehmigungen erwarteten die Stände anderweitiges Entgegenkommen von Seiten des Königs.

Diese spezielle Situation kann dazu geführt haben, dass Krone und Stände zusammenarbeiteten, um die Geldkrise zu bewältigen, die Polen während der Herrschaft Sigismunds III. erschütterte.

Spannende Zeiten für das polnische Geldwesen

Schuld daran trugen mehrere Aspekte. Denken wir zunächst an die allgemeine Silberknappheit in Europa. Die neuen Staaten brauchten für ihre steigenden Ausgaben immer mehr Mittel, und es wurde nicht genug Silber gefördert, um die dafür notwendigen Münzen zu prägen. Dazu kam in Polen der Krieg, der einen Großteil der Ressourcen verschlang. Dann befinden wir uns zeitlich gesehen auf dem Höhepunkt der kleinen Eiszeit. Polen lebte von seinem Getreideanbau. Normalerweise wurden die großen Überschüsse auf der Ostsee in die Hansestädte gegen Bargeld exportiert. Nun brach der lukrative Handel wegen der vielen Missernten zusammen. Dieser Bargeldzufluss fehlte, während gleichzeitig auch in Polen die Getreidepreise stiegen.

Immer wieder versuchten die verschiedenen Städte und Regionen in Zusammenarbeit mit der Krone das Geldwesen zu stabilisieren. In Polen diskutierten die Wirtschaftsexperten. Jeder von ihnen hatte sein eigenes

Sigismund III. als Kriegsherr. Detail seines Sarkophags. Königsschloss Warschau. Foto: UK.

Schätzung: 30.000 Euro.

Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2174. 1,5:1

Ein gutes Beispiel für den ganz normalen Prunk, den die Herrscher der frühen Neuzeit entfalteten, ist dieser Teppich: eine Auftragsarbeit von Sigismund III. im weit entfernten Persien, wie das Wappen verrät. Residenz / München. Foto: KW.

Rezept, wie das Verhältnis zwischen Gold und Silber, wertbeständigem Geld und Umlaufgeld aussehen sollte. So entstanden in den unterschiedlichsten Münzstätten ständig neue Münzen, Münztypen und Nominale. Wenige Epochen der Geschichte bieten eine größere Vielfalt als die Münzprägung Sigismunds III., was sie bei polnischen Sammlern so beliebt macht.

Ein Portugalöser aus Olkusz

Das Auktionshaus Künker kann sich darüber freuen, eine kleine Partie von höchst seltenen Goldmünzen aus dieser spannenden Periode anzubieten. Ein Portugalöser zu 10 Dukaten kommt aus Olkusz, deutsch auch Ilkenau genannt. Diese Stadt wurde gerne als das „silberne Städtchen“ bezeichnet, weil sich hier die wichtigsten Silber- und Bleivorkommen Polens befanden. Deshalb entschied bereits Stefan Báthory, in Olkusz eine Münzstätte einzurichten. Sie nahm 1579 ihre Tätigkeit auf und war bis 1584 die einzige Münzstätte der polnischen Krone. Sigismund ließ hier seine ersten Münzen prägen.

Ein weißer Rabe der polnischen Numismatik

Als weißer Rabe der polnischen Numismatik wird ein Dukat des Jahres 1630 aus Bromberg, polnisch Bydgoszcz, bezeichnet. Bromberg war eine königliche Stadt, die nach dem Magdeburger Recht unter Selbstverwaltung stand. Sie war das wichtigste Zentrum des Getreidehandels in Polen. Von hier wurde das Korn über die Weichsel nach Danzig und von dort in die Hansestädte verschifft. Rund 5.000 Bürger lebten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dort. Damit gehörte die Stadt zu den wichtigsten Zentren des Landes.

Auch wenn Bromberg bereits ein mittelalterliches Münzprivileg besaß, erteilte Sigismund 1594 erneut die Erlaubnis zu prägen. Erwirkt hatte dies Stanisław Cikowski, ein hoher Beamter, der darüber hinaus als Generaladministrator der Kronzölle agierte. Doch bereits 1601 wurde die Münzstätte geschlossen, um 1613 wieder eröffnet zu werden. 1616 übernahm der holländische Münzunternehmer Jakub Jacobson van Emden die

Polen. Sigismund III. Portugalöser zu 10 Dukaten o. J., Olkusz. Äußerst selten. Gutes sehr schön.

1,5:1

Polen. Sigismund III. Dukat 1630, Bromberg. Äußerst selten. Vorzüglich bis Stempelglanz.

Schätzung: 75.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2176.

Litauen. Sigismund III. 10 Dukaten 1595, Vilnius. Äußerst selten. Sehr schön.

Schätzung: 25.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2175.

1,5:1

Danzig. Dukat 1628. Sehr selten. PCGS AU58. Vorzüglich. Schätzung: 20.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2182.

Danzig. 3 1/2 Dukaten 1650. Äußerst selten. Fast vorzüglich. Schätzung: 50.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2183.

Leitung. Er spielte eine zentrale Rolle für das polnische Geldwesen, kontrollierte mehrere Münzstätten und hatte seine Verwandten in den Münzstätten von Danzig und Krakau untergebracht. 1624 verlieh ihm Sigismund den erblichen Adel.

Bromberg hat bei polnischen Sammlern einen ganz besonderen Klang, weil hier 1621 das legendäre Donativ zu 100 Dukaten geprägt wurde, das heute als die kostbarste und teuerste Münze des frühneuzeitlichen Polens gilt. Ein Abglanz dieses Ruhms fällt auf den Dukat von 1630, von dem es auf dem Sammlermarkt wohl nur zwei Exemplare gibt. Wir müssen es bei der Vermutung belassen, weil es unmöglich ist, dieses Stück eindeutig mit dem aus den Sammlungen Chelminski –Otto Helbing (25. April 1904) - und Frankiewicz - Felix Schlessinger (15. September 1930) – zu identifizieren. Das liegt daran, dass wir von diesen Stücken kein Foto besitzen, sondern lediglich Lichtdrucktafeln, auf denen Gipse abgebildet wurden. Dies macht es praktisch unmöglich, Form und Prägebesonderheiten zu erkennen.

Ein Blick nach Litauen und Vilnius

Der polnische König regierte in Personalunion das Großfürstentum Litauen, dessen wichtigste Stadt Vilnius war. Dort residierte der Großfürst; dort befand sich auch die einzige Münzstätte Litauens. Sie war seit Stefan Báthory verpachtet. 1595 entstand dieses prachtvolle 10 Dukaten-Stück, das auf der Rückseite die Wappenschilde von Schweden, Polen und Litauen verbindet. Bemerkenswert ist der klare Hinweis auf den Getreidehandel über die Ostsee: Die gekrönten Wappen werden von der Meeresgöttin Thetis mit dem Dreizack und der Getreidegöttin Ceres gerahmt.

Ein Blick auf Danzig und Thorn

Beenden wir unseren Blick auf die Künker Auktionen mit drei Münzen aus städtischen Münzstätten, nämlich aus Danzig und Thorn. Die polnischen Könige gestatteten einigen wichtigen Handelsstädten, ihre eigenen Münzen zu prägen. Dafür kassierten sie selbstverständlich Abgaben. Man darf davon ausgehen, dass diese in besonders prächtigen Münzen beglichen wurden, um die Wertschätzung gegenüber dem König so zum Ausdruck zu bringen. Zwei Münzen mit dem Stadtbild von Danzig resp. Thorn könnten also zu diesen Donativen gehören, die von städtischen Gesandtschaften einmal im Jahr dem König überbracht wurden, allerdings in diesem Fall nicht mehr Sigismund III., sondern einem seiner Nachfolger, Johann Kasimir.

Thorn. 3 Dukaten 1659. Sehr selten. Vorzüglich. Schätzung: 40.000 Euro. Künker-Auktion 439 (17./18. März 2026), Los 2184.

Das Ende

Wir waren in unserer Geschichte bei der Auseinandersetzung zwischen Karl und Sigismund stehen geblieben. Nicht nur sie kämpften in der Schlacht von Stangebro. Es war ein Krieg zwischen Adel und Volk, zwischen tolerantem und fanatischem Protestantismus. Der Fanatismus siegte. Karl wurde König von Schweden. Sigismund kehrte zurück nach Polen – selbstverständlich ohne seinen Anspruch aufzugeben. Bis zu seinem Tod wird er sich König der Schweden und der Goten nennen.

Dies tat auch sein Sohn Wladislaw IV. Wasa, der 1632 den polnischen Thron bestieg. Doch zu diesem Zeitpunkt verwüstete bereits der Erbe von Karl als Löwe aus dem Norden das Deutsche Reich. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Sigismund III. auf dem Totenbett – mit der polnischen und der schwedischen Krone. Königsschloss Warschau. Foto: UK.

Wenn Geld Geschichte erzählt –

Die Bilderwelt neugriechischen Geldes

Von Hertha Schwarz

Abb 1: Griechenland, Erste Republik: 1 Phönix, Silber, 1828. Künker eLive Premium Auction 398, 17.11.2023, Los 4072.

Die neugriechische Münzgeschichte beginnt im Jahre 1828 mit der Prägung von 1-Phönix-Münzen, die sich in 100 Lepta unterteilten. In einem deutlich abgesetzten Kreis zeigt die im Gewicht schwankende Silbermünze auf der Vorderseite den mythischen Vogel Phönix, der im Begriff ist, sich als Neugeborener aus den Flammen zu erheben (Abb. 1). Direkt über ihm prangt ein lateinisches Kreuz, während von links der Heilige Geist, symbolisiert durch schräg einfallende Strahlen, der Auferstehung beiwohnt. Zwischen dem äußeren Perlkranz und dem abgesetzten Kreis steht die Legende:

ΕΛΛΗΝΙΚΗ * ΠΟΛΙΤΕΙΑ Hellenisches Gemeinwesen, was oft auch mit Hellenischer Staat übersetzt wird. Zwischen den Münzmeisterzeichen – einem Schiffsanker und einem Seemannsknoten in Form einer liegenden Acht – wird die Jahreszahl 1821 in griechischer Schreibweise angegeben: αωκα 1. Sie verweist auf den sieben Jahre zuvor, am 25. März 1821, auf der Peloponnes begonnenen Aufstand – die Επανάσταση Epanástasi – der zur Gründung des ersten freien griechischen Staates der Neuzeit geführt hat. Auf der von einem Perlkranz umgebenen Rückseite steht das Nominalzeichen und die Währungsangabe 1 ΦΟΙΝΙΞ 1 Phönix, beides umschlossen von je einem

zum Kranz gebundenen Palm- und Ölzweig. Unter dem Kranz steht die Jahreszahl der Prägung, 1828, während die umlaufende Legende ΚΥΒΕΡΝΗΤΗΣ

Gubernator/ Steuermann I(oannis) A(ntonios) Kapodistrias als Lenker des Gemeinwesens benennt. Die in Kupfer und in der Stückelung 1, 5, 10 und 20 ausgegebenen Lepta zeigen das gleiche Münzbild wie der Phönix und eine etwas vereinfachte Rückseite (Abb. 2). 2021, als sich die Epanástasi zum 200ten Male jährte, brachte die Griechische Zentralbank eine 5-Euro-Gedenkmünze aus Kupfer-Nickel-Legierung heraus, die innerhalb ihres blauen Polymerkreises die Nominalseite dieser ersten neugriechischen Münze aus dem Jahr 1828 abbildet.

Der Phönix aus der Asche

Wenn sich das Leben des Phönix dem Ende zuneigt, fliegt der herrliche und einzigartige Vogel – es gibt immer nur einen Phönix – mit dem goldenen und roten Gefieder nach Ägypten und verbrennt sich dort selbst in seinem Nest aus duftenden Zweigen. Aus seiner eigenen Asche wird er sogleich in Herrlichkeit wiedergeboren. So wird die Legende seit antiken Tagen erzählt; der Phönix gilt daher als Symbol der Erneuerung und der Fähigkeit, Niedergang und Zerstörung zu überwinden und damit als Symbol der Ewigkeit. Für die Christen symbolisiert er die Auferstehung Jesu Christi.

Abb. 2: Griechenland, Erste Republik: 20 Lepta, Kupfer, 1831. Münzgalerie München, Aution 3, 19.10.2025, Los 1198.

Abb. 3: Griechenland, Zweite Republik: 5-Drachmen-Münze, Nickel, 1930.

Attica Auctions, Showcase Rush XI Auction, 29.6.2025, Los 130.

Der Phönix als Währungsname und als Münzbild der ersten griechischen Prägung der Neuzeit ist kein Zufall. Die seit 1821 in Griechenland währenden heftigen Kämpfe gegen die Osmanen mit ihrem hohen Blutzoll waren der Brand, in dem die Metamorphose des alten Phönix stattfand. Aus seiner Asche wurde im Feuer der neue hellenische Staat geboren. Kein neuzeitliches Münzbild passt besser zu diesem Staat als das des Phönix. Auch wenn die Lebensdauer des Phönix als Währung nur von sehr kurzer Dauer war – bereits 1832 wurde er von der Drachme abgelöst –, ist der Phönix als Symbol und Münzbild seither eng mit dem griechischen Gemeinwesen und seinen Geschicken verbunden. Immer dann, wenn umwälzende Ereignisse stattfanden, die man auch als solche sofort erkennen konnte, erscheint das Bild des Phönix auf griechischen Zahlungsmitteln.

Abb. 4: Königreich Griechenland: Banknote zu 50 Drachmen, 1944.

Katharina Depner, HVB Stiftung Geldscheinsammlung München, 2019, CC BY-NC-ND 4.0

Auf der 5-Drachmen-Münze von 1930 signalisiert der neue Phönix den Beginn der Normalisierung der Beziehungen zur Türkei (Abb. 3). Für die Sicherheit des griechischen Staates war es nach der schweren Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg (1921–22) und den mit ihr einhergehenden Gebietsverlusten sowie dem Bevölkerungsaustausch 1923 existentiell wichtig, dass beide Staaten auf gegenseitige Gebietsansprüche verzichteten. Dies war die Wiedergeburt Griechenlands als Staat in sicheren Grenzen.

Die am 9. November 1944 ausgegebene 50-DrachmenNote markiert dagegen die Wiedergeburt Griechenlands als freies Land: Sie zeigt auf der Vorderseite die Nike von Samothrake – um 190 v. Chr. als Symbol des Seesieges der rhodischen Flotte über Antiochos III. im Heiligtum der Kabiren auf der Insel Samothrake aufgestellt und heute im Louvre – und auf der Rückseite den aus dem Feuer wiedererstehenden Phönix (Abb. 4). Ende Oktober 1944 war mit dem Abzug der Wehrmacht die deutsche Besatzung Griechenlands zu Ende gegangen.

Abb. 5: Königreich Griechenland: 100 Drachmen, Feingold, 1967. Künker-Auktion 166, 10.3.2010, Los 3809.

1967, als eine Gruppe griechischer Offiziere sich in Athen an die Macht putschte, wurde der Phönix für sechs Jahre zu einer Art Wappen Griechenlands. Das um einen in Habt-Acht-Stellung stehenden Soldaten mit geschultertem Gewehr erweiterte Bild des Phönix ersetzte auf den Prägungen mal das Bild König Konstantins II. (Abb. 5), mal das königliche Wappen, bis 1973 Königsporträt und -wappen ganz verschwanden, um der Abbildung der Thetis auf einem Pferd (Abb. 6) und anderen antiken Motiven wie dem Pegasos, dem Steinkauz und der Athena Platz zu machen. Bis zum 1. Juni 1973 wurde die Darstellung des Phönix mit dem Soldaten stets mit dem Schriftzug 21 ΑΠΡΙΛΙΟΥ 1967 21 April 1967 – das ist das Datum des Putsches –und der Legende ΒΑΣΙΛΕΙΟΝ ΤΗΣ

Abb. 6: Königreich Griechenland: 20 Drachmen, Kupfer-Nickel, 1973. A. Karamitsos, Auktion 750, 13.12.2025, Los 6276.

Abb. 7: Griechenland, Dritte Republik: 1 Drachme, Kupfer-Zinn, 1973. A. Karamitsos, Auktion 750, 13.12.2025, Los 6280. (21mm) 1,5:1

Abb. 8: Griechenland, 10 Drachmen, Kupfer-Nickel, 1973. A. Karamitsos, Auktion 750, Los 6283.

Königreich Griechenland versehen. Legende, Datierung wie auch der Soldat aus dem Bild des Phönix verschwanden, als Georgios Papadopoulos, der führende Kopf des Obristenregimes, der sich im März 1972 zum Vizekönig bestimmt hatte, am jenem 1. Juni 1973 die Monarchie für abgeschafft erklärte (Abb. 7–8). König Konstantin II. hatte das Land bereits nach seinem gescheiterten Gegenputsch 1967 verlassen, war formal aber weiterhin das Staatsoberhaupt, das von Vizekönigen vertreten wurde. Die Rückseiten der Drachmen und Lepta-Münzen des Jahres 1973 zeigten nun wieder den ‚klassischen‘ Phönix versehen mit der Legende ΕΛΛΗΝΙΚΗ

ΔΗΜΟΚΡΑΤΙΑ Hellenische Demokratie sowie der Jahreszahl 1973. War die Verwendung des Phönix durch die Putschisten eine interpretatorische Anmaßung, so war seine Verwendung ab Juni 1973 mehr als berechtigt, denn der Willkürakt des selbst ernannten Regenten und Obristen war zugleich die Geburtsstunde der dritten, heute noch existenten Hellenischen Republik, die am 1. Januar 1981 der Europäischen Gemeinschaft beitrat.

Die Epanástasi und die orientalische Frage

Wie häufiger in der griechischen Geschichte entschied eine einzige Seeschlacht über ihren weiteren Fortgang. 480 v. Chr. entschied sich das Schicksal der griechischen Poleis in der Schlacht bei Salamis; 1827 entschied die Schlacht bei Navarino darüber, ob der Epanástasi dauerhafter Erfolg beschieden sein sollte oder ob sie sich in die lange Liste der erfolglosen Erhebungen gegen die osmanische Herrschaft einreihen würde. In der Bucht von Navarino – dies ist der italienische Name für das antike Pylos – vernichteten die Schiffe Großbritanniens, Frankreichs und Russlands am 20. Oktober 1827 die dort ankernde ägyptischosmanische Flotte (Abb. 9–10), die Ibrahim Pascha bei seinen Operationen gegen die Griechen auf der Peloponnes unterstützen sollte. Es war die letzte große Seeschlacht, die ausschließlich mit Segelschiffen geschlagen werden sollte.

Abb. 9: Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski, Die Schlacht von Navarino, 1846. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Abb. 10: Königreich Griechenland: Banknote zu 100 Drachmen, 1955. Vs.: Themistokles und antike Triere; Rs.: Seeschlacht von Navarino. Katz Auction 83, 20.5.2023, Los 429.

Abb. 11: Griechenland, Territoriale Entwicklung von 1832 bis 1947. Pitichinaccio, https://commons.wikimedia.org/w/index. php?curid=1724888, CC BY-SA 3.0

Ibrahim Pascha, der Sohn des ägyptischen Walis Mehmet Ali Pascha, d.h. des Vizekönigs der osmanischen Provinz Ägypten, hatte 1825 als Heerführer für die Hohe Pforte in die Kämpfe des griechischen Aufstandes eingegriffen. Seine Truppen waren den griechischen Freischärlern im regulären Kampf zwar haushoch überlegen, konnten diese Überlegenheit aber kaum ausnutzen, da es nicht zu offenen Feldschlachten kam. Vielmehr sah sich Ibrahim Pascha mit einem Guerillakrieg konfrontiert, der seiner Armee schwer zusetzte. Nachdem er 1826 die Belagerung von Mesolongi, einer kleinen Stadt am Golf von Patras in der heutigen Region Ätolien-Akarnanien, aus osmanischer Sicht erfolgreich beendet hatte, wendete er sich der Peloponnes zu. Der Ausbruch der belagerten Griechen und europäischen Philhellenen 2 aus Mesolongi (Abb. 27b), die damit sehenden Auges in den Tod gingen, als sie der Belagerung nicht länger trotzen konnten, gehört seither zur DNS des

hellenischen Staates. In Mesolongi hatte am 19. April 1824 auch George Gordon Byron, allgemein bekannt als Lord Byron, den Tod gefunden; der berühmte englische Dichter fiel jedoch der Malaria zum Opfer, ohne an einer Kampfhandlung teilgenommen zu haben. Ibrahim Paschas Wüten auf der Peloponnes, die gezielte Verwüstung des Landes und die Massaker an der Zivilbevölkerung sowie deren teilweise Verschleppung in die Sklaverei, erregten in Europa nicht nur die Empörung der Philhellenen, sondern zwangen die Großmächte England, Frankreich und Russland, sich endlich der „orientalischen Frage“ anzunehmen. Diese bestand darin, wie man mit dem offenkundigen Niedergang und Zerfall des Osmanischen Reiches umgehen wolle, um seine jeweiligen eigenen Interessen zu wahren, die sowohl wirtschaftlicher wie auch geostrategischer Natur waren. Darüber kam es zur Schlacht bei Navarino. Die Vernichtung der osmanischen Marine war für die Hohe Pforte ein sehr schwerer Schlag. Als der russische Zar 1828 dem Osmanischen Reich auch noch den Krieg erklärte, hatte der Sultan dieser Bedrohung nicht mehr viel entgegenzusetzen. Im Frieden von Edirne, der 1929 den Russisch-Türkischen Krieg beendete, musste der Sultan auch noch dem Londoner Vertrag von 1827 zustimmen, wonach der neu entstandene griechische Staat souverän sein solle. International wurde der neue hellenische Staat im Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 anerkannt. Er umfasste die Peloponnes, einige Kykladeninseln und Mittelgriechenland bis auf die Linie von Volos im Osten und Arta im Westen (Abb. 11).

Hellenische Geburtswehen

2 Philhellenen waren vor allem Männer, die sich aufgrund ihrer klassischen Bildung für die Bewahrung der antiken Zivilisation einsetzten. Entsprechend fühlten sie sich verpflichtet, die Nachkommen der antiken Griechen im Kampf gegen die Osmanen zu unterstützen. Die Bewegung der Philhellenen dehnte sich in den 1820er Jahren von Europa auf die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Viele junge Männer zogen nach dem Ausbruch des Austandes 1821 nach Griechenland, um sich dem aktiven Kampf anzuschließen.

Noch bevor das neue hellenische Gemeinweisen als Staat anerkannt worden war, hatte sich der Befreiungskampf, die Epanástasi, trotz weiterhin bestehender Bedrohung durch die Osmanen, in einen Bürgerkrieg verwandelt. Die verschiedenen Gruppen bekämpften sich teils aus alter Rivalität, teils wegen neu entstandener Konflikte, die sich daraus ergaben, dass sie nun entweder Anhänger der „englischen“ oder der „russischen Partei“ waren. Auch wenn der Aufstand durch griechische Intellektuelle und die Φιλική Εταιρεία Philiki Etaireia 3 geistig vorbereitet worden war, beruhte der Sieg auf der Kampfkraft der Armatolen 4 und der Kleftenbanden 5, die phasenweise von radikalisierten Bauern unterstützt wurden. Ohne ihren aufopferungsbereiten Waffengang in einer existentiellen

Auseinandersetzung, in der sich beide Seiten nichts schenkten, wäre der ganze Aufstand ein flüchtiger Traum geblieben. Um sich eine Vorstellung von der Brutalität des Kampfes zu machen, sei hier ein Beispiel von vielen herausgegriffen: Bei der Eroberung der Stadt Tripolitsa (Tripoli) auf dem Peloponnes im Oktober 1821 schlachteten die griechischen Aufständischen die dort lebenden Muslime, die man pauschal als Türken subsumierte, wie auch alle Juden regelrecht ab. Die osmanische Antwort ließ nicht lange auf sich warten und ist im April 1822 als Massaker von Chios in die Geschichte eingegangen.

Man kann sich den Kontrast zwischen den Angehörigen der griechischen Oberschicht und den miteinander verfeindeten Anführern der Kampftruppen nicht groß genug vorstellen. Die griechische Oberschicht – ihre Vertreter waren etwa der Phanariote 6 Alexandros Mavrokordatos – hatten zusammen mit dem hohen orthodoxen Klerus vom osmanischen Herrschaftssystem profitiert und waren deswegen bei ihren weniger privilegierten Landsleuten verhasst. Ganz anders stand es um die miteinander verfeindeten Anführer der

Kampftruppen – die prominentesten Vertreter waren Theodoros Kolokotronis und Petros Bey Mavromichalis –, deren Kämpfer sich aus dem einfachen Volk rekrutierten. Sie alle hatten nicht nur widersprüchliche Vorstellungen, wie der neue Staat aussehen sollte, sie waren vor allem nicht willens, Kompromisse zu schließen. Erst in der dritten Nationalversammlung vom 19. März bis zum 3. Mai 1827 in Troizen – jenes Troizen, in das 480 v. Chr. die Athener beim Einfall der Perser Frauen, Kinder und Alte evakuiert hatten – wählten die Delegierten einstimmig den aus Korfu stammenden Grafen und erfahrenen Diplomaten Ioannis Antonios Kapodistrias 7 (Abb. 12) für sieben Jahre zum Kybernetes, zum Gouverneur des Landes. Dies geschah jedoch weniger wegen seiner Qualifikationen und guten Kontakte zu Russland, sondern eher aus dem Umstand heraus, dass er anders als die Führer der bewaffneten Gruppen nicht über eigene militärische Macht verfügte. Klemens von Metternich soll ihn gewarnt haben, sich

3 Die Philiki Etaireia (deutsch: Freundesgesellschaft) war ein 1814 in Odessa gegründeter Geheimbund, in dem sich Griechen und Philhellenen zusammenfanden, die einen freien, vom Osmanischen Reich unabhängigen hellenischen Staat anstrebten.

4 Die Αρματωλοί Armatolen waren irreguläre christliche Kämpfer. Im Auftrag der Hohen Pforte bzw. der osmanischen Autoritäten übten sie ursprünglich in unzugänglichen Regionen Polizeifunktionen aus. Spätestens ab dem 17. Jahrhundert wandten sich die Armatolen zunehmend gegen den Staat selbst, da ihre Anführer, die Kapetanoi, sehr oft identisch waren mit den Anführern der Kleften, die sie eigentlich bekämpfen sollten.

5 Kleften, griechisch Κλέφτες, bedeutet Räuber. Zu Kleftenbanden, die ihren Lebensunterhalt durch Raub bestritten, schlossen sich im osmanisch regierten Griechenland verschiedene soziale Randgruppen, Kriminelle und Abenteurer, aber auch ‚normale‘ Menschen zusammen, die vor der Staatsmacht fliehen mussten oder einfach nur keine Steuern entrichten wollten oder konnten. Ab Ende des 17. Jahrhunderts nahm die Macht dieser Banden stetig zu. Während der Epanástasi spielten die Kleftenbanden eine herausragende Rolle als Kämpfer. Bekannte Kleftenführer waren neben den im Text genannten Kolokotronis z.B. Athanasios Diakos, Georgios Karaiskakis und Giorgakis Olympios.

6 Politisch einflussreiche und wohlhabende griechische Adelsfamilien aus Phanar (türkisch: Fener), einem Stadtteil Konstantinopels, wurden Phanarioten genannt. Sie übten teils hohe Ämter im Osmanischen Reich aus; sehr oft waren sie für das Eintreiben der Steuern verantwortlich. Zwischen 1711 und 1821 regierten Phanarioten die Fürstentümer Moldau und Walachei.

7 Kapodistrias (1776 – 1831) vertrat als Sondergesandter Zar Alexanders I. die Schweizer Interessen beim Wiener Kongress und beim Zweiten Pariser Frieden. Die Neutralität der Schweiz und ihre heutige Struktur wurden wesentlich von ihm mitgestaltet.

Abb. 12: Dionysios Tsokos, Ioannis A. Kapodistrias, 1831. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Abb. 13: Joseph Karl Stieler, Otto I., König von Griechenland, Sohn König Ludwigs I. von Bayern, 1832. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Abb. 14: Ludwig I. von Bayern, Konventionstaler 1832. Die Rückseite zeigt den bayerischen Prinzen Otto, dem die personifizierte Hellas die Krone reicht: OTTO PRINZ v(on)

BAYERN GRIECHENLANDS ERSTER KOENIG. Im Abschnitt 1832. Künker-Auktion 314, 9.10.2018, Los 4998.

eines Landes anzunehmen, in dem es nur Räuber und Piraten gebe. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte die Einführung einer neuen Währung, des Phönix; die ersten Münzen wurden, wie eingangs beschrieben, 1828 ausgegeben. Der Versuch, 1831 Phönix-Papiergeld einzuführen – es waren einfache, bedruckte Papierstreifen – scheiterte jedoch an der fehlenden Deckung durch Edelmetalle. Auch der Umfang der silbernen Phönix-Emissionen war wegen dieses Mangels eher gering.

Als auf Hydra und in der Mani, dem äußersten Süden und Südwesten des Peloponnes, die im Aufstand eine tragende Rolle spielte, Revolten ausbrachen, weil man allgemein unzufrieden war und zudem noch das Gerücht umlief, Kapodistrias wolle sich selbst zum König machen, lies dieser Petros Mavromichalis, Mitglied des Senates und Bey der Mani, in Nauplion inhaftieren. Den Titel eines Beys hatten ihm die Osmanen verliehen, obwohl sie nie irgendwelche

Macht über die Mani hatten; er hat ihn zeitlebens beibehalten. Mit diesem Akt hatte Kapodistrias allerdings sein Todesurteil unterzeichnet: Am 9. Oktober 1831 wurde er vor dem Portal der Kirche des Heiligen Spyridon in Nauplion von Konstantinos und Georgios Mavromichalis, dem Bruder bzw. Sohn des Beys und Senatoren Petros Mavromichalis, ermordet. Die Einschusslöcher der Kugeln, die Kapodistrias verfehlt hatten, werden heute noch im Gemäuer der Kirche gezeigt. Die erneut aufflammenden Machtkämpfe beendeten die Großmächte, indem sie mit dem Londoner Protokoll vom 7. Mai 1832 den bayerischen Prinzen Otto (1815–1867) zum König von Griechenland bestimmten (Abb. 13, 14). Der damals noch nicht volljährige Otto war der zweite Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., eines begeisterten Philhellenen und WinckelmannVerehrers, und seiner Gemahlin Therese von SachsenHildburghausen. Er hatte eine hervorragende Erziehung genossen, zählten zu seinen Lehrern doch Friedrich Wilhelm Schelling und Friedrich Thiersch. Otto, Prinz

von Bayern, und als Otto I. König der Hellen, war durch seine Lehrer mit allen Aspekten des Philhellenentums vertraut gemacht worden, auf die Begegnung mit den realen Hellenen hingegen war er schlecht vorbereitet.

Die Drachme kehrt zurück

Bereits 1832 wurde das Geldwesen der jungen Monarchie neu geordnet; der Phönix wurde von der Drachme abgelöst, die Unterteilung in 100 Lepta wurde jedoch beibehalten. Der neue Name der Währung war ein bewusster Rückgriff auf die antike Drachme, was wörtlich so viel bedeutet wie ‚eine Hand voll Bratspieße‘, die griechisch Oboloi hießen. Alle Stückelungen der neuen Drachmen zeigen auf dem Avers das Bild des Königs mit der umlaufenden Legende ΟΘΩΝ

ΕΛΛΑΔΟΣ Otto, König von Hellas (Abb. 15a-c). Unter der Büste ist die Signatur des Stempelschneiders ΦΟΙΓΤ Voigt angebracht; dies belegt, dass die Münzstempel für die ersten Drachmen der Neuzeit in München geschnitten wurden. Carl Friedrich Voigt war dort von 1829 bis 1855 als leitender Stempelschneider der königlich-bayerischen Münzprägestätte tätig. Die Rückseite der Drachmen zeigt das bekrönte und von Ölzweigen eingerahmte Wappen mit dem griechischen Kreuz, in dessen Mitte die bayerischen Rauten platziert sind. Dieses Kreuz mit vier gleich langen Seiten auf blauem Grund bildet seither – ohne die königlichen Insignien – das Wappen des Landes (Abb. 15d). Im Abschnitt – bei höheren Nominalen entlang des untern Münzrandes – steht der Nominalwert, die Währungsangabe ΔΡΑΧΜΗ Drachme bzw. ΔΡΑΧΜΑΙ Drachmen und das Jahr der Prägung. Die Gestaltung der Drachmen blieb über die Jahre hin unverändert; gleiches gilt für die Lepta-Münzen. Diese zeigen auf der Vorderseite in einem Kranz aus Lorbeerzweigen das Zahlzeichen, die Währung ΛΕΠΤΟΝ Lepton/ ΛΕΠΤΑ Lepta und das Jahr der Prägung (Abb. 16a-b). Damit entsprachen die griechischen Drachmen und Lepta in ihrem Aussehen dem aus den europäischen Monarchien bekannten Münzgeld.

Während die Kursmünzen keinerlei Einblicke in das griechische Zeitgeschehen verschafften, entfaltete sich in Griechenland selbst wie auch im europäischen Ausland eine höchst rege künstlerische Auseinandersetzung mit dem Befreiungskampf und der neuen Monarchie. In der Regierungszeit König Ottos entstanden die ikonischen Bilder, die bis heute unsere Vorstellung der Epanástasi prägen; einige von ihnen wurden später sogar als Motive auf griechischen Banknoten abgebildet. Auch die Protagonisten des Aufstandes wurden nun nach und nach porträtiert, obwohl manche zu dieser Zeit schon längst verstorben waren.

Abb. 15a: Königreich Griechenland: Otto I., ½ Drachme, Silber. Künker-Auktion 237, 8.10.2013, Los 3495.

Abb. 15b: Königreich Griechenland: Otto I., 1 Drachme, Silber. Künker, eLive Auction 65, 23.2.2021, Los 7501.

Abb. 15c: Königreich Griechenland: Otto I., 20 Drachmen, Feingold. Künker-Auktion 336, 20.3.2020, Los 6085. Abb. 15d: Wappen Griechenlands, gültige Form seit 7.6.1975. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Abb. 16a: Königreich Griechenland: Otto I., 1 Lepton, Kupfer, 1834. Künker, eLive Auktion 65, 23.2.2021, Los 7499.

Abb. 16b: Königreich Griechenland: Otto I., 5 Lepta, Kupfer, 1833. Künker, eLive Auktion 51, 18. September 2018, Los 280.

Abb. 17: Konrad Lange, Bronzemedaille auf den bayerischen Prinzen Otto:

Otto, Prinz von Bayern; Signatur Κ(ονρατ) ΛΑΓΓΕ K(onrad) Lange

Rv.: ΒΑΣΙΛΕΥΣ ΣΑΛΗΜ

König Salem, welcher ist der König des Friedens Im Abschnitt: ΜΟΝΑΧΟΝ 3 ΟΚΤ(ωβρίου) 1832 München 3. Oktober 1832. Im Bild dargestellt ist die griechische Delegation, bestehend aus Dimitrios Plapoutas, Andreas Miaulis und Konstantinos Botsaris, Otto von Bayern die griechische Krone anbietend.

Chronologische Übersicht

Griechische Revolution (Epanástasi) 1821–1828

Erste Hellenische Republik 1828–1831

Erstes Königreich

Otto I. 1833–1862

Regentschaftsrat 1862–1863

Georg I. 1863–1913

1. und 2. Balkankrieg 1912–1913

Konstantin I. 1913–1917

Alexander I. 1917–1920

Konstantin I. 1920–1922

Georg II. 1922–1924

Zweite Hellenische Republik 1924–1935

Zweites Königreich 1935–1973

Georg II. 1935–1947

WK II., Besatzung Griechenlands 1941–1944/45

Bürgerkrieg 1946–1949

Paul I. 1947–1964

Konstantin II. 1964–1973

Obristenregime 1967–1974

Dritte Hellenische Republik 1974–

Beitritt zur EWG 1981

Einführung des Euro 2002

Der europäischen Tradition folgend ließ König Otto I. wichtige Ereignisse in Medaillen festhalten. Konrad Lange, ein Schüler des Medailleurs Carl Friedrich Voigt, war von 1834 bis 1840 königlich griechischer Münz- und Medaillengraveur. Von seiner Hand stammt der Stempel, der die griechische Delegation in München zeigt, die dem bayerischen Prinzen Otto die griechische Krone überreicht (Abb. 17). Konrad Lange verdanken wir auch eine Serie herrlicher Medaillen mit Porträts und Szenerien der Epanástasi. Seine Darstellung der Messe im Kloster Agía Lávra in Kalavryta am 25. März 1821, die den offiziellen Beginn des Aufstandes markiert – die Manioten hatten bereits eine Woche zuvor die Türken aus Kalamata vertrieben –, ist, vielleicht auch durch die Härte des Metalls, viel eindrucksvoller als die zeitgleichen Gemälde und Stiche, die oft eine Tendenz zum rührselig Kitschigen haben (Abb. 18a-b). Ein kleines Meisterwerk ist die Medaille, die auf der Vorderseite die Porträts des Theodoros Kolokotronis und seines Neffen Nikitas Stamtopoulos, gen. Nikitaras, zeigt (Abb. 19). Die Darstellung des Nikitaras in der Schlacht bei den Dervenakia ist gleichermaßen eindringlich und realistisch; sie zeigt ihn mit einem erbeuteten türkischen Ross, erkennbar am Sattel, dessen gestürztem Reiter er gleich den Todesstoß versetzen wird. Wie die göttliche Gerechtigkeit Feinde behandelt, kündet die Legende

Zu Boden treten wird ihn meine starke Seele. Die Schlacht in dem unwegsamen Gelände bei Nemea, die eigentlich ein Hinterhalt war, zog sich über drei Tage hin; vom 6. bis zum 8. August 1822 schlugen die in der Unterzahl kämpfenden Griechen, unterstützt von Arvaniten 8, die Übermacht des osmanischen Seraskers 9 Mahmud Dramali Pascha vernichtend. Wer seither das totale Scheitern einer Sache benennen will, bezeichnet es als

Dramlis Katastrophe.

8 Arvaniten sind eine albanische Bevölkerungsgruppe griechischorthodoxer Konfession, die im Verlauf des Mittelalters in Griechenland eingewandert ist. Sie spielten in den Befreiungskriegen des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle und stellten zahlreiche Anführer, wie z.B. Laskarina Bouboulina, Andreas Miaulis oder Odysseas Androutsos.

9 Serasker war der höchste Rang in der Osmanischen Armee; der Rang entspricht dem eines Generalfeldmarschalls.

Abb. 18a: Konrad Lange, Bronzemedaille auf den Beginn der Epanástasi am 25.3.1821 im Kloster Agía Lávra (Kalavryta).

Vs.: Porträt des Metropoliten ΓΕΡΜΑΝΟΣ

Germanos, Erzbischof/Metropolit von Patras; Signatur Κ(ονρατ) ΛΑΓΓΕ K(onrad) Lange.

Rv.: ΘΕΟΣ

Gott meines Vaters, auch ich werde ihn erhöhen

Im Abschnitt: ΚΑΛΛΑΒΡΥΤΑ 25 ΜΑΡΤ(ίου) 1821 Kalavryta 25 März 1821

Abb. 18b: Theodoros Vryzakis, 1865: Der Metropolit Germanos von Patras segnet am 25. März 1821 im Kloster Agía Lávra die griechische Fahne. Wikipedia Commons, gemeinfrei.

Abb. 19: Konrad Lange, Bronzemedaille auf ΘΕΟΔΩΡ(ΟΣ) ΚΟΛΟΚΟΤΡΟΝΗΣ ΑΡΧΙΣΤΡΑΤΗΓΟΣ Κ(αι) ΝΙΚΗΤΑΣ ΣΤΑΜΑΤΟΠΟΥΛΟΣ ΣΤΡΑΤΗΓΟΣ

Theodoros Kolokotronis, Oberbefehlshaber, und Nikitas Stamatopoulos, General.

Signatur Κ(ονρατ) ΛΑΓΓΕ K(onrad) Lange.

Beim Betrachten dieser Medaillen Konrad Langes bekommt man eine leise Ahnung von dem Schrecken, der so manchen Philhellenen gepackt haben muss, der als Freiwilliger nach Griechenland gegangen war. Er hatte erwartet, mit antiken Griechen, wie er sie aus der Lektüre antiker Schriften zu kennen meinte, zusammenzutreffen und wurde nun mit den realen Griechen seiner Zeit konfrontiert. Wie sollte er eine Figur wie z.B. Konstantinos Mavromichalis (Abb. 20), einen jüngeren Bruder des Petros Bey, in seinen ideal-hellenischen Kosmos integrieren? Konstantinos bezeichnete sich wie alle Manioten als Spartaner, sah aus wie ein Wikinger, war Mitglied der Philiki Etaireia, sprach mehrere Sprachen, hatte gute Kontakte zur Hohen Pforte, war ein leidenschaftlicher Kämpfer und ein fähiger Offizier, Gouverneur von Kalamata, Reeder und ein verurteilter Pirat, der sein Leben als Mörder des ersten frei gewählten Präsidenten Griechenlands mit nur 34 Jahren auf schaurige Weise beschloss. Der Schock war so groß, dass manche sich in die Theorie flüchteten, die Griechen ihrer Tage seien gar keine Nachfahren der antiken Griechen. Die Ironie dabei ist, dass ein Typus wie Konstantinos seinen antiken

Abb. 20: Eleni Prosalenti,1899, Konstantinos Mavromichalis (1797–1831), nach einer älteren Vorlage. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Vorfahren viel näherstand, als es der romantisch inspirierte Philhellenismus je wahrhaben wollte.

Die Antike hält Einzug

Auch Ottos Nachfolger, König Georg I. aus dem Hause Schleswig-Holstein Sonderburg-Glücksburg, setzte die 1832 begonnene Münz-Tradition fort. Auf den Drachmen wie auch auf den LeptaStücken seiner langen Regierungszeit von 1862 bis 1913 sind bis zum Beginn der Balkankriege das Bild des Königs auf dem Avers und auf dem Revers das Wappen, manchmal auch die Krone oder lediglich ein Lorbeerkranz mit dem jeweiligen Zahlzeichen, der Währungsangabe und dem Prägejahr zu sehen. 1910, am Vorabend des ersten Balkankrieges (1912/13) tauchen auf den Münzen plötzlich antike Motive auf. Auf der 5-Lepta-Münze ist ein Steinkauz mit einer Amphora und einem Ölzweig zu sehen, auf der 20-Lepta-Münze die Athena des Phidias und auf dem 1-Drachmen-Stück die schöne Nereïdin Thetis (Abb. 21a-b). Sie reitet auf einem Hippokamp und ist gerade im Begriff, ihrem Sohn Achilles den eigens von Hephaistos gefertigten Schild mit dem Medusenhaupt zu bringen. In der Münzprägung wird mit diesem Motiv, das unmissverständlich auf den bevorstehenden Waffengang bezogen ist, die bislang dominierende Ikonografie durchbrochen; fortan wird sie neben dem Staats- bzw. Königswappen immer wieder antike Motive aufgreifen.

Nachdem das Osmanische Reich 1881 Thessalien an das Königreich Griechenland abgetreten hatte, brachten die beiden Balkankriege große Gebietsgewinne. Epiros, Makedonien, Westthrakien und die Inseln vor der kleinasiatischen Küste sowie Kreta kamen im Zuge der Grenzverschiebungen 1913 an Griechenland (Abb. 11). Dessen Territorium hatte sich damit verdoppelt. Die göttlichen Waffen, die Thetis dem König und seinem Heer überbracht hatte, verfehlten nicht ihre Wirkung.

Abb. 21a: Königreich Griechenland: Georg I., 2 Drachmen, Silber, 1911. Nomos AG, Auktion 36, 15.6.2025, Los 1069.

Abb. 21b: Pyrrhus I.: Didrachmon, 279–274 v. Chr., Silber. Vs.: Kopf des Achilles; Rs.: Thetis mit Schild auf Hippokamp. NAC, Auktion 132, 30.5.2022, Los 178.

Abb. 22a: Griechenland, Zweite Republik: 10 Drachmen, Silber, 1930.

Katz Coins Notes & Supplies Europe .s.r.o, E-Auction 166, 16.8.2025, Los 956.

Abb. 22b:

(1) Kopf der Demeter: Phokis, Delphi, Vs. Stater, 338-333 v. Chr., Silber. CNG, Triton XXV, 11.1.2022, Los 185 (23 mm) –(2) Ähre: Metapont (Lukanien), Rs. Stater, 330 v. Chr., Silber (20 mm).

Gerhard Hirsch Nachfolger. Auktion 386, 7.2.2024, Los 1022.

10 Charta des Rigas Velestinlis als Digitalisat auf den Seiten der Österreichischen Nationalbibliothek: https://viewer.onb. ac.at/11860358/ (zuletzt aufgerufen am 6.2.2026).

Die große Idee

Die großen Gebietsgewinne in den Balkankriegen beflügelten einen alten Wunschtraum: die Μεγάλι Ιδέα, die Große Idee. Sie geht wohl auf den Schriftsteller Rigas Velestinlis, oft auch nach seinem Geburtsort Rigas Feraios genannt, zurück, der 1791 während seiner Tätigkeit in Bukarest eine Karte anfertigte, die die von der osmanischen Herrschaft zu befreienden Gebiete auswies. Es waren die Kerngebiete der antiken griechischen Welt und der byzantinischen Zeit. Besonders bemerkenswert an dieser Karte, die 1796 in Wien gedruckt wurde, sind neben der Kenntnis antiker Stätten die überaus zahlreichen Zeichnungen von Münzen, die jeder Region beigegeben sind. 10 Inspiriert von der Französischen Revolution, propagierte Rigas Velestinlis die Idee eines freien, demokratisch verfassten Vielvölkerstaates mit gleichberechtigten Nationen, Türken und Muslime eingeschlossen.

Nach den für Griechenland günstig verlaufenen Balkankriegen schien die Verwirklichung der Großen Idee, die längst schon eine rein griechische Angelegenheit geworden war, in greifbarer Nähe. Der während der Balkankriege amtierende Ministerpräsident, Eleftherios Venizelos, wollte den Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg nutzen, um Teile Kleinasiens, besonders die Gegend um Smyrna (İzmir) und am Schwarzen Meer für den griechischen Staat zu gewinnen. Venizelos schwebte ein Griechenland auf zwei Kontinenten und an fünf Meeren vor, allein: der Griechisch-Türkische Krieg von 1919 bis 1922 endete für die Griechen in einer Katastrophe, die in dem Bevölkerungsaustausch von 1923 gipfelte. Eleftherios Venizelos wurde erstmals 2002 auf der 50-Lepta-Münze der griechischen Euro-Serie abgebildet.

Antike Prägungen als moderne Kursmünzen

Am 25. März 1924 wurde König Georg II. abgesetzt und die nunmehr Zweite Hellenische Republik ausgerufen. Sie endete nach nur neun Jahren durch ein gefälschtes Referendum im Oktober 1935, in dessen Folge die Monarchie wieder eingeführt wurde und Georg II. nach Griechenland zurückkehrte. Diese Zweite Republik hat wohl die interessantesten Prägungen hervorgebracht, als sie 1930 zwei antike Geldstücke in nur leicht abgewandelter Form als moderne Kursmünzen in Umlauf brachte. Die 10-Drachmen Münze ist eine Komposit-Nachbildung von Stateren aus Metapont und Delphi. Sie zeigt auf dem Avers den Kopf der Demeter mit der Beschriftung ΔΗΜΗΤΗΡ Demeter und auf dem Revers die Ähre mit der Legende ΕΛΛΗΝΙΚΗ ΔΗΜΟΚΡΑΤΙΑ Hellenische Demokratie, dem Zahlzeichen und der Währungsangebe sowie das Jahr der Prägung

1930 (Abb. 22a-b). Die 20-Drachmen Münze ist – vom Fehlen des Apollon auf dem Revers abgesehen – eine Nachprägung der Münze des Antigonos Doson mit dem Kopf des Poseidons auf der Vorder- und der Schiffsprora auf der Rückseite, versehen mit den jeweiligen modernen Aufschriften (Abb. 23a-b).

Nach der Wiederherstellung der Monarchie kehrte die Münzprägung zur traditionellen Ikonographie zurück. Interessant ist das unter Paul I. (1947–1964) ab 1960 wiederauftauchende Motiv der Thetis (Abb. 24). Anders als die Thetis aus der Zeit der Balkankriege (Abb. 21a) sitzt die Göttin nun auf einem Pferd. Sie bringt auch keine Waffen, sondern erhebt nur die Hand zum Gruß. In Münzkatalogen wird die Dargestellte meistens als die Mondgöttin Selene, manchmal auch als Amphitrite interpretiert. Allerdings lässt sich mit dieser Deutung keine rechte Verbindung zu König Paul I. oder der Zeitgeschichte herstellen. Thetis hingegen war nicht nur eine Waffenbotin, sondern auch eine Helferin in der Not. So brachte sie den hundertarmigen Riesen Briareos auf den Olymp, um Zeus vor einem Anschlag zu bewahren. Thetis dürfte auf der 20-Drachmen-Münze des Jahres 1960 die positive Entwicklung Griechenlands symbolisieren. In diesem Jahr wurde Zypern unabhängig von Großbritannien und Griechenland trat als Schutzmacht auf. Auch die wirtschaftliche Annäherung an die EWG wurde sicher als Aufbruch in eine bessere Zeit gewertet, denn Griechenland litt noch sehr unter den großen Verwerfungen des Bürgerkrieges, der von 1946 bis 1949 das Land in den Abgrund gerissen hatte. Am 30. März 1960 wurde auch das Anwerbeabkommen mit der BRD geschlossen.

Hellenische Banknoten:

Die Gegenwart im Fluss der Zeit

1,5:1

Abb. 23a: Griechenland, Zweite Republik: 20 Drachmen, Silber, 1930.

A. Karamitsos, Auktion 21, 13.9.2025, Los 6185.

1,5:1

Abb. 23b: Königreich Makedonien: Antigonos Gonatas, Tetradrachme, 236/229 v. Chr., Silber. Künker-Auktion 416, 29.10.2024, Los 1154.

1,5:1

Abb. 24: Königreich Griechenland: Paul I., 20 Drachmen, Silber.

VIA GmbH, E-Auktion 19, 4.11.2024,Los 449.

Während die Münzprägung lange dem traditionellen monarchischen Schema verhaftet blieb, das recht bilderarm war, boten die Banknoten ein überaus reiches und vielfältiges Bilderrepertoire. Die Ausgabe von Banknoten begann bereits 1842 durch die Εθνική Τράπεζα της Ελλάδος Nationalbank von Griechenland, allerdings waren diese nicht mehr als ornamentierte Papiere mit ein paar wenigen allegorischen Figuren oder dem königlichen Wappen. Ab 1860 nahmen die Banknoten jene bilderreiche Form an, die uns heute vertraut ist. Mit Gründung der griechischen Zentralbank, der Τράπεζα της Ελλάδος, ging 1928 die Ausgabe von Geldscheinen auf diese über.

Bei vielen Banknoten lässt sich trotz ihrer der Vergangenheit oder der Mythologie entlehnten Motiven sofort eine Verbindung mit der Tagesaktualität herstellen, wie z.B. bei der Darstellung der Thetis am Vorabend des

Bürgerkrieges (1946–1949), ein Motiv, das auf den Münzen bereits vor dem Ausbruch der Balkankriege aufgetaucht war (Abb. 25; 21). Die Banknote zu 5.000 Drachmen zeigte auf der Vorderseite eine junge Frau, offensichtlich eine Mutter, mit zwei Kindern, ein Bild, das an die Leiden der Frauen im Krieg erinnern sollte. Die Rückseite zeigt Thetis auf dem Hippokamp; auch sie hatte gelitten, als sie ihren einzigen Sohn Achilles im Trojanischen Krieg verlor. Obwohl sie wusste, dass er in diesem Krieg ums Leben kommen würde, hat sie selbst ihm den göttlichen Schild überbracht. So bringt die Thetis auf dem Geldschein des Jahres 1947 den königs- und regierungstreuen Soldaten nicht nur den Schild, sondern auch noch den Helm. Wie schon in den Balkankriegen zeigte die göttliche Hilfe Wirkung; die Konservativen und Monarchisten besiegten die Kommunisten, Griechenland blieb als einziges Land Südosteuropas vom kommunistisch-sozialistischen Joch verschont.

Ebenso leicht ist die 1.000-Drachmennote mit dem Porträt des Theodoros Kolokotronis auf der Vorder- und der Darstellung eines Evzonen 11 auf der Rückseite zu verstehen (Abb. 26): 1944, als sie erstmals in Umlauf gebracht wurde, war es der Appell zum Durchhalten und zum Glauben an die eigene Stärke, dafür legten der Anführer aus den Befreiungskriegen und der traditionell mit Fustanella gekleidete Soldat aus den Balkankriegen Zeugnis ab. Diese Botschaft war für die Konservativen, die als legitime Macht die Geldscheine ausgaben, eine hervorragende Möglichkeit, ihre gerechte Sache in Szene zu setzen. Nach dem Ende des Bürgerkrieges wurden die Banknoten mit diesem Motiv außer Kurs gesetzt.

Abb. 26: Königreich Griechenland:

Banknote zu 5.000 Drachmen, [1944].

Katharina Depner, HVB Stiftung Geldscheinsammlung München, 2019, CC BY-NC-ND 4.0

Abb. 25: Königreich Griechenland:

Banknote zu 5.000 Drachmen, 1947.

Katharina Depner, HVB Stiftung Geldscheinsammlung München, 2019, CC BY-NC-ND 4.0

11 Εύζωνες Evzones, das bedeutet wörtlich „die Wohlgegürteten“, waren ursprünglich eine leichtbewaffnete Leibgarde der griechischen Könige. Sie wurde von König Otto I. von Griechenland gegründet. Kennzeichnend sind die Fustanella, der kurze weiße Rock, der in zahlreiche Falten gelegt ist, und das Wams (Fermeli ). Der Gürtel ( Zone) diente dem Halt der Fustanella und als Aufbewahrungsort der Waffen. Diese Kleidung ist die Adaption der Tracht, die zur Zeit der Epanástasi üblich war. Griechische Soldaten der Balkankriegs werden in der Ikonografie symbolhaft in der Tracht der Evzonen dargestellt.

Abb. 27a: Königreich Griechenland: Banknote zu 5.000 Euro, 1950.

Nach: G. Notaras, Greek Bank Notes (2005), Nr. 1778.

Abb. 27b: Theodoros Vryzakis, 1853, Exodus aus Mesolongi. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Historische Analogien wie der Vergleich zwischen der Schlacht bei Salamis und der bei Navarino, auf die explizit auf einer zwischen 1955 und 1971 ausgegebenen 100-Drachemnote hingewiesen wird, sind ebenfalls leicht erkennbar (Abb. 10). Auch der griechische Sprachenstreit – Dimotiki gegen Katharevousa, Volkssprache gegen Gelehrtensprache – lässt sich an den Banknoten ablesen, z.B. sehr anschaulich bei der Datumsangabe. Die zwischen 1950 und 1955, also nach dem unglückseligen Bürgerkrieg herausgegebenen 5.000-Drachmen-Noten, die das Porträt des Dichters Dionysios Solomos (1798–1857) auf der Vorderseite abbilden, dürften auf diesen Sprachenstreit abzielen (Abb. 27a). Solomos bediente sich in seinen Schriften der Dimotiki, die er, den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm nicht unähnlich, eingehend untersuchte. In seinem Diálogos aus dem Jahre 1824 stellte er die Vorteile der Volkssprache gegenüber einer künstlisch-verkrampften antikisierenden Sprache auf unterhaltsame Weise dar. Die Rückseite der Banknote zeigt einen Ausschnitt aus Theodoros Vryzakis Historiengemälde „Ausfall der Belagerten von Mesolongi“ (Abb. 27b). Dies ist sicher nicht nur eine einfache Erinnerung an den Mythos Mesolongi, sondern eine bewusste Anknüpfung an Dionysios Solomos, der die Kämpfe als Zeitgenosse, wenn auch aus sicherer Entfernung auf Korfu, miterlebte und in seinen Werken auf sie Bezug nahm.

Sein Ύμνος

Hymne an die Freiheit ist in der Vertonung von Nikolaos Mantzaros seit 1865 die

Nationalhymne Griechenlands und seit 1966 auch die Zyperns.

Eindeutig ist auch die Abbildung der Hagia Sophia auf der 500-Drachmen-Note, die von 1923 bis 1931 ausgegeben wurde (Abb. 28). Die Rückseite zeigt eine Ansicht der Hagia Sophia als Kirche ohne die sie seit dem 15. Jahrhundert umgebenden Minarette. Es ist eine sehr dezente Anspielung auf die gescheiterte Megali Idea, die 1923 für 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien den Verlust der Heimat bedeutete. Es ist zugleich aber auch ein unverhohlener Anspruch auf Konstantinopel und damit auf die ehemals griechischen Gebiete Kleinasiens. In diesem Kontext muss man sicher auch 1927 das Pantanassa-Kloster in Mistras auf dem 100-Drachmen- und die Kirche der Heiligen Apostel in Thessaloniki auf dem 500-Drachmenschein aus dem Jahre 1926 sehen (Abb. 29). Zwischen 1520 und 1530 war diese Kirche in eine Moschee umgewandelt worden. 1926 wurde die Kirche restauriert und die mit Putz überdeckten christlichen Fresken wurden wieder freigelegt. Der Name der Kirche dürfte zudem viele Griechen daran erinnert haben, dass die gleichnamige Kirche in Konstantinopel – es war die zweitgrößte Kirche der Stadt wie auch die Grablege Konstantins des Großen und seiner ihm nachfolgenden byzantinischen Kaiser – von Sultan Mehmet II. dem Eroberer (Fatih), abgerissen wurde, um dem Bau der Fatih-Moschee Platz zu machen.

Abb. 28: Königreich Griechenland:

Banknote zu 500 Drachmen, 1923/25, Rückseite. Heritage Auction 4052, 17.10.2024, Los 24190.

Abb. 29: Königreich Griechenland:

Banknote zu 500 Drachmen, 1926, Rückseite. Heritage Auction 282425, 18.6.2024, Los 88079.

Ein archäologisches Nachschlagewerk

Die hier angeführten Beispiele mit Bildern, die auf die jüngere Geschichte des Landes, im Falle der letztgenannten sogar auf die Gegenwart zum Zeitpunkt der Ausgabe, anspielen, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass mehr als drei Viertel der auf Banknoten wiedergegebenen Darstellungen auf antike Motive zurückgreifen. Eine Bestandsaufnahme der Motive, die auf den mir bekannt gewordenen Banknoten abgebildet werden, erbrachte folgendes, im beigefügten Schaukasten dargestelltes Ergebnis 12: Etwa 60 Einzelmotive, von denen einige mehrfach verwendet werden, sowie drei Darstellungen von antiken Szenen sind dem Altertum entlehnt. Denen stehen neun Motive aus der Zeitspanne von 1453, dem Fall Konstantinopels, bis zum 19. Jahrhundert gegenüber sowie fünf Historienmalereien, die sich auf den gleichen Zeitraum beziehen. Hinzu kommen noch drei Darstellungen von realen Landschaften sowie Ideallandschaften, die meistens einen dorischen Tempel im Hintergrund zeigen. Neun Persönlichkeiten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts werden auf Banknoten abgebildet.

ANTIKE

Statuen: (1) Alexander der Große (Porträt) – (2) Apollon (Kopf) vom Giebel des Zeustempels in Olympia – (3) Aristoteles (Büste) –(4) Asklepios – (5) Athena des Phidias – (6) Athena Promachos –(7) Deidameia (Kopf) vom Giebel des Zeustempels in Olympia –(8) Wagenlenker von Delphi – (9) Demokrit (Kopf) –(10) Diskuswerfer des Myron – (11) Eirene mit dem Plutosknaben –(12) Ephebe von Antikythera (Kopf) – (13) Kore (Kopf) –(14) Hermes (Kopf) – (15) Hermes des Praxiteles – (16) Hesiod (Büste) – (17) Hygieia (Kopf) – (18) Löwe von Amphipolis –(19) Löwe von Chaironeia – (20) Medusa (Kopf) – (21) Nike von Samothrake – (22) Perikles (Büste) – (23) Parthenon (Giebelskulpturen) – (24) Poseidon vom Kap Artemision (auf der Banknote noch als Zeus interpretiert) – (25) Sokrates Reliefs: (26) Alexandersarkophag (Schlacht bei Issos) –(27) Eleusinisches Weihreflief (Demeter, Persephone und Triptolemos) – (28) Knossos, Minoisches Relief – Parthenonfries: (29) Götterversammlung (Poseidon, Apollon und Artemis), (30) Reiterprozession, (31) Opfertiere, (32) Wagenlenker –(33) Trauernde Athena – (34) Vaphio-Becher – (35) Weihung des Archinos an Amphiaraos

Gebäude: (36) Ägina, Tempel der Athena Aphaia – Athen, Akroplis: (37) Gesamtanlage, (38) Parthenon; (39) Tempel der Athena Nike, (40) Erechtheion, (41) Südabhang mit Dionysos-Theater und Odeion des Herodes Atticus –(42) Bassai-Phigalia, Tempel – (43) Delphi, Schatzhaus der Athener – (44) Epidauros, Theater – (45) Mykene, Löwentor – Olympia: (46) Zeustempel, (47) Heratempel – (48) Sunion, Poseidontempel

Antike Münzen: (49) Antigonos Gonatas/Doson, Tetradrachme (Vs. Poseidon, Rs. Apollon auf Prora) – (50) Athen, Tetradrachme (Av. Athena, Rv. Steinkauz) – (51) Delphi, Stater (Vs. Kopf der Demeter) – (52) Elis, Stater (Vs. Zeus) – (53) Epidauros, Drachme (Vs. Apollon, Rs. Asklepios) – (54) Epiros, Stater (Vs. Zeus und Dione) – (55) Knossos, Stater (Vs. Minotaurus, Rs. Labyrinth) –(56) Metapont, Stater (Vs. Zeus, Rs. Ähre) – (57) Syrakus, Tetradrachme (Vs. Arethusa)

Mosaik: (58) Neapel, Alexandermosaik

Varia: (59) Triere – (60) Phönix

Historienmalerei: (61) Der Apostel Paulus spricht zu den Athenern – (62) Symposion des Platon – (63) Perikles in Volksversammlung

BYZANTINISCHE ZEIT/MITTELALTER

BIS 19. JAHRHUNDERT

Gebäude: (1) Athen, Kapnikarea-Kirche – (2) Kalamata, Kirche der heiligen Apostel – (3) Konstantinopel, Hagia Sophia – (4) Mistras, Pantanassa-Kloser – Korfu: (5) alte Festung, (6) Residenz des Ioannis Kapodistrias – Thessaloniki: (7) Weißer Turm, (8) Kirche der Heiligen Apostel

Historienmalerei: (9) Exodus von Misolongi – (10) Schlacht bei Navarino – (11) Rigas Feraios singt den Thurios – (12) Die geheime Schule – (13) Karytaina, Bild von Karl Rottmann

Tiere/Fabelwesen: (14) Byzantinischer Adler und Drache; (15) Greif in byzantinischem Bogen

LANDSCHAFTEN

(1) Edessa, Wasserfall – (2) Hydra, Ansicht der Insel – (3) Paros, Ansicht der Insel – (4) Ideallandschaft mit dorischem Tempel im Hintergrund

HISTORISCHE PERSONEN DES 18. BIS 20. JAHRHUNDERTS

12 Diese Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; auch wenn dieser Erhebung der eine oder andere Geldschein entgangen sein mag, würde dies am Gesamtbild nichts verändern.

(1) Laskarina Bououlina – (2) König Georg I. – (3) Konstantin Kanaris – (4) Ioannis Kapodistrias – (5) Theodoros Kolokotronis –(6) Adamantios Korais – (7) Gerogios Papanikolaou –(8) Dionysios Solomos – (9) Rigas Velestinlis-Feraios

Bildmotive auf griechischen Geldscheinen

Abb. 30: Griechenland, Dritte Republik: Banknote zu 50 Drachmen.

Av.: Kopf des Poseidons von der Tetradrachme des Antigonos Gonatas (vgl. Abb. 23b) sowie antike maritime Szenerie.

Rv.: Laskarina Bouboulina auf ihrem Flaggschiff Agamemnon, nach einem Gemälde von Peter von Hess. © hex7ech, CC BY-NC 4.0 (https://de.numista.com/203732)

Der 1821 begonnene Kampf gegen die osmanische Herrschaft über Griechenland ist für die Geschichte des neugriechischen Staates konstitutiv. Εικοσιένα

Einundzwanzig ist ein Schlüsselbegriff, den jeder Grieche versteht. Bis heute ist die Epanástasi in Gemälden, Druckschriften, Erzählungen, Legenden, Denkmälern, Liedern, Dichtungen und vor allem in den Straßennamen der Orte allgegenwärtig, selbst außerhalb der Grenzen des griechischen Staates. So kann man kaum durch München gehen, ohne immer wieder auf die Spuren des griechischen Aufstandes zu stoßen, sei es, dass Straßenamen, Gebäude oder Grabsteine daran erinnern. In die neugriechische Münzprägung hingegen hat dieser harte, von allen Seiten äußerst brutal geführte Kampf keinen unmittelbaren Eingang gefunden, obwohl diese bereits 1828 einsetzte. Erst nach 1974 werden Akteure des großen Kampfes erstmals auf die kleinsten Nominale gesetzt. So gelangte Konstantin Kanaris auf den Avers der 1-Drachmen- und Georgios Karaiskakis auf die 2-Drachmen-Münze. Anfang der 1990er Jahre wurden sie bei Neuprägungen durch Laskarina Bouboulina und Manto Mavrogeno ersetzt. Die Emanzipation der Frauen zeigte ihre Auswirkung auf Geschichtsbild und Münzprägung. Bereits 1980 waren die Verdienste der

Kapitänin und Reederin Bouboulina gewürdigt worden, als man sie auf den Revers des Geldscheines zu 50 Drachmen setzte (Abb. 30).

Die Unwucht ist unübersehbar: Die erdrückende Dominanz antiker Motive auf griechischen Zahlungsmitteln bei gleichzeitig scheinbar schwacher Repräsentation der byzantinischen Zeit und dem weitgehenden Fehlen der Kämpfer aus der Zeit des Aufstandes drängen dem Betrachter den Schluss auf, dass der neugriechische Staat seine byzantinischen Wurzeln leugnet und diejenigen, die 1821 den Staat erkämpften, offenbar für wenig präsentabel halte. Das Bild der Hagia Sophia zeigt aber, dass diese Schlussfolgerung nicht stimmen kann, denn die Insignien der Orthodoxie, ein Erbe der byzantinischen Zeit, prägen nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Landes, sie bestimmen auch das Leben der Menschen. Es wäre daher gleichermaßen sinnlos und töricht, Offenkundiges zu verleugnen. Die Schlussfolgerung wäre jedoch zutreffend, wenn die griechischen Banknoten eine illustrierte Geschichte Griechenlands bilden würden. Das aber tun sie nicht, auch wenn die soeben gebotene Übersicht genau dies zu bestätigen scheint. Die Banknoten tun etwas ganz anderes, etwas höchst Griechisches, das sich bis zu Homer zurückverfolgen lässt: Sie erzählen, sie kommentieren, sie wirken neue Erzählstränge und wickeln den Vorfall, von dem sie künden, in weit- und feingesponnene Netze von Geschichten, Legenden und Bildern ein, die weit in die hellenische Geschichte zurückreichen, mal bis zu den byzantinischen Kaisern, mal bis zu den Diadochen oder den Hellenen der Antike, und manchmal nur bis zum Aufstand von 1821. Auf diese Weise werden Botschaften aller Art formuliert. Es liegt in der Natur der Sache, dass die allermeisten Fäden eben bis in die Antike zurückreichen. Homer steht dann nicht nur für den antiken Dichter als einstmals real existierendem Mensch, er steht symbolisch für die Dichtung, die ein Grieche geprägt hat, Aristoteles steht für die Philosophie und Demokrit für die moderne Wissenschaft, die ohne ihre griechischen Väter aus der Antike nicht denkbar wäre.

Diese Sichtweise wird außerhalb Griechenlands in aller Regel mit Missfallen aufgenommen. Man stört sich daran, dass die Griechen die Antike für sich beanspruchen, dabei waren es doch erst die Philhellenen gewesen – so kann man es oft hören oder lesen – die die Griechen zu ihrer Geschichte zurückgeführt haben. Das ist ein Irrtum; das Wissen um die Antike war nie erloschen, auch wenn es in der Breite in der einfachen Bevölkerung nicht oder nur höchst verschwommen in Form angepasster Sagen und Legenden vorhanden war. Dies war allerdings im restlichen Europa hinsichtlich der eigenen Geschichte

Abb. 31: Griechenland, Dritte Republik: Banknote zu 200 Drachmen, 1996. © hex7ech, CC BY-NC 4.0 (https://de.numista.com/204828)

auch nicht anders. Gelehrte, die die griechische Geschichte und vor allem das Schrifttum kannten, gab es unter den Griechen zu jeder Zeit, und man darf nicht die Rolle jener Gelehrten unterschätzen, die nach dem Fall Konstantinopels nach Westen flüchteten und dort ganz wesentlich zur Renaissance beigetragen haben. Die Griechen waren während der osmanischen Herrschaft auch nicht von Europa abgeschnitten; über die griechischen, aromunischen und venezianischen Kaufleute erreichten neue Gedankenströme auch Griechenland. Die Ideen der Französischen Revolution und die Folgen der Napoleonischen Kriege dürften daher den griechischen Freiheitsbestrebungen starken Auftrieb gegeben haben. Das große Verdienst der Philhellenen war es jedoch, durch ihr Wirken die Altertumskunde und die Klassische Archäologie als Zweige der Wissenschaft etabliert zu haben, in deren Folge Grabungen stattfanden, die das Wissen über die Antike in unvorstellbarer Weise erweitert haben.

Mythos, Wirklichkeit und Anspruch

Die griechische Form des Erzählens und GeschichtenWebens geht heute wie in der Antike immer von einem konkreten Anlass in der jeweiligen Gegenwart aus; an der letzten Drachmennote, die die griechische Zentralbank ausgegeben hat, kann man dies en détail studieren.

Die Tage der Landeswährung waren schon gezählt –am ersten 1. Januar 2002 sollte sie durch den Euro abgelöst werden –, als die griechische Zentralbank am 4. November 1996 einen neuen Geldschein in Umlauf brachte. Es war eine 200-Drachmennote, ein Nominal, das es bis dahin in der dritten Griechischen Republik noch nicht gegeben hatte (Abb. 31). Die Vorderseite zeigt das Porträt des Rigas Velestinlis-Feraios, eines griechischen Schriftstellers und Revolutionärs des späten 18. Jahrhunderts (1757–1798). Seine Lebensdaten

Abb. 32: Nikolaos Gyzis, Die geheime Schule, 1885/86. Wikimedia Commons, gemeinfrei.

werden auf der 200er-Note nicht abgedruckt, stattdessen ist unter dem Porträt auf einer Art stilisiertem Blatt 1821, die Jahreszahl des Beginns des griechischen Befreiungskampfes, zu lesen. Die Vorlage für das Porträt stammt von dem deutschen Historien- und Schlachtenmaler Peter von Hess. Rechts neben dem Porträt ist das ebenfalls von Peter von Hess stammende Gemälde „Rigas Feraios entfacht die Freiheitsliebe der Griechen“ abgebildet. Rigas Velestinlis ist hier den Thurios, eine von ihm verfasste patriotische Hymne, singend dargestellt. Das Bogensegment, das Porträt und Gemälde trennt, trägt die Aufschrift Όποιος ελεύθερα συλλογάται, συλλογάται καλά Wer frei denkt, denkt gut. Diese Aussage wird allgemein Rigas Velestinlis zugeschrieben, die Zuweisung ist aber nicht gesichert.

Die Rückseite der Banknote zeigt nur ein einziges Motiv, das als το Κρυφό Σχολειό die Geheime Schule betitelt ist. Es ist die Reproduktion eines von Nikolaos Gyzis 13 im Jahre 1885/86 in München geschaffenen Gemäldes (Abb. 32). „Die geheime Schule“, der Begriff wie auch das Bild, sind in Griechenland Gemeingut. Es ist der Bild gewordene Mythos, wonach das Griechentum nur dank des geheimen Unterrichts in Klöstern

überlebt habe, da während der fast 400jährigen Türkenherrschaft Unterricht in griechischer Sprache verboten gewesen sei. Dieser Mythos steht im Rang einer Gewissheit und wurde bis vor wenigen Jahren in den Schulen als Fakt gelehrt. Es gibt keine Beweise für solche geheime Schulen, dafür gibt es haufenweise Belege für die Existenz öffentlicher griechischer Schulen in osmanischer Zeit. Dass es höchst gebildete Kreise im osmanischen Griechenland gab, beweist gerade jener Rigas Velestinlis, der auf der Vorderseite des Geldscheins abgedruckt ist. Bevor er nach Konstantinopel, und von dort nach Bukarest ging, war er selbst in Kissos in Thessalien als Lehrer tätig.

13 Nikolaos Gyzis (1842–1901) ist besser bekannt als Nikolaus Gysis. Er studierte ab 1865 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste bei Karl von Piloty; von 1882 bis zu seinem Tode lehrte er selbst an der Münchner Akademie.

REPUBLIK

MAZEDONIEN

BULGARIEN

GRIECHENLAND

heutige geografische Region

Mazedonien Königreich Makedonien in der Antike (ungefähr)

Abb. 33: Makedonien: Vergleich zwischen der Lage des antiken Makedoniens (rote Linie) sowie der weitesten Ausdehnung der mittelalterlichen Region Makedonien (graue Line) im Verhältnis zum heutigen Griechenland. Von Furfur - File:Macedonia_overview. svg by Future Perfect at Sunrise, CC BY-SA 3.0, https://commons. wikimedia.org/w/index.php?curid=28280575

Es war sicher nicht Sinn und Zweck der 200-Drachmen Note, durch das Abbilden der „geheimen Schule“ eine Diskussion über die Geschichte des Schulwesens anzuregen. Der Staat als Herausgeber der Banknote bediente sich vielmehr des wirkmächtigen Mythos als Signal, um auf drohende Gefahren für das Griechentum aufmerksam zu machen. Doch wer oder was bedrohte im Jahre 1996 das Griechentum? Eine konkrete Gefahr konnte der Unkundige nicht ausmachen, sie war weit und breit nicht zu erkennen. Wer aber mit der jüngeren griechischen Geschichte vertraut ist, zog sofort die richtigen Schlüsse:

Rigas Velestinlis, der seine revolutionären Gedanken und Aktivitäten mit dem Leben bezahlte 14, symbolisiert auf diesem Geldschein die große Integrationskraft des Griechischen. Er war kein ethnischer Grieche, sondern Aromune, der griechisch schrieb und das Griechentum propagierte. Die Aromunen, in Griechenland Vlachen genannt, bilden ein eigenes Volk, das eine lateinische, mit dem heutigen Rumänisch eng verwandte Sprache spricht. Die Aromunen werden aber nicht nur Vlachen, sondern nach ihren Hauptsiedlungsgebieten auch Mazedoromanen genannt, ein Name, der auf die ehemalige, von 158 v. Chr. bis 467 n.Chr. bestehende

Provincia Macedonia verweist, die das antike Königreich Makedonien, Thessalien und Epirus umfasste. Makedonien! Das war das große Stichwort, das in den 1990er Jahre die Gemüter in Griechenland erregte.

Als Jugoslawien in den frühen 1990er Jahre auseinanderbrach, erklärte die Autonome Volksrepublik Mazedonien 1991 ihre Unabhängigkeit von der jugoslawischen Union; sie nannte sich Republik Makedonien. Dieser Namen oder vielmehr die Verwendung des Namens Makedonien rief umgehend Griechenland auf den Plan. Mit der Begründung, Makedonien sei immer schon griechisch gewesen, sprach Griechenland dem neuen Nachbarstaat das Recht ab, sich Makedonien zu nennen, belegte das Land mit Sanktionen und blockierte den angestrebten Beitritt zur NATO und zur Europäischen Union. Der neue Staat durfte sich deswegen international nur FYROM nennen, das bedeutet Former Yougoslavian Republic of Macedonia, und erst im Juni 2018 einigten sich die beiden Länder, begleitet von großen Protesten in Griechenland, auf den Kompromiss, wonach sich die FYROM nun Republik Nordmakedonien nennen solle.

Dieser Konflikt erklärt sich aus dem Umstand, dass der Name Makedonien seit der Antike auf unterschiedlich begrenzte Gebiete mit multiethnischer Bevölkerung Anwendung fand (Abb. 33). Durch die Landnahme der Slawen ab dem 7. Jahrhundert auf dem Balkan änderte sich die ethnische Zusammensetzung der Region signifikant. Je nach Zeit und politischer Situation überwog der slawische Bevölkerungsanteil. Die Aufteilung des historischen Makedoniens, wie es sich bis zum Ende der osmanischen Zeit ausgeformt hatte, war der eigentliche Grund für die beiden Balkankriege. Griechenland ist zwar ein großer Teil dieses Gebietes zugefallen, aber eben nicht das ganze damalige Makedonien; große Teile gingen

14 Bei einer Reise nach Triest wurde Rigas Velestinlis 1798 von den österreichischen Behörden wegen seiner politischen Agitationen festgenommen und als Untertan des Sultans den osmanischen Behörden in Belgrad übergeben. Dort wurde er am 24. Juni 1798 im Turm Nebojša Kula ohne Prozess erdrosselt. Hierzu siehe Émile Legrand, Documents inédits concernant Rhigas Vélestinlis et ses compagnons de martyre, tirés des archives de Vienne (Paris 1892).

Thessaloniki
Skopje Sofia

Abb. 34: Griechenland, Dritte Republik: Ersttagsbrief vom 17.7.1992, Athen (Ausschnitt).

Stempel: Η

Briefmarken mit makedonischen Motiven:

Makedonien war und ist griechisch

Obere Reihe. v.l.n.r.: Königliche Gräber (Manolis Andornikos, Funde); Mosaik aus Pella; Makedonische Münze (Tetradrachme, 2. Jhdt. V. Chr.).

Untere Reihe: Apostel Paulus in Thessaloniki. Privatbesitz.

an Bulgarien und Serbien, wo eigene Konflikte und Namensstreitereien wie auch Territorialforderungen entstanden. In dem an Griechenland gefallenen Teil Makedoniens lebte 1913 eine gemischte Bevölkerung aus Griechen, Aromunen, slawischen Mazedoniern und Türken. Diese Zusammensetzung änderte sich jedoch 1923 zugunsten der Griechen, als in Makedonien und Thrakien die aus der Türkei vertriebenen Griechen angesiedelt wurden. Während des Bürgerkrieges 1946 bis 1949 riefen die griechischen Kommunisten die slawischsprachigen Mazedonier in Griechenland auf, Minderheitenrechte zu verlangen und sich gar als eigenes Volk für souverän zu erklären. Als nun 1991 die neue slawisch-mazedonische Republik aus der Konkursmasse Jugoslawiens entstand, fürchtete man in Athen Gebietsansprüche und kulturelle Usurpation gleichermaßen. Alte Traumata brachen auf, und das Gespenst der Minderheitenfrage geisterte durch das Land. Hierzu muss man wissen, dass Griechenland nur die muslimischen Pomaken in Thrakien als Minderheit anerkennt, und dies nur, weil es Teil des Vertrages von Lausanne ist. Als die ex-jugoslawischen Mazedonier den historischen Makedonen Alexander den Großen auch noch für sich beanspruchten, brachen

in Griechenland alle Dämme. Eine bespiellos intensive und äußerst aggressiv geführte politische Agitation erregte jahrelang das Land bis zum Siedepunkt. Zu anderen Zeiten, als Kriege noch ein probates Mittel der politischen Konfliktlösung waren, wären bewaffnete Auseinandersetzungen unausweichlich gewesen. In den frühen 1990er Jahren konnte sich in Griechenland niemand der zentralen Losung Η Μακεδονία ήταν και είναι ελληνική Makedonien war und ist griechisch bzw. Η Μακεδονία είναι μία

Makedonien ist eins und es ist griechisch entziehen. Sie war omnipräsent und ihr Erkennungszeichen war die auch Makedonenstern genannte Sonne von Vergina. Diese Sonne war ein in der Antike sehr verbreitetes Dekorationselement, das auch den Deckel einer Truhe ziert, die in einem der Gräber von Vergina gefunden wurde. Weil der Ausgräber, Manolis Andronikos, von der Idee besessen war, das Grab König Philipps II. von Makedonien gefunden zu haben – was nicht der Fall war – wurde das antike Allerweltssymbol zum Wappen des antiken Makedoniens erhoben. In den Nachrichten, in der Werbung, im öffentlichen Leben, auf Briefmarken, auf Schulheften und auf Alltagsgegenständen aller Art war in den 1990er Jahren die Sonne bzw. der

Makedonenstern zu sehen (Abb. 34). Ganz am Anfang dieser Zeit, wohl schon in richtiger Vorausahnung, was sich an der nördlichen Grenze in der zerfallenden jugoslawischen Union zusammenbraute, prägte Griechenland von 1990 bis 2000 die wohl interessanteste Münze seiner Neuzeit.

Alexander der Große und die Massenmobilisierung

Auf dem Avers der 100-Drachmen-Münze ist der Kopf Alexanders des Großen abgebildet (Abb. 35a). Das Porträt ist keine neue Schöpfung, sondern die Adaption des Alexanderporträts, die der Diadoche Lysimachos zwischen 287 und 282 v. Chr. auf seine Tetradrachmen setzen ließ (Abb. 35b). Die Legende benennt den Dargestellten: ΜΕΓΑΣ ΑΛΕΞΑΝΔΡΟΣ ΒΑΣΙΛΕΥΣ ΜΑΚΕΔΟΝΩΝ Alexander der Große, König der Makedonen. Auf dem Revers prangt in einem abgesetzten Kreis der Stern von Vergina wie ein Wappen, darüber die Legende ΕΛΛΗΝΙΚΗ

ΔΗΜΟΚΡΑΤΙΑ Hellenische Demokratie, darunter das Zahlzeichen 100 und die Währungsangabe ΔΡΑΧΜΕΣ Drachmen. Unmittelbar unter dem Kreis mit dem Sonnensymbol steht links das Jahr der Prägung, und rechts ΒΕΡΓΙΝΑ Vergina. Es ist ein Meisterwerk griechischer Weltsicht und der spezifisch griechischen Kunst, Gegenwärtigem durch Mythologisierung eine bestimmte Prägung zu verleihen:

Die Makedonen der Antike waren, wie durch die moderne Sprachforschung nachgewiesen wurde, ethnische Griechen und mit den Doriern stammverwandt. Die Griechen der Antike haben die Makedonen jedoch nicht als Griechen angesehen. An diesem Fakt kann nicht gezweifelt werden, da Makedonen die Teilnahme an den Panhellenischen Spielen nicht erlaubt war. Nur dem Königshaus war dies gestattet, da es seine Abkunft auf Herakles zurückführte. An diesem Punkt setzt nun das Verweben von Fakten und Fiktionen ein: Alexander war unbestreitbar König der Makedonen; als Abkömmling des Herakles war er allerdings Grieche, und damit war auch sein Reich griechisch. Dass selbst in der Antike die Grenzen Makedoniens volatil waren, fällt nicht ins Gewicht, denn Alexander der Große hat das Griechentum bis zum Indus ausgebreitet, und wo Alexander ist, ist auch Griechenland. Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Alarmsignal der 200-Drachmen-Note: Die Skopjaner – so werden die ex-jugoslawischen Mazedonier von den Griechen genannt – greifen nach Alexander dem Großen, dem Griechen par excellence! Diesem Angriff auf die eigene Existenz galt es die Stirn zu bieten.

1,5:1

Abb. 35a: Griechenland, Dritte Republik: 100 Drachmen, Aluminium-Bronze, 2000. Privatbesitz.

1,5:1

Abb. 35b: Thrakien, Lysimachos: Tetradrachme, 305–281 v. Chr., Silber. CNG, Triton XXIX, 13.1.2026, Los 96.

Auf griechischen Kursmünzen oder Banknoten wird man in Zukunft nicht mehr verfolgen können, wie stark vermeintlich überholte Themen aus antiken Tagen ein Volk und seinen Staat mobilisieren können. Die 2002 eingeführten Euromünzen und -geldscheine haben die einst höchst informativen griechischen Zahlungsmittel zu einer trostlosen Angelegenheit gemacht. Lebendig ist die griechische Tradition des Geschichte erzählenden Geldes aber nach wie vor bei der Ausgabe von Sonderprägungen zu verschiedenen Anlässen. Sie verdienen die volle Aufmerksamkeit des Sammlers, des Historikers und des politisch Interessierten.

G. Notaras, Greek Bank Notes. A Journey 1822–2002 (Athen 2005).

P. Tzermias, Neugriechische Geschichte – eine Einführung (Basel 1999).

I. Zelepos, Kleine Geschichte Griechenlands. Von der Staatsgründung bis heute (München 2014).

Richard Clogg: Geschichte Griechenlands im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Abriß (Köln 1996).

W. St. Clair: That Greece Might Still be Free The Philhellenes in the War of Independence (London 1972).

K. Maras: Philhellenismus. Eine Frühform europäischer Integration (Würzburg 2012).

Als Bayern und Russland aneinander gerieten …

Wilhelm Pfalzgraf und Herzog von ZweibrückenBirkenfeld zu Gelnhausen wurde am 10. November 1752 als viertes Kind und zweiter Sohn von Johann Pfalzgraf und Herzog von Zweibrücken-Birkenfeld zu Gelnhausen (1693-1780) und dessen Gemahlin, Sophie Charlotte, geb. Wild- und Rheingräfin von Salm-Dhaun (1719-1770) in Gelnhausen geboren. Er gehörte somit einer evangelischen nicht regierenden Nebenlinie der wittelsbachischen Pfalzgrafen von Zweibrücken an. Er wuchs in Mannheim am Hofe des Pfälzischen Kurfürsten Carl Theodor (1724-1799, reg. seit 1742 als Kurfürst von der Pfalz und seit 1777 auch als Kurfürst von Bayern) auf und wurde dort wissenschaftlich und militärisch ausgebildet. Im Alter von 16 Jahren wurde Herzog Wilhelm von Kurfürst Carl Theodor an dessen Stiftungstag in den Kurfürstlichen Ritterorden vom Pfälzer Löwen aufgenommen, und am 2. Februar 1768 in den Kurfürstlichen Hausritterorden vom hl. Hubertus. 1769 wechselte er im Alter von 17 Jahren die Konfession und wurde katholisch.

Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz (1767) –von Heinrich Carl Brandt (1724–1787) –wikimedia-commons 2022 user: Magnus Manske

Karkasse des Kleinods in Brillanten des Kaiserlichen Ordens des hl. Apostels Andreas des Erstberufenen, verliehen von Kaiser Pawel I. an Herzog Wilhelm, Gold graviert, Silber, alle Steine herausgebrochen. Künker-Auktion 415 (28. Oktober 2014), Los 371.

Um 1777 trat er il im Range eines Oberst in österreichische Dienste ein und diente in den Türkenkriegen und später im Ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich (1792-1797). Am 30. Januar 1780 heiratete er in Mannheim Maria Anna Prinzessin von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld-Bischweiler (1753-1824), viertes Kind und zweite Tochter von Friedrich Michael Pfalzgraf und Herzog von Zweibrücken-BirkenfeldBischweiler (1724-1767) und dessen Gemahlin Maria Franziska von Pfalz-Sulzbach (1724-1794). Hierdurch wurde er zum Schwager von Maximilian Joseph Herzog von Pfalz-Birkenfeld (1756-1825), dem späteren Kurfürsten (seit 1799 als Maximilian IV. Joseph) und König (seit 1806 als König Maximilian I. Joseph von Bayern). Ab diesem Zeitpunkt residierte das Paar zwanzig Jahre lang in Landshut in der dortigen Stadtresidenz. Ihnen wurden drei Kinder geboren:

1. Ein totgeborener Sohn (1782);

2. Maria Elisabeth Herzogin in Bayern (1784-1849)

⚭ 1808 Louis-Alexandre Berthier, Souveräner Fürst von Neuenburg und Valangin, und Fürst von Wagram, Marschall des Kaiserreichs (1753-1815);

3. Pius August Herzog in Bayern (1786-1837)

⚭ 1807 Amalia Luise, geb. Prinzessin von Arenberg (1789-1823).

1796 wurde Herzog Wilhelm von Kaiser Franz II. (17681835, von 1792 bis 1806 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und seit 1804 Kaiser von Österreich) für seine militärischen Verdienste zum Feldmarschall-Leutnant ernannt.

Feldmarschall-Leutnant Wilhelm Pfalzgraf und Herzog von Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen, Porträt von einem unbekannten Maler zwischen 1796 und 1798. Privatbesitz.

Wilhelm Pfalzgraf und Herzog von Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen – von Johann Georg Erdlinger (1741-1819) –Neumeister Auktion 365 am 24. September 2024, Lot 1034.

Der russische Kaiser Pawel I. Petrowitsch [Павел I Петрович] (1754-1801, reg. seit 1796), seit 1797 Protektor des Ordens, errichtete als Folge der dritten polnischen Teilung von 1793 im Jahre 1797 ein katholisches Großpriorat des Ordens im Russischen Reich. Er gliederte es der Englisch-Bayerischen Zunge an, die hierdurch zur Englisch-Bayerisch-Russischen Zunge des Ordens wurde. 1798 – nach der Vertreibung des Ordens aus Malta durch den französischen General und späteren Kaiser der Franzosen Napoléon – nunmehr de facto Großmeister des Ordens, gründete Pawel auch ein orthodoxes Großpriorat des Heiligen Johannes von Jerusalem [Орден Святого Иоанна Иерусалимского] im Russischen Reich, das er mit 98 Kommenden ausstattete.

Nach dem Tod Kurfürst Carl Theodors am 16. Februar 1799 übernahm Maximilian Joseph Herzog von Pfalz-Birkenfeld die Regierung als Kurfürst von Pfalz-Bayern. Herzog Wilhelm trat im unmittelbaren Anschluß aus dem österreichischen Dienst aus und im Range eines Generalleutnants in den bayerischen Dienst ein. Für das Ableben des Carl Theodors

hatte Herzog Wilhelm, der nunmehrige Herzog in Bayern, von Maximilian Joseph die Instruktion erhalten, das Großpriorat Bayern des Malteserordens sofort aufzuheben, was aufgrund der erteilten unbeschränkten Vollmacht am 16. oder 18. Februar 1799 erfolgte. Er hob das Großpriorat des ohnehin beim Volk unbeliebten Malteserordens auf, setzte den ihm verhaßten gefürsteten Bastard seines Vorgängers Großprior Karl August Fürst von Bretzenheim (17681823) ab, und ließ sämtliche Ordensgüter zugunsten der Königlichen Hofkammer einziehen.

Nachdem der Ordens-Großmeister, der russische Kaiser Pawel im März 1799 davon erfahren hatte, interpretierte er diese Maßnahmen als eindeutige Parteinahme Bayerns für die Republik Frankreich gegen die strategischen Interessen des Russischen Reiches. Er sah seine ureigensten Interessen als Großmeister des Ordens wie auch als Kaiser Rußlands deutlich bedroht, was zu einer harschen Gegenreaktion führte.

Zunächst erteilte er Anweisung, daß der bayerische Gesandte am Hof von Sankt Petersburg, Franz Xaver

Maximilian IV. Joseph von Bayern (ca. 1800) – von Moritz Kellerhoven (1758-1830) –wikimedia-commons 2025 user: Beao

Karl August Reichsfürst von Bretzenheim (vor 1787)

– von Heinrich Carl Brandt (1724–1787) –wikimedia-commons 2022 user: Petergenner

Maximilian von Montgelas (1804)

– von Joseph Hauber (1766-1834) –Privatbesitz - Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg

Freiherr Reichlin von Meldegg (1757-1828), die Stadt binnen Tagesfrist zu verlassen hatte. In einem seiner berüchtigten und allseits gefürchteten Wutausbrüche ordnete er an, ihn auch noch sofort in Gewahrsam nehmen zu lassen und ihn in äußerst beschämender Weise auf einem Leiterwagen von der Polizei (nicht einmal vom Militär!) direkt an die Grenze des Russischen Reiches bringen und buchstäblich aus dem Land werfen zu lassen. Weiter erteilte der Kaiser den russischen Truppen, die sich als Verbündete Österreichs auf dem Weg ins Rheinland befanden, den Befehl, das Kurfürstentum Bayern als Feindesland zu behandeln und dort einzumarschieren.

Diese deutlichen Reaktionen hatten weder Maximilian IV. Joseph, noch sein Außenminister Maximilian von Montgelas (1759-1838, im Amt von 1799 bis 1817), noch die kurbayerische Regierung vorausgesehen und sie zeigten sich dementsprechend vollkommen überrascht. Natürlich entschuldigte man sich in München sofort beim russischen Gesandten am bayerischen Hof, Karl Jakowlewitsch Freiherrn von Bühler [Карл Яковлевич барон фон Бюлер] (1749-1811, im Amt von 1789 bis 1808) und versicherte, daß die Maßnahme keinesfalls weder gegen die Interessen des russischen Kaisers noch gegen die des Russischen Reiches gerichtet war, sicherte die umgehende Wiederherstellung des bayerischen Großpriorats zu und versprach, am Krieg gegen Frankreich teilzunehmen. Es wurde die Entsendung einer Obödienz-Deputation unter Bailli Frà Johann Baptist Anton Freiherr von Flachslanden (1739-1822), Statthalter und Administrator des Großpriors von Bayern, nach Sankt Peterburg angekündigt, um dem Kaiser als Großmeister zu huldigen.

Karl Jakowlewitsch Freiherr von Bühler – von Johann Baptist von Lampi dem Älteren (1751-1830) – wikimedia-commons 2020 user: Beavercount.

Maximilian IV. Joseph beschloß weiter, seinen Schwager Herzog Wilhelm in Bayern selbst in bevollmächtigter diplomatischer Mission nach Sankt Petersburg zu senden, um mit dem Kaiser weiter zu verhandeln. Nachdem er am 22. Juli 1799 die Instruktionen für seine Verhandlungen erhalten hatte, begab sich Herzog Wilhelm am 28. Juli in Begleitung seines erst dreizehnjährigen Sohnes Pius August (17861837), und von François Gabriel Chevalier de Bray (1765–1832), Wirklichem Geheimen Rat im bayerischen Außenministerium, einem versierten Diplomaten, sowie des kurbayerischen Geheimen Rates Maximilian Joseph Emanuel Freiherrn (ab 1810 Graf) von Rechberg und Rothenlöwen (1736-1819) auf die beschwerliche Mission. Wohl am 27. August 1799 gelangten sie in Gattschina [Га́тчина], der Sommerresidenz des Kaisers an, wo sie herzlich empfangen wurden.

Kurfürst Maximilian IV. Joseph sah sich gezwungen, Kaiser Pawel über Herzog Wilhelm anzubieten, alle gegen den Malteserorden in Bayern gerichteten Maßnahmen in Bayern zurückzunehmen, das Großpriorat Bayern neu zu gründen und den russischen Kaiser als rechtmäßigen Großmeister des Ordens anzuerkennen. Nach kurzen erfolgreichen Verhandlungen konnte eine Vereinbarung getroffen werden, die im Wesentlichen alle Forderungen Kaiser Pawels erfüllte. Allein die Amtsenthebung des bisherigen Großpriors Karl August Fürst von und zu Bretzenheim blieb in Kraft. An seiner Stelle wurde der erst vier Jahre alte zweite Sohn des Kurfürsten, Karl Theodor Prinz von Bayern (1795-1875) zum Großprior ernannt, und der Bailli von Flachslanden zu dessen

Johann Baptist Anton von Flachslanden als Turcopolier der Englisch-Bayerischen Zunge des Malteserordens (um 1783) – von Heinrich Carl Brandt (1724–1787) –Historisches Museum der Pfalz, Speyer –Gemäldesammlung – https:// rlp.museum-digital.de/object/21020

– von Moritz Kellerhoven (1758-1830) –Stiftung Schloß und Bark Benrath, Museum Corps de Logis, Gemäldesammlung, Objektnummer BEN.B 535 –Foto: Stefan Arendt (LVR)

Statthalter und damit zum faktischen Regenten des Malteserordens in Bayern. Von Flachslanden wurde zum russischen General ernannt und erhielt den Kaiserlichen Orden des hl. Fürsten Alexander Newsky [Имперáторский орден Свяатого Князя Александра Невского]. Die russische Invasion wurde gestoppt und damit auch der russische Krieg gegen Bayern, welches in diesem sicher unterlegen gewesen wäre.

Als Dank für den in seinem Sinne guten Ausgang der Affäre nahm Kaiser Pawel I. am 28. August 1799 Herzog Wilhelm als 325. Ritter des Kaiserlichen Orden des hl. Apostels Andreas des Erstberufenen [Имперáторский орден Святого Апостола Андрея Первозванного] auf und verlieh ihm persönlich die Insignien in Brillanten. Genau dieses, dem Herzog Wilhelm in Bayern übergebene Kleinod des Andreas-Ordens –allerdings seiner Juwelen vollständig beraubt – wurde in der Künker-Auktion 415 am 28. Oktober 2024 unter der Losnummer 371 versteigert. Gleichzeitig verlieh der Kaiser Herzog Wilhelm auch das Kommandeurskreuz [Командорский крест] des Russischen Großpriorats des Souveränen Malteser Ritterordens [Сувере́нный

das in der kommenden Künker-Auktion 441 am 19. März 2026 unter der Katalog-Nr. 4036 angeboten wird.

Kommandeurskreuz des Russischen Großpriorats des Souveränen Malteser Ritterordens, verliehen von Kaiser Pawel I. an Herzog Wilhelm, russische Anfertigung um 1798/1799, Gold und Emaille. Künker-Auktion 441 am 19. März 2026, Los 4036.

Am 1. Oktober 1799 schließlich schloß Herzog Wilhelm im Namen Bayerns mit Kaiser Pawel den Vertrag von Gattschina, womit sich Bayern verpflichtete, über sein pflichtgemäßes Reichskontingent hinaus der Koalition gegen Frankreich 20 000 Mann zur Verfügung zu stellen. So war die bayerisch-russische Affaire für alle Beteiligten noch einmal glimpflich ausgegangen, und die Geschichte konnte weiter ihren Lauf nehmen.

Wilhelm Herzog in Bayern (um 1806)
Kaiser Paul I. – von Stepan Shchukin (†1828) –wikimedia-commons 2022 user: 1970gemini

Kopf & Kragen –eine Ausstellung des KHM

Können Sie sich vorstellen, einen numismatischen Ausstellungskatalog mit einer Modezeitschrift zu verwechseln? Das ist bei der neuesten Publikation des Kunsthistorischen Museums in Wien durchaus möglich. Dort ist ein Team von jungen, neugierigen Numismatikern und Numismatikerinnen bei der aktuellen Ausstellung des Münzkabinetts einen ganz anderen Weg gegangen.

Von Ursula Kampmann

Der Sohn meiner Nachbarn ist 16 Jahre alt. Endlos kann er mit mir über Fragen der Haarlänge diskutieren. Was das mit Numismatik zu tun hat? Nun, das ist die Generation, die wir heute für die Numismatik begeistern müssen. Mit Geschichte haben nur die wenigsten noch etwas am Hut. Historische Persönlichkeiten kennen sie allenfalls aus der letzten Netflix-Serie. Da kann man sich jetzt hinsetzen und es betrauern. Oder man kann die Kids dort abholen, wo sie sind, bei Mode, Instagram und Selbstdarstellung.

Eine innovative Idee des Münzkabinetts im KHM

Genau das tut die aktuelle Ausstellung des Münzkabinetts im Kunsthistorischen Museum. Sie zeigt, dass die Menschen immer schon ihre öffentliche Erscheinung bis ins Detail orchestriert haben. Das gilt nicht nur für Gemälde, sondern noch viel mehr für Münzen, auf denen sich die Herrscher ihren Untertanen präsentierten.

Jetzt fallen Ihnen sicher ein paar Beispiele ein: Der Bart des Hadrian, das berühmte Christogramm auf dem Helm des Constantin, vielleicht noch der sächsische Klappmützentaler und die geballte Haarpracht von Kaiserin Sisi. Aber das ist es dann auch. Nur wenige Vertreter unserer Generation können mit all dem modischen Firlefanz der verschiedenen Herrscherbüsten etwas anfangen. Mit anderen Worten: diese Ausstellung des KHM spricht nicht nur die Instagram-Generation an, sondern bereichert auch uns erfahrene Münzbegeisterte, weil sie uns erklärt, was Haar- und Barttracht, Krägen, Panzer und Mützen im Münzbild aussagen.

Vom Bärten, Perücken und modischen Frisuren

Allein das Verhältnis Halskrause, Frisur und Hut: Wer hat je darüber nachgedacht? Tatsächlich veränderte die Halskrause der spanischen Hoftracht die Frisuren.

Wer sie tragen wollte, musste – als Mann – die Haare schneiden lassen, – als Frau – eine Hochsteckfrisur tragen. Die in der Renaissance so beliebten Hüte und Hauben waren plötzlich passé. Die Höhe der Frisur entwickelte sich zum Statussymbol. Ja, im Barock kennt man sogar die Erscheinung des Chapeau bras, jenes Dreispitzes, der nicht mehr auf dem Kopf, sondern unter dem Arm getragen wird.

Was mag es also aussagen, wenn sich Friedrich Wilhelm I. – besser bekannt als der preußische Soldatenkönig – nicht in Allongeperücke, sondern mit dem so genannten Soldatenzopf zeigt? Und haben Sie schon mal überlegt, wie der gebunden wurde? Was machten die vielen Männer, bei denen das

Haupthaar nicht für einen straffen, mit schwarzem Band umwickelten Zopf ausreichte? Nun, sie polsterten ihn mit Pferdehaar! Wer mit krausem Haar geschlagen war, arbeitete mit Blei, um den Zopf schön nach unten zu ziehen. Ich frage mich die ganze Zeit, ob Friedrich Wilhelms Kammerdiener Pferdehaar oder Blei benutzte. So, werden Sie jemals wieder den Soldatenzopf auf den Münzen Friedrich Wilhelms I. mit den gleichen, gleichgültigen Augen sehen?

„Der Reiche mit dem Bart“

Ich erlaube mir jetzt, einfach um zu illustrieren, wie kurz, prägnant und lehrreich der Katalog zur Ausstellung ist, ihm einen Text zu entnehmen. Es geht um Herzog Georg von Sachsen, und vielleicht ist auch Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sein Bart ab einem bestimmten Zeitpunkt immer länger wird. Anna Lörnitzo erklärt warum:

„Herzog Georg von Sachsen (reg. 1500-1539) – reich an Silber, reich an Kindern, und am Ende: reich an Trauer. „Der Reiche“, wie er zu Lebzeiten genannt wird, herrscht

mit Weitblick und wirtschaftlicher Stärke. Der Bergbau bringt ihm Glanz –doch sein Leben ist nicht nur Prestige. Er heiratet die polnische Königstochter Barbara von Sandomierz – ein royales Power-Couple. Zwischen 1497 und 1508 bringt Barbara zehn Kinder zur Welt, fünf Töchter und fünf Söhne. Doch das Schicksal ist grausam: Alle männlichen Nachkommen sterben jung, und so geht das Erbe an Georgs Bruder Heinrich.

1534, am Grab seiner geliebten Frau, beginnt eine neue Ära seines Selbstbilds: Aus dem bartlosen Fürsten wird ein trauernder Witwer mit wachsendem Bart – Symbol der Erinnerung, Zeichen des Verlusts. Seine Münzen erzählen es wie ein Zeitraffer: Zwischen 1535 und 1539 sprießt der Bart – aus Schmerz wird Stil, aus Stil ein Vermächtnis. Und Georg, der Reiche, bleibt bis heute: der Bärtige.“

Eine geniale Kombination von Numismatik, Geschichte und Menschlichkeit

Was an den Texten derart berührt, ist die Verbindung zwischen geprägtem Metall und dem Menschen, der plötzlich körperlich ganz nahe erscheint. Man sieht den Soldatenkönig vor seinem (kleinen) Spiegel, um sich den Soldatenzopf binden zu lassen. Man sieht den trauernden Georg, der nach dem Tod der geliebten Frau die aufwändige Schönheitsprozedur des Rasierens nicht mehr erträgt. Menschen treffen Aussagen mit ihrem Erscheinungsbild und geben so Hinweise auf ihre Psyche. Und genau damit schafft es das Ausstellungsteam um Klaus Vondrovec etwas zu erzählen, was sowohl die Selfie-Generation als auch die erfahrenen Sammler anspricht. Sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt.

Ein unglaublicher Ausstellungskatalog

Was mit dieser Ausstellung gelungen ist, ist extrem ungewöhnlich. Sie bricht mit allen numismatischen Sehgewohnheiten und verzichtet völlig auf hochtrabende Wissenschaftlichkeit, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Die Texte sind inhaltsschwer, dabei frisch, frech, verführerisch und völlig unprätentiös. „Wie sexy kann eine Münzausstellung sein?“ titelt die Boulevardpresse. Das ist bemerkenswert. Wann haben Sie in der Presse je die Worte Numismatik und sexy in einem Satz gelesen?

Der Ausstellungskatalog kommt daher im Design einer hochglänzenden Modezeitschrift wie die Vogue und lädt zum Blättern ein. Aber Vorsicht, wenn Sie damit beginnen. Denn die phantastischen Bilderwelten, die überraschenden Titel, die ungewöhnlichen Statements verführen zum Lesen – und ehe Sie sich versehen, haben Sie den Artikel zu Ende gelesen und sind schon im nächsten Thema.

Gratulation! So muss man Numismatik darstellen, um neue Fans zu finden.

Künker unterstützt das Münzkabinett des KHM

Das Münzkabinett im Wiener KHM gehört zu den sehr emsigen numismatischen Institutionen, die auch aktiv ankaufen. Das Haus Künker hat das Münzkabinett in der Vergangenheit immer wieder unterstützt. Man darf durchaus sagen, dass das eine Investition in die Zukunft ist. Denn die Münzen brauchen unkonventionell denkende Numismatiker und Numismatikerinnen, die einem jungen Publikum vermitteln, warum es sich lohnt, Münzen zu betrachten und vielleicht sogar zu sammeln.

Übrigens, sollte es nicht in Ihren Zeitplan passen, eigens für die Ausstellung nach Wien zu reisen, den Ausstellungskatalog kann man im Internet bestellen. Er kostet 14,95 Euro (+ Versandkosten) – eine Investition, die sich lohnt!

Hier können Sie den Ausstellungskatalog im Shop des KHM bestellen.

Wir sind Ihr Partner für den Verkauf Ihrer Sammlung

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Profitieren Sie von unserem Service und liefern auch Sie bei uns ein!

Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG

Telefon: +49 541 96202 0 · Gebührenfrei: 0800 5836537

Fax: +49 541 96202 22 · service@kuenker.de Nobbenburger Straße 4a · 49076 Osnabrück · www.kuenker.de

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und online bieten –direkt auf www.kuenker.de

Vorschau auf die Sommer-Auktion vom 22.-26. Juni in Osnabrück

Numismatische Kostbarkeiten aus dem Besitz der preußischen Könige und deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern

Wir sind stolz darauf, unter dem Titel „The Imperial Collection“ Münzen und Medaillen aus den Beständen des Hauses Hohenzollern in unserer kommenden Sommer-Auktion anbieten zu können. Das Haus Hohenzollern hat sich zu dem Verkauf ausgewählter Stücke aus den Beständen des ehemaligen Hohenzollernmuseums entschieden. Die Auktion findet in Kooperation mit unserem Partner, der Philipp Württemberg Art Advisory GmbH, statt.

Wesentliche Teile der Sammlung wurden von dem preußischen König Friedrich Wilhem IV. und seinem Bruder Wilhelm, dem späteren deutschen Kaiser Wilhelm I., zusammengetragen. Der Schwerpunkt besteht aus preußischen Medaillen in Gold, Silber und Bronze aus dem 19. Jahrhundert, wobei auch frühere brandenburgische Medaillen sowie auch Münzen vorhanden sind.

Neben der Seltenheit der Einzelstücke und der einzigartigen Herkunft sind es die Erhaltungen, die die Auktion so spektakulär machen: Der überwiegende Teil der Münzen und Medaillen ist in hervorragendem, selten am Markt vorzufindenden Zustand.

Über die Sammlung gab es langjährige Verhandlungen mit der öffentlichen Hand, die im Jahr 2025 abgeschlossen wurden. Zahlreiche Bestände verbleiben demnach als Dauerleihgaben in deutschen Museen. Andere Teile wiederum sind in den Besitz des Hauses Hohenzollern übergegangen.

Oliver Köpp, langjähriger Leiter unserer NumismatikAbteilung und Auktionator, hat Ihnen einige wenige Stücke aus dieser Auktion ausgewählt, damit Sie sich schon heute ein Bild von dem machen können, worauf Sie sich im Sommer freuen dürfen.

Kaiserreich Russland.

Nikolaus I., 1825-1855.

1 ½ Rubel (10 Zlotych) 1835, St. Petersburg. Familienrubel. Von größter Seltenheit. Nur 36 Exemplare geprägt.

Prachtvolle Patina, fast Stempelglanz.

Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm III., 1797-1840. Taler 1816 A. Kammerherrentaler. In dieser Erhaltung von allergrößter Seltenheit. Stempelglanz.

Südafrika. Pound 1874 Von größter Seltenheit. Nur 174 Exemplare geprägt. Vorzüglich-Stempelglanz.

Kaiserreich Russland. Nikolaus I., 1825-1855. Silbermedaille 1828, von V. Alexeev, auf den Frieden mit Persien. Diakov 476.1 (R3) Von großer Seltenheit. Herrliche Patina, Stempelglanz.

Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, 1640-1688. Silbermedaille o.J. (1657), von T. Reuss, auf die Geburt seines dritten Sohnes. Von großer Seltenheit. Vorzüglich-Stempelglanz.

Brandenburg-Preußen.

Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. Goldmedaille zu 50 Dukaten 1855, von F.W. Kullrich, nach einem Entwurf von L- Rosenfelder, auf das 600jährige Stadtjubiläum von Königsberg, gestiftet vom Festkomitee. In Gold äußerst selten. Fast Stempelglanz.

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