as macht eine Stadt aus? Ihre Geschichte, ihre Architektur oder ihre Küche? Die großen Persönlichkeiten der Vergangenheit oder das geschäftige Treiben ihrer Bewohner heute? In dieser Ausgabe laden wir unsere Leserinnen und Leser nach Nanjing ein, der »südlichen Hauptstadt« Chinas, um diesen Fragen nachzugehen.
Am Ufer des mächtigen Yangzi gelegen, empfängt uns Nanjing mit seiner einzigartigen Mischung aus südlicher Gelassenheit und moderner Dynamik. Die von Platanen gesäumten Alleen verleihen der Stadt eine angenehme Atmosphäre. Die Menschen, denen wir an verschiedenen Orten begegnen – ob alt oder jung –, erzählen bereitwillig und voller Stolz Geschichten über ihre Stadt.
Kommen Sie mit uns auf einen Spaziergang auf der imposanten Stadtmauer aus der Ming-Dynastie, die sich wie ein schützender Drache um die Altstadt schlängelt. Besuchen Sie das Sun-Yat-sen-Mausoleum auf dem Gipfel des Purpurberges. Lassen Sie uns gemeinsam auch die dunkleren Kapitel der Geschichte betrachten: Während wir der Opfer des Massakers von
是
Nanjing gedenken, lernen wir auch »Chinas Schindler« kennen – John Rabe.
Nanjing ist weit mehr als eine alte Hauptstadt. Die Stadt ist ein Zentrum für Bildung und Innovation, erfüllt von jungen und kreativen Menschen. Wir werden gemeinsam das Leben der Studierenden erkunden, das moderne Geschäftsviertel um den Zifeng Tower, innovative Drohnenfabriken und uns von der kulinarischen Vielfalt der Stadt verzaubern lassen. Haben Sie schon einmal Entenblut mit Reisnudelsuppe probiert? In Nanjing ist dies ein unverzichtbares kulinarisches Erlebnis.
Diese Ausgabe ist wie ein Mosaik aus Eindrücken, Geschichten und Begegnungen, das die Vielfalt und Toleranz Nanjings widerspiegelt. Wir hofen, dass unsere Begeisterung für diese außergewöhnliche Stadt auch Sie ansteckt.
Mit dieser Ausgabe danken wir Franziska Weißgerber für elf wundervolle Jahre inspirierendes Editorial Design. Ein großer Dank gilt außerdem Thomas Rötting und Sylvia Pollex, die das Team geprägt und auf dieser letzten gemeinsamen Reise mehr als bereichert haben.
Partnerstadt: Zwischen den Partnerstädten Nanjing und Leipzig
友好城市:双城记——友好城市南京与莱比锡
Gabriele Goldfuß 郭嘉碧
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Titelstory: Alte Hauptstadt mit junger Seele – Alt und weise, jung und modern: Nanjing 专题报道:古都新韵——传统智慧与现代朝气的交 融:南京
Sylvia Pollex 溥维雅
Begegnungen und Orte in Nanjing 南京邂逅
Thomas Rötting 岳拓
Titelstory: Auf nach Nanjing! 专题报道:走,去南京城看看 !
Yu Xueyan 于雪燕
Wirtschaft: Made in Nanjing 经济:南京制造
Sylvia Pollex und Benjamin Creutzfeldt 溥维雅与田亚明
Geschichte: Das Rabehaus 历史: 拉贝故居
Nora Thal
Liang Longtian 梁龙天 34
Stadtentwicklung: Zwischen Erneuerung und Erhalt – Stadtentwicklung in Nanjing 城市发展:在更新与守护之间——南京城市发展一瞥 •
• Smart, grün, emissionsfrei – Die Insel Jiangxinzhou als Testfeld urbaner Innovation 智慧、绿色、零排放——江心洲岛成为城市创新的 试验场
Sylvia Pollex 溥维雅
• Stadterinnerungen – Xiaoxihu 城市记忆——小西湖
Fotos: Thomas Rötting
Stadtplan: Nanjing
城市地图:南京一览
Steckbriefe: Nanjinger Kunst und Kulturorte
资料卡:南京文化艺术场所
Nora Thal
Du Qingyue 杜清越 46 Rendezvous 相约
Digitales Kulturerbe: 600 Jahre alt … und doch jung
数字传承:600年的城墙,正年轻
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Literatur: Salon der Weltliteratur: Wahrzeichen Nr. 1 der Stadt der Literatur 文学:世界文学客厅——文学之都的001号地标
Chen Xinyi 陈心怡
Im Gegenüber: Ein Ort, zwei Zeiten 对照:一处之地,两个时代
Thomas Rötting 岳拓
Trend: Die Verwandlung der Nanjinger JinyinStraße: Von einer unscheinbaren Gasse zum internationalen Jugendtreff
趋势:南京金银街——从寻常巷陌到国际青年社区 的蜕变
Zhang Linman 张琳曼
Tradition: Die Kaiserliche Prüfungsanstalt in Nanjing: Das weltweit erste »nationale Prüfungszentrum« 传统:江南贡院——世界上最早的“国家级考试中心”
Xu Han 许晗
Chinesisch 汉语学习
• Chinesisch einfach erklärt 简说汉语
• Ein Bild – viele Wörter 一图多词
• Klassenzimmer 汉语课堂
• Chinesischer Netzjargon 汉语中的网络热词
Chinesisch als Fremdsprache: 20 Prozent Rabatt oder 80 Prozent des Originalpreises? Ein interkultureller Blick auf mathematisches Denken 国际中文教育:是“ 20% Off”还是“打八折”?—— 一场跨文化的数学思维对话
Huang Xiaojing 黄晓静
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Streetfood: Kulinarik in Nanjing: Entengerichte
街头小吃:南京味道——鸭肴与小吃的舌尖之旅 Zhu Qi 朱芑
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Impressum 版权说明
Zwischen den Partnerstädten Nanjing und Leipzig
tädte sind Spiegel der Geschichte und seit Anbeginn Motor von Innovation und Entwicklung. Nanjing und Leipzig sind solche Motoren. Sie prägen seit langer Zeit als bedeutende dynamische Kulturzentren ihre Region und das ganze Land. Städte inspirieren und prägen auch ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Sie ziehen bedeutende Köpfe ihrer Zeit an, die ihre Visionen dort verwirklichen können. So werden die Städte vom Geist und Mut dieser Menschen auch immer wieder neu erfunden und erhalten einen Platz in der Geschichte. Was wäre Leipzig ohne den genialen Komponisten Johann Sebastian Bach, dessen Musik die Menschen in aller Welt bis heute verzaubert? Was wäre Nanjing ohne den heldenhaften Zheng He (ca. 1371–1433), der mit seiner Flotte im Auftrag des Kaisers bis nach Hormuz und Afrika segelte und die Welten in Ost und West miteinander verband?
Gabriele Goldfuß, Leiterin des Referats Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig 德国莱比锡市国际合作处处长郭嘉碧
Entdeckergeist, Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Handel waren und sind das Fundament jeder bedeutenden Stadt. Städtepartnerschaften destillieren diese Essenz. Sie geben dem Austausch und der Begegnung Gesichter
und Geschichten, denn nur im Einzelnen wird das Allgemeine fassbar. Die gemeinsamen Projekte prägen Biografen.
Auch in der Architektur werden Städte in Geschichte und Gegenwart erlebbar. Nanjing hat hier vieles zu bieten, um tief in die lange Geschichte Chinas einzutauchen, etwa die historische Stadtmauer, die bedeutende Grabanlage des Kaisers Hongwu, des Begründers der MingDynastie (1368–1644), der Bezirk des Konfuziustempels, das Mausoleum des ersten Präsidenten der Republik China Sun Yat-sen, die Brücke über den Yangzi oder die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Nanjing. In Leipzig erzählen die berühmten Innen stadtkirchen, die Jugendstilviertel oder das Völkerschlachtdenkmal von der wechselvollen Geschichte. Bedeutende kulturelle In fra strukturen wie Museen, Konzerthäuser und lebendige Bildungsorte bieten den Menschen in beiden Städten eine Heimat. Auch eine hohe Lebensqualität im öfentlichen Raum prägt beide Städte: Parks und baumbestandene Straßen schafen grüne Lungen im geschäftigen Treiben. Charakteristisch für das Straßenbild Leipzigs sind die Linden und in Nanjing die herrlichen Platanen. Seen wie der weitläuf ge Xuanwu See in Nanjing und die nahe gelegenen Ausflugsziele wie die Purpurberge und der Niushoushan Park oder in Leipzig das nach Ende des Kohle bergbaus neu entstandene Neuseenland und der Auwald bieten Erholung und Platz für Sport, Kultur und Freizeit.
Voneinander zu lernen ist ein grundlegendes Anliegen von Städtepartnerschaften: dies reicht von Fragen des Brandschutzes zu neuen digitalen Lösungen, modularer Mobilität und Infrastruktur, Bürgerservice, Bildung, Grünanlagen, Wirtschaftsförderung und Kulturaustausch. Völkerverständigung beginnt immer bei den Menschen. Besonders wichtig sind deshalb Schulpartnerschaften und die Begegnungen in den Bereichen Jugend und Sport. Auch im kulinarischen Bereich begegnen sich die Menschen: Man sitzt gemeinsam am Tisch und erlebt die Kultur des anderen. Man kommt ins Gespräch und erfährt immer wieder, wieviel man gemeinsam hat, wieviel uns verbindet
In dieser Ausgabe des Magazins soll die Vielfalt der Stadt Nanjing dargestellt werden. Einer Stadt, die nicht nur seit fast vierzig Jahren Partnerstadt Leipzigs ist, sondern auch zu Göttingen, Stuttgart und Dietfurth besondere Beziehungen unterhält: Die Stadt Nanjing gehört zu den bedeutendsten und innovativsten Kommunen der Volksrepublik China. Trotz ihrer jahrtausendealten Geschichte hat sie nichts von ihrer Dynamik und Jugendlichkeit verloren. In den Straßen der Stadt ist dies überall zu erleben. Als Metropole wissenschaftlicher Forschung und wirtschaftlicher Entwicklung ist Nanjing eine Stadt mit Weltgeltung und wird auch in Zukunft Menschen aus nah und fern anziehen.
Seit über 600 Jahren prägt die alte Stadtmauer das Antlitz von Nanjing – unbeeindruckt von den ständigen Veränderungen in der lebendigen Kulturmetropole am Yangzi.
Nanjing pulsiert – knapp zehn Millionen Menschen, dichtes Verkehrsnetz, grelle Reklamen und zahlreiche historische Orte im Schatten neuer Wolkenkratzer. Wer dem Trubel entkommen will, findet Zuflucht auf dem Purpurnen Berg oder der hervorragend erhaltenen Stadtmauer aus der MingDynastie.
er Nanjing richtig verstehen möchte, erklimmt zuerst den Purpurnen Berg im Nordosten der Stadt. Berge haben in der chinesischen Kultur eine ganz besondere Bedeutung – sie gelten als heilige Orte, als Wohnstätten von Gottheiten und bedeutenden Mönchen. Nach der Volksreligion symbolisieren sie Schutz und Stabilität, gelten als Glücksbringer und schafen in Kombination mit Flüssen ein energetisches Gleichgewicht. Kein Wunder also, dass die am gewaltigen Yangzi gelegene Stadt Nanjing im Verlauf von Chinas langer Geschichte sechs Mal Hauptstadt war.
PRÄCHTIGE PLATANENALLEEN
Das vorletzte Mal war 1927. Nach dem Willen des zwei Jahre zuvor verstorbenen Sun Yat-sen, dem ersten Präsidenten der Republik China, sollte Nanjing zur politischen Hauptstadt eines geeinten, modernen und reformierten Landes werden. Als sein Nachfolger Chiang Kai-shek Ende der 1920er Jahre Nanjing als moderne Hauptstadt ausbauen ließ, wurden die neu angelegten breiten Straßen von Tausenden Platanen gesäumt. Inzwischen prägen diese Bäume das Stadtbild: mächtige Zeugen eines bewegten Jahrhunderts. Majestätisch geformt, haben die meisten von ihnen drei oder fünf ausladende Hauptäste. Mopedfahrer:innen ziehen vorsichtshalber die Köpfe ein, wenn sie unter einem besonders tiefen Ast hindurchfahren. Und oben, an der Ostflanke des Purpurnen Berges, ist der Vordenker des modernen China begraben. Das Mausoleum von Sun Yat-sen ist bis heute ein Wallfahrtsort für Millionen von Chines:innen. 329 Stufen führen zur Gedenkhalle hinauf, sie stehen für die 329 Millionen Einwohner, die China beim Bau des Mausoleums 1929 zählte.
Gleich nebenan, am Grab des ersten Ming-Kaisers Zhu Yuanzhang (1328–1398) geht es ruhiger zu. Übergroße steinerne Tiere, mythische Wesen und Wächter säumen den sogenannten Geisterweg, 神道 shéndào Dieser Weg ist eine symbolische Prozession zur Unsterblichkeit. Bestimmt spürt jede und jeder die besondere Spiritualität und Intensität dieses Ortes. Die Besucher:innen wenden sich den jahrhundertealten Figuren zu, streicheln den Elefanten den Kopf und klopfen den Kamelen auf die Höcker. Der erste Kaiser der Ming-Dynastie wählte Nanjing zur Hauptstadt, als er erfolgreich die mongolische Herrschaft der Yuan besiegt hatte. Er ließ eine Stadtmauer errichten, die ihresgleichen sucht.
DAS RÜCKGRAT DER ALTEN HAUPTSTADT
Ursprünglich 35 Kilometer lang, sind heute noch 25 Kilometer von ihr erhalten. Ma Lin, der Direktor des 2022 umgebauten und sehr sehenswerten Stadtmauermuseums erzählt: »Das Besondere an ihr: Sie ist nicht eckig gebaut, wie die meisten bis dahin errichteten Stadtmauern in China. Stattdessen passt sie sich der Land-
Ihren Job als Botschafterin für die fortdauernde Erinnerung an den MingGründungskaiser Hongwu macht die steinerne Schildkröte schon lang und immer gleichbleibend freundlich.
schaft an, folgt dem Lauf des Wassers, umschmeichelt Hügel und klettert auf Felsen.« Auf ihr entkommt man dem Lärm der Großstadt. 28 Jahre wurde an ihr gebaut, sie ist an einigen Stellen bis zu 21 Metern hoch, zwischen 16 und 18 Metern breit. Ihre Stabilität ist beachtlich: Ihr Alter von über 600 Jahren scheinen der Mau-
er überhaupt nichts anzuhaben, dabei spazieren etwa 2,5 Millionen Menschen jährlich auf ihr herum. Auf den Wegen durch die inzwischen natürlich weitaus größere Stadt passiert man immer wieder ihre massiven Tore und wird so permanent daran erinnert, was für eine geschichtsträchtige Stadt Nanjing ist.
Zuvor hat die Mauer die Stadt oft zu schützen vermocht, jedoch nicht in ihrer dunkelsten Stunde: Im Dezember 1937, während des Widerstandskrieges des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression, wurde Nanjing von der japanischen Armee eingenom-
men. Das Massaker, welches die japanischen Soldaten in den daraufolgenden sieben Wochen an den chinesischen Soldaten, Zivilisten, Kriegsgefangenen, Frauen und Kindern verübte, gilt als eines der schlimmsten Kriegsver brechen der Geschichte. Insgesamt 200 000–300 000 Menschen wurden ermordet. »Immer am 13. Dezember, dem Tag, an dem die Japaner 1937 in Nanjing einmarschiert sind, wird in der Stadt der Fliegeralarm als Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens ausgelöst. Das habe ich in meinem Leben schon oft miterlebt, das brennt sich ein, das vergisst man nicht.«, erzählt eine junge Germanistikstudentin.
Dass es nicht noch mehr Opfer gab, ist einer engagierten Gruppe von Ausländern, darunter der deutsche Siemens-Mitarbeiter John Rabe, zu verdanken, die in der Stadt eine Schutzzone errichteten. Das Wohnhaus
von John Rabe, welches damals innerhalb der Zone lag, ist wie durch ein Wunder in der seither rasant gewachsenen Stadt auf dem Gelände der Nanjing Universität erhalten geblieben und als Museum zugänglich.
HIGH HEELS IN HOCHHÄUSERN UND TOILETTEN ALS ATTRAKTION
Im modernen Zentrum Nanjings, rund um den markanten Wolkenkratzer Zifeng Tower, der mit 450 Metern das höchste Gebäude der Stadt ist, braust der Verkehr. Und Nanjing wächst nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Tiefe. Vierzehn Metrolinien sind in Betrieb, 27 sollen es bald sein. Im kommerziellen Zentrum reihen sich Einkaufspaläste aneinander und im beliebten Luxuskaufhaus Deji-Plaza am Xinjiekou sind die Toiletten keine stillen Örtchen, sondern Designattraktionen mit Düften, Lounge-Feeling und Instagram-Potenzial. Jede Etage hat ihr eigenes Thema, von Zen-Garten bis Art Deco. Man kommt hier nicht nur zum Shoppen her, sondern auch fürs schönste WCErlebnis der Stadt. Kinosäle, ein privates Kunstmuseum und feine Restaurants gibt es in der Mall dazu.
Mitten im Hochglanz der Metropole zeigt sich noch eine andere Seite Nanjings: Die Universität wurde von Beginn an bewusst ins Zentrum gerückt – ein sichtbares Bekenntnis zur Bildung. Tatsächlich liegen viele der über 50 Hochschulen inzwischen am Stadtrand, doch die verbliebenen Campusse und die etwa eine Million Studierenden prägen nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Tempo, den Ton und die Atmosphäre.
Nanjing wirkt aufgeschlossen, jung, sehr lebendig und kulturvoll: »Man fühlt sich schnell zu Hause«, sagt Zhou Bingbing, eine junge Nanjingerin. »Die Menschen sind ofen und gesprächsfreudig – und gar nicht so selten endet eine zufällige Straßenbegegnung bei einer Tasse Tee im nächsten Café.«
WISSEN IST MACHT
Wie sich die Wissensvermittlung in den letzten Jahrhunderten der Kaiserzeit vollzog, zeigt sich an einem anderen, historisch bedeutsamen Ort in der Nähe des
Konfuziustempels. Er liegt eingebettet in einer Umgebung, die laut, bunt, kommerziell und chaotisch wirkt. Restaurants, die Nanjinger Kultgerichte wie »Entenblutsuppe« und »gesalzene Ente« anbieten, gibt es hier in hoher Dichte. Trotzdem sind sie fast immer bis auf den letzten Platz gefüllt. An der Stelle, wo die konfuzianischen Beamtenexamen stattfanden, kehrt hingegen Ruhe ein. Das Kaiserliche Prüfungsmuseum windet sich wie eine Schnecke tief in die Erde und erzählt eindrücklich von den über 1300 Jahre alten formalisierten Methoden zur Auswahl und Rekrutierung der Beamten für den Staatsdienst – und es erzählt von hohen Erwartungen an die Kandidaten, von Macht und Intrigen.
Das schönste WC-Erlebnis der Stadt gibt es im Luxuskaufhaus Deji-Plaza. 全城“最具美感的入厕体验”,可以在高端商场德基广场找到
Und der Fluss? Immerhin liegt Nanjing am Yangzi – einem Strom, der die Stadt nährte und beschützte, zugleich Weg und Grenze war. Trotzdem muss man seine Nähe eher suchen, als dass man sie zufällig f ndet. Industrieanlagen dominieren die Ufer, im Norden bef ndet sich einer der größten Binnenhäfen der Welt. Erst südlich der geschichtsträchtigen Nanjing Yangzi River Bridge entfaltet sich echtes Flussfeeling: Es wird fla -
Das Modell der alten Stadtmauer zeigt anschaulich, wie solide der Befestigungswall im 14. Jahrhundert errichtet wurde.
古城墙模型直观地展示了这道防 御工事在14世纪是如何被建造得 如此坚固
niert, Sport getrieben, fotografert und man genießt im Café den Blick aufs Wasser. Während mächtige Tanker über den Hauptstrom ziehen, bleibt es im Jiajiang-Seitenarm des Yangzi ruhig. Weil hier große Schife nicht fahren dürfen, wächst die bedrohte Population der berühmten Glattschweinswale seit einigen Jahren wieder. Und wer Glück hat, f ndet am Ufer einen der berühmten Yuhua-Steine. Diese kleinen, rund geschlifenen Kiesel aus Achat und Jaspis gelten als Glücksbringer und Symbol für Harmonie, Frieden, innere Schönheit und die Verbindung von Natur und Mensch.
Wir sind heute aus unserer Heimatstadt Hangzhou nach Nanjing gekommen, um uns die berühmte Yangzi River Bridge anzuschauen. Sie wurde 1968 gebaut und ist die erste Brücke über den Yangzi, die China in eigener Regie und mit heimischer Ingenieurskompetenz erbaute. Ich mag meinen Kindern eigentlich gar nicht so viel darüber erzählen. Ich möchte nur, dass sie historische Orte erleben und mit ihren Sinnen wahrnehmen. Später können sie dann viel leichter mehr dazu lernen.
Nanjing, kurz »Ning« genannt, ist die Hauptstadt der Provinz Jiangsu und eine bedeutende Stadt im Einflussbereich des YangziDeltas mit einer herausragenden geografischen Lage. Vor einhundert Jahren äußerte sich Sun Yatsen über Nanjing mit folgenden Worten: »Diese Stadt verfügt über hohe Berge, tiefe Gewässer und weite Ebenen – drei natürliche Vorzüge, die hier an einem Ort vereint sind. Unter den großen Metropolen der Welt ist es wahrhaft schwer, einen derart vorzüglichen Ort zu finden. Wenn einst die natürlichen Ressourcen der östlichen YangziRegion ihre gebührende Entwicklung erfahren, werden Nanjings künftige Entfaltungsmöglichkeiten unermesslich sein.« Ein Jahrhundert später wird die Vision dieses großen Mannes zur Wirklichkeit. Lassen Sie uns heute gemeinsam durch die Straßen Nanjings flanieren!
Text / 文 : Yu Xueyan 于雪燕 Aus dem Chinesischen / 德文翻译 : Martin Leutner 罗马丁
n der sanften Morgenbrise flaniert man entlang des Flussufers und die majestätische NanjingYangzi-Brücke erscheint. Als erste doppelstöckige Eisenbahn- und Straßenbrücke über den Yangzi, die vollständig von China in Eigenregie entworfen und gebaut wurde, blickt sie bereits auf eine über 50-jährige Geschichte zurück und ist für viele Chinesen von besonderer Bedeutung. Auf den Brückenkopftürmen flattern rote Fahnen im Wind, über die Brücke rasen Fahrzeuge hin und her und tief unter einem erstreckt sich der mächtige, weite Yangzi – so beginnt ein Tag voller Lebenskraft und Energie.
In der Ferne erhebt sich auch das Jiangsu Grand Theatre anmutig und elegant am Ufer des Yangzi. Das Theater liegt gegenüber dem neuen Bezirk Jiangbei auf der anderen Seite des Flusses und ist ein großer moderner Theaterkomplex. Die Gesamtform gleicht vier Wassertropfen, die über einer grünen Landschaft zu schweben scheinen – eine Anspielung auf »die Lebendigkeit des
Wassers und das Entfalten der Blattadern«. Die »Wassertropfen« beherbergen jeweils das Opernhaus, das Schauspielhaus, den Konzertsaal und die Mehrzweckhalle. Das Wesen des heutigen Nanjing ofenbart sich weder in seinen Bergen noch in seinen Seen, sondern am Yangzi. Das »Auge Nanjings« ist eine Aussichts- und Fußgängerbrücke über den Yangzi, die im Park für Jugendkultur und Sport in Hexi ihren Anfang nimmt und im Jugendwaldpark auf der Flussinsel Jiangxinzhou endet. Die Gestaltung des »Auges Nanjings« greift die bildhafte Stimmung der klassischen chinesischen Poesie von »kleiner Brücke, fließendem Wasser und Wohnhäusern« auf – die äußere Form der Brücke ist schlicht und schwungvoll, zwei weiße Ringe stehen sich gegenüber und scheinen zugleich getrennt – äußerst dynamisch. Der Brückenkörper gleicht sich kräuselnden Wellen, die sich von breit nach schmal und wieder von schmal nach breit bewegen. Die flügelartig schräggestellten Stahlseile schwingen sich nach oben wie die Saiten einer Harfe, und die Fußgänger, die hindurchgehen, wirken wie Noten, die über die Saiten gleiten.
Gegenüber dem »Auge Nanjings« liegt das Nanjing International Youth Cultural Centre, auch als »Nanjing Youth Olympic Centre« bezeichnet – ein weiteres bedeutendes Wahrzeichen der Uferpromenade, entworfen von der weltberühmten Architektin Zaha Hadid. Von weitem betrachtet erheben sich zwei Hochhaustürme in die Höhe und blicken über den Fluss hinweg auf die Pracht der alten Hauptstadt Nanjing.
Wenn man von Nanjings Hochhäusern spricht, darf der Zifeng Tower nicht unerwähnt bleiben. Er liegt im zentralen Geschäftsviertel von Gulou: Im Osten bietet sich ein Blick auf den Zijin-Berg, im Westen auf den Yangzi, im Süden liegen Yuhuatai und Xinjiekou, im Norden der Mufu-Berg. Dieser 89-stöckige Turm mit dreieckigem Grundriss erhebt sich inmitten der geschäftigen Kreuzung von Gulou; die Gesamtgestaltung ist elegant und die funktionalen Räume im Inneren des Gebäudes harmonieren perfekt mit der äußeren Umgebung. Die Glasfassade des Gebäudes verfügt über eine hohe Energieeffizienz; darüber hinaus zeigen sie je nach Betrachtungswinkel und Sonneneinstrahlung ganz unterschiedliche Efekte. Der Zifeng Tower verfügt über eine einzigartige geograf sche Lage, ragt hoch in den Himmel empor und steht majestätisch am See – seit seiner Fertigstellung ist er durchgehend der Inbegrif der Wolkenkratzer Nanjings. Während er die wirtschaftliche Entwicklung der Umgebung vorantreibt, ergänzt er zugleich die natürliche Umgebung seiner Nachbarschaft – man könnte wahrlich sagen: »Er überblickt die einstige Pracht der alten Hauptstadt und die heutige Blüte liegt zum Greifen nah.«
Doch neben dem rasanten Wandel blättern die Menschen immer wieder auch in dem Geschichtsbuch
seiner massiven Stadtmauern. Die alte Stadtmauer ist ein kulturelles Symbol Nanjings und für unzählige Nanjinger eine Quelle tiefer Heimatverbundenheit. Nach über 600 Jahren Wind und Wetter sind bis heute noch rund 25,1 Kilometer der MingStadtmauer erhalten – die längste noch existierende historische Stadtbefestigung der Welt. Das Nanjing City Wall Museum liegt im Viertel Laomendong im Stadtbezirk Qinhuai und verfügt über eine Gesamtbaufläche von 12 000 Quadratmetern; es ist derzeit das größte auf Stadtmauern spezialisierte Museum Chinas. Seine aus dreilagigem drahtarmiertem Hohlglas bestehende halbtransparente Vorhangfassade bildet nicht nur den optisch markantesten Aspekt des Museumsgebäudes, sondern verwirklicht auch eine harmonische Verschmelzung und einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart – zwischen der alten Stadtmauer und dem neuen Ausstellungsgebäude. Nanjing ist eine Stadt von sanfter Anmut und zugleich majestätischer Größe – der Yangzi strömt tosend durch sie hindurch und verleiht ihr unerschöpfliche Lebenskraft. Das heutige Nanjing vereint Sanftmut mit Weitläuf gkeit, kraftvolle Erhabenheit mit pulsierender Vitalität. Seine rasante moderne Entwicklung macht diese alte Stadt noch faszinierender und bezaubernder.
Nanjing ist die Hauptstadt der zweitreichsten Provinz Chinas, entsprechend gut ist die Wirtschaft in Jiangsu aufgestellt. Auch deutsche Unternehmen sind hier aktiv.
Ein mittelständisches Unternehmen auf der grünen Wiese am Stadtrand von Nanjing: Die Willi Elbe Steering Systems Co., Ltd. ist eine deutsche Tochterf rma und klassischer Zulieferer der Automobilindustrie. Lenkwellen aus Aluminium werden hier produziert. Sie sind leichter als vergleichbare Produkte aus Stahl und werden unter anderem in exklusiven Marken wie Aston Martin, BMW oder Mercedes verbaut. »In jedem Mercedes, der auf Chinas Straßen fährt, steckt mindestens ein Produkt unseres Unternehmens«, erklärt Zhou Dan, der Geschäftsführer. »Unsere Produkte sind durchaus auch für die chinesischen Marken interessant, denn bei allen PKWs ist Gewichtsreduktion ein bedeutendes Kriterium. 30 bis 40 Prozent lassen sich da einsparen, das macht ein knappes Kilo pro Lenkwelle aus. Das ist in der Automobilindustrie, wo um jedes Gramm gefeilscht wird, viel. Aber natürlich ist die Herstellung teurer und auch
Willi Elbe Steering Systems produziert in Nanjing als deutsche Tochterfirma des Ludwigsburger Unternehmens hoch spezialisierte Zulieferteile für die Autoindustrie.
威尔伯转向系统有限公司是德国路德维 希堡总部位于南京的子公司,专业生产高 度精密的汽车工业零部件
南京作为中国第二富裕省份的省会城市, 江苏的经济发展自然相当良好。德国企 业亦在此积极布局。
南京郊区的一片绿地上,坐落着一家中型企 业——威尔伯转向系统(南京)有限公司( Willi Elbe Steering Systems Co., Ltd )。这家德资子 公司是汽车工业的传统供应商之一,专门生产铝制转向轴。相
der Preis ein wichtiges Kriterium.« Bei Willi Elbe Steering Systems arbeiten die Ingenieure und Ingenieurinnen vor Ort eng mit ihrer Kundschaft zusammen. Außerdem ist der Draht zur Entwicklungs abteilung in Deutschland kurz und das Unternehmen auf beiden Seiten immer auf dem neuesten Stand.
VOM FIRMENPOOL BIS ZUR DIGITALBRÜCKE: NANJINGS
SMARTE SERVICES FÜR
DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT
»Das ist nicht nur in der Automobilindustrie wichtig«, macht Henning Vogelsang, der Geschäftsführer der Baden-Württemberg Interational (BW-i), des Kompetenzzentrums des Bundeslandes zur Internationalisierung von Wirtschaft und Wissenschaft in der Provinz Jiangsu deutlich. »Ich beobachte eine Tendenz besonders bei den mittelständischen Unternehmen, sich weniger mit China beschäftigen zu wollen. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass die stärkste Konkurrenz fast jedes exportorientierten Unternehmens für Baden-Württemberg und ganz Deutschland in Zukunft aus China kommen wird.« Deshalb sieht Henning Vogelsang es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, Vertrauensbeziehungen aufzubauen. Ein essentielles Instrument ist dabei der sogenannte Firmenpool, der es gerade kleineren und mittleren Unternehmen ermöglicht, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort in Nanjing für einen begrenzten Zeitraum über das Kompetenzzentrum BW-i anzustellen. So können Firmen Kooperationen auspro -
Kenner der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen: Henning Vogelsang, Geschäftsf ührer der Baden-Württemberg International in Nanjing.
德中经贸关系专家:海宁,巴登符腾堡州国际经济与科技合作协会总经理
bieren, ohne gleich zu Beginn den kompletten, sehr aufwändigen Markteinstieg in China zu vollziehen. Vogelsang ist überzeugt, dass in den Bereichen der humanoiden Robotik und Low Altitude Economy – also der Wirtschaftsbereiche mit Drohnen und Luftmobilität in niedriger Flughöhe – die großen Zukunftsthemen liegen. »Ich glaube fest daran, dass in 15 bis 20 Jahren jeder Haushalt in China seinen eigenen humanoiden Roboter haben wird.« In China sind bereits über hundert Firmen in diesen Zukunftsfeldern aktiv. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg, einer der innovationsstärksten Regionen Deutschlands, sind es gerade einmal eine Handvoll. »Die meisten Firmen, die in China auf diesem Gebiet gegründet wurden, sind gerade einmal zwei Jahre alt. Wenn man das in Deutschland jetzt ernst nähme, hätte man noch genug Chancen, da mitzugehen.«
Brücken zu bauen zwischen China und Europa, das schreibt sich seit 1996 das Nanjinger Unternehmen Focus Technology auf die Fahnen. Mit made-in-china.com entwickelte es sich von einer Branchenplattform zu einem globalen B2B-Marktplatz. Das Unternehmen positioniert sich als digitale Brücke für den globalen Markteintritt chinesischer Produkte. Über made-in-china. com f ndet der deutsche Mittelstand schnell zuverlässige Partner für Montage und Re-Export. Die Plattform hilft chinesischen Firmen außerdem, europäische Standards zu erfüllen: Von Umwelttechnik über erneuerbare Energien bis hin zu Medizintechnik und Maschinenbau entstehen neue Kooperationen.
AGRARDROHNEN EROBERN CHINAS FELDER
Noch nicht humanoid, aber mit viel Robotik behauptet sich das mittelständische chinesische Unternehmen TopXGun im Markt für Agrardrohnen. Obwohl der Weg zu ihren Testgebieten damit länger wurde, ist die Firma kürzlich näher an die Innenstadt Nanjings gezogen –aus Rücksicht auf die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden. Denn auch in China ist der Fachkräftemangel spürbar. Die Drohnen, die heute bereits 80 Kilogramm transportieren können, übernehmen Aufgaben wie Bewässerung, Düngung, Pflanzenschutz oder Ernte – selbst in schwer zugänglichem Gelände. Die benut-
zerfreundlichen Bedienoberflächen sind auf ältere Nutzerinnen und Nutzer über 50 abgestimmt. Doch es vollzieht sich ein Wandel: Die Digitalisierung macht die Landwirtschaft für junge Menschen wieder attraktiv –Kinder und Enkel kehren in die Dörfer zurück und helfen bei der Modernisierung.
WISSEN, BODEN, CHANCEN: NANJINGS REZEPT FÜR INNOVATION
Was Nanjing wirklich fehlt, ist ein großes produzierendes Leuchtturm-Unternehmen mit Strahlkraft wie Huawei, Tencent oder DeepSeek. Diese haben zwar Standorte vor Ort, jedoch vor allem in den Bereichen Softwareentwicklung und Forschung. Genau darin liegen Nanjings Chancen und Stärken: Mit rund einer Million Studierenden bei zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Stadt eine der wichtigsten Universitätsstandorte des Landes und ideal für Forschung und Innovation. Ein Stern an diesem Firmament ist der Institutskomplex für Geowissenschaften (ISSAS) und Bodenkunde (NIGLAS), die »Wiege der Bodenwissenschaften in China«. Diese Institute, gegründet vor über siebzig Jahren und seit 2024 auf neu erschlossenem Gelände, haben nationale Bedeutung, sind doch Ernährungssicherheit und Schutz der natürlichen Ressourcen deklarierte Prioritäten der Zentralregierung. Forschung und Lehre am ISSAS helfen, die Bodendegradation zu bekämpfen und nach haltige Anbaumethoden zu entwickeln (siehe dazu den Artikel von Shi Yonghui in unserem Heft »Ländliches China«,
#59). Durch die Entwicklung neuer Technologien liefert das NIGLAS Erkenntnisse zur Reduzierung des Düngemitteleinsatzes und zur Vermeidung von Boden- und Wasserverschmutzung. Für Nanjing schafen beide Institute als Ableger der Chinesischen Akademie der Wissenschaften mit zusammen fast 4000 Mitarbeitenden und über 3000 Studierenden ein dynamisches Forschungsumfeld, das junge Talente aus ganz China anzieht und Nanjings wachsenden Ruf als Metropole der Innovation verstärkt.
Auf der westlichen Seite des Flusses im Stadtteil Jiangbei New Area f nden Firmen und Forschungseinrichtungen aus dem In- und Ausland perfekte Bedingungen vor, um sich anzusiedeln. Es ist einer von landesweit 2800 Industrieparks und einer von insgesamt nur 19 Wirtschaftsbezirken von höchster nationaler Priorität. Die Infrastruktur ist erstklassig, das Energiespeicher-Kraftwerk hochmodern, der neue Bahnhof bereits im Bau. »Ja, der Wettbewerb ist intensiv,« sagt Henning Vogelsang, »aber man muss auch die Chancen sehen. Wenn man eine interessante Idee hat, dann gibt es gute Gründe, diese auch hier umzusetzen. Der Service für Unternehmen ist phänomenal.«
Hier sind Tüftler am Werk: der Agrardrohnenproduzent TopXGun braucht innovative Mitarbeiter:innen auf diesem hart umkämpften Markt. 这里是技术研发者的工作现场:农业无人机制造商拓 攻机器人在这一竞争激烈的市场中急需富有创新能力 的员工
Li Zhiwu (links), Ingenieur für Elektroautos, und Wang Hanwen, Informatiker, im Jiming Tempel
Die meisten Besucher des Jiming Tempels kommen wie wir hierher, um Räucherstäbchen anzuzünden und für wirtschaftlichen Erfolg und vor allem für Glück in der Liebe zu beten. Dieser Tempel hat ein sehr gutes Karma. Wir haben zwar gute Jobs in der Autoindustrie und der IT Branche, aber der wirtschaftliche Druck ist hoch. Naja, und in Sachen Liebe sind wir noch auf der Suche. Frauen haben oft hohe Ansprüche, es ist nicht leicht, die richtige Partnerin zu finden, und eine Familie zu gründen, ist ein großer Schritt. Damit lassen wir uns noch ein bisschen Zeit.
Eine Firma, die diesen Support nutzt und sich hier angesiedelt hat, ist Dajing TCM. Das chinesische Technologieunternehmen entwickelt seit 2015 KI-gestützte Systeme für die Diagnose und Behandlung in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Es bietet eine
Zunge zeigen erwünscht: Die Firma Dajing TCM nutzt KI wirkungsvoll, um die traditionellen chinesischen Heilmethoden schnell und zuverlässig an Ärzte und Patienten zu vermitteln.
Plattform zur Unterstützung von Kliniken, nutzt künstliche Intelligenz und Big Data, um medizinische Daten zu analysieren und Juniorärztinnen und -ärzte bei Entscheidungen zu helfen. Das Wissen, gerade zur Behandlung bestimmter Krankheiten, liegt nicht mehr bei einigen wenigen erfahrenen TCM-Fachleuten, sondern wird geteilt. Über 15 000 Kliniken, Ärztinnen und Ärzte sowie Apotheken nutzen das System bereits.
Mit digitaler Diagnostik und dezentem Kräuterduft bringt Dajing TCM die traditionelle chinesische Medizin in die Moderne. In den firmeneigenen Teeshops analysiert eine KI-gesteuerte Zungenkamera die individuelle Konstitution der Kundschaft und empfehlt passende Kräutermischungen – von Ginseng bis zur GojiBeere. Die Ergebnisse variieren, was wohl Teil der Strategie ist. Das Konzept spricht vor allem junge Menschen an – und verleiht der TCM ein frisches Image.
Mit seiner Lage am Yangzi, einem der größten Binnenhäfen der Welt und als wichtiger Verkehrsknotenpunkt im modernen Hochgeschwindigkeitsnetz der Züge bietet Nanjing eine exzellente Infrastruktur und beste Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum. Die Stadt beweist Anpassungsfähigkeit und stellt entscheidende Weichen für die Zukunft.
1988 stieß Huang Huiying als damalige Studentin der Geschichtsabteilung der Nanjing Universität im Stadtarchiv auf einen Spendenbeleg der Nanjinger Regierung aus den 1940er Jahren an einen gewissen Yuehan Labei. Warum hatte ein Ausländer so viel Geld erhalten, wer war dieser Mensch? Huang recherchierte und veröfentlichte einige Artikel, fand jedoch kaum Resonanz.
1995 begegnete die amerikanisch-chinesische Schriftstel lerin Iris Chang (张纯如, 1968–2004) in den Nachforschungen für ihr Buch zum Massaker von Nanjing immer wieder einem deutschen Kaufmann: John Rabe. Auf der Suche nach dessen Nachlass nahm sie Kontakt zu Rabes Angehörigen auf – und setzte damit die Entdeckung von Rabes Tagebüchern in Gang. Diese wurden schließlich 1997 in deutscher, chinesischer, japanischer und englischer Sprache herausgegeben. Und so begann, bald fünfzig Jahre nach Rabes Tod, das öfentliche Gedenken an einen Mann, der zusammen mit einigen anderen Ausländern im Winter 1937/38 etwa 250 000 Chinesinnen und Chinesen Zuflucht bot und ihnen damit das Leben rettete.
2003 wollte Johannes Rau als damaliger Bundespräsident Deutschlands dem ehemaligen Wohnsitz Rabes einen Besuch abstatten. Allerdings wohnten hier mehrere zwischenzeitlich eingezogene Familien, Wäsche hing herum, die Blumenrabatten waren keines Präsidenten würdig. Und so ließ man bald nach diesem Besuch die Mietverträge auslaufen, gründete flugs eine Stiftung und eröf nete ebendort 2006 die, mit ganzem Namen:
Gedenkstätte der Nanjing Universität für John Rabe und die internationale Sicherheitszone
Mitten in der Stadt, direkt neben dem heutigen GulouCampus der Nanjing Universität, zur Uni gehörend und von ihr verwaltet, liegt das kleine Grundstück unmittelbar an Ausgang 1 der U-Bahnstation Zhujianglu. Von hier ausgehend bot im Winter 1937/38 eine knapp vier Quadratkilometer große Sicherheitszone Hunderttausenden Menschen Unterschlupf. In Rabes Haus und auf seinem Grundstück brachte er zeitweise bis zu 600 Personen unter. Hinten auf dem Grundstück bef ndet sich auch noch das Original eines unterirdischen Bunkers mit einem kleinen Blechdach, und vorne in einem gemauerten Nachbau.
John Heinrich Detlev Rabe (1882–1950) wird in China als »lebender Buddha von Nanjing« bezeichnet, als der »gute Deutsche von Nanjing«, als »Schindler von China«. Er lebte mit kurzen Unterbrechungen von 1908 bis 1938 über drei Jahrzehnte hinweg in China, war seit
1911 für Siemens tätig und seit 1931 ihr Geschäftsführer in Nanjing. 1932 baute ihm die Nanjing Universität das Wohnhaus nach seinen Vorstellungen, in dem er bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland 1938 lebte und das nun ein Museum zu seinem Andenken ist.
John Rabe ist aus heutiger Sicht nicht ohne Widersprüche, weshalb seine Nachkommen auch erst Jahrzehnte später den Blick in seine Tagebücher gewährten: Um auf seinem Grundstück eine deutsche Schule zu gründen, trat er 1934 der NSDAP bei. Weit entfernt von der nationalsozialistischen deutschen Realpolitik sieht Rabe Hitler in seinen Tagebüchern völlig verblendet als
Auch auf dem Gelände des Rabe-Wohnhauses retteten Bunker Menschenleben. 在拉贝故居园区内,防空洞同样曾拯救过许多人的生命
Humanisten und war stets der Überzeugung, dass der Führer ihm beim Schutz seiner Arbeiterinnen und Arbeiter helfen würde. Doch es kam keine Hilfe aus Deutschland.
Im Juli 1937 brach der Zweite Weltkrieg in Ostasien aus: Die chinesischen Armeen der Nationalisten und Kommunisten bildeten eine Einheitsfront gegen die in der Luft und am Boden weit überlegen Japaner – sie überfielen und besetzten zunächst Peking und marschierten dann gen Süden. Shanghai fel, und der Weg in die damalige Hauptstadt Nanjing war bald frei. Anfang Dezember verlegte die chinesische Nationalregierung unter Chiang Kai-shek ihren Sitz nach Wuhan. Die Tore der alten Stadtmauer wurden kaum mehr bewacht – und so drangen die Japaner am 13. Dezember 1937, vor allem durch das Zhonghua Tor, in Nanjing ein.
Es folgten sieben
Wochen voller Gräueltaten, und beim Massaker von Nanjing verloren 200 000–300 000 Menschen ihr Leben
Manche Schätzungen gehen sogar von weit mehr als 300 000 Toten aus. Wie die meisten ausländischen Firmen und Vertretungen in China, zog auch Siemens seine Leute ab Sommer 1937 aus dem Land ab. Rabe verweigerte die Rückkehr und blieb als einer von nur rund zwei Dutzend Ausländern in Nanjing. Er nahm für sich die Rolle als Repräsentant von Nazideutschland in Anspruch und verhandelte als solcher mit den Japanern –woraufhin er und eine Handvoll Ausländer die internationale Sicherheitszone neben Rabes Wohnsitz einrich-
ten konnten. Zunächst sollten die eigenen Arbeitskräfte und ihre Familien bei ihnen unterkommen, aber schließlich überlebten dort 250 000 Menschen. Am sichersten waren sie, ein Paradox der Geschichte, unter der riesigen, im Hof aufgespannten und für die japanischen Flieger weithin sichtbaren Hakenkreuzflagge. 1938 musste Rabe auf erneute Anweisung von Siemens Nanjing verlassen und nach Berlin zurückkehren. In Deutschland wollte jedoch niemand von den Gewalttaten der japanischen Soldaten etwas wissen. Selbst dann nicht, obwohl, wie der erste Herausgeber seiner Tagebücher, Erwin Wickert, bereits 1997 betonte, Rabe und seine Vertrauten »die Verbrechen nicht dem japanischen Volk zur Last gelegt« hätten (S. 375). Nach seiner Rückkehr wurde Rabe von Siemens nur noch als einfacher Sachbearbeiter eingesetzt. Zwar wurde er nach dem Krieg 1946 aufgrund seiner humanitären Verdienste in Nanjing entnazif ziert, arbeitete anschließend aber, auch nach seiner Pensionierung 1947, aus Geldmangel weiter als Hilfsarbeiter für das Unternehmen. Als man von Rabes f nanzieller Notlage erfuhr,
sammelte die Stadtvertretung von Nanjing Spenden für ihn – doch der entsprechende Zahlungsbeleg sollte erst 1988 von Huang Huiying wiederentdeckt werden. Und so starb John Rabe im Jahr 1950 verarmt und krank und bald vergessen.
Chen Min und Chang Xuan von der Deutschfakultät der Nanjing Universität engagieren sich sehr für das Andenken an John Rabe. 南京大学德语系的陈民与常晅积极投身于约翰·拉贝纪念工作的推进
Heute gelten Rabes Tagebücher als eines der wichtigsten Zeugnisse der Verbrechen des Massakers von Nanjing
Chang Xuan, Deutschlehrer an der Deutsch abteilung der Nanjing Universität, wohnte während seines Germanistikstudiums Ende der 1990er Jahre direkt neben dem Rabehaus und ging täglich daran vorbei – ohne zu wissen, was sich hinter diesen Mauern verbarg. Die Übersetzungstätigkeiten der Tagebücher seiner Abteilung seien damals ausführlich besprochen worden und Chang habe eigene Recherchen zum Thema betrieben. Aber erst durch Johannes Raus Besuch 2003 in Nanjing sei allen bewusst geworden, welchen Nachlass die Universität mit dem Haus besaß. Es folgten die Wiederherrichtung des Hauses als Erinnerungsort mit einer Dauerausstellung. Als der Stadt Nanjing 2017 dann die Originalfassung der sechs Tagebücher geschenkt wurden, kam Chang Xuan in das Team der Neuübersetzung des Jiangsu renmin Verlags. Außerdem brachte er zusammen mit seiner Lehrerin Chen Min 2024 den Sammelband »Gespräch mit Rabe« zu verschiedenen Gedenken und Gedanken an Rabe heraus.
Das Rabehaus und vor allem seine seit 2006 fast unveränderte Ausstellung sind inzwischen etwas in die Jahre gekommen – eine Erneuerung steht an und das Erbe soll weiter bewahrt bleiben. Auch dafür wurde 2021 das Projekt »John Rabe-Tagebuch und die Friedensstadt« gegründet. Der Frieden von Nanjing soll damit aufrechterhalten und möglichst international über ihre Stadtgrenzen hinausgetragen werden.
Der humanitäre Einsatz von Rabe und seinen Zeitgenossen für die chinesische Zivilbevölkerung steht heute als Vorbild dafür, sich über Vorschriften hinwegzusetzen und den eigenen Moralvorstellungen treu zu bleiben. Quellen
Iris Chang: Die Vergewal tigung von Nanking: Das Massaker in der chinesischen Hauptstadt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Zürich und München: Pendo 1999. (Original: The Rape of Nanking: The Forgotten Holocaust of World War II. New York: Basic Books 1997.)
张纯如:《南京暴行:被遗忘的 二战浩劫》,苏英春等译, 北京:东方出版社,1998 年
Chen Min und Chang Xuan (Hgg.): Duihua Labei [Gespräch mit Rabe]. Nanjing: Nanjing University Press 2024.
陈民、常晅主编:《对话拉贝》, 南京:南京大学出版社,2024 年
Erwin Wickert (Hg.): John Rabe: Der gute Deutsche von Nanking. München: Pantheon 2008 (München: DVA 1997). 埃尔温·维克特编:《约翰·拉 贝:南京大屠杀中的德国人》, 慕尼黑:潘特翁出版社,2008 年 中文版《拉贝日记》根据拉贝手 稿《敌机飞临南京》全文翻译, 南京:江苏人民出版社,1997 年 Neuste chinesische Fassung der Rabe-Tagebücher: 中文最新版本《拉贝日记 (修订版)》,南京:江苏人民出 版社,2025年 Florian Gallenberger (Regie): John Rabe. Kinofassung: 134 Min., 2009; Fernsehfassung: 172 Min., 2011. 弗洛里安·加伦伯格导演: 《约翰·拉贝》,影院版134分
钟,2009 年;电视版172 分 钟,2011年
Foto: Thomas Rötting
南京人说“阿吃过了?”
Nanjing sagt »Hallo«
Das »Du« der chinesischen Begrüßung von »Hast du schon gegessen?« wird in Nanjing »Ā« ausgesprochen: »Ā chīguò la?«
In Nanjing habe ich mich sofort wohl gefühlt. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht freundlich angesprochen oder mit einem Lächeln beschenkt werde. Inzwischen lebe ich seit sechs Jahren hier, und auch wenn die Stadt ziemlich teuer ist, gefällt es mir gut. Es gibt viele geschichtsträchtige Orte, denn Nanjing war immer wieder Hauptstadt während verschiedener Dynastien. Man kann auf der alten Stadtmauer spazieren und viele interessante Museen besuchen. Ich komme auch gern in das Viertel rund um den D9 Komplex, wo mein Tanzkurs stattfindet. Junge Leute treffen sich hier, um gemeinsam zu essen, Karaoke zu singen oder zum Shoppen.
Li Yujing, Studentin, Tanzschule Linyin Dance Art Center
ZWISCHEN ERNEUERUNG UND ERHALT –STADT ENTWICKLUNG IN NANJING
In Nanjings Stadtplanung hat beides Platz: Während in Xiaoxihu die Bewohnerinnen und Bewohner eine behutsame Erneuerung ihres jahrhundertealten Viertels mitgestalten, wird auf der Insel Jiangxinzhou die Zukunft erprobt.
Die meisten Gäste im beliebten »Rocho« Café sind mit dem Fahrrad gekommen. Sie genießen die ländliche Atmosphäre und den Yangzi-Ausblick von der Plattform einer Pumpstation mitten auf der Insel Jiangxinzhou. Frachtschife gleiten gemächlich über den Fluss, an den Wochenenden flimmern Filme auf einer improvisierten Leinwand vor dem Café. Das lebendige Stadtzentrum der 10-Millionen-Metropole ist nur eine Metrostation oder eine Fußgängerbrücke weit entfernt, doch hier draußen ticken die Uhren langsamer. Die Insel ist ein Naherholungsgeschenk für die Stadt – und entsprechend behutsam wird ihre Entwicklung angegangen.
Zheng Yingjia rührt nachdenklich in seinem Kafee. Er lebte bereits auf der Insel, als er für das chinesisch-singapurische Gemeinschaftsprojekt »Nanjing Eco Hi-Tech Island« zu arbeiten begann. Heute leitet er die Abteilung für Investorengewinnung und Landverkauf und koordiniert zwischen Stadt verwaltung und Planungsprojekt. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn das
Joint Venture wurde von der Stadt mit der Entwicklung Jiangxinzhous zur ökologischtechnologischen Modellregion beauftragt. Das ambitionierte Ziel: CO₂-Neutralität und zwar 10 Jahre schneller als im übrigen Land, bis 2050 also.
»Nur 30 Prozent der insgesamt 15 Quadratkilometer großen Insel sind für Wohnund Büroflächen sowie Infrastruktur vorgesehen. Der Rest bleibt Natur und dient der Stadt Nanjing als Naherholungsgebiet«, erklärt Zheng Yingjia. Ein Bürokomplex mit Passiv-Energiehäusern ist bereits entstanden. Es ist der erste vollständig kohlenstof freie Büropark der Stadt. Wer sich draußen auf eine der Bänke setzt, kann sein Handy direkt über die integrierten Solarpanels laden. Auf klassische Industrie wird bewusst verzichtet. Stattdessen sollen emissionsarme, zukunftsorientierte Branchen angesiedelt
werden. Dennoch ist allen Beteiligten klar: Der Weg zur Klimaneutralität ist lang und steckt voller Herausforderungen.
»Die Entwicklung hier soll dem Prinzip des ausgewogenen Wachstums folgen«, sagt Zheng Yingjia weiter. »Infrastruktur, Wohnen und Wirtschaft sollen sich im Gleichklang entfalten. So dürfen neue Wohnungen erst entstehen, wenn es entsprechend ausreichende Büroflächen gibt und eine passende und umweltfreundliche Infrastruktur errichtet ist. Für die einstigen Bewohnerinnen und Bewohner der Insel stehen nun moderne Wohnungen bereit. Viele kehren zurück – wer will, kann die Wohnung aber auch weiterverkaufen.«
Zwischen den neuen Wohnhäusern wach sen Sorghum und Mais. Sonnenblumen- und Ziergraswiesen werden zu beliebten Fotomotiven – und zu Orten der Begegnung. Während am Ufer des Yangzi die Pärchen in der Sonne sitzen, nimmt auf der Insel die Zukunft leise Fahrt auf.
In Nanjing nimmt das Viertel Xiaoxihu einen wichtigen Platz als Träger der städtischen Erinnerung ein. 2022 wurde das Erneuerungsprojekt Xiaoxihu mit dem UNESCOPreis für Denkmalschutz im AsienPazifikRaum ausgezeichnet und war damit das erste Projekt in der Provinz Jiangsu, dem diese Ehre zuteilwurde.
Im Bezirk Qinhuai und damit im Herzen der Altstadt Nanjings gelegen, erstreckt sich Xiaoxihu über eine Fläche von 46 900 Quadratmetern. Das Viertel zählt zu den 22 historischen Schauplätzen, die im »Schutzplan für die Geschichte und Kultur von Nanjing« ausgewiesen sind. Seine Geschichte reicht bis in die Mitte der Ming-Dynastie zurück: Der berühmte Dramatiker Xu Lin (1462–1538) ließ hier einen privaten »Vergnügungsgarten«
(快园 kuài yuán) anlegen. Der Teich darin erhielt den Namen »Kleiner Westsee« ( 小西湖 Xiaˇoxīhú) – und wurde so zum Ursprung des heutigen Ortsnamens. Im 20. Jahrhundert lebten hier Kulturgrößen wie der Schriftsteller Zhang Youluan (1904–1990) und, mit Wan Laiming (1900–1997), die vier Wan-Brüder, Meister des chinesischen Animationsf lms.
Mit der Jahrtausendwende verschlechterte sich die Wohnsituation in Xiaoxihu deutlich. Auf weniger als fünf Hektar drängten sich 810 Haushalte und 25 Gewerbebetriebe, die Einwohnerzahl überstieg 3000 Personen. Die meisten von ihnen waren auf Gemeinschaftsküchen und -bäder angewiesen. Xiaoxihu hatte sich zu einem verarmten Viertel mit hohem Anteil älterer Menschen, geringem Wohnraum pro Kopf, baufälligen Häusern und veralteter Infrastruktur entwickelt. 2015 erklärte das Nanjinger Stadtplanungsamt Xiaoxihu zum Startpunkt für ein Projekt zur Stadterneuerung. Für Planung und Entwurf war ein Team unter der Leitung von Professor Han Dongqing von der Southeast University verantwortlich, während die Arbeitsgruppe für historischen Stadtschutz und Bauwesen die Umsetzung koordinierte.
Grüne »Gemeinschaftshöfe« Nach der Renovierung sind in Xiaoxihu zahlreiche besondere Orte entstanden, darunter der Gemeinschaftshof in der Duicao-Gasse 33.
Einst ein vollgerümpelter privater Hinterhof mit bröckelnden Mauern, präsentiert sich der Ort heute in neuem Glanz: Ziermauern zeugen von traditioneller chinesischer Ästhetik, während Bonsai, Blumen und Sträucher in malerischer Unordnung stehen. Weinreben und Mispeln wachsen nebeneinander, dazwischen gedeihen China-Rosen, Chrysanthemen und Kamelien. Ein 100 Jahre alter Granatapfelbaum, reich an Früchten, vervollständigt die entspannte Atmosphäre. Der Hofbesitzer, Liu Guangji, erklärt: »Es gibt bereits Gemeinschaftsräder und eine Gemeindebibliothek – da wollten wir auch einen Gemeinschaftshof schaffen!« Seine Gattin, Qin Liukun, präsentiert ihren Look in Fahrradkleidung, den sie für eine Modenschau in der Nachbarschaft zusammenstellte.
Geteiltes »Wohnzimmer« Das »Wohnzimmer« von Xiaoxihu wurde als »Labor für urbanes Leben« und »Jugendtref« konzipiert. Mit gemeinschaftlich genutzten Werkzeugschränken und einer 24-StundenTrinkwasserstation bietet der Ort eine praktische Plattform für nachbarschaftlichen Austausch. Tong Yueting, die Leiterin, betont: »Dies ist ein wichtiger öffentlicher Raum in Xiaoxihu.« Im August 2025 fand hier der erste »Intangible Cultural Heritage Lifestyle Hub« statt. Bewahrerinnen und Händler traditioneller Handwerkskünste wie Qinhuai-
Laternen und Nanjing-Samtblumen waren eingeladen, um gemeinsam Wege für die Weiterentwicklung des immateriellen Kulturerbes zu erkunden. Gleichzeitig wurden Aktivitäten für verschiedene Anwohner:innengruppen angeboten, darunter Menschen mit Behinderungen und Senior:in nen. Wie Professor Zhou Xiaohong vom Institut für Soziologie der Universität Nanjing erklärt: Die Art, wie öfentliche Räume genutzt und organisiert würden, spiegle den Zustand moderner Gesellschaften wider.
Ein Zusammenspiel aus neuen Trends und Nostalgie
Heute prägen zahlreiche neue Cafés, Teehäuser und Ateliers das Bild von Xiaoxihu – und doch hat das Viertel nichts von seinem alten Charme verloren. In den Hauseingängen stapeln sich Bücher zum Ausleihen, ältere Menschen sitzen gemütlich beisammen und spielen Majiang. Im Sommer weht eine angenehme Brise durch die Gassen. Aus den einstöckigen Altbauten (in denen die Miete nicht mehr als einen Yuan pro Quadratmeter pro Monat beträgt, also etwa 12 Eurocent) duftet es nach traditionellen Speisen, während nur wenige Schritte weiter der Geruch von trendigen Kafeespezialitäten in der Luft liegt. Moderne und Tradition ergänzen sich hier auf harmonische Weise.
Text und Fotos / 文与图 : Nora Thal Aus dem Deutschen / 中文翻译 : Wang Pan 王盼
Nanjing Museum
Nanjing, wörtlich die südliche Hauptstadt, trägt nach ihrer Qing-zeitlichen Namensgebung Jiangning die Kurzbezeichnung 宁 Níng, friedlich. Dass es nicht immer gewaltlos zuging, lässt sich im Museum der Gedenkstätte des Massakers von Nanjing ( 南京大屠杀遇难同胞纪念馆 ) besonders deutlich erfahren. Heute hält die Stadt wieder den Frieden im Alltag hoch. Vor allem die zahlreichen Institutionen und Universitäten bieten ein Leben mit mehr Beständigkeit und weniger Drang nach Wachstum und Gewinn. In dieser ruhigeren Taktung erscheinen die Menschen ausgeglichener als in manch anderer chinesischer Großstadt. Deshalb und natürlich auch wegen der wunderschönen Landschaft haben sich viele Schriftsteller:innen Nanjing als Heimat erwählt. Die Tradition wird hier geschätzt, an Kunst finden sich neben der Literatur vermehrt klassische Tuschemalerei und Kalligrafie. Für Gegenwartskunst fährt man eher nach Shanghai, aber der eine oder andere Ort existiert auch hier.
Was in der Übersetzung nicht weiter auffällt, entfaltet seine Dimensionen in nur einem Zeichen: Und so ist ein Museum nicht einfach ein Museum, wenn aus einem 博物馆 bówùguaˇn ein 博物院 bówùyuàn wird und damit aus einem Gebäude, guaˇn, eine ganze Anlage, yuàn. Das Nanjing Museum umfasst heute sieben Hektar Ausstellungsfläche in sechs Hallen. Auf knapp 13 Hektar brachte es gar das Vorgängergebäude bei seiner Gründung im Jahr 1933 – mitbegründet von dem umtriebigen Cai Yuanpei, der nach seinem Studium in Leipzig neben anderen die Bewegung des Vierten Mai auslöste. Das Museum war also von Anfang an hochkarätig besetzt und ist bis in die Gegenwart unbedingt einen Besuch wert. Aber nehmen Sie sich reichlich Zeit: Die Mingund Qing-kaiserliche Porzellansammlung ist eine der weltweit umfangreichsten. Darüber hinaus besonders faszinierend sind die Ziegelreliefs ( 砖印模画 zhuānyìn móhuà) aus der Zeit der Südlichen Dynastien (420–589). Dazu zeigen interessante wechselnde Sonderausstellungen etwa VRShows über die Kartografie der Ming-Zeit oder spezielle Sammlungs themen wie Tonfiguren aus Huishan, Wuxi, oder auch internationale Einladungen über die iranische Zivilisationsgeschichte. Die Galerie der Republikzeit im Kellergeschoss ist ein Nachbau einer damaligen Einkaufsstraße, in der real eingekauft und gegessen werden kann.
Empfehlung einer literarischen Entdeckung: Der aus Nanjing inspirier te Roman »Traum der roten Kammer« ist auch als »Ge schichte des Steins«, Shitou ji, be kannt – und eben jener Stein findet sich hier im Museum des Mauerwerks, ob er es wirklich ist?
Nach 28 Jahren Bauzeit und unter dem Arbeitseinsatz von 200 000 Menschen, die zwischen 350 und 400 Millionen Mauersteine verbauten, wurde die Stadtmauer von Nanjing 1393 fertiggestellt. Heute ist sie nach über 600 Jahren die größte und längste noch erhaltene Stadtmauer der Welt. 25 ihrer ursprünglich inneren 35 Kilometer bestehen weiterhin. Zu verdanken ist dies einem Mann, der in Deutschland Ingenieurswesen studierte und dort den Denkmalschutz für sich entdeckte: Als Zhu Qi 1949 mit einem Diplom in der Tasche und einer Vision im Kopf nach Nanjing zurückkehrte, setzte er den Erhalt der Stadtmauer durch. Dies ist eines der vielen kleinen Details, die im 2022 umgebauten und komplett neukonzipierten Mauermuseum erlebbar sind. Sehr beeindruckend ist der Raum mit den Mauerziegeln. Dort können all die Namen nachvollzogen werden, die damals auf jeden einzelnen Ziegel als Reliefinschrift geprägt werden mussten – damit man wusste, wer gepfuscht hatte, falls ein Stein brach. Außerdem ist ein Ofen ausgestellt, von denen eine Reihe erst 2017 in Lichuan, Jiangxi, entdeckt wurden – in 700 Kilometer Entfernung! Direkt neben dem Museum liegt das Tor Zhonghua, durch das man die Mauer besteigen und grandiose Blicke auf die Stadt werfen kann.
Nanjing trug während der Qing-Dynastie den Namen Jiangning und umfasste den damals ländlichen Kreis Jiangning, der seit 2000 ein Bezirk von Nanjing ist. Während der Ming- und Qing-Dynastien war Nanjing mit Suzhou und Hangzhou eines der drei Zentren der kaiserlichen Seidenproduk tion – berühmt für das seit der Song-Dynastie und bis heute hergestellte Wolkenbrokat (云锦 yúnj ı ˇn). Das dem Pekinger Kaiserhof unterstellte Webereiamt besaß mächtigen Einfluss und oblag zu Kangxis Zeiten (reg. 1662–1722) über drei Generationen hinweg der Familie Cao. Ihr Sprössling Cao Xueqin wuchs bis zu seinem 13. Lebensjahr unter feinsten Stoffen in einer eindrucksvollen Residenz heran, die Kaiser Kangxi gar auf seinen Südreisen wiederholt besuchte. Auf Aufstieg folgt Fall, das musste der junge Cao 1727 erleben, als seine Familie internen Machtkämpfen erlag und ihre Positionen und Besitztümer verlor. Doch bis heute zehren wir davon, denn der bald verarmte Cao Xueqin schenkte uns den literarisch umfangreichen Klassiker Honglou meng, den »Traum der roten Kammer«, in dem wir die Chronik seiner aristokratischen Familie im Wechselspiel der Illusionen miterleben dürfen. Das inzwischen leider etwas in die Jahre gekommene Brokatmuseum wurde 2003 als fantasierter Nachbau gestaltet und erzählt von Seide und Träumen.
Dazu empfehlen wir:
Stefanie Thiedig: Wirklichkeit im Spiegel der Illusion: Eine Betrachtung des Figurenpaares Zhen Shiyin und Jia Yucun im »Traum der roten Kammer«. Hamburg 2006. Kurzlink: https://t1p.de/z1zyg.
安大哥 und 陈小姐: 一瓢红楼梦. Wöchentlicher chinesischsprachiger Podcast zum »Traum der roten Kammer« (seit 2024).
Hinter dem G steckt die Nanjinger Golden Eagle Retail Group, die Einkaufzentren baut und 2017 in ihrer Heimatstadt das gigantische Golden Eagle World (金鹰世界 ) eröffnete. Während man in Europa noch Hochkultur und Unterhaltungskapitalismus streng voneinander getrennt verstehen möchte, lässt man Ausstellungen in Asien schon seit Jahren in den Alltag hinein. Das ist nicht nur ganz wundervoll für diejenigen, die auch Schaufenster als Ausstellungsfläche begreifen. Denn gleichzeitig kann man hier in die Höhe getragen werden: So schwebt die Unternehmenssammlung des Goldenen Adlers auf einer eigenen Museumsetage im 52. Stockwerk. Selbst nur für einen Cafébesuch ist die Himmelsfahrt garantiert die Aussicht wert. Und die künstlerische Präsentation kann mit Auftritten in Shanghai und Peking allemal mithalten. Dazu sind als lokale, kleine, aber feine Orte für zeitgenössische Kunst die Toku Gallery (陶谷公园) und das Sixi Museum (四禧美术馆 ) sowie die East Gallery ( 逸空间画廊 ) zu empfehlen. Das Beiqiu Museum (北丘美术馆 ) bietet regionaler Kunst und Kuration einen Anlaufpunkt, während das Deji Art Museum (德基 艺术博物馆 ) immersive Ansätze verfolgt. Das Sifang Art Museum (四方当代美术馆) existiert leider nur noch als Architektur. Doch zumindest 2025 fand hier die auf Videokunst spezialisierte Nanjing Art Fair International ( 南京国际艺术季) statt.
»Literaturstadt« – diesen Titel trägt Nanjing, seit die Stadt 2019 offiziell als Mitglied des UNESCO Creative Cities Networks, UCCN, in der Kategorie Literatur anerkannt wurde. Schließlich, so heißt es in der städtischen Begründung, beherberge man seit 1800 Jahren Erzähltradition und über 10 000 Meisterwerke. In diesem Erbe steht Qian Xiaohua, Absolvent der Schreibwerkstatt an der Nanjing Universität und Liebhaber französischer Literatur. 1996 gründete er und eröffnete schließlich 2004 die Hauptbuchhandlung unter dem heutigen Namen Librairie Avant-Garde – unterhalb des Wutaishan Stadions im ehemaligen Regierungsparkdeck auf knapp 4000 Quadratmetern. Inzwischen existieren zehn Filialen in China mit einer großen Auswahl an Büchern aus den Sozial- und Geisteswissenschaften. Laut Selbstbeschreibung widmen sie sich »dem Nachspüren kultureller Möglichkeiten, dem Einfangen künstlerischer Inspirationen und der Teilhabe an der Ästhetik des Lebens«. Bei weiterem literarischem Bedarf sei die Buchhandlung Puyue Books (朴阅书店 ) empfohlen. Und für Begegnungen mit Schriftsteller:innen ist das Literaturzentrum (文 学客厅 ) einen Besuch wert. Dazu bietet Nanjing neben zahlreichen Bibliotheken und Verlagen Literaturfestivals und -messen sowie sogenannte Bücherbars entlang der Stadtmauer.
Librairie Avant-Garde
Foto: Thomas Rötting
Als der Influencer Khaby Lame, der über alle Plattformen hinweg 259 Millionen Follower zählt und 2025 auf Platz zwei der Forbes Global Creators List steht, die Nanjinger Stadtmauer besuchte, konnte er nicht umhin, wiederholt seine Bewunderung auszudrücken. Diese über 600 Jahre alte Kulturstätte wirkt noch immer majestätisch und einzigartig! Heutzutage reisen immer mehr junge Menschen eigens hierher, um die Mauer zu erleben. Die Stadtmauer ist für die Menschen längst zu einem natürlichen Frischlufterholungsgebiet, einem Fitnessstudio, einem Ort voller Rätsel und Entdeckungen, einer Zeitkapsel und einem Lernraum geworden. Hier können Besucher joggen, die Mauer erkunden, lernen, fotograferen oder auch nur in Stille die frische Brise genießen. Die Nanjinger Stadtmauer hat längst ihre Rolle als bloße Mauer hinter sich gelassen und ist zu einem ofenen »urbanen Wohnzimmer« geworden.
»Die inneren Stadtmauern dienen dem Schutz des Herrschers; die äußere Stadtbefestigung dient dem Schutz des Volkes.« Im Jahr 1366 ließ Zhu Yuanzhang, der Gründungskaiser der Ming-Dynastie, den Bau der Stadtmauer zur militärischen Verteidigung anordnen. 28 Jahre dauerte das gewaltige Projekt, einst 35 Kilometer lang und aus 350 Millionen Ziegeln errichtet – Zahlen, hinter denen sich eine erstaunliche Leistung an Einfallsreichtum und Willenskraft verbirgt. Heute sind davon noch 25 Kilometer vollständig erhalten, die sich nahtlos in das Stadtbild einfügen. Der Standort, eingebettet zwischen Bergen und Gewässern, zeichnet sich durch vier ineinandergreifende Mauerringe aus, die
sich harmonisch in die natürliche Landschaft anpassen. Diese einzigartige Anordnung zeugt von der Rafnesse und der Handwerkskunst der Baumeister des alten China.
Es stellt sich die Frage: Warum wirkt diese über 600 Jahre alte Stadtmauer noch immer so »jugendlich«?
TECHNOLOGIE LÄSST DIE STADTMAUER IN
NEUEN FARBEN ERSTRAHLEN
Die Menschen staunen oft über die imposante Höhe der Stadtmauer. Beim Spaziergang entlang ihrer Wege kann man das harmonische Zusammenspiel von »Berg und Fluss, Stadt und Wald« bewundern, doch beschleicht einen zugleich der leise Verdacht, dass sich die Schönheit des Ganzen erst aus der Distanz erschließt. Heutzutage ist die Stadtmauer mit Hilfe digitaler Technologien in die »Cloud« gehoben worden: Mit dem Smartphone kann man sie nun bequem von zu Hause aus erleben und sich aus der Vogelperspektive auf einen virtuellen Flug über die Stadttore begeben.
Wenn bei Einbruch der Dämmerung die ersten Lichter zu leuchten beginnen, wird die groß angelegte Lichtund Projektionsperformance »Prägung des Herzens: Zhonghua-Tor« auf den Festungsmauern des ZhonghuaTors feierlich inszeniert. Im Wechselspiel von Licht und Schatten ofenbart jeder Schritt eine neue Perspektive und lässt die Besucher in ein riesiges Naturkino eintreten. Begleitet von Live-Auftritten und Hologrammprojektionen tauchen sie Schicht für Schicht in die drei gewölbten Torbögen ein und erleben die Vergangenheit und Gegenwart des Zhonghua-Tores hautnah. Oder man schlendert entlang der Taicheng-Mauer, wo die Abendbrise sanft über das Gesicht streicht und den Trubel des Tages vertreibt. Nach Einbruch der Dunkelheit markiert die beleuchtete Stadtmauer deutlich ihren Verlauf durch die Stadt, verbindet bekannte kulturelle Wahrzeichen entlang des Weges und wird so zu einem markanten Blickfang in der nächtlichen Kulisse Nanjings.
DURCH LIEBE WIRD DIE STADTMAUER
ZU EINEM SCHATZ
Im Laufe der Zeit verlor die Stadtmauer zunehmend ihre militärische Verteidigungsfunktion, sodass sich die schwierige Frage stellte, ob sie erhalten oder abgetragen werden sollte. Glücklicherweise wurde die Mauer dank des Einsatzes von weitsichtigen Persönlichkeiten wie Zhu Qi bewahrt. Doch viele der Stadtmauerziegel hatten sich längst über die alte Hauptstadt verstreut: Einige lagen vergessen in entlegenen Winkeln der Stadt, andere waren bereits in Privathäusern verbaut. Um diese in den Straßen und Gassen der Stadt verloren gegangenen »Perlen« wiederzuf nden, wurde
eine stadtweite gemeinnützige Initiative ins Leben gerufen: »Wie jedes Getreidekörnchen in die Scheuer, so soll auch jeder Ziegel zurück zur Mauer f nden«. In den vergangenen neun Jahren konnten auf diese Weise etwa 600 000 Ziegel an ihren rechtmäßigen Platz zurückgebracht werden, und das Projekt etablierte sich als strahlendes Beispiel für die Erhaltung der Stadtmauer. Die zurückgekehrten Ziegel erfüllen heute neue Aufgaben: Einige wurden wieder in den ursprünglichen Mauerkörper eingefügt und tragen zur Restaurierung des Kulturdenkmals bei; andere fanden ihren Platz in Museen, wo sie von der Geschichte der Stadt und ihrer Menschen erzählen; wieder andere verblieben im Lager und warten still auf ihren Einsatz.
Dieses im Namen der Liebe durchgeführte Projekt zur Rückgewinnung von Stadtmauerziegeln birgt zahlreiche bewegende Geschichten. So durchstreift Jiang Xiaoning, ehrenamtliche Denkmalschutzhelferin in Nanjing, Tag für Tag die alten Straßen und Gassen der Stadt auf der Suche nach Ziegelsteinen. Vier Jahre lang verfolgte sie die Spur von mehr als 20 000 Stadtmauerziegeln, die in alten Fabrikgebäuden versteckt waren und an ihren rechtmäßigen Platz zurückgebracht werden konnten.
Die über neunzigjährige Xie Zhuru wiederum bewahrte auf Bitte ihres verstorbenen Mannes jahrzehntelang Stadtmauerziegel auf – und verwandelte so die Liebe zu ihrer eigenen Familie in gesellschaftliches Engagement für die Bewahrung des kulturellen Erbes. Durch ihre Taten treten diese »Hüter und Hüterinnen« in einen tiefgründigen Dialog mit der Stadtmauer und sorgen dafür, dass die große »Schatzsuche« immer weitergeht.
Die Bewahrung der über 600 Jahre alten Stadtmauer von Nanjing ist der unermüdlichen Arbeit einer Gruppe von sogenannten »Stadtmauerpflegern« zu verdanken. Wenn jedes Jahr zu Frühlingsbeginn das Grün sprießt, sieht man zahlreiche Höhenarbeiter entlang der Stadtmauer hängen: Sie entfernen wuchernde Pflanzen, füllen Lücken zwischen den Ziegeln und beseitigen Schlamm – als würden sie die Mauer einer umfassenden Schönheitskur unterziehen, die ihr einen völlig neuen Glanz verleiht. Der Hochsommer und die Regenzeit sind für die Denkmalschützer die arbeitsreichste und beschwerlichste Zeit. Zu Fuß vermessen sie die 25 Kilometer lange Mauer und erfassen jedes Detail mit wachem Blick. Die regelmäßig durchgeführten Inspektionen stellen sicher, dass die Stadtmauer auch in Zukunft ihre Lebenskraft bewahrt.
Unter den verwitterten Ziegeln der alten Stadtmauer breitet sich still und leise ein von Künstlicher Intelligenz gewobenes neuronales Netzwerk aus. 263 automatisierte Überwachungsgeräte, die wie digitale Stethoskope an der Mauer angebracht sind, beobachten kontinuierlich die kleinsten Veränderungen an 1575 Messpunkten: Breiten sich Risse aus? Verschiebt sich das Mauerwerk? An diese Monitoring- und Frühwarnplattform sind acht Subsysteme und 57 Funktionsmodule, die von speziell geschulten Fachkräften rund um die Uhr überwacht werden, angeschlossen: die Erfassung von Basisdaten, Überprüfung und Verwaltung, dynamische Überwachung und Frühwarnung, Datenanalyse und -bewertung sowie Arbeitsführung bzw.
operative Kontrolle. Übersetzt werden die »Vitalzeichen« der Stadtmauer in lesbare »Gesundheitsberichte« und dies ermöglicht somit eine präzisere und intelligentere Erhaltung.
Die Ming-Mauer erstreckt sich von den Füßen des Purpurberges und entlang des Qinhuai-Flusses: eine gewundene alte Stadtmauer aus graublauen Steinen, die sich vor der Kulisse moderner Wolkenkratzer ihren
Weg bahnt. Hier kann man umgeben von herbstlichem Wind ein Konzert genießen, an einem Stadtmauerlauf mit mehr als zweitausend Menschen teilnehmen oder einer Massenhochzeit im Stil der Ming-Dynastie beiwohnen. An diesem Ort, an dem historische Ziegel auf Wolkenkratzer trefen, reichen Vergangenheit und Gegenwart einander die Hand.
Die »Ming«-Stadtmauer ist längst still und leise zur »Bürger«-Stadtmauer, also zur »Min«-Mauer geworden. Sie atmet im Gleichklang mit den modernen Wolkenkratzern, ist eng verwoben mit dem alltäglichen Leben der Bewohnerinnen und Bewohner und prägt gemeinsam mit ihnen das kulturelle Erbe der Stadt.
Jiao Yang, DesignAbsolventin aus Shanxi, und Xin Yang aus Zhenjiang, im Niushoushan Cultural Park
骄洋(左),设计专业毕业生,山西人与新洋,镇江人,
牛首山文化旅游区
Ich weiß noch nicht, wo ich später einmal leben möchte, deshalb bin ich heute mit meinem Bekannten nach Nanjing gekommen. Wir erkunden gerade die Stadt – und den Niushoushan Cultural Park mit dem buddhistischen Tempelkomplex wollten wir uns unbedingt mal anschauen. Dieser Tempel wird im Internet total gehypt. Wie viele andere wollen wir die bekannten Fotos von diesem Tempel nachstellen. Ich habe Design studiert, klar interessieren mich Orte wie dieser sehr.
Wo einst Trommeln durch die Straßen hallten, schlägt heute Nanjings urbanes Herz: Gulou. Der alte Ming-Turm gab dem modernen Viertel seinen Namen, das mit Universitäten, alten Villen aus der Republikzeit (1912–1949), grünen Parks und Einkaufszentren zu den spannendsten der Stadt zählt. Doch Gulou hat auch verwunschene Seiten – mit denkmalgeschützten Wohnhäusern aus den 1920er Jahren, Kirchen, Tempeln und Moscheen. Diese Orte zeigte unserem Redaktionsteam der deutsche Manager Udo Looser, der seit 30 Jahren in Nanjing lebt und arbeitet. Der leidenschaftliche Radfahrer erkundet nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land auf zwei Rädern. Unsere Tour gibt es per QR-Code auch zum Nachradeln.
Seit 2002 gibt es das »Jiangsu International Jazz Music Festival« in Nanjing. Ins Leben rief es Dong Jinming, der 1998 bei einem Besuch in Köln zum ersten Mal mit Jazz in Berührung kam. »Als Musiker haben mich die kreativen Freiräume des Jazz total fasziniert, ich wollte mein eigenes Instrument, die Kniegeige (二胡 èrhú ), darin ausprobieren und habe davon geträumt, diese Musikrichtung in China bekannt zu machen.« Beim musikalischen Kulturaustausch im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Nanjing wurde das mit dem Festival möglich. Mindestens eine Band aus Deutschland war stets dabei. 2025 ist es die Leipziger Jazzband »Lyn&TheFingers«. Sie spielt hier nicht auf kleinen Bühnen verrauchter Clubs, sondern in Konzertsälen mit über 500 Besuchern, hell ausgeleuchtet und mit erstaunlich vielen Kindern im Publikum. Diese Konzertatmosphäre – mit Geflüster, Handylicht und Bewegung im Publikum – ist für die Band zunächst ungewohnt. Doch die Musiker spüren schnell, dass es ihnen gelingt, das Publikum zu elektrisieren.
Untersuchungen zufolge betrug die Population des Yangzi-Glattschweinswals im Jahr 2006 noch etwa 1800 Tiere; bis 2012 sank ihre Zahl auf 1045. Im Jahr 2013 stufte die Weltnaturschutzunion (IUCN) den Yangzi-Glattschweinswal offiziell als „vom Aussterben bedroht“ ein. Um diese seltene und wertvolle Tierart zu retten, rief die chinesische Regierung 2015 eine umfassende Strategie zum Schutz des Yangzi ins Leben und verhängte ein zehnjähriges Fischereiverbot, um das fragile Ökosystem des Yangzi zu regenerieren. Eine wissenschaftliche Erhebung des Ministeriums für Landwirtschaft und ländliche Angelegenheiten aus dem Jahr 2022 verzeichnet einen Anstieg der Population auf 1249 Tiere. Erstmals seit 2006 ist der Rückgang damit gestoppt – und die Zahl der Schweinswale wächst wieder. Rund 60 bis 70 dieser Tiere leben sogar dauerhaft im Raum Nanjing. Ihre Anwesenheit verleiht dem Fluss neue Vitalität.
Wahrzeichen Nr. 1 der Stadt der Literatur 文 学 之 都 的 0 0 1 号 地 标
n Nanjing, einer alten Stadt, die von der UNESCO den Titel »Weltstadt der Literatur« verliehen bekommen hat, sind Geschichte und Schrift als leises Flüstern überall präsent. An diesem geschichtsträchtigen Ort gibt es einen Platz, der dieses Flüstern zu einer gewaltigen Symphonie zusammenführt – das ist der Salon der Weltliteratur. Als das erste Wahrzeichen der literarischen Landkarte Nanjings ist er weit mehr als nur ein Gebäude, sondern ein lebendiger kultureller Knotenpunkt, der mit seinen vielfältigen Aktivitäten Literaturliebhaber aus der ganzen Welt anzieht.
LITERARISCHER TREFFPUNKT: KULTURELLER SALON OHNE GRENZEN
Der Salon der Weltliteratur in Nanjing, der am Welttag des Buches 2022 eröf net wurde, hat sich seit seiner Gründung der Aufgabe verschrieben, das literarische Erbe dieser literarisch geprägten Stadt in einen lebendigen Ort des Austauschs zu verwandeln. Der Literatursalon in Nanjing baut auf der reichen Tradition dieser Stadt auf. Er versteht sich als Brücke, die es dem Publikum ermöglicht, Schriftsteller kennenzulernen. An diesem Ort kommen Geschichten zur Sprache, die die Atmosphäre Jiangnans atmen. Man spricht darüber, wie sich städtische Erinnerung und literarisches Schafen verbinden.
Doch die Präsentation von Literatur geht weit über das geschriebene Wort hinaus: Es geht um die umfassende Existenz der Werke als Kunstobjekte. Das ist auch der Grund, warum beispielsweise Zhu Yingchun, ein mehrfach ausgezeichneter Designer – unter anderem mit einem Preis für das »schönste Buch der Welt« –, hier ganz natürlich zum Stammgast geworden ist.
Die Aktivitäten sind nur ein Ausschnitt aus dem Programm. An einem typischen Wochenendnachmittag trefen sich im Salon silberhaarige Senioren und junge Studierende und diskutieren angeregt über Lyrik. In dieser ofenen Atmosphäre kann jeder Besucher geistige Anregung und die Wärme einer gemeinsamen Leidenschaft spüren.
Im Salon der Weltliteratur liegt der Reiz des Dialogs zwischen Literatur und »immateriellem Kulturerbe« nicht nur in Ausstellungen, sondern vielmehr in innovativen Praktiken, die traditioneller Kultur neues Leben einhauchen.
Das Gebäude selbst ist der beste Zeuge dieser Fusion. Im Herbst 2024 startete der Literatursalon gemeinsam mit dem Yunjin-Brokatuseum in Nanjing ein einzigartiges Experiment der »räumlichen Erzählung«. Sobald die Abenddämmerung hereinbricht, verwandeln sich die steinernen Fassadenelemente in eine Leinwand. Darauf werden die kunstvollen Muster des YunjinBrokats projiziert.
Dieses Konzept setzt sich auch in den saisonalen Kulturveranstaltungen fort. In den Frühlingsworkshops zum immateriellen Kulturerbe werden traditionelle Handwerkstechniken wie die Laternenkunst am Qinhuai-Fluss, die Volkskunst der Tonf guren und die traditionelle Kunst des Scherenschnitts in unmittelbar erlebbare kulturelle Praktiken verwandelt. Besucher haben hier nicht nur die Möglichkeit, die Werke zu bewundern, sondern können unter der Anleitung von Meistern, die die traditionellen Techniken beherrschen, selbst Hand anlegen. Durch diese intensive Erfahrung gewinnen sie ein tieferes Verständnis für das kulturelle Wesen der Werke und ihre Herstellung. Dieser interaktive Ansatz des Wissenstransfers ermöglicht es, das
畅所欲言。正是这种包容而浓厚的“文 友”氛围,让每位到访者都能感受到思 想的激荡与心灵的连接。
immaterielle Kulturerbe nicht einfach nur zu präsentieren, sondern dynamisch weiterzugeben.
Die »literarische Lichterausstellung« im Winter zeigt die Vitalität des immateriellen Kulturerbes in der Festkultur. Anlässlich des Frühlingsfests – das selbst zum UNESCO-Kulturerbe zählt – erhielt die QinhuaiLaternenkunst 2025 im Literatursalon eine neue Präsentationsplattform.
VERSCHMELZUNG VON LITERATUR UND MUSIK: WORTE HÖRBAR MACHEN
Im Literatursalon verschmelzen Literatur und Musik zu einem einzigartigen Erlebnis. In Zusammenarbeit mit Ensembles wie dem Volksorchester Nanjing erwachen literarische Werke durch Melodien zu neuem Leben. Das am 12. April 2025 veranstaltete »Balkonkonzert« wurde zu einem lebendigen Sinnbild dieser Fusion. Das vom Literatursalon und dem Volksorchester Nanjing präsentierte Konzert nutzte die Wasser-Vorhang-Fassade des Gebäudes als natürliche Kulisse, sodass die Klänge der Volksmusik den literarisch geprägten Raum durchfluteten. Zudem waren im Rahmen der Auf ührung interaktive Elemente integriert: Das Publikum durfte Instrumente und Musikstücke vorschlagen und die Zuhörer wurden zu aktiven Teilnehmern des Dialogs zwischen Literatur und Musik. Die Musiker schlenderten durch die Wandelgänge oder saßen am Teichufer. Ihre Darbietungen verschmolzen auf kunstvolle Weise mit Tanz und Kunqu-Oper – eine Performance, die sich frei zwischen den Zuschauern entfaltete und so den gesamten Raum durchdrang.
Der Nanjinger Designer Zhu Yingchun gewann für sein außergewöhnliches Kunstbuch
»The Language of Bugs« über die Sprache der Käfer den zweiten Platz beim Wettbewerb um das Schönste Buch der Welt auf der Leipziger Buchmesse 2017.
南京设计师朱赢椿凭借其艺术书《虫子书》(The Language of Bugs)——一部关于甲虫 语言的独特作品,在 2017年莱比锡书展“世界最美的书”评选中获得第二名
Als zentrales Wahrzeichen der »Weltstadt der Literatur« kommt dem Weltliteratur-Salon eine Schlüsselfunktion bei der Förderung des internationalen Austauschs zu. Diese Rolle manifestiert sich zunächst in seiner Anziehungskraft als zentrale Bühne für den Dialog – wie etwa die Entscheidung der 7. Internationalen Konferenz für Sinologie und Literaturübersetzung zeigt, die ihren städtischen Kulturworkshop hier beschlossen. Fast vierzig Sinologen aus 31 Ländern kamen zusammen, um nicht nur zukunftsweisende Themen wie »literarische Vielfalt und nachhaltige Stadtentwicklung« zu vertiefen, sondern auch, um durch die Lesereihe »In Nanjing der Literatur begegnen« die lebendige zeitgenössische Schafenskraft Nanjings unmittelbar zu erleben.
Diese bereichernden persönlichen Begegnungen werden durch die digitalen Errungenschaften der »Literaturstadt« nun in weitere Räume und Zeiten getragen. Im Salon der Weltliteratur verschmelzen Big-Data-Plattformen und Ausstellungstechnologien nahtlos; Besucher können durch digitale Anwendungen wie den »Kulturfaden« ( 文脉 wén mài) oder den »Literaturknoten« ( 文枢 wén shū) interaktiv die tausendjährige literarische Landkarte Nanjings erkunden.
Damit hat der Salon der Weltliteratur in Nanjing den Rahmen traditioneller Kulturräume gesprengt und sich zu einem Fenster zur Welt entwickelt. Wo digitale Plattformen das Denken der Menschen beflügeln, wächst die Zukunft der Literatur.
Es ist reizvoll, anhand von Fotos oder Zeichnungen nachzuvollziehen, wie Orte sich verändern oder eben nicht. Etwa am Beispiel der Nanjinger Porzellanpagode des Bao’en Tempels (报恩寺), erbaut im 15. Jahrhundert. Mit ihrer bunt bemalten, glasierten Porzellanverkleidung und den kleinen Glöckchen war sie eines der architektonischen Wunder ihrer Zeit. Die alte Pagode wurde während der Taiping Rebellion (1850–1864) zerstört und 2010 als eine gelungene Neuinterpretation aus Stahl und Glas am ursprünglichen Platz wiederaufgebaut. Sie ist heute Teil eines Museumskomplexes.
Vielleicht war die alte Pagode sogar Inspiration für die China Beschreibung in Michael Endes Kinderbuchklassiker »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«, in der es über China heißt: »[…] da und dort schlängelten sich Flüsse, über die sich zierliche, schmale Brücken aus Porzellan schwangen. Manche dieser Brücken hatten seltsame Dächer, daran hingen Tausende von kleinen Glocken aus Silber, die im Morgenlicht glitzerten. […] und wenn ein Wind über das Land strich, dann erscholl bald hier, bald dort ein ganz überirdisch feines, vielstimmiges Klingen.« (1975, S. 35.)
Das Shichengmen Tor ( 石城门 ) als Element der Stadtmauer ist nur noch in Fragmenten erhalten, aber dem Mochou See ( 莫愁湖 ) scheint die Zeit nichts anzuhaben. Genauso wie den Steinfiguren, die den Weg hinauf zu den Gräbern des ersten MingKaisers Hongwu und seiner Familie säumen.
ie einstige Hauptstadt Nanjing, berühmt für die Mingzeitliche Stadtmauer und den Qinhuai-Fluss, entfaltet ihre wahre Lebendigkeit oft erst in den verborgenen Gassen. Die Jinyin-Straße (wörtlich: Gold- und Silberstraße) ist ein solcher Schatz. Gerade einmal zweihundert Meter lang und rund vier Meter breit, verläuft sie im Osten von der renommierten Universität Nanjing und mit einer Verbindung im Westen zur stimmungsvollen Shanghai-Straße. Und doch hat diese scheinbar unbedeutende Gasse einen stillen, aber tiefgreifenden Wandel erfahren, der einen hervorragenden Einblick in die Lebendigkeit moderner chinesischer Städte gewährt.
Die Geschichte der Jinyin-Straße reicht bis ins alte China zurück. Laut historischen Aufzeichnungen gab es in dieser Gegend bereits in der Zeit der Südlichen und Nördlichen Dynastien (420–581) kommerzielle Aktivitäten. Als Hauptstadt der Südlichen Dynastien war Nanjing damals wirtschaftlich florierend und dicht bevölkert. Die Jinyin-Straße, in unmittelbarer Nähe des Handelszentrums gelegen, entwickelte sich allmählich zu einem Sammelpunkt für Handwerker und Kaufleute.
Vor dem Hintergrund der Expansion der Städte und der Entwicklung des Handels entfaltete sich die Jinyin-Straße von der Tang- bis zur Song-Zeit (618–1279) dank ihrer günstigen Lage in ein bedeutendes Handelszentrum. Neben dem florierenden Handel mit Alltagswaren entstanden auch spezialisierte Werkstätten und Geschäfte für die Verarbeitung und den Handel mit Gold- und Silberschmuck – der Ursprung des Straßennamens.
Die Jinyin-Straße gehörte einst zu den ersten Wohngebieten für Ausländer in Nanjing und zeichnete sich von jeher durch eine Aura der Weltof enheit aus. Im Laufe der Zeit verlor diese geschichtsträchtige Straße jedoch allmählich an Glanz und geriet in der Welle der Urbanisierung in Vergessenheit. Vor ihrer Sanierung war die Straße mit Schlaglöchern übersät und von dicht aneinander geparkten Fahrzeugen gesäumt.
Ein aktuelles Paradigma der Stadterneuerung
Die Wende begann im Jahr 2022: Die Bezirksregierung von Gulou verzichtete auf den üblichen Ansatz einer groß angelegten Abriss- und Neubaumaßnahme und entschied sich stattdessen für eine fein abgestimmte, »minimalinvasive« Maßnahme.
Das Projektteam entfernte die Parkplätze am Straßenrand, schuf zusätzliche Ausstellungsflächen sowie künstlerische Installationen und erneuerte die Fassaden der alten Gebäude auf beiden Straßenseiten. So entstand ein ansprechender Ort der Erholung und Freizeitgestaltung. Zudem wurden mobile Container als Ladengeschäfte installiert und flexible Verkaufsstände für Straßenverkäufer eingerichtet, wodurch die kommerzielle Vielfalt und das Erlebnisangebot der Straße erweitert wurden. Renovierungsprojekte dieser Art verbessern nicht nur die Lebensbedingungen der Anwohner, sondern etablieren zugleich ein Fenster für den internationalen Austausch in Nanjing.
Im März 2023 öf nete das internationale Jugendkunstviertel offiziell seine Tore. Von hochwertigen Snacks über Craft-Bier-Bars und kulinarische Restaurants bis hin zu sozialen Tref punkten und Buchhandlungen für Literaturliebhaber – hat diese »zu neuem Leben erweckte« Straße Nanjing mit jugendlicher Vitalität erfüllt.
Heute präsentiert sich die Jinyin-Straße sauber und gepflegt. Sie lädt nicht nur zu einem entspannten Stadtbummel ein, sondern beherbergt auch zahlreiche Cafés und Restaurants, die sich ideal für Trefen mit Freunden eignen. In unmittelbarer Nähe der Universität Nanjing gelegen, begegnet man hier allerorts internationalen Besuchern, was der Straße ein ausgeprägtes internationales Flair verleiht. So trafen wir Jelena, eine Austauschstudentin aus Serbien an der Universität Nanjing, die uns erzählte: »In dieser Straße gibt es viele besondere Läden und zahlreiche internationale Studierende und Lehrkräfte gehen hier regelmäßig spazieren und trinken Kafee. Mein Lieblingsitaliener bef ndet sich ebenfalls hier und ich gehe oft mit Freunden dorthin.« Jelena hat sogar eigens ein zweisprachiges Video über die Jinyin-Straße aufgenommen und in den sozialen Medien geteilt, um über OnlineKanäle mehr Aufmerksamkeit auf diese kleine Straße zu lenken.
Ein Strom von Gold und Silber, der sich über hundert Schritte von Ost nach West erstreckt: Die Erneuerung der Jinyin-Straße hat Anwohner, die Universität und internationale Studierende eng miteinander verbunden und eine lebendige Gemeinschaft hervorgebracht. Die Geschichte der Straße erzählt vom Zusammenspiel von Tradition und Moderne, von Lokalem und Internationalem, von Bewahrung und Innovation.
国际化的社区生态
现在的金银街干净整洁,不仅是 city walk 的好去处,还 有不少适合于朋友相聚的咖啡店和餐厅等。这里紧邻南京大 学,街上随处可见外国朋友,洋溢着浓厚的国际化气息。
Text / 文 : Xu Han 许晗 Aus dem Chinesischen / 德文翻译 : Thomas Zimmer 司马涛 Fotos / 图 : Thomas Rötting 岳拓
m Ufer des Qinhuai-Flusses verbirgt sich im geschäftigen Alltagsleben im Konfuziustempel von Nanjing ein Ort mit jahrtausendealter kultureller Tradition – die Jiangnan-Prüfungsanstalt. Als das größte und einflussreichste Gelände für die Abnahme des kaiserlichen Examens in China während der Ming- und Qing-Dynastien (1368–1911) war sie für unzählige Gelehrte der Ausgangspunkt ihres Traums, mittels Bildung in den Staatsdienst einzutreten. Zugleich handelt es sich hier um den frühesten Gebäudekomplex der Welt, der die Funktion eines »nationalen Prüfungszentrums« erfüllte.
In seiner Blütezeit erstreckte sich das Areal über eine Fläche von mehr als 300 000 Quadratmetern, auf denen über 20 000 Prüfungszellen entlang der zentralen Achse wie auf einem Schachbrett angeordnet waren. Der zentral gelegene Mingyuan-Turm mit seinen geschwungenen Dachecken diente sowohl als Aussichtspunkt für die Aufsichtsbeamten als auch als geistiges Wahrzeichen des Prüfungsgeländes. Die Anlage begleitete den Wandel des kaiserlichen Prüfungswesens über die Zeitläufe hinweg und schrieb sich so in die Annalen der Geschichte ein.1
Die kaiserlichen Beamtenprüfungen: Möglichkeit für Talente, die soziale
Herkunft zu überwinden
Die Blüte der Jiangnan-Prüfungsanstalt ist eng mit der Entwicklung des kaiserlichen Systems der Beamtenprüfungen verbunden, das im ersten Jahr der Daye-Periode der Sui-Dynastie (605) of ziell eingeführt wurde. Es er-
In den traditionellen Gewändern der Prüflinge wird für den Besuch des Museum der Kaiserlichen Prüfungsanstalt auf dem Gelände des Konfuziustempels geworben.
以身着传统考生服饰的人物形象,为位于夫子庙区域的江南贡院(中国科举 博物馆)参观活动作宣传
setzte das bisherige Prüfungssystem, welches auf Empfehlungen basierte und stark von der sozialen Herkunft abhing. Stattdessen wurde nun wert gelegt auf die Prinzipien »freie Anmeldung, öffentliche Prüfungen und Auswahl nach Leistung«. Selbst Söhnen aus einfachen Verhältnissen ermöglichte das erfolgreiche Bestehen der Beamtenprüfungen den sozialen Aufstieg, vorausgesetzt, sie beherrschten die klassischen Werke und historischen Schriften. Das System wurde in den Tang- und
1 Von seiner Errichtung in der Yongle-Ära der Ming-Dynastie (1402–1424) bis zur Abschaffung des Kaiserlichen Prüfungssystems in der späten Qing-Dynastie brachten die hier abgehaltenen Prüfungen über 800 状元 zhuàngyuán (allerbeste Kandidaten bei Palastexamen, 殿试 diànshì), mehr als 100 000 进士 jìnshì (Absolventen des Palastexamens) und über eine Million 举人 jǔrén (Absolventen der Provinzprüfung) hervor.
Song-Dynastien vervollkommnet und erreichte seinen Höhepunkt in den Ming- und Qing-Dynastien. Es wurde zum wichtigsten Auswahlmechanismus für Talente im alten China, der 1300 Jahre lang bestand. Herausragender Prüfungsort während der Ming- und QingDynastien war die besagte Jiangnan-Prüfungs anstalt.
Selbstverständlich hatte das Kaiserliche Prüfungssystem auch seine Schwächen. So war es Frauen beispielsweise nicht gestattet, an den Prüfungen teilzunehmen, wodurch viele talentierte Frauen niemals in die Dienste des Reiches treten konnten.
Die Härte der Prüfungen:
Drei Tage und zwei Nächte an den Grenzen der Belastbarkeit
Der gesamte Zulassungsprozess glich einer gnadenlosen Zerreißprobe, die den Kandidaten an Wissen, körperlicher und mentaler Stärke alles abverlangte; jeder Schritt war von unnachgiebiger Strenge.
Schon die Anmeldung erforderte den Nachweis einer makellosen Biografe: Nachkommen von Prostituierten, Schauspielern, Gerichtsdienern oder Straftätern waren nicht zugelassen. Beim Betreten des Prüfungsorts wurden die Kandidaten zudem durchsucht. Kleidung, Schreibutensilien und Verpflegung wurden auf verbotene Gegenstände kontrolliert.
Die Provinzexamen bestanden aus drei Teilen, die ganze Prozedur nahm drei Tage und zwei Nächte in Anspruch. Am Nachmittag vor dem Beginn des ersten Teils betraten die Kandida -
ten ihre Prüfungszellen, die sie erst am Morgen nach Abschluss der Prüfung wieder verlassen durften. Diese Zellen waren äußerst beengt und boten gerade genug Platz für eine Person, um notdürftig zu sitzen oder zu liegen. In jeder Zelle befand sich eine bewegliche Holzplatte, die tagsüber als Tisch und nachts als Bett diente. Es gab keine Toiletten; die Notdurft musste in einem Nachttopf verrichtet werden, wobei peinlich darauf zu achten war, die Prüfungsunterlagen nicht zu beschmutzen. Die Bedingungen waren also äußerst beschwerlich. Gleichermaßen anspruchsvoll waren die Prüfungsinhalte. Nehmen wir die Provinzexamen der Ming- und Qing--Dynastien als Beispiel: Im ersten Prüfungsteil wurde die Abfassung eines in acht Teilen zu gliedernden Aufsatzes ( 八股文 bāguˇwén) verlangt, in dem die Kandidaten ihr solides klassisches Wissen unter Beweis stellen mussten. Doch nicht nur das, die Aufsätze waren darüber hinaus in einem literarisch eleganten Stil zu verfassen und mussten zeigen, dass der Verfasser logisch argumentierte. Der zweite Teil bestand aus »Strategischen Abhandlungen«, deren Themen häuf g zeitpolitische Bezüge hatten – hier sollten die Prüflinge historische und aktuelle Gegebenheiten verbinden, um Lösungsansätze für Regierungsprobleme zu entwickeln und so ihre staatspolitische Weitsicht unter Beweis zu stellen. Im dritten Abschnitt, »Dichtung und Reimprosa«, mussten die Kandidaten nach vorgegebenen Themen Regelgedichte oder Parallelprosa verfassen, um ihr literarisches Talent unmittelbar zu überprüfen.
Die drei Prüfungsteile hatten unterschiedliche Schwerpunkte und ließen sich keinesfalls durch bloßes Auswendiglernen bewältigen. Hinzu kam die extrem niedrige Erfolgsrate: Von hundert Kandidaten bestanden höchstens drei. Viele Prüflinge begannen in ihrer Jugend und setzten die Versuche bis ins hohe Alter fort –manche verbrachten ihr gesamtes Leben lang viel Zeit
Im Museum ausgestellte Spickzettel von Prüflingen. 博物馆中展出的考生作弊小抄
in den engen Prüfungszellen der Examenshallen, ohne jemals den ersehnten Erfolg zu erlangen. Dieser erbitterte Wettbewerb, vergleichbar mit einer Armee von Tausenden, die über einen schmalen Steg drängt, machte die kaiserliche Staatsprüfung im alten China zur wahrhaft »schwierigsten Prüfung aller Zeiten«.
Allerdings neigten die Prüfungsinhalte während der Ming- und Qing-Dynastien in ihrer Spätphase zunehmend zur Erstarrung. Sie entwickelten sich nicht mit der Zeit weiter, was negative Auswirkungen auf die Auswahl von Staatstalenten in den späteren Phasen beider Dynastien hatte.
Epilog: Ein Vermächtnis, das Jahrtausende überdauert
hat
Heutzutage pilgern vor den zentralen Abschlussprüfungen und der nationalen Hochschulaufnahmeprüfung in China unzählige Eltern mit ihren Kindern unter den Mingyuan-Turm der Kaiserlichen Prüfungsanstalt in Nanjing, um für akademischen Erfolg zu beten. Sie führen ihren Nachwuchs durch die rekonstruierten Prüfungszellen, berühren Steintafeln mit den Inschriften 状元 zhuàngyuán (Bester der Palastprüfung) und 解元 jièyuán (Bester der Provinzprüfung) und nehmen an einem Ritual teil, bei dem 魁星 Kuíxīng , der chinesische Gott der Literatur und Prüfungen, angerufen wird – in der Hoffnung, dass der Bildungsweg der Kinder reibungslos verläuft.
Vom 科举 kējuˇ , dem historischen Prüfungssystem, bis zum heutigen 高考 gāokaˇo, den Hochschulaufnahmeprüfungen, gilt: Chinas Glaube an »Bildung als Schlüssel zum Erfolg« und die Auswahl nach Leistung sind ungebrochen. Beide Systeme ermöglichten und ermöglichen Kindern aus einfachen Verhältnissen, durch Bildung ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Dong Meilan, 82 Jahre, beide aus Nanjing, beim PukouBahnhof
Hu Liangui, 88 Jahre, und seine Frau
Alle paar Wochen nehmen wir die Personenfähre über den Yangzi, um den alten PukouBahnhof zu besuchen. Dann spaziere ich mit meiner Frau über das Gelände und wir schwelgen in Erinnerungen. Als junger Mann habe ich in Xi’an als Wissenschaftler gearbeitet und bin mit der Bahn nach Nanjing gependelt. Das hat damals fast dreißig Stunden gedauert. Der Betrieb dieses Bahnhofs wurde mit Fertigstellung der Yangzi Brücke 1968 eingestellt. Ich freue mich, dass er noch da ist und vor allem wegen seiner spannenden Architektur zu einem beliebten Ausflugsziel wurde.
Das chinesische Schriftzeichen 京 jīng ist bereits in der Orakelschrift belegt und wurde als Piktogramm in der Form geschrieben. Seine Gestalt ähnelt einem hohen Podest. Aufgrund der sehr begrenzten Produktionsverhältnisse in der alten Zeit waren große Gebäude äußerst selten – und diese wenigen waren meist königliche Paläste, Getreidespeicher, Regierungshallen oder wichtige zeremonielle Bauten in der Hauptstadt. Daraus leitet sich die heute gängige Bedeutung des Zeichens als »Hauptstadt eines Staates« ab. Im modernen Chinesisch bezeichnet das Zeichen 京 speziell die Stadt Peking. Beispielsweise steht 京沪高铁 Jīnghù gāotiě für die Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Peking und Shanghai, und 京味文化 Jīngwèi wénhuà beschreibt die Pekinger Kultur.
Text / 文: Panda Read 熊猫嘟嘟 Aus dem Chinesischen / 德文翻译 : Meng Dong 孟冬
CHINESISCH EINFACH ERKLÄRT
京 京
EIN BILD — VIELE WÖRTER
南京
Nánjīng
京城
jīngchéng
Hauptstadt eines Landes.
指一个国家的首都,国都
例句
Beispiel
Als Hauptstadt der Ming- und der QingDynastien war Peking das politische und kulturelle Zentrum Chinas.
明清两代,北京作为京城,是中国的政治 和文化中心。
Die Stadt Nanjing wurde in verschiedenen Epochen der chinesischen Geschichte, zum Beispiel während der Ming-Dynastie und der Republikzeit, aufgrund ihrer geografischen Lage im Süden des Landes als »Südliche Hauptstadt« bezeichnet.
在中国历史上,多个时期(如明代、民国时期) 将位于国家南方的都城命名为“南京”,即现在 的南京市
例句
Beispiel
京腔
jīngqiāng
Nanjing ist eine historische und zugleich dynamische moderne Stadt. 南京是一座兼具历史厚重感与现代活 力的城市。
Typische Sprechweise im Pekinger Dialekt, allgemein auch als Gesangsstil der Pekingoper bezeichnet.
指北京方言的腔调,也可泛指京剧的唱腔
例句
Beispiel
Er spricht wie ein echter Pekinger und macht einen äußerst sympathischen Eindruck.
他说话带着一口地道的京腔,听着 十分亲切。
京沪
Jīnghù
Peking und Shanghai betreffend, eine Sammelbezeichnung für diese beiden Städte. “京”(北京)与“沪”(上海)的合称,特指与两地相 关的事物
例句
Beispiel
京剧
jīngjù
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Peking und Shanghai, die 京沪高铁 Jīnghù gāotiě, ist äußerst praktisch: Die Fahrt dauert nur etwas mehr als vier Stunden.
从北京到上海乘坐京沪高铁只需要四个多小 时,方便极了。
Eine im Raum Pekings entwickelte chinesische Art der Theaterkunst seit der Qing-Dynastie, die als eine der kulturellen Essenzen Chinas betrachtet wird.
中国国粹之一,起源于清代,以北京为中心形成 的戏曲剧种
Beispiel 例句
Schon als Kind lernte er Pekingoper. Er zeigt auch großes Interesse an den Kostümen und Masken dieser Kunstform.
他从小学习京剧,对京剧的服饰和脸谱也 有着浓厚兴趣。
复 合
例句
Beispiele
(空间义)
KLASSENZIMMER
KOMPLEXE RICHTUNGSANGABEN
(RÄUMLICHE BEDEUTUNG)
Die komplexen Richtungsangaben in der chinesischen Grammatik setzen sich aus einfachen Richtungsverben wie 上 shàng (dt. nach oben), 下 xià (nach unten), 进 jìn (nach innen), 出 chū (nach außen), 回 huí (zurückkehren), 过 guò (passieren) oder 起 qıˇ (aufsteigen) plus 来 lái (kommen) oder 去 qù (gehen) zusammen. Als Ergänzung beschreiben sie die Richtung der Handlung, beispielsweise in Richtung zur sprechenden Person hin (in Kombination mit dem Verb 来 lái) oder in Richtung von der sprechenden Person weg (in Kombination mit dem Verb 去 qù). Die komplexe Richtungsangabe steht häuf g hinter dem Verb und hat die Struktur »Verb + komplexe Richtungsangabe«.
上来 shànglái = herauf Der 80jährige Großvater stieg tatsächlich den Berg herauf. (Die Beobachtung erfolgt von oben auf dem Berg.)
八十岁的爷爷居然从 山下爬上来了。(说话 人在山上)
上去 shàngqù = hinauf Der 80jährige Großvater stieg tatsächlich den Berg hinauf. (Die Beobachtung erfolgt vom Fuße des Berges aus.)
八十岁的爷爷居然从 山下爬上去了。(说话 人在山下)
下来 xiàlái = herunter
Ein Stein ist vom Berg heruntergerollt.
(Die Beobachtung erfolgt vom Fuße des Berges aus.)
石头从山上滚下来了。
(说话人在山下)
下去 xiàqù = hinunter Ein Stein ist vom Berg hinuntergerollt.
(Die Beobachtung erfolgt von oben auf dem Berg.)
石头从山上滚下去了。
(说话人在山上)
进来 jìnlái = herein
Die Gäste kamen redend und lachend ins Zimmer herein.
(Die Beobachtung erfolgt aus dem Zimmer heraus.)
客人们有说有笑地走 进来了。
(说话人在房间里)
进去 jìnqù = hinein
Die Gäste gingen redend und lachend ins Zimmer hinein. (Die Beobachtung erfolgt von außerhalb des Zimmers.)
客人们有说有笑地走 进去了。
(说话人在房间外)
出来 chūlái = heraus Kaum hatte er das Fenster geöffnet, da flog ein Vogel heraus.
(Die Beobachtung erfolgte von außerhalb des Zimmers.)
他刚打开窗户,小鸟就 飞出来了。(说话人在 房间外)
出去 chūqù = hinaus Kaum hatte er das Fenster geöffnet, da flog ein Vogel hinaus. (Die Beobachtung erfolgt aus dem Zimmer heraus.)
他刚打开窗户,小鸟就 飞出去了。(说话人在 房间里)
zhòngcǎo
种 草
Zum Netzjargon gehören Wörter und Formulierungen, die im Internet entstanden sind, aber nicht nur im virtuellen Raum benutzt werden. Sie spiegeln häufig die soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes oder einer bestimmten Region wider und sind unter jungen Menschen, also den Digital Natives, besonders beliebt.
Hier geht es um ein Wortpaar, das in seiner Semantik eine gegensätzliche Bedeutung hat. Mit 种草 zhòngcaˇo (wörtlich: Gras pflanzen) meinen Digital Natives, dass man durch überzeugendes Reden bei der angesprochenen Person Verlangen nach bestimmten Produkten, Ortschaften oder Sachen weckt und sie letztendlich zum Kauf, Besuch oder zum persönlichen Erlebnis treibt. Bildlich gesprochen pflanzt man ein Gräschen ins Herz eines anderen ein. Der antonymische Ausdruck 拔草 báocaˇo (wörtlich: Gras herausziehen) besagt, dass der Wunsch nach Kauf oder Besuch entweder erfüllt oder aus Unzufriedenheit aufgegeben wurde. Somit wird das Gräschen aus dem Herzen entfernt.
Seitdem ich mir das Kurzvideo von deiner Reise angesehen habe, bin ich von dieser kleinen Insel total fasziniert. Ich muss unbedingt dorthin, das habe ich für meine diesjährige Urlaubsreise fest vorgenommen.
我种草这款包很久了,今天发工资终于拔草了! Ich habe schon seit langem vor, diese Handtasche zu kaufen. Als ich heute mein Gehalt erhielt, habe ich sie endlich erworben!
我们上次去了那家餐厅,发现味道很一般,算是拔草,以后不会再去了。 Wir waren das letzte Mal in diesem Restaurant und fanden das Essen dort eher durchschnittlich. Wir haben es probiert und werden künftig nicht mehr hingehen.
bácǎo
20 Prozent Rabatt oder
80 Prozent
des Originalpreises?
Ein interkultureller Blick auf mathematisches Denken
一场跨文化的 数学思维对话
是“ 20 % Off ”还是 “打八折”?
Text / 文 : Huang Xiaojing 黄晓静 Aus dem Chinesischen / 德文翻译 : Andrea Schwedler 安雅莉
Im Unterricht für Chinesisch als Fremdsprache stoße ich oft auf faszinierende Missverständnisse. Meist sind es solche, die zeigen, wie eng Sprache und Kultur miteinander verwoben sind. Ein besonders interessantes Beispiel ergab sich, als ich englischsprachige Anfänger:innen unterrichtete: Das scheinbar einfache Wort » 打折« (daˇzhé, Rabatt oder Abschlag gewähren) entwickelte sich zu einer echten Herausforderung.
Ich erinnere mich noch genau daran: Ich erklärte, dass » 打八折« bedeutet, dass man 80 Prozent des Originalpreises zahlt. Sofort regte sich Verwirrung. Einige riefen: »Warum 80 Prozent? Das ist doch ein Discount von 20 Prozent!« Andere bestanden sogar darauf, dass man bei » 打八折« nur 20 Prozent des Preises zahle.
Zunächst versuchte ich es klassisch mit Wiederholungen und Drillübungen. »Merkt euch: In China zahlt man bei › 打八折‹ 80 Prozent!«, wiederholte ich geduldig. Doch es half nichts. Immer wieder tauchte derselbe Fehler auf. Ich erkannte, dass es hier nicht um Gedächtnisprobleme ging, sondern um tief verwurzelte Denkmuster der Muttersprache. Einfach auf die Regel hinzuweisen, reichte nicht aus.
Also änderte ich die Strategie. Anstatt an der Oberfläche zu bleiben, wollte ich gemeinsam mit den Lernenden den kulturellen Hintergrund beider Begrife systematisch beleuchten.
我首先请欧美学生解释英文“ discount ”的含义。他 们毫不费力地回答:“It means you pay less.”(意思是你 付得更少)“那么,‘20% of’呢?”我追问。“It means you take 20% away from the original price.”(意思是你从原 价中拿掉了20%),回答精准无比。这正是问题的根源。
Als Erstes fragte ich: »Was bedeutet ›Discount‹, also: Rabatt?« Die Antwort kam prompt: »Man zahlt weniger.« Ich hakte nach: »Und was heißt 20 Prozent Rabatt?« – »Man zieht 20 Prozent vom Originalpreis ab.« Genau hier liegt der Haken.
Ich schrieb das Wort dis-count an die Tafel. »Disist ein Präf x«, erklärte ich, »es bedeutet ›weg, auseinander‹. ›Count‹ heißt ›zählen‹. Wörtlich bedeutet ›discount‹ also: einen Teil vom Betrag wegnehmen –eine Subtraktion.«
Beim Discount liegt der Fokus auf dem Teil, der abgezogen wird, also auf dem, was man spart. Der Rechenweg lautet: Originalpreis – Ersparnis = Endpreis. Nehmen wir ein Beispiel: Bei einem Originalpreis von 100 Euro und 20 Prozent Rabatt sind das 20 Euro Ersparnis. Man zahlt also: 100 € – 20 € = 80 €. Viele nickten nachdenklich. Sie hatten sich wohl noch nie so bewusst mit der Struktur ihrer Muttersprache auseinandergesetzt.
»打折« – ein proportionales Konzept
Dann wandten wir uns dem Chinesischen zu. Ich schrieb die beiden Schriftzeichen » 打« (daˇ ) und » 折« (zhé ) an die Tafel.
»打 daˇ« , erklärte ich, »ist ein vielseitiges Verb. Ursprüng lich bedeutete es ›schlagen‹, heute wird es in vielen Verbindungen genutzt: 打车 (daˇchē , ein Taxi rufen), 打电话 (daˇ diànhuà , telefonieren). Hier heißt es schlicht: eine Handlung durchführen.«
» 折 zhé « hingegen war der Knackpunkt. Ich malte seine ursprüngliche Form » «, wie sie auf Orakelknochen gefunden wurde. Das Schriftbild bedeutete, etwas wie einen Zweig zu brechen. Daraus folgte: »Wenn etwas Ganzes zerbricht, kann man seine Teile neu berechnen. Die Bedeutung von › 折‹ erweiterte sich somit auf das Um- oder Neuberechnen von Werten.«
» 打折 daˇzhé « bedeutet also nicht einfach »abziehen«. Es beschreibt einen proportionalen Berechnungsvorgang: Man nimmt den Originalpreis und bestimmt mithilfe von » 折«, welchen Anteil man tatsächlich bezahlt. Der Rechenweg lautet: Originalpreis × zu zahlender Anteil = Endpreis (100 Euro × 80 Prozent = 80 Euro, es muss ein Betrag von 80 Euro gezahlt werden). Mit anderen Worten: Im chinesischen Denken zählt, was man bezahlt – nicht, was man spart.
Als ich die verständnisvollen Blicke sah, wusste ich: Der Knoten war geplatzt. Seitdem passieren kaum noch Fehler. Und wenn doch, genügt der kurze Hinweis: »Denkt daran, im Chinesischen zählt das, was wir zahlen, nicht das, was wir sparen.«
看到学生们豁然开朗的表情,我知道我成功了。自此 以后,关于“打折”的误解在我的课堂上几乎绝迹。即使 偶尔有学生忘记,我只需轻轻提醒一句:“Remember, we are doing ‘proportion calculation’, not ‘subtraction’.” (记住,我们是在做“比例计算”,不是“减法”)他们便能立 刻心领神会。
Kulinarik in Nanjing: Entengerichte
Foto: Thomas Rötting
Wenn man jemanden fragt, was typisch für die Küche von Nanjing ist, lautet die Antwort meist: Ente. Manche nennen Nanjing sogar die »Hauptstadt der Enten«. Der Volksmund sagt: »Keine Ente verlässt Nanjing lebend!« Schätzungen zufolge werden in der Stadt jährlich 120 Millionen Enten geschlachtet. In jeder Straße und Gasse gibt es Geschäfte, die marinierte Enten verkaufen – und davor bilden sich garantiert Schlangen von Menschen, die »eine Ente zerhacken« lassen. Nanjing, die »alte Hauptstadt der Sechs Dynastien«, besitzt ein reiches kulturelles und historisches Erbe. Warum scheinen die Bewohner also einen derartigen »Hass« auf Enten zu haben, dass sie sie »bis zur letzten vernichten« wollen?
Lassen Sie uns mit einer alten Legende anfangen: Am Ende der Yuan-Dynastie plante Zhu Yuanzhang (1328–1398) in der Region der heutigen Provinzen Jiangsu und Anhui einen Aufstand gegen die Herrschaft der Yuan. Der Aufstand sollte in der Nacht des Vollmonds am 15. Tag des achten Mondmonats erfolgen. Der Schlachtruf der Rebellen lautete: »Vertreibt die Yuan-Truppen, tötet die Tataren!« (Als »Tataren« wurden damals die Soldaten der Yuan-Dynastie bezeichnet.) Doch der Aufstandsplan wurde verraten, und die Yuan-Regierung entsandte Soldaten, um die Rebellen ausfindig zu machen. Zum Schutz der Aufständischen änderten die Einwohner Nanjings den Schlachtspruch heimlich zu einem phonetisch ähnlichen Spruch »Esst Mondkuchen, schlachtet Enten«. Seitdem wird zum Mittherbstfest neben Mondkuchen auch Ente gegessen. Dieser Brauch wird bis heute weitergepflegt. Nach dem Tod von Zhu Yuanzhang bestieg Kaiser Yongle (Zhu Di, 1360–1424) den Thron. Er verlegte die Hauptstadt von Nanjing nach Peking. Mit ihm zogen auch Köche um, die Meister in der Zubereitung von Entengerichten waren. So verbreitete sich die Vorliebe für Entengerichte auch in Peking, wo sich ihre Zubereitung immer weiter verfeinerte. Während der Jiajing-Ära (1521–1567) der
Ming-Dynastie öf nete in Peking das Restaurant »Bianyifang 便宜坊«, das sich auf im Ofen gebratene Enten spezialisierte. Es war das erste Entenrestaurant in Peking. Auf seinem Aushängeschild warb es allerdings nicht mit »Pekingente«, sondern mit »Jinling-Ente« ( 金陵 Jīnlíng , ein alter Name für Nanjing), was darauf hindeutet, dass die Pekingente ursprünglich aus Nanjing stammt.
Die berühmteste Spezialität Nanjings ist die in Salzlake eingelegte Ente ( 盐水鸭 yánshuıˇyā). Sie schmeckt mild und leicht salzig, ist herzhaft, aber nicht fettig, und das Fleisch ist zart und aromatisch. Sie kann das ganze Jahr über zubereitet werden, doch die im achten Mondmonat zubereiteten Enten gelten als die schmackhaftesten. Der Legende nach duftet das Entenfleisch in dieser Jahreszeit nach Osmanthusblüten, da die Enten in dieser Zeit die ins Wasser gefallenen Blüten fressen. Deshalb wird die gesalzene Ente auch »OsmanthusEnte« (桂花鸭 guìhuā yā) genannt.
Für die Nanjinger ist nichts von der Ente ungenießbar. Alles lässt sich in Köstlichkeiten verwandeln. Es gibt nicht nur die in Salzlake eingelegte Ente, sondern auch die marinierte Ente, die Glasnudelsuppe mit Entenblut und das in Entenfett frittierte Gebäck. Die Innereien Magen, Niere, Leber und Herz werden von den Einwohnern Nanjings liebevoll als die vier Leckerbissen bezeichnet. Sie stellen sprichwörtlich die Herzstücke ihrer Mahlzeiten dar. Für viele von ihnen kommt kein Gericht ohne Ente zustande. Zum Frühstück gibt es Entenspeckgebäck, zum Mittagessen Entensuppe, zum Abendessen gebratene Ente und als spätabendlichen Snack Glasnudelsuppe mit Entenblut.
Nanjing ist jedoch nicht nur für seine vielfältigen Entengerichte bekannt, sondern bietet auch eine große Auswahl an Snacks, die als »Jinling-Snacks« bezeichnet
Fotos:
Thomas Rötting
werden. Die typischsten davon werden am QinhuaiFluss rund um den Konfuziustempel verkauft. Dort reihen sich Teehäuser, Restaurants und Straßenstände mit einer schier unüberschaubaren Auswahl an Köstlichkeiten aneinander. Die Snacks werden aus ausgewählten Zutaten hergestellt und mit viel Liebe zum Detail
Für ihre Jinling-Snacks berühmt sind in der Gegend des Konfuziustempels die Restaurants »Qinhuai renjia«, »Yongheyuan«, »Wanqinglou« und »Qifangge«. Sie sind im traditionellen Stil elegant eingerichtet und erinnern die Besucher an Teehäuser aus den Ming- und QingDynastien. Dort zu essen ist ein kleines Ritual: Die Gäste beginnen mit einer Tasse Tee, zu der nach und nach verschiedene kleine Vorspeisen serviert werden – begleitet von kurzen Geschichten, die die Bedienung zu jedem Gericht erzählt.
Wer es eilig hat, kann sich an einem Stra ßenstand ein paar Snacks kaufen und sie im Gehen genießen. Wer mehr Zeit hat, sollte die Straßen rund um den Konfuziustempel und die alte Kaiserliche Prüfungsanstalt erkunden und sich vom riesigen Angebot an köstlichen Jinling- Snacks überwältigen lassen. Hat man in Nanjing Entengerichte gegessen und die typischen Snacks probiert, fühlt man sich fast schon wie ein echter Nanjinger!
你一定不要错过啊!等吃了鸭肉,吃了金陵小吃,你就算是半 个南京人了! ansprechend präsentiert. Es gibt abwechslungsreiche Zubereitungen: Fleisch- und Gemüseoptionen, süße oder salzige Angebote, wobei jede Variante ihren ganz einzigartigen Geschmack hat.
EMPFEHLUNG
bis 12.7.2026
Theodor Wilhelm Danzel (Mitte) mit Forschern der Ethnologie-Gruppe der Academia Sinica. Von links nach rechts: Unbekannte Person, Xu Yitang, Ling Chunsheng, Theodor Danzel, Hu Jichang, Rui Yifu und Wei Huilin.
Als Cai Yuanpei 1928 in Nanjing die Academia Sinica gründete, verknüpfte er eine wissenschaftliche Vision mit einem politischen Ziel. Die Ethnologie-Gruppe der Akademie sollte nicht nur Chinas kulturelle Vielfalt erforschen, sondern auch helfen, seine Grenzen zu definieren, die unter dem Druck imperialistischer Mächte infrage standen. Für dieses Vorhaben suchte Cai gezielt internationale Partner.
Eine ungewöhnlich enge Zusammenarbeit entwickelte sich mit dem damaligen Museum für Völkerkunde in Hamburg, wo Cais ehemaliger Kommilitone Theodor Wilhelm Danzel die Afrika-Abteilung leitete. Auf Einladung Cais reiste Danzel nach China und arbeitete dort mit Kolleg:innen zusammen, um Objekte zu sammeln, die den gesellschaftlichen Wandel des frühen 20. Jahrhunderts spiegelten. Besonders im Fokus standen Neujahrsbilder, die Tradition, Massenmedien und moderne Bildsprache verbinden. Bemerkenswert an der Hamburger Sammlung ist, dass sie dabei auch industriell hergestellte Drucke umfasst, die ethnologische Museen sonst nicht berücksichtigten.
Die so entstandenen Bestände gelangten als Forschungsergebnisse und Schenkungen Cais und der Academia Sinica nach Hamburg. Sie bilden dort eine der wenigen ethnografischen Sammlungen weltweit, die in echter Kooperation mit chinesischen Wissenschaftlern entstand. Die Ausstellung »Druckfrisch aus den Zwanzigern: Einblicke in Chinas Moderne« macht diese gemeinsame Geschichte nun wieder sichtbar.
1928 年,蔡元培在南京创立中央研究院( Academia Sinica),他将科学研究的远 见与政治建设的目标紧密结合在一起。当时的人类学研究组,不仅旨在探索中国 丰富多样的文化面貌,也希望通过学术研究来界定国家的疆域——这些疆界在帝 国主义列强的威胁下岌岌可危。为了推进这一宏大的计划,蔡元培积极寻求国际 合作伙伴。
其中,南京与当时的汉堡民族学博物馆之间展开了一段极为特殊而密切的合作。
蔡元培的老同学西奥多•威廉•丹策尔(Theodor Wilhelm Danzel)任职于博物馆, 主管非洲部。应蔡元培的邀请,丹策尔远赴中国,与当地的学者共同开展工作,搜 集能反映 20世纪初社会变迁的物品。其中,年画受到了特别关注——一种将传统、 大众传播与现代图像语言融为一体的艺术形式。值得一提的是,在汉堡收藏品中 还有一些工业化印制的年画作品,而这类作品在当时的民族学博物馆中往往被 忽视。
这些收藏最终以研究成果和蔡元培中央研究院的赠礼形式被送往汉堡。它们 构成了当今世界上少数由中方学者参与合作而成的人类学收藏之一。如今,展 览《 20 年代的新印象——窥见中国的现代性》(Druckfrisch aus den Zwanzigern: Einblicke in Chinas Moderne)再次让这段共同的历史重现于世。
Ausstellung »Druckfrisch aus den Zwanzigern: Einblicke in Chinas Moderne« im MARKK, Hamburg 19. September 2025 – 12. Juli 2026
Kuration: Ricarda Brosch und Dr. Bernd Spyra Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen
»Fünf Söhne erringen den Sieg«, Schenkung von Cai Yuanpei, vor 1932, Farblithografie, 50 cm x 37,5 cm. 《五子夺魁图》,蔡元培赠藏,1932 年前作品,彩色石版 画,尺寸 50 厘米 × 37.5 厘米
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Vom Stein zum Pixel 从石版到帧
Steinabreibungen sind Reproduktionen der dargestellten Texte und Bilder durch das Abreiben mit Tusche auf Papier und damit eine der ältesten Techniken der Vervielfältigung. Die Berliner Künstlerin Wu Yimeng greift die sen Prozess auf und fügt den exakten Reproduktionen ihrer Linolschnitte als gegenwärtige Dimension eine animierte Erzählperspektive mit Augmented Reality hinzu. Eine Auswahl davon war im Leipziger Museum für Druckkunst zu erleben. Wir zeigen in den Ausgaben 2025 einige ihrer Werke, in die Sie per QR-Code wiederum digital einsteigen können.
Das Werk auf der Rückseite nennt sich »Drei Generationen von Baumwollpflückerinnen« (三代采棉 ). In einem sonnigen Baumwollfeld sehen wir rechts neben anderen Pflückerinnen Großmutter, Mutter und Kind. Wu Yimeng imaginiert den dargestellten Dialog, indem das Kind neugierig zu fragen scheint: »Was ist das?« Woraufhin die Mutter auf die Pflanzen zeigt und erklärt: »Aus der zarten Baumwolle spinnen wir Fäden, die wir mit Pflanzenfarben einfärben und zu Stoffen weben, die unsere Kleider schmücken.« Die Großmutter ergänzt lächelnd: »Und so tragen wir die Farben der Erde stets bei uns.« Diese Ernte ist eine Detailszene aus den »Widmungen des Kaisers zu Bildtafeln über die Baumwollvorbereitung« (御题棉花图 ), die der Gouverneur der Provinz Zhili, der heutigen Provinz Hebei, Fang Guancheng 1777 an Kaiser Qianlong einreichte. Mit handschriftlichen Gedichten versehen erhielt er sie zurück, dichtete seine Gedanken dazu und ließ Abbildungen und Verse in Stein gravieren.
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