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Zeitgeschichte in Bewegung (Ukázka, strana 99)

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kativen Thesen über die „Väter-Generation“ aufstellten. Und dann mussten die Koryphäen auch selbst etwas dazu sagen, sonst hätten die Rebellen die Oberhand gewonnen. Heiss: Das ist ja dann auch nicht eingeschlafen, aber die Rebellen haben vor zwei, drei Jahren bei einer Diskussion beklagt, dass keiner von ihnen große Universitätskarriere gemacht habe, weil sie so kritisch waren. Das kann man vielleicht auch anders sehen. In der Universitätszeitgeschichte ist seither, mit einem langsamen Anlauf, doch einiges passiert. Du kennst die Untersuchungen über die Studenten und die Aberkennung des Doktorats.26 Das ist schon eine wichtige Ausweitung. Schon in den 1980er Jahren hatte Fritz Stadler ja die „Vertriebene Vernunft“27 herausgegeben. Das ist freilich ein etwas anderer Ansatz – jener der Biographie. In der „Vertriebenen Vernunft“ geht es um die Biographie dieser Leute, stark zentriert um das persönliche Erleben der Emigration und mit dem Blick auf die „vertriebene Vernunft“, also den Verlust, den das intellektuelle Österreich erlitten hat. Für Stadler ist dabei das zentrale Thema die Philosophie und hier die Vertreibung des Positivismus, des Wiener Kreises.28 Im Bereich der Universität zeigt sich aber auch sehr deutlich, dass es 1945 eine „zweite Vertreibung der Intelligenz“ gab, nicht mit der Entlassung der großen Nazis, sondern mit der Ausweisung der vielen Professoren, die im Jahre 1938 nicht österreichische Staatsbürger gewesen waren. Sogar in der Philosophie ist das in Bezug auf den konservativen Intellektuellen Arnold Gehlen29 zu bedenken. Pešek: Damit kommen wir zu einem weiterem wichtigen Buch: „Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945–1955“ von 2005.30 Vorher und nachher hast du weitere Studien zu diesem Thema publiziert, bis zu dem jüngsten Buch von Mitchell Ash31, das auch einen Aufsatz von dir enthält. Das ist 26 27

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Herbert Posch – Doris Ingrisch – Gert Dressel, „Anschluß“ und Ausschluss 1938: Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien, Wien – Berlin – Münster 2008. Friedrich Stadler (Hrsg.), Vertriebene Vernunft: Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft 1930– 1940, Wien 1987. – Friedrich K(arl) Stadler (geb. 1951), österr. Historiker der Wissenschaftsgeschichte, seit 1997 Professor an der Universität Wien. Der Wiener Kreis (1922–1938) war eine Gruppe neopositivistischer Philosophen und Wissenschaftstheoretiker um Moritz Schlick (1882–1936), seit 1922 Professor für Philosophie der exakten Wissenschaften an der Universität Wien. Vgl. u. a. Friedrich Stadler (Hrsg.), Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis, Wien 2012; ders., Studien zum Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus im Kontext, Frankfurt / M. 1997. Arnold Gehlen (1904–1976), dt. Philosoph, Anthropologe und Soziologe, einer der Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie, ehem. NSDAP-Mitglied, 1934 Professor an der Universität Leipzig, 1938 Professor an der Universität Königsberg, 1940–1945 Professor an der Universität Wien, 1947 Professor an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer, 1962–1969 Professor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. Vgl. zu ihm auch: Gernot Heiss, Arnold Gehlen. Seine Natur und seine Stellung im Dritten Reich, in: Forum 35/413–414 (Wien, Mai/Juni 1988), S. 38–40. Margarete Grandner – Gernot Heiss – Oliver Rathkolb (Hrsg.), Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945 bis 1955, Wien et al. 2005. Mitchell G(raham) Ash (geb. 1948), US-amerik. Historiker der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 1989 Professor an der University of Iowa, seit 1997 Professor an der Universität Wien.

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Heiss: Mitch Ash konzentriert sich wieder auf die Nazizeit. Die Historiker und Historikerinnen konnten freilich nicht ohne die Vorgeschichte auskommen. Da gibt es eben die wichtigen Entwicklungen seit der Jahrhundertwende zu beachten und vor allem die Entwicklungen seit 1918, die immer mehr oder weniger stark einbezogen werden. Was aber wir als Herausgeber gegenüber den Autorinnen und Autoren in „Zukunft mit Altlasten“ zu betonen versucht haben, ist, den Fokus hauptsächlich auf den Neuanfang zu legen. Nicht, um wieder die Legende von der Stunde Null aufleben zu lassen. Aber in den Arbeiten zur Universität in der NS-Zeit kommt ja immer der Entnazifizierung ein wichtiger Stellenwert zu. Und wir wollten nun daran anschließend schauen: Wie ist es nach 1945 möglich, etwa den Anschluss an die internationale Forschung zu bekommen, nach diesem Krieg, in dieser ziemlich zerstörten Universität, mit diesen unglaublichen Problemen? Allein 12 500 Quadratmeter Glas wären benötigt worden, etc. etc. Wie geht es dann weiter in den verschiedenen Fächern? Wie sich gezeigt hat: sehr unterschiedlich. Welche Tendenzen von vor 1945 werden hier aufgegriffen, welche Tendenzen auch von vor 1938? Ein Problem in der österreichischen Politik nach 1945 war, dass mit der Verfolgung der Nationalsozialisten und dem Ende der nationalsozialistischen Periode nicht das Ende der austrofaschistischen, ständestaatlichen Eliten gekommen war. Die Dominanz des Österreichischen Cartellverbands (ÖCV)33 nach 1945 war extrem. Auch diese Kontinuitäten waren zu untersuchen und auch, welche unterschiedlichen Folgen das in den Fächern hatte, also welche unterschiedliche Bedeutung das in den Fächern für die qualitative Entwicklung und Neuorientierung etc. hatte. Das wollten wir vorerst mit dem Zeitrahmen 1945–1955 aufgreifen, sicher auch in der Absicht, die Arbeit in die 1960er und 1970er Jahre fortzuführen, um zu untersuchen, wie das weitergeht. In den Artikeln ist dann freilich häufig, auch notwendigerweise, wieder einleitend über die Entnazifizierung gearbeitet worden. Aber der Fokus sollte eben auf dem anderen sein, also: Was wird jetzt? Und das ist schon etwas Neues, sich mit der Zeit nachher zu beschäftigen und nicht nur immer mit der Involvierung in den Nationalsozialismus. Diese fast ausschließliche Fokussierung auf den Nationalsozialismus hat auch negative Folgen. Was ich damit meine, will ich mit einer Berichterstattung im Standard von Anfang Mai verdeutlichen, über die ich entsetzt war:34 Es wurde recht 32

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99 II. Interviews

schon eine systematische Erforschung der Wiener Universitätsgeschichte der 1930er, 1940er Jahre!32

Gernot Heiss, Pan-Germans, Better Germans, Austrians. Austrian Historians on National Identity from the First to the Second Republic, in: German Studies Review 16 (1993), S. 411–433; ders., La „mission“ de l’Autriche en Europe centrale vue par des histoiriens autrichiens du XXe siècle, in: Marie Elizabeth Ducreaux – Antoine Mares (Hrsg.), Enjeux de l’histoire en Europe centrale, Paris 2002, S. 199–219; ders., Die „Wiener Schule der Geschichtswissenschaft“ im Nationalsozialismus. 1933 aus der Abspaltung vom zunehmend „nazifiziert-gleichgeschaltenen“ Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) entstandener Dachverband der katholischen, nicht schlagenden, farbentragenden Studentenverbindungen in Österreich. Der Standard, 8. 5. 2012.

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ausführlich über den Rücktritt der Molekularbiologin Renée Schroeder aus der Akademie der Wissenschaften berichtet. Sie war aus der Akademie der Wissenschaften ausgetreten mit dem Hinweis auf die große Rolle, die nach ihrer Meinung heute noch der ÖCV dort spielt. Und was gibt der Standard als weitere Information auf derselben Seite? Wieder einen Artikel über die Nazis in der Akademie der Wissenschaften nach 1945. Ja, die sind teilweise wieder dort untergekommen und untergeschlüpft. Das kann man gut nachlesen u. a. in dem Artikel über die Akademie der Wissenschaften in „Zukunft mit Altlasten“.35 Aber das ist eine alte und vor allem eine andere Geschichte, die das Problem, das Frau Schroeder heute anspricht, verdeckt und von diesem ablenkt. Pešek: Ein Historiker muss aber diese Probleme nicht nur politisch betrachten, sondern auch historiographisch. Konntest du irgendwelche handwerklichen Tugenden, Methoden, Erfahrungen aus der alten Geschichte für diese Themen zur Geltung bringen? Bei den Interviews, die ich bisher mit verschiedenen Zeithistorikern geführt habe, wurde, zugespitzt formuliert, relativ häufig – und gerade auch von erfahrenen Autoren, was mich doch überraschte – die Vorstellung geäußert: Methoden braucht man nicht! Man sei mit einer Masse von maschinengetipptem Material konfrontiert, da müsse man einfach die Fakten wählen und nacherzählen, das sei die Aufgabe des Historikers. Ich frage trotzdem: Welche handwerklichen Aspekte muss man auch bei der Erforschung der Zeitgeschichte beachten? Besteht die Zeitgeschichtsforschung wirklich nur in einer Kompilation? Heiss: Was du ansprichst, sehe ich vielleicht weniger krass, aber schon auch in der Zeitgeschichte – häufig bei Studierenden, manchmal auch bei Lehrenden. Da wird manchmal gearbeitet, wie Journalisten arbeiten. Es fehlt dann die Kritik, ob das nun eine Quelle ist aus den 1970er Jahren, eine spätere Erinnerung, oder ob das eine Quelle aus der Zeit des Ereignisses ist u. ä. Jede Aussage gilt gleich; das überlegt man sich manchmal offensichtlich gar nicht. Was ich in der Zeitgeschichte sehr oft vermisse, ist die Distanz zu den Quellen, die wissenschaftlich doch notwendig ist. Schlüsse werden mit Empathie sofort gezogen, und das verführt dazu, gewisse Dinge nicht zu sehen. Ich sollte vor kurzem einen Artikel schreiben über den Nationalismus, über die Probleme der Zuwanderer an der Universität, seien es Studenten, seien es Professoren, um die Jahrhundertwende. Ausgangspunkt war eine Beobachtung von Stefan Zweig. Freilich ist es problematisch, Literatur als Ausgangspunkt zu nehmen, aber ich tue es trotzdem. In „Die Welt von gestern“ beschreibt Zweig seine Beobachtung, dass die Badeni-Krise diesen extremen Nationalismus unter der Studentenschaft entfesselt habe.36 35

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Johannes Feichtinger – Heidemarie Uhl, Die Österreichische Akademie der Wissenschaften nach 1945. Eine Gelehrtengesellschaft im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, in: Grandner – Heiss – Rathkolb (Hrsg.), Zukunft mit Altlasten, S. 313–337. Stefan Zweig, Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers, Berlin – Weimar 1985, S. 79 f. – Ende des Kapitels „Die Schule im vorigen Jahrhundert“.

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