98
5.1 amurru in der königlichen ideologie und tradition: von ebla bis israel mar-tu: die ewigen Aussenseiter? Die Amurriter – oder Amoräer228 – sind ein breites Thema, das in dem gegebenen Raum nicht ausführlich behandelt werden kann. Eher bietet sich an, einige Paralellen, Vergleiche und strukturelle Ähnlichkeiten aus dem „Bird’s eye view“ zur Schau kommen lassen; dabei werden wir grob den Zeitverlauf verfolgen. Im Artikel über mar-tu in den sumerischen Quellen für den Reallexikon der Assyriologie ist Diez Otto Edzard (1987–1990: 439) zu dem Schluss gekommen, „dass die M. als Fremde betrachtet wurden und noch nicht als Mitbürger anerkannt waren“. Damit stellt sich die erste Frage: Wann sind sie als Mitbürger anerkannt worden? Die Amurriter und die Kanaanäer: eine Ähnlichkeit Vor dreißig Jahren hat N. P. Lemche sein Buch Canaanites and their land veröffentlicht und in darauffolgender Debatte mit Anson Rainey und Nadav Naaman erfolgreich seine These verteidigt.229 Dieser These gemäss sei der Begriff „Kanaanäer“ von außen gekom men, und diente lange nicht zum Ausdruck der Selbstidentität. Mit anderen Worten, die Kanaanäer wussten gar nicht, dass sie Kanaanäer seien. Sie waren also, mit der von der Sprachwissenschaft über die Anthropologie ausgeliehenen Distinktion, Kanaanäer nur etisch, nicht emisch. Es sei die erste Paralelle mit Ugarit gestattet: in Ugarit sprach man über einen „Kanaanäer“, wenn man zum Ausdruck bringen wollte, dass es um einen Fremden geht, aber man nicht genau wusste, woher er eigentlich kommt (Rainey 1963). Ähnliche Distanz herrscht auch bei den mar-tu. Wenn man es konkreter weiss, man wird auch konkreter: Šū-Sîn meldet für sein 4. und 5. Jahr einen Mauerbau gegen
228 Es empfehlt sich, den traditionellen Begriff „Amoräer“ für die biblische Schicht reservieren, und die bronzezeitlichen mar-tu als „Amurriter“ zu kennzeichnen (Streck 2000). 229 Lemche 1991; 1996; 1998.
Ukázka elektronické knihy, UID: KOS503250
5. schlussfolgerungen: durch die zeit, durch den raum
99
das Vordringen der Nomaden, die er zuerst appellativisch als bàd mar-tu, und nachher durch den Eigennamen als murīq tidnim bezeichnet.230 Die Amurriter und die Kanaanäer: eine Dichotomie Etymologie der beiden Ethnonyme ist umstritten und mehreren Spekulationen offen.231 Meiner Meinung nach ist Kanaan primär das Land im Westen, wo die Sonne zur Erde sinkt, von der semitischen Wurzel kn‘ „sich beugen, niedersinken“ abgeleitet (Astour 1965). Kanaan ist also Westland, was kommt einer der Bedeutungen von Amurru gleich.232 Amurru kann entweder von der semitischen Wurzel mrr „bitter sein“ mit der Referenz auf das Mittelmeer abgeleitet (Durand 1993: 46; dagegen Streck 2000: §1.8), oder eher von der Nebenbedeutung der gleichen Wurzel, „stark sein“. Währenddessen aber Kanaanäer die Talbewohner sind, Amoräer das Hochland bewohnen, wie es noch in der Bibel zum Ausdruck kommt: „... Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und um den Jordan“ (4. Mose 13,29). Später, wenn Amurru im Laufe der spätbronzezeitlichen Fragmentierung praktisch ausschließlich als ein Proprium für den gleichgenannten hethitischen Vasalenstadt etabliert wurde, haben die Aramäer seinen Platz in der binären Opposition zu den Kanaanäern eingenommen.233 Und noch später wurden in gleicher Art und Weise auch die anderen Westleute, nämlich Araber, benannt (oder: erfunden?). Auch in diesem Fall hat der Begriff auf dem etischen und emischen Niveau verschiedene Referenten: etisch gebraucht zielt er an alle Araber, emisch exklusiv an die Nomaden zwischen ihnen.
230 mu(-ús-sa) dšu-dEN.ZU lugal uri5ki-ma-ke4 bàd mar-tu mu-ri-iq ti-id-ni-im mu-dù (RIME 3/2: 290, 293). L. Verderame (2009: 247) stimme ich zu, dass mar-tu hier ein Appellativ sei, doch sein Vorschlag, bàd mar-tu als „Westmauer“ zu verstehen, wird durch die Semantik der anderen Ur-III Königsinschriften nicht gestützt und durch andere Inschrift von Šū-Sîn als auch eine Meldung von Šū-Sîns Angestellter Šarrum-bāni klar widerlegt (RIME 3/2 1.4.17 und S. 291; vgl. auch Streck 2000: §1.17). 231 Für die weiterführende Literaturangaben vgl. Lemche (1991: 26, Anmerkungen 3–10). 232 Man denkt an Die Ostkananäer von Theo Bauer (1926), einem der Anhänger der (nord)östlichen Lokalisation der Amurriter. Diese Auseinandersetzung bleibt lebendig: die Himmelsrichtung von MAR.TUki in Enmerkar und der Herr von Aratta, Z. 144 bezeichnet für Jakobsen (1997: 547, Anm. 5) Ost, für Glassner (1984: 19) Südwest. Laut der neuesten Bearbeitung (Mittermayer 2009: 243f.) „beschreiben die Z. 141–144 einen Zustand, der dem Adressaten beziehungsweise dem Dichter der Erzählung zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. vertraut war“. Eine symbolische Bedeutung der genannten Länder wird nicht erwogen. Es wird fortgeführt, dass „im Gegensatz dazu stehen die Z. 145f., in denen das ursprüngliche Ideal von Einigkeit und Einsprachigkeit dargelegt wird“. Diese Analyse geht von der Vorverständnis aus, dass der Dichter/Adressat aktuelle Länderkarte nicht ins illo tempore projizierte, was zuerst dargelegt werden sollte. 233 Besonders, wenn die Analyse als einen von der Wurzel rwm gebildeten af‘al (*’arwam) zutrifft (anders z.B. Lipiński 2000: 51–54). Übergangsstadium wären die schon altbabylonisch genannten Aḫlamû (AbB 13,60 30–32; dazu Streck 2000: §1.10), andere schwer greifbare Entität, derer Name auch als ein af‘al, diesmal von der Wurzel ġlm „jung sein“, analysiert werden kann. Jung, stark, hochlebend: typische Merkmale der Kleinviehnomaden aus der Sicht der sesshaften Talbewohner? Wenn die israelitische Ethnogenese beginnt, werden die Protoisraeliten emisch als die „Hebräer“, also die Übergegangenen, gekennzeichnet. Über der Sprachverwandschaft meint Zadok (2003: 317): „[T]he Amorite material does not contain anything which would contradict the possibility of a potential development and transformation of a certain group of Amorite dialects into some sort of ‚Proto-Aramaic‘.“ Streck, dagegen (2000: passim), hält die Dialektgliederung des Amurritischen für wenig sinnvoll.
Ukázka elektronické knihy, UID: KOS503250
100
Ähnlich beschränkt sich die emische Referenz von Amurru in Mari auf engere Entität: auf einen gleichgenannten, westlich gelegenen Clan (Streck 2000: §1.9). Die Opposition Akkader vs. Amurriter in A.489 würde für die breitere Verwendungsweise zeugen, ist aber von der Ergänzung a-m[u-u]r-ri-im (Durand 1992: 113, Anm. 137) abhängig und deshalb von beschränkter Aussagekraft; gleiches Merismus findet sich jedoch auch in A.361. Auf der gleichen Tafel, diesmal auf Amurru (so zu sagen eine Stufe niederer) beschränkt, findet man anderes Merismus: Mari vs. Ḫana, d.h. Zentrum vs. Peripherie, Sesshaften vs. Nomaden. Genauso ist Zimri-Lim, laut seinem Siegel, „König von Mari und der Ḫana-Länder“ (Charpin 1992: 72). Auf jeden Fall gilt dennoch nicht, dass „Amurriter und Ḫanäer sind also austauschbare Begriffe“ (Streck 2000: §1.9). Eher ist hier wieder die Dichotomie etisch vs. emisch im Spiel: was für den aussenstehenden Beobachter typisch amurritisch ist, ist für die Amurriter ḫanäisch. Mit der Siegellegende stimmt hervorragend überein, dass, in der Korrespondenz von Mari, „we never find towns of the Ḫana“ (Fleming 2009: 231), und dass nach dem Fall von Mari der Nachfolgerstaat um Terqa „das Königtum von Ḫana“ heisst (Buccellati 1988). Am Ende der altbabylonischen Zeit, in der Genealogy of Hammurabi Dynasty (Finkelstein 1966) werden sie distinktive Teile des gleichen Diskurses: „Zeit der Amurriter, Zeit der Ḫanäer, Zeit der Gutäer.“234 Nebenbei kennzeichnet sich eine bemerkenswerte strukturelle Regelmäßigkeit: Ein Ethnikum vom Westen kommt zu seinem Namen vom aussen her, d.h. etisch, währenddessen die Entitäten, die in ihren Namen Nord oder Süd tragen, haben sich selbst in diese Stammesgruppen geteilt (die amurritischen Stämme der Sim’aliter und Jaminiter, hebräische Benjaminiter, aramäisches Sam’al, usw.). Einmal westlicher, immer westlicher – man wird darauf erinnert, dass die ersten Aḫlamu Aramu von Tiglatpileser in dem Raum von Jebel Bišri getroffen wurden, und schon die eblaitischen mar-tu – soweit ersichtlich – ebenfalls um Jebel Bišri, übrigens östlich von Ebla, lokalisiert werden.
distinktive merkmale der mar-tu in den eblaitischen quellen Durch mar-tu werden in Ebla folgende Anthroponyma näher bestimmt: A-bu-mu-du A-mu-ti À-wa-ra Bu-si I-ku-tu-a-bù
234
Iš11-gi-zú I-ti-dI-lam Puzur4-ru12 Ru12-zu-ru12 Zi-da-mu
Á-a-nu Lu-du-ma-nu Sa-a-nu U9-a-nu Zu-ba-an
BAL ERÍN MAR.TU BAL ERÍN Ḫe-a-na BAL ERÍN Gu-ti-um (GHD, Z. 29–31).
Ukázka elektronické knihy