Buchvorstellung: ,Frauen und Frauenbilder 51 auf Münzen und Medaillen‘
Die skrupellose Tatkraft einer Königin: 54 Arsinoë II.
Die Edelherrn und Grafen von Diepholz 62
Wenn Münzen auf Reisen gehen 73
Tokio: Wirtschaft und Geld 76 im neuen Edo-Tokio-Museum
Präsentation der Imperial Collection 81
Vorschau auf unsere eLive Auction 93 82
Impressum
Herausgeber
Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG
Nobbenburger Straße 4a · 49076 Osnabrück www.kuenker.de
Lektorat
Georg Müller
Mitarbeitende dieser Ausgabe
Michael Autengruber
Detlev Hölscher
Dr. Ursula Kampmann
Julia Kröner
Inja MacClure
Professor Dr. Johannes Nollé
Gestaltung
Helge Lewandowsky
Termine 2026
Sommer-Auktionen 442-444 23.-26. Juni 2026
eLive Auction 93 20.-24. Juli 2026
World‘s Fair of Money, 25.-29. August 2026
Pittsburgh
Sberatel, Prag 4.-5. September 2026
Herbst-Auktionen 2026 21.-25. September 2026
Coinex, London 25.-26. September 2026
eLive Auction 94 5.-9. Oktober 2026
Munich Show, München 23.-25. Oktober 2026
Winter-Auktionen 2026 2.-4. November 2026
eLive Auction 95 1.-4. Dezember 2026
Titelbild
Paul Bülow: Wilhelm I. in seinem Arbeitszimmer, Gemälde 1883.
Fotos Saal Auktionen
Lübke + Wiedemann KG, Leonberg B.Seifert / O. Graf
Fotos eLive Auction 93
Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG
V.i.S.d.P.
Dr. Andreas Kaiser
Druck
Druck- und Verlagshaus
Fromm+Rasch GmbH & Co.KG www.frommrasch.de
ISSN 3052-0630
Liebe Kundinnen und Kunden, liebe Münzfreunde,
der Sommer ist die Zeit des Reisens, der Entdeckungen und neuer Perspektiven – und genau dazu lädt Sie unsere neue Ausgabe von Künker Exklusiv ein. Wir nehmen Sie mit auf eine faszinierende Reise durch die Welt der Numismatik, die uns von den deutschen Fürstenhäusern bis nach Tokio führt und dabei eindrucksvoll zeigt, wie eng Münzen, Geschichte und Kultur miteinander verwoben sind.
Im Mittelpunkt dieser Ausgabe steht eine Sammlung von außergewöhnlicher historischer Bedeutung: die Imperial Collection, die private Münz- und Medaillensammlung der preußischen Könige und deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. Über Generationen hinweg hauptsächlich von Friedrich Wilhelm IV. und seinem Bruder Kaiser Wilhelm I. zusammengetragen, dokumentiert sie auf einzigartige Weise deutsche und europäische Geschichte. Viele Stücke gelangten unmittelbar nach ihrer Prägung in die Sammlung und blieben über Jahrzehnte bis heute bewahrt – trotz Kriegen, politischen Umbrüchen und der Verbringung als Kriegsbeute in die Sowjetunion.
Mit unseren Sommer-Auktionen 442 bis 444 wird nun erstmals ein ausgewählter Teil dieser bedeutenden Sammlung wieder in den numismatischen Kreislauf zurückgeführt. Unter dem Titel Imperial Collection kommen 337 ausgewählte Münzen und Medaillen zur Versteigerung – eine seltene Gelegenheit für Sammler und zugleich ein numismatisches Ereignis von internationalem Rang.
Die Geschichte dieser Sammlung schlägt zugleich die Brücke zu mehreren Beiträgen unseres Heftes. So widmen wir uns den Souveränen des Hauses Hohenzollern in Brandenburg-Preußen und beleuchten jene Dynastie, deren Sammelleidenschaft und historisches Selbstverständnis die Grundlage der Imperial Collection bildeten. Darüber hinaus führt uns unsere Reihe über numismatische Sehenswürdigkeiten diesmal nach Tokio.
Dass Teile dieser außergewöhnlichen Sammlung nach Japan reisten, verleiht unserem Blick auf das Edo-Tokio-Museum eine besondere Aktualität und unterstreicht einmal mehr die Internationalität der Numismatik.
Doch auch darüber hinaus erwarten Sie zahlreiche spannende Themen. Wir erzählen die Geschichte der Edelherrn und Grafen von Diepholz und ihrer Münzprägung, stellen mit den Geschichtstalern die ersten modernen Gedenkmünzen vor und widmen uns mit Arsinoë II. einer der faszinierendsten und zugleich machtbewusstesten Herrscherinnen der Antike.
Passend dazu empfehlen wir Ihnen ein kürzlich erschienenes Buch über „Frauen und Frauenbilder auf Münzen und Medaillen“, das neue Perspektiven auf weibliche Darstellungen in der Numismatik eröffnet.
Auch innerhalb unseres Hauses gibt es etwas zu berichten: Wir freuen uns sehr, Ihnen unseren dritten Geschäftsführer Herrn Timo Niermann vorstellen zu dürfen. Mit seiner Erfahrung und seinem Engagement wird er die Zukunft unseres Unternehmens aktiv mitgestalten.
Natürlich werfen wir wie gewohnt einen ausführlichen Blick auf unsere Sommer-Auktionen vom 23. bis 26. Juni 2026 in Osnabrück. Sie dürfen sich auf bedeutende Sammlungen, außergewöhnliche Provenienzen und zahlreiche numismatische Höhepunkte freuen.
Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre, spannende Entdeckungen und einen wunderbaren Sommer.
Ulrich Künker Dr. Andreas Kaiser
Vorbericht zu unseren Sommer-Auktionen 442-444 vom 23.-26. Juni 2026
Mit unseren Sommer-Auktionen 442 bis 444 präsentieren wir vom 23. bis 26. Juni 2026 erneut ein außergewöhnliches numismatisches Angebot von internationalem Rang. Insgesamt gelangen mehr als 2.250 Lose mit einer Gesamtschätzung von über vier Millionen Euro zur Versteigerung und vereinen bedeutende Provenienzen, seltene Goldprägungen sowie herausragende Münzen und Medaillen aus Mittelalter und Neuzeit.
Für die Auktionskataloge 442-444 und eine detaillierte Auktionsübersicht scannen Sie einfach nebenstehenden QR-Code.
Auktion 442:
The Imperial Collection, Part I
Den Auftakt bildet am Dienstag, 23. Juni 2026, ab 14:00 Uhr die Auktion 442 „The Imperial Collection, Part 1“. Versteigert werden 337 numismatische Kostbarkeiten aus dem Besitz der preußischen Könige und deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern. Mit einem Schätzwert von rund einer Million Euro bietet die Auktion spannende Einblicke in die Sammelund Repräsentationskultur eines der bedeutendsten europäischen Herrscherhäuser.
Besonders hervorzuheben sind die außergewöhnliche Provenienz, die hervorragenden Erhaltungen und die große Zahl seltener Stücke. Die Sammlung wurde über Generationen von Mitgliedern des Hauses Hohenzollern aufgebaut, darunter König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Kaiser Wilhelm I.
Ursprünglich war die Sammlung im Hohenzollernmuseum im Berliner Schloss Monbijou untergebracht. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie in das Berliner Stadtschloss ausgelagert, anschließend als Beutekunst in die Sowjetunion gebracht und 1958 nach Ostberlin zurückgeführt.
Danach blieb sie über Jahrzehnte weitgehend der Öffentlichkeit verborgen und wurde im Bode-Museum aufbewahrt.
Nach langjährigen Verhandlungen mit der öffentlichen Hand wurde 2025 eine Einigung über die Zukunft der Sammlung erzielt. Zahlreiche Objekte verbleiben als Dauerleihgaben in deutschen Museen, andere gingen in den Besitz des Hauses Hohenzollern über. Aus diesem Bestand kommen nun ausgewählte Stücke in unserer Auktion 442 im Juni 2026 zum Verkauf.
Die Sammlung enthalt viele Münzen und Medaillen, die direkt nach ihrer Pragung aufgenommen wurden und nie im Umlauf waren. Der Schwerpunkt liegt auf preußischen Medaillen des 18. und 19. Jahrhunderts in Gold, Silber und Bronze. Ergänzt wird die Kollektion durch brandenburgische Prägungen und ausgewählte internationale Münzen, die einen eindrucksvollen Überblick über die numismatische Repräsentationskultur der Hohenzollern bieten.
Highlights der Auktion 442
Los 108
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm III., 1797-1840. Goldmedaille zu 12 Dukaten 1823, auf die Vermählung seines Sohnes Friedrich Wilhelm (später König Friedrich Wilhelm IV.) mit Elisabeth Ludovika, der vierten Tochter des bayerischen Königs Maximilian I.
NGC MS 63 DPL. Von großer Seltenheit. Vorzüglich-Stempelglanz.
Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I.
Schätzung: 6.000 Euro
Los 20
Kurfürstentum Brandenburg
Friedrich III., 1688-1701. Silbermedaille 1700, auf die Erweiterung und Verschönerung der Stadt Berlin. Von großer Seltenheit.
Teile des Stadtplans vergoldet, vorzüglich.
Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I.
Schätzung: 4.000 Euro
Los 131
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm III., 1797-1840.
Goldmedaille zu 25 Dukaten 1839, auf die 300-Jahrfeier der Reformation in Berlin. In Gold von großer Seltenheit. Fast Stempelglanz.
Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I.
Schätzung: 12.500 Euro
Los 146
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. Preismedaille zu 20 Dukaten o. J. (1841), für die Wissenschaft (1. Ausführung).
NGC PF 65 Ultra Cameo. Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Polierte Platte. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. Schätzung: 10.000 Euro
Los 154
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. Goldmedaille zu 80 Dukaten 1847, auf den Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt und das Erscheinen des zweiten Bandes seines Werkes „Kosmos“.
NGC MS 65 PL. Fast Stempelglanz. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. Schätzung: 40.000 Euro
Los 166
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. Goldmedaille zu 50 Dukaten 1851, auf die Enthüllung des Reiterdenkmals Friedrichs des Großen auf dem Boulevard „Unter den Linden“ in Berlin. NGC MS 63 PL. In Gold von größter Seltenheit. Fast Stempelglanz. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. Schätzung: 25.000 Euro
Los 179
Königreich Preußen
Friedrich Wilhelm IV., 1840-1861. Goldmedaille zu 50 Dukaten 1855, geprägt zu Ehren der Feldmarschälle.
NGC MS 62 DPL. In Gold äußerst selten. Fast Stempelglanz. Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. Schätzung: 25.000 Euro
Los 191 Königreich Preußen Wilhelm I., 1861-1888.
Generalsmedaille zu 120 Dukaten 1871, auf den Sieg über Frankreich. In Gold nur 25 Exemplare geprägt.
Von größter Seltenheit. Fast Stempelglanz.
Aus dem Nachlass Kaiser Wilhelms I. Schätzung: 75.000 Euro
Los 297
Kaiserreich Russland
Nikolaus I., 1825-1855. 1 1/2 Rubel (10 Zlotych) 1835, St. Petersburg. Familienrubel. NGC MS 64 (Top Pop). Von größter Seltenheit. Nur 36 Exemplare geprägt. Kabinettstück von polierten Stempeln. Fast Stempelglanz. Aus dem Nachlass König Friedrich Wilhelms IV. Schätzung: 250.000 Euro
Auktion 443: Goldprägungen aus aller Welt, u.a. aus der Sammlung des Kommerzialrates Dr. Herbert Wenzel
Am Mittwoch, den 24. Juni 2026 ab 10:00 Uhr folgt Auktion 443 mit Goldprägungen aus aller Welt sowie deutschen Münzen ab 1871. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei zahlreiche Raritäten aus der Sammlung des Kommerzialrates Dr. Herbert Wenzel mit Schwerpunkt Habsburg. Die 677 Lose repräsentieren einen Gesamtwert von rund 1,6 Millionen Euro.
Goldprägungen aus aller Welt
Los 1022
Königreich Frankreich
Philippe VI, 1328-1350. Lion d‘or o. J. (1338).
NGC MS 65 (Top Pop). Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 1098
Niederlande
Provinz Holland. 5 Dukaten 1681. Geprägt mit den Stempeln des Guldens.
NGC PF 64 CAMEO (Top Pop). Von großer Seltenheit, besonders in dieser Erhaltung. Polierte Platte.
Schätzung: 40.000 Euro
Los 1096
Niederlande
Provinz Holland. Goldabschlag zu 8 Dukaten von den Stempeln des 2 Gulden-Stuckes o. J. PCGS SP 62 (Top Pop). Von größter Seltenheit. Prachtexemplar. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 50.000 Euro
Los 1099
Niederlande
Provinz Holland. 5 Dukaten 1694, Dordrecht.
Geprägt mit den Stempeln des 28 Stüber-Stückes (28 Stuiver).
PCGS SP 58. Von größter Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Habsburgische Erblande-Österreich aus der Sammlung des Kommerzialrates
Dr. Herbert Wenzel, u.a.
Los 1120
Kaiserreich Russland
Alexander II., 1855-1881. 5 Rubel 1865, St. Petersburg. NGC MS 63. Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 15.000 Euro
Los 1192
Römisch-Deutsches Reich
Ferdinand II., 1592-1618-1637. 5 Dukaten 1634, Wien. Von größter Seltenheit. Mit eingeritzter Wertzahl V auf der Vorderseite, vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 1199
Römisch-Deutsches Reich
Los 1194
Römisch-Deutsches Reich
Die Malkontenten. Aufstand unter Franz Rakoczy, 1703-1711. Dukat 1704 KB, Kremnitz. PCGS MS 64. Von großer Seltenheit, besonders in dieser Erhaltung. Prachtexemplar. Fast Stempelglanz.
Schätzung: 20.000 Euro
Ferdinand III., 1625-1637-1657.
10 Dukaten 1645 (Jahreszahl im Stempel aus 1643 geändert), Wien. Von großer Seltenheit. Sehr schön +.
Schätzung: 7.500 Euro
Los 1229
Kaiserreich Österreich
Franz I., 1804-1835. 4 Dukaten 1811 A, Wien. Etwas berieben, fast vorzüglich.
Schätzung: 2.000 Euro
Deutsche Münzen und Medaillen
Los 1201
Römisch-Deutsches Reich
Karl VI., 1711-1740. Goldmedaille zu 20 Dukaten o. J., von M. Donner, auf die Ingenieurakademie in Wien. Von allergrößter Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 12.500 Euro
Los 1297
Stadt Hamburg
Bankportugalöser zu 10 Dukaten 1677, von J. Rethe oder seinem Sohn J. Reteke, auf die großen europäischen Bankstädte Amsterdam, Hamburg, Nürnberg und Venedig. Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 25.000 Euro
Los 1315
Erzbistum Köln
Clemens August von Bayern, 1723-1761. Karolin 1735, Bonn.
Von großer Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 15.000 Euro
Los 1334
Stadt Regensburg
5 Dukaten o. J. (1708-1710), mit Titel Josephs I. NGC MS 64. Von allergrößter Seltenheit. Laut Münzakten nur 7 Exemplare geprägt. Prachtexemplar. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 25.000 Euro
Deutsche Münzen ab 1871
Los 1380
Hessen
Los 1424
Württemberg
Karl, 1864-1891. 2 Mark 1880. NGC PF 66 CAMEO.
Äußerst selten in dieser Erhaltung. Kabinettstück. Polierte Platte.
Schätzung: 7.500 Euro
Los 1602
Deutsch-Neu-Guinea
10 Neu-Guinea Mark 1895 A. NGC MS 65. Sehr selten. Nur 2.000
Exemplare geprägt. Prachtexemplar. Fast Stempelglanz.
Schätzung: 50.000 Euro
Los 1674
Bundesrepublik Deutschland
5 DM 1955 G. Ludwig Wilhelm Markgraf von Baden, glatter Rand.
Von größter Seltenheit. Polierte Platte.
Schätzung: 7.500 Euro
Ludwig IV., 1877-1892. 5 Mark 1888. Selten, besonders in dieser Erhaltung. Polierte Platte.
Schätzung: 6.000 Euro
Los 1526
Mecklenburg-Strelitz
Friedrich Wilhelm, 1860-1904. 20 Mark 1874. NGC MS 64 (Top Pop). Selten, besonders in dieser Erhaltung.
Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 1610
Weimarer Republik
50 Reichspfennig 1924 E. Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Prachtexemplar. Polierte Platte.
Schätzung: 6.000 Euro
Los 1675
Bundesrepublik Deutschland
5 DM 1958 D. „Heimkehr der Saar“.
Von größter Seltenheit. Polierte Platte.
Schätzung: 7.500 Euro
Highlights der Auktion 444
Den Abschluss bildet die Auktion 444 am Donnerstag, den 25. Juni, und Freitag, den 26. Juni 2026, jeweils ab 10:00 Uhr. Im Mittelpunkt steht die bedeutende Sammlung Dr. Karl Ortseifen mit Münzen und Medaillen von Mainz und Trier. Ergänzt wird das Angebot durch Münzen und Medaillen aus Mittelalter und Neuzeit, darunter weitere Stücke aus der Sammlung Dr. Herbert Wenzel sowie ausgewählte historische Medaillen aus der Sammlung Reinhard Laufen. Die auf zwei Auktionstage verteilten 1.250 Lose erreichen ebenfalls eine Schätzung von rund 1,6 Millionen Euro. Unsere diesjährigen Sommer-Auktionen vereinen damit herausragende Qualität, exzellente Provenienzen und ein breites numismatisches Spektrum, das Sammler, Wissenschaftler und Institutionen gleichermaßen ansprechen dürfte.
Die Sammlung Dr. Karl Ortseifen (Mainzer Münzen und Medaillen)
Los 2146
Erzbistum Mainz
Los 2288
Erzbistum Mainz
Johann Friedrich Karl von Ostein, 1743-1763. Schautaler 1747. Von größter Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 7.500 Euro
Wolfgang von Dalberg, 1582-1601.
Reichstaler 1593, Mainz. Bettlertaler.
Selten, besonders in dieser Erhaltung. Sehr schön-vorzüglich.
Schätzung: 4.000 Euro
Los 2179
Erzbistum Mainz
Anselm Casimir Wamboldt von Umstadt, 1629-1647.
Reichstaler 1642, Mainz. Von großer Seltenheit.
Hübsche Patina, sehr schön +.
Schätzung: 5.000 Euro
Los 2290
Erzbistum Mainz
Johann Friedrich Karl von Ostein, 1743-1763. 2 Dukaten 1748, unbestimmte Münzstätte. Von großer Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 4.000 Euro
Los 2385
Stadt Mainz
Silbermedaille 1689, von P. H. Muller, auf die Wiedereinnahme der Stadt und die Vertreibung der französischen Besatzer. Von größter Seltenheit. Vorzüglich.
Schätzung: 5.000 Euro
Die Sammlung Reinhard Laufen (ausgewählte historische Medaillen)
Los 2507
Markgrafschaft Baden-Baden Ludwig Wilhelm, 1677-1707. Silbermedaille o.J. (1691/1692), unsigniert, vermutlich von P.H. Müller, geprägt im Auftrag von F. Kleinert, auf die Siege über die Türken. Sehr selten. Kabinettstück. Prachtvolle Patina, fast Stempelglanz.
Schätzung: 2.000 Euro
Los 2613
Stadt Breisach. Silbermedaille 1638, von J. Blum, auf die Einnahme der belagerten Stadt durch Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar am 3. Dezember. Sehr selten. Herrliche Patina, vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 2.500 Euro
Los 2753
Kurfürstentum Sachsen
Friedrich III. der Weise, 1486-1525. Doppelter Guldengroschen 1512, Nürnberg, mit Titel Maximilians I.,auf die Generalstatthalterwurde. Von großer Seltenheit. Originalprägung. Vorzüglich.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 2949
Römisch-Deutsches Reich
Silbermedaille 1638, von H.J. Wolrab, auf die Belagerung und den Entsatz Wiens. Von großer Seltenheit. Vorzügliches Exemplar mit herrlicher dunkler Patina. Schätzung: 2.000 Euro
Los 3274
Königreich Schweden
Gustav II. Adolf, 1611-1632.
Silbermedaillon 1634, von S. Dadler, auf seinen Tod bei Lützen am 6. November 1632 und sein Begräbnis in der Riddarholmskyrkan in Stockholm am 22. Juni 1634. Prachtexemplar. Herrliche Patina, fast Stempelglanz.
Schätzung: 7.500 Euro
Los 3234 Polen
Stadt Danzig. Silbermedaille 1653, von J. Hohn, auf den Besuch des polnischen Königs Johann Kasimir (1648-1668) in der Stadt Danzig. Selten. Prachtexemplar. Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 7.500 Euro
Münzen und Medaillen aus
Mittelalter und Neuzeit
Los 2587
Braunschweig-Calenberg-Hannover
Johann Friedrich, 1665-1679.
Löser zu 2 Reichstalern 1672, Clausthal.
Ausbeute der Harzer Gruben. NGC AU 58. Von großer Seltenheit.
Prachtexemplar. Vorzüglich +.
Schätzung: 5.000 Euro
Los 2757
Kurfürstentum Sachsen
Johann Friedrich der Großmütige und Moritz, 1541-1547.
Silbergussmedaille 1544, von Hans Reinhart d. A. „Dreifaltigkeitsmedaille“ oder „Moritzpfennig“. Ein Meisterwerk der deutschen Medaillenkunst an altem Henkel. Prachtvolle, vorzügliche Arbeit.
Schätzung: 75.000 Euro
Los 2706
Herzogtum Mecklenburg-Güstrow
Gustav Adolf, 1636-1695. Reichstaler 1680, Güstrow.
Sehr selten. Vorzüglich/vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 2807
Wallenstein
Albrecht, 1623-1634, Herzog von Friedland. Reichstaler 1632, Jitschin. Selten. Sehr schön.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 2733
Grafschaft Oldenburg
Anton I., 1526-1573. Taler o. J. (1538). Von großer Seltenheit und von besonderem numismatischem Interesse.
Der erste Oldenburger Taler. Sehr schön.
Schätzung: 35.000 Euro
Los 2932
Römisch-Deutsches Reich
Erzherzog Leopold V., 1619-1632. Doppelte Reichstalerklippe o. J. (posthume Prägung von 1635), Hall, auf seine Vermählung mit Claudia von Medici im Jahr 1626. Von großer Seltenheit. Vorzüglich. Schätzung: 10.000 Euro Los 3171 Vatikan
Benedikt XIV., 1740-1758. Scudo (4 Lire) 1741, Bologna. Von größter Seltenheit. Fast vorzüglich.
Schätzung: 15.000 Euro
Los 3250
Kaiserreich Russland
Nikolaus I., 1825-1855. 1 1/2 Rubel (10 Zlotych) 1836 (geprägt nach 1837), St. Petersburg. Familienrubel. Novodel. NGC MS 63 PL. Äußerst selten in dieser Erhaltung. Kabinettstück von polierten Stempeln.
Vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 150.000 Euro
Los 3245
Kaiserreich Russland Paul I., 1796-1801.
Rubel 1796, St. Petersburg. NGC AU 58. Sehr selten.
Vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Ein neues Mitglied in unserer Geschäftsführung:
Timo Niermann
Wir freuen uns sehr, Timo Niermann als neues Mitglied unserer Geschäftsführung begrüßen zu dürfen. Gemeinsam mit Ulrich Künker und Dr. Andreas Kaiser wird er als dritter Geschäftsführer unser Team verstärken.
Der gebürtige Osnabrücker hat nach dem Abitur eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten absolviert und studierte anschließend Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Controlling, Steuern und Bilanzierung –mit dem Abschluss als Dipl.-Kaufmann. Seine berufliche Laufbahn führte ihn überwiegend in familiengeführte Unternehmen, wo er in leitender Controlling-Position wertvolle Erfahrungen sammeln konnte.
Seit 2021 ist Herr Niermann ein fester Bestandteil des Künker-Teams und verantwortet heute den gesamten kaufmännischen Bereich – eine Aufgabe, die er mit Engagement und einem klaren Blick für Zahlen und Prozesse angeht.
Nach Zwischenstationen in Hamburg lebt er mittlerweile mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern im Osnabrücker Südkreis. Privat ist er ein begeisterter Fußballfan und verfolgt mit besonderem Herzblut die Spiele des VfL Osnabrück.
Die Souveräne des Hauses Hohenzollern in Brandenburg-Preußen von 1535 bis 1918
Anlässlich der Versteigerung der „Imperial Collection“, die am 23. Juni 2026 stattfindet, erscheint es besonders angemessen, im Folgenden die Souveräne Brandenburgs und Preußens im Zeitraum von 1535 bis 1918 in Form von Kurzbiographien und Porträts vorzustellen.
Von Michael Autengruber
Am 18. April 1417, während des Konzils von Konstanz (1414–1418), fand die formale Belehnung von Friedrich VI. von Zollern, Burggraf von Nürnberg, mit der Mark Brandenburg statt, und dessen Erhebung zum Kurfürsten und Erzkämmerer durch den RömischDeutschen König Sigismund von Luxemburg. Seitdem herrschten in Brandenburg die Zollern bzw. (ab Ende des 15. Jahrhunderts) Hohenzollern. (Abb. 1)
Albrecht von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern, der letzte in Preußen residierende Hochmeister des Deutschen Ordens, trat 1525 zum lutherischen Bekenntnis über und begründete das unter polnischer Lehnherrschaft stehende lutherische Herzogtum Preußen. (Abb. 2)
Im Jahr 1539 führte Markgraf und Kurfürst Joachim II. (1505–1571, reg. seit 1535) in Brandenburg die Reformation nach lutherischem Bekenntnis ein. (Abb. 3) Am 25. Dezember 1613 trat Markgraf und Kurfürst Johann Sigismund (1572–1619, reg. seit 1608) für sich und das Haus der brandenburgischen Hohenzollern vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis über, wobei Brandenburg beim lutherischen Bekenntnis verblieb. 1614 gelang es ihm, seinen Anspruch auf das Herzogtum Kleve und die Grafschaften Mark und Ravensberg im Nordwesten des Reiches durchzusetzen. Ab 1618 regierte er in Personalunion auch das inzwischen ererbte Herzogtum Preußen. (Abb. 4)
Abb. 1: Belehnung des Burggrafen von Nürnberg, Friedrich von Zollern, mit der Mark Brandenburg durch König Sigismund vor dem Haus zum Hohen Hafen in Konstanz. Photographie des Fassadengemäldes am Haus zum Hohen Hafen in Konstanz.Foto: Michael Autengruber.
Abb. 4: Unbekannter Künstler: Johann Sigismund, Markgraf und Kurfürst von Brandenburg, Gemälde um 1610.
Abb. 2: Lukas Cranach dem Alteren (1472-1553): Albrecht von Brandenburg, Herzog von Preußen, Gemälde von 1528.
Abb. 3: Lukas Cranach dem Jüngeren (1515-1586): Joachim II. Hector, Markgraf und Kurfürst von Brandenburg, Gemälde um 1570.
Abb. 5: Unbekannter Künstler: Georg Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, Gemälde um 1640. Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz (SPSG).
Unter seinem Sohn und Nachfolger Georg Wilhelm (geb. 1595), der 1619 seine Nachfolge antrat, wurde das reformierte Bekenntnis bei Hof organisatorisch und liturgisch weiter gefestigt (Abb. 5). Seit 1616 war er mit Elisabeth Charlotte von der Pfalz (1597–1660) verheiratet, der jüngeren Schwester Friedrichs V., Kurfürst von der Pfalz (1596–1632), des sogenannten Winterkönigs. Durch eine schwere Verletzung ab 1620 körperlich eingeschränkt, galt er als politisch wenig
durchsetzungsfähig. Im Dreißigjährigen Krieg verfolgte er eine Politik der Neutralität und Loyalität zum Kaiser, überließ jedoch zentrale Entscheidungen seinem Ersten Minister und verzichtete auf militärische Stärkung. Aufgrund struktureller und militärischer Schwäche wurde Brandenburg dennoch zum Kriegsschauplatz und vor allem durch die Schweden schwer verwüstet; 1638 wich Georg Wilhelm nach Königsberg aus, wo er 1640 starb.
Mit seinem Sohn Friedrich Wilhelm (geb. 1620) bestieg eine Persönlichkeit den Thron, die BrandenburgPreußen nachhaltig prägte (Abb. 6). Er wuchs während des Dreißigjährigen Krieges unter schwierigen Bedingungen auf, wurde calvinistisch erzogen und durch einen prägenden Aufenthalt in den Niederlanden persönlich und politisch beeinflusst. 1640 übernahm er ein verwüstetes, zersplittertes Territorium, begann rasch mit dessen Konsolidierung und gewann außenpolitischen Handlungsspielraum. 1646 heiratete er Luise Henriette von Oranien (1627–1667), Tochter des Statthalters der Niederlande und nach ihrem Tod in zweiter Ehe die verwitwete Herzogin Dorothea von Braunschweig-Lüneburg-Celle, geborene Prinzessin von Holstein-Glücksburg.
Im Westfälischen Frieden 1648 sicherte er territoriale Zugewinne; entscheidend war die im Frieden von Oliva 1660 erreichte volle Souveränität über Preußen. Innenpolitisch baute er ein stehendes Heer auf, stärkte die Zentralgewalt und setzte sich gegen ständischen Widerstand durch. Wirtschaftliche Förderung, Infrastrukturmaßnahmen und gezielte Zuwanderung (u. a. durch die Hugenotten) unterstützten den Wiederaufbau.
Außenpolitisch wechselte er flexibel Bündnisse und erzielte militärische Erfolge, etwa bei Fehrbellin 1675 –was ihm den Beinamen Großer Kurfürst einbrachte –, musste jedoch Gewinne teilweise wieder aufgeben. Insgesamt legte er die Grundlagen für den Aufstieg Brandenburg-Preußens; er hatte sogar – wenn auch begrenzte – koloniale Ambitionen in Afrika.
Auf die Unterstützung der Schweden gegen Polen in der Schlacht bei Warschau.
Abb. 6: Govert Flinck: Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, Gemälde 1652.
Künker-Auktion 442, Los 11.
Auf die Vermählung von Kurfürst Friedrich Wilhelm mit Dorothea von Holstein-Glücksburg.
Künker-Auktion 442, Los 6.
Künker-Auktion 442, Los 25.
Auf das Berliner Schloss.
Auf
Sein Sohn Markgraf und Kurfürst Friedrich III. (geb. 1657) wurde 1688 Nachfolger des Großen Kurfürsten (Abb. 7). Nach dem Regierungsantritt setzte er sich gegen Teilungspläne durch und bewahrte die Einheit Brandenburg-Preußens, während er die Regierung zunächst stark auf seine Berater stützte. Er war seit 1679 mit Elisabeth Henriette von Hessen-Kassel (1661–1683) und nach ihrem Tod mit Sophie Charlotte von Braunschweig-Lüneburg, Prinzessin von Hannover (1668–1705) verheiratet.
Außenpolitisch beteiligte er sich am Pfälzischen Erbfolgekrieg von 1688 bis 1697 und verfolgte seit den 1690er Jahren konsequent den Erwerb der Königswürde. Mit Zustimmung von Kaiser Leopold I. (1640–1705, Kaiser seit 1658) krönte er sich 1701 in Königsberg unter dem Namen Friedrich I. zum König in Preußen, womit er Rang und Souveränitätsanspruch seines Staates demonstrativ erhöhte.
Seine Herrschaft war durch höfische Prachtentfaltung, administrative Konsolidierung und wiederholte Ministerwechsel geprägt; innenpolitisch reagierte er auf Krisen mit Reformen zur Stabilisierung von Verwaltung und Finanzen. Während die Zeitgenossen ihn als verschwenderisch kritisierten, wird er in der neueren Forschung differenzierter beurteilt, insbesondere hinsichtlich seiner Bedeutung für staatliche Kontinuität und Repräsentationskultur.
Abb. 7: Antoine Pesne: König Friedrich I. in Preußen, auf dem Silberthron, Gemälde 1712.
Künker-Auktion 442, Los 24.
die Akademie der schönen Künste.
Künker-Auktion 442, Los 32. Auf die Truppenschau in Berlin.
Nach dem Tod Friedrichs I. bestieg 1713 sein Sohn Friedrich Wilhelm I. (geb. 1688) den Thron (Abb. 8). Unter hugenottischem Einfluss (ab 1692) waren in seiner Erziehung Französisch, Praxisorientierung und Distanz zum höfischen Prunk bestimmend; pietistisch-rationalistische Elemente verstärkten Sparsamkeit und Nutzenorientierung. Früh sammelte er Verwaltungserfahrungen und wurde ab 1702 in die Regierung eingebunden; militärische und politische Prägungen folgten u. a. im Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1714 und durch pietistische Einflüsse. Seit 1706 war er mit Sophia Dorothea Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, Prinzessin von Hannover (1687–1757) verheiratet, Tochter des späteren britischen Königs Georg I. (1660–1727, König ab 1714).
Seit 1713 setzte er einen strikten Reformkurs durch: Reduktion von Hof und Ausgaben, Zentralisierung der Verwaltung, merkantilistische Wirtschaftspolitik und begrenzte Bildungsreformen. Kern seiner Herrschaft war der Ausbau des Militärstaats (über 80.000 Mann, Kantonsystem 1733). Außenpolitisch blieb er defensiv. Der Konflikt mit dem Kronprinzen (1730) belastete das Herrscherhaus nachhaltig. 1740 verstorben, hinterließ er einen zentralisierten, finanziell stabilisierten Staat mit dominanter Militärorientierung.
Abb. 8: Antoine Pesne (Werkstatt): König Friedrich Wilhelm I. in Preußen, Gemälde nach 1733.
Abb. 9: Johann Georg Ziesenis: König Friedrich II., Gemälde 1763. Stiftung Hohenzollernscher Kunstbesitz (SPSG).
Den Thron bestieg sein Sohn Friedrich II. (geb. 1712). Dieser hatte unter hugenottischem Einfluss eine autoritär-reformierte Erziehung genossen, wobei er gegen den Willen des Vaters auch humanistische Bildung und Musik pflegte (Abb. 9). Der Konflikt eskalierte 1730 im gescheiterten Fluchtversuch mit Hans Hermann von Katte (1704–1730), dessen Hinrichtung er miterleben musste; nach Haft und zeitweiliger Degradierung wurde er 1732 rehabilitiert.
1733 ging er mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern (1715–1797) die Ehe ein, die jedoch kinderlos blieb; bis 1740 lebte er als Offizier in Rheinsberg. Mit dem Regierungsantritt 1740 begann eine vorsichtig aufgeklärte Reformpolitik (u. a. Einschränkung/Abschaffung der Folter, begrenzte Toleranz, merkantilistische Förderung, partielle Pressefreiheit).
Außenpolitisch betrieb er eine deutlich machtpolitischexpansive Strategie: In den Schlesischen Kriegen von 1740 bis 1745 gewann er Schlesien; im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 behauptete er Preußen trotz Krisen als Großmacht. Ab 1763 taucht sein Beiname der Große auf, der nach seinem Tod zu einer festen Bezeichnung wurde. Nach 1763 folgten Reformen in Recht, Wirtschaft und Infrastruktur; außenpolitisch dominierte das Bündnis mit Russland, das weitere territoriale Expansion erlaubte: 1772 erfolgte die erste Teilung Polens. Ab diesem Zeitpunkt nannte er sich König von Preußen (statt wie bisher König in Preußen).
Friedrich II. verband aufgeklärten Anspruch mit machtstaatlicher Praxis. 1786 verstorben, gilt er als zentraler Vertreter des aufgeklärten Absolutismus und Begründer der preußischen Großmachtstellung.
Künker-Auktion 442, Los 166.
Auf das Reiterdenkmal Friedrich des Großen in Berlin.
Künker-Auktion 442, Los 41. Auf die Schlacht bei Kesselsdorf.
Sein Neffe Friedrich Wilhelm II. (geb. 1744) folgte ihm auf den Thron (Abb. 10). Streng und utilitaristisch erzogen, dominierten Disziplin, formalisierter Unterricht und frühe Einbindung ins Hofleben; militärische Ausbildung erfolgte unter harter, teils körperlicher Zucht. Praktische Regierungserfahrung blieb weitgehend aus. Kriegserfahrungen im Siebenjährigen Krieg prägten seine Jugend; zugleich blieb das Verhältnis zu seinem Vorgänger distanziert. Dynastisch bestimmte Ehen mit 1765 Elisabeth Christine Ulrike von BraunschweigWolfenbüttel (1746–1840) und nach der Scheidung mit Friederike Luise von Hessen-Darmstadt (1751–1805) und ein ausgeprägtes Privatleben mit weiteren morganatischen Ehen und Mätressenwirtschaft kennzeichnen seine Biographie.
Mit dem Regierungsantritt 1786 vollzog er einen Kurswechsel: stärkere Hofkultur, punktuelle Entlastungen, aber geringe strukturelle Reformen bei fortbestehenden Verwaltungsdefiziten. Außenpolitisch agierte er zunächst aktiv, scheiterte jedoch 1795 im Ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich. Demgegenüber standen erhebliche Gebietsgewinne durch die Zweite und die Dritte polnische Teilung von 1793 und 1795, die umfangreichsten in der gesamten Geschichte Brandenburg-Preußens; jedoch bei starker finanzieller Belastung.
1797 verstorben, gilt seine Herrschaft als ambivalent: begrenzte Reformtätigkeit bei territorialem Machtzuwachs, insgesamt im Schatten seines Vorgängers.
Abb. 10: Anton Graff: König Friedrich Wilhelm II., Gemälde von 1787.
Künker-Auktion 442, Los 66. Auf seinen 42. Geburtstag.
Künker-Auktion 442, Los 77.
Kammerherrentaler in perfekter Erhaltung.
Künker-Auktion 442, Los 101.
Künker-Auktion 442, Los 100. Gravierte Goldmedaille gefertigt von den Uhrmachern der Stadt La Chaux-de-Fonds als Geschenk an den König.
Auf die Vereinigung Pommerns und Rügens mit Preußen.
Künker-Auktion 442, Los 105.
Friedrich Wilhelm III. (geb. 1770), sein Sohn, bestieg im Alter von 27 Jahren den Thron. Seine streng reformiert-aufklärerisch geprägte, jedoch praxisferne Ausbildung und frühe Kriegserfahrungen formten eine pflichtorientierte, zurückhaltende Persönlichkeit, die seinen Regierungsstil bestimmte (Abb. 11).
1793 heiratete er die lutherisch geprägte Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776–1810), mit der er sieben überlebende Kinder hatte, darunter seine Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. Luises Einfluss wirkte auf die 1817 eingeleitete Union von lutherischer und reformierter Kirche zur Evangelischen Kirche in Preußen hin, die ab 1821 institutionell umgesetzt wurde.
Auf den Besuch des Königs in St. Petersburg.
Künker-Auktion 442, Los 288.
Auf die Grundsteinlegung des Siegesdenkmals auf dem Kreuzberg in Berlin.
Innenpolitisch verfolgte der König einen sparsamen Hofstil bei administrativer Kontinuität und begrenzten Reformen. Außenpolitisch führte seine anfängliche Neutralität gegenüber Frankreich zur Isolation; die Niederlage in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen die Franzosen 1806 bewirkten den Zusammenbruch Preußens. Im Frieden von Tilsit von 1807 wurde der Staat erheblich geschwächt, was tiefgreifende Reformen unter Stein und Hardenberg auslöste, die Verwaltung, Gesellschaft und Militär modernisierten. Nach erzwungener Allianz mit Frankreich 1812 wechselte Preußen 1813 die Seite und trug zu den Befreiungskriegen und zur europäischen Neuordnung des Wiener Kongresses (1814/15) bei, aus der es gestärkt hervorging.
In der Folge dominierte eine restaurative Politik: Enge Bindung an Russland und Österreich im Rahmen der Heiligen Allianz, verstärkte Repression im Inneren und Nichterfüllung konstitutioneller Versprechen. Gleichwohl blieb seine Herrschaft von einem Spannungsverhältnis zwischen begrenzter Modernisierung und monarchischem Autoritätsanspruch geprägt; trotz politischer Restriktionen begünstigte die lange Friedensphase die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Preußens.
Abb. 11: Franz Krüger: König Friedrich Wilhelm III., Gemälde um 1830. bpk / Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Wolfgang Pfauder.
Künker-Auktion 442, Los 156. Auf die Silberhochzeit.
Abb. 12:
Franz Krüger: König Friedrich Wilhelm IV., Gemälde 1844. bpk / Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Roland Handrick.
Künker-Auktion 442, Los 146. Preismedaille für die Wissenschaft.
Künker-Auktion 442, Los 143.
Große Huldigungsmedaille für Berlin.
Künker-Auktion 442, Los 165.
Auf das Reiterdenkmal Friedrich des Großen in Berlin.
Künker-Auktion 442, Los 171.
Auf die Huldigung in Hohenzollern.
Nachdem er 1840 verstorben war, trat sein ältester Sohn Friedrich Wilhelm IV. (geb. 1795) seine Nachfolge an (Abb. 12). Seine Erziehung war von Aufklärung, reformierter Frömmigkeit und militärischer Disziplin geprägt; die napoleonische Zeit, der frühe Tod der Mutter (1810) und die preußischen Reformen führten zu einer religiös fundierten, monarchisch-konservativen Haltung mit deutlicher Ablehnung von Liberalismus und Revolution sowie einer romantisierenden Geschichts- und Kunstauffassung, insbesondere des Mittelalters, während militärische Interessen deutlich zurücktraten und geistig-religiöse sowie ästhetische Neigungen dominierten, die später auch bei den von ihm herausgegebenen Medaillen ihren deutlichen Niederschlag fanden.
Friedrich Wilhelm heiratete 1823 Elisabeth Ludovika von Bayern (1801–1873), blieb jedoch kinderlos und pflegte als Kronprinz und König ein zunehmend repräsentativkulturell geprägtes Leben im Kreis von Gelehrten, Künstlern und Wissenschaftlern; eine Italienreise 1828 verstärkte seine romantisch-religiöse Staatsauffassung. Seine Thronbesteigung verband zunächst liberale Erwartungen mit Amnestien und begrenzten Öffnungen, führte jedoch zu einer restaurativen Staatsidee des ständisch und göttlich legitimierten Monarchieprinzips. In der Revolution von 1848 schwankte seine Politik zwischen taktischer Anpassung und repressiver Rücknahme seiner Zusagen, sichtbar in der Ablehnung der deutschen Kaiserkrone, der Niederschlagung revolutionärer Bewegungen, der oktroyierten Verfassung von 1848/50 und dem Dreiklassenwahlrecht zur Sicherung monarchischer Autorität.
1850 erfolgte die Integration der Hohenzollernschen Lande, im selben Jahr akzeptierte er den Verfassungseid nur unter Vorbehalt; außenpolitisch prägten Neutralität im Krimkrieg und die Niederlage in der Neuenburger Frage 1857 seine Herrschaft. Nach Schlaganfällen übergab er 1858 die Regentschaft an seinen Bruder Wilhelm, womit die Neue Ära begann. Er starb 1861 in Sanssouci. Seine Regierung verband restaurative Politik mit starker kultureller und architektonischer Prägekraft in Potsdam und Berlin.
Künker-Auktion 442, Los 188. Auf den siegreichen Krieg gegen Österreich.
Abb. 13: Unbekannter Künstler nach Franz Xaver Winterhalter: König Wilhelm I., Gemälde um 1861. Potsdam, Eigentum des Haues Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen.
Künker-Auktion 442, Los 175. Auf die Silberhochzeit von Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig (später Wilhelm I.) mit Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar.
Künker-Auktion 442, Los 185. Schiller-Staatspreismedaille.
Künker-Auktion 442, Los 186. Auf die Krönung in Königsberg.
Künker-Auktion 442, Los 204. Auf das 25jährige Regierungsjubiläum.
Nach ihm bestieg sein jüngerer Bruder Wilhelm I. (geb. 1797) den Thron (Abb. 13). Er hatte gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine identische Ausbildung durch die gleichen Lehrer erhalten, geprägt von Aufklärung, reformierter Frömmigkeit und militärischer Disziplin; dennoch führte dies bei Wilhelm zu einer deutlich stärker militärisch geprägten Persönlichkeitsentwicklung als bei seinem älteren Bruder, die sein gesamtes Leben bestimmte und später auch bei den von ihm herausgegebenen Medaillen ihren deutlichen Niederschlag fand.
Seit den 1820er Jahren in außenpolitische Aufgaben eingebunden, reiste er 1826 nach Russland und unterstützte nach dem Dekabristenaufstand die harte Repression, was seine ausgeprägt antirevolutionäre Haltung und Neigung zu präventiver Gewalt festigte. 1829 heiratete er Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (1811–1890), mit der er zwei Kinder hatte, darunter den späteren Kaiser Friedrich III.; parallel stieg er in der Armee bis in höchste Ränge auf und verband seine militärische Stellung mit einer zunehmend repressiv wahrgenommenen politischen Rolle.
Ab 1840 trat er in Opposition zu den Reformen seines Bruders, galt 1848/49 als Symbolfigur der Gegenrevolution, ließ die Aufstände in der Pfalz und in Baden niederschlagen und verfolgte ab 1850 als Militärgouverneur eine konservative Politik. König geworden, berief er 1862 Otto von Bismarck (1815–1898) zum Ministerpräsidenten und setzte eine machtstaatliche Politik durch, die zur deutschen Einigung führte: Nach den Kriegen von 1864 und 1866 entstand der Norddeutsche Bund unter preußischer Führung.
1870 führte der Konflikt um die spanische Thronfolge zum Krieg mit Frankreich; Wilhelm blieb nominell Oberbefehlshaber, überließ die militärische Leitung aber Helmuth von Moltke (1800–1891). Er stimmte der Reichsgründung und seiner Proklamation zum Deutschen Kaiser zu, die im Januar 1871 in Versailles vollzogen wurde, und unterstützte die Annexion von Elsaß-Lothringen als Reichslande. Seine Herrschaft war stark militärisch-symbolisch geprägt, außenpolitisch auf dynastische Beziehungen – insbesondere zu Russland – gestützt und grundsätzlich Bismarckfreundlich, zugleich aber friedens- und statusorientiert sowie kolonial skeptisch. Innenpolitisch befürwortete er die konservative Wende und das Sozialistengesetz, verhielt sich im Kulturkampf ambivalent und ging nicht gegen Antisemitismus vor; in den 1880er Jahren trat er zunehmend in den Hintergrund und wurde vor allem zur repräsentativen Symbolfigur des Reiches.
Nach dem Tod Wilhelms I. 1888 trat sein schwer an Krebs erkrankter Sohn Friedrich III. (geb. 1831) seine Nachfolge an (Abb. 14). Er hatte eine umfassende humanistisch-militärische Ausbildung durch private Lehrer genossen, die ihn religiös-konstitutionell und liberal prägten. Neben dem Studium von Sprachen, Wissenschaften und praktischen Künsten durchlief er früh eine militärische Laufbahn und wurde 1843 Offizier im 1. Garderegiment. Unter seinen Militärmentoren stieg er rasch auf und wurde zusätzlich durch den jungen Helmuth von Moltke geprägt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Bonn (1849/50) setzte er seine Offizierskarriere fort.
Seine Ehe mit der britischen Princess Royal Victoria (1858) hatte erhebliche politische Bedeutung und brachte mehrere Kinder hervor, darunter Wilhelm II. Als preußischer Kronprinz (ab 1861) trat er politisch nur begrenzt hervor, etwa mit distanzierenden Äußerungen zu Bismarck 1863.
Abb. 14: Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen. Gemälde von 1888.
DHM, Berlin Inv.-Nr. Kg 63/58.
Militärisch spielte er im Deutschen Krieg 1866 und im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 als Armeeführer eine zentrale Rolle und wurde Generalfeldmarschall. Politisch blieb er jedoch unter Bismarcks Dominanz marginalisiert, trat liberal auf und kritisierte öffentlich den Antisemitismus, jedoch ohne nachhaltige Wirkung. Ab 1887 erkrankte er schwer an Kehlkopfkrebs, verlor die Stimme und war faktisch regierungsunfähig.
Seine 1888 nur 99 Tage dauernde Herrschaft als König und Kaiser blieb weitgehend folgenlos und auf wenige Personal- und Amnestieentscheidungen beschränkt. Nach seinem Tod wurde er später als liberale Reformhoffnung gedeutet, tatsächlich war sein politischer Einfluss stark begrenzt.
Im Alter von 29 Jahren trat Friedrichs Sohn Wilhelm II. (geb. 1859) seine Nachfolge an (Abb. 15). Er war in einer schweren Steißgeburt mit Zangeneinsatz geboren worden, was zu einer bleibenden Lähmung des linken Arms und einem Schiefhals führte. Seine frühe Erziehung erfolgte streng religiös und umfassend humanistisch, später jedoch unter dem sehr autoritärem Einfluss durch seinen Hauslehrer. Ergänzend erhielt er eine breite sprachliche, wissenschaftliche und militärische Ausbildung und legte 1877 das Abitur ab. Im selben Jahr trat er als Offizier in das 1. Garderegiment ein.
1881 heiratete er Auguste Viktoria von SchleswigHolstein-Sonderburg-Augustenburg (1858–1921), mit der er sieben Kinder hatte. Seine militärische Laufbahn verlief rasch, blieb jedoch durch wechselnde Verwendungen und Bismarcks politische Dominanz begrenzt.
Seine Herrschaft war geprägt von außenpolitischem Machtanspruch, Flottenrüstung und kolonialer Expansion, was zur internationalen Isolation beitrug, während innenpolitisch autoritäre Strukturen, Sozialreformen ohne Demokratisierung und eine enge Bindung an das Militär das System prägten.
In der Julikrise 1914 schwankte er zwischen Vermittlungsversuchen und Unterstützung Österreich-Ungarns und trug so zur Eskalation bei;
Abb. 15: Wilhelm II., Deutscher Kaiser, König von Preußen. Farblithographie zwischen 1914 und 1918. Schlossmuseum Jever (CC BY-NC-SA).
im Krieg verlor er zunehmend politische Kontrolle an die militärische Führung, insbesondere an Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (1847–1934) und Generalquartiermeister Erich Ludendorff (1865–1937). Spätestens ab 1916 war er weitgehend entmachtet, während sich das Kaiserreich faktisch in eine Militärherrschaft verwandelte.
In einer ausweglosen militärischen Situation führte 1918 revolutionärer Druck zur Abdankung des letzten preußischen Königs und deutschen Kaisers, die faktisch am 9. und formell am 28. November erfolgte; Wilhelm war zuvor in die Niederlande geflohen. Dort lebte er isoliert im Exil, politisch bedeutungslos und ideologisch zunehmend radikalisiert, bis zu seinem Tod 1941 im Haus Doorn. Seine Persönlichkeit wird in der Forschung als von Impulsivität, Geltungsbedürfnis und politischer Inkonsistenz geprägt beschrieben, was seine oft unberechenbare Herrschaft wesentlich beeinflusste.
So fand im November 1918 nach einem halben Jahrtausend die Herrschaft der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen ihr Ende.
Künker-Auktion 442, Los 200. Auf die Vermählung mit Auguste Viktoria.
Die Geschichtstaler: Die ersten Gedenkmünzen im modernen Sinn
Es gibt wenig Ideen, die die Numismatik so nachhaltig geprägt haben, wie die, das Konzept der Medaille mit Umlaufgeld zu kombinieren. Die Gedenkmünze entwickelte sich zu einem numismatischen Sammelobjekt, das heute noch ein Millionenpublikum begeistert.
Von Ursula Kampmann
Eigentlich lag die Idee in der Luft, Münzen nicht nur als Zahlungsmittel, sondern als Medium der herrscherlichen Propaganda zu nutzen. Das hatten schließlich schon die römischen Kaiser getan. Auch sie standen nach dem blutigen Ende der Republik unter einem Rechtfertigungsdruck, genau wie es die Monarchen des 19. Jahrhunderts taten. Schließlich hatte das Volk mit der Französischen Revolution gelernt, dass es eine Alternative zur absoluten Monarchie gab. Erstmals mussten die Herrscher eine Art Öffentlichkeitsarbeit betreiben, die sich nicht nur an ihre Peers, sondern an das gesamte Volk richtete.
Dafür waren Münzen das ideale Medium zum idealen Zeitpunkt. Denn im 19. Jahrhundert entwickelten sich Umlaufmünzen zu mehr als einer städtischen Erscheinung. Auch auf dem Land, wo früher Subsistenzwirtschaft und Tauschhandel dominiert hatten, verbreiteten sie sich.
Es war also eine gute Zeit für neue Ideen. Der erste, der 1790 das Konzept der Gedenkmünze in einem Festvortrag anlässlich des Geburtstags von Friedrich Wilhelm II. von Preußen entwickelte, war der Pädagoge Friedrich Gedike. Konsequenzen hatte das keine. Ganz anders in München, wo der Konservator des Königlichen Münzkabinetts, Franz von Streber, dem für die Antike begeisterten Kronprinzen Ludwig das Konzept schmackhaft machte. Ludwig fand das genial. Doch noch fehlte ihm die Macht, die Idee zu realisieren. Als von Streber zwei Jahre nach Ludwigs Thronbesteigung einen neuen Vorstoß machte, ging dieser begeistert darauf ein.
Ludwig von Bayern als Kronprinz im Gewand eines antiken Feldherrn. Porträt des klassizistischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen. Antikensammlung München. Foto: KW.
Abb. 2: Bayern. Max I. Joseph. Konventionstaler auf die Verfassung von 1818. Stempelglanz.
Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV.
Schätzung: 300 Euro.
Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 218.
Abb. 3: Bayern. Max I. Joseph. 8 Dukaten, geprägt mit den Stempeln des Konventionstalers. NGC MS64 (Top Pop). Vorzüglich bis Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I.
Schätzung: 15.000 Euro.
Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 217.
Eine erstklassige Primärquelle
Im Herbst 1828 forderte Ludwig erste Entwürfe bei Johann Baptist Stiglmaier, Graveur des königlichen Hauptmünzamtes, an. Doch weil dem seine Arbeit als Inspektor der königlichen Erzgießerei nicht genug Zeit ließ, übernahm der junge Carl Friedrich Voigt die Aufgabe. Sie war arbeitsintensiv, denn Ludwig ließ sich jeden Entwurf in jedem Stadium vorlegen, achtete dabei noch auf die kleinsten Details und forderte Änderungen. Damit spiegeln die Geschichtstaler den königlichen Blick auf das Geschehen. Entwürfe und Proben illustrieren, wie sich Ludwigs Einstellung veränderte.
Aber Achtung: Die Jahreszahl, die wir auf den Geschichtstalern lesen, hat oft nichts mit dem Ausgabejahr zu tun. Das müssen wir einkalkulieren, wenn wir die Aussage eines Geschichtstalers anhand der historischen Situation rekonstruieren. Das beste Beispiel dafür ist Ludwigs Einstellung zur bayerischen Verfassung.
Ludwig und die Bayrische Verfassung
Am 26. Mai 1818 erließ Maximilian I. Joseph eine zweite Verfassung für das bayerische Königreich. Sie löste die erste Verfassung ab, die er prophylaktisch erlassen hatte, um eine oktroyierte Verfassung aus Napoleons Feder zu verhindern. Die Verfassung von 1818, die mit Modifikationen bis 1918 gültig blieb, war für ihre Zeit außerordentlich fortschrittlich und garantierte Grundrechte wie Pressefreiheit, Sicherheit der Person und des Besitzes sowie eine Teilhabe der begüterten Bevölkerung an der Regierung über die StändeVersammlung, seit 1848 Landtag genannt.
Kronprinz Ludwig war anwesend, als sein Vater vor seinen Ministern den Eid auf die bayerische Verfassung ablegte. Eine Münze erinnert daran (Abb. 2 und 3). Wir dürfen sie als eine Vorform der späteren Geschichtstaler bezeichnen. Sie entspricht noch nicht ganz Strebers Konzept, denn sie existiert in zwei Formen: Es gibt äußerst seltene Goldabschläge. Der AKS setzt ihre Zahl versuchsweise auf 91 Exemplare fest. Wir dürfen annehmen, dass sie im Rahmen der zeremoniellen Eidesleistung als diplomatische Geschenke übergeben wurden. Von dem motivgleichen Konventionstaler wurden dagegen 40.000 Exemplare geprägt, also wesentlich mehr als für Geschenke notwendig gewesen wären. Diese Stücke liefen als offizielle Zahlungsmittel um.
Die Gaibacher Verfassungssäule
Ludwig plante auf Anregung Strebers, regelmäßig solche Erinnerungsstücke auszugeben. Er ließ sich deshalb, sozusagen auf Vorrat im Herbst 1828 gleich mehrere Motive ausarbeiten. Dazu gehörte u. a. ein Entwurf, der die Einweihung der Gaibacher Konstitutionssäule, auch Verfassungssäule genannt, thematisierte.
Denn Ludwig war als Kronprinz ein begeisterter Anhänger der Verfassung. Er legte als König am 19. Oktober 1825 den Eid auf die Verfassung ab und plante sogar eine regelmäßige Feier der Verfassung bei der Gaibacher Verfassungssäule. Auch wenn diese rein theoretisch auf dem Gebiet seines Freundes, Graf Erwein von Schönborn, stand, war sie Ludwigs Projekt. Sein Lieblingsarchitekt Klenze lieferte die
Abb. 4: Ludwig legt den Grundstein zur Gaibacher Konstitutionssäule. Gemälde von Peter von Hess, 1822/3. Fürstenbaumuseum / Würzburg. Foto: Oktobersonne. cc-by-sa 4.0.
Pläne; Ludwig legte am 26. Mai 1821 den Grundstein und weihte sie am 22. August 1828 ein (Abb. 4).
Die Ausprägung der Geschichtstaler (Abb. 5) begann 1830. 1831 übersandte Ludwig ein Exemplar an Erwein von Schönborn mit den Worten: „Ich beeile mich, den ersten geprägten, die Verfassungssäule darstellenden Taler ihrem edlen Errichter zuzustellen. Ein inniger Verfassungsfreund schickt ihn einem anderen. Die Säule ist ein herrliches Denkmal, welches nach Jahrhunderten noch rühmlich von der Gesinnung dessen zeugen wird, dem sie ihre Entstehung zu verdanken hat. Würde die Verfassung auch zur Verhinderung manches Wünschenswerten, manches Trefflichen missbraucht, so bestimmt mir dieses die Überzeugung nicht, dass wesentlich heilsam sie sei, der ich bereits in den Tagen napoleonischer Zwangsherrschaft sowie nach errungener Befreiung für Verfassung lebhaft fühlte.“
1828 arbeitete auch Stiglmaier an einem Geschichtstaler, der die Thronbesteigung des Königs dokumentieren sollte (Abb. 6). Bezeichnenderweise ist er auf den 19. Oktober 1825 datiert, also auf den Tag, an dem Ludwig
Abb. 5: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Errichtung der Gaibacher Verfassungssäule im Jahr 1828. NGC MS64. Fast Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 226.
den Eid auf die Verfassung ablegte. Groß und zentral ist der König zu sehen, der seine rechte Hand auf die Verfassung legt, um auf sie zu schwören. Doch diese Version wurde nie ausgeprägt, denn Ludwigs Einstellung zur Verfassung änderte sich dramatisch.
Der Schock von 1830
Die Realität holte den Monarchen am 31. Juli 1830 ein. An diesem Tag erfuhr er, dass Aufständische Karl X. von Frankreich abgesetzt hatten. Das weckte bei Ludwig Erinnerungen: Er war 1789 vor der Revolution aus Straßburg geflohen, wo sein Vater als französischer Offizier gedient hatte. Ludwigs Pate, Ludwig XVI. war geköpft worden. Und nun gingen im Herbst des Jahres 1830 die Studenten auf die Münchner Straßen. Würden die Schrecken der Revolution auch Bayern heimsuchen?
Ludwig machte den Missbrauch der Pressefreiheit für die Unruhen verantwortlich. Er verordnete am 28. Januar 1831 die Zensur, was von den liberalen Mitgliedern der bayerischen Stände-Versammlung mit großem Missfallen aufgenommen wurde. Das war schlimm, denn Ludwig wollte eine königliche Zivilliste durchsetzen. Damit wären die staatlichen von den königlichen Finanzen getrennt gewesen. Ludwig hätte einen Anteil der Steuern erhalten, den er ohne Rücksprache für seine umstrittene Bau- und Kulturpolitik hätte einsetzen können.
Doch die Verhandlungen zogen sich hin. Erst als Ludwig seine Zensurverordnung zurücknahm, erteilte ihm die Stände-Versammlung ihre Zustimmung zu einer vorläufigen Zivilliste. Dies war eigentlich ein Erfolg, doch der König fühlte sich durch die Kritik einiger Politiker an seinen allerliebsten Bauprojekten verletzt. So hatte er sich die Redefreiheit nicht vorgestellt! Wie konnten sie es wagen, sein Odeon, die Staatsbibliothek und sogar die Alte Pinakothek zu kritisieren!
Auch wenn der Landtag letztendlich die Kosten für diese Bauprojekte aus der Staatskasse finanzierte, waren diese Politiker nicht das Volk, das Ludwig sich vorstellte. Seine Bayern waren treu, vertrauten ihrem König und wenn sie sich anders äußerten, dann nur weil sie von intellektuellen Freigeistern aufgehetzt worden waren, die die Pressefreiheit missbrauchten.
Diesem bayerischen Volk ist ein Geschichtstaler gewidmet (Abb. 7), der tatsächlich 1830 geplant, entworfen und geprägt wurde. Mitten im Aufruhr von 1830 charakterisiert Ludwig sein Volk. Dazu lässt er Bavaria auftreten, jene Verkörperung Bayerns, die noch heute das damals neue bayerische Nationalfest –das Oktoberfest – behütet. Sie hält einen Eichenzweig in der Hand.
Abb. 6: Bayern. Ludwig I. Probe zum Geschichts-Konventionstaler auf den Eid auf die Verfassung am 19. Oktober 1825. Stempelglanz. Schätzung: 4.000 Euro. Zuschlag: 7.000 Euro. Aus Auktion 108 (14. März 2006), Los 598.
Abb. 7: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Treue der Bayern im Jahr 1830. NGC MS64. Fast Stempelglanz.
Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 229.
Die Eiche galt im 19. Jahrhundert nicht nur als der deutsche Nationalbaum schlechthin, sondern erinnerte an die antike Corona Civica, die Augustus als Dank des Volkes für das Ende des Bürgerkriegs erhalten hatte. Sie signalisierte Bürgernähe.
Die sitzende Bavaria stützt sich auf eine Säule und erinnert so an eine perfekte Kreuzung zwischen zwei verschiedenen antiken Securitas-Typen: Hinsichtlich der Körperhaltung an die sitzende Securitas, hinsichtlich ihres Attributs, der Säule, an die an einer Säule stehende Securitas. Damit greift die Bavaria ein altes Sinnbild für Beständigkeit auf, das eine Art Gegenentwurf zu revolutionären Umtrieben darstellt. Zu ihren Füßen ruht ein Hund, Zeichen der Loyalität.
Diese Haltung vermittelt auch ein vom König 1831 verfasstes Gedicht, das er stolz „An die Bayern!“ adressiert:
„Biedres Volk! In angestammter Treue // Hältst Du an Dein altes Fürstenhaus, // Dich verlocket nicht das falsche Neue, // Nicht der Liebe Flamme löscht Dir‘s aus.
Ja! An alter Treue, altem Glauben // Hältst Du immer unerschütterlich, // Lässest sie nicht von der Zeit Dir rauben, // Treue niemals von den Bayern wich.
Unerschüttert, wenn‘s von oben stürmet, // Unerschüttert, wenn die Erde bebt, // Wenn sich‘s feindlich gegen Dich auch türmet: // Nichts Dich stürzet, nichts Dich untergräbt.
Eine tausendjähr‘ge kräft‘ge Eiche // Stehest Du, die niemals wird gefällt; // In sie dringen können keine Streiche, // Und die Axt zurück vom Stamme prellt.
Siegend alle Proben schon bestanden, // Bleibt Ihr immerdar bei Eurer Pflicht, // Selbst die früh‘sten Zeiten so Euch kannten; // Bayern, zu verderben seid ihr nicht!“
Der Sieg der konservativen Kräfte
Wie realitätsfremd Ludwigs Blick auf sein Volk war, zeigte der 27. Mai 1832, als 25.000 Liberale auf dem Hambacher Fest ihre Forderungen stellten. Hambach lag auf pfälzischem und damit von Ludwig beherrschtem Boden. Und dort fand nicht die einzige Kundgebung statt. Sogar Ludwigs heiß geliebte Verfassungssäule wurde zum Zentrum liberaler Protestaktionen. Der Bürgermeister von Würzburg, der bei der Einweihung der Verfassungssäule mit dem König gefeiert hatte, äußerte nun offene Kritik. Ludwig brachte dafür kein Verständnis auf. Er fühlte sich verraten und sorgte persönlich dafür, dass der 60jährige zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er blieb nicht das einzige Opfer staatlicher Zwangsmaßnahmen. Bald saßen hunderte von Oppositionellen in Festungshaft. Noch mehr flohen. Sogar Todesurteile wurden ausgesprochen, allerdings nicht vollstreckt.
Abb. 8: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler 1834. Stempelglanz. Schätzung: 2.500 Euro. Zuschlag: 2.800 Euro. Aus Auktion Künker 302 (1. Februar 2018), Los 1041.
Damit war die liberale Bewegung in Bayern mundtot gemacht. 1834 fehlten die zehn radikalsten Abgeordneten bei den Sitzungen der StändeVersammlung. Viele waren zu eingeschüchtert, um ihre Meinung öffentlich zu sagen. So dominierten die konservativen Redner. Sie stimmten dafür, dass Ludwig endlich die langersehnte, lebenslange Zivilliste erhielt. Lohn der Abgeordneten war ein Geschichtstaler (Abb. 8), mit dem der König seinen Dank für ihre Entscheidung abstattete.
Wir können zu dem Geschichtstaler auch einen Goldabschlag zeigen (Abb. 9), der illustriert, wie beliebt die Geschichtstaler bereits im 19. Jahrhundert bei Sammlern waren. Louis Philippe de Ferrari (1850-1917) bestellte im Bayerischen Hauptmünzamt eine Serie der Geschichtskonventionstaler mit den Originalstempeln in Gold. Sie wurde 1903 angefertigt. Zeitgenössische Goldabschläge der Geschichtstaler gibt es nicht.
Ludwigs Sicht auf seinen Regierungsstil
Wie wichtig es für die Deutung der Geschichtstaler ist, nicht auf ihre Jahreszahl, sondern auf den Zeitpunkt der Ausgabe zu achten, illustriert ein weiterer Geschichtstaler. Er ist zwar auf 1831 datiert, wurde aber erst 1834/5 nach dem Sieg der konservativen Kräfte entworfen und in Kurs gesetzt. Er zeigt den königlichen Löwen, wie er noch heute vor der Münchner Residenz steht. Er hält einen Schild mit Ludwigs Motto GERECHT UND BEHARRLICH (Abb. 10). Damit ist diese Münze eine Art Geschichtsklitterung. Sie tut im Jahr 1834/5 so, als habe Ludwig bereits 1831, also lange vor dem Hambacher Fest, die Zügel der Regierung angezogen.
Abb. 9: Bayern. Ludwig. Goldabschlag vom Geschichts-Konventionstaler 1834, hergestellt 1903. Stempelglanz. Aus der Sammlung König Faruk von Ägypten und Ferrari. Schätzung: 20.000 Euro. Zuschlag: 24.000 Euro. Aus Auktion Künker 122 (14. März 2007), Los 122.
Abb. 10: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler 1831. Stempelglanz. Schätzung: 2.500 Euro. Zuschlag: 2.600 Euro. Aus Auktion Künker 302 (1. Februar 2018), Los 1038.
Abb. 11: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf den Regierungsantritt am 13. Oktober 1825. Fast Stempelglanz. Schätzung: 500 Euro. Zuschlag: 1.800 Euro. Aus Auktion 354 (30. September 2021), Los 5333.
Aus einem liberalen wird ein konservativer Herrscher
In welchem Grad sich Ludwigs Haltung zur Verfassung nach dem Hambacher Fest änderte, lässt sich deutlich am veränderten Motiv des Geschichtstalers auf seinen Herrschaftsantritt ablesen (Abb. 11). Er trägt immer noch die Jahreszahl der Thronbesteigung, also 1825, auch wenn er erst 1836 geprägt wurde.
Abb. 12: Ludwig I. tritt die Regierung an. Gemälde von Joseph Karl Stieler. Neue Pinakothek, München, Inv.-Nr. 1062.
Das Datum des Regierungsantritts hat sich auf dieser Münze demonstrativ verschoben. Ludwig rechnet nicht mehr ab dem Schwur auf die Verfassung am 19. Oktober 1825, sondern ab dem Tod seines Vaters am 13. Oktober 1825. Genauso verändert sich die Darstellung auf der Münze. Statt der anfangs auf Entwürfen geplanten Schwurszene, bei der Ludwig I. mit erhobener Hand auf die Verfassung schwört, greift er nun auf das offizielle, inhaltlich wesentlich zurückhaltendere Porträt zurück, das Hofmaler Stieler direkt nach der Thronbesteigung von ihm anfertigte. Auch darauf ist die Verfassung zu sehen, aber eben nur als eines von vielen königlichen Attributen. Die begeisterte Emphase, mit der Ludwig auf Umlaufmünzen dem ganzen Volk seine Haltung zur Verfassung demonstrieren wollte, ist einem staatsmännisch-nüchternen Porträt gewichen, das die Verfassung auf ihren Platz verweist. (Abb. 12).
Nichts könnte besser illustrieren, wie weit Ludwig die liberalen Ideale seiner Jugend hinter sich gelassen hatte. Der schwerhörige und stark stotternde Monarch zog sich mehr und mehr von „seinem“ Volk zurück, verschwand in seine künstlerischen Ersatzwelten, die sich mit der Realität kaum noch abgleichen ließen. Er ist durchaus bezeichnend, dass ausgerechnet der einst so liberale Ludwig zum einzigen Herrscher im deutschen Reich wurde, den die Revolution von 1848 den Thron kostete.
Die schöne Lola
Dabei waren es keine politischen Fehlgriffe, die in München für Empörung sorgten, sondern eine schöne irische Tänzerin, die unter dem Namen Lola Montez Einfluss auf den alternden König gewann. Weil der 1847 – gegen den ausdrücklichen Willen des Staatsrats –auf ihre Einbürgerung bestand, traten praktisch alle Minister zurück. Die Mitglieder der Universität sowie der größte Teil der Beamtenschaft solidarisierten sich mit den Politikern. Auch die Bürger murrten, obwohl das neu eingesetzte „Ministerium der Morgenröte“ einige liberale und antiklerikale Maßnahmen ergriff. Die Zensur wurde gelockert, Reformen im Justiz- und Bildungswesen initiiert. Doch immer noch weigerten sich die Herren Minister, mit der Tänzerin ihre Politik abzustimmen. Diesmal war es Ludwig, der die Minister austauschte, was dem neuen Kabinett in Studentenkreisen den Spitznamen „Lola-Ministerium“ verschaffte.
Natürlich kam es zu Protestaktionen. Die beantwortete der König, indem er am 9. Februar 1848 die Münchner Uni bis zum Beginn des kommenden Wintersemesters schloss. Das war eine unhaltbare Trotzreaktion. Bereits am 10. Februar erzwang das gemeinsame Vorgehen
von Ministern, Stände-Versammlung und Vertretern der Bürgerschaft ihre Wiedereröffnung. Der inzwischen 62-jährige Ludwig war frustriert. Grenzen gesetzt zu bekommen, mochte er gar nicht. Als dann – nach dem Bekanntwerden der Pariser Unruhen vom 22. Februar – der Ruf nach der Abschaffung der Monarchie unüberhörbar wurde und es zu Gewalttätigkeiten kam, verlor der König die Lust. Er teilte am 18. März 1848 seinen Ratgebern Folgendes mit: „Ich habe 23 Jahre als wahrer König geherrscht und soll jetzt noch ein bloßer Unterschreibkönig sein, gebunden und gefesselt an beiden Händen, nein, das kann ich nicht. Wer neu beginnt, der kann sich vielleicht dareinfinden, aber nach 23 Jahren, das geht nicht.“
Und damit übergab Ludwig seinem Sohn Maximilian II. Joseph die Herrschaft. Sollte der sich doch mit den Aufständischen rumärgern! Auf dem Geschichtsdoppeltaler von 1848 ist von irgendwelchen Unruhen allerdings nichts zu sehen. Hier ist es eine Sache unter Königen: Ludwig nimmt freiwillig die Krone ab, um sie an den Sohn weiterzugeben. Dass dies Ludwigs Sicht der Dinge spiegelt, verrät uns ein Brief vom 28. März 1848, in dem er seinen Sohn König Otto über die Geschehnisse informiert: „Treu dem, was ich immer geäußert, handelte ich. Niemand ging
Abb. 13: Lola Montez, bürgerlich Elizabeth Rosanna Gilbert, porträtiert von Hofmaler Joseph Karl Stieler für Ludwigs Schönheitsgalerie im Schloss Nymphenburg.
Abb. 14: Lola Montez, bürgerlich Elizabeth Rosanna Gilbert, auf einer Daguerréotypie des Jahres 1851 von Southworth & Hawes. Sammlung des Metropolitan Museum of Art, New York.
Abb. 15: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Doppeltaler auf die Übergabe der Herrschaft an seinen Sohn im Jahr 1848. Fast Stempelglanz. Schätzung: 4.000 Euro. Zuschlag: 9.000 Euro. Aus Auktion 170 (22. Juni 2010), Los 3623.
Abb. 16: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler „Segen des Himmels“, datiert 1828. Fast Stempelglanz.
Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 500 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 227.
Die Dynastie der Wittelsbacher
Aber damit sind wir dem Geschehen weit vorausgeeilt. Gehen wir zurück ins Jahr 1828 und betrachten wir einen weiteren zentralen Themenkreis der bayerischen Geschichtstaler: Die Wittelsbacher Dynastie. Sie war für Ludwig ein zentrales Thema. Zwölf der dreiundvierzig Geschichtstaler – mehr als ein Viertel – sind ihr gewidmet.
Segen des Himmels
Als Ludwig am 22. September des Jahres 1828 an den Direktor des königlichen Hauptmünzamts schrieb, um Entwürfe für die ersten Geschichtstaler in Auftrag zu geben, war die königliche Familie eines der beiden beauftragten Themen. „Segen des Himmels“ sollte sich wegen seiner numismatischen Folgen in Russland zum wohl bekanntesten bayerischen Geschichtstaler entwickeln.
Auf dieser Münze (Abb. 16) präsentiert sich das Herrscherpaar mit all seinen Kindern. Was auf uns wie ein charmantes Familientreffen wirkt, hatte in einer Monarchie eine ganz andere Bedeutung: Niemand, der in einer Demokratie aufgewachsen ist, kann sich die Rechtsunsicherheit vorstellen, die das Aussterben einer Herrscherdynastie bedeutete. Wir kennen genug Fälle, in denen ein fehlender Erbe einen Bürgerkrieg auslöste.
mich an, der Krone zu entsagen, auch nicht ein einziger Ministerverweser. Es war am 19. März..., als ich um 1 Uhr nach Mittag alle volljährigen Prinzen meines Hauses um mich versammelte, ihnen meinen Entschluss eröffnete. Nach langem inneren Kampfe hatte ich ihn gefasst (war am Tage zuvor nicht ohne Besorgnis, einen Nervenschlag zu bekommen). Es war höchst ergreifend, innigst rührend, laut weinen hörte ich um mich. Max kniete nieder, bat mich um seinen Segen. ... Nicht so geliebt vom Volk hielt ich mich, als ich es fand. Vernehme, man habe auf den Straßen geweint, als meine Thronentsagung bekannt geworden; sie verursachte allgemeine Bestürzung.“
Ludwig glaubt sogar, dass es einen Aufstand gegeben hätte, hätte sein Volk vom Vorhaben erfahren. Nun, wahrscheinlich hätte sich Ludwig an der Herrschaft halten können, wenn er geduldig abgewartet hätte, bis die Bürger genug von den Unruhen hatten. Er tat es nicht. Er zog es vor, fortan – mit einer glänzend ausgestatteten Zivilliste, die seinem Sohn die notwendigen Mittel für die königliche Haushaltung entzog – für die Kunst zu leben.
Schon die römischen Monarchen brüsteten sich ihrer umfangreichen Nachkommenschaft. Sie kombinierten ihre Kinder mit Münzumschriften wie TEMPORVM FELICITAS (= das Glück der [gegenwärtigen] Zeiten), AETERNITATI IMPERII (= der Ewigkeit der Herrschaft) oder FELICITAS SAECVLI (= das Glück des Jahrhunderts). Diese Tradition nahm Ludwig wieder auf, denn auch die Bayern hatten zu oft das Herrscherhaus gewechselt. 1777 übernahmen mit dem unbeliebten Karl Theodor die pfälzischen Wittelsbacher; als er kinderlos starb, kam die vorher bedeutungslose Seitenlinie Wittelsbach-Zweibrücken-Birkenfeld ans Ruder.
Damit war Ludwig I. erst der zweite Herrscher dieser neuen Dynastie. Indem er seine vier Söhne und vier Töchter augenfällig ins Feld führte, zeigte er den Bayern, dass sie nicht fürchten mussten, dass das neue Herrscherhaus schon wieder aussterben würde.
Der erste, von Stiglmaier angefertigte Entwurf lehnte sich mit der lateinischen Umschrift PATRIAE SALVS ET FELICITAS (= Heil und Glück des Vaterlandes) eng an römische Vorbilder an. Doch auf persönlichen Befehl des Königs wurde die lateinische durch eine deutsche Umschrift ersetzt. Dass sich Ludwig für SEGEN DES HIMMELS entschied, dürfen wir als Zeugnis seines persönlichen Glaubens interpretieren.
17: Einweihungsfeierlichkeiten anlässlich der
Exkurs: Der Beginn der russischen Gedenkmünzenprägung
Werfen wir einen Blick nach Russland. 1831/2 wurde „Segen des Himmels“ in München in Kurs gesetzt. Am 30. August 1834 versammelte sich der russische Hof vor dem Winterpalast in St. Petersburg, um die Einweihung der Alexandersäule zu feiern. Die Alexandersäule war als direkte Antwort auf die Pariser Siegessäule der Place Vendôme konzipiert, die an die bitterste Niederlage der Alliierten erinnerte. Auf dem Sockel ist Folgendes zu lesen: „Der erhabene Kaiser Napoleon widmete dieses Denkmal des unter seiner Führung im Zeitraum von drei Monaten zu Ende gebrachten Kriegs in Deutschland im Jahre 1805, gemacht aus vom Feind erbeuteter Bronze, dem Ruhm der Grande Armée.“ Die auf der Spitze stehende Statue Napoleons ist heute verschwunden: Die Sieger ließen sie 1814 einschmelzen.
Die Alexandersäule übertraf die Säule der Place Vendôme mit ihren 47,5 Metern an Höhe – und an Bescheidenheit. Denn nicht Alexander war an ihrer Spitze dargestellt, sondern ein Engel, dessen Gesicht allenfalls an Zar Alexander I. erinnerte. Die Inschrift des Sockels weist in ihrer Einfachheit den geltungssüchtigen Emporkömmling Napoleon dezent zurecht. Sie lautet: „Alexander I., das dankbare Russland“
Nur wenige Tage nach der Einweihung der Alexandersäule lag auf dem Schreibtisch des
Finanzministers Graf Egor Francevic Kankrin ein kleines Päckchen, in dem Fürst Grigorij Iwanowitsch Gagarin, der russische Botschafter in München, einige Münzen zur Ergänzung der Münzsammlung in der St. Petersburger Eremitage schickte. Es handelte sich um die ersten 15 bayerischen Geschichtstaler. Dies brachte den Finanzminister Kankrin auf die Idee, eine Münze anlässlich der Einweihung der Alexandersäule prägen zu lassen. Er schlug dies Nikolaus I. vor, und der war begeistert von der Idee.
Das kaiserliche Dekret an die Münzstätte erging am 9. Dezember 1835. Nur einen Tag später meldete der Direktor der Münzstätte von St. Petersburg, dass er den Befehl erhalten und die Anfertigung des Stempels Heinrich Gube übertragen habe. Bereits am 16. Dezember legte Gube erste Entwurfszeichnungen vor. Dabei empfahl er, die Nominalangabe aus gestalterischen Gründen unter der Säule zu platzieren. Gleichzeitig sandte er verschiedene bereits vorhandene Porträts Alexanders I. als Entscheidungshilfe zur Auswahl. Am 26. Dezember 1835 entschied Zar Nikolaus I., welcher Entwurf realisiert werden sollte und legte das Münzporträt fest. Am 25. Februar 1836 folgte der Befehl zur Ausprägung: Finanzminister Kankrin ordnete an, zunächst 5.000 Stück zu prägen. Am 8. und 20. Juni 1836 erfolgte die Genehmigung zu weiteren Stücken. Sie wurde am 4. Dezember 1836 abgelöst durch eine Dauergenehmigung: Die Münzstätte möge diesen Münztyp weiterprägen, so dass stets mindestens
Abb.
Errichtung der Alexandersäule in St. Petersburg. Gemälde eines unbekannten Malers aus dem Jahr 1912.
Abb. 18: Russland. Nikolaus I. Rubel, St. Petersburg, auf die Einweihung der Alexandersäule im Jahr 1834.
NGC PF65 Cameo. Polierte Platte. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 7.500 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 298.
5.000 Stücke vorrätig seien. Man plante wohl, ähnlich wie es Ludwig mit seinen Geschichtstalern machte, diese zu ganz besonderen Zahlungen zu verwenden.
Heute wird diskutiert, wie hoch die Auflage tatsächlich war. Finanzminister Knjashewitsch erwähnt im Jahr 1859 die Herstellung von bis zu 74.000 Rohlingen. Wahrscheinlich wurden die meisten davon nicht benutzt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt eingeschmolzen, ohne dass wir Genaueres darüber wissen.
Der Familienrubel
Unter den ersten 15 Geschichtstalern hatte sich auch der Typ „Segen des Himmels“ befunden, der seit 1831 ausgeprägt wurde. Finanzminister Kankrin erteilte nach dem großen Erfolg der ersten russischen Gedenkmünze dem jungen Stempelschneider Pawel Petrowitsch Utkin, der erst seit Januar 1835 als Medailleur für die Petersburger Münzstätte arbeitete, den Auftrag, eine ähnliche Münze mit den Porträts der Familie von Nikolaus I. zu prägen. Die Porträts solle man, schlug Kankrin vor, von der Tabakdose des Prinzenerziehers Fürst Alexander Nikolajewitsch Golizyn kopieren. Utkin legte im Dezember 1835 ein erstes Stempelpaar vor. Aus der ersten Charge der Prägung erhielt der Finanzminister 36 Stück. Er übergab sie am 6. Dezember 1835 dem Zaren, der sie u. a. Familienmitgliedern wie seinem Schwager Friedrich Wilhelm IV. schenkte. Das hier vorliegende Stück dürfte als persönliches Präsent von Zar Nikolaus I. an den damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm gekommen sein.
Das Porträt seiner Gattin gefiel dem Zaren übrigens überhaupt nicht. Er soll über ihr Doppelkinn entsetzt gewesen sein, das sie viel zu alt mache. Utkin entwickelte daraufhin einen neuen Porträttyp. Doch auch der wurde für die Massenprägung nicht freigegeben. Trotz zweier weiterer Stempel für Proben kam es nie zu einer umfassenden Serie. Der Familienrubel blieb eine numismatische Rarität, die lediglich für einen kleinen Sammlerkreis geprägt wurde – zu Lebzeiten von Nikolaus I. und danach als Novodels.
Abb. 19: Russland. Nikolaus I. 1 1/2 Rubel, St. Petersburg, so genannter Familienrubel. NGC MS 64 (Top Pop).
Nur 36 Exemplare geprägt. Kabinettstück aus polierten Stempeln. Fast Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums. Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 250.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 297. 2:1
Die dynastischen Verbindungen nach Preußen
Aber zurück nach Bayern. Ludwig nutzte seine Geschichtstaler auch, um Themen zu popularisieren, die seit Jahrhunderten auf den Denkmünzen und Medaillen der Adelshäuser dargestellt wurden. Heiraten und Geburten waren – sobald es die herrschende Dynastie betraf – auch für die Bevölkerung von entscheidender Wichtigkeit. Sie bestätigten Bündnisse und garantierten, wie oben erwähnt, den Fortbestand der Dynastie.
So ließ Ludwig einen Geschichts-Doppeltaler prägen, der die Vermählung des bayerischen Kronprinzen Maximilian mit Marie von Preußen im Jahr 1842 feierte (Abb. 20). Marie von Preußen war die Cousine von Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. Sie stammte vom vierten und jüngsten Sohn Friedrich Wilhelms II. ab. Mit anderen Worten: Der Kronprinz von Bayern hätte – dynastisch gesehen – eine weitaus bessere Partie machen können.
Aber Ludwig legte Wert darauf, dass sein Sohn seine eigene Wahl treffen solle. Nun ja, solange er keine Französin anschleppte. Das hatte sich Ludwig ausdrücklich verbeten. Eine nicht standesgemäße Ehe stand natürlich genauso wenig zur Debatte. Doch Maximilian hatte Schwierigkeiten, sich zu entscheiden. Er war bereits 31 Jahre alt, als er mit „wundgelaufenen Freiersfüßen“ seiner Zukünftigen den Antrag machte. Marie von Preußen war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt, sah entzückend aus und mochte ihren Mann. So soll sie – gegen jegliche Hofetikette – bei ihrer Ankunft in München aus der Kutsche gesprungen sein, um ihren Ehemann zu umarmen. Unkonventionell war diese Königin auf jeden Fall. Sie überlebte ihren Mann um mehr als ein Vierteljahrhundert und wurde zu einer Pionierin des weiblichen Alpinismus.
Abb. 21: Preußen. Goldmedaille zu 12 Dukaten von J. Lösch und B. Stiglmaier auf die Vermählung von Friedrich Wilhelm mit Elisabeth Ludovika im Jahr 1823. NGC MS63 DPL. Vorzüglich bis Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums. Aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Schätzung: 6.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 108.
Abb. 22: Preußen. Goldmedaille zu 18 Dukaten von F. König auf die Vermählung von Friedrich Wilhelm mit Elisabeth Ludovika im Jahr 1823. NGC MS 62 DPL. Kleiner Kratzer. Vorzüglich bis Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums. Aus dem Nachlass von Kaiser Wilhelm I. Schätzung: 7.500 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 110.))
Abb. 20: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Doppeltaler auf die Hochzeit von Maximilian und Marie von Preußen im Jahr 1842. Fast Stempelglanz. Schätzung: 750 Euro. Zuschlag: 2.025 Euro. Aus Auktion 322 (24. Juni 2019), Los 206.
Dabei war die Verbindung zwischen Maximilian und Marie nicht so unproblematisch, wie wir uns das heute vorstellen. Denn er war katholisch, sie gehörte der protestantischen Konfession an. In welchem Glauben sollten die gemeinsamen Kinder erzogen werden?
Dafür gab es bereits eine protokollarische Blaupause, auf der man aufbauen konnte. Denn diese Hochzeit war bereits die zweite dynastische Verbindung zwischen den Wittelsbachern und den Hohenzollern. Friedrich Wilhelm IV. hatte am 29. November des Jahres 1823 mit der katholischen Elisabeth Ludovika von Bayern
1,5:1
Abb. 23: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Doppeltaler 1845. Erstabschlag. Stempelglanz.
Schätzung: 750 Euro. Zuschlag: 3.800 Euro. Aus Auktion 232 (17. Juni 2013), Los 465.
eine Halbschwester von Ludwig I. geheiratet, wovon prachtvolle Medaillen zeugen (Abb. 21 und 22).
Dieser Eheschließung waren vier Jahre diplomatischer Verhandlungen vorausgegangen, um zu klären, wie mit Religion und gegenseitigen Erbansprüchen umzugehen sei.
Anders als Wilhelms Schwester Charlotte, die für ihre Hochzeit mit dem späteren Zaren Nikolaus I. zum orthodoxen Glauben konvertierte, demonstrierten Wittelsbacher und Hohenzollern ihre Gleichrangigkeit, indem Elisabeth Ludovika resp. Marie bei der Eheschließung ihre Konfession behielten.
The Heir and the Spare
Selbstverständlich wurde auch die Geburt des ältesten Sohnes von Maximilian und Marie auf einem Geschichtstaler thematisiert (Abb. 23). Nach seinem Großvater wurde er Ludwig genannt. Es handelt sich dabei um den späteren König Ludwig II. von Bayern, bekannt als exzentrischer Erbauer von Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee.
Interessant ist, dass der Geschichtstaler nicht nur der Geburt Ludwigs gewidmet ist, sondern die eines weiteren Ludwigs aufgreift, der zum Zeitpunkt der Prägung an vierter Stelle in der Thronfolge stand. Bei ihm handelt es sich um den ältesten Sohn von Ludwigs drittem Sohn Luitpold (dem späteren Prinzregenten).
Tatsächlich sollte dieses Kind –Ludwig III. – als letzter bayerischer König regieren.
Die Rückseite zeigt eine Bavaria im mittelalterlichen Gewand. Sie hält in jeder Hand einen Schild mit dem Anfangsbuchstaben der Prinzennamen. Hinter ihr wächst eine Eiche. Sie ist durch das Wittelsbacher Wappen als Stammbaum der Dynastie gekennzeichnet, aus dem zuunterst zwei neue, frische Reiser entspringen.
Sekundogenitur in Griechenland
Der größte dynastische Erfolg Ludwigs war die Errichtung einer Sekundogenitur in Griechenland. Schon als Kronprinz hatte sich Ludwig begeistert für den griechischen Befreiungskampf eingesetzt. Der sonst so Sparsame unterstützte immer wieder die griechische Armee und vermittelte bayerische Offiziere als Ausbilder. Nachdem Vertreter Russlands, Englands und Frankreichs 1830 die Unabhängigkeit Griechenlands anerkannt und damit die osmanische Regierung gezwungen hatten, diesen Landesteil aufzugeben, musste ein König für das neue Staatswesen gefunden werden. Nun hatten sich die drei Schutzmächte verpflichtet, kein Mitglied ihrer eigenen Herrscherdynastien vorzuschlagen. Damit brauchte man einen möglichst machtlosen Kompromisskandidaten, mit dem alle drei Regierungen leben konnten.
Aussichtsreich war Leopold von Coburg, doch der hatte ein besseres Angebot. Die Belgier hatten durchblicken lassen, dass sie ihn gerne zum Herrscher machen würden. Damit kamen die Verwandten des glühenden Philhellenen Ludwig ins Spiel. Erst fragte man seinen Bruder Karl. Doch auf Ludwigs Anweisung lehnte er ab. Ludwig war Zeit seines Lebens auf den militärisch begabten Liebling der Damen eifersüchtig.
Auch hinsichtlich seines Sohnes Otto hegte er zunächst Bedenken. Otto war erst fünfzehn Jahre alt und eine Herrschaft in einem unterentwickelten Land teuer und risikoreich. Doch letztendlich freute sich Ludwig über die enorme Aufwertung, die die Dynastie der Wittelsbacher dadurch erfuhr. So signalisierte er
den drei Mächten, Vertreter des griechischen Volkes möchten seinem Sohn die Kandidatur offiziell anbieten. Er werde annehmen. Das geschah im Oktober 1829.
Am 15. Oktober 1832 leisteten die Deputierten der griechischen Nationalversammlung König Otto ihren Huldigungseid. Dieser Moment ist mythisch überhöht auf einem Geschichtstaler dargestellt (Abb. 24). Hellas selbst, gekleidet in antikischer Manier, überreicht dem jugendlichen Prinzen die Krone. Sein Alter ist durch die Größenverhältnisse noch betont. Die bayerische Komponente ist mehrfach hervorgehoben: So erscheint Ottos Titel als Prinz von Bayern VOR dem Königstitel, und der bayerische Löwe stärkt dem jungen Mann den Rücken.
Wie stolz Ludwig auf diese Sekundogenitur war, geht allein schon aus den Prägezahlen des Geschichtstalers hervor. 8.095 Stück wurden von dieser Ausgabe geprägt.
Abschied vom Sohn
Nur zwei Jahre später legte Ludwig nach. Er prägte noch einen Geschichtstaler zu Ehren seines königlichen Sohns. Er zeigt das Denkmal in Aibling, das Ludwig an
Abb. 24: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Erhebung Ottos von Bayern zum ersten König von Griechenland im Jahr 1832. NGC MS64. Fast Stempelglanz. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 230.
Abb. 25: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf den Abschied Thereses von ihrem Sohn in Aibling 1835. Stempelglanz. Schätzung: 2.500 Euro. Zuschlag: 2.000 Euro. Aus Auktion 302 (1. Februar 2018), Los 1042.
Abb. 24: Einzug König Ottos von Griechenland in Nauplia. Gemälde von Peter von Hess aus dem Jahr 1835. Neue Pinakothek, München.
DIE
Abb. 26: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Weihe der Otto-Kapelle in Kiefersfelden von 1836. Vorzüglich bis Stempelglanz.
Schätzung: 300 Euro. Zuschlag: 950 Euro. Aus Auktion 337 (22. Juni 2020), Los 609.
Abb. 27: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die bayerischen Erfinder Reichenbach und Fraunhofer. NGC MS64. Fast Stempelglanz. Schätzung: 1.000 Euro. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums. Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 222.
der Stelle errichten ließ, an der Königin Therese von Otto Abschied nahm (Abb. 25).
Die neugotische Bildsäule enthält eine Marienstatue, Inbegriff aller Mütter, die ihre Kinder für einen höheren Zweck zur Verfügung stellen. Hier greifen wir das Spannungsverhältnis zwischen Ludwigs dynastischem Ehrgeiz und der bürgerlichen Liebe einer Mutter, die ihren Sohn hergeben muss. Wir wissen nicht, ob die Trauer tatsächlich existierte oder ob Therese damit die Erwartungen ihrer weiblichen Untertanen erfüllte, die darüber weinten, dass ihre Söhne mit Otto nach Griechenland gehen mussten.
Übrigens griff Ludwig das Thema nur ein Jahr später noch einmal mit einem Geschichtstaler auf (Abb. 26). Der war Ottos Abschied von seinem Heimatland Bayern im Spätherbst 1832 gewidmet. Wer sich über das Datum wundert, es bezieht sich nicht auf die Abreise, sondern auf die Einweihung einer kleinen Kapelle an dem Ort, an dem Otto die Grenze überquerte. Die fand am 19. Juni 1836 statt.
Übrigens musste Ludwig noch vor seinem Tod das Scheitern seiner griechischen Pläne erleben. Eine Revolte vertrieb Otto und seine Frau Amalie im Jahr 1862 aus Athen.
Ludwig und die Wirtschaft
Kommen wir zu einem anderen Thema, dem ebenfalls ein großer Anteil der Geschichtstaler gewidmet ist, der Wirtschaft. Sie war noch wichtiger geworden als zur Zeit des Absolutismus. Denn das zentrale Argument,
mit dem ein Monarch im Vormärz punkten konnte, war eben die Wirtschaft. Wenn die Ökonomie lief, dachte niemand an Aufruhr und Revolution. Wirtschaftliche Belange waren also das Kerngeschäft jedes Monarchen, so sah es zumindest Ludwig I.
Die ersten Bürgerlichen auf einer Gedenkmünze waren Erfinder
So waren es keine Dichter oder Denker, die als erste Nicht-Adlige auf einer staatlichen Gedenkmünze abgebildet wurden, sondern Erfinder (Abb. 27). Georg von Reichenbach war nicht nur ein genialer Optiker und Feinmechaniker, er gilt als der Wegbereiter der Dampfmaschine in Bayern und war als Direktor des Baubüros für viele neue Straßen, Brücken und Kanäle verantwortlich, auf denen noch heute bayerische Waren transportiert werden. Joseph von Fraunhofer, den wir als Namensgeber des Fraunhofer-Instituts kennen, war zu seiner Zeit ein bahnbrechender Optiker, der technische Gläser produzierte, die den Fernrohrbau im 19. Jahrhundert revolutionierten.
Sie wollte schon Franz von Streber auf einem bayerischen Geschichtstaler sehen. Seine Denkschrift vom 16. Juni 1827 für Ludwig schließt mit den Worten: „Ein gewöhnlicher bayerischer Conventionsthaler mit Fraunhofers oder Reichenbachs Bildnis auf der Rückseite würde ihre Namen durch ganz Europa tragen. Jahrhunderte hindurch erhalten und selbst für den König ein Monument seyn.“
Diesen Gedanken griff Ludwig auf – allerdings erst 1833/4, als dieser Geschichtstaler geprägt wurde.
Der Weg zum deutschen Zollverein
Als eifriger Förderer des deutschen Zollvereins hielt Ludwig geradezu minutiös alle Stationen auf dem Weg dorthin im Bild der Geschichtstaler fest. Der erste Geschichtstaler erschien 1830/1 und feierte den Zollverein mit Württemberg (Abb. 28). Die Verhandlungen dazu hatte ein persönlicher Briefwechsel zwischen Wilhelm I. von Württemberg und Ludwig I. von Bayern im Dezember 1826 in Gang gesetzt. Bereits am 12. April 1827 wurde der Vertrag über den Zollverein zwischen Bayern und Württemberg unterzeichnet.
1831/2 erschien der Geschichtstaler auf den am 27. Mai 1829 um Preußen und Hessen erweiterten Zollverein (Abb. 29). Auch hier war Ludwig I. involviert: Er selbst regte an, mit Preußen direkt zu verhandeln, um einem unabhängigen Mitteldeutschen Zollverein die Basis zu entziehen.
Sachsen und Thüringen traten am 30. März resp. 11. Mai 1833 bei, woran ebenfalls ein Geschichtstaler erinnert (Abb. 30), ein weiterer an den Beitritt Badens am 11. Juli 1835.
Ludwigseisenbahn vs. Ludwigskanal
Wir wissen aus Ludwigs Gedicht „Die Dampfbahnen“, wie sehr er die Eisenbahn verabscheute: „...Und die Sterblichen treibt jetzo des Dampfes Gewalt, / Allgemeiner Gleichheit rastloser Befördrer. Vernichtet / Wird die Liebe des Volkes nun zu dem Land der Geburt. / Überall und nirgends daheim, streift über die Erde / Unstät, so wie der Dampf, unstät das Menschengeschlecht. ...“
Trotzdem musste der König am 19. Februar 1834 widerwillig die Initiative einiger Persönlichkeiten des Nürnberger Wirtschaftslebens genehmigen, die planten, von Nürnberg nach Fürth eine Dampfeisenbahn zu bauen. Bereits Mitte des nächsten Jahres befand sich der für den Schienenverlauf benötigte Grundbesitz in der Hand der Eisenbahngesellschaft. Im gleichen Jahr erwarb die Nürnberg-Fürth-LudwigsEisenbahngesellschaft bei Stephenson eine Lokomotive. Am 7. Dezember 1834 fand um 9 Uhr morgens die feierliche Eröffnung der Ludwigseisenbahn statt – ohne Ludwig.
Wie fremd dem König seine Eisenbahn letztendlich blieb, illustriert der Geschichtstaler, der dieser technischen Innovation gewidmet ist (Abb. 32). Immerhin handelte es sich um die erste Eisenbahnlinie auf deutschem Boden! Während auf anderen Medaillen die modernen Dampflokomotiven mit größter
Abb. 28: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf den Bayerisch-Württembergischen Zollverein von 1827. NGC MS65. Fast Stempelglanz.
Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.250 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 223.
Abb. 29: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf den Handelsvertrag zwischen Bayern, Preußen, Württemberg und Hessen 1829. NGC MS65 (Top Pop). Fast Stempelglanz.
Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.250 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 228.
Detailgenauigkeit wiedergegeben sind, griff Ludwig auf einen Münztyp zurück, der unter Kaiser Traian geprägt wurde. Der erinnerte mit einer ähnlichen Darstellung an die Eröffnung der Via Traiana von Benevent nach Brundisium. Einzige „Modernisierung“ des Münztyps: das Rad ist geflügelt, wohl um so die höhere Geschwindigkeit zum Ausdruck zu bringen.
Zu Füßen der gelagerten Dame ist ein Objekt, über das viel gerätselt wurde. Man hat einen bayerischen Zwiebelturm zu erkennen geglaubt. Viel eher handelt es sich um einen preußischen Meilenstein, wie ihn der aus Berlin stammende Stempelschneider Voigt kannte.
Ludwig bevorzugte Kanäle, die traditionellen Verkehrswege des Absolutismus für den Warentransport. Er propagierte bereits als Kronprinz eine Verbindung zwischen Rhein bzw. Main und Donau. Weil die private Wirtschaft trotz seiner erheblichen finanziellen Unterstützung an dem Projekt scheiterte, übernahm Ludwig 1840 die Planung. Er überließ die Aufgabe nicht den Fachleuten, sondern beschäftigte sich selbst noch mit den kleinsten (nebensächlichen) Details. So ordnete er an:
Abb. 31: Die Fürther Kreuzung um 1845. Links ein Zug der Ludwig-Süd-Nord-Bahn, rechts die Ludwigsbahn. Rechts vom Bahnhof steht eine Pferdebahn, die die Passagiere zum Zug bringt. Kupferstich des Jahres 1845.
Abb. 30: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Erweiterung des Zollvereins um Sachsen und Thüringen im Jahr 1833. NGC MS64. Fast Stempelglanz. Schätzung: 1.000 Euro. Aus dem Bestand des Hohenzollernmuseums.
Aus dem Nachlass von König Friedrich Wilhelm IV. Schätzung: 1.000 Euro. Aus Auktion 442 (23. Juni 2026), Los 231.
Abb. 32: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Konventionstaler auf die Eröffnung der Ludwigseisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth 1835. Schätzung: 2.500 Euro. Zuschlag: 3.800 Euro. Erstabschlag. Stempelglanz. Aus Auktion 422 (19. März 2025), Los 3490.
„Wenn keine örtlichen Hindernisse bestehen, sollen Brücken mit halbrunden Bogen, wie die Römer sie bauten, gebaut werden, sie sind dauerhafter, großartiger, schöner, sie sind klassisch zu nennen. Auch keine eisernen Geländer, wovon das Altertum nichts weiß, sollen angebracht werden.“
Der Geschichts-Doppeltaler auf dieses Kanalprojekt (Abb. 33) wurde lange vor der Fertigstellung des Baus geprägt und ausgegeben. Das Datum 1846 bezieht sich also nicht auf die Einweihung der neuen Wasserstraße, sondern auf die eines aus Ludwigs Zivilliste finanzierten und von Schwanthaler ausgeführten Kanaldenkmals bei Erlangen am 15. Juli 1846.
Abb. 33: Bayern. Ludwig I. Geschichts-Doppeltaler auf die Eröffnung des Ludwigskanals im Jahr 1846. Fast Stempelglanz. Schätzung: 500 Euro. Zuschlag: 2.300 Euro. Aus Auktion eLive 87 (20. Mai 2025), Los 7395.
Dass dafür bereits 1842 erste Probeprägungen zum Geschichts-Doppeltaler durchgeführt wurden, kann man als ein Indiz der königlichen Ungeduld interpretieren. Die Eröffnung der Wasserstraße fand erst 1852, vier Jahre nach Ludwigs Abdankung, statt.
Das Ende der Geschichtstaler
Wir hätten noch über viele interessante Themen sprechen können, zu denen uns die Geschichtstaler Auskunft geben. Wir hätten mit ihnen zeigen können, wie wichtig Ludwig die deutsche Nation war und welche Haltung er im Kirchenkampf einnahm. Aber das hätte den Rahmen dieses Beitrags gesprengt.
Beschäftigen wir uns also nur noch kurz mit dem Ende der bayerischen Gedenkmünzen unter Maximilian II. Er entschied sich, diese Serie auf Grund ihrer hohen Kosten einzustellen. Die Produktion der Geschichtstaler war nämlich im Verhältnis zu ihrer Kaufkraft zu teuer. Pro Stück verlor der bayerische Staat – verglichen mit der wichtigsten Handelsmünze, dem Krontaler –sieben Kreuzer. Deshalb hatten die Geschichtstaler im Geldumlauf nie die eigentlich angedachte Rolle. Sie wurden von Beginn an gesammelt.
Thronsaal Ludwigs I. in der Münchner Residenz.
Foto: KW
Der König nutzte sie hauptsächlich für repräsentative Zahlungen, wenn er zum Beispiel die Diäten der StändeVersammlung bezahlte oder Geldpreise und Prämien. Ab November 1836 mussten an ihnen interessierte Bürger sogar ein Aufgeld für sie zahlen – also sehr ähnlich dem, wie heute Gedenkmünzen vermarktet werden.
Die Serie der bayerischen Geschichtstaler gehört weltweit zu den attraktivsten Sammelgebieten des 19. Jahrhunderts. Ihre abwechslungsreichen Motive geben einen Einblick in das Selbstverständnis eines Monarchen, der München zu der Stadt machte, die sie heute ist. Zudem nehmen sie eine Schlüsselstellung ein in der Entwicklung zur zeitgenössischen Münzprägung. Ein guter Grund, sie zu sammeln. Noch sind Geschichtstaler im Verhältnis zu ihrer Seltenheit und Attraktivität recht günstig.
H. R. Baldus, Randbemerkungen zum bayerischen Geschichtstaler auf die erste deutsche Eisenbahn, 1835, JNG 40 (1992) 97-100.
H. Gollwitzer, Ludwig I. von Bayern. Eine politische Biographie, München 1997.
W. Grasser, Bayerische Geschichtstaler. Von Ludwig I. und Maximilian II., Rosenheim 1982.
Ursula Kampmann, Die Geschichtstaler Ludwigs I. von Bayern. MünzenRevue 1998/4, 5 und 6.
M. Mackensen, Entwicklung der bayerischen Kronen- und Geschichtstaler, JNG 22 (1972) 77-97.
B. Overbeck, Geschichtstaler König Ludwigs I. von Bayern –Zitate nach Römischen Münzen, JNG 39 (1989) 27-35.
,Frauen und Frauenbilder auf Münzen und Medaillen‘
Eine Empfehlung
für ein kürzlich erschienenes Buch
Von Johannes Nollé
Solidus für Galla Placidia aus Ravenna. Künker-Auktion 347 (22. März 2021), Los 1275. Schätzung: 4.000 Euro, Zuschlag: 8.500 Euro.
Wir danken dem Verein und seinem Vorsitzenden, Dr. Ulrich Heide, dass die Bonner Münzfreunde unseren Lesern die Möglichkeit geben, den Band mit 33% Rabatt für 19,90 Euro + Porto- & Verpackungskosten zu erwerben. Sie können in den Genuss dieses großzügigen Angebots kommen, wenn sie ihre Bestellung an inja.macclure@ kuenker.de oder julia.kroener@ kuenker.de schicken.
Es ist erstaunlich, was die numismatischen Gesellschaften Deutschlands trotz einer immer deutlicher sichtbar werdenden Krise des Vereinswesens noch immer an wissenschaftlichen oder zumindest wissenschaftsnahen Veröffentlichungen hervorbringen. Die Publikation einer Zeitschrift oder von Monographien erfordert nämlich nicht nur umfassendere wissenschaftliche Kenntnisse und geistige Bemühungen zahlreicher Mitglieder – insbesondere solche der Herausgeber –, um einen Sammelband mit qualitativ guten Beiträgen vorlegen zu können, sondern setzt auch einen tatkräftigen Vorstand voraus, der für die Bereitstellung bzw. die Beschaffung größerer Finanzmittel Sorge trägt, um ein Buch ansprechend zu realisieren.
Die ,Numismatische Gesellschaft Bonner Münzfreunde e.V.‘ hat im Jahre 2024 als Band 4 der ,Bonner Numismatischen Studien‘ unter der Herausgeberschaft von Ulrich Heide und Gabriele Sturm ein schön gestaltetes Buch 1 mit dem Titel ,Frauen und Frauenbilder auf Münzen und Medaillen‘ zu dem wohlfeilen Preis von 29,90 Euro vorgelegt.
Herauszustellen ist die Unterstützung dieser Publikation durch zahlreiche Firmen des Münzhandels, überwiegend deutsche, aber auch eine italienische sowie eine österreichische. Sie haben die Bedeutung der numismatischen Gesellschaften für die Kultur und für ihre Kundschaft – die Sammler von Münzen – richtig eingeschätzt.
Die Veröffentlichung eines Buches mit diesem Titel, das einer Teildisziplin der ,Gender Studies‘ – Studien über Geschlechterverhältnisse – gewidmet ist, nämlich der ,Frauenforschung‘, ist kein leichtes Unterfangen, da es in dieser Forschungsrichtung immer wieder feministische Ansätze gibt, die oftmals die Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens außer Acht lassen und sich in ideologische Fehl- und Vorurteile verstricken, die nicht zu dem anzustrebenden Ziel führen, die Stellung und Rolle von Frauen in verschiedenen historischen Gesellschaften in ihren sozialen Zusammenhängen zu verstehen und dann erst zu Urteilen zu gelangen. Allein die sorgfältige und unvoreingenommene Sichtung des Quellenmaterials macht es möglich,
1 Das gilt auch für die farbigen Münzabbildungen, die bis auf die markianopolitanischen Münzen im Aufsatz von Jens Barthel äußerst qualitätsvoll wiedergegeben sind.
Crown Victoria 1847 (Gotischer Typ).
Künker-Auktion 428 (8. Oktober 2025), Los 1085.
Schätzung: 15.000 Euro, Zuschlag: 18.000 Euro.
zu nachvollziehbaren Bewertungen zu kommen, die sich an dem vielzitierten Satz Leopold von Rankes über Geschichte orientieren sollten. „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eignen Selbst“. Allein ein solcher Standpunkt bewahrt den Historiker vor dem oft praktizierten, aber unwissenschaftlichen Moralisieren.
Für Frauenstudien anhand von Münzbildern von der Antike bis in die Neuzeit gibt es kaum Vorarbeiten. Münzen mit der Darstellung von Frauen sind bisher zum einen zu wenig gesichtet und zusammengestellt worden, zum anderen noch nicht hinreichend untersucht und interpretatorisch in ihr gedankliches Umfeld eingeordnet worden. Da die wichtigste Aufgabe von Münzen darin besteht, auf
knappem Raum und mit keinem bzw. wenig Text die Identität des Münzherrn 2 herauszustellen, sind eine möglichst umfassende Kenntnis der Prägesituation, des geistigen Hintergrundes des Münzdesigns und des Propagierungswillens der Münzherrn von grundlegender Bedeutung für ein korrektes Verständnis.
Ansätze zu solchen Studien sind das Arbeitstreffen von Numismatikern in Tübingen (Gender Numismatics. Fluid Identities and Ancient Coinage. International Workshop, University of Tübingen, November 29-30, 2018) sowie eine Ausstellung des Berliner Münzkabinetts, über die Johannes Eberhardt in seinem Beitrag (’Von Eva bis Greta – Frauen auf Münzen und Medaillen‘. Rückblick auf eine Ausstellung des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin, 2020-2022) in diesem Band berichtet. Zudem stellt er einige seiner Überlegungen und Ergebnisse vor. Gerade in diesem Zusammenhang wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Bedeutung bzw. Nichtbedeutung des Themas ,Frauendarstellungen‘ in Zusammenhang mit der identitätsstiftenden Funktion von Münzen eingehender erörtert worden wäre.
Insofern ist der Band der Bonner Münzfreunde sehr zu begrüßen und für jede Numismatiker-Bibliothek unverzichtbar, da er sich einem äußerst unzureichend bearbeiteten Feld der Numismatik zuwendet. Das Buch bietet vor allem eine Zusammenstellung von viel Quellenmaterial und wendet sich in einigen Fällen einer tieferschürfenden Deutung einzelner Münzen zu. Selbst die weniger gelungenen Partien des Buches sind insofern von Nutzen, als sie zur Auseinandersetzung mit dem Dargebotenen herausfordern und so zum Ausgangspunkt für weitere Überlegungen und Einsichten werden können.
Auf antiken Münzen erscheinen Frauen lediglich in der Funktion von Göttinnen und Heroinen (etwa die Amazonen), Personifikationen von Ländern sowie Gewässern und schließlich von Herrscherinnen bzw. Gattinnen eines Herrschers. In verschiedener Weise trugen sie zur Identität antiker Münzherren bzw. Staaten bei. Bei dieser Fragestellung sollte der Numismatiker und Historiker intensiver darauf eingehen, welche Aspekte von Weiblichkeit auf Münzen herausgestellt werden: Sollten weibliche Schutzgottheiten den mütterlichen oder kriegerischen Schutz von Städten oder monarchischen Münzherren einfordern oder herausstellen? Sollte mittels attraktiver Frauenbilder die Schönheit einer Stadt oder Herrscherin evoziert werden? Sollten die Bildnisse von Gattinnen antiker Herrscher auf die Rolle des Erhalts einer Dynastie und/oder auf Mitregentschaft und politisches (Ein)Wirken der Frau an seiner Seite hinweisen?
Die Bonner Münzfreunde konnten für das Thema Göttinnendarstellungen auf Münzen Jens Barthel gewinnen. Er ging auf weibliche Gottheiten auf den Pentassarion/Fünfas-Prägungen von Markianopolis aus der Zeit des Kaisers Macrinus ein und stellte heraus, dass Göttinnen wie ihr männliches Pendant gleichermaßen auf den Münzen der Stadt erscheinen und die himmlischen Frauen folglich emanzipiert gedacht wurden. 3 Probleme um die Darstellung von Herrscherinnen auf Münzen erörtert der folgende Aufsatz von Claudia Klages anhand der verschiedenen Aspekte des Erscheinens der jüngeren Agrippina auf Münzen der Reichsprägung. Peter Quay behandelt römische Kaiserinnen auf spätantiken Prägungen. Er würdigt allerdings die Bedeutung der kaiserlichen Frauen für den Erhalt der Dynastie nicht hinreichend, wenn er (S. 65) behauptet „Frauen gehörten in diesem System nicht zu den offiziellen Repräsentanten“. Die auf Münzen aufscheinenden kaiserlichen Frauen repräsentieren vor allem die Hoffnung auf den Fortbestand des Kaiserhauses, präsentieren erwünschte Frauentugenden und weisen hin und wieder auch auf ihre politische Wirksamkeit hin. Man denke nur an Münzen, auf denen Julia Domna sowohl als ,mater Augustorum‘ als auch als ,mater castrorum‘ bezeichnet wird.
Im Mittelalter sind es in der Nachfolge der antiken Göttinnen weibliche Heilige, die als Stadt- oder Landesschützerinnen erscheinen. Reiner Theil geht auf die heilige Helena auf Trierer Wallfahrtsmedaillen ein, und Ulrich Heide stellt in zwei sehr interessanten und gut recherchierten Aufsätzen die venezianische Santa Giustina und die personifizierte Justitia auf venezianischen Münzen vor. Die heilige Justina soll unter Diokletian am 7. Oktober 304 (?) in Padua/ Patavium den Märtyrertod gestorben sein und wurde besonders in Padua und Venedig verehrt. Sie wurde zur Memorialheiligen der Venezianer, da an ihrem Todesbzw. Patronatstag des Jahres 1571 die Venezianer die weltbedeutende Seeschlacht von Lepanto gewannen.
Es ist das Verdienst der Mitherausgeberin dieses Bandes, Gabriele Sturm, viele Frauendarstellungen auf neueren Münzen gesammelt und sie nach den verschiedenen Funktionen von Frauendarstellungen in mehreren Beiträgen geordnet zu haben. Wenn man an dem hypertrophen Gebrauch des Gendersternchens keinen Anstoß nimmt, kann man Gabriele Sturms zahlreiche Beiträge mit viel Gewinn lesen. Ergänzt werden ihre Beiträge zu neuzeitlichen Münzprägungen durch Aufsätze von Eberhard Auer über Marie Curie und ihre Tochter Irène auf Münzen und Medaillen sowie von Henning Föls über die Gothic Crown der englischen Königin Victoria. Dieser Beitrag konzentriert sich darauf, die Schönheit dieser Münze
herauszustellen, versäumt es aber, genauer auf jenes stilbildende Interesse des 19. Jhdts am Mittelalter einzugehen, das etwa in der neogotischen Baukunst, der Fertigstellung des Kölner Doms nach seinen mittelalterlichen Plänen, dem Historismus und den Editionen mittelalterlicher Literatur seinen Niederschlag gefunden hat. In diesem Zusammenhang ist es von Interesse, die Frage aufzuwerfen, wie diese auf das Mittelalter zurückgreifende Bewegung das Frauenbild der viktorianischen Zeit beeinflusst hat.
Diese kritischen Bemerkungen sollen und können diese Leistung der Bonner Münzfreunde nicht in Frage stellen, zu einem bisher viel zu wenig beachteten Aspekt der Numismatik einen erfreulichen Beitrag geleistet zu haben. Das Buch sollte zu weiteren Zusammenstellungen und Untersuchungen zu diesem Thema herausfordern und vielleicht auch zu einem Fortsetzungsband führen, in dem viele weitere Aspekte dieses interessanten Themas vorgestellt und diskutiert werden.
2 Dieses generische Maskulinum schließt selbstverständlich auch jene Frauen ein, die wie etwa Elisabeth I. von England oder deutsche Äbtissinnen Münzherren waren.
3 Der Autor konnte sich nicht entscheiden, ob er von PentassarionPrägungen der Stadt Markianopolis oder des Macrinus ausgehen sollte. Es kann nicht bezweifelt werden, dass, wie die Legenden der Münzen zeigen, die Bürger von Markianopolis und nicht der Kaiser die Münzherren waren.
Die skrupellose Tatkraft einer Königin: Arsinoë II.
Von Johannes Nollé
Abb. 1: Oktodrachme, geprägt von Ptolemaios II. auf seine verstorbene Schwester und Gattin Arsinoë II., Münzstätte Paphos auf Zypern: Bild der Arsinoë mit Hinterkopfschleier, über ihrem Haupt die Bekrönung eines königlichen Diadems // [ΑΡΣ]ΙΝΟΗΣ
([Prägung] der Arsinoë, der Bruderliebenden) Doppelfüllhorn, mit Früchten und Kuchen gefüllt und mit zwei Diadembändern geschmückt, Π(άφος), darüber Stern der Aphrodite (Künker-Auktion, November 2026).
Wir freuen uns, in einer unserer kommenden Auktionen gegen Jahresende unseren Sammlern eines der seltensten ptolemäischen AchtdrachmenStücke 1 mit dem Bild Arsinoës II. anbieten zu können (Abb. 1). Diese große Goldmünze mit einem Gewicht von 27,72 g, die auch als Mnaion, bezeichnet wird, wurde in den letzten Regentschaftsjahren des ägyptischen Königs Ptolemaios II. (283/82–246 v. Chr.) in der Stadt Paphos auf Zypern geprägt.
Der Prägeort macht darauf aufmerksam, dass die Ägypter die Insel Zypern und Teile der gegenüberliegenden Südküste Kleinasiens unter ihre Herrschaft gebracht hatten, um vor allem Zugriff auf die dortigen Zedernwälder und andere wichtige Rohstoffe zu haben. 2 Sie nutzten das für den Schiffbau besonders gut geeignete Holz der Zedern für eine weit ausgreifende Marinepolitik, die sich über das ganze östliche Mittelmeer und die Ägäis bis hinein in das Schwarze Meer erstreckte. Es ging dabei um Handel und die Sicherung der Verbindung mit dem griechischen Mutterland. Für die Verwaltung ihres Reiches brauchten die Ptolemäer griechische Intelligenz, die sie vor allem in den hochentwickelten Städten
Griechenlands wie auch in jenen des griechischen Kleinasiens rekrutieren konnten. Reiche Goldvorkommen in Ägypten und im angrenzenden Nubien einerseits und ein eklatanter Mangel an Silber andererseits ließen die Ptolemäer zur Finanzierung dieser Unternehmungen in großem Stil schwere Goldmünzen prägen, was in krassem Gegensatz zur griechischen Geldproduktion stand, die auf Silber basierte.
Jenseits dieser Informationen über die expansive Machtpolitik des Ptolemäerreiches lenkt das Vorderseitenbild dieser schönen Münze unseren Blick auf eine der interessantesten Frauen der Antike, die mit ihrem bewegten Leben ein bezeichnendes Licht auf die Epoche des Hellenismus (323–31 v. Chr.) wirft. Die Wechselfälle ihrer Lebensgeschichte lassen deutlich werden, weshalb die Menschen dieses Zeitalters des raschen, manchmal sich überstürzenden Wandels sich in besonderem Maße von der Schicksalsgöttin Tyche (lat. Fatum) bestimmt und bedrängt sahen. Ein Steuerruder in der rechten Hand der Göttin (Abb. 2) symbolisiert den Einfluss des Zufalls auf das Leben der Menschen im Hellenismus.
Kleopatra (VII.) – ‚Das‘ Gesicht der ägyptischen Ptolemäerdynastie
Von den makedonischen Königinnen, die nach der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen im Jahre 332 v. Chr. an der Herrschaft über das Land am Nil beteiligt waren, ist Kleopatra VII. die bekannteste. Sie war die letzte Herrscherin der makedonischgriechischen Ptolemäerdynastie, die 323 v. Chr. mit Ptolemaios I. (323–283/2 v. Chr.) die Macht über Ägypten gewonnen hatte und mit Kleopatras Selbsttötung im Jahre 30 v. Chr. zu einem Ende kam: Die Römer konnten nach Kleopatras Freitod auch Ägypten in ihr mittelmeerumspannendes Reich eingliedern. Mit einer Herrschaftsdauer von nahezu 300 Jahren waren die Ptolemäer die am längsten bestehende Königsdynastie des hellenistischen Zeitalters und auch die erfolgreichste.
Kleopatra, die von 51–30 v. Chr. Königin Ägyptens war, ist trotz des mit ihr verbundenen tragischen Ab- und Untergangs der Ptolemäerdynastie eine stets in Erinnerung gebliebene außergewöhnliche Monarchin dieser Herrscherfamilie. Ihre Beziehungen zu Caesar und zu Marc Anton wie auch ihre Erfolglosigkeit bei der Konfrontation mit dem jungen Caesar, der sich später Augustus nennen sollte, hat bereits die antiken Historiker interessiert und fasziniert. Ganz zu Beginn des 17. Jhdts. zog das Geschick der Königin auch den englischen Dramatiker Shakespeare an und fand seinen Niederschlag in der Tragödie ,Antony and Cleopatra‘. 3
vermittelt er uns ein gewisses Wissen über Kleopatra, prägt unsere Vorstellungen von dieser ägyptischen Königin und bewahrt noch nach über 2000 Jahren ihr Gedächtnis. Seit der Erstaufführung dieses Spielfilms hat in unseren Vorstellungen Kleopatra die Gestalt und die Attitüden von Liz Taylor angenommen.
Abb. 2: Rückseite einer hellenistischen Tetradrachme von Tripolis in Phönikien: Die Göttin Tyche mit Mauerkrone auf ihrem Kopf, Steuerruder mit der Rechten haltend und Füllhorn im Arm (Künker-Auktion 341, 1. Oktober 2020, Los 5145, Zuschlag: 3.200 Euro).
Hinter der historischen Gestalt der Kleopatra steht vor allem die Frage nach Macht und Wirksamkeit von weiblicher Erotik auf die Politik. Caesar, Antonius und der junge Caesar (der spätere Kaiser Augustus) spiegeln nämlich drei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen von bedeutenden Staatslenkern gegenüber einer verführerischen Frau, die ihre sexuelle Ausstrahlung wirkmächtig für politische Ziele einzusetzen versuchte: Caesars überlegener Umgang mit der schönen Königin, die ihn nicht von der strikten Verfolgung seiner politischen Ziele abbringen konnte; dann Antonius’ sexuelle Hörigkeit, die ihn zum Spielball der schönen Ägypterin und zum unterlegenen Gegenspieler des jungen Caesar werden ließ; und schließlich die aus politischem Kalkül praktizierte brüske Zurückweisung der Offerten dieser attraktiven, aber schon in die Jahre gekommenen Frau durch den jungen Caesar (Augustus).
Für die Präsenz der Kleopatra in unserer Zeit bildet der berühmte Film ,Cleopatra‘ mit Liz Taylor als Kleopatra und Richard Burton als Antonius aus dem Jahr 1963 noch immer die Grundlage. Mit den schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller und mit aufwändigen Kostümen und imposanten Szenerien
1 Catharine C. Lorber listet in ihrem Katalog der ptolemäischen Prägungen (Coins oft he Ptolemaic Empire I 1, New York 2018, 352 Nr. 495) nur ein einziges Exemplar im Handel auf, das aber mit dem in unserer Auktion angebotenen nicht identisch ist.
2 Vgl. dazu R.S. Bagnall, The Administration of the Ptolemaic Possessions outside Egypt, Leiden 1976, 38–79.
3 Für die Nachwirkung der Königin vgl. die Ausstellung in der Bundeskunsthalle (Hrsg.), Kleopatra. Die ewige Diva, München 2013.
3:1 1:1
Arsinoë II.
Ebenfalls die Theaterbühne oder ein ähnliches filmisches Spektakel wie Kleopatra hätte zweifellos eine andere ptolemäische Königin verdient, die mehr als zweihundert Jahre früher, von ca. 316 bis 270 v. Chr., lebte: Arsinoë II. (Abb. 3). Ihr Name bedeutet soviel wie die ,Selbstbewusste‘ oder ,Großgesinnte‘. Arsinoë ist damit ein wahrhaft königlicher Name und passte vorzüglich, wie sich noch zeigen wird, zu seiner Trägerin. Gegeben wurde ihr dieser Name aber offensichtlich deswegen, weil die Mutter ihres Vaters Ptolemaios, d.h. ihre Großmutter väterlicherseits, ihn schon trug. Obwohl es mehrere neuere wissenschaftliche Aufarbeitungen ihres Lebens in Buchform gibt, 4 reicht Arsinoës Nachwirkung nicht an die der Kleopatra heran. Sie ist den meisten unserer Zeitgenossen völlig unbekannt.
Eine Hofdame wird Königin
Arsinoë war die Tochter Ptolemaios’ I. (Abb. 4), des Kampfgefährten Alexanders des Großen. Ptolemaios –sein Name bedeutet soviel wie der ,Kriegserfahrene‘ –war nach dem Tod des großen Makedonen im Jahre 323 v. Chr. Ägypten als Herrschaftsgebiet zugefallen:
Seit 306 v. Chr. führte er den Titel eines Königs von Ägypten. Arsinoës Mutter war Berenike (Abb. 5), eine schöne wie geistreiche Frau. Sie war als Verwandte und Hofdame der Eurydike, der ersten Gattin des Ptolemaios, um 320 v. Chr. an den Königshof von Alexandria gekommen. Schon drei Jahre später fand Ptolemaios größeren Gefallen an Berenike als an seiner Ehefrau Eurydike, die ihm mehrere Kinder geboren hatte, darunter auch einen Sohn, der wie sein Vater Ptolemaios – mit dem Beinamen Keraunós, gr. ,Der Donnerer‘ – genannt worden war. Aus der Liaison des Ptolemaios mit Berenike gingen drei Kinder hervor: Arsinoë (II.), die etwa um 316 v. Chr. geboren wurde, Ptolemaios (II.) und eine Tochter namens Philotéra.
Abb. 4: Kopf Ptolemaios’ I., Louvre (Marie-Lan Nguyen, Wikipedia, s.v. Ptolemaios I.).
Abb. 3: Kopf Arsinoës II. in Angleichung an die Mondgöttin Selene, Louvre (Jastrow, Wikipedia, s.v. Arsinoë II.).
Abb. 5: Achtdrachmen-Münze Ptolemaios’ III., geprägt in Alexandria:
ΑΔΕΛΦΩΝ ([Bildnisse] der Geschwister); gestaffelte Büsten Ptolemaios’ II. und Arsinoës II // ΘΕΩΝ ([Bildnissε] der Götter); gestaffelte Büsten Ptolemaios’ I. und Berenikes. (Künker-Auktion 438, 16. März 2026, Los 436, Zuschlag: 9.000 Euro).
Am Hof von Alexandria
Die Polygamie vieler hellenistischer Könige, die ihr Vorbild in der Heiratspolitik Philipps II. von Makedonien hatte, diente nicht nur der Befriedigung sexueller Gelüste und großer Gefühle der Monarchen, sondern war auch ein politisches Mittel, um unterworfene Völker an das Königshaus zu binden oder geschlossene Bündnisse durch Familienverbindungen abzusichern. Die ,Vielweiberei‘ führte jedoch häufiger zu Spannungen und Auseinandersetzungen der königlichen Frauen um Macht und Einfluss, in die oftmals der gesamte Hofstaat involviert wurde. Eine fatale Folgeerscheinung waren Intrigen und Verschwörungen, Mordtaten, Verbannungen oder gar Hinrichtungen. Sehr oft erschütterten sie nicht nur die hellenistischen Dynastien, sondern die ganze hellenistische Staatenwelt.
Berenike, der neuen Favoritin König Ptolemaios’ I., gelang es, Eurydike vom alexandrinischen Königshof zu verdrängen, die Stellung einer Königin einzunehmen und schließlich ihren Sohn Ptolemaios (II.) in die Position eines künftigen Nachfolgers Ptolemaios’ I. zu bringen, so dass Eurydikes Sohn Ptolemaios (Keraunós) seine Rolle als Thronfolger verlor. Als Eurydike einsehen musste, dass sie gegen die Liebe Ptolemaios’ I. zu Berenike und die Bevorzugung von deren Kindern nicht aufkommen konnte, verließ sie 287 v. Chr. zusammen mit ihrem Sohn Ptolemaios (Keraunós) Alexandria. Mutter und Sohn hielten sich zunächst im kleinasiatischen Milet auf, dann in Kassandreia auf der Chalkidike.
Ptolemaios’ und Berenikes Tochter Arsinoë II. hatte am Hof von Alexandria den Kampf ihrer Mutter mit Eurydike um Macht und Einfluss am ägyptischen Hof hautnah miterlebt. Bei diesem Machtkampf ging es Berenike und Eurydike insbesondere darum, ihren jeweils ältesten Sohn – Ptolemaios Keraunós bzw. Ptolemaios II. – als Thronerben durchzusetzen. Der erbitterte Kampf Berenikes um die weibliche Vorrangstellung am Königshof dürfte ihre Tochter Arsinoë stark geprägt haben. Hinzu kam, dass große Energie und nicht selten extremer Wagemut spezifische Charaktereigenschaften Arsinoës waren. Sie setzte diese dazu ein, Ruhm (gr. kléos) zu gewinnen. Nicht ohne Grund war der Name Kleopatra (,Eine Tochter, die an den Ruhm ihres Vaters anknüpfte‘) für makedonische Adelstöchter äußerst beliebt: Die Gewinnung von Ruhm, der über die Masse der Menschen hinaushob, war ein Lebensziel des makedonischen Adels, ganz gleich, ob es sich dabei um männliche oder weibliche Vertreter dieses Standes handelte. Alexander der Große war für solchen Ruhm bis ans Ende der Welt vorgedrungen und galt auch in dieser Hinsicht als das große Vorbild.
4 G. Longega, Arsinoe II, Rom 1968; E. D. S. Müller, Das hellenistische Königspaar in der medialen Repräsentation. Ptolemaios II. und Arsinoë II., Berlin/New York 2009; E. D. Carney, Arsinoë of Egypt and Macedon: A Royal Life, New York 2013.
Abb. 6a und b: Kopf einer Kultstatue des Lysimachos aus Ephesos, Selçuk-Museum, Vorder- und Seitenansicht (JN Mai 2022).
Königin von Thrakien
Arsinoë wurde noch im Teenageralter, als sie etwa 16 Jahre alt geworden war, aufgrund diplomatischer Überlegungen ihres Vater Ptolemaios einem ca. 45 Jahre älteren Mann zur Ehefrau gegeben. Sie wurde die Gattin des thrakischen und später auch makedonischen Herrschers Lysimachos (Abb. 6a und b), der vor dieser Eheschließung schon zwei- oder dreimal verheiratet gewesen war. Arsinoë gebar ihm drei Söhne.
Lysimachos zeigte sich Arsinoë für die Sicherung seiner Dynastie mit gleich drei Söhnen demonstrativ dankbar. Er konnte nunmehr davon ausgehen, dass die Herrschaft seiner Familie über sein thrakisches Reich, zu dem nach dem Tod des Antigonos Monophthalmos im Jahre 301 auch Westkleinasien hinzugekommen war, gesichert war (Abb. 7). Lysimachos stattete Arsinoë mit großen Einkünften aus und benannte mehrere Städte nach ihr. Sogar das altehrwürdige Ephesos musste seinen angestammten Namen in Arsinóeia ändern. Bis heute erinnern Münzen an diese Phase der ionischen Metropole (Abb. 8). 284 v. Chr. gelang es Lysimachos, auch den größten Teil Makedoniens unter seine Herrschaft zu bringen.
Da der Herr dieses großen Reiches damals um die 75 Jahre alt war, wurde die Frage nach einer definitiven Nachfolgeregelung zunehmend drängender. 283/282 v. Chr. ließ Lysimachos aufgrund einer Intrige der Arsinoë seinen Sohn und Thronanwärter namens Agathokles
hinrichten. Dieser stammte aus einer früheren Ehe des Lysimachos, hatte bis dahin die besten Aussichten auf die Thronfolge gehabt und war mit einer Schwester von dessen Gattin Arsinoë namens Lysandra verheiratet. 5
Mit diesem Verbrechen zog Unheil über Lysimachos und sein Haus herauf; es sollte auch die Geschicke der Arsinoë in eine neue Richtung lenken. Lysimachos’ Grenznachbar in Kleinasien, Seleukos I., an dessen Hof Lysandra, die Gattin des Agathokles und Schwester der Arsinoë, sich geflüchtet hatte, nahm die Hinrichtung des Agathokles zum Anlass, gegen Lysimachos zu Felde zu ziehen. In der Schlacht von Kurupedion in Lydien fand Lysimachos im Frühjahr 281 den Tod. Seine Witwe Arsinoë, die wegen ihres Anteils an der Ermordung des Agathokles die Rache des Seleukos fürchtete, floh zu ihrem gewissenlosen wie brutalen Halbbruder Ptolemaios Keraunós, der den Tod des Lysimachos als eine ihm vom Schicksal geschenkte Chance für sich auszunutzen dachte.
Gattin eines königlichen Monsters
Ptolemaios Keraunós ermordete heimtückisch den Sieger der Schlacht von Kurupedion, König Seleukos I., obwohl er einst an dessen Seite gegen Lysimachos gekämpft hatte. Mit diesem Mord versuchte er, sich als Rächer des Lysimachos zu stilisieren, um auf diese Weise die Herrschaft über das einstige Reich des Lysimachos zu gewinnen. Eine Heirat mit der Königswitwe Arsinoë passte in sein Kalkül, da er damit solche Ansprüche untermauern konnte.
Abb. 7: Die Diadochenreiche zur Zeit des Lysimachos (JN auf der Grundlage einer Karte von Captain Blood, Wikipedia).
Abb. 8: Bronzemünze aus der Zeit, als Ephesos Arsinóeia hieß: Büste der Arsinoë mit Kopfschleier // Name des Prägeaufsehers
ΘΕΟΦΙΛΟΣ (Theóphilos) Bogen und Köcher der Artemis, Biene als Symbol von Ephesos, APΣΙ(νοέων) ([Prägung] der Arsi(noeis)/Bürger von Arsinoeia; (Künker-Auktion 136, 10. März 2008, Los 642, Zuschlag: 340 Euro).
Obwohl Arsinoës Halbbruder Keraunós am Hof von Alexandria der Konkurrent ihres Vollbruders Ptolemaios II. gewesen war und Arsinoës Mutter Berenike seine Thronansprüche bekämpft hatte, heiratete Arsinoë ihn, wahrscheinlich um den Rang einer Königin zu behalten. Allerdings entpuppte Ptolemaios Keraunós sich als königliches Ungeheuer: Er tötete zwei von Arsinoës und Lysimachos’ Söhnen; einem dritten gelang die Flucht. Die Kinder des Lysimachos und der Arsinoë hätten seine Herrschaftsansprüche zu gefährden vermocht, und wer konnte einer Gattin wie Arsinoë trauen? So musste Arsinoë, je stärker Ptolemaios Keraunós seine Herrschaft über Makedonien und Thrakien festigen konnte, auch um ihr eigenes Leben fürchten. Sie floh zunächst in das hochheilige Kabiren-Heiligtum auf der Insel Samothrake. Es zahlte sich jetzt aus, dass sie in ihrer Zeit als Gattin des Lysimachos dieser Kult- und Pilgerstätte reiche Geschenke gemacht hatte.
5 H. Bengtson, Herrschergestalten des Hellenismus, München 1975, 224: „Die Vorgänge am Hof des Lysimachos, insbesondere aber der gewaltsame, auf Anstiftung der Arsinoe II. herbeigeführte Tod des Agathokles, zeigen ein nicht mehr zu überbietendes Maß an Roheit und Rücksichtslosigkeit. Weder der Stiefsohn noch die eigene Schwester waren der Herrscherin heilig, und die Verblendung des Lysimachos war ihr eine willkommene Hilfe beim Streben nach der Macht, das sie bis zur äußersten Konsequenz durchgekämpft hat.“
Heimkehr nach Ägypten –Die Geschwisterehe der Königskinder
Als Arsinoë sich auch auf Samothrake nicht mehr sicher fühlte, verließ sie die Insel im Norden der Ägäis und kehrte um die Mitte der 270er Jahre aus dem Machtbereich des Keraunós in ihre ägyptische Heimat zurück. Am Hof ihres Bruders Ptolemaios’ II. fand sie Zuflucht.
Dieser war mit Arsinoë I., einer Tochter des Lysimachos, verheiratet. Diese Arsinoë war einstmals Arsinoës II. Stief- und Ziehtochter gewesen. Der mit allen Wassern gewaschenen und trotz ihrer vierzig Jahre offensichtlich noch immer attraktiven Arsinoë II. gelang es rasch, ihre Namensschwester und Stieftochter aus ihrer Rolle als Königin Ägyptens zu verdrängen. Die Heimkehrerin Arsinoë II. wurde die Geliebte ihres Bruders Ptolemaios II. und bald seine Königin, nachdem Arsinoë I. eines Komplotts gegen den König beschuldigt worden war. Sie musste fortan unter anscheinend akzeptablen Bedingungen als Verbannte in Koptos leben, einer mittelägyptischen Karawanenstadt am Rande der arabischen Wüste.
Abb. 9: Arsinoë II. und Ptolemaios II., zwischen ihnen Isis, Philae (Olaf Tausch, Wikipedia, s.v. Arsinoë II.)
Arsinoë II. und Ptolemaios II. wurden bald als ‹Philadelphoi›, d.h. als ‹Die sich liebenden Geschwister› bekannt. Die Geschwisterehe (Endogamie) wurde in der griechischen Welt als anstößig empfunden, und der damit verbundene Bruch des Inzest-Tabus zog in der griechischen Welt Kritik auf das ungewöhnliche Herrscherpaar. Obwohl der griechische Mythos von der ehelichen Verbindung der Geschwister Zeus und Hera erzählte, war eine solche Verbindung in der realen Welt nicht akzeptabel. Es wurde zudem unterstellt, dass Arsinoë ihren Gatten Ptolemaios II. dominierte und Ägypten damit unter das Regiment einer Frau gekommen sei. Das Schreckgespenst vieler Griechen von Gynaikokratie (‹Weiberherrschaft›) ging um.
Ptolemaios II. hatte seine Eltern – Ptolemaios I. und seine Frau Berenike – zu Rettergöttern (theoí sotäres) proklamiert: Bei ihrem Tod hätten Zeus und Aphrodite beide in den Himmel aufgenommen. Pharaonische Traditionen, die Übersteigerung des Machtgefühls bei hellenistischen Herrschern und die griechische Gottesvorstellung, der zufolge derjenige, der weit über menschliches Maß hinausgehende Macht besitzt,
ein Gott sei, führten dazu, dass die ,Liebenden Geschwister‘ sich schon zu Lebzeiten als Götter verehren ließen, als Theoi Philadelphoi.
Überall im Reich wurden Kultstätten für das Herrscherpaar geschaffen (Abb. 9). Die göttliche Arsinoë wurde – mit Aphrodite wie auch mit Isis identifiziert –zur Schützerin aller zur See Fahrenden, seien es Soldaten der Kriegsmarine oder Seeleute auf ägyptischen Handelsschiffen. Darüber hinaus war sie auch die Patronin der Brautleute und der Familien.
In Paphos hatte der ptolemäische Admiral Kallikrates von Samos eine Kultstätte für Arsinoë eingerichtet. Daran erinnert ein Epigramm, dass der ptolemäische Hofdichter Poseidipp verfasst hat. 6
Ehrt auf dem Meer wie dem Land diese heilige Stätte der Kypris, 7 der Arsinoë Philadelphos, stimmt friedlich ihr Herz, die einst als Herrscherin über Zephyriens Klippe 8 erstmals der Schiffsherr gesetzt, er, Kallikrates dereinst. Sie aber wird eine sichere Seefahrt gewähren und, während Sturm herrscht, besänftgen die See, denen, die bittend ihr nah‘n.
Lange hat Arsinoë sich ihres Gottseins auf Erden nicht erfreuen können. 270 v. Chr. verstarb sie, doch ließ Ptolemaios II., um an sie zu erinnern, ihr Bild auf Münzen setzen, wie auch in dem Fall der eingangs erwähnten Oktodrachme. Noch über dessen Tod im Jahre 246 v. Chr. hinaus brachte sein Nachfolger Ptolemaios III. solche Münzen in Umlauf.
Auf der legendenlosen Vorderseite der Oktodrachme ist der Kopf der Arsinoë wiedergegeben. Sie trägt einen Kopfschleier, der den Vorderkopf freilässt; über der Stirn ist das Haar in parallelen Strähnen frisiert; darüber erhebt sich ein Diadem. Am Hinterkopf lugt aus dem Schleier ein Nackenzopf hervor. Der Schleier weist auf die Ehrbarkeit (gr. σωφροσύνη/sophrosyne) der dargestellten Königin hin. Ihre königlich-göttliche Stellung wird über dem Kopf von der Bekrönung eines Zepters zum Ausdruck gebracht.
Die Rückseite zeigt ein Doppelfüllhorn (Díkeras), das bis an den Rand mit kegelförmigen Kuchen und mit Früchten gefüllt ist; an beiden Seiten hängt je eine Traube herab. Zwei Diadembänder kommen hinter dem Doppelhorn hervor. Offensichtlich sollen die beiden untrennbar miteinander verbundenen Füllhörner die Eintracht und enge Verbindung des Königspaars und seinen Früchtesegen für Ägypten evozieren. Die griechische Legende hebt aber die göttliche Wirksamkeit der ΑΡΣΙΝΟΗΣ
(Arsinóäs Philadélphu) hervor. Zwischen dem rechten Horn und dem rechten Diadem bezeichnet der griechische Buchstabe Π (Pi) P(aphos) als Prägeort. Darüber ist ein Stern platziert, den man als Morgenoder Abendstern der in Paphos hochverehrten Aphrodite deuten kann.
Vertrauensvoll haben sich Menschen in Arsinoës paphischem Heiligtum an die zur Göttin gewordene Königin gewandt und sie um Hilfe in Notlagen angefleht. Mehrere kleine Votivaltäre sind dort gefunden worden, und diese Dankesgaben bezeugen, dass sie glaubten, Arsinoë habe ihnen tatkräftig geholfen. 9
Bei einem abschließenden Blick auf den Lebenslauf Arsinoës II. ist man versucht, an die Redewendung ,Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin‘ zu denken. Die energische wie skrupellose Arsinoë ist am Ende trotz ihrer vielen Intrigen und Gewalttaten in den makedonisch-ägyptischen Himmel aufgestiegen. So kann der Lauf der Welt sein. Im Hellenismus, der in vielerlei Hinsicht Ähnlichkeiten mit unserem Zeitalter aufweist, war dies nicht einmal erstaunlich.
6 Überliefert im ,Professorenbankett‘ des Athenaios von Naukratis (VII 318d).
7 Aphrodite, die dem Mythos nach aus dem Schaum des Meeres geboren wurde und in Zypern an Land ging.
8 Anspielung auf Kap Zephyrion unweit von Alexandria, wo Arsinoë ein Tempel errichtet worden war.
9 T.B. Mitford, The Hellenistic Inscriptions of Old Paphos, ABSA 56, 1961, 1–41, bes. Z Nr. 12 und 8 Nr. 13.
Die Edelherrn und Grafen von Diepholz
Ihre Geschichte und ihre Münzprägung
Von Detlev Hölscher
Abb. 1: Schloss und Stadt Diepholz. Kupferstich aus: Matthäus Merian d. Ä., Topographia Westphaliae.
In unserer Auktion 444 bietet Los-Nr. 2630 die Gelegenheit zum Erwerb einer numismatischen Spezialsammlung der Edelherrn und Grafen von Diepholz (im Folgenden kurz als „Sammlungsbestand“ bezeichnet). Die darin enthaltenen Bestände decken nahezu die gesamte zeitliche Spanne der edelherrlichen resp. gräflichen Münzprägung ab, die nach den überlieferten Exemplaren vom 14. Jahrhundert bis in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts angedauert haben dürfte. Die Ausgabe eigenen Geldes erfolgte weitestgehend in der Münzstätte Diepholz, nur Edelherr Johann III. betrieb daneben in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine weitere Prägewerkstatt im Westerdrebber (heute: Mariendrebber). Der uns überlieferte Münzbestand deutet auf eine von zeitlichen
Das ist, Beschreibung der Vornembsten, vnd bekantisten Stätte, vnd Plätz, im Hochlöbl: Westphälischen Craiße. Frankfurt am Main 1647, Illustration zum Text auf S. 78: „Dieffolt / Diepholt / bey dem Dummer See / vnd der Hunte / gegen Hunteborg vber / in Westphalen / gelegen / ist das Hauptstättlein / oder Marcktflecken / vnnd Schloß / der Graffschafft dieses Namens / so jetzt Lüneburgisch…“
Anmerkung: Die im Text mit einem Sternchen [*] gekennzeichneten Münzen, größtenteils äußerst seltene Stücke, sind nicht im Sammlungsbestand enthalten.
Unterbrechungen gekennzeichnete Prägung von eigenem Geld. Des Weiteren sind in der nun offerierten Sammlung auch auswärtige Münzen enthalten, die nicht regierungsberechtigte nachgeborene Söhne der edelherrlichen Familie als Bischöfe auswärtiger Diözesen schlagen ließen.
Historischer Abriss
In den auf uns gekommenen Schriftquellen tritt das Dynastengeschlecht der Edelherrn von Diepholz erstmals 1160 in Gestalt der Edelherren Cono (Konrad)
und Wilhelm aus dem Dunkel der Geschichte. Wir befinden uns somit in einer Epoche, in der sich unter den Vertretern des Adels die Gewohnheit durchsetzte, nicht allein den persönlichen Taufnamen zu führen, sondern diesen mit einem Herkunfts- respektive Familiennamen zu verknüpfen, der sich in der Regel vom Stammsitz des jeweiligen Geschlechts ableitete. In unserem Fall war dies die bis heute archäologisch nur sporadisch untersuchte Burg Diepholz, die bereits vor 1160 existierte und später zu einem Schloss umgestaltet wurde.
Frühere Mitglieder dieser Sippe lassen sich trotz ausgeklügelter historischer Forschungsmethoden nur vage erschließen. Mit großer Wahrscheinlichkeit bestand ein nicht näher definierbares Verwandtschaftsverhältnis der Diepholzer Dynasten zu dem 1110-1118 amtierenden Osnabrücker Bischof Gottschalk sowie zu dessen 1080/1088 dokumentierten gleichnamigen Vater und zu dessen Tante väterlicherseits, einer gewissen Edeldame Gysla, Erbin von Drebber.
Aufgrund des Fakts, dass die Herren von Diepholz noch im frühen 13. Jahrhundert über Erbgut im Elbe-Weser-Dreieck verfügten, das sie 1219 der bremischen Kirche übertrugen, entstand die These, dass ihre Vorderen die ursprünglichen Wohnsitze im küstennahen Raum des Elbe-Weser-Dreiecks gelegen hatten, bevor diese ihren Wirkungsort ins mehr als 100 Kilometer südwestlich gelegene Gebiet der späteren Herrschaft Diepholz verlegten. Wenngleich die räumliche Verlagerung des Schwerpunkts eines Adelsgeschlechts im Hochmittelalter hinlänglich bewiesen ist - wie z. B. im Falle der Grafen von Ravensberg -, so lässt sich ein solcher Vorgang auf die Frage der Herkunft der Diepholzer Edelherrnfamilie zwar postulieren, jedoch aufgrund der Quellenlage nicht vollends beweisen.
Zweifelsfrei lag ihr Hauptaugenmerk spätestens seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert auf der von Mooren durchsetzten Region östlich des Dümmer-Sees und des Hunte-Flusslaufs, Bestandteil der sogenannten Dümmer-Geestniederung der Norddeutschen Tiefebene. Dank des Besitzes umfangreicher Allodien und der Verdichtung ihrer Gerechtsame in diesem Gebiet, nicht zuletzt aber auch infolge der naturräumlichen Schutzlage, gelang den Edelherren hier der Aufbau eines kleinen, weitgehend geschlossenen Herrschaftsraumes. Dieser Territorialisierungsprozess wurde begünstigt vom Sturz Heinrichs des Löwen und der Aberkennung seiner Reichslehen 1180/1181 sowie dem Ableben seines Sohnes Kaiser Otto IV. anno 1218. Der räumlichen Ausdehnung des Machtbereichs der Diepholzer Herrn setzten indes deren unmittelbare
Nachbarn, die Bischöfe von Minden und Osnabrück sowie die Grafen von Hoya enge Grenzen.
Kernstück der Diepholzer Herrschaftsbildung war die von einem Wassergraben umgebene Niederungsburg Diepholz samt der sich nahebei früh entwickelnden Siedlung, die 1380 das Osnabrücker Stadtrecht erhielt. Zu den weiteren Ortschaften ihrer Herrschaft zählten auch Drebber sowie das ca. 14 Kilometer in nördöstlicher Richtung von Diepholz entfernte Stift Mariendrebber, dessen Stiftskirche nebst der Kirche des Klosters Midlum/Neuenwalde als Grablege der edelherrlichen Familie diente. Mit der Errichtung der Burgen Auburg, Lembruch und Lemförde trugen die Edelherren zur Sicherung ihrer Grenzgebiete bei. Die im Innern ihres Herrschaftgebiets wenige Kilometer östlich von Mariendrebber gelegene Burg Cornau verlor spätestens im 15. Jahrhundert ihre Bedeutung und wurde planmäßig niedergelegt.
Die innerfamiliäre Politik folgte dem allgemein im Adel üblichen Usus, unverheiratete Töchter und jene Söhne, die nicht zur Regierungsnachfolge bestimmt waren, in geistlichen Einrichtungen zu platzieren, um ihnen eine gesicherte Zukunft zu verschaffen und zugleich im Falle einer günstigen klerikalen Laufbahn der Auserkorenen Stellung und Einfluss der gesamten Familie zu mehren. So erlangten einzelne Vertreter dieser Gruppe im 13. und 15. Jahrhundert hohe geistliche Ämter bis zur Bischofswürde in Minden, Osnabrück und Utrecht. Die Heiratspolitik des Hauses Diepholz richtete sich in der Regel auf eheliche Verbindungen mit edelherrlichen und gräflichen Geschlechtern der benachbarten Regionen Niedersachsens und Westfalens aus. Eine prominente Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang die Hochzeit Rudolfs II. von Diepholz mit einer Tochter des schwedischen Königs Waldemar I. im Jahre 1285.
Als sich die Herrschaft Diepholz im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation längst etabliert hatte, wurde sie 1512 Reichslehen. Zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt dürfte auch die Erhebung der Edelherren in den Grafenstand erfolgt sein. Mit der Einrichtung diverser Ämter und Vogteien war ein strukturelles Element der inneren Verwaltung des Kleinstaats bereits geschaffen. Spätestens 1515 befand sich eine Münzstätte im Bereich des Vorwerks des Schlosses. Nachdem im Jahre 1585 der letzte männliche Träger des Grafentitels ohne männliche Erben verstorben war, reklamierten die Welfen erfolgreich eine ihnen vom Kaiser einst verliehene Lehnsanwartschaft auf die Grafschaft Diepholz. Davon ausgenommen waren das Amt Auburg im südöstlichen Zipfel der Grafschaft, das samt dem dortigen Schloss an den Landgrafen von Hessen ging. Aus der 1610 mit Landgraf Philipp von Hessen-Butzbach geschlossen Ehe von Anna Margareta, der 1629
Abb. 3: Topographie der Grafschaft Diepholz 1799, kolorierter Kupferstich. Ausschnitt aus Karte Nro. 289, „Die Grafschaft Hoya mit den Grafschaften Diepholz und Spiegelberg“, in: Franz Johann Joseph Reilly. Schauplatz der Fünf Theile der Welt: Mit Bestaendiger Rücksicht Auf Die Besten Originalwerke In Drey Theile Zusammengetragen Von Einer Gesellschaft Geographen; Nach Und Zu Büschings Grosser Erdbeschreibung; Enthält: 1. Deutschland und die Schweitz, 2. Italien und seine Inseln, 3. Frankreich und die Niederlande, 4. Spanien und Portugall. Wien 1799.
verstorben Tochter des letzten regierenden gräflichen Paares, gingen keine Nachkommen hervor. So endete die sich über 15 Generationen erstreckende Geschichte ihrer Familie.
Nach dem Erlöschen des Grafengeschlechts und dem Übergang des Hauptteils der Gebiete ihres Kleinstaats an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg-Celle sowie dem Anfall des Amtes Auburg an den Landgrafen von Hessen ergaben sich über einen Zeitraum von mehr als 230 Jahren keine wesentlichen territorialen Veränderungen. Mit dem Zuschlag des Auburger Landes an das Königreich Hannover vollzog sich 1816 die Wiedervereinigung der Gebietsteile der alten Grafschaft Diepholz.
Generationenabfolge der Diepholzer Regenten (nach B. U. Hucker)
Eine Auflistung der regierenden Edelherrn und Grafen von Diepholz nach heutigem Forschungsstand sei hier im Folgenden gegeben, da sie in mancherlei Hinsicht von früheren Studien abweicht, woraus sich mitunter auch Konsequenzen für die Namensnumeratur in der chronologischen Abfolge der Regenten ergeben und somit auch Auswirkungen auf die Ansprache der seitens der Numismatik erarbeiteten Münzherren. Es sei betont, dass die historischen Quellen für die meisten der hier aufgeführten Regenten keine präzisen biographischen Daten liefern. Die durch eckige Klammern markierten Spannen ihrer urkundlichen Erwähnungen definieren
I. Generation Cono (Konrad) I. [1160]; Wilhelm I. [1160]
II. Generation Gottschalk I. [1177-1205]
III. Generation Rudolf I. [1219-1242], als Regent, gemeinsam auftretend mit Gottschalk II. [1219-1240] und Cono III. [1219, † vor 1233]
IV. Generation Johann II. [1233-1265]; Cono V. [1233-1248]
V. Generation Rudolf II. [1262-1303]; Konrad VI. [1267-1302]
VI. Generation Rudolf IV. [1300-1350]; Burchard [1300-1309]
VII. Generation Konrad VIII. [1328-1379]
VIII. Generation Johann III. [1356, † 1422], regierend 1379-1422
IX. Generation Konrad X. [1403-1426], regierend 1422-1426
X. Generation Otto IV. [1420-1481] (anfangs wohl unter Vormundschaft)
XI. Generation Konrad XII. [1461-1483]; Rudolf VIII. [1471-1510], regierend 1481-1483
XII. Generation Friedrich I. [1493-1529], Regent 1510-1529; Konrad XIII. [1493-1514], Mitregent 1510-1514, danach Domherr in Köln; Johann VI. [1493, † 1545], 1514-1529 Domherr in Köln, Regent 1529-1545
XIII. Generation Rudolf IX., * 1524, † 1560, regierend 1545-1560
hier also in der Regel keineswegs das Geburts- und Sterbejahr bzw. die Amtszeit des jeweiligen Regenten. Ausnahmen sind notiert. Lediglich für die beiden letzten Grafen existieren gesicherte Daten betreffs ihrer Geburt und ihres Ablebens. Die Absätze benennen die Regenten bzw. die Regentenfolge der jeweiligen Generationen seit der ersten Überlieferung des Familiennamens des Hauses Diepholz.
Heraldik
Das Wappen der Edelherrn von Diepholz unterlag bis ins 15. Jahrhundert mehreren Wandlungen. Das älteste heraldische Zeugnis, ein Siegel Gottschalks II. an einer Urkunde aus dem Jahre 1219, stammt aus einem Typar, mit dem 1233 auch ein weiteres auf uns gekommenes Schriftstück gesiegelt worden ist. Das Bildmotiv zeigt einen quergeteilten Schild mit einer Löwendarstellung im oberen Feld und einem mit 3 Rauten bestreuten unteren Feld (Abb. 3). Gottschalks Sohn Johann II. modifizierte das Wappen, indem er das Motiv des Löwen im oberen Feld durch eine quergeteilte Tingierung ersetzte (Abb. 4).
XIV. Generation Friedrich II., * 1556, † 1585, 1560-1575 unter Vormundschaft, danach allein regierend Abb. 3
Bernd Ulrich Hucker. Die Edelherrn und Grafen von Diepholz. In: Museumsverein für die Grafschaften Hoya, Diepholz und Wölpe (Hrsg.), Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe., Ein Streifzug durch die Geschichte. (Schriften des Museums Nienburg Nr. 18, Nienburg 2000, S. 7-23 [einschließlich der Stammtafel S. 20ff.]).
Ders. Ausgewählte Bibliographie zur Geschichte der Grafschaften Hoya, Diepholz und Wölpe. Ergänzt um die Literaturangaben der anderen Autoren. In: a. a. O., S. 104-123.
Ders. Artikel „Diepholz“, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich: Grafen und Herren, Teilband 1. Herausgegeben von Werner Paravicini, bearbeitet von Jan Hirschbiegel, Anna Paulina Orlowska und Jörg Wettlaufer, Ostfildern 2012, S. 319-321.
Wohl in den sechziger Jahren des 13. Jahrhunderts kam jenes heraldische Kennungszeichen auf, das – freilich mit Unterbrechung – bis in die Grafenzeit verwendet worden ist: der quergeteilte Schild mit einem links gerichteten Löwen im oberen Feld und im unteren mit einem Adler, dessen Kopf ebenfalls nach links gerichtet ist (Abb. 5). Das Bild des Löwen erscheint hier ab 1556 stets gekrönt, davor begegnet er nur vereinzelt mit jener Überhöhung. Ab der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts steht das Löwen-/Adlerwappen in Konkurrenz mit einem neuen Wappen und wird von diesem 1367 zeitweilig gänzlich verdrängt. Als neues heraldisches Erkennungszeichen begegnet ein einfeldiger Schild mit dem Bild eines Hirschgeweihs (Abb. 6). Auf diversen Siegeln sind die Geweihstangen im Verbund mit einem Stück des Schädels dargestellt, auf anderen prangen sie ohne das Trägerstück paarig nebeneinander emporstehend. Die Siegel präsentieren in der Regel das Geweih eines Achtenderhirsches, doch auch das Beispiel eines Zehnenders ist bezeugt. Die Münzen weisen hingegen ein Sechs- oder ein Achtendergeweih auf. Dieses heraldische Intermezzo endete wohl gegen Ende des 14. Jahrhunderts oder bald danach zugunsten des zweigeteilten Schildes mit dem Löwen und Adler, der fortan wieder allein die Heraldik dieser Diepholzer Adelsfamilie bestimmte.
Münzprägung
Geld in Diepholz und umzu im Hochmittelalter vor Beginn der Fertigung eigener Münzen
In der schriftlichen Überlieferung vom 13. Jahrhundert bis zum ersten Viertel des 15. Jahrhunderts lässt sich für den Geldumlauf der Herrschaft Diepholz und ihrer benachbarten Gebiete eine dominierende Rolle der zweiseitigen Pfennige der Bischöfe von Osnabrück feststellen. Schatzfunde aus dieser Region samt der umliegenden Gebiete bestätigen ihren Stellenwert sowie die nicht minder hohe Bedeutung der bischöflich-münsterschen Denare. Zur Produktion dieser westfälischen Pfennige wandte man von etwa der Mitte des 13. Jahrhunderts bis ins 15. Jahrhundert eine spezielle Fertigungstechnik an, mit der man wohl vornehmlich auf eine speditivere Produktion in der Hammerprägung abzielte. Als Zwischenprodukt der Münzherstellung diente ein Schrötling, der einen geringeren Durchmesser als das Quermaß des Prägerunds der Stempel aufwies. Auf so gefertigten Münzen blieben folglich Teile der Umschriften oder Teile der bildlichen Darstellungen stets ausgespart.
Doch keineswegs unbekannt waren vom 13. bis etwa zur Mitte des 14. Jahrhunderts im Diepholzer Raum und seinen Nachbarregionen westlich der Weser die gegenüber den Dickpfennigen leichter ausgebrachten Brakteaten und Hohlpfennige, deren Ursprünge in den Landschaften östlich des Flussufers lagen. Zur Abwicklung größerer Geldgeschäfte verwendete man insbesondere im 13. Jahrhundert auch Barrensilber, oft in Form eines Gusskönigs mit flacher Oberseite und konvex geformter Unterseite, mitunter ausgestattet mit einem eingeschlagenen städtischen Garantiezeichen.
Diepholzer Hohlpfennige
Die frühesten Erzeugnisse der wohl auf dem Gelände der herrschaftlichen Burg eingerichteten Diepholzer Münzstätte waren leichte Hohlpfennige nach Bremer Währung (Abb.7). Sie dürften seit ca. 1300, also in der Übergangszeit der Regentschaft der Herren Rudolf II. [1273 -1303] und Rudolf IV. [1300-1350] entstanden sein. Ihr Gepräge zeigt das Wappenbild mit dem Hirschgeweih. Diese Münzen begegnen in
Abb. 5
Abb. 6
Abb. 8
Bistum Münster, Ludwig von Hessen, 1310-1357. Pfennige. eLive Auction 51, Los 936 Künker-Auktion 274, 2016, Los 2089
unterschiedlichen Versionen, die wohl bis etwa 1350 gefertigt worden sind. Der wohl etwas ältere Typ, der sich durch einen etwas größeren Durchmesser und leicht höheres Gewicht auszeichnet, weist einen Wulstreif auf, der das Münzbild umschließt. Der zweite, wohl etwas jüngere Typ trägt stattdessen einen Strahlenreif als Begrenzung des Bildfeldes. Beide Versionen sind im Sammlungsbestand vertreten.
„Sware Penninge“ (Swaren) aus Diepholz und Mariendrebber
Die zweiseitigen silbernen Pfennige des Bistums Münster wurden aufgrund ihrer Guthaltigkeit auch in den Gebieten zwischen Ems und Weser bis nach Ostfriesland hochgeschätzt. In nordwestdeutschen Schriftquellen des 13.-14. Jahrhunderts werden die Dickpfennige westfälischer Prägestände, im Gegensatz zu den vornehmlich östlich der Weser verbreiteten leichteren Hohlpfennigen, summarisch mit dem lateinischen Terminus „denarii graves“ oder mit dem niederdeutschen Begriff „sware penninge“ bezeichnet. Lokale Autoritäten ließen sodann eigenes Geld prägen, das das Bildprogramm der münsterschen Pfennige übernahm, jedoch einen geringeren Silbergehalt als ihre westfälischen Vorbilder enthielt.
Wohl im letzten Jahrzehnt vor Mitte des 14. Jahrhunderts begann mancherorts im Weser-Ems-Gebiet die Nachprägung des jüngeren Pfennigstyps des Bischofs Ludwig von Hessen (amtierend 1310-1357).
Das Vorbild (Abb. 8) trägt auf dem Avers das Frontalbild des sitzenden Bischofs in liturgischer Gewandung, die mittels einer vierpassförmigen Agraffe auf der Brust geschlossen ist. Die rechte Hand ist segnend erhoben, die linke präsentiert ein Messbuch. Der Revers zeigt das
en-face Bild des heiligen Paulus, Patron des Bistums Münster, samt seinem Schwertattribut. Die Umschrift der Bischofsseite nennt den Namen und Titel des Münzherrn, jene der Rückseite den Namen des Heiligen.
Unter den frühen Beischlägen befinden sich anonyme, die sich ohne jeglichen Hinweis auf ihren Ursprung eng an den Bildern und den Umschriften des Vorbilds orientieren. Nur wenige sind hingegen mit dem Namen und Titel des für die Nachahmung Verantwortlichen ausgestattet. Solche Beispiele existieren von dem 1344-1388 amtierenden bremischen Erzbischof Otto von Oldenburg (Künker, Auktion 444, Los 2614) und vom Emdener Häuptling Liudward (Luert) II. Wiardisna Abdena († 1358); auch in Diepholz könnte ein entsprechender Beischlag entstanden sein. Ein bislang einzigartiges Exemplar[*] aus dem nach 1350 niedergelegten Schatz von Warmsen, Kreis Nienburg/ Weser, könnte im Namen des Edelherrn Konrad VIII. von Diepholz [1328-1379] geprägt worden sein, soweit die rudimentär überlieferte Umschriftpartie korrekt interpretiert worden ist.
Erst in der Regentschaft des Edelherrn Johann III. von Diepholz (amtierend seit 1379, † 1422) befinden wir uns bezüglich der herrschaftlich-Diepholzer Swarenprägung auf sicherem Boden (Abb. 9-12). Die Ausmünzung in Diepholz, aber auch in der neu eingerichteten Münzstätte in Westerdrebber (heute Mariendrebber) beschränkte sich allein auf diese Sorte. Vom Ende der siebziger Jahre bis über den Wechsel zum 15. Jahrhundert hinaus dürfte dort diese Geldsorte produziert worden sein, nach Ausweis der Typen und Varianten in nicht unerheblicher Menge.
Abb. 9: Diepholz
Abb. 10: Mariendrebber
Abb. 11: Diepholz
Abb. 12: Diepholz
Gegenüber dem Bildprogramm der frühesten nordwestdeutschen Swarenprägung der Zeit um 1350 ergeben sich in der Sequenz der Prägungen des Edelherrn Johann III. von Diepholz einige Neuerungen und zusätzliche Typen. Einige Versionen, die noch immer das in Münster längst abgeschaffte Bischofsbild der Pfennige Ludwigs zitieren (Abb. 9-10), zeigen auf ihrer Rückseite nun den Diepholzer Geweihschild rechts neben dem heiligen Paulus. Ein zweiter Diepholzer Typ präsentiert den Geweihschild hingegen im Avers auf der Brustpartie der Bischofsdarstellung, die zudem keine Agraffe aufweist, während der Revers ohne heraldisches Bild gestaltet ist (Abb. 11-12). Ein Brustschild begegnet auch im Bischofsbild von Pfennigen des münsterschen Bischofs Florenz von Wevelinghofen, doch deren Gepräge zeigen statt des Buches einen Krummstab. Zudem wird ihrem Revers ein weiterer Schild unterhalb der Heiligendarstellung angezeigt (Abb. 13).
Abb. 13:
Bistum Münster, Florenz von Wevelinghofen, 1364-1379).
Künker, Auktion 339, Los 116
Die Umschriften der Swaren Johanns III. begegnen in unterschiedlichen Kombinationen auf den Aversen und Reversen. Sie führen in der Regel den Namen und Titel des Münzherrn (in der Regel IOhanneS DOmInVS; wenige Beispiele auch mit IOhanneS DOmICeLLVS), die Angabe der Münzstätte (mOneTA DePhOLT o. ä., bzw. für Wester-/ Mariendrebber mOneTA WeSTeR), sowie den Namen eines Heiligen. In der Regel wird in letzterem Fall SAnCTVS PAVLvS, seltener SAnCTVS NICOLAUS genannt.
Eine Besonderheit aus einem fortgeschrittenen Abschnitt der Münzprägung Johanns stellen jene Swaren dar, deren Aversumschrift den Namen des heiligen Nikolaus nennt[*]. Sankt Nikolaus, Bischof von Myra, war 1358 die Burgkapelle in Diepholz geweiht worden. Spezifisch für diesen Typ und einige verwandte Prägungen ist hier das Aversbild eines sitzenden Bischofs in einem Messgewand, das mit einer runden Agraffe geschlossen ist. Mit seiner linken Hand hält der Dargestellte ein Buch, wohingegen sein unterhalb eines frei im Feld schwebenden gleichschenkligen Kreuzes befindlicher rechter Arm samt der zangenförmig
gespreizt abstrahierten Hand eine s-förmig abstrahierte Linie bildet. Der Revers der Nikolaus-Swaren zeigt das vertraute Grundbild des Paulus und die auf diesen Apostel bezogene Umschrift. Eine rare Version im Sammlungsbestand mit entsprechenden bildlichen Darstellungen bekundet auf der Bischofsseite inschriftlich die Prägestätte Diepholz.
Das erstmalige Vorkommen des Diepholzer Löwen-/ Adlerschilds auf den edelherrlichen Münzen dokumentiert ein höchst seltener Typ, der das Bild des Nikolaus-Swarens auf der einen Seite mit dem prominent auf der Gegenseite in auffälliger Größe prangenden Wappen kombiniert[*]. Die nur teilweise auf dem Schrötling erfasste Umschrift gibt lediglich den Titel DOmICeLLvS preis, nicht aber den Namen des Münzherrn. Damit muss die Beteiligung eines Junkers, d. h. eines mündigen, unverheirateten adeligen Herrn des Diepholzer Hauses an der Prägung der Swaren als gesichert erachtet werden; ebenso auf einer Diepholzer Swarenemission vom Typ „Bischofsdarstellung mit Brustschild“/Büste Sankt Pauli“ mit der Reversumschrift IOhanneS DOmICeLLVS [*].
Swarenprägung in weiteren Münzstätten westlich der linken Weserseite und in der Stadt Bremen
Die edelherrlich-Diepholzer Swaren standen im Gebiet westlich der Weser nicht allein. Auch die beiden Linien der Grafen von Hoya ließen zu Nienburg und Bassum in ihren Unter- und Obergrafschaften Swaren prägen, ebenso die erzbischöflich-bremische Vogtei Wildeshausen unter ihrem Amtmann Friedrich von Schagen (tätig 1360-1387), ferner die Burgmannen zu Vechta sowie die Grafen von Oldenburg.
Diese Entwicklung dürfte maßgeblich am WilhadusSwaren des Handelszentrums Bremen orientiert gewesen sein, den die junge Hansestadt nach der ihr erteilten Verpfändung des Münzrechts durch Erzbischof Albrecht II. im Jahre 1369 bis zum Ende der Pfandschaft im Jahre 1395 in beträchtlichem Umfang produzierte. Das vom münsterschen Pfennig Bischof Ludwigs vorgegebene Bild des sitzenden Bischofs wurde in Bremen per Umschrift umgewidmet mit dem Namen des heiligen Wilhad (erster Erzbischof des Erzstifts Bremen). Die Büste des münsterschen Stadtpatrons auf der Gegenseite wurde zum Sankt Petrus (Schutzpatron des Bremer Doms) erklärt, indem man den Schlüssel, das Attribut dieses Heiligen, ins Münzbild integrierte und die Umschrift in MOneTA BReMEnSIS umwandelte. Der Schlüssel, zugleich das heraldische Zeichen der Stadt Bremen, ist anfangs unterhalb der Heiligendarstellung positioniert worden, in Entsprechung zum Bindenschild als Wappen Münsters unterhalb des Paulusbildes auf den Pfennigen des
Bischofs Florenz von Wevelinghofen (in Münster amtierend 1364-1379). Auf späteren Versionen des Wilhadus-Swarens erscheint der Schlüssel links vom Heiligenbild, orientiert in aufrechter Stellung. Die zugehörige Umschrift sämtlicher Swaren dieser Gattung beinhaltet die Herkunftsangabe. Das münstersche Episkopat protestierte gegen die Nachahmung seines Geldes seitens der Stadt Bremen, doch konnte in diesem Konflikt eine Verständigung erzielt werden, worauf ein auf den 11. Januar 1372 datiertes Schreiben des Florenz von Wevelinghofen verweist. Die Stadt führte jedenfalls die Prägung des Wilhadus-Swarens weiter fort, bis er schließlich gänzlich durch einen neuen Swarentyp ersetzt wurde, auf dem das Hüftbild Sankt Petri und auf der Gegenseite der bremische Stadtschild prangen.
Prägung fremder Münzsorten in Diepholz zwecks Exports
Nach dem Ende der Swarenprägung ruhte der edelherrlich-Diepholzer Münzbetrieb bis ins ausgehende 15. Jahrhundert, bis der ab 1481 regierende Edelherr Rudolf VIII. [1471-1510] die Münzstätte Diepholz wieder reaktivierte. Fortan verausgabten er und seine ihm nachfolgenden Söhne Friedrich I. [15101529) und Konrad XIII. (als Mitregent 1510-1514) unter Mitwirkung des Münzmeisters Lambert Vlemynck hier ausschließlich Nachprägungen fremden Geldes, die vornehmlich nicht der hiesigen Geldversorgung dienten, sondern als minderwertige Beischläge ihrer Vorbilder exportiert wurden. Hier einige Beispiele aus dem Sammlungsbestand (Abb. 14-21):
Die nachfolgenden Diepholzer Münzen dürften ebenfalls größtenteils dem in den Niederlanden um 1443 geborenen Münzmeister Lambert Vlemynck zugeschrieben werden. Er hatte seine Ausbildung wohl an der niederländischen Münzstätte Roermond absolviert, bevor er seine erste Münzmeisterstelle in Zaltbommel antrat. 1489 begab er sich in die Dienste des Osnabrücker Bischofs Konrad von Rietberg. Nachdem Konrad zum Bischof von Münster ernannt worden war und sich gleichzeitig als Administrator um die Belange der Diözese Osnabrück kümmerte, wurde Vlemynck auch die Führung der episkopalen Münzstätte Münster übertragen. Mit Konrads Tod im Jahre 1508 endete das Beschäftigungsverhältnis in Osnabrück und vorerst auch in Münster. In der Folgezeit betätigte sich Lambert an der Münze zu Deventer. 1512 begab er sich abermals in bischöflich-münstersche Dienste. Nach Streitigkeiten schied er 1515 dort aus und ließ sich sodann in Diepholz nieder, wo er im Bereich des Vorwerks am Schloss ein Haus mit Grundstück erwarb. Schon während seiner Tätigkeit für die Bischöfe von Osnabrück und Münster hatte er im Auftrage der Diepholzer Landesherren sowie für den Rietberger Grafen Johann I. (1472-1516) in
deren Hauptorten minderwertige Münzen nach fremden Vorbildern geschlagen. All diese Nachahmungen dienten nicht zum Verkehr in ihren Ursprungsländern, sondern waren für den Export, insbesondere in den Umlaufgebieten ihrer Vorbilder vorgesehen. Nun setzte Vlemynck in seinem eigenen Diepholzer Haus die Herstellung eines breit gefächerten Sortiments an Beischlägen gängiger Münzen aus möglichst weit entfernten Prägeständen fort, beschäftigte zeitweilig dort seinen Sohn Jaspar als Stempelschneider und organisierte auch weiterhin über Mittelsmänner deren Vertrieb. Lambert Vlemynck schuf im Namen Konrad XIII. von Diepholz auch Beischläge zu späten Lüneburger Witten nach dem Rezess von 1502[*] sowie im Namen des Edelherrn Friedrich I. Schillinge[*] und Halbgroschen[*] auf markgräflich-brandenburgischen Schlag, die heute als große Seltenheiten gelten. 1523 veräußerte Vlemynck sein Haus in Diepholz, 1525 beendete er auch seine Tätigkeit für die Grafschaft Rietberg und bezog seinen Ruhesitz in Osnabrück. Dort wurde er wegen der ihm vorgeworfenen Münzvergehen 1531 zum Tode im Siedekessel verurteilt und hingerichtet.
Nachahmungen von Münzen des Osnabrücker Bischofs Konrad von Rietberg (amtierend 1482-1508).
Abb. 14. Rudolf VIII. von Diepholz. Pfennig. Dieser kopiert genau die Bilddarstellungen des Osnabrücker Originals, doch mit dem gespaltenen Löwen-/Adlerschild und dem Bild eines steigenden Löwen, der auf dem Revers das Osnabrücker Rad des Vorbilds ersetzt, gibt er sich als Diepholzer Prägung zu erkennen. Weitere Nachahmungen wurden gefertigt in der Grafschaft Rietberg unter dem Grafen Johann I. (1461-1516), in Helmarshausen unter dem Abt des dortigen Benediktinerklosters (amtierend 1504-1515), in Minden unter Bischof Franz I. von Braunschweig-Lüneburg (1508-1529) und in Lemgo unter dem Edelherrn Bernhard VII. zur Lippe (1431-1511).
Abb. 15 und 16. Rudolf VIII. von Diepholz. Vierlinge. Auch hier ist ihre Herkunft lediglich durch ihre Wappen bestimmbar.
Abb. 14 Abb. 15 Abb. 16
Rudolf VIII. ließ von Lambert Vlemynck auch den Achtelschilling[*] sowie den Schilling[*] prägen, die sich beide ebenfalls an entsprechenden Nominalen des Bischofs Konrad von Rietberg orientierten.
Kein unmittelbares Vorbild konnte für eine im Namen eines Edelherrn Rudolf geschlagene groschenförmige Diepholzer Prägung unbestimmten Nominals[*] ermittelt werden. Das bisher einzige nachweisbare Exemplar präsentiert auf seinem Avers den Edelherrn mit Schwert, in Rüstung frontal stehend. Der Revers zeigt den Diepholzer Löwen-/Adlerschild, hier überhöht vom Helm mit den zwei Büffelhörnern.
Die in gotischen Großbuchstaben verfassten Umschriften verweisen in die Jahre von ca. 1480-1510, somit in die Regierungsjahre Rudolfs VIII., keinesfalls aber, wie dies von anderen Autoren in Erwägung gezogen worden ist, in die Regierungszeit seines Enkels Rudolf IX. (1545-1560).
Nachprägungen von Löwenpfennigen des Kurfürstentums und des Herzogtums Sachsen
Abb. 17: Rudolf VIII. von Diepholz. Nachahmung der gemäß der Münzordnung vom 13. Januar 1382 bis 1497 geschlagenen Löwenpfennige des Kurfürstentums und des Herzogtums Sachsen. Oberhalb des Wappenschilds die Initiale D für Diepholz.
Nachprägungen böhmischer Pfennige aus der Regierungszeit Wladislaus II. (1471-1516)
Diese Diepholzer Pfennige wurden aufgrund ihrer Geringhaltigkeit zu lediglich knapp einem Fünftel des Werts der böhmischen Originale gerechnet.
Abb. 18 Abb. 19
Abb. 18: Rudolf VIII. von Diepholz. Nachprägung der einseitigen Weißpfennige des böhmischen Königs Wladislaus II. (1471-1516), aus der Münzstätte Kuttenberg.
Abb. 19: Konrad XIII. als Mitregent seines Bruders Friedrich I. (1510-1514). Nachprägung der einseitigen Weißpfennige des böhmischen Königs Wladislaus II. (1471-1516) unter Beibehaltung des Münzbildes und Anpassung der Umschrift.
Nachprägungen schlesischer Heller
20
21
Abb. 20 und 21: Friedrich I. von Diepholz (alleiniger Regent 15141529)? Nachahmungen in der Art der unter dem böhmischen König Wladislaus II. (1471-1516) geschlagenen Heller schlesischer Städte.
Nach dem Rückzug Lambert Vlemyncks entstand unter dem Edelherrn Friedrich I. von Diepholz ein Batzen 1526[*], nach dem Muster eines in der Reichskammermünze Augsburg geschlagenen Typs. Dabei handelt es sich wohl um eine der spätesten überlieferten Diepholzer Münzen. Ebenfalls gegen Ende der Diepholzer Münzprägung, dürfte der Goldgulden[*] entstanden sein. Ein solches Exemplar ist samt einer Vielzahl damals gängiger Münzen bereits in einem 1580 in Antwerpen erschienenen Buch des Druckers und Verlegers Willem van Parijs abgebildet und bewertet worden (Het Thresoor oft schat van alle de specien / figuren en sorten van Gouden ende Silveren munten / allen Muntmeesters / Wisselaars / Rentmeesters / Loop lieden / ende alle liefhebbers der Antiquiteyten zeer beqaem ende nootdelijk, Bogen M, vorletzte S., Nr. 673). Diese Veröffentlichung sollte Privatpersonen und Amtsleuten vornehmlich Informationen bezüglich des inneren Wertes der unterschiedlichen im Geldverkehr kursierenden goldenen und silbernen Münzen liefern. Sämtliche Autoren der einschlägigen Publikationen zur Diepholzer Münzgeschichte konnten sich lediglich auf die im Holzschnitt ausgeführte Abbildung aus dem Jahre 1580 stützen, bis 2013 ein solches Original aus einer norddeutschen Privatsammlung bekannt gemacht wurde, das wir hier nun wegen seiner großen Bedeutung abermals vorstellen und in einer besseren Abbildung vorlegen.
Abb.
Abb.
Abb. 22: Friedrich I. von Diepholz, 1510-1529. Goldgulden aus einer norddeutschen Privatsammlung[*].
Avers: [liegendes Kreuz mit kleeblattförmigen Enden, d. h. schräg gestelltes „Gelder kruis“]
MONETA NOVA AUReA De DIPH
Adler mit ausgebreiteten Schwingen und nach links gewandtem Kopf.
Revers: SANCTVS STe – PHAN ✶ MA ✶ . Der heilige Stephan stehend nach halbrechts, einen Palmzweig mit der Linken, die 3 Martersteine auf einem Buch mit der Rechten haltend. Gewicht: 3,28 Gramm.
unter dessen Leitung. Diese Schlussfolgerung ist zu bezweifeln, da die Schriftquellen Vlemyncks Tätigkeit in Deventer lediglich für 1509-1515 verbürgen. Die Fertigung des Diepholzer Goldguldens unter dessen Leitung auf Befehl des Edelherrn Friedrich I. ist indes kaum zu bezweifeln.
Vermutlich haben zwei verschiedene niederländische Vorbilder die Gestaltung des Diepholzer Goldguldens bestimmt; einerseits der Avers des 1523 geprägten Goldguldens der Stadt Deventer, dessen Adlerdarstellung sich auf dem Diepholzer Exemplar nahezu identisch wiederholt, andererseits der Revers des 1523-1526 geprägten Goldguldens der Stadt Nijmegen mit einer dem Diepholzer Exemplar entsprechenden Darstellung des heiligen Stephanus und dem „Gelder kruis“ am Beginn der Aversumschrift, hier jedoch vorschriftsmäßig aufrecht positioniert. Als weiteres bezeichnendes Merkmal fällt auf, dass die Konzeption der Umschriften einheitlich ist, indem zwar bei allen 3 Typen das gotische e auftaucht, die übrigen Buchstaben aber in der lateinischen Schriftform ausgeführt sind.
Bis in das 21. Jahrhundert hinein wurde der Goldgulden in die Zeit Rudolfs VIII. datiert. Seine Umschriften sind am lateinischen Alphabet orientiert, mit Ausnahme der noch der gotischen Schrift verhafteten Unziale e. Daraus folgt, dass diese Münze erst in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts entstanden ist.
Bei der erstmaligen Vorstellung dieses Exemplars im Jahre 2013 wurde es der Gruppe der Diepholzer Nachahmungen süddeutscher Vorbilder zugewiesen, mit Verweis auf eine ikonographische Verwandtschaft zu den Nürnberger Goldgulden, die den einköpfigen, mit der Stadtnamensinitiale gekennzeichneten Königsadler im Avers und den stehenden heiligen Laurentius im Revers aufweisen. Die Stadt emittierte diese von 1429 bis ins 17. Jahrhundert. Die Umschriften dieser Gruppe bezeugen, dass sich dort der Wechsel von gotischen auf rein lateinische Buchstaben im Jahre 1516 vollzogen hat. Die auf dem Diepholzer Gulden vollzogene Ablösung des Nürnberger Stadtpatrons Laurentius durch den heiligen Stephanus wird 2013 als „Reminiszenz“ des Edelherrn Friedrich I. „an seine Gattin Eva von Blankenstein“ gedeutet, die ihren Gemahl vermutlich mit [Stephanus-] Goldgulden des Bistums Halberstadt bekannt gemacht habe. Zudem konstatierte der damalige Autor beim Vergleich der Umschriften des Diepholzer Goldguldens mit jenen des 1523 geprägten Goldguldens der Stadt Deventer den Gebrauch identischer Punzen, ohne dies mittels Detailaufnahmen fotografisch zu dokumentieren. Diese Feststellung verknüpft er mit dem Wirken des Münzmeisters Lambert Vlemynck in Deventer und der Prägung des Diepholzer Guldens
Auswärtige bischöfliche Münzen, geprägt unter der Hoheit von Söhnen des Diepholzer Adelshauses
Rudolf von Diepholz, Bischof von Utrecht, 1423/1432-1455
Rudolf wurde 1423 zum Bischof von Utrecht gewählt, doch von Papst Martin V. nicht anerkannt. Er behauptete sich zwar im Oberstift Utrecht als Landesherr, konnte sich aber im Niederstift zunächst lediglich als Regent mit städtischem Mandat halten, ehe er 1432 von Papst Eugen IV. als Bischof von Utrecht eingesetzt wurde. Seine Stellung blieb aber weiterhin umstritten und instabil, doch konnte er sich mit Unterstützung des Papstes und der weltlichen Stände schließlich etablieren.
2:1
Abb. 23: Goldgulden, Rhenen. 26 Exemplare im Sammlungsbestand vorhanden.
24: Groot, Deventer
Abb. 25: Doppel-Myte, Rhenen
Konrad von Diepholz. Bischof von Osnabrück (1455-1482)
Abb. 26: Sogenannter „kurzer Pfennig“, Osnabrück
Literatur (in chronologischer Reihenfolge):
Hermann Grote. Die Münzen der Herren von Diepholz.
In: Münzstudien, 4. Band, Leipzig 1865, S. 252-268 samt Tafel 9. Bernhard Engelke. Marien-Drebber, eine Münzstätte des Edelherrn Johann von Diepholz (1377-1422).
In: Blätter für Münzfreunde, XLVI. Jahrgang 1911, Sp. 4704-4706. Bernhard Engelke. Die Grafen von Diepholz, ihre Wappen und Münzen. Neu paginierter Sonderdruck, Berlin 1914, aus: Berliner Münzblätter, Neue Folge Band IV, 32. Jahrgang 1911, S. 131-135, 155-160, samt Tafel 34. Karl Kennepohl, Diepholzer Nikolaus Swaren.
In: Hamburger Beiträge zur Numismatik, Band IV, Heft 12/13, 1958/1959, S. 231-233 samt Tf. 11.
Klaus Giesen. Die Münzen von Diepholz. Geld- und Münzgeschichte, Geprägekatalog. Numismatischer Verlag Fritz Rudolf Künker, Osnabrück 2001. 136 S., mit zahlreichen Abb. im Text. Orig.Ganzleineneinband.
Dieses aktuelle Zitierwerk ist in unserem Onlineshop erhältlich.
Klaus Giesen. Die Münzen von Diepholz – ein Nachtrag. In: Numismatisches Nachrichtenblatt, 62. Jahrgang, Heft 6, Juni 2013, S. 217 f.
Anmerkung
[1] Die Begriffe „Sware“ (Singularform) bzw. „Swaren“ (Pluralform) haben sich in der Numismatik ausschließlich eingebürgert für die in der Zone der norddeutschen Tiefebene zwischen Ems und Elbe geprägten imitativen Pfennige und ihre Weiterentwicklungen. Ihre westfälischen Vorbilder sind in ihrem Ursprungsgebiet nie so benannt worden und sollten daher nicht mit diesem Terminus bezeichnet werden.
Klaus Giesen
Die Münzen von Diepholz 2001.
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Abb.
Wenn Münzen auf Reisen gehen –die Imperial Collection –Teile einer ganz besonderen Sammlung reisen nach Tokio.
Ein Erlebnisbericht von Alexandra Elflein-Schwier
Vorgeschichte
Es ist eigentlich nichts Ungewöhnliches, dass Münzen auf Reisen gehen bzw. kursieren, aber die Reise von ausgewählten Stücken der Imperial Collection nach Tokio war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Zunächst fing es in Osnabrück mit der richtigen Auswahl der Objekte an: welche Stücke sollen die Reise antreten? Welche werden die japanischen und internationalen Kunden begeistern, die wir dort treffen werden? Wie hoch ist die Versicherungssumme? Sind die Medaillen an allen Lagerorten sicher? Welche
Ulrich Künker und Martin Huth eröffnen den Empfang vor der Vitrine mit den Medaillen der Imperial Collection. Foto: Alexandra Elflein-Schwier.
Details braucht der Zoll für den Transport? 19 Stücke aus der bevorstehenden Sommer-Auktion schafften es in die Auswahl, davon 16 Medaillen in feinster Erhaltung aus der Imperial Collection. Eine Premiere, denn diese Kabinettstücke waren noch nie in Asien zu sehen!
Ihre bisherige Reisehistorie ist wahrscheinlich wie folgt: von der Münzprägestätte Berlin direkt in die private Sammlung der Hohenzollern; im Sommer und Herbst 1945 als Kriegsbeute in die Sowjetunion und 1958 im Rahmen der Rückgaben an die DDR zurück nach Ost-Berlin; von Berlin 2025 in unsere Hände nach Osnabrück, und nun mit Ulrich Künker und mir im Mai 2026 nach Tokio, erstaunlicherweise zunächst direkt in die deutsche Botschaft.
Ein
geselliger Empfang in Tokio
Dieses Ziel verdanken wir dem stellvertretenden deutschen Botschafter in Japan, Martin Huth. Er hatte als begeisterter Numismatiker die schöne Idee, am 30. April 2026, dem Vorabend der T.I.C.C. (Tokio International Coin Convention) einen Empfang für geladene Gäste zu veranstalten. Was konnte uns und den Medaillen der Imperial Collection Besseres passieren? Gerne sagten wir als Auktionshaus Künker zusammen mit Dr. Ursula Kampmann von der Münzenwoche zu. Nach der herzlichen Begrüßung
durch Martin Huth, einem persönlichen Plädoyer für die völkerverbindende Wirkung der Numismatik von Dr. Ursula Kampmann, einem Einblick in die Bedeutung der Imperial Collection für Japan von Ulrich Künker und dem in Japan obligatorischen „Kanpai 乾杯“ des Präsidenten der japanischen Münzstätte Herrn Yasura Hirai, war der gesellige Abend auch formell eröffnet. In Japan gilt es als große Ehre, das „Kanpai“ zu verkünden, das wörtlich übersetzt „leeres Glas“ bedeutet, also eine Aufforderung ist, das Glas zu leeren (was allerdings als unhöflich gelten würde, tatsächlich nimmt man nur einen Schluck), und bei dem man es vermeidet, dem Gegenüber, anders als bei uns, in die Augen zu schauen. Es war ein wunderbar gelungener Abend mit 60 internationalen geladenen Gästen aus allen Bereichen der Numismatik, die sich in einer sehr entspannten und fast privaten Atmosphäre einige Stunden lang in allen Sprachen austauschten. Im Mittelpunkt stand die Vitrine mit den viel bestaunten, herausragenden Medaillen der Imperial Collection. Den ganzen Abend gruppierten sich Gäste um diesen Schatz, um ein Auge auf die zuvor noch nie der Öffentlichkeit präsentierten Medaillen zu werfen. Einige Gäste hatten sogar ihre Flüge und Reisepläne geändert, um an diesem Abend exklusiv in der Deutschen Botschaft dabei zu sein. Die Freude der Gäste an diesem Abend war für uns überwältigend.
Unser Dank geht vor allem an das Ehepaar Huth, den Initiatoren und hervorragenden Gastgebern dieses einzigartigen, geselligen und fröhlichen Abends, den alle internationalen Gäste sehr geschätzt haben!
Arigatou gozaimas (ありがとうございます)!
Vielen Dank!
Die Münzenmesse T.I.C.C. vom 1.-3. Mai 2026 in Tokio
An den drei folgenden Tagen fand im traditionellen Handelsviertel Nihonbashi im Royal Park Hotel die international wichtigste Münzenmesse Japans statt. Sie liegt jährlich am Beginn der „Golden Week“, wenn die Japaner über die seltene Gelegenheit verfügen, einige Tage Freizeit zu haben und reisen zu können. Entsprechend ist diese Messe drei Tage lang sehr gut besucht, von hochkarätigen Sammlern bis hin zu Neugierigen. Allgemein sind die japanischen Münzensammler für ihr gutes Auge und ihre Liebe zu herausragenden, seltenen, und hervorragend erhaltenen Münzen und Medaillen bekannt. Sie lieben zum Beispiel historische Stadtansichten in feinster Erhaltung. Ein Münzsammler, der uns am Tisch besuchte, hatte sogar seine historischen Münzen mit auf seine Europareise genommen, um an den Originalschauplätzen (Zürich, Regensburg, Nürnberg, etc.) die Münzen
Ulrich Künker, Alexandra Elflein-Schwier und Hiroko Yamada auf der T.I.C.C. Das Bild zeigt Ulrich Künker mit Los 166. In den Händen von mir und Frau Yamada die eigens für die T.I.C.C. produzierte Broschüre auf Englisch und Japanisch. Foto: Ursula Kampmann
vor dem aktuellen Stadtbild zu fotografieren. Eine sehr interessante Idee – vielen Dank für die Fotos!
Kurzum, auf dieser Messe tummeln sich seriöse Käufer für die feinsten numismatischen Raritäten. Als Händler oder Auktionshaus einen Tisch auf der T.I.C.C. zu ergattern ist sehr begehrt und nicht leicht, denn der Platz ist begrenzt und die Wartelisten sind lang.
Für uns Europäer sind die vielen typisch japanischen Regeln für Aussteller etwas überraschend, aber sehr klar. Zu diesen Regeln gehören die Öffnungszeiten der Börse (08:00-18:00) – die Tische müssen vom Einlass des Publikums um 10.00 Uhr bis um 18.00 Uhr besetzt sein. Niemand geht früher und schließt seinen Tisch über die Mittagszeit. Es wird erwartet, dass den Besuchern der T.I.C.C vom ersten Einlass bis zur Schließung die ganze Bandbreite der Ausstellung zur Verfügung steht. Ein – während der Öffnungszeiten –unbesetzter Tisch kann zum Verlust der Ausstellerlizenz führen. Auch die Eröffnung der Messe ist in Japan speziell: Am ersten Morgen wird die Messe in einer feierlichen Zeremonie von Yuji Takeuchi, dem Präsidenten der japanischen Münzhändlervereinigung JNDA, und drei weiteren Würdenträgern mit erhebenden Worten und feierlichen Gesten eröffnet. Kein Drängeln am Eingang, alle Besucher hören 30 Minuten geduldig zu und stehen Schlange, um den heiligen Boden der T.I.C.C. betreten zu können.
An unserem Tisch waren die Medaillen der Imperial Collection der Publikumsmagnet. Immer wieder
wurden einzelne Stücke besichtigt, vorsichtig in die Hand genommen, bestaunt, gefilmt, fotografiert, am Tisch diskutiert oder es wurden befreundete Sammler herbeigerufen, um sie sich ebenfalls anzusehen. Oft ertönte ein begeistertes „Sugoi“! ( すごい / 凄い –Beeindruckend! Fantastisch!) am Tisch. Tatkräftig, taktvoll und perfekt wurden wir in Tokio von Akio Seki und Frau Hiroko Yamada unterstützt, die fließend ein perfektes Deutsch sprechen. Als Übersetzerin war Frau Yamada am Stand unverzichtbar. Auf ihre hinreißend japanische Art ließ sie es sich auch nicht nehmen, jede zuvor in die Hand genommene Medaille im Slab sorgfältig mit einem Tuch von Fingerabdrücken zu reinigen, bevor wir sie behutsam zurück in die Vitrine legten. Unter unserem erstaunten Blick erwiderte sie: wenn etwas so schön ist, muss man es auch ungetrübt sehen können!
Das ist Japan. In jeder Hinsicht eine Überraschung und ein besonderes Erlebnis. Sicher war es das nicht nur für uns, sondern auch für die Medaillen der Imperial Collection.
Scannen Sie den QR-Code und entdecken Sie die außergewöhnliche Geschichte der japanisch-preußischen Beziehungen.
Reges Treiben herrschte auch in diesem Jahr auf der Tokio International Coin Convention (T.I.C.C.).
Mittendrin: das Auktionshaus Künker – siehe hinten links im Bild. Foto: Ursula Kampmann.
Tokio: Wirtschaft und Geld im neuen Edo-Tokio-Museum
Wie schaffen wir es, eine breite Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Münzen spannend sind?
Anregungen dafür liefert ein Blick auf das neue Stadtmuseum von Tokio. Es sprengt all unsere Vorstellungen von einem „Stadtmuseum“. Wie nähert man sich dort dem Thema Wirtschaft und Numismatik an?
Von
Ursula Kampmann
Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff „Stadtmuseum“ hören? Also ich konnte mir bis vor kurzem zum Beispiel nicht vorstellen, dass ich an einem Samstag über eine Stunde würde anstehen müssen, um ein Ticket fürs Edo-Tokio-Museum – das Stadtmuseum von Tokio – zu kaufen. Ich habe mir sagen lassen, dass das keine Ausnahme war. Denn mehr als 20.000 Personen besuchen dieses Museum jedes Wochenende! Vor seiner Schließung während Corona hatte das Museum über eine Million Besucher pro Jahr. Das schaffen in Deutschland allenfalls das Deutsche Museum in München und das Miniatur Wunderland in Hamburg. Das Münchner Stadtmuseum rechnet dagegen „nur“ mit rund 170.000 Besuchern jährlich. Da kann die Touristenmetropole Wien auf ihr Wien
Das Edo-Tokio-Museum, erbaut nach Plänen von Kikutake Kiyonori, eröffnet im Jahr 1993. Die gerade neu eröffnete Dauerausstellung auf der 5. und 6. Etage umfasst 9.000 m2. Das ist nur ein Bruchteil der 46.590 m2 Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche, die dieses Gebäude offeriert.
Museum am Karlsplatz sehr stolz sein, weil es rund 600.000 Besucher im Jahr 2025 anzog – nur um die Besucherzahlen des Edo-Tokio-Museums für Sie einzuordnen.
Was macht das Edo-Tokio-Museum anders als andere Stadtmuseen?
Es hat einen guten Grund, warum so viele Menschen dieses Museum besuchen. Es begnügt sich nicht damit, interessante Objekte auszustellen, sondern macht die Vergangenheit erlebbar. Wie in einem historischen Erlebnispark kann man durch Modelle im Maßstab 1:1 gehen. Sie werden ergänzt durch kleinere Modelle. Dabei handelt es sich nicht um
Das Vorbild, nach dem der Stand rekonstruiert wurde: ein Farbholzschnitt des
trockene Gebäudereproduktionen in 3D, die mit ein paar Bäumchen aufgemotzt sind. Die Modelle bieten den Hintergrund für kleine Menschen, die ganz ohne Worte ihre Geschichte erzählen. Damit eignen sich die Wimmelbilder hervorragend, die Phantasie schweifen zu lassen. Vertiefen Sie sich ruhig in die oben gezeigte Abbildung des Modells, das Edo-Tokio am Ende des 19. Jahrhunderts zeigt. Sie können sich zu jeder einzelnen Figur eine Geschichte ausdenken! Das macht die Modelle bei den Besuchern so beliebt. Besonders Eltern und ihre Kinder lieben es, genau hinzusehen. Und so erfüllen diese Modelle ihren Zweck. Sie wecken die Neugier auf mehr Information.
Ausschnitt aus einem Modell von Edo-Tokio, das die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts zeigt. Foto: UK.
Deshalb bilden sich vor den Tafeln große Menschentrauben, die aufmerksam die langen Texte lesen. Ich habe noch in keinem europäischen Museum derart viele lange und komplexe Texte für Besucher gesehen. Die Museumsmacher schaffen es trotzdem, die Aufmerksamkeit ihrer Kunden zu fesseln, denn die Texte fassen nicht die Faktengeschichte zusammen, sondern berühren den Alltag.
Wie haben sie damals gelebt, die Bürger von Edo? Was haben sie gegessen, welche Kleidung getragen, wie den Kimono gewaschen, gewohnt, gelernt, und wie gingen sie mit den vielen Erdbeben, Seuchen und Bränden um?
Das lebensgroße Modell eines Lebensmittelstands. Hier wurden im 19. Jahrhundert in Tempura ausgebackene Fische verkauft. Foto: UK.
19. Jahrhunderts. Foto: UK.
Wer möchte, kann selbst ausprobieren, wie schwer die zwei gefüllten Wassereimer sind, deren Träger so häufig auf japanischen Holzschnitten abgebildet sind. Glauben Sie mir: Man braucht dafür ganz schön Muskeln! Andere betätigen sich als Maurer, setzen sich in eine Rikscha oder aufs Hochrad. Für Kinder ist das Museum einfach ideal, weil es so viel zu tun und zu entdecken gibt!
Das Modell des Geschäftshauses eines japanischen Tuchgroßhändlers in Edo
Zum Alltag gehört natürlich das Wirtschaftsleben von Edo, dem fast genauso viel Platz eingeräumt ist wie dem Alltag des Adels auf der Burg. Es ist bemerkenswert: selbst das „Stiefkind“ aller Museen, die Wirtschaftsgeschichte, fesselt hier die Besucher. Beim zentralen Objekt der Ausstellung handelt es sich um ein Modell eines Geschäftshauses in Edo. Es gehört Mitsui Echigoya, einem bedeutenden Händler von Kimono-Stoffen aus Kyoto. Dort befindet sich seit 1673 das Stammhaus der Handelsdynastie, der Mitsui entstammt. Der hat, weil in Edo die Nachfrage nach Luxusgütern ständig steigt, an einer verkehrsgünstig gelegenen Stelle eine Filiale gegründet. Geführt wird die von einem lokalen Manager, den er selbst in Kyoto ausgebildet hat. Auch dieser Manager hat wie alle anderen, die für Mitsui arbeiten, im Alter von 10 Jahren angefangen, und zwar ganz unten. Abkürzungen gibt es nicht. Wer etwas werden will, muss alle Abteilungen durchlaufen. Nur wenigen Verkäufern gelingt der Aufstieg bis ganz an die Spitze. Sie müssen dafür nicht nur intelligent sein, sondern auch sehr hart arbeiten, sich genau an die Regeln halten, die Mitsui für sie
erlassen hat. Frauen? Die sucht man vergebens. Sie kommen nur als Kundinnen ins Haus. Selbst Küche und Reinigung wird bei Mitsui von Männern erledigt.
Was in so einem Kaufhaus passiert, wie der Handel organisiert ist, das zeigt das Modell in vielen Details. Von der Decke hängen Streifen mit Papier. Darauf liest man die Namen der Verkäufer. An sie wenden sich die Kundinnen und Kunden. Der Verkäufer berät, lässt Rollen mit Kimono-Stoff kommen, nimmt die Bestellung auf, während die Kundinnen Tee schlürfen, den die kleinen Jungs servieren.
Erfunden ist kaum etwas an diesem Modell. Es bereitet die Informationen auf, die zeitgenössische Literatur und Abbildungen bieten. So ist unsere Kimono-Stoffhandlung in einem dreibändigen Werk über die 2.622 Läden Edos beschrieben, das 1824 publiziert wurde.
Und was erfahren wir über das Geld?
Wir lernen zum Beispiel, dass im Japan des 16. Jahrhunderts unter der Kontrolle der Tokugawa-Shogune erstmals die gleichen Währungen (nebeneinander) im gesamten Land genutzt wurden. Es gab Gold (ryo), Silber (monme) und Münzen (zeni resp. mon). Das System war sehr kompliziert. So wurden nur goldene ryo gezählt, während man die silbernen monme abwog. Zeni, das japanische Kleingeld, das wir vielleicht verfälschend als japanische Käsch bezeichnen könnten, waren wegen der hohen Kupferpreise immer knapp.
Abbildung des Hauptsitzes von Mitsui Echigoya, der mit Stoffen für Kimonos handelte. Es ist in einer japanischen Sammlung von Holzschnitten von Osaka abgebildet. Foto: UK.
Dazu wurden die Preise abhängig vom Produkt in unterschiedlichen Währungen berechnet. Die Großhandelspreise für miso – eine Paste aus Sojabohnen, aus der die berühmte Suppe hergestellt wird – wurden genauso wie die für Sojabohnen kalkuliert, indem man berechnete, wie viel davon man mit einem goldenen ryo kaufen konnte. Handelswaren aus der Region Kyoto-Osaka wurden gegen Silber verrechnet. Alltagsgüter wie Tofu oder soba-Nudeln bezahlte man in mon.
Weil die drei Währungen praktisch unabhängig voneinander funktionierten, brauchte es Geldwechsler, die nach dem Tageskurs eine Geldform in die andere wechselten. Sie waren in zwei Gilden organisiert. Man unterschied zwischen den zeni-Geldwechslern, die die Münzsorten tauschten, und den anderen Geldwechslern, die sich ausschließlich mit bedeutenden Summen beschäftigten und bei denen man – wie heute bei einer Bank – seine Ersparnisse deponieren und einen Kredit aufnehmen konnte.
Es gibt immer noch Raum nach oben: Die Münzen dieser Vitrine sind nur sehr schlecht zu erkennen. Foto: UK.
Ein Blick in das Modell, das aufgreift, was japanische Wissenschaftler über den Handel mit luxuriösen Kimono-Stoffen wissen. Foto: UK.
Nachbau des Geschäftshauses als Modell. Foto: UK.
Woher ich das weiß? Nun, ich kann natürlich nicht Japanisch. Aber im Edo-Tokio-Museum wird ein Großteil der erläuternden Texte per Bildschirm in zwölf verschiedenen Sprachen angeboten! Auch in Deutsch, und zwar in einem sehr guten Deutsch.
Angebot und Nachfrage
Neben dem Modell des Handelshauses illustriert ein gewaltiger Bildschirm, was passiert, wenn Handelsware in unterschiedlichen Mengen vorhanden ist. Wie steigen und fallen die Preise, wenn zum Beispiel die Thunfischschwärme kommen oder die Reisernte eingebracht ist?
Gut, das ist nicht allzu neu. Viele Museen nutzen Computerspiele zum Erkenntnisgewinn. Aber meistens ist ein Bildschirm pro Besucher vorgesehen. Bei 20.000 Besuchern pro Wochenende wäre das ziemlich illusorisch. Das kalkulierten die Museumsmacher ein. Bei ihrem Spiel müssen gleichzeitig viele Besucher interagieren, um das Marktgeschehen zu imitieren.
Münzen und Medaillen in der ganzen Ausstellung
Natürlich sind Münzen und Medaillen sowie andere numismatische Objekte in der ganzen Ausstellung verteilt. Das Objekt, das mich persönlich am tiefsten berührt hat, war ein Klumpen von Kleingeld, der während des großen Erdbebens von Kanto zusammengeschmolzen war. Diese schreckliche Katastrophe forderte am 1. September 1923 105.385 Todesopfer. Durch den anschließenden Stadtbrand kamen weitere 142.800 Menschen ums Leben. Zum Vergleich: Das in unserem kollektiven Gedächtnis wesentlich besser verankerte Erdbeben von San Francisco kostete 3.000 Menschenleben.
Der 1. September ist in Japan seitdem der Katastrophenvorsorge gewidmet.
Wenn die japanische Kunst nicht Gebäude oder Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Genuss des vergänglichen Augenblicks, dann erkläre ich mir das mit diesen Naturkatastrophen. Sie haben die Vorstellungswelt der Japaner nachhaltig geprägt. Hier ist sich jeder bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Die Kirschblüte steht dafür. Sie ist nicht nur ästhetischer Genuss, sondern Symbol der Vergänglichkeit.
Genauso wie dieser Münzklumpen, für den sein einstiger Eigentümer nie mehr etwas kaufen wird. Sollten Sie also die Möglichkeit haben, Tokio zu besuchen, dann versäumen Sie nicht, das neue Edo-Tokio-Museum zu besichtigen. Sogar wenn Sie dafür eine Stunde anstehen müssen. (Übrigens, ganz schlaue Besucher kaufen ihre Tickets vorher im Internet. Dann geht es wesentlich schneller.)
Münzen, die während des Feuers, das auf das große Erdbeben von Kanto folgte, zu einem Klumpen schmolzen. Foto: UK.
Ein Spiel zeigt den Besuchern, was passiert, wenn sich das Angebot an einer bestimmten Ware vergrößert. Foto: UK.
Präsentation der Imperial Collection in den Räumlichkeiten der Philipp Württemberg Art Advisory GmbH in Frankfurt
Am 18. Mai lud Dr. Philipp Herzog von Württemberg unter dem Titel „Bayern und Preußen –Wiederentdeckte Schätze“ zur Vorstellung von Highlights aus kommenden Auktionen ein. Dr. Rupert Keim vom Auktionshaus Karl & Faber in München präsentierte Gemälde und Miniaturen aus dem Hause Wittelsbach. Dr. Andreas Kaiser, Werner Lamprecht und Ulrich Künker stellten ausgewählte numismatische Kostbarkeiten aus der „Imperial Collection“ vor. Nach einem Sektempfang und Grußworten des Hausherrn Dr. Philipp Herzog von Württemberg gab Ulrich Künker eine kurze Einführung in die Sammlung und ging dabei auf die besondere Sammlungsgeschichte sowie die Provenienz, die guten Erhaltungen und Seltenheiten der Imperial Collection ein. Die ca. 60 anwesenden Gäste diskutierten anschließend bei Wein und Fingerfood angeregt über die Bedeutung der einzelnen Münzen. Frau Dr. Ursula Kampmann unterstützte dabei mit viel Hintergrundwissen zur wunderbaren Welt der Numismatik am Beispiel dieser besonderen Münzen und Medaillen aus königlich-kaiserlichem Besitz.
Dr. Rupert Keim (Karl & Faber) und Dr. Philipp Herzog von Württemberg bewundern die Medaillen aus königlich-kaiserlichen Besitz.
Der Gastgeber Dr. Philipp Herzog von Württemberg begrüßt seine Gäste.
Ulrich Künker stellt die Geschichte der Imperial Collection vor.
Vorschau auf unsere
Weimarer Republik.
5 Reichsmark 1932 D. Goethe. J. 351. Polierte Platte.
Kaiserreich Russland. Alexander II., 1855-1881.
5 Rubel 1863, St. Petersburg. Selten in dieser Erhaltung.
Stadt Hildesheim. Einseitiger Pfennig 1695. Sehr selten.
Hessen-Darmstadt.
Ludwig II., 1830-1848. Vereinsdoppeltaler 1841.
Ludwig IV., der Bayer, 1314-1347.
Goldener Schild (Chaise d‘or) o. J., Antwerpen. Sehr selten.
Georg I., König von Großbritannien, 1714-1727. Reichstaler 1725, Zellerfeld. Herzogtum Bayern.
Stadt Hildesheim. Sechsling (Kleiner Bernwardgroschen) 1495. Selten, besonders in dieser Erhaltung.
Braunschweig-Calenberg-Hannover.
INVESTITION IN EDELMETALLE
SICHERE WERTANLAGE
Neben der Numismatik bieten wir Ihnen ein breites Spektrum aller klassischen Anlageprodukte in Gold, Silber und anderen Edelmetallen. Mit unserer langjährigen Erfahrung und unserem umfangreichen Wissen im Edelmetallhandel unterbreiten wir Ihnen gerne ein individuelles Angebot, was genau auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt ist: