Gesundheitsbarometer
Schwerpunktthema: Strukturwandel
Gemeinsam: Den Wandel gestalten
Zukunft: Vielschichtige Veränderungen stehen an
Perspektive: Chancen statt Bedrohungen sehen
Herausforderung: Gemeinsam an einem Strang ziehen
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Schwerpunktthema: Strukturwandel
Gemeinsam: Den Wandel gestalten
Zukunft: Vielschichtige Veränderungen stehen an
Perspektive: Chancen statt Bedrohungen sehen
Herausforderung: Gemeinsam an einem Strang ziehen
Mit dem KPMG-Gesundheitsbarometer, unserem großen Fachmagazin, fördern wir seit sechzehn Jahren regelmäßig den fachlichen Austausch in der spannenden und komplexen Gesundheitswirtschaft. Dabei konnten wir bereits zahlreiche impulsgebende Perspektiven hochkarätiger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Forschung kennenlernen.
Wir erreichen rund 9.000 Führungskräfte und Interessierte aus den Bereichen Krankenhaus, Sozialversicherungsträger, Pflegeeinrichtungen, Rehabilitation und (Gesundheits-)Politik sowie
Das Gesundheitssystem in Deutschland wird fortlaufend mit strukturellen Veränderungen konfrontiert. Dieser Wandel wird durch die fortschreitende Digitalisierung, die Auswirkungen der alternden Gesellschaft, die sich verändernde Fachkräftesituation im medizinisch-pflegerischen Bereich, die Wandlung von einer sektoralen zu einer integrierten Versorgung oder die Urbanisierung vorangetrieben. All dies sind Megatrends, die den Gesundheitssektor nachhaltig verändern.
Bereits im Jahr 2035 könnte es laut Prognosen rund 1,8 Millionen offene Stellen im deutschen Gesundheitswesen geben. Um dem drohenden Personalmangel entgegenzuwirken, sind neue Versorgungsmodelle, Kapazitätsanpassungen und Veränderungen der Arbeitsbedingungen unverzichtbar. Zudem nimmt der Anteil der Stadtbevölkerung seit Jahrzehnten kontinuierlich zu, wodurch insbesondere im Hinblick auf die Versorgungssicherheit und Erreichbarkeit neue Herausforderungen entstehen. In der aktuellen Ausgabe haben wir mit Expertinnen und Experten der Branche über kreative und neue Lösungskonzepte gesprochen, die geeignet sind, den derzeitigen und erwarteten Schwierigkeiten zu begegnen.
Neben den demografischen Veränderungen sind heute vor allem digitale Daten ein Treiber struktureller Veränderungen sagt Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des UKSH. In NRW begegnet die Politik den Herausforderungen des Fachkräftemangels unter anderem mit der Umsetzung des neuen Krankenhausplans, wie Karl-Josef Laumann als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Bundeslandes ausführt.
Dr. Stefan Knupfer, Vorstand der AOK Plus, erklärt, dass durch Gesundheits-Apps und Wearables die Gesundheitskompetenz gestärkt wird. Nachhaltigkeitsaspekte spielen ebenso eine wichtige Rolle und verändern die medizintechnische Branche, wie Dr.
Medizintechnik, pharmazeutische Industrie und Biotechnologie. Die vorliegende Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Strukturwandel.
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Meinrad Lugan als Vorstand der B. Braun Familienholding Verwaltungs SE beschreibt. Dr. Gerald Gaß führt in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft aus, wie die benötigten Effizienzsteigerungen im Krankenhaussektor erreicht werden können.
Teil des Strukturwandels ist ebenfalls die Digitalisierung der Gesundheitsbranche und die Entwicklung neuer innovativer Produkte. Hierzu gehören die KI-Plattform deepcOS, der Medizintechnikhersteller munevo und das Gesundheitsnetzwerk Flying Health. deepc nutzt KI-Anwendungen in der Radiologie, um die Effizienz zu steigern und das Fehlerrisiko zu senken. Das Unternehmen munevo verwendet Smartglasses zur Steuerung von Rollstühlen und steigert so die Lebensqualität behinderter Menschen. Die Gesellschaft Flying Health hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Gesundheitssystem der Zukunft zu gestalten und ein branchenübergreifendes Ökosystem für Start-ups anzubieten.
Prof. Dr. Franz Benstetter forscht und lehrt an der TH Rosenheim zum Strukturwandel im Gesundheitswesen. Er beschäftigt sich hierbei zum Beispiel mit der Konzeptionierung und Evaluation neuer Versorgungsformen.
Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp, unter anderem Geschäftsführer Medizin der BG Kliniken, berichtet von seinen internationalen Erfahrungen im Gesundheitssystem und führt aus, welche Entwicklungen er aktuell in Deutschland beobachtet.
Die KPMG-Mitarbeiter Peter Lamers und Nikolai Fritsche gehen auf ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichts ein und im abschließenden Beitrag sprechen die KPMG-Mitarbeiterinnen Julia Kaub und Sevilay Hüsman-Köcke über strukturellen Wandel im Hinblick auf Frauen im Gesundheitswesen.
Liebe Leserinnen und Leser, die Bundesrepublik Deutschland befindet sich wie die gesamte Welt in einem kontinuierlichen strukturellen Wandel. Er verläuft nicht immer gleichförmig und ist in manchen Phasen deutlicher und in anderen weniger deutlich zu spüren. Die strukturellen Veränderungen werden zum Teil durch einschneidende Ereignisse beeinflusst oder in Gang gesetzt. Solche schockierenden Einschnitte sind der Krieg in der Ukraine, die Covid-19-Pandemie oder plötzlich auftretende Ereignisse des Klimawandels. Dadurch ausgelöste Folgen wie Arbeitskräftewanderungen, steigende Energiepreise oder gestörte Lieferketten wirken auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen.
Deutschland muss sich an die geänderten Bedingungen anpassen. Struktureller Wandel zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht umkehrbar ist. Die Veränderungen können geleitet und beeinflusst, jedoch nicht gestoppt oder rückgängig gemacht werden. Das eröffnet jedoch einen Rahmen für neue Lösungen, innovative Ideen und deren Umsetzung. In den letzten Monaten wurden neue Wege der Energieversorgung geschaffen und Regelungen zur Einsparung von Energie beschlossen. Im Zuge der Pandemie wurden Gesetze verabschiedet, um die Ausbreitung des Virus und die gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie einzudämmen.
Die Folgen des Strukturwandels in Deutschland sind auch im Gesundheitssystem deutlich erkennbar und spürbar. Dies zeigt sich beispielsweise beim zunehmenden Fachkräftemangel, der zukünftig durch eine Vielzahl von Lösungen verringert werden soll. Durch die Verschiebung von stationären hin zu ambulanten Behandlungen entstehen neue Versorgungs- und somit auch neue Vergütungsmodelle, neue Berufe wie die Community Health Nurse werden geschaffen, Abläufe im Krankenhaus effizienter gestaltet und Prozesse automatisiert, um das vorhandene Personal zu entlasten.
Darüber hinaus hat der Gesundheitssektor mittlerweile die technischen Möglichkeiten und den politischen Gestaltungsrahmen, das Gesundheitssystem digitaler zu gestalten. Rein digitale Gesundheitsleistungen können erstattet werden, Arztgespräche werden virtuell durchgeführt und der Wert sowie die Nutzung medizinischer Daten steigen kontinuierlich.
Der strukturelle Wandel verändert das Gesundheitssystem nachhaltig: Bestehende Strukturen werden umgestaltet, bisherige Prozesse und Lösungen funktionieren nicht mehr. Aber vor allem bietet der Strukturwandel ein enormes Innovationspotenzial zur Gestaltung des Gesundheitssystems der Zukunft. Der Strukturwandel sollte proaktiv statt reaktiv angegangen werden. Unternehmen, die jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und die Veränderungen mitgestalten, werden schließlich gestärkt daraus hervorgehen und sich in Zukunft am Markt behaupten können. Diese Chancen gilt es zu nutzen, um eine nachhaltige, leistungsstarke und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sicherzustellen.
Ich wünsche Ihnen innovative Ideen, das richtige Netzwerk und die notwendigen Kapazitäten zur erfolgreichen Umsetzung des Strukturwandels in Ihrer Organisation.
Viel Freude beim Lesen der neuen Ausgabe des Gesundheitsbarometers zum Thema Strukturwandel.
Axel Bindewalt Partner Head of Healthcare Deutschland KPMG AGWirtschaftsprüfungsgesellschaft
SCHWERPUNKT
08
Interview: Veränderung durch digitale Daten und Demografie 14 Interview: Gesundheitsversorgung in Nordrhein-Westfalen 20 Interview: Die Rolle von Krankenkassen im Gesundheitssystem 26 Interview: Strukturwandel als Gemeinschaftsprojekt
32
Interview: Neuaufstellung von Krankenhäusern 38 Interview: Strukturwandel im Gesundheitswesen 44 Interview: Weiterentwicklung des DRGSystems als Lösungsansatz 50 Interview: Künstliche Intelligenz für eine bessere Patientenversorgung 54 Interview: Smartglasses in der Medizintechnik 60 Interview: Ein digitales, konsolidiertes Gesundheitssystem
ORGANISATIONEN 66 Fachbeitrag: Organisationen umdenken und Chancen ergreifen
KPMG LAW 72 Fachbeitrag: Outsourcing in Krankenhäusern KOLUMNE 76 Gespräch: Frauen, Wandel, Gesundheitswesen
Digitalisierung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und Auswirkungen der Covid-19-Pandemie
Seite 08
Maßnahmen und Fokusthemen im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.
Seite 14
Stellenwert von Vernetzung, Prävention und digitalen Gesundheitsanwendungen im Krankenkassenumfeld.
Seite 20
Maßnahmen zur Bewältigung des Strukturwandels in der Medizintechnikindustrie.
Seite 26
Krankenhäuser richten sich auf eine Zukunft mit klinisch-ambulanter Versorgung und auf Effizienzsteigerungen aus.
Seite 32
Konzeptionierung und Evaluation neuer Versorgungsformen, Bezahlungs- und Finanzierungssystemen und Forschung zu digitalen Transformationen im Gesundheitswesen.
Seite 38
Internationale Erfahrungen und Folgen der Covid-19-Pandemie für die Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems.
Seite 44
deepc stellt den Einsatz verfügbarer KI-Algorithmen individuell zusammen, um eine zielführende Workflowintegration sicherzustellen.
Seite 50
Innovative Technologien in der Medizintechnik steigern die Lebensqualität von Menschen mit körperlichen Einschränkungen
Seite 54
Ein Blick auf die zukünftige Ausrichtung des Gesundheitswesens.
Seite 60
Organisationen sollten mit dem Strukturwandel agieren, um Chancen zu nutzen.
Seite 66
Urteil des Bundessozialgerichts zu ausgelagerten Dienstleistungen in Krankenhäusern.
Seite 72
ALLE INHALTE AUF EINEN BLICK
Herr Professor Scholz, Sie sind inzwischen seit mehr als 25 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Welche strukturellen Veränderungen haben Sie im Zeitverlauf in der Branche beobachtet?
Veränderungen sind häufig ökonomisch getrieben. Früher wollten alle Kardiologie machen, das wurde gut vergütet, Herzzentren wurden ausgegliedert. Heute steht die Onkologie hoch im Kurs und damit verbunden zum Beispiel die Orphanisierung bei Arzneimitteln, weil da die Regularien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) einfacher zu erfüllen sind. Das zeigt, politische Rahmen im weitesten Sinne, also inklusive Selbstverwaltung, beeinflussen das Geschehen und stehen in Wechselwirkung mit den medizinischen Fortschritten.
Die Fallpauschalen sind an sich ein gutes Instrument.
Daran ist nicht alles schlecht. Auch wenn man sich überlegt, wie zum Beispiel die DRGs das System verändert und in gewisser Weise ökonomisiert haben. Die Fallpauschalen sind an sich ein gutes Instrument. Die DRGs als einzig entscheidendes Vergütungs- und damit Steuerungsinstrument zu etablieren, das ist jedoch ein deutscher Sonderweg. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Krankenhäuser ausschließlich daraus die Betriebskosten finanzieren müssen, egal welche Aufgabe sie haben. Auch an den Krankenkassen ist eine Ökonomisierung in Form der freien Kassenwahl und des Wettbewerbs und den daraus folgenden Fusionen nicht vorbeigegangen.
Drei Dinge ziehen sich als Konstante aber durch: erstens, die große Macht der Kassenärztlichen Vereinigungen, die im Wesentlichen darüber entscheiden, wer ambulant behandeln darf, zweitens, die nicht vorhandene Krankenhausplanung der Länder und drittens, die Vorreiterrolle der Unimedizin. Die Laparoskopie zum Beispiel, war anfangs aufwendig und nicht wirtschaftlich „lohnend“. Man hat trotzdem weiter daran gearbeitet, vor allem in der Unimedizin, weil das Potenzial erkannt wurde. Heute macht das jeder und sie ist deutlich schneller und schonender als die offene chirurgische Methode.
Derzeit haben wir vor allem zwei zentrale Treiber der Veränderung: digitale Daten und Demografie. Die Pandemie hat die Digitalisierung nochmals beschleunigt, sowohl was die Selbstverständlichkeit der Nutzung von digitalen Tools angeht als auch die Zusammenarbeit der Krankenhäuser in den Regionen und zwischen den Uniklinika im gemeinsamen
Netzwerk Universitätsmedizin. Der Einfluss der Demografie ist im Gesundheitswesen noch größer als in anderen Branchen, da medizinische Versorgung durch Menschen erfolgt, auch wenn es zunehmend digitale Hilfsmittel gibt.
Derzeit haben wir vor allem zwei zentrale Treiber der Veränderung: digitale Daten und Demografie.
Seit 2009 sind Sie Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Inwiefern hat die Digitalisierung als Treiber einen Strukturwandel beim UKSH bewirkt?
Die Digitalisierung ist eine unserer tragenden Säulen: Das UKSH hat in seinem medizinischen Strukturkonzept die demografischen und epidemiologischen Herausforderungen der Zukunft der Patientenversorgung in Schleswig-Holstein analysiert und hat auf diesem Fundament seinen baulichen Masterplan aufgesetzt. Neben der Architektur und wissenschaftlichen sowie medizintechnischen und digitalen Innovationen arbeiten wir gleichzeitig an unseren inneren Werten: Dazu gehören medizinische Innovationen wie die vom Exzellenzcluster1 entwickelte Precision Health, eine Blaupause translationaler Medizin für alle Fachrichtungen, genauso wie sozio-ökonomische Perspektiven, insbesondere mit Blick auf die Selbstbestimmung unserer Patientinnen und Patienten. Kurz: Wir verstehen das „UKSH der Zukunft“ als sinnstiftendes Gesamtkunstwerk für die ambulante und stationäre Patientenversorgung. Das bedeutet, dass wir nicht darauf warten, bis der Markt eine Lösung für alle „von der Stange“ anbietet. Die IT des UKSH stellt dabei nicht nur die Routine für den funktionierenden Krankenhausbetrieb sicher, sondern versteht sich als Innovationsplattform in enger Anbindung von Forschung und Lehre, von der das UKSH vor allem dank seiner beiden angeschlossenen Universitäten profitiert.
Mit Digitalisierung ist es wie mit der Instandhaltung eines Hauses – damit wird man nie fertig! Man kann allenfalls aufhören – aber das ist auf Dauer nicht gut. Wir haben mit dem Neubau in Kiel und Lübeck die große Chance genutzt, die infrastrukturellen Voraussetzungen für die digitale Zukunft des UKSH zu schaffen und gleichzeitig einen zukunftsweisenden Digitalisierungsschub umzusetzen. Und ich betone umzusetzen, andere reden nur über Smart Hospitals, aber da ist reell nichts.
1 Beim Exzellenzcluster handelt es sich um einen DFG-geförderten Zusammenschluss zwischen den Universitäten Kiel und Lübeck, dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und weiteren wissenschaftlichen und medizinischen Forschungseinrichtungen. Der Cluster verfolgt das Ziel, eine Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen (PMI) zu entwickeln und einzuführen.
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, eine Aktiengesellschaft nach deutschem Recht und ein Mitglied der globalen KPMG-Organisation unabhängiger Mitgliedsfirmen,
KPMG International Limited, einer Private English Company Limited by Guarantee, angeschlossen sind. Alle Rechte vorbehalten.
Ambulantisierung in Kliniken rückt heutzutage verstärkt in den Fokus – welche Bedeutung hat das Thema Ihrer Meinung nach für die zukünftige Gesundheitsversorgung in Universitätskliniken in Deutschland?
Eine ganz große. Zum einen liegt das in der Natur des medizinischen Fortschritts. Wir können heute mit schonenderen Methoden viel mehr ambulant behandeln und das wird sich weiter so entwickeln. Angesichts des Fachkräftemangels brauchen wir das auch. Zum Glück hat der Bundesgesundheitsminister das erkannt. Die Regierungskommission für die Krankenhausreform hat gerade einen Vorschlag zur Ambulantisierung für Tagesbehandlungen gemacht. Ich bin der Ansicht: Alle Maßnahmen, die die Belastung des Krankenhauspersonals senken, ohne Qualität und Patientensicherheit zu mindern, sollten versucht werden. Ich sage bewusst des gesamten Krankenhauspersonals. Wir wissen, dass die Pflege stark belastet ist, gerade in der Pandemie. Das gilt aber auch für die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen.
Welche Art von Strukturwandel bemerken Sie heute ganz konkret bei Ihrer Arbeit?
Wie erleben, dass Krankenhäuser in unserer Umgebung aufgrund von Personalproblemen die Versorgung einstellen, zum Beispiel in der Geburtshilfe. Die zusätzlichen Patientinnen und Patienten kommen dann zu uns. Aufgrund unserer Größe können wir das stemmen und prinzipiell ist die Konzentration von Leistungen auch richtig. Qualität entsteht zum einen durch Menge, zum anderen dadurch, dass Sie in einem Universitätsklinikum natürlich für alle Eventualitäten und Komplikationen gewappnet sind. Die Technik und das Personal dafür vorzuhalten, kostet aber Geld und ist mit den Durchschnittsentgelten, die die Fallpauschalen darstellen, nicht immer kostendeckend.
Inwiefern würden Sie eine zunehmende Zentrierung von Fachbereichen innerhalb von Kliniken begrüßen und wie sollte sie aussehen?
Konzentration von Expertise und Versorgung ist richtig. Wir erleben heute ein langsames Krankenhaussterben und das führt zu einer langsamen Konzentration. Dieser eher zufällige Prozess ist aber aus mehreren Gründen problematisch: Erstens, er dauert zu lange. Wir haben schlicht zu wenige Fachkräfte und perspektivisch zu wenig Geld im System, um uns ein Dahinsiechen lange leisten zu können. Zweitens, in einem kalten Strukturwandel gehen mitunter defizitäre Häuser vom Netz, die aber notwendig wären. Das solitäre Krankenhaus in der Fläche ist häufig gefährdet, obwohl es für die Versorgung wichtig ist und am besten mit telemedizinischer Unterstützung aus der Universitätsklinik behandeln sollte. Da gibt es erhaltenswerte Strukturen. Was wir eher nicht brauchen, sind 200-Betten-Häuser im urbanen Setting. Dafür gibt es dort genügend Maximalversorger, die durch ihre Größe und die damit verbundenen Skaleneffekte viel effizienter versorgen können. Wir brauchen also mehr Steuerung im Strukturwandel. Das gelingt mit ernst gemeinter Krankenhausplanung. Da sind die Länder bequem. Der Bund muss daher zumindest Versorgungsstufen mit unterschiedlicher Vergütung etablieren, so wie das im Koalitionsvertrag steht. Das darf er und das würde die Länder auch zwingen, sich mit ihrer Krankenhausplanung stärker auseinanderzusetzen und dieser gestuften Versorgung zu folgen.
Wir können heute mit schonenderen Methoden viel mehr ambulant behandeln.
Konzentration von Expertise und Versorgung ist richtig.
Welche Auswirkungen hat der strukturelle Wandel auf Personalstrukturen und Einsatzkonzepte in Universitätskliniken?
Die Frage müssen Sie andersherum stellen. Der Fachkräftemangel diktiert den Strukturwandel in erheblichem Maße. Die Ausgliederung der Pflege aus den Fallpauschalen war ein Fehler, das haben die Universitätskliniken damals schon klargestellt. Sie führt dazu, dass möglichst viele Aufgaben den Pflegekräften überlassen werden. Dabei sind sie extrem qualifiziert und wertvoll. Wir brauchen jede freie Minute einer Pflegekraft in der unmittelbaren Krankenversorgung, wenn wir unser Versorgungsniveau in Deutschland halten wollen. Aber das Gegenteil ist passiert. Da Pflege außerhalb des Budgets finanziert wird – von den Problemen mit den Pflegebudgetverhandlungen mal abgesehen – lassen manche Kliniken möglichst viel von den Pflegekräften erledigen, auch Tätigkeiten, die unterhalb ihrer Qualifikation liegen. Universitätskliniken, die multifunktionelle Teams und innovative Behandlungsund Personalkonzepte haben, werden dadurch benachteiligt. Bei uns bringt die Pflegekraft in der Regel nicht das Essen, weil sie woanders viel dringender gebraucht wird.
Sollten Konsolidierungsprozesse von Kliniken weiterhin vorangetrieben werden und falls ja, aus welchen Gründen?
Ja, auf jeden Fall. Wie schon gesagt, wir brauchen eine aktive Krankenhausplanung, die sich auch traut, Häusern einen Versorgungsauftrag zu entziehen, wenn dies geboten ist. In den Ländern selbst geht das oft nicht, da es vor Ort zu viele Befindlichkeiten und Abhängigkeiten gibt. Da muss Druck oder müssen Vorgaben vom Bund kommen. Dann können alle mit dem Finger nach Berlin zeigen. Hauptsache vor Ort passiert etwas.
Da muss Druck oder müssen Vorgaben vom Bund kommen.
Wie wirkt sich die gestiegene Patientensouveränität durch eine Vielzahl vorhandener Informationen auf Ihre Arbeit aus und welche Rolle nehmen Patientinnen und Patienten bei der Aufstellung des Gesundheitswesens in der Zukunft ein?
Der Fachkräftemangel diktiert den Strukturwandel in erheblichem Maße.
Patientinnen und Patienten sind heute anders als vor 30 Jahren. Sie sind viel informierter und fordernder. Oder wenn man es positiv ausdrückt: mündiger. Grundsätzlich ist das positiv. Denn wenn Patientinnen und Patienten verstehen, was passiert, sind sie auch eher geneigt, compliant im Therapieverlauf zu sein.
Sie haben heute auch andere Ansprüche, was Komfort angeht, aber auch im Hinblick auf den Umgang und die Nutzung digitaler Daten und Tools.
Die Pandemie hat auch im UKSH als weiterer Katalysator auf unsere Prozesse und Ideen gewirkt: insbesondere im Service für unsere Patientinnen und Patienten. Self-Check-in, digitale Visite, bis hin zur Augmented Reality oder robotischen Navigation im OP sind auf möglichste Verringerung von Kontakten ausgelegt. Eigentlich wollten wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dadurch überflüssige Routinen ersparen und effizienter werden – das ist nun im Rahmen der Coronapandemie gleichzeitig zum Vorteil für Hygiene und Infektionsschutz geworden.
Prof. Dr. Dr. h. c. Jens Scholz Vorstandsvorsitzender Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Prof. Dr. Dr. h. c. Jens Scholz ist Professor für Anästhesiologie und seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums SchleswigHolstein. Zudem ist er seit dem 1. Juli 2021 erster Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschland e. V. (VUD) und Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Zuvor war Jens Scholz als C-3-Professor beim Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und C-4-Professor für Anästhesiologie sowie Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein tätig.
A lexander Morton Partner Healthcare KPMG AG
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft alexandermorton@kpmg.com
Richard Overödder Manager Healthcare KPMG AG
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft roveroedder@kpmg.com
Herr Laumann, seit 2017 sind Sie Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus und welche Ziele haben Sie sich persönlich gesteckt?
Fachkräftemangel, Coronapandemie, steigende Energie- und Lebensmittelpreise, das sind alles Herausforderungen, die mich als Minister für die Bereiche Arbeit, Gesundheit und Soziales aktuell besonders fordern. Seit Beginn der Coronapandemie Anfang 2020 befinden wir uns in einem Krisenmodus und ich komme im Grunde genommen aus dem Dienst – zumindest gedanklich – kaum mehr raus. Es ist eine sehr spannende, aber anspruchsvolle Zeit.
Ein wichtiges Ziel ist ohne Frage die Umsetzung des nordrhein-westfälischen Krankenhausplans. Das ist eine Herkulesaufgabe. Sie ist aber notwendig, um die bestmögliche Versorgung für alle Patientinnen und Patienten sicherzustellen. Mit der Umsetzung der neuen Krankenhausplanung wird die stationäre Versorgung deutlich gestärkt. Zugleich wird die Qualität gesichert.
In allen Sektoren kann zudem die Digitalisierung einen riesigen Beitrag zur Versorgung leisten. Das virtuelle Krankenhaus hat zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen deutlich gezeigt, dass mithilfe der Digitalisierung Kooperationen und medizinische Expertise auch über weite Entfernungen möglich sind. Es ist aber auch klar, dass es dazu eine angemessene Honorierung braucht: Die Beratung im digitalen Bereich muss in das Entgeltsystem aufgenommen werden. Außerdem dürfen telemedizinische Anwendungen wie Konsile nicht mehr nur auf einzelne Projekte beschränkt sein. In Nordrhein-Westfalen finanzieren wir das stark über Landesmittel. Das ist auf Dauer keine Lösung.
Was bedeutet für Sie Strukturwandel (im Gesundheitswesen)?
Für mich bedeutet „Strukturwandel“, dass wir auf Veränderungen reagieren. Aus den letzten Jahren haben wir lernen müssen, dass wir in allen Lebensbereichen krisenfest sein müssen, so auch im Gesundheitswesen. Dazu zählen zum Beispiel der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und auch der medizinische Fortschritt. Auf diese Änderungen müssen wir reagieren.
Auch müssen wir dafür sorgen, dass die ärztliche Versorgung insbesondere auf dem Land auch in Zukunft sichergestellt ist. Denn es gibt in den Regionen viele Allgemeinmediziner und -medizinerinnen, die in den nächsten Jahren aus Altersgründen ihre Praxen aufgeben. Daher braucht es genug Nachwuchs, der sich dann auch in ländlichen Räumen niederlässt und arbeitet. Dazu haben wir unter anderem als erstes Bundesland die Landarztquote eingeführt und mehr neue Medizinstudienplätze geschaffen. Hier werden wir weiter am Ball bleiben.
Zudem ist die Sicherung und Gewinnung von Fachkräften in den Pflege- und Gesundheitsberufen eine wichtige Aufgabe. Dafür müssen wir vor allem mehr ausbilden. Aber allein mit mehr Aus- und auch Weiterbildung werden wir die Herausforderung nicht meistern können. Daher wollen wir auch durch eine gezielte Anwerbung aus dem Ausland für mehr Arbeitskräfte in den Mangelberufen sorgen. Dafür haben wir die Zentrale Anerkennungsstelle für Gesundheitsberufe (ZAG) bei der Bezirksregierung Münster geschaffen und zuletzt noch einmal personell gestärkt.
Das beste Beispiel dafür, dass wir als Land den Strukturwandel zielgerichtet angehen, ist der neue Krankenhausplan. Mit dem Gutachten von 2019 haben wir unsere stationären Versorgungsstrukturen untersucht. Wir haben festgestellt, dass wir tendenziell eine Unterversorgung im ländlichen Raum haben und andererseits aber auch Doppelungen von Angeboten auf kleinem Raum in den Ballungsgebieten. Es wurde deutlich, dass unsere Krankenhäuser zwar gute Arbeit leisten, aber Kooperationen mit benachbarten Krankenhäusern und Aufgaben in spezifischen Leistungsangeboten nicht sinnvoll verteilt sind. Änderungen in der Versorgungslandschaft wie zum Beispiel Krankenhaus- oder Krankenhausabteilungsschließungen oder Zusammenlegungen erfolgten ungesteuert. Das darf nicht sein. Wir haben als Land die Verpflichtung, eine flächendeckende stationäre Versorgung für alle Bewohnerinnen und Bewohner in Nordrhein-Westfalen sicherzustellen. Dabei müssen wir uns auf die Krankenhäuser und ihre qualitativ hochwertige Leistungserbringung verlassen. Deswegen wurde nun im Einvernehmen mit allen relevanten Beteiligten am Gesundheitswesen – vor allem mit der Krankenhausgesellschaft NordrheinWestfalens, den beiden Ärztekammern und den Kostenträgern – ein neuer Krankenhausplan erarbeitet.
Durch den neuen Krankenhausplan für NordrheinWestfalen werden die allgemeinen qualitativen und strukturellen Bedingungen, die ein Krankenhaus
Ein wichtiges Ziel ist ohne Frage die Umsetzung des nordrhein-westfälischen Krankenhausplans.
erfüllen muss, damit es einen Versorgungsauftrag erhalten kann, stärker als bisher vorgegeben. Mit dem neuen Krankenhausplan ist eine differenzierte Planungssystematik eingeführt worden, die effektive Steuerung, Transparenz und Qualität verbindet. Hier gehen wir nun in die Umsetzung und gehen den Strukturwandel gezielt und im engen Austausch mit allen Beteiligten an. Wir haben gelernt, dass die transparente Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg ist und das Vertrauen von allen Seiten notwendig ist, um bestehende Strukturen sinnvoll zu verändern. Damit sind wir auch bundesweit in der Vorbildrolle. Es ist uns bewusst, dass wir uns in einem lernenden System befinden – zum einen, weil wir in Deutschland einen neuen, mutigen und richtigen Weg eingeschlagen haben, zum anderen, weil wir die stetigen Strukturveränderungen, wie die demografische Entwicklung, im Blick behalten müssen. Zunehmende und sich verändernde Versorgungsbedarfe stellen die Krankenhäuser vor große Herausforderungen. Auch spielt die Digitalisierung im Gesundheitswesen zunehmend eine Rolle. Sie kann dazu beitragen, patientinnen- und patientenorientierte Versorgungslösungen umzusetzen. Die Strukturveränderungen werden wir auch finanziell begleiten. Das Gesundheitswesen ist im ständigen Prozess, hier dürfen wir nicht still sitzen, sondern gehen Veränderungen an und sind stets auf der Hut.
Was kann die Politik gegen eine Mangelversorgung auf dem Land tun?
Eine Erhöhung der Medizinstudienplätze ist eine von vielen Maßnahmen der Landesregierung. Ihr Ziel ist es, die ärztliche Versorgung sicherzustellen,
insbesondere in ländlichen Regionen. Hierzu erarbeitet die Landesregierung aktuell ein Umsetzungskonzept. Mit Förderungen im Rahmen des Hausarztaktionsprogramms oder der Landarztquote haben wir zudem bereits Maßnahmen geschaffen, die gezielt den niedergelassenen Bereich auf dem Land unterstützen und die Versorgung in ländlichen Regionen auch zukünftig sichern sollen.
Was für einen Wandel der Pflegestruktur erwarten Sie in Zukunft?
Die Pflege in Deutschland und auch in NordrheinWestfalen steht vor enormen Herausforderungen: Eine alternde Bevölkerung trifft auf zu wenige Pflegekräfte. Um den daraus entstehenden Herausforderungen für die Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, braucht es auch ein neues Denken in der Pflegelandschaft. Die drohende Versorgungslücke kann nicht nur über mehr Personal gestemmt werden. Schon jetzt braucht und gibt es in Nordrhein-Westfalen Eigenverantwortlichkeit, Nachbarschaftlichkeit und die Hilfe zur Selbsthilfe. Die professionelle Pflege muss sich stärker an Kompetenzen und konkreten Bedarfen orientieren und damit ergebnisorientiert und sehr zielgenau ausgestaltet sein. Das ist bereits die Idee pflegerischer Versorgung, die dem Pflegeversicherungsrecht zugrunde liegt. In der Praxis muss sich das noch stärker etablieren.
Eine alternde Bevölkerung trifft auf zu wenige Pflegekräfte.
Dabei sind flexible Handlungsmöglichkeiten in der häuslichen Versorgung von pflegebedürftigen Menschen immer wichtiger, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Unterstützungen im Alltag sowie die Nachbarschaftshilfe sind wesentliche und die Pflege ergänzende Angebote in der häuslichen Versorgung. Deshalb haben wir die landesrechtlichen Regelungen für solche Unterstützungsangebote in Pandemiezeiten um Ausnahmeregelungen ergänzt, um damit insbesondere auch die Nachbarschaftshilfe zu stärken. Die Angebote werden wir auch für die Zukunft unterstützen.
Politik, Forschung, Pflege – wir alle arbeiten zusammen daran, Pflegebedürftigen und Pflegekräften in Nordrhein-Westfalen zukünftig gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen. Einzelprojekte und Modellvorhaben reichen nicht aus, um die Pflegelandschaft grundsätzlich zu erneuern und umzugestalten. Wichtige Grundpfeiler werden auch Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, Kooperationen sowie Regionalität sein.
Wie kann der Pflegeberuf attraktiver gestaltet werden, sodass sich mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden und dem Fachkräftemangel entgegengewirkt wird?
Die 2020 in Kraft getretene generalistische Pflegeausbildung ermöglicht eine attraktive und moderne Ausbildung in der Pflege.
Darüber hinaus sind mittlerweile im Pflegeberufsgesetz die Zuständigkeiten pflegerischer Aufgaben klar geregelt. Demnach dürfen nur Pflegende mit einer entsprechenden Berufserlaubnis als Fachkraft den vorliegenden Pflegebedarf feststellen, pflegerische Prozesse planen, organisieren und evaluieren. Hier sind also endlich eindeutige Zuständigkeiten festgelegt. Ich halte das für einen wesentlichen Attraktivitätszuwachs für den Pflegeberuf und für die gesundheitliche Versorgungssicherheit. Denn: Ohne klare Zuständigkeiten können Missverständnisse und Konflikte entstehen.
Die in Nordrhein-Westfalen ergriffenen Maßnahmen zur Stärkung der Pflegeausbildung zeigen sich dementsprechend auch in den Ausbildungszahlen. Nachdem bereits im Jahr 2020 die Zahl der neu begonnenen Ausbildungen auf Rekordniveau gestiegen war (15.837 Auszubildende), gelang 2021 eine nochmalige Steigerung um knapp zehn Prozent auf insgesamt 17.413 Auszubildende. Noch nie haben in Nordrhein-Westfalen so viele Menschen eine Ausbildung in der Pflege begonnen. Das Land hat in den letzten Jahren mehr als 350 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Modernisierung und den Kapazitätsausbau von Pflegeschulen und Schulen des
Gesundheitswesens zu fördern. Zudem trägt der Landeshaushalt 8,9 Prozent der Kosten für die Pflegeausbildung. Geld allein reicht aber nicht. Wir brauchen auch weiterhin motivierte Bewerberinnen und Bewerber. Für den Pflegeberuf braucht es eine hohe Fachlichkeit und ein hohes Maß an Verantwortung, die sich mit der großen Nähe zu Patientinnen und Patienten beziehungsweise Pflegebedürftigen verbinden. Es ist ein anspruchsvoller, aber auch erfüllender Beruf und ich freue mich, dass so viele Menschen ihn ergreifen wollen. Und ich freue mich, dass unsere Maßnahmen zur Stärkung der Pflegeausbildung Früchte tragen.
Noch nie haben in NordrheinWestfalen so viele Menschen eine Ausbildung in der Pflege begonnen.
Wichtig ist aber auch, die Arbeitsbedingungen besser und attraktiver auszugestalten. Dazu gehört einerseits eine angemessene Bezahlung. Daher war für mich die Verpflichtung zur Zahlung von Tariflöhnen ein wichtiger Schritt in der Pflege. Dazu zählt aber auch eine passende Personalausstattung. Beide Verfahren werden von uns eng begleitet. Im Zusammenwirken mit den pflegerischen Aktiven des Landesausschusses Alter und Pflege unterstützen wir daher in Nordrhein-Westfalen die Umsetzung der neuen Personalbemessung in der stationären Pflege. In einer stärker an Kompetenzen orientierten Aufgabenverteilung spielen dabei akademisch ausgebildete Fachkräfte sowie eine kontinuierliche, angemessene und professionelle Personalentwicklung eine wichtige Rolle. Dabei ist es von Bedeutung, dass sich die
Profession selbst aktiv an den sie betreffenden Entwicklungen in der Pflege beteiligt – nicht zuletzt mittels einer berufsständischen Vertretung durch eine Pflegekammer.
Wie bewerten Sie eine Akademisierung von Pflegepersonal?
Um den Anforderungen an eine moderne pflegerische Versorgung gerecht werden zu können, brauchen wir den Zuwachs pflegerischer Kompetenzen und einen ausgewogenen Qualifikationsmix in der Pflege. Dabei nehmen akademisch ausgebildete Pflegefachkräfte eine Schlüsselrolle ein, insbesondere um die fortschreitenden pflegewissenschaftlichen Erkenntnisse und die Berufspraxis besser zu verzahnen. Akademisch ausgebildete Pflegende wollen und sollen vornehmlich in der pflegerischen Praxis tätig sein und hier ihre Kompetenzen einbringen.
Akademisch ausgebildete Pflegende wollen und sollen vornehmlich in der pflegerischen Praxis tätig sein und hier ihre Kompetenzen einbringen.
Mit dem Pflegeberufegesetz wurde die primärqualifizierende hochschulische Pflegeausbildung eingeführt. Anders als in der fachberuflichen Pflegeausbildung fehlt jedoch bisher eine Finanzierungsregelung für die erforderliche Praxisanleitung, was sich negativ auf die Attraktivität des Studiums auswirkt. Hier ist der Bund in der Pflicht, nachzubessern. In Nordrhein-Westfalen haben wir uns vorgenommen, das Angebot der primärqualifizierenden akademischen Ausbildung deutlich zu stärken. Perspektivisch streben wir im Bereich der Pflege eine Akademisierungsquote von bis zu 20 Prozent an.
Inwiefern wird der Datenschutz bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens von der Politik im ausreichenden Maße berücksichtigt? Welche Maßnahmen für einen besseren Datenschutz bei zunehmender Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen gibt es derzeit?
Die Sicherstellung einer optimalen medizinischen Versorgung für die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen ist von höchster Priorität. Die sichere digitale Vernetzung von Leistungserbringern, Kostenträgern, Versicherten und weiteren Beteiligten am Gesundheitswesen sowie der Rehabilitation und der Pflege ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Funktionsfähigkeit unseres Gesundheitswesens.
Die Sicherstellung einer optimalen medizinischen Versorgung für die Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen ist von höchster Priorität.
Auf Bundesebene wurde damit begonnen, eine rechtliche Grundlage für die Nutzung von Gesundheitsdaten in Deutschland sowie auch grenzübergreifend in der Europäischen Union zu schaffen – unter der Berücksichtigung des geltenden Datenschutzrechts. Hierunter fallen Gesetze wie das PatientendatenSchutz-Gesetz (PDSG) oder das Digitale-Versorgungund-Pflege-Modernisierungs-Gesetz (DVPMG), die einerseits eine Nutzung digitaler Gesundheitsdaten für elektronische Anwendungen wie das E-Rezept oder die elektronische Patientenakte erst ermöglichen und telemedizinische Leistungen unterstützend in die Versorgungslandschaft integrieren.
Eine weitere wichtige Komponente zur Wahrung des Datenschutzes im Gesundheitswesen ist andererseits die Telematikinfrastruktur (TI). Die TI ist eine wichtige und zukunftsweisende Plattform und Maßnahme für eine datenschutzkonforme und sichere Nutzung von Gesundheitsanwendungen. Sie ist notwendig, um sensible Daten von Patientinnen und Patienten unter Einbehaltung hoher Sicherheitsstandards zwischen den Beteiligten zur Verfügung zu stellen. Die zu Recht geltenden höchsten Sicherheits- und Datenschutzanforderungen für die Telematikinfrastruktur werden fortwährend angepasst.
Darüber hinaus soll mit dem Europäischen Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space, EHDS) ein vertrauenswürdiges Umfeld für den sicheren Zugang zu Gesundheitsdaten und ihre sichere Verarbeitung über die Landesgrenzen hinaus geschaffen werden. Auch hierbei steht der Datenschutz europaweit und in den einzelnen Mitgliedsstaaten im Vordergrund.
Kar l-Josef Laumann1
Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NordrheinWestfalen
Von 2005 bis 2010 war und seit dem Jahr 2017 erneut ist Karl-Josef Laumann als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen tätig. Zuvor war er als Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit sowie Patientenbeauftragter und Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung Deutschland im Einsatz. Politisch engagierte sich Herr Laumann bis 2013 mehrere Jahre in verschiedenen Rollen bei der Christlich Demokratischen Union (CDU).
Axel Bindewalt
Partner
Head of Healthcare Deutschland
KPMG AG
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft abindewalt@kpmg.com
Johanna Hilgen Managerin
Public Sector Consulting KPMG AG
Wirtschaftsprüfungs-gesellschaft jhilgen@kpmg.com
1 Fotograf: Ralph Sondermann