Investing on the right side of global change
RESPONSIBLE
WEALTH REVIEW Eine Private Wealth Council Publikation
0RIVACY $ER 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL
Ein Forum fßr den verantwortungsbewussten Umgang mit PrivatvermÜgen. Erik Brenninkmeijer im Gespräch mit dem Grßnder Fritz Kaiser.
$IE 4REIBER DES GLOBALEN 7ANDELS Eine Ăœbersicht von Al Gore.
Œ$IE 7ELT IST KEINESWEGS FLACH§
Beatrice Weder di Mauro Ăźber die Ăśkonomische Zukunft nach sieben fetten Jahren und einer Finanzmarktkrise.
!UFWACHSEN MIT DEM )NTERNET
Ein Generationenkonflikt um die Privatsphäre. Von Jonathan Zittrain
7IE VIEL dFFENTLICHKEIT ERTRiGT DIE INDIVIDUELLE 3ICHERHEIT Stephan Lechner Ăźber den Zustand eines BĂźrgerrechts.
!MERIKANISCHE 0RIVACY VS EUROPiISCHE 0RIVATSPHiRE Thomas Kleine-Brockhoff und Antje Kuchenbecker analysieren ein transatlantisches Dilemma.
Œ%S BRAUCHT 2iUME DER $ISKRETION§
Roger de Weck im Gespräch mit Erbprinz Alois von Liechtenstein ßber die strategische Ausrichtung des Fßrstentums Liechtenstein.
Juni 2008
(ERAUSGEBER &RITZ +AISER 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL 0¾UGSTRASSE 6ADUZ &,
%DITORIAL
Die Privatheit oder «Privacy» ist, ähnlich wie die Freiheit, ein wichtiges Grundrecht und ein tragender Pfeiler unserer Gesellschaft. Ein Professor der Soziologie sagte mir, dass sie eine Errungenschaft der Menschheit ist, die uns aus der Barbarei in die Zivilisation geführt hat. Wie dem auch sei, der Schutz der Privatsphäre ist auch heute noch als Grundrecht in vielen Verfassungen der westlichen Welt verankert und kommt unter anderem in der Institution des Bankkundengeheimnisses zum Ausdruck. Seit geraumer Zeit entwickelt sich der orwellsche Alptraum des «gläsernen Menschen» in der breiten Öffentlichkeit schleichend zur akzeptierten Wirklichkeit. Das amerikanische Finanzministerium und die CIA überwachen seit Jahren mit der Begründung der Terrorbekämpfung die Finanzströme der Banken-Clearingstelle Swift in Brüssel, und Geheimdienste schnüffeln ungeniert in unseren privaten Informationssystemen. Politiker von Not leidenden Staatskassen fordern leichtfertig, den Schutz der Privatsphäre aufzugeben und verdammen das Bankgeheimnis, um ihre Steuerpflichtigen verfolgen zu können. Andauernde Videoüberwachung wird als Schutz akzeptiert, biometrische Pässe gelten als schick und Millio-
nen Jugendliche machen gedankenlos intimste Details ihres Lebens im Web öffentlich. Ist das Recht auf Privatsphäre ein Auslaufmodell? Wohin führt die Entwicklung des Internets, das uns in den letzten 10 Jahren viele faszinierende Möglichkeiten – und gleichzeitig beängstigende Transparenz beschert hat? Wie können wir uns in einer sich rasend schnell entwickelnden Welt noch ein Stück Privatsphäre sichern? Wir haben uns im Private Wealth Council mit diesen Fragen befasst und mit Experten und Meinungsbildern ausgetauscht. Dabei ist es wenig überraschend, dass gerade vermögende Menschen ihr Recht auf Privatsphäre verteidigen wollen. Die Gründe dazu sind so vielfältig wie legitim. Ein Geschäftsmann möchte seine Geschäftsgeheimnisse als Wettbewerbsvorteil nutzen können. Vermögende Menschen wollen sich gegen Korruption, Missgunst, Diebstahl oder Entführung schützen. Eine Familie will in seiner Intimsphäre ungestört sein. In dieser ersten Ausgabe der Responsible Wealth Review erfahren Sie mehr über die Entstehung und die Ziele des Private Wealth Councils und wir befassen uns als Schwerpunkt mit dem Thema Privacy. Mit unterschiedlichen Beiträgen von namhaften Autoren geben wir Ihnen eine aktuelle Standortbestimmung zu diesem Grundrecht. Vielleicht erhalten Sie dadurch auch nützliche Hinweise oder Anregungen, wie Sie sich guten Gewissens ein Stück Privatheit sichern können. Ich freue mich, wenn Sie mir Ihre Meinung zum Private Wealth Council oder zu dieser Ausgabe schreiben.
Fritz Kaiser Herausgeber fritz.kaiser@privatewealthcouncil.org
Responsible Wealth Review – Juni 2008
RESPONSIBLE
Investing on the right side of global change
WEALTH REVIEW %DITORIAL DES (ERAUSGEBERS
Die Privatheit oder «Privacy» ist, ähnlich wie die Freiheit, ein wichtiges Grundrecht und ein tragender Pfeiler unserer Gesellschaft. Ist dieses Grundrecht ein Auslaufmodell? Mit Beiträgen von namhaften Autoren liefern wir eine aktuelle Standortbestimmung zu dieser Debatte. Seite 1
¦7IR SUCHEN DIE &ORMEL F~R ³2ESPONSIBLE 7EALTH´§
Fritz Kaiser, Gründer des Private Wealth Council, und Erik A. Brenninkmeijer, Teilnehmer der ersten Stunde, im Gespräch über die Ziele dieser Initiative. Seite 4
$IE 2~CKKEHR ZUR .ORMALITiT
Die Welt hat sieben fette Jahre hinter sich und eine Zeit einer unglaublich hohen Liquidität. Die Krise am Finanzmarkt hat diesem Ausnahmezustand ein Ende gesetzt. Und weil die ökonomischen Gesetze niemals ausser Kraft gesetzt werden können, droht uns, was wir aus der Vergangenheit kennen: Die Rückkehr von Inflation, höheren Volatilitäten, vielleicht sogar ein neuer Protektionismus, schreibt Beatrice Weder di Mauro. Seite 8
!LS DIE 0RIVATSPHiRE VERLOREN GING
Privates und Öffentliches sind die zwei Sphären, welche das Menschsein begründen. Erfunden durch die klassische griechische Philosophie, wiederentdeckt im Zeitalter der Aufklärung, fusst auf dieser Balance auch die moderne Gesellschaft, welche sie nun zu zerstören droht. Ein historischer Essay von Kurt Imhof. Seite 16
¦!NSPR~CHE AUF 0RIVACY OPFERN§
Die Privatsphäre ist ein Menschenrecht, urteilt der führende amerikanische Privacy-Forscher Alan F. Westin. Eine junge, global vernetzte InternetGeneration bewertet die freie Kommunikation freilich höher, als das Recht des Individuums auf Privatsphäre. Seite 22
$IE !NTRIEBSKRiFTE DES GLOBALEN 7ANDELS
Al Gore hat für das Treffen des Private Wealth Councils im Jahre 2005 in Bad Ragaz, Schweiz, seine Liste der 9 Treiber globaler Veränderungen entwickelt. Diese wurden mit den Teilnehmern des Councils diskutiert. Entstanden ist eine ausdrucksstarke Auflistung von Mega-Trends. Seite 26
Responsible Wealth Review – Juni 2008
Juni 2008
!UFWACHSEN MIT DEM )NTERNET
Dass sich junge Menschen in Üffentlich zugänglichen Online-Umgebungen häuslich einrichten, hat wenig mit Leichtsinn und viel mit dem Wunsch nach kontrollierter Autonomie zu tun. Die Unterschiede zwischen Üffentlicher und privater Identität dßrften sich ohnehin bald auflÜsen, prophezeit Jonathan Zittrain. Seite 32
0RIVACY ÂŻ WIE VIEL 3CHUTZ IST NOCH VORHANDEN
Nicht mehr viel: die rasante Verbreitung der Informationstechnologie, die Privatisierung staatlicher Dienstleistungen, die moderne Verbrechensbekämpfung und die Globalisierung des Datentransfers hÜhlen die Privatsphäre aus, analysiert der Datenschutzexperte Stephan Lechner. Seite 36
!MERIKANISCHE 0RIVACY VS EUROPiISCHE 0RIVATSPHiRE
In den Vereinigten Staaten bildet die eigene Wohnung den Kern der individuellen Privatsphäre. Ihre Begrenzung findet sie nicht durch den Staat, sondern durch die Redefreiheit. Die europäische Rechtstradition propagiert dagegen ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung, welche der Staat zu garantieren hat. Thomas Kleine-Brockhoff und Antje Kuchenbecker ßber ein transatlantisches Dilemma. Seite 44
$ER 3ONDERFALL !SIEN
Immer mehr PrivatvermĂśgen strĂśmt nach Asien. Das gĂźnstige fiskalische Umfeld und ein bemerkenswertes Wirtschaftswachstum machen die Region zu einem Magneten fĂźr Investoren aus aller Welt, urteilt Sameena Ahmad. Seite 52
Œ%S BRAUCHT 2iUME DER $ISKRETION§
Das FĂźrstentum Liechtenstein ist traditionell ein Ort von gelebter Privatheit. Ist dies in der offenen Informationsgesellschaft ein Auslaufmodell oder im Gegenteil der SchlĂźssel fĂźr die Zukunft des Landes? Reflexionen von Erbprinz Alois von Liechtenstein auf die Fragen von Roger de Weck. Seite 56
0RIVACY ÂŻ EINE GLOBAL UND INTERDISZIPLINiR GEF~HRTE $EBATTE
Engagiert und kontrovers diskutierten die Teilnehmer des Private Wealth Council am 28. Januar 2008 in Vaduz das Thema des Tages: Privacy, der Zustand dieses BĂźrgerrechts auf der Welt und die Folgen fĂźr vermĂśgende Familien. Fotografische Impressionen aus Workshops. Seite 60
Responsible Wealth Review – Juni 2008
Œ7IR SUCHEN DIE &ORMEL F~R ³2ESPONSIBLE 7EALTH´§ &RITZ +AISER HAT DEN 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL GEGR~NDET UND %RIK ! "RENNINKMEIJER IST EIN 4EILNEHMER DER ERSTEN 3TUNDE 3EITHER TAUSCHEN SICH DIE BEIDEN AUS ~BER DAS WAS 6ERANTWORTUNG IN DER 'ESELLSCHAFT UND IM 'ESCHiFTSLEBEN BEDEUTEN UND BEWIRKEN KANN (ERR +AISER 3IE HABEN DEN 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL
IM *AHRE IN $AVOS AUS DER 4AUFE GEHOBEN 3IE (ERR "RENNINKMEIJER SIND -ITBEGR~NDER UND )MPULSGEBER 7AS SIND DIE JEWEILIGEN 'R~NDE F~R DIESES %NGAGEMENT
Fritz Kaiser: Wenn man Verantwortung fßr private VermÜgen trägt, sei es fßr das eigene VermÜgen, als Treuhänder oder als Berater einer Familie, dann stellt sich irgendwann die Frage, worin eigentlich diese Verantwortung besteht und wie man dieser gerecht werden kann. Dieses Thema wollte ich mit gleichgesinnten, interessanten Menschen diskutieren. Das idyllisch einfache Holzhaus auf der Schatzalp in Davos während des World Economic Forums hat sich dafßr als inspirierender Ort erwiesen. Erik A. Brenninkmeijer: Der Verdienst der Grßndung gebßhrt Fritz Kaiser. Er hat mich und die anderen eingeladen, beim Council mitzumachen. Die Attraktivität zuerst als Kunde und danach als Mitwirkender liegt fßr mich darin, dass das Thema des Responsible Wealth in meinen Augen den kritischen Faktor einer jeden Investitionstätigkeit darstellt. )ST DIES EIN 0OSTULAT EINER TRADITIONELL UNTER NEHMERISCH TiTIGEN &AMILIE
Brenninkmeijer: Sicher hat das Interesse damit zu tun, dass wir jetzt schon in sechster Generation im Geschäft sind. Aber jeder Investor sollte sich auch bewusst sein, dass er entscheiden Responsible Wealth Review – Juni 2008
muss, wo er sein Geld anlegt. Er beeinflusst somit ganz direkt, ob sein Investment einen positiven Effekt auf die langfristige Entwicklung einer Gesellschaft haben kann oder nicht. Das sind Entscheidungen von grosser Tragweite. Denn man darf nicht vergessen, dass es neben dem Staat Privatpersonen sind, welche Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen und damit eine Gesellschaft voranbringen. Denken Sie nur an die zahlreichen Klein- und Mittelbetriebe, welche von Privaten aufgebaut worden sind mit Geldern, welche diese nicht mehr zum täglichen Leben benÜtigen. Diese Menschen, die ihr PrivatvermÜgen investieren, sind wichtige Treiber der gesellschaftlichen Entwicklung und haben auch grossen Anteil daran, dass der Lebensstandard in den vergangenen Jahrzehnten derart angestiegen ist. 3IE SEHEN EINE BESONDERE 6ERANTWORTUNG UND
EINEN %INžUSS VON VERMyGENDEN -ENSCHEN AUF DIE 'ESELLSCHAFT
Kaiser: Ja, aber nicht nur. Das Thema Verantwortung ist vielschichtig. Wir haben uns anlässlich eines Council-Treffens die grundsätzliche Frage gestellt, was Verantwortung von vermÜgenden Privatpersonen eigentlich ist und sind zu folgender Antwort gekommen: Jeder trägt die Verantwortung fßr sich selbst, fßr seine Familie, fßr die Gesellschaft und fßr unsere (Um-)Welt. Zugegeben, dies hÜrt sich simpel an und gilt fßr jeden Menschen, vermÜgend oder nicht vermÜgend. Wer aber ßber Kapital verfßgt, kann mehr bewirken. Und, wer so gesehen als Investor etwas
%RIK ! "RENNINKMEIJER IST 0RiSIDENT DER :UGER #OFRA (OLDING
Sinnvolles tun will, stellt schnell einmal fest, dass es gar nicht so einfach ist, das Richtige zu tun. Und je mehr man sich damit befasst, umso mehr neue Fragen stellen sich. Wir leben in einer komplexen Welt, die sich sehr schnell verändert – zum Guten oder zum Schlechten. Und, wir wollen verstehen, was da passiert. So beobachten wir die globalen Treiber der Veränderung – die alle miteinander vernetzt sind –, damit wir langfristig die richtigen, nachhaltigen Entscheidungen treffen kÜnnen. Eines unserer Mottos im Council heisst denn auch: To navigate on the right side of change. Wir wollen mit unseren Investments auf der richtigen Seite der Veränderung sein.
&RITZ +AISER IST %XECUTIVE #HAIRMAN DER +AISER 2ITTER 0ARTNER 'RUPPE UND 'R~NDER DES 0RIVATE 7EALTH #OUNCILS
'IBT ES VERGLEICHBARE PRIVATE /RGANISATIONEN
WIE DEN 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL DIE VERSUCHEN NACHHALTIGES UND GESELLSCHAFTLICH RELEVANTES IN IHREN )NVESTMENTS ZU VERBINDEN
Brenninkmeijer: Auf privater Basis kenne ich nichts Vergleichbares. Die Kirchen werfen natĂźrlich seit vielen Jahren die Frage auf, wie verantwortlich mit PrivatvermĂśgen umgegangen werden kann und ethische AnsprĂźche bei Investitionen erfĂźllt werden kĂśnnen. So gibt es diese Negativ-Listen von Branchen, in denen sich ein verantwortungsbewusster Investor vielleicht nicht engagieren will: Zum Beispiel Waffen, Tabak oder Alkohol. Aber ein allgemein gĂźltiges, ja globales Konzept fĂźr verantwortliches und nachhaltiges Investment von VermĂśgen existiert meines Wissens nicht. Diesem wollen wir durch unsere Arbeit im Private Wealth Council auf die Spur kommen. Kaiser: Auch ich habe keinen vergleichbaren ÂŤClubÂť gefunden. Deshalb habe ich dann ja auch diese Initiative gestartet. Einige von uns sind Mitglieder beim World Economic Forum und
andere bei Family Office Netzwerken. Unsere Besonderheit ist, dass wir die Welt durch die Brille der Verantwortlichen von PrivatvermĂśgen sehen und aus eben dieser Optik die grossen Entwicklungen und Trends beobachten. Letztlich geht es um die langfristige Sicherung und Vermehrung von PrivatvermĂśgen von verantwortungsbewussten Menschen. 7IE WEIT SIND 3IE AUF DIESEM 7EG SCHON VORAN
GESCHRITTEN SEIT DER 4HINK 4ANK IM *AHRE GEGR~NDET WORDEN IST
Brenninkmeijer: Der Begriff Think Tank fßr den Council ist etwas irrefßhrend. Man stellt sich dabei Leute vor, die den ganzen Tag denken, Research betreiben und tiefschßrfende Papiere verfassen. So war und ist das nicht. Wenn wir so vorgegangen wären, wären wir vielleicht schon ein ganzes Stßck weiter. Der Council hat aber nur Responsible Wealth Review – Juni 2008
sporadisch getagt und ist frei schwebend geblieben. Gerade deshalb sind wir uns wohl im Laufe der Zeit unseres eigentlichen Ziels bewusst geworden: eine allgemein gßltige Formel zu finden fßr das, was wir Responsible Wealth nennen. Kaiser: Und damit auch eine Formel fßr den Responsible Investor, der wissen will, was er bei seinen Investmententscheidungen alles berßcksichtigen muss, um langfristig auf der erwähnten richtigen Seite der Veränderung zu stehen. Wir arbeiten derzeit mit einer Arbeitsgruppe an der Entwicklung von Prinzipien und einem Entscheidungsfilter fßr den Responsible Investor. Wir werden diese Unterlage bei unserem nächsten Treffen des Councils beraten. $ER 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL IST EINE 0LATTFORM AN DER SICH KLUGE AM 4HEMA INTERESSIERTE 'EISTER TREFFEN 7ER HAT 3IE AM MEISTEN BEEINDRUCKT
Brenninkmeijer: Al Gore, der ehemalige Vizepräsident der USA, ist ein faszinierender und mitreissender Redner und sein Auftritt vor zwei Jahren hinterliess einen charismatischen Eindruck. Er ist ohne Zweifel ein Mann der Visionen. Ein Idealist. Doch ebenso beeindruckt hat mich David Blood, der Managing Partner der gemeinsamen Investmentfirma von Gore und Blood, Generation Investment Management. Blood, im Vergleich zu Gore ein stillerer Charakter, muss bei seinen Investmententscheiden den selbst gesteckten Sustainability-Zielen genßgen und gleichzeitig Profite erwirtschaften. +EIN EINFACHER 3PAGAT
Brenninkmeijer: So ist es. Ein Vorbild: Angesichts der absehbaren Wasserknappheit auf der Welt ist es aus Grßnden der Nachhaltigkeit, der Sustainability also, mÜglicherweise probleResponsible Wealth Review – Juni 2008
matisch, in eine Firma zu investieren, die einen grossen Wasserverbrauch in ihren Prozessen aufweist. Da sind also eher Unternehmen zu bevorzugen, bei denen der Wasserverbrauch unterdurchschnittlich ausfällt oder gar keine Rolle spielt. Dies entspricht dem Postulat des positive screening von Investitionspotenzialen. Gleichzeitig muss und kann der Investmentmanager aber trotzdem die eingeforderte Rendite erwirtschaften. (ABEN DERARTIGE "EGEGNUNGEN )HR EIGENES )NVESTITIONSVERHALTEN BEEINžUSST
Brenninkmeijer: Wenn Sie damit fragen, ob wir unsere eigenen Guidelines ßberarbeitet haben, muss ich verneinen. Ich bin ja beim Council unter anderem deshalb mit grossem Interesse dabei, weil ich hoffe, dass wir in dieser Frage auf eine allgemeingßltige Formel stossen. Wie Fritz Kaiser sagte: To invest on the right side of change, um das geht es. Meine Aktivitäten im Council haben aber insofern Auswirkungen, als dass wir bei unseren Investmententscheidungen versuchen noch weiter in die Zukunft zu schauen. Wir wollen bei jedem Investment mÜgliche Konsequenzen auf die drei P abschätzen: People, Profit, Planet. Kaiser: Es gab fßr mich in den letzten Jahren verschiedene spannende PersÜnlichkeiten mit eindrßcklichen Beiträgen. Al Gore hat 2005 fßr unseren Council die Liste der neun Treiber der globalen Veränderung entwickelt und wir haben diese in einem Zwei-Tages-Workshop mit ihm diskutiert. Dies war wirklich etwas Besonderes. Josh Lerner von Harvard war bemerkenswert zum Thema Private Equity und Naill Fergusson, ebenfalls Professor in Harvard, hat uns die Geschichte erzählt, wie das VermÜgen der Rothschilds entstanden ist. Paulo Coelho hat
uns in Davos Einblick in seine persÜnlichen Erkenntnisse der Einflßsse des Weiblichen gegeben, während uns Frau Professor Beatrice Weder di Mauro vom Weisenrat der deutschen Regierung als MakroÜkonomin kßrzlich die Grßnde der Subprime-Krise verständlich gemacht hat. Fßr mich als Sammler zeitgenÜssischer Kunst war natßrlich auch die Diskussion mit Simon de Pury, Sam Keller von der Art Basel und anderen Kunstsachverständigen und Sammlern sehr interessant. $AS GROSSE 4HEMA DIESER ERSTEN !USGABE DER
Œ2ESPONSIBLE 7EALTH 2EVIEW§ LAUTET Œ0RIVACY§ 7AS HEISST DAS F~R 3IE PERSyNLICH 5ND WAS KOMMT AUF UNS ZU
Brenninkmeijer: Ich bin ziemlich pessimistisch. Ich frage mich, ob wir in dieser Frage nicht längst ein nobles Rßckzugsgefecht fßhren. In der Retrospektive wird man wohl dereinst feststellen, dass in den 80er Jahren die westlichen Demokratien auf dem Zenit der persÜnlichen Freiheit gewesen waren. Die Bßrgerrechte waren vor zwei Jahrzehnten gut verankert und die elektronischen Mittel, diese auszuhebeln, noch nicht vorhanden. Unmittelbar vor der Internet-Revolution existierte in dieser Hinsicht noch eine heile Welt. Seither hat die Technik eine Kapazität zum individuellen Freiheitsentzug entwickelt, welche nicht mehr rßckgängig gemacht werden kann. Kaiser: Privatheit ist fßr mich ein Stßck Zivilisation, beinhaltet Werte wie Respekt und Vertrauen und ist ein Grundpfeiler menschlicher Kultur. Ich respektiere zum Beispiel zuhause das Briefgeheimnis und lese keine Briefe an meine Frau und auch nicht die Tagebßcher meiner Kinder. Ich mÜchte meinen persÜnlichen Freiraum beibehalten, wo ich unbeobachtet bin und ich gestehe diese Freiräume auch anderen zu.
In den meisten europäischen Ländern ist die Privatheit ein verfassungsmässiges Recht des Individuums. In den USA nun nicht mehr. Durch den technischen Fortschritt, insbesondere durch die Entwicklung des Internets, durch die Methoden staatlicher Exekutivorgane, der Geheimdienste, der Polizei und neuerdings auch schon der SteuerbehÜrden ist das Recht auf Privatheit heute allerdings nur noch auf Sand gebaut. Dennoch hoffe ich nicht, dass der gläserne Mensch absolut gläsern wird. Ich weiss natßrlich, dass wir vielerorts unbewusst fotografiert und gefilmt werden oder dass jeder von uns, der im Internet surft, dort seine eigene DNA hat, die z.B. Google bei behÜrdlicher Aufforderung letztlich herausgeben muss. Ich weiss auch, dass man heute in meinem persÜnlichen Computer spionieren kann, ohne dass ich dies spßre und wir alle wissen wohl, dass man uns jederzeit ßber unser Handy orten kann und Bank- und Kreditkartenaktivitäten unser Leben weitgehend transparent machen. Big brother is watching you, das ist die Realität – und big brother wird immer smarter. All diese Entwicklungen sind nicht zu stoppen und wir mßssen lernen mit der neuen Realität umzugehen. Ich stelle mich darauf ein und lerne laufend, wie ich mir mein mir wichtiges Stßck Privatheit bewahren kann. Ich wßnsche mir, dass die Jugend sich auch Gedanken darßber macht und wir ihnen den Wert der Privatheit vermitteln kÜnnen. Sie kommuniziert heute unbekßmmert und spielerisch via YouTube und Facebook und kennt keine Tabus im Internet. Wir mßssen ihnen sagen, dass auch der Personal-Direktor vor ihrem zukßnftigen Einstellungsgespräch im Internet surft und sie dort beobachtet.
Responsible Wealth Review – Juni 2008
$IE 2~CKKEHR ZUR .ORMALITiT $IE 7ELT HAT SIEBEN FETTE *AHRE HINTER SICH UND EINE :EIT EINER UNGLAUBLICH HOHEN ,IQUIDITiT $IE +RISE AM &INANZMARKT HAT DIESEM !USNAHMEZUSTAND EIN %NDE GESETZT 5ND WEIL DIE yKONOMISCHEN 'ESETZE NIEMALS AUSSER +RAFT GESETZT WERDEN KyNNEN DROHT UNS WAS WIR AUS DER 6ERGANGENHEIT KENNEN $IE 2~CKKEHR VON )NžATION HyHEREN 6OLATILITiTEN VIELLEICHT SOGAR EIN NEUER 0ROTEKTIONISMUS SCHREIBT "EATRICE 7EDER DI -AURO Thomas L. Friedman, wortgewaltiger Kommentator der New York Times, dreifacher Pulitzerpreisträger hat im Jahre 2005 ein Werk ßber die Globalisierung geschrieben und diesem einen launigen Titel verpasst: The World is Flat. Doch ist sie das wirklich? Ist die Welt flach? Ich habe da meine Zweifel. Unbestreitbar ist, dass die Globalisierung einen Einfluss auf die globale Ökonomie hat und dazu mÜchte ich aus aktuellem Anlass einige Gedanken beisteuern unter dem Fokus: Globalisierung, der Zustand der Welt und der jßngste Unfall an den Finanzmärkten.*
7ACHSTUM DES 7ELTHANDELS
%XPORTE DER 7ELT IN 0ROZENT DES GLOBALEN ")0
) $ER :USTAND DER 7ELT
1UELLE -ADDISON !NGUS Œ4HE 7ORLD %CONOMY ! -ILLENNIAL 0ERSPECTIVE§ /%#$
3TABILES 7ACHSTUM
%NTWICKLUNG DES ")0 IN
%NTWICKLUNGSLiNDER
7ELT
Nehmen wir es vorweg: Guten Gewissens konnte man sagen, die Welt ist in Form. Zumindest bis vor kurzem war sie das. Das Wachstum des Welthandels in den vergangenen fßnf Jahrzehnten war beeindruckend und selbst in einer noch längerfristigeren Optik zeigt sich ein freundliches Bild (siehe Grafik Wachstum des
$IESES %SSAY FUSST AUF EINEM 6ORTRAG DEN "EATRICE 7EDER DI -AURO AM *ANUAR AN EINEM -EETING DES 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL GEHALTEN HAT
)NDUSTRIELiNDER
1UELLE )7&
Responsible Wealth Review – Juni 2008
3IEBEN FETTE *AHRE !NDY 7ARHOL´S ERSTELLTES 7ERK Œ$OLLAR 3IGN§ WiHREND EINER !USSTELLUNG ~BER DEN AMERIKANISCHEN 0OP !RT +~NSTLER IM 0USHKIN !RTS -USEUM IN -OSKAU
Responsible Wealth Review – Juni 2008
"ILD !LEXANDER .EMENOV +EYSTONE ˆ !NDY 7ARHOL &OUNDATION 0RO,ITERIS :~RICH
4IEFE )NžATION
%NTWICKLUNG DER +ONSUMENTENPREISE IN %NTWICKLUNGSLiNDER $URCHSCHNITT )NDUSTRIALISIERTE ,iNDER
1UELLE )7&
'ERINGE 6OLATILITiT
!KTIEN :INS UND 7iHRUNGSENTWICKLUNG IN
!KTIEN :INSEN ' 7iHRUNGEN
1UELLE )7&
Welthandels 1870–1998Âť, Seite 8). In der unmittelbaren Vergangenheit blicken wir auf (fast) sieben fette Jahre zurĂźck. Wir leben in einer integrierten Welt, die Internationalisierung von Kapital und Handel hat sich markant erhĂśht und bescherte dem Globus ein hohes und stabiles Wachstum, gerade auch in den Emerging Markets. Zum ersten Mal in der Geschichte waren diese Länder nicht nur Mitläufer einer globalen Wachstumsphase, sondern auch ÂŤdrivers of growthÂť (siehe Grafik: ÂŤStabiles WachstumÂť, Seite 8). Die Fitness der aufstrebenden Nationen im Gleichschritt mit der industrialisierten Welt fĂźhrte in dieser Zeitspanne zu einer rekordtiefen Inflation (siehe Grafik ÂŤTiefe InflationÂť, links). Ăœber verschiedene VermĂśgensklassen hinweg war eine tiefe und sinkende Volatilität zu verzeichnen (siehe Grafik ÂŤGeringe VolatilitätÂť, links). Dieses Phänomen avancierte unter Ă–konomen zum beliebten Forschungsgebiet: War die geringe Volatilität bei Aktien, Zinsen und sogar Währungen eine vorĂźbergehende Laune des Zufalls oder ein stabiler Zustand? Und waren diese fetten Jahre ein unverhoffter Ausbund von GlĂźck oder ein dauerhaft selig machender struktureller Aggregatszustand der Globalisierung? Festzustellen ist jedenfalls: Die hier beschriebene Szenerie war aus makroĂśkonomischer Sicht der Zustand der Welt in den vergangenen sieben Jahren. Aber ist sie deshalb flach?
)) 6ON 'RENZEN $ISTANZEN UND .IVELLIERUNGEN
Durch die Globalisierung haben Grenzen und Distanzen zweifellos an Wichtigkeit eingebßsst – aber sind Grenzen deshalb, Ükonomisch gesehen, verschwunden, Distanzen fßr die Handelsintensität bedeutungslos geworden? Dass dem nicht so ist, zeigt ein kleines Beispiel. Die Stadt Basel liegt am Rheinknie an der Schweizer Landesgrenze zu Deutschland. In etwa glei-
Responsible Wealth Review – Juni 2008
cher Distanz befindet sich auf Schweizer Seite die Stadt Zßrich und auf deutscher Freiburg in Breisgau. Wären Grenzen und Distanzen obsolet geworden, mßsste Basel auf beide Seiten im gleichen Masse Ükonomisch vernetzt sein. Der Kapital- und Warenaustausch mit Zßrich ist jedoch ungleich hÜher und dies zeigt, dass fßr die Ökonomie Grenzen auch Hindernisse darstellen. Und auch Distanzen haben nach wie vor grossen Einfluss auf die Ükonomische Aktivität, wie sich beispielsweise an der Exporttätigkeit messen lässt. Ein Land wie Deutschland exportiert knapp halb soviel Waren und Dienstleistungen in die kleine Schweiz wie in den viel weiter entfernt liegenden, ungleich grÜsseren Markt der USA (siehe Grafik Intensiver Handel, rechts). Der intensivste Handel findet immer noch unter Nachbarstaaten statt, dies ist eine Ükonomische Gesetzmässigkeit. Liesse sich daraus folgern, dass die Welt zwar nicht flach ist, sich aber wenigstens zunehmend verflacht? Gleichen sich reiche und arme Länder an? Die Antwort auf diese Frage bedingt einen grosszßgigen zeitlichen Fokus (siehe Grafik Schere Üffnet sich, rechts). Nimmt man die vergangenen 150 Jahre als Massstab, wird klar, dass die Ungleichheit der Einkommen auf der Welt markant am Steigen ist. Lange Zeit, bis etwa um 1900, verharrten die Einkommensunterschiede innerhalb der einzelnen Länder auf relativ stabilem Niveau. Dann – als Folge der Industrialisierung – entwickelten verschiedene Nationen ihre Märkte schneller als andere; die Einkommensunterschiede zwischen den Ländern nahmen zu, Reich und Arm fächerte sich auf. Dennoch ist viel passiert in den vergangenen zwanzig Jahren (siehe Grafik Parade der Einkommen, Seite 12). Einige Länder haben am Bruttoinlandprodukt pro Kopf zugelegt, stark entwickelt haben sich seit 1980 insbesondere China und Indien und mit ihnen verbesserten rund 60 Prozent der
)NTENSIVER (ANDEL
!NTEIL AM DEUTSCHEN %XPORT NACH 7IRTSCHAFTSRiUMEN IN 2EST DER 7ELT %URO 2AUM
*APAN #HINA 3CHWEIZ 5+
.EUE %5 -ITGLIEDER
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3CHERE yFFNET SICH
5NGLEICHHEIT BEI %INKOMMEN WELTWEIT NACH &AKTOREN 7ELTWEITE 5NGLEICHHEIT 5NGLEICHHEIT ZWISCHEN ,iNDERN 5NGLEICHHEIT INNERHALB ,iNDERN 1UELLE "OURGUIGNON &RANlOIS -ORRISON #HRISTIAN Œ)NEQUALITY AMONG 7ORLD #ITIZENS§ 1UELLE "OURGUIGNON &RANlOIS -ORRISON #HRISTIAN Œ)NEQUALITY AMONG 7ORLD #ITIZENS§
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0ARADE DER %INKOMMEN
%NTWICKLUNG DES ")0 PRO +OPF IM 6ERHiLTNIS ZUM GLOBALEN $URCHSCHNITT ")0 PRO +OPF
))) $IE 4REIBER DES "OOMS ODER Œ4HE 'REAT -ODERATION§
'LOBALER $URCHSCHNITT $OLLAR
DER 7ELTPOPULATION
1UELLE (ESTON !LAN 3UMMERS 2OBERT !TEN "ETTINA Œ0ENN 7ORLD 4ABLE§
%NTWICKLUNGSLiNDER HORTEN $OLLAR $EVISENRESERVEN IN -ILLIONEN $OLLAR
%NTWICKLUNGSLiNDER )NDUSTRIELiNDER
Responsible Wealth Review – Juni 2008
WeltbevÜlkerung ihre Lebensqualität. Ein Vergleich zwischen der Offenheit des Wirtschaftssystems eines Landes und des Bruttoinlandprodukts dieser Volkswirtschaften zeigt zudem deutlich, dass offene Märkte zu hÜherem Wohlstand fßhren.
Alan Greenspan, der langjährige Chef des Federal Reserve hat angesichts geringer Volatilitäten im globalen Wirtschaftssystem und hoher Wachstumsraten in den vergangenen Jahren von The Great Moderation gesprochen und suggerierte damit die Existenz einer neuen, schÜnen Wirtschaftswelt. Die Ükonomischen Gesetze sind freilich nie ausser Kraft gesetzt worden. UngewÜhnlich und neuartig war lediglich eine unglaublich hohe Liquidität im System, welche nicht zuletzt durch die stark expansive Geldpolitik der US-Notenbank angeheizt wurde. Zudem haben die Schwellen- und Entwicklungsländer in jßngerer Vergangenheit ihre Devisenreserven in Dollar angelegt und damit zur Stabilität des Systems beitrugen (siehe Grafik Entwicklungsländer horten Dollar, links). Während Emerging Markets wie China seit 2004 Milliarden von Dollars auf die hohe Kante legen, leben insbesondere die USA zunehmend auf Pump – seit 2004 mit rund 800 Milliarden Dollar Schulden pro Jahr. Dies fßhrt zu einem globalen Ungleichgewicht, das sich auf zwei Arten lesen lässt: China oder Japan sparen zu viel, die USA konsumieren zu viel. Oder eben vice versa, je nach eigenem Standpunkt. Die Amerikaner argumentieren jedenfalls damit, dass sie die Costumer der Welt spielen mßssten, weil die Gegenseite das Bare in den Sparstrumpf schiebt (siehe Grafik Globales Ungleichgewicht, rechts). Zielfßhrend ist eine derartige Diskussion jedoch nicht.
"ILD +EYSTONE
$AS %NDE DESSEN WAS !LAN 'REENSPAN ¦4HE 'REAT -ODERATION§ GENANNT HAT %NERGIE UND 2OHSTOFFPREISE KyNNTEN TROTZ !B K~HLUNG DER .ACHFRAGE HOCH BLEIBEN
'LOBALES 5NGLEICHGEWICHT
$EVISENRESERVEN VERSUS 3CHULDEN IN -ILLIARDEN $OLLAR ¯ ¯ #HINA *APAN
'ESAMT $EUTSCHLAND 3AUDI !RABIEN 3CHWEIZ 2USSLAND ,IBYEN 6ENEZUELA
53! 3PANIEN
'ESAMT %NGLAND !USTRALIEN 'RIECHENLAND 4~RKEI .EUSEELAND
1UELLE -ADDISON !NGUS ¦4HE 7ORLD %CONOMY ! -ILLENNIAL 0ERSPECTIVE§ /%#$
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0RIVATE MACHEN 3CHULDEN ÂŻ IN DEN 53!
6ERF~GBARES %INKOMMEN IN 2ELATION ZU %RSPARNISSEN UND .EUVERSCHULDUNG BEI PRIVATEN 53 (AUSHALTEN PRO (UNDERT DER "EVyLKERUNG V( 3PARQUOTE
6ERSCHULDUNGSQUOTE BRUTTO
1UELLE "%! &EDERAL 2ESERVE "OARD ˆ 3ACHVERSTiNDIGENRAT
0RIVATE MACHEN 3CHULDEN ÂŻ IM 2EST DER 7ELT
6ERiNDERUNG DER 2ELATION DES +AUFPREISES ZU %INKOMMEN UND -IETE IN
0REIS ZU %INKOMMEN 0REIS ZU -IETE
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*APAN
$EUTSCHLAND
&INNLAND
53!
)TALIEN
3CHWEDEN
$iNEMARK
3PANIEN
&RANKREICH
%NGLAND
(OLLAND
)6 $IE &OLGEN DER +RISE F~R DAS 7ACHSTUM IN DER 7ELT )RLAND
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Klar hingegen scheint heute, dass der Konsum in den Vereinigten Staaten keinesfalls nachhaltig war. Die Schere zwischen der Brutto-Verschuldungsquote und der Sparquote der privaten Haushalte in den USA geht seit Anfang der neunziger Jahre bedenklich auf (siehe Grafik Private machen Schulden – in den USA, links). Bis ins Jahr 2006 hinein erwarteten die Amerikaner stetig anwachsende Immobilienpreise und lange Zeit wogen sie sich angesichts von Wertsteigerungen von zehn bis zwÜlf Prozent auch in Sicherheit. Hinzu kommt, dass die US-Finanzbranche auch Anreize schaffte, diesen Wertzuwachs der Immobilien zu verflßssigen und in den Konsum umzuleiten. Dieses Phänomen der schleichenden Verschuldung der Privathaushalte ist freilich mitnichten auf die USA beschränkt (siehe Grafik Private machen Schulden – im Rest der Welt, links). Dies ist die makroÜkonomische Sicht, die den Zusammenhang zwischen Liquiditätsßberschwemmung und Kreditexpansion und das daraus resultierende Ungleichgewicht aufzeigt. Das war der makroÜkonomische Nährboden fßr die Subprime-Krise.
Ein Ökonom, welcher auf diese Frage eine Antwort sucht, orientiert sich an drei entscheidenden KenngrÜssen: Konsum, Investitionen und Exporte. Vieles spricht dafßr, dass wir nun in eine Phase tief greifender Veränderungen eintreten. Globale Risikofaktoren nehmen zu und die Prognosen fßr das Weltwirtschaftswachstum gewichten die Risiken einer Abkßhlung zunehmend stärker als die Chancen eines Upsides. Und klar scheint auch, dass Emerging Markets wie China und Indien sich zum Motor des globalen Wachstums emporgeschwungen haben (siehe Grafik Das neue Gleichgewicht, rechts
$AS NEUE 'LEICHGEWICHT
%NTWICKLUNGSLiNDER ALS -OTOR DES 7ACHSTUMS "EITRAG ZUM GLOBALEN 7ACHSTUM GEWICHTET IN ÂŻ
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oben). Daraus ergeben sich fßr mich zwei Megatrends fßr die Zukunft: Die Ungleichgewichte werden wieder in eine stärkere Balance zueinander treten und sich abschwächen. Wir stehen bereits am Ende dessen, was Greenspan The Great Moderation genannt hat. Im Zuge dieser Veränderungen werden wir hÜhere Sparquoten in den USA erleben und verstärkten Konsum im Rest der Welt. Der Dollar wird auf absehbare Zeit schwach bleiben, was auch seine Vormachtstellung als internationale Währung weiter schwächen wird. Energie- und Rohstoffpreise kÜnnten trotz Abkßhlung der Nachfrage hoch bleiben. Einher geht dies mit hÜherer Volatilität und der Rßckkehr der Inflation. Dies kÜnnte auch die Gefahr eines weltweiten neuen Protektionismus mit sich bringen. Die Welt ist nicht flacher geworden. Aber eine Reihe von fetten Jahren nährt immer die Hoffnung, dass sich die Welt verändert habe: dass hohe Leistungsbilanzdefizite nicht mehr abgebaut werden mßssten, dass hohe Liquidität nicht mehr zu steigenden VermÜgens- und/oder Konsumentenpreisen fßhrt, dass Risiken durch Finanzmarktinnovationen bezwungen und diversifiziert wurden, und dass Konjunkturzyklen der Vergangenheit angehÜren. Bis zur nächsten holprigen Phase und der Rßckkehr zur Normalität.
1UELLE -ADDISON !NGUS Œ4HE 7ORLD %CONOMY ! -ILLENNIAL 0ERSPECTIVE§ /%#$
"EATRICE 7EDER DI -AURO IST 0ROFESSORIN F~R 6OLKSWIRTSCHAFTLEHRE AN DER *OHANNES 'UTENBERG 5NIVERSITiT IN -AINZ -ITGLIED IM 3ACHVERSTiNDIGENRAT DER DEUTSCHEN "UNDESREGIERUNG ZUR "EGUTACHTUNG DER GESAMTWIRTSCHAFTLICHEN %NTWICKLUNG UND 2ESEARCH !F½LIATE DES #ENTER FOR %CONOMIC 0OLICY 2ESEARCH #%02 IN ,ONDON :UVOR WAR SIE ALS dKONOMIN F~R DEN )NTERNATIONALEN 7iHRUNGSFONDS )7& UND DIE 7ELTBANK TiTIG
Responsible Wealth Review – Juni 2008
!LS DIE 0RIVATSPHiRE VERLOREN GING 0RIVATES UND dFFENTLICHES SIND DIE ZWEI 3PHiREN WELCHE DAS -ENSCHSEIN BEGR~NDEN %RFUNDEN DURCH DIE KLASSISCHE GRIECHISCHE 0HILOSOPHIE WIEDERENTDECKT IM :EITALTER DER !UFKLiRUNG FUSST AUF DIESER "ALANCE AUCH DIE MODERNE 'ESELLSCHAFT WELCHE SIE NUN ZU ZERSTyREN DROHT %IN HISTORISCHER %SSAY VON +URT )MHOF Es ist ohne Zweifel die grossartigste und wichtigste Erfindung der Menschheit: die Auftrennung des menschlichen Seins in eine Sphäre der Privatheit und in eine Sphäre des Öffentlichen. Sie trennt den Menschen vom Tier, sie ermÜglicht den Weg aus der Barbarei in die Zivilisation. Demokratie, Aufklärung, Vernunft, ja selbst die moderne Marktwirtschaft, alles fusst im Grunde auf einer intakten Balance zwischen Privatem und Öffentlichem. Was sich ßber Jahrhunderte entwickelt und auch finstere Zeiten in der Geschichte ßberstanden hat, scheint nun, im 21. Jahrhundert, in akuter Gefahr. Die moderne Informations- und Wissensgesellschaft strebt nach der totalen Transparenz, einer Herrschaft, welche das subtile Kräftespiel zwischen Privatem und Öffentlichem ausser Kraft setzt. Welch einzigartige Errungenschaft damit demontiert wird, zeigt der Blick in die Historie: Wer weiss, was wurde, spßrt auch, was bald nicht mehr sein kÜnnte. Es ist dies eine Zeitreise in die Vergangenheit, die erahnen lässt, was die Zukunft bringt. Denn diese ist längst angebrochen, und es droht ein Rßckfall in die Barbarei.
) 0OLIS !THEN ODER WAS DIE -ENSCHHEIT DER GRIECHISCHEN !RISTOKRATIE VERDANKT
Die Trennung des Privaten und des Öffentlichen geht auf das Athen des Perikles im 5. Jh. vor unserer Zeitrechnung zurßck. Wir wissen darßber dank Aristoteles, der die perikleische Zeit ein Jahrhundert später beschrieben hat. Es handelt sich um die wichtigste Unterscheidung,
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die die Menschen erfunden haben. Beide, das Private wie das Öffentliche, beziehen sich auf unterschiedliche Lebensweisen. Der Kern des Privaten wurde mit dem oikos, dem Landgut der besitzenden Bßrger gleichgesetzt, der Kern des Öffentlichen mit der agora, dem Stadtplatz Athens. Das Private entspricht dem Reich des Notwendigen, hier vollzieht sich alles, was zur Reproduktion der Gattung gehÜrt, insbesondere die Arbeit, das Essen und der Geschlechtsverkehr. In diesem Reich des Notwendigen unterscheiden sich die Menschen wenig von den Tieren, die ja auch fßr ihre Reproduktion sorgen mßssen. Entsprechend war den Griechen die Tyrannis im Privaten gerechtfertigt, zumal die Sklaven, die Frauen, die Kinder und das Gesinde nur in diesem Reich des Notwendigen bzw. des Privaten leben. Dagegen gilt das Öffentliche als das Reich der Freiheit. Dieses Reich der Freiheit ist dadurch charakterisiert, dass alle in ihm frei zum Thema machen kÜnnen, was ihnen beliebt. Genauso wie der oikos, das Landgut ausserhalb der Stadtmauern hat auch die Öffentlichkeit ihren präzisen sozialen Ort: es handelt sich um die agora, den Stadtplatz Athens. Hier ist das Reich der Freiheit. Fßr die Griechen gibt es dieses Reich der Freiheit nur deshalb, weil die Menschen verschieden sind. Dadurch unterscheiden sich die Menschen von den Tieren (die nur im Reich der Notwendigkeit leben), weil die Menschen ßber eine Sprache verfßgen. Die Tatsache, dass sie ßber eine Sprache verfßgen, ist der Beweis ihrer je eigenen Einmaligkeit. Die Tiere verfßgen ßber keine Sprache, weil sie alle gleich sind, deshalb
"ILD 0ETROS 'IANNAKOURIS +EYSTONE
brauchen sie auch keine. Die Verschiedenheit der Menschen und ihre Sprachfähigkeit ist nun aber gleichzeitig die Voraussetzung der MÜglichkeit des Lernens von anderen Menschen und das heisst die Voraussetzung fßr einen Sinn des Lebens und fßr Vernunft bzw. dem logos. Auf dieser Basis entstand die mächtigste und wichtigste nicht-religiÜse Utopie der Menschheit: Wenn die Menschen nur frei miteinander sprechen kÜnnen, dann sind sie zur Vernunft fähig, und das bedeutet, sie sind in der Lage, ihre Gesellschaft, ihre Geschichte und ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Demgegenßber erschienen ihnen die Tyrannis und die Oligarchie als barbarische Herrschaftsformen, weil beide die Gesellschaft wie das private Oikos behandeln wßrden. Deshalb war den Griechen die Demokratie im Sinne des Zusammenstimmens der Vielen (auf der Basis von Einsicht), die einzig mÜgliche Form der Vergesellschaftung der freien Bßrger. Die-
ser Utopie verdanken wir ideengeschichtlich die wichtigsten BĂźrger- und Menschenrechte, die allesamt auf der Freiheit der Rede, der Medien, der Versammlung aufbauen. Gleichzeitig war aber auch die Idee einer Balance zwischen den Reichen der Notwendigkeit und der Freiheit angedacht. Dadurch dass der zugangsberechtigte BĂźrger im Reich der Freiheit seine Vernunft entwickeln kann, profitiert auch das Reich der Notwendigkeit, der oikos von den Einsichten freien Denkens und Redens. Das Private wird dadurch zivilisiert, die Barbarei aus der Ă–ffentlichkeit eliminiert und in der Privatheit reduziert.
+ERN DES dFFENTLICHEN !KROPOLIS IN !THEN
)) $IE !UFKLiRUNG ODER DIE 2ENAISSANCE EINER MiCHTIGEN 5TOPIE
Diese Utopie eines Austritts aus der selbstverschuldeten Unmßndigkeit (Immanuel Kant 1724–1804) hat die Aufklärung im 18. JahrhunResponsible Wealth Review – Juni 2008
dert wieder aufgenommen. Die Aufklärungsphilosophie beerbt die klassische griechische Philosophie und macht dieselbe Unterscheidung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Dadurch wird diese alte Idee zur Grundlage der modernen Gesellschaft. Die Aufklärungsbewegung ordnet dem Öffentlichen, also dem freien Austausch der zugangsberechtigten Bürger, die Kultur und dem Privaten die Natur zu. Die Bürger können durch freie Kommunikation vernünftig und zivilisiert werden, während das Private wieder der Reproduktion der Gattung und dem Ausleben der naturgegebenen menschlichen Affekte dient. Der freie Bürger tritt aus der Privatheit hinaus, um am öffentlichen Austausch der Ideen teilzunehmen, bildet sich und kehrt in das Reich des Privaten zurück, das dadurch zivilisiert bzw. auch aufgeklärt wird. Das Private ist deshalb mit Verantwortlichkeiten und Tugenden verknüpft, die im Öffentlichen (konkret in den Aufklärungsgesellschaften) erarbeitet worden sind. Dies bedeutet insbesondere, die Prinzipien des eigenen Lebens so zu gestalten, dass sie allgemeines Gesetz werden könnten. Hierzu ist Bildung und Kultur Voraussetzung. Dieser Kantsche Imperativ bedeutet in letzter Instanz, dass die Freiheit des Individuums nur dadurch begrenzt ist, dass die Freiheit des einen nicht die Freiheit des anderen beschränkt. Die hohe Wertschätzung der Bildung und dieser Verantwortungsgrundsatz befördern nun das klassische bürgerliche Leben des 19. und 20. Jahrhunderts, das sich streng in Öffentlichkeit und Privatheit gliedert. Zwischen diesen beiden Bereichen befindet sich die bürgerliche Geselligkeit mit ihrer hohen Wertschätzung der Literatur, des Kammerspiels, der bildenden Kunst, des Konzerts und des Theaters, kurz: die bildungsbürgerliche Kultur mit ihrer hohen Wertschätzung für Höflichkeit und das bessere Argument. In diese bürgerliche Geselligkeit musste der Nachwuchs sorgfältig eingeResponsible Wealth Review – Juni 2008
führt werden, der zu diesem Zweck mit hohen Bildungsansprüchen im humanistischen Gymnasium erzogen wird. Diese bürgerliche Geselligkeit erscheint nun als möglich, wenn die Teilnehmenden ihre Affekte sorgfältig kontrollieren, also sich gemäss dem Kantschen Imperativ verhalten. Dies bedeutete insbesondere den rein privatwirtschaftlichen Marktwettbewerb so weit zu bändigen, dass er nicht zur Vernichtung von Mitgliedern dieser bürgerlichen Geselligkeit führt. Die bürgerlichen Clubs versuchen den die Geselligkeit gefährdenden ökonomischen Wettbewerb auch dadurch zu bändigen, dass nur je ein Vertreter des gleichen Berufes Mitglied werden kann. Selbstverständlich zeigt sich diese bürgerliche Geselligkeit und ihre dem Adel abgeguckte Höflichkeit auch in der Architektur des bürgerlichen Hauses. Entsprechend gehören die Wohnräume zu dieser Sphäre der bürgerlichen Geselligkeit zwischen dem Öffentlichen und Privaten. Hinter diesen Wohnräumen befindet sich die Sphäre des Intimen, die in der Ära des Bürgertums sorgfältig geschützt und entsprechend tabuisiert worden ist. In dieser klassisch bürgerlichen Lösung der Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatheit mit der bürgerlichen Geselligkeit dazwischen siedelt sich das politische Leben im öffentlichen Raum an, in dem sich das bessere Argument durchsetzen soll. Das Öffentliche ist damit das, was alle angeht und deshalb nicht intim sein kann. Im Kern des Öffentlichen, im Parlament soll das bürgerliche Recht entwickelt werden, das dem Prinzip einer Freiheit zu dienen hat, in der die Freiheit des einen die Freiheit des anderen nicht ausschliesst und gleichzeitig die Menschheit über Vernunft zum Glück führt. Die Zwischensphäre der Geselligkeit dient der Kultur und der Gemeinsamkeit unter den Menschen. Sie soll so beschaffen sein, dass die rohen Kräfte der Affekte und des Marktes die Gesellig-
"ILD 0HOTOPRESS !RCHIV +EYSTONE
$AS 0RIVATE WIRD yFFENTLICH 0HOTOGRAPHEN INSZENIEREN DIE 7IRKLICHKEIT !UFNAHME UM
keit nicht zerstÜren. Dahinter liegt der Bereich des Privatwirtschaftlichen und noch weiter dahinter derjenige des Intimen und Geheimen. Privatwirtschaftliche Interessen sollen als partikuläre Interessen weder das Öffentliche dominieren noch das Gesellige zerstÜren kÜnnen. Das Intime zählt zum innersten Bereich des Privaten, es beherbergt die Affekte, die weder zum Öffentlichen noch zum Geselligen noch zum Privatwirtschaftlichen zählen.
))) $IE :ERSTyRUNG ODER DER 6ERLUST DER B~RGERLICHEN 5NSCHULD
Zur ZerstÜrung der strikten Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit haben viele Entwicklungen beigetragen. Die wichtigste aber ist die AblÜsung der Medien von diesem bßrgerlichen Milieu. Durch die Aufklärungsbewegungen mit ihren Periodika und insbesondere durch die Revolutionen an der Schwelle zur Moderne zum demokratischen Rechtsstaat wurden die seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Zeitungen politisiert und damit zu Organen von Parteien. Mit anderen Worten: Diese klassischen Leitmedien hatten keine Ükonomischen Interessen, sie sprachen den Staatsbßrger an und verlängerten die Parlamentsdebatten in den Üffentlichen
Raum. Die Medien erweiterten damit das Öffentliche ßber die VersammlungsÜffentlichkeiten der Aufklärungs- und Bildungsgesellschaften sowie der Parteien hinaus. Nur dadurch konnten nationale Gesellschaften entstehen, in denen sich ein Gemeinsamkeitsglaube, also ein bßrgerliches Nationalbewusstsein auch zwischen Fremden entwickelt. Die Besitzer dieser Medien waren Parteien und Vereine und später, mit dem Aufkommen der Werbung, kamen die Forumsmedien dazu, welche im Besitz von zu den städtischen bßrgerlichen Eliten gehÜrenden Verlegerfamilien waren. Bei den Qualitätszeitungen ist das noch bis heute der Fall. Erst die Entbettung der Medien aus diesem sozialen Kontext machte sie zu reinen Renditeunternehmen, die nicht mehr das Staatsbßrgerpublikum, sondern den Medienkonsumenten ansprechen. Dadurch veränderten sich die Medieninhalte. Der Prozess der vollständigen AblÜsung der Medien fand erst in den letzten 30 Jahren statt. Mit diesem Prozess veränderten sich die Medieninhalte radikal. Das Intime, das PersÜnliche, Charaktermerkmale, Lebensstile und die Skandalisierung, Personalisierung und Konfliktstilisierung machen das Private Üffentlich, weil die wichtigsten Träger Üffentlicher Kommunikation, die Medien, privat geworden Responsible Wealth Review – Juni 2008
sind. Diese Privatheit unterscheidet sich jedoch von der bĂźrgerlichen Geselligkeit grundsätzlich: die soziale Norm der Diskretion widerspricht direkt dem Geschäftsprinzip der Boulevardformate in den Zeitungen und im Fernsehen. Dieses Geschäftsprinzip ist auf mediale Verbreitung des Intimen fixiert. Dadurch wird das Private zugleich mit dem Ă–ffentlichen zerstĂśrt. Diese ZerstĂśrung bedeutet jedoch die ZurĂźckdrängung des besseren Arguments und damit der Vernunft im Ăśffentlichen Raum, weil immer mehr Privates und Intimes die Debatten um das AllgemeingĂźltige beeinflussen. Das Private, mehr noch das aufgedeckte oder inszenierte intime Geheimnis des politischen wie des Ăśkonomischen Personals eignen sich nicht fĂźr eine Ăśffentliche Debatte um das bessere Argument. Charakterdarstellungen, Charakterurteile, Skandalisierungen und Home Storys kann man zur Kenntnis nehmen, aber genauso wie bei Geschmacksurteilen nicht vernĂźnftig darĂźber streiten. Das bessere Argument tritt hinter die Charaktermerkmale des politischen und Ăśkonomischen Personals und deren Charisma zurĂźck. Ăœberzeugung durch gute Argumente wird durch Affekte fĂźr oder gegen jemanden ersetzt. Gleichzeitig erodiert das Private als Hort der gemeinschaftlichen Geselligkeit. Verantwortungsvolles Handeln weicht einem Krieg aller gegen alle, der privatwirtschaftliche Wettbewerb erobert auch die Freizonen bĂźrgerlicher Geselligkeit und unterzieht die gesamte Freizeitgestaltung der Kommerzialisierung.
)6 $IE :UKUNFT ODER WENN DAS 0RIVATE yFFENTLICH IST
Angesichts dieser Privatisierung des Üffentlichen Raums und der Öffentlichmachung der Privatsphäre mÜchte ich hier auf einige Aspekte dieses grundlegenden Wandels der Inhalte in der Üffentlichen Kommunikation eingehen:
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s 7ENN ES UM 0OLITIK GEHT HABEN WIR ES HEUTE mit einem ÂŤPferderennen-JournalismusÂť zu tun, der auf die persĂśnlichen Leistungen der Kandidaten und deren Fähigkeit, ihre PersĂśnlichkeit in Szene zu setzen, fixiert bleibt. Politische Fragen zur Struktur des Gemeinwesens treten demgegenĂźber in den Hintergrund. s $ESHALB ENTSCHEIDEN IMMER MEHR "Ă“RGErinnen und BĂźrger nicht politisch, sondern aufgrund ihrer Sympathie und Antipathie fĂźr oder gegen einen Kandidaten. s -ORALISCHE 4HEMEN WIE SEXUELLE "ELĂ˜STIgung, Rauchen, Essgewohnheiten sowie jede Art von Missbrauch sind zu politischen Fragen geworden. In der Ăśffentlichen Kommunikation erleben wir einen moralischen Tsunami. s âBERALL IN %UROPA GEWINNEN MEHRHEITLICH aber nicht nur, rechtspopulistische Bewegungen an Bedeutung. Mit hoch emotionalisierten Kampagnen machen sie Stimmung gegen Fremde und deren religiĂśse Orientierung, gegen Kriminalität, die eng mit Immigranten verbunden wird, und gegen das Verhalten politischer und wirtschaftlicher Eliten, welche die Interessen des Volks verraten – sie sprechen systematisch von einer neuen politischen Klasse. Aber das ist nicht alles: Was die Armen anbetrifft, so fordern diese rechtsgerichteten Bewegungen Ăźberall in Europa mit Nachdruck den gläsernen Menschen, der den BehĂśrden bis ins letzte Detail Ăźber seine Einkommenssituation Auskunft geben muss, um soziale UnterstĂźtzung zu erhalten. Immer häufiger beauftragen die BehĂśrden Sozialdetektive mit der Aufgabe, das Leben dieser Personen zu durchleuchten. Es ist klar, dass diese verstärkten Ăśffentlichen Nachforschungen im Privatleben die Privatsphäre als Ganzes schwächen, weil linkspopulistische Akteure das Argument aufnehmen werden, um auch Wohlhabende zu gläsernen Personen zu machen.
s !NGESICHTS DIESER 3KANDALISIERUNG UND Konfliktstilisierung werden moralische Fragestellungen zum wichtigsten Gradmesser dieser populistischen Bewegungen. s :U DEN INTERESSANTESTEN %NTWICKLUNGEN zählt die Personalisierung der Wirtschaft. Die Wirtschaftsberichterstattung folgt heute denselben Regeln wie die politische Berichterstattung. Frßher war die Wirtschaftsberichterstattung auf die Organisation ausgerichtet. Aber infolge der Personalisierung und Privatisierung von Üffentlichen Kommunikationsunternehmen steht heute nicht mehr die Organisation, sondern der CEO im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Reputation des amtierenden CEO wird fßr die Steigerung der Reputation eines Unternehmens immer wichtiger. Dieser Prozess fßhrt zu einer weit hÜheren Volatilität der Reputation, weil das Ansehen einer einzelnen Person viel anfälliger ist als diejenige einer Organisation. Ergebnis dieses Prozesses sind CEOs als charismatische Rollenvorbilder, was wiederum zur Folge hat, dass die Unternehmen mit jedem CEO grundlegend erneuert werden. Denn charismatische Rollen sind an die soziale Regel gebunden, welche die Besitzer dieser Rollen zwingt, ihrer Funktion eine vÜllig neue Richtung zu geben. Jeder charismatische Unternehmensfßhrer muss sich heute von der Vergangenheit abgrenzen – ich werde Sie in eine rosige Zukunft fßhren. Aber dieser Fßhrungsanspruch hinsichtlich einer besseren Zukunft, gepaart mit den pseudoreligiÜsen Begabungen des Unternehmensfßhrers, ist nur von kurzer Dauer. Aktionäre, Analysten und Medien fordern umgehend Leistung. Wer die Erwartungen nicht erfßllt, wird vom nächsten CEO abgelÜst, mit dem eine neue Ära beginnt und der wiederum eine grundlegende Erneuerung des Unternehmens einleitet. s 7AS BRAUCHT ES UM GEGEN DIESEN 0ROZESS anzukämpfen? In den wichtigsten Ländern be-
+URT )MHOF IST 0ROFESSOR F~R 3OZIOLOGIE UND 0UBLIZISTIKWISSEN SCHAFT AN DER 5NIVERSITiT :~RICH 3CHWEIZ UND ,EITER DES &ORSCHUNGSBEREICHS dFFENTLICHKEIT UND 'ESELLSCHAFT FyG
findet sich der Ăśffentliche Raum in einem denkbar schlechten Zustand. Qualitätsjournalismus und interessante publizistische Konflikte schwinden, während der moralische Tsunami gegen Einzelpersonen wĂźtet. Inzwischen stecken auch die weltweit bedeutendsten Qualitätszeitungen in einer tiefen Krise. NZZ, SĂźddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Le Monde, The Guardian, New York Times, Washington Post usw. mĂśgen die Zentralorgane des Ăśffentlichen Raums sein, aber ihnen mangelt es an einem Finanzierungsmodell zur Sicherung ihres wirtschaftlichen Ăœberlebens. Heute sollte es aber allen – selbst den hartnäckigsten BefĂźrwortern des Marktes – klar sein, dass eine uneingeschränkte Marktorientierung fĂźr den Ăśffentlichen Raum die falsche Medizin ist. Wir benĂśtigen Qualitätsmedien, um einerseits den westlichen Lebensstil zu bewahren und andererseits eine vernĂźnftige Politik und vernĂźnftige BĂźrger zu gewährleisten. Mit andern Worten: Wir haben es in der Ăśffentlichen Kommunikation mit dem grĂśssten Marktversagen zu tun, das es je gab. Und wenn wir angesichts moralischer Tsunamis und identischer Inhalte in sämtlichen Medienformaten ein solches Marktversagen auch im Ăśffentlichen Raum beobachten, dann sollten wir Ăźber die Modelle zur Finanzierung von Qualitätsmedien nachdenken. Responsible Wealth Review – Juni 2008
Œ!NSPR~CHE AUF 0RIVACY OPFERN§ $IE 0RIVATSPHiRE IST EIN -ENSCHENRECHT URTEILT DER F~HRENDE AMERIKANISCHE 0RIVACY &ORSCHER !LAN & 7ESTIN %INE JUNGE GLOBAL VERNETZTE )NTERNET 'ENERATION BEWERTET DIE FREIE +OMMUNIKATION FREILICH HyHER ALS DAS 2ECHT DES )NDIVIDUUMS AUF 0RIVATSPHiRE 0ROFESSOR 7ESTIN GEHT VON 'OOGLE DIE GRySSTE 'EFAHR AUS F~R UNSERE 0RIVATSPHiRE
Alan F. Westin: Google an sich stellt keine Gefahr fßr die Privatsphäre dar. Google ist die Triebfeder der Vorteile, die das Internet immer häufiger bringt. Aber wir sind gerade mitten drin, neue Regeln fßr die Privatsphäre innerhalb der von Google geprägten Welt auszuarbeiten. 7ELCHE +ERNPUNKTE BESTIMMEN DIE NEUEN 2EGELN
Westin: Junge Menschen sind häufig bereit, sehr rasch ihre privaten Informationen preiszugeben. Nie zuvor gab es ein Kommunikationsmittel wie das Internet, mit dem die Leute so einfach weltweit kommunizieren konnten. Es verfßhrt dazu, eine enorme Menge von Informationen ßber sich selbst zu verÜffentlichen. 7AS MOTIVIERT DIE ,EUTE IHRE )NFORMATIONEN
AUF 7EBSITES WIE &ACEBOOK ODER -Y3PACE MIT &REMDEN ZU TEILEN
Westin: Es ist eine Generationsfrage. Heute wachsen junge Menschen problemlos in eine Kommunikationswelt hinein. Die Technologie, nicht Fragen um die Privatsphäre bestimmt, wie diese Generation ßber das Kommunizieren nachdenkt. Zwar warnen Privatsphäre-Experten, dass Arbeitgeber oder Gesetzeshßter einfach sehen kÜnnen, was ins Internet gestellt wird. Aber derzeit werten viele die freie Kommunikation hÜher als das Recht auf Privatsphäre. 3TiRKEN ODER SCHWiCHEN NEUE 4ECHNOLOGIEN DIE
0RIVATSPHiRE
Responsible Wealth Review – Juni 2008
Westin: Beides passiert. Anfänglich haben Technologien wie Lauschgeräte oder Computer hauptsächlich grossen Organisationen gedient, selten aber Einzelpersonen. Zuerst der Personal Computer, dann das Mobiltelefon und schliesslich das Internet fßhrten einen Wechsel herbei. Technologie hat die Menschen gestärkt und ihnen MÜglichkeiten gegeben, ihre Privatsphäre besser zu wahren, etwa mit Verschlßsselungssoftware. 7AS IST 0RIVATSPHiRE
Westin: Privatsphäre wird oft als etwas schwer Fassbares beschrieben. Das trifft aber nicht zu. Privatsphäre bedeutet, dass jede Person ein Recht darauf hat, selbst zu entscheiden, an wen sie wann welche Informationen preisgibt. Zudem beschriebe ich vier Zustände der Privatsphäre: Einsamkeit, Vertrautheit, Distanziertheit und Anonymität. 7IE WICHTIG IST F~R 3IE DIE EIGENE 0RIVATSPHiRE
Westin: Fßr mich ist Privatsphäre extrem wichtig. Auf Facebook bin ich nicht. Ich will selber bestimmen kÜnnen, was ßber mich verÜffentlicht wird. Das ist der Kern der Privatsphäre. 7ARUM IST ES WICHTIG F~R -ENSCHEN DASS SIE SELBER ENTSCHEIDEN KyNNEN WAS ~BER SIE BEKANNT IST
Westin: Wir alle brauchen Ruhe. Um uns zu fangen, um zu reflektieren, um wichtige Entscheide zu treffen mßssen wir immer wieder aus den Augen und den Ohren anderer verschwinden kÜnnen. Es wäre extrem schädlich fßr Men-
&~HRENDER 0RIVACY &ORSCHER !LAN & 7ESTIN EMERITIERTER 0ROFESSOR DER #OLUMBIA 5NIVERSITY .EW 9ORK
schen, keine RßckzugsmÜglichkeiten in die Privatsphäre zu haben. Zudem besteht eine enge Verbindung zwischen Privatsphäre und Diskriminierung. In unserer Gesellschaft werden Informationen genutzt, um Rechte, Vorteile oder MÜglichkeiten an Konsumenten, Bßrger oder Angestellte zu verteilen. 3IE BEGANNEN IN DEN F~NFZIGER *AHREN SICH MIT DER
0RIVATSPHiRE WISSENSCHAFTLICH ZU BEFASSEN 7ARUM HIELT )HR )NTERESSE AM 4HEMA WiHREND NUNMEHR
Westin: Historisch gesehen kannte jede Gesellschaft mit einem hohen Grad an Freiheit stets das Recht auf Privatsphäre. Autoritäre Gesellschaften hingegen hinterfragen und bedrohen das Recht auf Privatsphäre ständig. Privatsphäre ist ein Teil der Geschichtsschreibung der Freiheit, wofßr ich mich schwergewichtig interessiere. )HR ERSTES "UCH ~BER 0RIVATSPHiRE ERSCHIEN KURZ NACH DER AMERIKANISCHEN "~RGERRECHTSBEWE
GUNG %IN *AHR SPiTER WURDE 2ICHARD .IXON ZUM 53 0RiSIDENT GEWiHLT 7IE WICHTIG WAR ÂŻ ODER IST ÂŻ .IXON F~R DIE 0RIVATSPHiRE "EWEGUNG
Westin: Er ist der Pate der Privatsphäre. In den späten sechziger und frßhen siebziger Jahren sprach ich in Reden ßber die zahlreichen neuen Probleme im Umfeld der Privatsphäre. Die Leute sagten, das ist alles nur hypothetisch, wer wird denn Informationen sammeln und sie gegen irgendjemanden anwenden?. Mit Watergate dramatisierte Nixon das missbräuch-
"ILD 3TEFAN &ALKE
F~NF *AHRZEHNTEN AN
liche Sammeln von Informationen. Ohne Watergate hätte 1974 der Privacy Act, das US-Gesetz fßr die Privatsphäre, nie verabschiedet werden kÜnnen. $ANN WAR 7ATERGATE IN DEN 53! DIE 4RIEBFEDER F~R
DIE 'ESETZGEBUNG DER 0RIVATSPHiRE 7AS WAR DER !NTRIEB IN %UROPA
Westin: Die Erinnerung an den Faschismus und die Nazis brachte zuerst in Schweden, dann in Deutschland und schliesslich in der ganzen EU die Einsicht, dass Privatsphäre ein Menschenrecht ist. Responsible Wealth Review – Juni 2008
7IE UNTERSCHEIDEN SICH DIE JURISTISCHEN !NSiTZE IN DEN 53! UND IN %UROPA HINSICHTLICH 0RIVATSPHiRE
Westin: Die europäische Tradition orientiert sich weit mehr an spezifischen Regeln und Gesetzen. Während in den USA die Laissez-faireTradition vorherrscht. Wir sagen, zeig mir zuerst den Schaden, wenn es nicht schadet, kÜnnen es die Leute tun. 3IE ANALYSIEREN DIE 0RIVATSPHiRE 2ECHTE WOHLHA
BENDER -ENSCHEN $ABEI BETONEN 3IE DASS DIE
2EICHEN UND DIE "ER~HMTEN IMMER HiU½GER DAS :IEL GROSSANGELEGTER $ATENSAMMLUNGEN WERDEN
Westin: Seit dem Mittelalter in Venedig waren Wohlhabende in der Lage, ihr Geld ausserhalb der offiziellen Systeme zu verwalten. Seit dem Anfang von Finanzsystemen nutzen sie dafĂźr Privatbanken und private Geldwechsler. Noch immer gibt es private Schweizer Konten und Banken auf den Cayman Islands. Es gibt also MĂśglichkeiten fĂźr die Wohlhabenden, ihre Finanztransaktionen privat zu halten. 2EGIERUNGEN WOLLEN DIESE GELEGENTLICH ~BER PR~FEN
Westin: Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu wissen, wenn Geld genutzt wird, um das WirtWestin: Es ist ein Paradox der Privatsphäre. schaftssystem, die Sicherheit oder den politiOft mßssen Arme und Mittelständige sehr viel schen Prozess zu beeinflussen. Wir mßssen demehr preisgeben, um in den Genuss von staat- finieren, was rechtmässig privat gehalten werden lichen Dienstleistungen oder wirtschaftlichen kann. Das kann nur von Fall zu Fall geschehen. Vorteilen zu gelangen. Die Reichen haben da wenig zu fßrchten. Anderseits sind die Aktivitä- (iU½GER WOLLEN 2EGIERUNGEN &INANZINFORMATIO ten der Reichen und Berßhmten seit Beginn der NEN UNTEREINANDER AUSTAUSCHEN 7IE KANN IN SOL Zeitrechnung von enormem Interesse. Die Rei- CHEN &iLLEN DAS 2ECHT AUF 0RIVATSPHiRE GESCH~TZT chen und Mächtigen kÜnnen sich in private Sied- WERDEN lungen zurßckziehen und mit Privatflugzeugen Westin: Es gibt keine Weltregierung. Wir hafliegen. Gleichzeitig sind sie ständig Zielscheibe ben Einzelstaaten. Es gibt verschiedene Traditider medialen Öffentlichkeit. Alle wollen wissen, onen und unterschiedliche Rechts- und Finanzwie sie ihr Geld ausgeben oder wie sie ihre Haare systeme. Geld bewegt sich global. Es gibt zwar schneiden. Anstrengungen, eine Norm zu kreieren fßr den Austausch von Finanzinformationen. Das wird 7IE KyNNEN SICH DIE 7OHLHABENDEN SCH~TZEN kaum funktionieren, da es keine Zauberformel Westin: Sie mßssen ständig auf dem Laufen- gibt. Meist muss von Fall zu Fall entschieden den sein, was ßber sie gesagt wird, geschrieben werden. Die Frage sollte dabei immer lauten: Zu und gezeigt wird. Immer mehr benutzen Dienst- welchem Zweck will eine Regierung Informatioleistungen, die ihnen dabei helfen, und mit de- nen einer Einzelperson in einem anderen Staat nen sie im Notfall reagieren kÜnnen. sammeln? 7ARUM
$IE 2EICHEN SIND ZUDEM DEM +ONžIKT AUSGESETZT
/FT GEHT ES UM 3TEUERFRAGEN 7IE LySEN
)NTERESSE VON 2EGIERUNGEN &INANZINFORMATIONEN
SEINE 3TEUERZAHLER NICHT VERLIEREN WILL UND
ZWISCHEN DEM 2ECHT AUF 0RIVATSPHiRE UND DEM
ZU SAMMELN UND MIT ANDEREN ZU TEILEN 7IE LySEN
3IE DIESEN +ONžIKT AUF Responsible Wealth Review – Juni 2008
3IE DEN +ONFLIKT ZWISCHEN EINEM 3TAAT DER
DEM 2ECHT EINER %INZELPERSON AUF FINANZIELLE 0RIVATSPHiRE
Westin: Historisch gesehen waren Steuern stets ein wichtiger Bestandteil der PrivatsphäreDebatte. Ein Staat will Steuereinnahmen. Diese sichert er sich entweder auf demokratischem oder diktatorischem Weg. Dann muss er das Geld fßr die richtige Sache verwenden. Einzelpersonen hatten stets das Gefßhl, das ist mein Geld, ich habe es dank meiner Denkfähigkeit oder meiner Arbeit verdient, und ich mÜchte so wenig wie mÜglich davon abtreten. Das ist ein anhaltender Konflikt.
!LAN & 7ESTIN IST EMERITIERTER 0ROFESSOR DER #OLUMBIA 5NIVERSITY IN .EW 9ORK AN DER ER *AHRE LANG yFFENTLICHES 2ECHT UND 3TAATSKUNDE GELEHRT HATTE 7ESTIN GILT ALS F~HRENDER 0RIVACY %XPERTE $IE &RAGEN STELLTE 0ETER (OSSLI %R IST FREIER *OURNALIST UND LEBT IN .EW 9ORK
7IE LySEN 3IE DEN +ONžIKT AUF
Westin: Von Fall zu Fall. Es scheint einen grossen wirtschaftlichen und sozialen Vorteil zu geben, private GeldstrĂśme ausserhalb des Radars zu halten. Deshalb lassen Regierungen das auch zu. Wird es aber missbraucht, oder sind zu viele Transaktionen illegal, so dass ein Staat nicht mehr genĂźgend Geld kriegt um seine Pflichten zu erfĂźllen, dann wird er sich dagegen wehren. )ST 'ELD DIE INTIMSTE )NFORMATION DIE -ENSCHEN PRIVAT HALTEN WOLLEN
Westin: Seit mehr als vierzig Jahren fĂźhre ich Umfragen durch, wobei stets zwei Bereiche als besonders wichtig angesehen werden: Die Finanzen und die Gesundheit. In den Augen vieler offenbaren Finanzinformationen alles. 7ARUM IST DIE 0RIVATSPHiRE WICHTIG WENN ES UM 'ESUNDHEIT GEHT
Westin: Weil ein enger Zusammenhang zwischen Gesundheit und Diskriminierung besteht. Ist mein Gesundheitszustand bekannt, dann kann mein Arbeitgeber gegen mich vorgehen. Eine Versicherung kann eine Police entweder ablehnen oder aber die Prämien erhÜhen. Eine Krankheit kann eine Person zudem stigmatisieren.
7IE HAT DER 4ERRORANSCHLAG VOM 3EPTEMBER DAS 2ECHT AUF 0RIVATSPHiRE VERiNDERT
Westin: Dramatisch. Es hat sich ein Konflikt entwickelt zwischen der Regierung, die beschränkt in die Privatsphäre eingreifen soll, und einer Welt, in der Mobiltelefone, das Internet oder GeldstrÜme von Terroristen genutzt werden. Die Leute wollen beides. Sie wollen der Regierung die Macht geben, gegen Terroristen vorzugehen, aber sie werden sehr nervÜs, wenn die Regierung den E-Mail-Verkehr ßberwacht und bei Telefongesprächen mithÜrt. Wir mßssen die richtigen Limiten finden und Sicherungen einbauen. Um sicher zu bleiben, mßssen wir wohl gewisse Ansprßche auf Privatsphäre opfern. 7AS WERDEN DIE GROSSEN 4HEMEN DER 0RIVATSPHiRE &ORSCHUNG IN DEN NiCHSTEN *AHREN SEIN
Westin: Das Internet ist und wird die Triebfeder sein. Wir mßssen den Leuten darlegen wie wichtig es ist, dass sie an ihre Privatsphäre denken, wenn sie das Internet nutzen.
Responsible Wealth Review – Juni 2008
$IE !NTRIEBSKRiFTE DES GLOBALEN 7ANDELS verteilung der Artenvielfalt und ihrer Lebens!L 'ORE HAT F~R DAS 4REFFEN DES 0RIVATE 7EALTH #OUN räume; neu einwandernde Arten; Wachstum CILS IM *AHRE IN "AD 2AGAZ 3CHWEIZ SEINE ,ISTE und Ausbreitung der Insekten. Zunahme von DER 4REIBER GLOBALER 6ERiNDERUNGEN ENTWICKELT Krankheitsßberträgern (Zecken, Mßcken etc.) $IESE WURDEN MIT DEN 4EILNEHMERN DES #OUNCILS – Mikrobische Verlagerung auf hÜhere BreiDISKUTIERT %NTSTANDEN IST EINE AUSDRUCKSSTARKE !UF tengrade und HÜhen (aufgrund hÜherer LISTUNG VON -EGA 4RENDS Temperaturen, wärmerer Nächte, milderer
'LOBALE 5MWELTKRISE
$IE GLOBALE %RWiRMUNG
– Klimatisches Ungleichgewicht: StĂśrung des gĂźnstigen, stabilen Gleichgewichts in Gebieten, die in den letzten 10 000 Jahren fĂźr Besiedlung und Ackerbau ausgewählt wurden. – Stärkere, feuchtere, zerstĂśrerische StĂźrme – Niederschlagsmuster im Wandel: Insgesamt global mehr Niederschläge bei steigender Verdunstung Ăźber den Ozeanen, aber starke RĂźckgänge in einigen Regionen; prozentuell hĂśhere Niederschläge bei grossen StĂźrmen (5 cm oder mehr in 24 Stunden); prozentuell mehr Regen im Vergleich zu Schnee; Schneeschmelze und Schmelzwasserabfluss finden frĂźher statt. Schnellere Verdampfung der Bodenfeuchtigkeit; mehr Ăœberschwemmungen und DĂźrren gleichzeitig – Wassermangel: Verschmutzung der Trinkwasservorräte; Raubbau der Grundwasservorräte – Abschmelzende Gletscher und Eisflächen: Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter mit Verdrängung von vielen Millionen Menschen; zunehmende Gefahr eines Anstiegs von Ăźber 7 Metern in diesem Jahrhundert; Risiko eines kĂźhler werdenden Nordatlantiks mit daraus resultierender Verlangsamung des Golfstroms und plĂśtzlicher AbkĂźhlung in Nord- und Westeuropa – Radikale Ă„nderungen bei den Grenzen Ăśkologischer Nischen fĂźr Tiere und Pflanzen. NeuResponsible Wealth Review – Juni 2008
Winter und weniger Frosttagen) – Zunehmend ausser Kontrolle geratender Treibhauseffekt :ERSTyRUNG DER -EERESPRODUKTIVITiT
– Raubbau durch Seefischerei – Ăœbersäuerung der Meere – Radikale Veränderungen bei der Salzverteilung; kĂźhlere Arktis und kĂźhlerer Nordatlantik, mehr Salzgehalt in tropischen Meeren – Verlust der Korallenriffe und der von ihnen abhängigen Tierarten – Einfluss der Seefahrt auf die biologische Vielfalt (fremde Arten, Verlagerung, Schiffsrumpfslack zur Bewuchsverhinderung, Abfallverkippung etc.) 6ERLUST DER 2EGENWiLDER UND &EUCHT GEBIETE SOWIE DER SICH DARIN KONZENTRIERENDEN BIOLOGISCHEN 6IELFALT
6ERW~STUNG UND !USTROCKNUNG
– Zunehmende Wßstenbildung – Verlagerung von VÜlkern (Beispiel: Flßchtlinge aus dem verwßsteten Tschad ziehen nach Darfur) – Mehr Sandstßrme, besonders in den Randgebieten von Gobi und Sahara $IE +RISE DES !USSTERBENS ENTSPRICHT VOM 5MFANG HER DEN DREI BISHERIGEN GLOBALEN !USSTERBENSPHA SEN VOR -ILLIONEN -ILLIONEN UND -IL LIONEN *AHREN
– Verlust der biologischen Vielfalt weltweit; Verlust der Vielfalt auf genetischer Ebene; folglich Verlust der Ökosystem-Flexibilität 6ERLUST DER 0RODUKTIVITiT IN DEN OBEREN
"ODENSCHICHTEN UND FOLGLICH !USWIRKUNGEN AUF DIE LANDWIRTSCHAFTLICHE 0RODUKTION
6ERSCHLECHTERUNG UND 6ERLUST DER WAWILOWSCHEN :ENTREN DES +EIMPLASMAS UND DER GENETISCHEN 6IELFALT DER .AHRUNGSFR~CHTE
,UFTVERSCHMUTZUNG IN 3TiDTEN $AUERHAFTE LANGFRISTIGE 'IFTABFALLANHiUFUNG
'LOBALE 4RANSITION IM %NERGIESEKTOR
3TEIGENDER dLPREIS ÂŻ %RSATZ F~R 2ESERVEN IMMER TEURER
– Instabile Preise – Macht der OPEC bei der Preisbildung kehrt zurßck – Intensiver geopolitischer Wettbewerb beim Zugriff auf Vorkommen, geopolitische Instabilität – Immer kostspieligere Gewinnung von Öl aus den vorhandenen Reserven, Knappheit an Fachkräften – Energiesicherheit im Umfeld der Kohlenstoffverknappung 7ETTLAUF BEI DER %NTWICKLUNG VON KOSTENEFFEK
TIVEN ERNEUERBAREN %NERGIEN UND ŒSAUBEREREN§ 6ERSIONEN ALLER !LTERNATIVEN ZU dL UND +OHLE ZU NEHMENDES )NTERESSE AN %RDGAS %F½ZIENZ UND %RHALTUNG
#/ !BSCHEIDUNG UND !USSTOSS 3TEILER !NSTIEG DES #/ (ANDELS NACH )NKRAFTTRETEN DES +YOTO !BKOMMENS
2EAKTION DER GLOBALEN %NERGIEPOLITIK #/ 3TEUERN $RUCK AUF DIE .EUGESTALTUNG UND STRUKTURIERUNG
ALLER 3YSTEME WELCHE GROSSE %NERGIEVERBRAUCHER TANGIEREN
!UFERSTEHUNG DER +ERNENERGIE MIT 5NTERST~TZUNG DER 2EGIERUNGEN UND 7IDERSTAND DER 6ERSORGER
$RUCK AUF ŒSAUBERE +OHLE§ ¯ BESONDERS IN DEN 53! UND #HINA
:UNEHMENDER 2ESSOURCEN .ATIONALISMUS
"EVyLKERUNG $EMOGRA½E
6ERVIERFACHUNG DER 7ELTBEVyLKERUNG IN DEN LETZ
TEN *AHREN VON AUF -ILLIARDEN 3TABI
LISIERUNG BEI ~BER -ILLIARDEN IN DEN NiCHSTEN *AHREN WEITERHIN BEUNRUHIGENDER 3CHWUNG
:UNEHMEND UNGLEICHE 6ERTEILUNG DES 2EICHTUMS ZWISCHEN ENTWICKELTEN 3TAATEN UND %NTWICK
LUNGSLiNDERN UND INNERHALB VON ,iNDERN BEIDEN 4YPS TROTZ GROSSEM 'ESAMTWACHSTUM AN 6ERMy GEN UND 0RODUKTIVITiT
– Globale Armut erfordert mehr Aufmerksamkeit – Wachsende Märkte am Boden der Pyramide 5RBANISIERUNG UND !USBREITUNG VON -EGA 3TiD
TEN ~BER -ILLIONEN %INWOHNER HAUPTSiCHLICH IN DEN WENIGER ENTWICKELTEN ,iNDERN
Responsible Wealth Review – Juni 2008
– Verdoppelung der Stadtflächen weltweit in den nächsten 30 Jahren
Œ.EUE§ +RANKHEITEN TAUCHEN AUF
-IGRATION
0ANDEMIEN BEI 4IEREN UND 0žANZEN
– Explosives BevÜlkerungswachstum der Entwicklungsländer wird angezogen vom Vakuum des BevÜlkerungsrßckgangs in den entwickelten Ländern – Fremdenfeindlichkeit und Bedrohung fßr den demokratischen Pluralismus
– Bienenmilben, plÜtzliches Eichensterben etc. – Monokulturen bei den Feldfrßchten steigern die Anfälligkeit
&L~CHTLINGSKRISEN
– Staatenlose Menschen – Umweltflßchtlinge – Kulturelle und ideologische Konflikte
– Ăœberalterung und BevĂślkerungsrĂźckgang (ausgenommen Immigration) in entwickelten Ländern – HĂśhere Gesundheits- und Rentenkosten FR~HERE
(EIRATSUNGLEICHGEWICHT
0UBERTiT
7ISSENSCHAFTLICHE UND TECHNOLOGISCHE (YPERREVOLUTION
'ENETISCHE 6ERiNDERUNG VON -ENSCHEN 4IEREN
,iNGERE ,EBENSERWARTUNG UND KLEINERE &AMILIEN
'LEICHBERECHTIGUNG
– SARS, Vogel-Grippe etc.
UND
– Sozialer und kultureller Wandel *UGENDZUWACHS BRINGT BEI ZU GERINGER "ESCHiF TIGUNG POLITISCHE )NSTABILITiT IN WICHTIGEN "EREI CHEN
– Saudi-Demographie und Auswirkungen auf den Ölpreis und die politische Instabilität der Region
UND 0žANZEN
– Medizin auf genetischer Grundlage – Klonierung – Auswahl und Steigerung von Charakteristiken – Lebensverlängerung – Verwischen der Grenzen zwischen Arten und zwischen Leben und Maschinen 3CHNELLE 6ERBREITUNG VON 3UPER 2ECHNERN
– Beschleunigung des technischen Fortschritts der Systeme durch Superrechner – Informationen ersetzen Stoffe als Hauptquelle der meisten wirtschaftlichen Werte +~NSTLICHE )NTELLIGENZ 2OBOTERTECHNIK
0ANDEMIEN
()6 !)$3 4" UND -ALARIA !NTIBIOTIKA RESISTENTE 3TiMME VON FR~HER BEREITS KONTROLLIERTEN +RANKHEITEN TAUCHEN WIEDER AUF
– Mutierte Superbazillen Responsible Wealth Review – Juni 2008
.ANOTECHNOLOGIE .EUE -OLEKULARTECHNIK UND NEUE -ATERIALWISSEN SCHAFT
.EUROWISSENSCHAFTEN UND 6ERHALTENSMANIPULA TION
.EUE WESENTLICH PRiZISERE %INSICHTEN IN DIE ¦MENSCHLICHE .ATUR§
!USBREITUNG DER -ASSENVERNICHTUNGSWAFFEN 6IELFACHE STiNDIG NEUE BEUNRUHIGENDE UND BISHER UNBEKANNTE 4ECHNOLOGIEN
(YPERREVOLUTION IN DER +OMMUNIKATION
!LLGEGENWiRTIGES "REITBAND )NTERNET
– Explosion beim Zugang zu Wissen: Immer mehr Online-Communities mit Selbstverwaltung, Organisationen und Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht; allgegenwärtige Computer-Explosion beim Zugriff auf Verarbeitungsleistung; preiswerte Computer-Arbeitsplätze für die 3. Welt; allgemein zugängliche Software begünstigt die schnelle Entwicklung von leistungsstarker und hoch effizienter Datenerfassung sowie von kostengünstiger Verarbeitungstechnologie. – Neue/alternative und kostengünstige Infrastrukturen für individuelle Kommunikation, grösseres Nutzungsspektrum beim universellen Drahtlosnetz auf der Erde und über Satellit – Öffnung der PC- und Mobilkommunikationsinfrastruktur ausserhalb des Einflussbereiches von einschränkenden Mega-Unternehmen – «X-Internet» für den Anschluss von Milliarden integrierter Sensoren und Geräte: Schnelles Wachstum bei der Technologie für Überwachung, Ortung und Personentransparenz, Verlust der Privatsphäre
$AS &ERNSEHEN ERSETZT DEN GEDRUCKTEN 4EXT ALS VORHERRSCHENDES -ASSENMEDIUM
– Satelliten-TV öffnet abgeschottete Kulturen – Kanalverbreitung über Kabel und Satellit – Das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften nimmt stark ab, allerdings sind Bücher nicht betroffen: Elektronischer Text gewinnt schnell an Beliebtheit, und Blogs werden zu einer neuen Kraft in Kultur und Politik; eine Text-Renaissance? Die Werbung schaltet von Papierveröffentlichungen auf die InternetSuche um. – Soziales und politisches Ungleichgewicht begleitet den Übergang von den Printmedien zum Fernsehen: Wegfall von Vermittlung durch Eliten. Kulturelles Ungleichgewicht und Verlust traditioneller Verhaltensmuster Ungleichgewicht bei den Werten und empfundener Bedeutungsverlust – Einengung und Herabsetzung des «Öffentlichen Forums» Rückgang beim Mitbestimmungsdialog – Niedrige Einstiegsschwellen bei den Printmedien werden durch hohe Einstiegshürden bei der Massenverbreitung von Videos ersetzt. – Bis das Internet stark genug für die Echtzeitübertragung ist, Massenverbreitung von Full-Motion-Videos – Konsolidierung von Besitzverhältnissen und Kontrollen Schwächung des auf Aufklärung abzielenden Regierens – Vernunftgründe verlieren an Boden gegenüber der rohen Gewalt – Stärkere Anfälligkeit gegenüber Ultranationalismus, Stammessystemen und totalitären Ideologien Responsible Wealth Review – Juni 2008
Mehr Propaganda- und Informationsstrategien – Bßrgerwiderstand; gemeinschaftliche Filterung und auf Ansehen basierende Einstufung von Informationsquellen durch Gleichgesinnte
'LOBALISIERUNG
–
– –
.EUVERTEILUNG VON !RBEIT UND )NVESTITIONEN AUF )4 "ASIS
– Abwanderung hochbezahlter Facharbeiter in reichere Länder – Ăœberschuss bei allen IndustriegĂźtern zu geringeren Preisen – Schnelles und ausgesprochen ungleichmässiges Wachstum auf den neuen Märkten – Bedrohung der Freihandels-Philosophie !UFSTIEG VON #HINA UND )NDIEN
– Neuverteilung der Machtverhältnisse in Asien – Mehr Wettbewerb bei globalen Ressourcen – Durchgreifen gegen Korruption
–
!NSTIEG VON &UNDAMENTALISMUS ALS 3TyRKRAFT UND /RGANISATIONSPRINZIP
2EGIONALEN %INHEITEN &LANDERN UND 7ALLONIEN
– Islamischer Fundamentalismus. Bedrohung weltlicher Regime. Androhung einer Kollision mit dem Westen. Androhung der Unterstßtzung des Terrorismus. Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten – Christlicher Fundamentalismus – Hinduistischer Fundamentalismus – Markt-Fundamentalismus
ETC
!USBREITUNG DER $EMOKRATIE
'LEICHZEITIGES !UFTRETEN VON ~BERNATIONALEN
%INHEITEN %5 .!&4! 74/ 5. ÂŻ PRIVILEGIERTE /RGANISATIONEN ETC UND
+ATALONIEN 1UEBEC .UNAVUT +URDISTAN !CEH
–
in neu aufgenommenen Ländern gelten als wirtschaftliche Bedrohung. Wiedergeburt separater Identitäten innerhalb der nachkolonialen Nationen, die nach dem 1. und 2. Weltkrieg entstanden sind. Stärkung der nationalen Autonomie in den ehemaligen Sowjetrepubliken Neustrukturierung der lateinamerikanischen Länder durch einheimische Mehrheiten, die sich ßber IT GehÜr und politischen Einfluss verschaffen, und durch Arme, welche angesichts der Ungleichheit bei Einkommen und Lebensstil die Geduld verlieren. Afrikanische Krisen (Bßrgerkriege, Hyperkorruption, schnelle Industrialisierung und soziales Chaos, HIV/Aids, Hunger, Dßrren etc.) erfordern globale Aufmerksamkeit und Beachtung. Bildung instabiler postnationaler Einheiten
– Europäische Geburtswehen bei Integration, Expansion und FĂźhrung: Währungsunion ohne Finanzkoordination sorgt fĂźr Ăœbergangskrise; Stärkung der nationalen Identitäten durch fremdenfeindliche Reaktionen auf Einwanderungsflut besonders bei den Muslimen (bei gleichzeitig laufendem Beitrittsantrag der TĂźrkei); niedrigere LĂśhne Responsible Wealth Review – Juni 2008
&EHLEN EINER EFFEKTIVEN GLOBALEN &~HRUNG
+RIEGE
$IE "EDROHUNG DURCH EINEN +ERNWAFFENKRIEG BESTEHT NACH WIE VOR
!L 'ORE IST EHEMALIGER 6IZE PRiSIDENT DER 6EREINIG TEN 3TAATEN UNTER 0RiSIDENT "ILL #LINTON
5NTERNEHMER UND PRO MINENTER 5MWELT SCH~TZER !US SEINER -ULTIMEDIAPRiSENTATION ~BER DIE GLOBALE %RWiRMUNG IST DIE MIT DEM /SCAR AUSGEZEICH NETE $OKUMENTATION Œ!N )NCONVENIENT 4RUTH§ DT Œ%INE UNBEQUEME 7AHRHEIT§ HERVORGEGANGEN )M *AHRE ERHIELT ER F~R SEIN 5MWELT %NGAGEMENT ZUSAMMEN MIT DEM 7ELTKLIMARAT DEN &RIEDENSNOBELPREIS
,ANG ANHALTENDE "~RGERKRIEGE WERDEN WEITER GEF~HRT
– Kongo/Kinshasa, Sudan, Kolumbien, Sri Lanka etc. !USBREITUNG VON -ASSENVERNICHTUNGSWAFFEN 4ERRORISMUS
– Schmutzige Kernwaffen – Gestohlene oder vom Schwarzmarkt stammende Kernwaffen – Biologische Kampfstoffe – Boden-Luft-Raketen – Billige, intelligente Waffen mit Lasersteuerung – Cyberterrorismus eBERREAKTION AUF 4ERRORISMUS 'EMEINSCHAFTEN AUF 'EISTES eBERZEUGUNGS GRUNDLAGE
+URZFRISTIGE )NVESTITIONSZIELE SCHAFFEN KEINE NACHHALTIGEN 3TRUKTUREN
– 100% jährlicher Umsatz im Portfolio beim durchschnittlichen Investmentfonds – Mehr Investmentfonds als Aktien – Der gesamte Markt geht auf Short statt Long. – Fehlende Investitionen in die Zukunft 5NVOLLSTiNDIGE
+URZFRISTIGES $ENKEN UND -ANGEL AN 6ISIONEN
3YSTEMISCHES 6ERSAGEN BEI DER +ONZENTRATION AUF ZUK~NFTIGE +ONSEQUENZEN DER GEGENWiRTIGEN %NTSCHEIDUNGEN UND 0OLITIK
– Fßhrung des Planeten wie ein Konkursunternehmen – Die TragÜdie der globalen Gemeingßter %INE 'ENERATION DER UNNACHHALTIGEN +REDIT VERGABE DES 6ERBRAUCHS UND DES !BFALLS
– Doppeldefizite – Asiatische Gläubiger der USA (besonders China) spielen eine wichtigere Rolle – Gefahr plÜtzlicher Folgen bei den Wechselkursen
7ERTMESSUNGEN
UNGENAUE
%RKENNUNG VON 2ISIKEN UND -yGLICHKEITEN
&ALSCHE !USRICHTUNG VON !NREIZEN F~R )NVESTOREN UND -ANAGER
2EFORMEN BRAUEN SICH ZUSAMMEN
– Risikokapitalismus, Verantwortlichkeit und Transparenz nehmen zu. – Die Produktion von Gemeingßtern durch Gleichgesinnte kann sich als Antriebsmotor der wirtschaftlichen Veränderung erweisen. – Die Investitionen am Boden der Pyramide stehen auf AugenhÜhe mit den nachhaltigen und verantwortungsbewussten Investitionen. – Zunehmendes Verständnis der systemeigenen Risiken der Nachhaltigkeit – Eingliederung von externen Kräften durch Geschäfte und Investitionen Responsible Wealth Review – Juni 2008
!UFWACHSEN MIT DEM )NTERNET $ASS SICH JUNGE -ENSCHEN IN yFFENTLICH ZUGiNGLICHEN /NLINE 5MGEBUNGEN HiUSLICH EINRICHTEN HAT WENIG MIT ,EICHTSINN UND VIEL MIT DEM 7UNSCH NACH KONTROLLIERTER !UTONOMIE ZU TUN $IE 5NTERSCHIEDE ZWISCHEN yFFENTLICHER UND PRIVATER )DENTITiT D~RFTEN SICH OHNEHIN BALD AUžySEN PROPHEZEIT *ONATHAN :ITTRAIN
Die Wertvorstellungen zum Thema Privatsphäre befinden sich im Wandel. Viele machen bei der Einstellung gegenĂźber der Privatsphäre eine altersbedingte Kluft aus, die sie bisher nur in den sechziger Jahren beim Rock ’n’ Roll erlebten. 55 Prozent aller Teenager mit Internetzugang haben auf Seiten wie MySpace Profile erstellt. Doppelt so viele Teenager wie Erwachsene haben ihren eigenen Blog. Junge Menschen tauschen zwar gerne Informationen Ăźbers Internet aus, sorgen sich aber interessanterweise auch mehr um die staatliche Ăœberwachung als Ă„ltere. Einige nehmen zur Kenntnis, dass ihre Identität trotz Datenschutzkontrollen aufgedeckt werden kann. Ein Grossteil der im World Wide Web verfĂźgbaren Informationen Ăźber Nutzer, die nach 1985 geboren wurden, stammt von diesen selbst. Sie Ăźbermitteln Unmengen von Fotos, Ansichten und Zustandsberichten Ăźber ihr Leben, die bis zur letzten Minute aktualisiert sind. Wer Freunde auf Fotos taggt, sorgt dafĂźr, dass diese Aufnahmen automatisch mit allen genannten Personen assoziiert werden – ein grosser Schritt auf dem Weg in eine Welt, in der es genĂźgt, an einem Event zu erscheinen, damit die eigenen Fotos und Namen via Internetsuche abgefragt werden kĂśnnen. Die Bedenken zu diesem Phänomen lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Die erste ist ausgesprochen patriarchalisch: Kinder kĂśnnen nicht beurteilen, wann persĂśnliche Informationen weitergegeben werden sollen und wann nicht. Wie bei anderen Entscheidungen mit beResponsible Wealth Review – Juni 2008
deutenden Auswirkungen auf ihr Leben – Vertragsabschluss, Alkoholkonsum, Filme mit gewalttätigem oder sexuellem Inhalt – sollten junge Menschen mÜglicherweise vor ßberstßrzten Entscheidungen geschßtzt werden, die Verletzungen ihrer Privatsphäre erleichtern. Die zweite Kategorie betrifft Menschen, die zwar rationale Entscheidungen treffen, wenn es um den kurzfristigen Informationsaustausch geht, aber unterschätzen, was geschehen kann, wenn diese Daten von Fremden indexiert, wiederverwendet und fßr neue Zwecke benutzt werden. Beide Arten von Bedenken sind berechtigt, und entsprechend kÜnnten wir PfÜrtner-Tools dazwischenschalten, um junge Menschen zu schßtzen, bis sie ein bestimmtes Alter erreicht haben und selbständig entscheiden kÜnnen.
+INDER UND %RWACHSENE TRENNEN
Genau diesen Ansatz verfolgt der amerikanische Children’s Online Privacy Protection Act von 1998 (COPPA, Gesetz zum Schutz der Privatsphäre von Kindern im Internet). Das COPPA enthält Vorschriften fßr die Betreiber von Websites und Diensten, die bewusst identifizierbare Informationen ßber Kinder unter 13 Jahren sammeln: Ohne Zustimmung der Eltern
dFFENTLICHE :URSCHAUSTELLUNG )NSZENIERTES ,EBENSGEF~HL AN DER :~RCHER 3TREETPARADE
"ILD 'EORGIOS +EFALAS +EYSTONE
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ist ihnen dies untersagt. Die Folgen sind an den meisten gängigen Websites, die Daten sammeln, zu erkennen, enthalten sie doch ein Kästchen, in dem der Nutzer oder die Nutzerin bestätigt, dass er/sie über 13 Jahre alt ist. Das Ergebnis war allerdings abzusehen. Kinder lernen schnell und geben ganz einfach ein Alter über 13 ein, um die gewünschten Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Die Einschränkung des Informationsflusses an Kinder erfordert ein Ausmass an Interventionen, das bisher die Bereitschaft jeder Rechtsprechung übertraf. Die häufigste Methode, um im Internet Kinder und Erwachsene zu trennen, ist die Identifizierung einzelner Netzwerkendpunkte, die primär oder häufig von Kindern benutzt werden, um die Aktivitäten dieser Endpunkte danach einzuschränken: PCs in Bibliotheken und öffentlichen Schulen werden oft durch Filtersoftware blockiert, was zuweilen auf umstrittene behördliche Auflagen zurückzuführen ist. Der Umstieg vom grundsätzlich reprogrammierbaren PC zu «Informationsgeräten», die von den Anbietern gesteuert werden können, würde die Kosten der Altersüberprüfung im Internet beträchtlich senken. Viele dieser Geräte – Mobiltelefone, iPods, Videospielkonsolen – könnten beim Kauf mit dem Geburtstag des Benutzers initialisiert oder in der Annahme verkauft werden, dass Kinder das Gerät benutzen, sodass dieses erst nach Überprüfung des Alters durch den Anbieter entsperrt wird. Genau so werden bereits viele Mobiltelefone mit Internetzugang verkauft, die keine Codeeingaben durch Dritte erlauben, sodass sie bedeutend sicherer für den Zugriff auf genehmigte Websites konfiguriert werden können.
3ICH ZUM !USDRUCK BRINGEN
Diese patriarchalischen Interventionen gehen davon aus, dass die Benutzer bei der Weitergabe von Online-Informationen vorsichtiger werden, sobald sie erwachsen sind. Und selbst wer nicht mehr Vorsicht walten lässt und dies später bereut, hat in gewisser Weise eigenständig gehandelt, was respektiert werden sollte. Aber die Generationenkluft bei der Privatsphäre scheint nicht nur eine Frage des Leichtsinns oder der Ri-
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sikotoleranz von Kindern zu sein. Viele derjenigen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, haben sich nicht nur an eine öffentliche Dimension ihres Lebens gewöhnt – im Internet sind sie für mindestens 15 Leute berühmt –, sondern setzen alles daran, um diese zu fördern. Ihre Vorstellung von Privatsphäre übersteigt die traditionelle Forderung an den Datenschutz, gewisse Geheimnisse oder private Daten unter Verschluss zu halten. Stattdessen richten sie sich in öffentlich zugänglichen Online-Umgebungen ein, um diese zu ihrer eigenen Umgebung zu machen. MySpace – zurzeit die drittbeliebteste Website in den Vereinigten Staaten und die sechstbeliebteste weltweit – hat einen vielsagenden Namen: Er verspricht den Benutzern implizit, dass sie ihre persönlichen Seiten gestalten und einrichten können, um sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Fast jedes Merkmal einer MySpaceHomepage kann von ihrem «Besetzer» umgestaltet werden, und genau das tun die Nutzer mithilfe von Tools, die von MySpace und externen Entwicklern bereitgestellt werden. Das ist echte Generativität: MySpace-Programmierer entwickeln Plattformen, die von Nutzern mit geringerer technischer Begabung, aber mehr kreativer Energie gesteuert und umgestaltet werden können. Vorrangiger Aspekt der Privatsphäre ist für MySpace-Nutzer nicht etwa die Informationsgeheimhaltung, sondern die Autonomie: Ein Gefühl der Kontrolle über ihre Heimat, auch wenn sich das Gekaufte später ihrem Einflussbereich entziehen kann. Bei der Privatsphäre geht es darum, einen Ort einzurichten, den wir ohne unangemessene Eingriffe oder Störungen für uns allein haben – einen Ort, an dem wir unsere Identitäten einbringen können. Am direktesten kann das an einem bestimmten Ort geschehen – «Your home is your castle». Nach Auffassung der Rechtsprofessorin Margaret Radin trifft dies auch für Objekte zu. Sie dachte dabei an einen Ring oder ein anderes Schmuckstück, aber auch ein iPod mit sorgfältig ausgesuchten Musikoder Videosequenzen erfüllt die Voraussetzungen. Der Verlust eines solchen Geräts übersteigt den Geldwert für die Neuanschaffung. MySpaceSeiten, Blogs und ähnliche Online-Aussenposten können als Verwahrungsorte für unsere Identi-
tät dienen, bei denen nicht die Geheimhaltung, sondern die persÜnliche Kontrolle ausschlaggebend ist. Ein Bericht der US-Regierung zur Privatsphäre von 1973 hielt fest: Eine agrarisch geprägte Frontiergesellschaft liess zweifellos weit weniger Privatsphäre zu als eine moderne städtische Gesellschaft, und eine Kleinstadt auf dem Land lässt bis heute weniger zu als eine Grossstadt. Dichter, Romanautoren und Sozialwissenschaftler erklären uns, jeder auf seine Weise, dass das Leben einer Person oder Familie in einer Kleinstadt ein offenes Buch ist verglichen mit der anonymen Existenz von Stadtbewohnern. Dennoch kann der Einzelne in einer Kleinstadt an seinem Vertrauen festhalten, weil er auch die Kontrolle behält. Er lebt in einer Welt persÜnlicher Kontakte, in einem Sozialsystem, in dem jemand fßr unverantwortliches Verhalten identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden kann. Demgegenßber tragen das unpersÜnliche Datensystem und die gesichtslosen Nutzer der darin enthaltenen Informationen nur im formellen Sinn Verantwortung. In der Praxis sind sie grÜsstenteils immun gegen jegliche Sanktionen des Einzelnen.
'ESICHTSLOSE )NTERNETNUTZER
Dauerhafte LÜsungen fßr die neue Generation von Problemen der Privatsphäre, die durch das generative Internet entstehen, werden im Wesentlichen aus Verbindungs- und Kontrollwerkzeugen fßr diejenigen bestehen, die persÜnliche Informationen und Ausdrucksformen produzieren, transformieren und konsumieren: Werkzeuge, die dafßr sorgen, dass die Sozialsysteme der Leistungsfähigkeit technischer Systeme gewachsen sind. Das heutige Internet ist eine unangenehme Mischung aus PersÜnlichem und UnpersÜnlichem. Es kann helfen, Gemeinschaften aufzubauen und weiterzuentwickeln oder Menschen fßr Ideen und Projekte zu gewinnen. Aber es kann auch als eine Art unpersÜnliche Bibliothek von enormen Ausmassen angesehen werden: Gesichtslose Nutzer fßhren eine Suche durch und konsumieren dann per Mausklick, was sie sehen wollen. Viele Vertreter der jßngeren Generation, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sind von seinen sozialen
MĂśglichkeiten Ăźberzeugt. Sie sind bereit, mehr Informationen Ăźber sich in diese Netze zu stellen, und eher gewillt, sich mit Leuten auszutauschen, die sie noch nie persĂśnlich kennengelernt haben. Sie dĂźrften nicht dieselbe Kluft zwischen der Ăśffentlichen und der privaten Person sehen wie einst Mark Twain: ÂŤWir sind unauffällige Schafe; wir warten, wohin die Herde zieht, und laufen ihr dann hinterher. Wir haben zwei Meinungen: eine private, die auszudrĂźcken wir uns nicht trauen, und eine andere – die offizielle –, die wir uns auferlegen, um der Nachbarin zu schmeicheln, bis uns die Gewohnheit damit versĂśhnt und wir durch die ständige Rechtfertigung veranlasst werden, sie zu lieben und zu bewundern, während wir vergessen, auf welch erbärmliche Weise wir darauf gekommen sind.Âť Fotos von Trinkgelagen auf Facebook dĂźrften die Karriereaussichten der Beteiligten tatsächlich trĂźben – aber schon bald werden diejenigen, die Rekrutierungsentscheidungen treffen, Ăźber eigene Erfahrungen mit Facebook-Seiten verfĂźgen. Die Unterschiede zwischen unserer Ăśffentlichen und unserer privaten Identität dĂźrften sich weitgehend auflĂśsen, sobald wir digitale Umgebungen entwickelt haben, in denen Meinungen geäussert und später revidiert werden kĂśnnen. Unsere Fehltritte und IrrtĂźmer werden die digitalen Druckerpressen nicht zum Stoppen bringen; vielmehr werden das Gute wie das Schlechte zu einem Dialog gehĂśren, der sowohl die Attribute einer Kleinstadt aufweist als auch, wie John Perry Barlow es nennt, einer ÂŤWelt, in der jeder Ăźberall seine oder ihre noch so ungewĂśhnlichen Ăœberzeugungen kundtun kann ohne fĂźrchten zu mĂźssen, deshalb zum Schweigen oder zur Konformität gezwungen zu werdenÂť. Aber auch eine solche Welt wird nicht vollkommen sein. Es wird Leute geben, die sich von ihren privaten Peinlichkeiten distanzieren mĂśchten, ohne dass sie es kĂśnnen. Aber sie wird besser sein als eine ohne leistungsstarke generative Instrumente, eine Welt, in der die Ăœberwachungswerkzeuge von gesichtslosen Unternehmens- und Regierungsdatenbanken kontrolliert werden, wie es seit Anbruch des Computerzeitalters befĂźrchtet wird.
$ER !MERIKANER *ONATHAN :ITTRAIN IST 0ROFESSOR F~R )NTERNET 'OVERNMENT UND 2EGULIERUNG AN DER /XFORD 5NIVERSITiT UND -ITBEGR~NDER DES "ERKMAN #ENTER F~R )NTERNET 3OCIETY DER (ARVARD ,AW 3CHOOL $ER VORLIEGENDE 4EXT STAMMT AUS SEINEM IM !PRIL PUBLIZIERTEN "UCH Œ4HE &UTURE OF THE )NTERNET AND (OW TO 3TOP )T§
Responsible Wealth Review – Juni 2008
0RIVACY ÂŻ WIE VIEL 3CHUTZ IST NOCH VORHANDEN .ICHT MEHR VIEL DIE RASANTE 6ERBREITUNG DER )NFORMATIONS TECHNOLOGIE DIE 0RIVATISIERUNG STAATLICHER $IENSTLEISTUNGEN DIE MODERNE 6ERBRECHENSBEKiMPFUNG UND DIE 'LOBALISIERUNG DES $ATENTRANSFERS HyHLEN DIE 0RIVATSPHiRE AUS ANALYSIERT DER $ATENSCHUTZEXPERTE 3TEPHAN ,ECHNER
Datenschutz – das Wort ist fßr jedermann ein Begriff, auch wenn es rechtlich nicht jegliche Ausprägung von Informationssicherheit umfasst, sondern auf den Schutz von personenbezogenen Daten beschränkt ist. In der Bundesrepublik Deutschland ist das so genannte Recht der Informationellen Selbstbestimmung sogar seit dem Volkszählungsurteil1 des Bundesverfassungsgerichts von 1983 als Grundrecht formal anerkannt – obwohl es im Grundgesetz selbst nicht einmal ausdrßcklich erwähnt wird. Dennoch besitzt jeder Bßrger das verfassungsmässige Recht, selber zu entscheiden, wo und in welchem Umfang seine personenbezogenen Informationen gespeichert werden. Im Zuge der fortschreitenden Nutzung von Grossrechnern und elektronischer Datenverarbeitung errichteten die Gesetzgeber in Europa seit den siebziger Jahren ein rechtliches Datenschutzwerk aus verschiedenen Institutionen, Gesetzen und Verordnungen, das letztendlich 1995 durch entsprechende Richtlinien der Europäischen Union harmonisiert wurde2. Obwohl die Grundzßge der aktuellen Datenschutzregelungen auch im Jahre 2008 noch den ursprßnglichen Ideen aus den siebziger Jahren entsprechen, hat sich das relevante Umfeld durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik in den vergangenen Jahren stark verändert. Der Einzug rechnergestßtzter Softwaresysteme in fast allen wesentlichen Lebensbereichen hat dazu gefßhrt, dass Datenschutz schon lange nicht mehr auf den Anwendungsbereich des Grossrechners im EDV-Zentrum beschränkt ist. Responsible Wealth Review – Juni 2008
Im modernen Umfeld sind die grundsätzlichen Prinzipien des Datenschutzes allerdings nicht immer leicht mit anderen Anforderungen zu vereinbaren, so dass im Laufe der Jahre eine grosse Anzahl von Ausnahmeregelungen geschaffen wurden, die die ursprßngliche Stärke des Datenschutzes inzwischen signifikant gemindert haben. Interessanterweise ist dieser Umstand trotz teilweise hitziger Üffentlicher Diskussion dem betroffenen Bßrger oft nicht einmal bekannt.
-ODERNE :EITEN ÂŻ $ATENSCHUTZ IM *AHRE
Grundsätzliche Philosophie des Datenschutzes in Europa ist das so genannte ÂŤVerarbeitungsverbot mit ErlaubnisvorbehaltÂť: Die Verarbeitung personenbezogener Daten ist grundsätzlich unzulässig, es sei denn, sie wird durch das Datenschutzgesetz oder eine andere Rechtsvorschrift ausdrĂźcklich erlaubt. Dieser Ansatz wurde einst gewählt, um den Datenschutz als ernst zu nehmende Kraft zu etablieren, ist jedoch im Laufe der Jahre durch eine Unzahl von gesetzlichen Regelungen und ÂŤanderen RechtsvorschriftenÂť stark ausgehĂśhlt worden. Ăœberraschend ist insbesondere die Tatsache, dass in Einzelfällen auch niederrangige rechtliche Regelungen wie z.B. Betriebsvereinbarungen zwischen Firmenleitung und Betriebsrat als ÂŤandere RechtsvorschriftenÂť im Sinne des BDSG interpretiert werden und somit im betrieblichen Umfeld die ursprĂźnglich unzulässige Verarbeitung personenbezogener Daten ermĂśglichen kĂśnnen.
Die so entstehende Schwächung des Datenschutzes ist in den vergangenen 20 Jahren im Wesentlichen durch vier Trends beeinflusst worden, die auch signifikant zum gesellschaftlichen Wandel beigetragen haben. Neben der bereits erwähnten Verbreitung von Informationstechnologie und Telekommunikation (ITK) sind dies: – Privatisierung staatlicher Dienstleistungen, – moderne Verbrechensbekämpfung sowie – Globalisierung im internationalen Datentransfer.
)4+ 6ERBREITUNG
Zum ersten Trend, der rasanten Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologie, hat neben Internet-Protokoll und World Wide Web auch die in vielen Systemen verborgene Verwendung von «embedded» (eingebetteter) Software auf integrierten Schaltungen beigetragen: Vom Telefongerät bis zum Pkw findet man in den meisten technischen Systemen heutzutage umfangreiche Softwarepakete – wobei viele dieser Produkte hinsichtlich ihrer Datenschutzrelevanz ursprünglich sicherlich nicht im Blickpunkt des Gesetzgebers lagen. Basis für diese Verbreitung sind die technischen Miniaturisierungsmöglichkeiten der Halbleiterbranche, in der nach dem Moore’schen Gesetz3 circa alle 12 bis 18 Monate eine Verdoppelung der Speicherkapazität auf gleicher Fläche erfolgt. Die verschiedenen Industriezweige, die entsprechend miniaturisierte oder virtualisierte Produkte anbieten, haben sich in den vergangenen 20 Jahren so stark entwickelt, dass viele der heute geläufigen Technologien zu Beginn der Datenschutzgesetzgebung noch nicht einmal existierten: HTML-basierte Webseiten, öffentlich verfügbare Suchmaschinen zur umfassenden elektronischen Recherche, Digitalfotografie, Mobiltelefone, PDAs (Organizer), satellitengestützte Navigationssysteme, DVDs oder USB-Speicher-
sticks sind allesamt erst nach 1990 Massenprodukte geworden. Solcherlei neue Technologien bieten erwartungsgemäss ein breites Anwendungsgebiet zur Verarbeitung personenbezogener Daten: Laut deutschem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG)4 beginnt diese Verarbeitung bereits mit der Erhebung bzw. Speicherung und schliesst elektronische Angaben jeglicher Art ein, die Rückschlüsse auf persönliche oder sachliche Verhältnisse eines Betroffenen zulassen. Datenschutzfragen haben somit Einzug in die meisten Privathaushalte, Firmen, Schulen, Behörden und Institutionen Europas gehalten.
0RIVATISIERUNG
Der zweite Trend, der für die datenschutzrechtliche Kontrolle erhebliche Änderungen mit sich gebracht hat, ist die Privatisierung staatlicher Dienstleistungen zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Passagierdaten im privatisierten Reiseverkehr5, Verbrauchsdaten im privaten Energieversorgungsmarkt, Patientendaten im privatisierten Gesundheitsbereich und Verbindungsdaten privater Telekommunikationsanbieter sind seit dem Wegfall einst staatlicher Monopole nicht mehr ausschliesslich in öffentlicher Hand. Mit zunehmender Privatisierung ist auch die direkte staatliche Kontrolle geschwächt worden: In einem technisch schnell voranschreitenden privatisierten Umfeld, das sich im Gegensatz zum staatlichen Monopolisten nicht durch klare Dienstanweisungen lenken lässt, herrscht teilweise ein weiter Interpretationsspielraum, wie rechtliche Datenschutzvorgaben im Einzelfall zu interpretieren und umzusetzen sind. Insbesondere bei neuen Geschäftsmodellen aus dem Umfeld des Internets und der Telekommunikation existiert oft noch kein juristischer Fachkommentar, der eine Entscheidung in Grenzfällen vereinfachen könnte. So hat sich beispielsweise ein regelrechter Wildwuchs von VertragsformuResponsible Wealth Review – Juni 2008
lierungen für die Zustimmung zur Verwendung von Mobilfunkdaten entwickelt, bei dem der unbedarfte Kunde schon lange nicht mehr weiss, welche Risiken er mit welcher Entscheidung eingeht. Einzelfallregelungen können im BDSG und den nachgeordneten Rechtsverordnungen ohnehin nur sehr allgemein beschrieben werden: Im Zweifel der Zulässigkeit einer Datenverarbeitung muss teilweise zwischen dem Interesse der verarbeitenden Stelle (die Firma) und dem Interesse des Betroffenen (der Kunde) schlicht und einfach abgewogen werden. Sicherlich oft eine schwierige Entscheidung für einen betrieblichen Datenschutzbeauftragten, auch wenn dieser Kraft Gesetz in seiner inhaltlichen Beurteilung ungebunden ist.
)NNERE 3ICHERHEIT
Der dritte Trend, der sich auf den Datenschutz überwiegend politisch ausgewirkt hat, ist die Modernisierung der Verbrechensbekämpfung. Zur Verbesserung der inneren Sicherheit und zum Schutz vor internationalem Terrorismus sind insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001 weltweit vielfältige gesetzliche Regelungen getroffen worden, die das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung einschränken. Der in Deutschland öffentlich kontrovers diskutierte, schliesslich 1998 eingeführte und 2004 wieder eingeschränkte «Grosse Lauschangriff» auf Privatwohnungen17,18,19, der Austausch von Passagierdaten im Flugverkehr in die USA5 oder die Europäische Richtlinie16 von Anfang 2008 zur Verbindungsdatenspeicherung für Telekommunikations- und Internetanbieter sind nur einige prominente Beispiele. Die nationale Umsetzung entsprechender Vorgaben erweist sich dabei teilweise als echter Balanceakt zwischen innerer Sicherheit und dem verfassungsmässig garantierten Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung: Bereits im März
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2008 wurde in Deutschland durch das Bundesverfassungsgericht der Zugriff der Ermittlungsbehörden auf gespeicherte Verbindungsdaten entgegen der gesetzlichen Regelung stark eingeschränkt17 – die Pflicht zur umfangreichen Speicherung hingegen hat weiterhin Bestand. Ohne an dieser Stelle detailliert auf die Arbeit von Ermittlungsbehörden eingehen zu wollen, muss ferner darauf hingewiesen werden, dass die Telekommunikationsüberwachung inzwischen zu einem wesentlichen Bestandteil der Verbrechensbekämpfung in fast allen industrialisierten Staaten geworden ist. Die Anzahl der Telekommunikationsüberwachungsmassnahmen hat in den vergangenen Jahren in Deutschland stetig zugenommen9 und die jährliche Anzahl der Abfragen von Kundendaten bei Telefonunternehmen durch Ermittlungsbehörden liegt bereits seit Ende der neunziger Jahre in den Zehntausenden. Dabei geraten auch unbeteiligte Dritte in den Überwachungsbereich, wenn sie telefonischen Kontakt zu überwachten Verdächtigen haben oder hatten, und im klassischen Ermittlungsstil werden oft auch deren weitere Kontaktpersonen untersucht. Schon eine indirekte Beziehung zu einer Kontaktperson eines (eventuell zu Unrecht) Verdächtigten kann somit bereits zur Verarbeitung umfangreicher personenbezogener Daten bei den Ermittlungsbehörden führen.
'LOBALISIERUNG
Letzter wesentlicher Trend ist die Globalisierung des Datentransfers. Während sich trotz unterschiedlicher nationaler Gesetze zur inneren Sicherheit im europäischen Umfeld durch die Datenschutzrichtlinie der Europäischen Union eine Harmonisierung des Datenschutzniveaus ergeben hat, ist der Unterschied zum Umgang mit dem Transfer personenbezogener Daten in die USA noch gravierend. Anstelle der für
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EU-Mitgliedstaaten ßblichen gesetzlichen Regulierung tritt die so genannte Safe-HarbourRegelung6. Dieses Prinzip wurde geschaffen und zwischen EU und US-Regierung vereinbart, um den bestehenden, aber nach Inkrafttreten der EU-Datenschutzrichtlinie mÜglicherweise unzulässigen Datentransfer in die USA zu legalisieren. Es besteht aus einer optionalen Selbstkontrolle derjenigen Organisationen oder Firmen, die sich zur Einhaltung von Grundprinzipien bei der Verarbeitung personenbezogener Daten bekennen. Doch auch Unternehmen, die sich nicht im sicheren Hafen befinden, sind nicht von der Datenverarbeitung ausgeschlossen: Die entsprechenden Prinzipien sagen aus, dass auch ein Datentransfer zu US-Organisationen, die sich nicht dem Safe Harbour angeschlossen haben, mÜglich ist. Dieser muss jedoch auf Ausnahmen basieren, wie zum Beispiel der Zustimmung des Betroffenen oder andern-
falls durch zusätzliche Sicherheitsmassnahmen (wie zum Beispiel vertragliche Vereinbarungen) geschßtzt werden6. Diese Formulierung verdient jedoch eine genauere Betrachtung im Hinblick auf die MÜglichkeiten zur Verarbeitung personenbezogener Daten: s 53 /RGANISATIONEN INNERHALB DES 3AFE (ARbour dßrfen personenbezogene Daten verarbeiten und unterliegen keiner strikten behÜrdlichen Kontrolle. Die Umsetzung der lediglich optionalen Selbstkontrolle ist der Organisation selbst ßberlassen und Sanktionen bei nicht genehmigter Datenverarbeitung sind ßberwiegend durch Verbraucherschutzverbände, Betroffene selbst oder im publik gewordenen Schadensfalle durch die Üffentliche Meinung und den daraus resultierenden Imageverlust zu befßrchten. s /RGANISATIONEN AUSSERHALB DES 3AFE (ARbour mßssen in der Regel die Zustimmung
)NNERE 3ICHERHEIT 4ERRORANSCHLAG AUF DAS 7ORLD 4RADE #ENTER IN .EW 9ORK AM 3EPTEMBER
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des Betroffenen einholen, um eine rechtliche Grundlage für eine Datenverarbeitung zu haben. Zustimmungsklauseln zur Verarbeitung personenbezogener Daten finden sich daher in vielen Serviceverträgen – beispielsweise im Mobilfunksektor, bei Internet-Anbietern, im Bereich des Pay-TV oder bei der Nutzung von Payback-Karten. Entsprechende Zustimmungsklauseln sind meist bereits vorformuliert und werden oft als «privacy clause» oder (Datenschutzklausel) bezeichnet, was jedoch täuscht: bei Unterschrift wird eine oft nicht erforderliche Verarbeitung der jeweiligen Nutzungsdaten für Zwecke des Anbieters genehmigt, so dass die personenbezogenen Daten üblicherweise besser geschützt sind, wenn der Kunde die so genannte «Datenschutzklausel» nicht unterschreibt. Der wesentliche Schutz gegen eine ungewollte Zustimmung des Betroffenen gegen die Nutzung seiner personenbezogenen Daten liegt daher in einem gesunden Sicherheitsbewusstsein der Betroffenen und deren Mut zum Streichen optionaler Vertragsklauseln. Dies ist im europäischen Umfeld überwiegend möglich, da die Erbringung einer Dienstleistung nicht von der Verarbeitung von dafür nicht erforderlichen personenbezogenen Daten abhängig gemacht werden darf. s /RGANISATIONEN AUSSERHALB DES 3AFE (ARbours können ohne Zustimmung des Betroffenen auch eine zusätzliche Absicherung der Datenverarbeitung (z.B. über allgemeine Verträge, auch jedoch über andere, nicht weiter spezifizierte Sicherheitsmassnahmen) vornehmen. Auf diese Art und Weise entsteht ein grosses Spektrum von Ausnahmemöglichkeiten zur Legalisierung einer im Prinzip nicht erforderlichen Verarbeitung personenbezogener Daten. Responsible Wealth Review – Juni 2008
Dennoch muss klargestellt werden, dass auch in den USA die unbefugte Verarbeitung personenbezogener Daten durchaus risikobehaftet ist, da die Öffentlichkeit trotz aller Einschränkungen für die nationale Sicherheit auf das Thema «Privacy» sensibel reagiert: Erst jüngst haben die Ende März 2008 aufgetretenen illegalen Einblicke in die personenbezogenen Daten der Präsidentschaftskandidaten für ein beachtliches Presseecho (und für einige Entlassungen) gesorgt7. Auch zivilrechtliche Schadensersatzansprüche der Betroffenen werden in den USA in deutlich höheren Dimensionen geltend gemacht, was das wirtschaftliche Risiko einer Datenschutzverletzung zusätzlich vergrössert. Das Prinzip der marktwirtschaftlichen Datenschutz-Selbstkontrolle im Sinne der Safe-Harbour-Regelungen sollte daher nicht als unwirksam bezeichnet, aber sehr wohl gut verstanden werden: In den USA können in Einzelfällen von Datenschutzverletzungen sicherlich wirtschaftliche Einbussen für den Verursacher entstehen, die weit über die im europäischen Bereich üblichen moderaten Geldstrafen hinausgehen. Auch auf der globalen Ebene bietet sich dasselbe ambivalente Bild des Datenschutzes. Die UN-Datenschutzprinzipien8 von 1990 sind umfangreich angelegt und beinhalten unter anderem wertvolle Grundsätze wie z.B. die Gesetzmässigkeit der Verarbeitung, die Korrektheit der Daten oder den Zugriff für Personen mit berechtigtem Interesse. Unter Ziffer 6 der UN-Prinzipien findet sich allerdings auch die Möglichkeit, Ausnahmen zu machen («The power to make exceptions»), die – ins Deutsche übersetzt – bei näherer Betrachtung wie folgt definiert wird: «Abweichungen von den Prinzipien 1 bis 4 können nur dann autorisiert werden, wenn sie erforderlich sind, um die nationale Sicherheit, die öffentliche Ordnung, die öffentliche Gesundheit oder Moral (‘morality’) zu schützen.»
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Auch diese weit gespannte Formulierung ist bewusst gewählt worden, um den Datenschutz nicht zum Schutzschild fßr kriminelle Aktivitäten werden zu lassen. Durch vielfältige Ausnahmeregelungen – alleine der Begriff von Moral ist sicherlich weit interpretierbar – ist das grundsätzliche Verarbeitungsverbot somit selbst auf der Ebene der Vereinten Nationen schwächer ausgelegt, als es im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert ist.
&ALLBEISPIELE AUS DER 0RIVATWIRTSCHAFT
Doch auch ausserhalb des Ermittlungsbereiches werden ganz legal, aber teilweise ohne echtes Bewusstsein der Betroffenen umfangreiche Daten erhoben und verarbeitet, wobei das individuelle Recht auf informationelle Selbstbestimmung durch verschiedenerlei Rechtsabkommen erneut geschwächt wird. Im mßhsam verhandelten Passagierdatenabkommen5 der EU mit den USA finden sich beispielsweise neben Namen, Reisedaten, Vielflieger-Informationen, Reisebßro, Flugscheinnummer usw. unter anderem folgende Formulierungen, die einen weiten Bereich unscharf definierter Daten fßr den Transfer und die Verarbeitung freigeben:
– Jegliche verfßgbare Kontaktinformationen – Jegliche verfßgbare Zahlungs- und Abrechnungsinformationen – Sämtliche Gepäckinformationen Die Begrenzung solcher Begriffe ist offensichtlich schwierig und erÜffnet einen weiten Spielraum zur Verarbeitung personenbezogener Daten. Doch auch in vÜllig anderen, fßr den Betroffenen eher unerwarteten Bereichen des internationalen Reiseverkehrs werden legal personenbezogene Daten gespeichert: Telekommunikationsbetreiber senden aus Marketing-Grßnden Willkommenskurznachrichten an ausländische Kunden, die neu im Mobilfunknetz erscheinen. Um die Versendung mehrfacher Nachrichten an dieselbe Nummer (nach kurzfristigem Ausschalten des Gerätes, Verlassen des Empfangsbereichs, oder kurzzeitigem Wechsel in ein anderes Netz) zu vermeiden, muss temporär eine elektronische Liste aller Grenzßberschreitungen beim jeweiligen Mobilfunkbetreiber vorliegen. Entsprechend abgesichert ist dies datenschutzrechtlich zulässig, aber unter den oben beschriebenen gesetzlichen Ausnahmeregelungen ist fßr ErmittlungsbehÜrden (oder bei versehentlich erteilter Kundenzustimmung schlimmstenfalls auch fßr Marketingabteilun-
'LOBALISIERUNG DES $ATENTRANSFERS 4ELEFONISTINNEN UNDATIERTE !UFNAHME
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gen) ein Zugriff auf solch umfangreiche grenzüberschreitende Bewegungsprofile durchaus möglich. Ausserhalb des Bewusstseins der breiten Öffentlichkeit hat sich durch die oben beschriebenen Trends und die schrittweise Aushöhlung der ursprünglich sehr konsequent eingeführten Datenschutzbestimmungen eine umfangreiche legale Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten etabliert.
3CHUTZMECHANISMEN UND %MPFEHLUNGEN
Elektronische Datenverarbeitung besitzt den offensichtlichen Vorteil, dass Daten fast beliebig kopiert werden können. Leider ist somit auch eine nachträgliche Kontrolle fast unmöglich, sobald sich personenbezogene Daten (auch nur kurzfristig) in falschen Händen befunden haben. Grundsätzliches Prinzip und somit auch eines der besten Hilfsmittel zum Schutz gegen den Missbrauch personenbezogener Daten ist daher ein gesundes Sicherheitsbewusstsein. Während sich im Zuge der Verbreitung von Internet-Portalen wie Facebook oder MySpace10,11 gerade unter Jugendlichen ein Trend zur Veröffentlichung von personenbezogenen Daten abzeichnet, können die langfristigen Folgen der vertrauensseligen Preisgabe von Informationen kaum abgesehen werden: Firmen suchen teilweise heute bereits in den FacebookSeiten von jungen Bewerbern nach Anzeichen von Unzuverlässigkeit (so ist zum Beispiel das freizügige Bekenntnis, schon einmal betrunken gefahren zu sein, für einen Bewerber als Kurierfahrer sicherlich nicht dienlich) und ein neuer Internet-Geschäftszweig hat sich inzwischen darauf spezialisiert, entsprechende negative Aussagen und Bekenntnisse seiner Auftraggeber aus den entsprechenden Online-Quellen wieder zu löschen. Insbesondere ist bei entsprechenden Responsible Wealth Review – Juni 2008
Datenangaben im Internet natürlich zu beachten, dass sie keinesfalls wahr sein müssen und teilweise nicht einmal der Betroffene selbst der Urheber mancher über ihn im Internet verfügbaren Informationen ist. Eine weitere gute Möglichkeit zur Vermeidung der Verarbeitung personenbezogener Daten ist sicherlich die Vermeidung der Erhebung solcher Daten. Registrierungen im Internet, die Teilnahme an Gewinnspielen, die Registrierung für Bonusprogramme, das kostenfreie Abonnement von Diensten oder die freiwillige Beantwortung von Umfragen sollten im vollen Bewusstsein darüber beurteilt werden, dass professionelle Adresshändler bei erteilter Genehmigung umfangreiche Profile aus den erhaltenen Angaben zusammenstellen und auf dem freien Markt legal verkaufen. Bei der Bewertung entsprechender Profile spielen die professionelle Datenfusion (Zusammenführung von Daten aus verschiedenen Quellen), das Data-Warehousing zur Gesamtansicht und -auswertung sowie das Data-Mining zur Suche nach speziellen Angaben seit Jahren eine bedeutende Rolle. Dass all diese Auswertungsmethoden schon lange nicht mehr manuell, sondern durch speziell entworfene Anwendungsprogramme vollständig automatisiert durchgeführt werden, sei hier nur am Rande erwähnt – die Grösse des entsprechenden Marktes wird auf mindestens 12 Milliarden Euro geschätzt12. Vor der eventuell nicht benötigten Preisgabe personenbezogener Daten sollte daher immer der eigene Nutzen gegen den kompletten Verlust an Kontrolle abgewogen werden. Letztlich kann auch die Nutzung von Anonymisierungskonzepten oder Pseudonymisierungskonzepten empfohlen werden. Anonymisierung strebt einen Zustand an, in dem keine Rückführbarkeit auf den Endbenutzer oder eine von ihm benutzte Referenz möglich ist, während Pseudonymisierung die Verwendung von
Alias-Namen und die Profilierung gestattet, den Rßckschluss zur natßrlichen Person jedoch nicht zulässt. Zwar haben sich fßr die anonyme Internet-Nutzung gegen Ende der neunziger Jahre mehrere verschiedene Portale13,14 gebildet, aus Sicherheitsgrßnden hat jedoch der Gesetzgeber inzwischen der vÜllig anonymen Inanspruchnahme von Internet- oder Telekommunikationsdiensten Grenzen gesetzt und in den meisten Ländern eine Registrierung beim Anbieter vorgeschrieben und die anonymisierenden Webseiten teilweise zur Registrierung ihrer Nutzer verpflichtet – ein Konzept, das der Idee von Anonymität deutlich widerspricht. Da aber selbst bei den noch bestehenden Anonymisierungskonzepten, die keine Registrierung erfordern, ein Zugriff auf die an zentraler Stelle eventuell doch vorliegenden Internet-Adressen und Nutzungsprofile nicht absolut ausgeschlossen werden kann, ist die Vermeidung von Daten im Zweifel besser als deren Anonymisierung. Dem Datenschutz wird das Spannungsfeld von Informationeller Selbstbestimmung und nationaler Sicherheit in demokratischen Gesellschaften dauerhaft erhalten bleiben. (In anderen Gesellschaftsformen spielt der Datenschutz naturgemäss teils eine eher untergeordnete Rolle.) Die fortschreitende Technologie, die zunehmende Privatisierung und Virtualisierung von Unternehmen und Geschäftsmodellen sowie die modernisierte Verbrechensbekämpfung und der globale Datenaustausch sind auch in Zukunft starke Trends. Den Auswirkungen solcher Trends mit nachhaltigen Konzepten zu begegnen, wird eine der wesentlichen Herausforderungen fßr den rechtlichen und technischen Schutz personenbezogener Daten bleiben. Der bewusste Umgang der Bßrger mit ihren personenbezogenen Angaben und ein kritischer und zurßckhaltender Umgang mit deren Preisgabe fßr elektronische oder elektronisierbare Medien ist ein wichtiger Schritt zu einer guten
Balance zwischen individuellem Grundrecht und Schutz der Allgemeinheit. Ein gewisses Misstrauen gegen die eventuell unnĂśtige Erhebung von Daten und die Nutzung des gesunden Menschenverstandes in der Beurteilung der Notwendigkeit sind sicherlich nicht der schlechteste Ratschlag an jeden einzelnen Betroffenen zur Handhabung des heiklen Spannungsfeldes zwischen Datenschutz und Datenbedarf in einer zunehmend komplexen rechtlichen und technologischen Umgebung.
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Responsible Wealth Review – Juni 2008
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Die Privatsphäre ihrer Bßrger gilt den Ländern des Westens als Heiligtum. Sie zu wahren erscheint als Voraussetzung der Individualität selbst. Ohne unseren privaten Bereich, postulierte der amerikanische Anwalt und Rechtspolitiker Charles Fried vor mehr als 35 Jahren, verlieren wir unsere Integrität als Personen. Indem der liberale Rechtsstaat darauf bestehe, dass es Grenzen des PersÜnlichen gebe, die er selbst, der Staat, nicht ßbertreten dßrfe, schreibt der Rechtskritiker Jeffrey Rosen, äussere er Respekt vor der inhärenten Wßrde, der Gleichheit, der Individualität, dem Innenleben und der Subjektivität des Individuums. Eben darin zeigt sich der Kern der Demokratie. Anders als der Totalitarismus verlangt sie nicht, dass ihr Bßrger im Glashaus sitzt. Im Totalitarismus ist jede Äusserung Üffentlich. Der gläserne Bßrger wird vom Subjekt zum Objekt. In der Demokratie existieren Bereiche, in denen es heissen darf: Vorhang zu! Entsprechend allergisch reagieren Bßrger auf beiden Seiten des Atlantiks, sobald sie ihre Privatsphäre angetastet sehen – und das tun sie beständig, wie Umfragen immer wieder zeigen. George Orwells 1984, Horrorvision einer gleichgeschalteten Gesellschaft mit Wahrheitsminsterium, begleitet die Debatten ßber die schwer zu bestimmende Balance zwischen Sicherheit und Freiheit. Heftig umstritten ist, was genau den Augen der anderen zu entziehen sei, um das Individuum als Säule der demokratischen Gesellschaft zu schßtzen. Das mag einerseits an den diffusen Responsible Wealth Review – Juni 2008
Vorstellungen darßber liegen, was den Kern eines persÜnlichen und damit unantastbaren Intimbereichs ausmacht. Anderereits ist auffällig, wie regelmässig Fragen nach dem Privaten diesseits und jenseits des Atlantiks unterschiedlich beantwortet werden. James Whitman, Jura-Professor an der Yale-Universität, spricht sogar von zwei westlichen Kulturen der Privatheit. Eine Durchsicht der Fachliteratur ergibt ein klares Muster: Wohnort bestimmt Perspektive. Autoren auf beiden Seiten des Atlantiks sehen die eigene Rechtsgemeinschaft auf direktem Wege zur Sonne. Getragen von den Werten der Aufklärung mßhe man sich um den Schutz von personenbezogenen Daten und PersÜnlichkeitsrechten, während auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks die Bemßhungen noch zu wßnschen ßbrig liessen. Ob Amerikaner oder Kontinentaleuropäer, je nach Perspektive mßssen die anderen eben noch ein wenig aufholen.
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Europäer, die nach Amerika kommen, nehmen verstÜrende Eigenarten der Einheimischen wahr. Die VerÜffentlichung von Petitessen aus dem Privatleben von Politikern erscheinen Europäern als grobe Verletzung der PersÜnlichkeitsrechte eben jener Politiker. Die Ausstellung pikanter Details seines Sexuallebens, die dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton nach seiner Affäre mit einer Praktikantin zugemutet wurde, finden Europäer nicht bloss geschmacklos, son-
dern schlicht illegitim. Die Transparenzgebote für Firmenbilanzen und Managergehälter erscheinen ihnen grotesk. Dass ein Arbeitgeber im dienstlichen E-Mail-Account seines Angestellten herumstöbern darf, irritiert. Dass Personal-Akten ohne viel Federlesen weitergereicht werden dürfen, empört. Auch, dass für Medizin-Daten die Schutzwälle niedriger sind. Regelmässig beschweren sich Europäer in Amerika über den mangelnden Schutz von Konsumenten-Daten. Hier sehen sie ihr heimisches Europa besonders weit vorne. Kaum jemand kann nachvollziehen, warum ein frischgebackener Hausbesitzer gleich von einem Dutzend Banken zur Umschuldung eingeladen wird, allesamt bestens über die eben eingegangenen Bankverbindlichkeiten informiert. Weil Einkommen, Verschuldungsgrad und sogar Kapitaleigentum Einzelner oft nur einen Doppelklick entfernt liegen, können sich professionelle Spendensammler ihre potenziellen Ansprechpartner wie Detekteien ausrecherchieren – zur Verblüffung von Europäern. Doch nichts regt die Bewohner des alten Kontinents mehr auf als die örtliche Sitte, Kreditwürdigkeit zu prüfen. Ein Leben lang muss der Amerikaner seine Kreditwürdigkeit durch regelmässige Rückzahlung beweisen. Dafür erhält er dann im Stile einer Betragens-Note eine ständig aktualisierte Bewertung. Je besser das Ergebnis, desto günstiger der Kredit. Fast jeder Autohändler kann mühelos die Kredit-Daten seiner Kunden abrufen. Die meisten Europäer empfinden dies als Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Warum auch sollte ein beliebiger Gebrauchtwagen-Verkäufer auf die finanziellen Verhältnisse seines Kunden zugreifen können, sofern der sich nicht schon einmal als kreditunwürdig erwiesen hat? Wie der Rechts-Komparatist James Whitman bemerkt, kommt es Kontinental-Europäern so vor, als lasse Amerika «unablässig brutale
Verletzungen der Privatsphäre in allen Bereichen des Rechts» zu. «Sensiblen Europäern» müsse eine Reise durch die amerikanische Rechtswelt «wie ein Besuch der Latrinen von Ephesus» erscheinen.
!MERIKANER ORTEN 2ELIKTE DES eBERWACHUNGSSTAATES
Doch umgekehrt gilt das Gleiche. Amerikaner, die nach Europa reisen, entdecken schnell Gewohnheiten der Einheimischen, die ihnen ebenso als flagrante Verletzungen der Privatsphäre vorkommen. Amerikaner bemängeln in Europa, dass sie sich eben kein gutes «KreditZeugnis» und damit keinen günstigeren Kredit verdienen können. Für sie steht fest, dass Kreditbüros Transparenz fördern, Kapital zugänglicher und die Kreditvergabe sicherer machen. «Es liegt doch auf der Hand, wer darauf drängt, Informationen über Kreditverhalten geheim zu halten», weiss Howard Beales von der George Washington University: «Die Leute, die ihre Rechnungen nicht zahlen.» Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, riskiere Europa die «Beschädigung oder Zerstörung eines wichtigen WirtschaftsSegments» und damit das private Wohlergehen von Vielen, findet Beales. Europäische Beschränkungen beim Datensammeln halten Amerikaner gemeinhin für einen Konkurrenznachteil. «Wenn Marktteilnehmer einfacher analysieren können, was meine Vorlieben sind, können sie mich besser mit den Gütern und Dienstleistungen versorgen, die ich suche», findet Whitman. Der Austausch von Konsumentendaten reduziere deshalb die Transaktionskosten. «Die Effizienz des Marktes» werde verbessert – zum Nutzen des Käufers. Dass Europäer einen effizient organisierten Markt dem Datenschutz zu opfern gewillt sind, mag aus amerikanischer Sicht noch angehen. Doch dass sich Regierungen einmischen, welche Responsible Wealth Review – Juni 2008
0RIVATRAUM DER $EMOKRATIE AMERIKANISCHE &REIHEITSSTATUE IM .EW 9ORKER (AFEN AUF ,IBERTY )SLAND UNDATIERTE !UFNAHME
Namen Eltern ihren Kindern geben dĂźrfen, darĂźber schĂźtteln Amerikaner nur den Kopf. Warum, fragen sie, kĂśnnen Inspektoren in Frankreich und Deutschland den geheiligten Privatraum der Demokratie betreten, die eigene Wohnung, nur um nach nicht angemeldeten Fernsehgeräten zu suchen? Wenn Bewohner eines Landes ihren Aufenthaltsort der Polizei melden und sich einen Personalausweis zulegen mĂźssen, sehen Amerikaner darin Relikte eines Ăœberwachungsstaates. Genauso beunruhigt sie, dass in Frankreich und Deutschland Telefone zehn- bis dreissigmal häufiger abgehĂśrt werden als in den Vereinigten Staaten.
3TAAT ALS POTENZIELLER %INDRINGLING
Nichts aber irritiert Amerikaner in Europa mehr als der Umgang mit Nacktheit im Üffentlichen Raum. Gelten in Europa die Genitalien nicht als die privatesten aller KÜrperteile? Warum Mßnchener im Englischen Garten das Bedßrfnis haben, sich die Kleider herunterzureissen, will niemandem einleuchten. Auch das in Europa unter Männern noch immer ßbliche Üffentliche Urinieren ruft bei Amerikanern nur blankes Erstaunen hervor. Wo bleibt der Schutz der Privatsphäre an Üffentlichen Plätzen? Am Ende einer Rundreise durch die europäischen Rechtswelten kÜnnen Amerikaner nur selten den alten Kontinent als Hort des beispielhaften Schutzes der Privatsphäre erkennen, als der sich Europa gerne selbst sieht. Der Schutz der Privatsphäre (und damit auch der Datenschutz) leitet sich nach amerikanischer Auffassung aus dem Freiheitsbegriff ab, wie er sich im 18. Jahrhundert herausgebildet hat (Privacy as Liberty). Sein ideeller Kern ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Als potenzieller Eindringling gilt immer zuerst der Staat. Darum bilden die Freiheitsrechte der Verfassung einen Schutzschirm gegen den Staat.
Responsible Wealth Review – Juni 2008
Das amerikanische Ideal vom kleinen, in seinen Kompetenzen beschnittenen Staat leitet sich aus der Sorge ab, ein Ăźbermächtiger Staat sei zu Ăœbergriffen auf den Einzelnen am ehesten willens und fähig. So schreibt Jeffrey Rosen in ÂŤThe Unwanted Gaze – The Destruction of Privacy in AmericaÂť, der eingehegte Staat der liberalen Theorie sei auch unter den Bedingungen des Internetzeitalters ÂŤder beste Garant der WĂźrde und Gleichheit von IndividuenÂť. Ein Grundrecht auf Schutz der Privatsphäre sieht die amerikanische Verfassung nicht vor. Auch die Interpretation des Verfassungsgerichts hat dieses Recht nicht postuliert. Der berĂźhmte Aufsatz von Louis Brandeis, der zusammen mit Samuel Warren 1890 im Harvard Law Review ÂŤThe Right to PrivacyÂť einforderte, blieb weitgehend folgenlos. Sogar als Brandeis Verfassungsrichter wurde, konnte er sich nicht durchsetzen. Im Jahre 1928 lag dem Gericht mit Olmstead vs. United States ein Fall vor, den Brandeis gerne benutzt hätte, um sein 38 Jahre zuvor postuliertes ÂŤRight to PrivacyÂť umfassend einzufĂźhren. Doch es gelang ihm nicht, die Mehrheit der Richter auf seine Seite zu ziehen. Roy Olmstead war angeklagt wegen angeblicher VerschwĂśrung und Verletzung des Nationalen Prohibitions-Aktes. Er habe gesetzeswidrig Alkohol besessen, transportiert und verkauft. Als Beweismittel wurden Aufzeichnungen abgehĂśrter Telefonate herangezogen. Olmstead protestierte, jedoch ohne Erfolg, und argumentierte, dass die Heranziehung solcherlei Beweismittel eine Verletzung des Vierten und FĂźnften Verfassungszusatzes darstellten. Der Fall Olmstead, mit dem der amerikanische Staat in bestimmten Fällen der Strafverfolgung ein Recht auf AbhĂśren von Privattelefonen durchsetzte, gilt als grosser Sieg jener, die kontinentaleuropäische Vorstellungen Ăźber PersĂśnlichkeitsschutz abwehren wollten.
"ILD )"! !RCHIV +EYSTONE
Responsible Wealth Review – Juni 2008
0RIVATE 7OHNUNG ALS +ERN DES GESCH~TZTEN "EREICHS
Die amerikanische Version des Persönlichkeitsschutzes ergibt sich vor allem aus dem Grundrechtskatalog der «Bill of Rights». In Fragen von Ehe und Fortpflanzung, Familienbeziehungen und Kindererziehung darf der Amerikaner «eine vernünftige Erwartung der Privatsphäre» hegen. Unumstritten ist auch das Recht auf Anonymität sowie das Recht, sich politischen Gruppen anzuschliessen, ohne dem Staat eine Mitgliedschaft mitteilen zu müssen. Keine andere Bestimmung ist so bedeutsam wie der vierte Verfassungszusatz, der Schutz bietet gegen willkürliche Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Die private Wohnung wird zum Kern des geschützten Bereichs. Mit steigender Entfernung von der Wohnung nimmt der Schutz ab. Zugleich wird die Reichweite des vierten Verfassungszusatzes eingeschränkt durch den ersten Verfassungszusatz, der die Redefreiheit gewährt. Jedem Versuch, jene Redefreiheit einzuschränken, und sei es auch zum Schutze der Persönlichkeitsrechte eines anderen, begegnet die amerikanische Gesellschaft mit tiefer Skepsis. In den vergangenen 30 Jahren haben sich sogar Firmen mit der Ansicht durchsetzen können, ihr Rederecht sei höher zu bewerten als der Persönlichkeitsschutz Einzelner. Aus dieser Verfassungslage ergibt sich ein klares Spannungsverhältnis von Rede- und Pressefreiheit einerseits und dem Schutz der Privatsphäre andererseits. Es sei «die Meinungs- und Pressefreiheit selbst, die manchmal die ‘Privatperson’ bedroht», schreibt der Yale-Jurist James Whitman. Amerika hat sich deshalb entschlossen, nicht die Verbreitung einer Information zu untersagen (wie viele europäische Länder es tun), sondern den Bürger vor den Folgen zu schützen. In den USA «unterlagen persönliche Daten und Informationen nie einem Eigentumsrecht», stellt
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Howard Beales von der George-WashingtonUniversität fest. Zu einem «Recht auf informationelle Selbstbestimmung» – wie etwa in Deutschland – ist es daher nie gekommen. Stattdessen versucht der Gesetzgeber, die Konsequenzen von Datentransfer für das Individuum verträglich zu gestalten. Das hat ein Flickwerk von Einzelgesetzen mit machmal eng definierten Schutzbestimmungen hervorgebracht. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Video Privacy Protection Act von 1988, der Videotheken verbietet, Kundendaten weiterzugeben. Das Gesetz trat in Kraft, nachdem die Liste mit den ausgeliehenen Videos von Robert Bork veröffentlicht wurde, der sich im Bewerbungsverfahren um den Posten als Verfassungsrichter befand.
&REIRAUM ZUR PERSyNLICHEN 3ELBSTENTFALTUNG
In Europa wird diese Gesetzgebung oft als «unvollständig» beschrieben. Dabei entspricht sie dem Wesen des amerikanischen Staatsverständnisses. Wie Jeffrey Rosen schreibt, soll der Staat zwar den «inneren Raum jedes Individuums» achten, sich andererseits aber nicht zu sehr als dessen Beschützer aufspielen. Er soll nicht selbsttätig Würde und Intimsphäre des Bürgers verletzen, aber andererseits seine Macht auch nicht dazu benutzen, jene zu bestrafen, die Würde und Privatsphäre anderer Bürger verletzen. «Das könnte eine Art der Überwachung auslösen, die selbst viel schlimmer ist als alle Unziemlichkeiten, die so bekämpft werden sollen», meint Rosen. Abgesehen von Extremfällen seien deshalb gesellschaftliche Normen viel besser geeignet als Gesetze, die Privatsphäre von Bürgern zu schützen. Nach diesem Verständnis sind Europas Datenschutzämter eher gefährlich denn hilfreich. Bürger sollen nach amerikanischem Verständnis ihre Streitigkeiten lieber untereinander ausfechten. Dazu ist im Notfall das Schaden-
"ILD +EYSTONE
ersatzrecht da. In Europa ist die erste Verteidigungslinie gegen Fehlverhalten privater Akteure immer der Staat, schreibt Joel Reidenberg von der Fordham University. In Amerika funktionieren unsere Instinkte anders. So wie wir den liberalen Staat verstehen, sollen sich die privaten Akteure einfach gegenseitig verklagen. Die intellektuellen Paten dieses Denkens sind Immanuel Kant, der den Begriff der negativen Freiheit prägte, sowie der Ideengeschichtler Isaiah Berlin, der ihn in seinem Aufsatz Two Concepts of Liberty fortentwickelte. Unter negativer Freiheit versteht er die Freiheit des Individuums von staatlichem Zwang. Die Verfassung verspricht dem Bßrger die Einhegung der Staatsmacht und deren Zugriffsfähigkeit. Damit wird dem Einzelnen Freiraum zur Selbstentfaltung gelassen. Der Staat zieht sich auf seinen Kernbereich zurßck und entwickelt keine normativen Vorstellungen ßber das Leben seiner Bßr-
ger. Setzt der Staat hingegen seine Macht ein zur Durchsetzung von Zielen zum Wohle seiner Bßrger, so handelt es sich nach Berlin um positive Freiheit, die eher in solchen Gesellschaften zu finden sind, in denen der Staat eine prominentere Rolle einnimmt, darunter auch kommunitaristische oder sozialistische. Dem Begriff der positiven Freiheit folgt die Einrichtung von zentralen Ämtern zum Schutz von persÜnlichen Daten in Europa und Kanada. Sie sollen dem Einzelnen zur Kontrolle ßber seinen Namen und seinen Ruf verhelfen – also zu dem, was in Deutschland Recht auf informationelle Selbstbestimmung heisst. Der Einzelne soll gegen ungewollte Üffentliche Exposition geschßtzt werden und selbst bestimmen, was er anderen von sich zeigt und mitteilt. Erniedrigung und Beleidigung, Beschädigung und Entehrung werden so bekämpft (Privacy as dignity). Dieses Denken ist auf dem Konti-
0RIVATHEIT IN %UROPA 1UADRIGA AUF DEM "RANDENBURGER 4OR IN "ERLIN
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nent Jahrhunderte alt und entstammt der feudalen Epoche, als Adlige ihre Ehre schützen und ihr Privatleben den Augen der hochwohlmögenden Gesellschaft entziehen wollten. Seither tobt ein Aufstand gegen das Standesprivileg. Er ist über die Jahrhunderte so erfolgreich gewesen, dass das frühere Adelprivileg heute Jedermannsrecht ist. Seine Herkunft kann dieses demokratische Recht freilich nicht verhehlen.
%UROPiER F~RCHTEN %XZESSE DER 0RESSE
Seit der Erfindung neuer Technologien zur Datenverarbeitung hat sich der alte Kontinent mit neuen Gesetzen und Institutionen ausgerüstet. Das erste umfassende Datenschutzgesetz stammt aus dem Jahre 1970 und wurde in Hessen verabschiedet. Das schwedische Gesetz folgte 1973, das deutsche Bundesgesetz 1977. Die Europäische Gemeinschaft gab sich 1981 eine Datenschutzkonvention. Die EU-Datenschutzrichtlinie aus dem Jahre 1995 erhebt sogar den universalistischen Anspruch, den privatwirtschaftlichen Datenverkehr mit Drittländern zu regulieren. Was das Wall Street Journal mit der Bemerkung kommentierte, Europa wolle wohl der «Weltpolizist des Datenschutzes» werden. Das Recht auf umfassenden Persönlichkeitsschutz wurde 2000 in die EU-Grundrechtscharter aufgenommen und 2004 Teil der Europäischen Verfassung. Die Gesetze Europas richten sich nicht vorrangig gegen staatliche Übergriffe. Wie YaleProfessor James Whitman moniert, sehen Europäer die Privatsphäre vor allem durch zweierlei bedroht: «Exzesse der Presse und Exzesse des Marktes». Genau deshalb komme es zum transatlantischen Zwist über den Persönlichkeitsschutz: Denn freie Rede und freie Marktwirtschaft sind den Amerikanern im Zweifel heiliger als ihre Privatsphäre. Das unterschiedliche Verständnis von Staat und Markt bestimmt das Verständnis von
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Daten- und Persönlichkeitsschutz. Der europäische Zugang sei eher von Vorsicht getragen und der Bereitschaft, auf die Vorteile zu verzichten, die Datensammlung und -speicherung zu anderen Zwecken haben könnten, schreibt Dorothee Heisenberg, Professorin an der Johns Hopkins University, in ihrem Buch «Negotiating Privacy. The European Union, the United States and Personal Data Protection». Frei nach dem Motto: wo nichts ist, kann auch nichts missbraucht werden. Amerikaner hingegen wollten nicht präventiv das Datensammeln und –verarbeiten verbieten und schliessen mögliche Vorteile nicht aus. Was sie hingegen verbieten wollen, ist deren Missbrauch. Natürlich reagieren Europäer pikiert, wenn Amerikaner ihnen vorhalten, ihr DatenschutzEngagement entspringe Ehrpusseligkeit, Marktkritik und mangelnder Hochachtung vor der Redefreiheit. Nicht nur die Deutschen begegnen dieser Kritik, indem sie auf den Lernprozess nach der Nazi-Diktatur verweisen. Ganz Europa habe seither hohe Mauern gegen das Eindringen des Staates in den Individualbereich errichtet. Schon 1950 nahm der Europäische Rat eine Menschenrechtskonvention an, die dem Einzelnen den Respekt vor Privatsphäre und Familienleben, Wohnung und Korrespondenz zusicherte. Auch das Volkszählungsurteil des deutschen Verfassungsgerichts von 1983 beruhte auf einer Klage, die sich gegen die Daten-Sammelwut des Staates, nicht die der Privatwirtschaft richtete. Insofern übersieht die amerikanische Kritik den staatskritischen Impetus kontinentaleuropäischen Denkens.
)NTERNET ALS UNERBITTLICHER #HRONOGRAPH
Die technologische Revolution des Internets hat neue Fragen aufgeworfen. Es hat die Bereiche des persönlichen Lebens, die aufgezeichnet und
$R !NTJE +UCHEN BECKER LEITET DAS 7ASHINGTONER "~RO DER "UCERIUS ,AW 3CHOOL
archiviert werden kÜnnen, massiv ausgedehnt und bietet fast unbegrenzte MÜglichkeiten, Daten zu sammeln und zu verknßpfen. Wer im Netz einkauft, Strafzettel online bezahlt oder die Dienste von Partnervermittlungsseiten in Anspruch nimmt, hinterlässt elektronische Fusspuren im Elephantengedächtnis von Google. Die Grenzen zwischen privatem und Üffentlichem Leben verschwimmen. Die eigenen Wände sind kein klares Kriterium mehr fßr Privatsphäre. Computer sind heute portable Bßros. Private EMails werden vom Firmenaccount verschickt, der Firmencomputer zuhause auch fßr private Zwecke verwendet. Das Internet ist nicht nur Markt- und Arbeitsplatz; es ist Diskussionsforum, Selbsthilfegruppe, Beichtstuhl und Klatschverein. Niemals zuvor in der Geschichte war es mÜglich, dass sich Otto Normalverbraucher einem weltweiten Publikum präsentieren und mit Menschen ßberall auf der Welt kommunizieren kann. In Chatrooms, Blogs und auf Seiten wie Facebook sind Menschen bereit, intimste Details preiszugeben. Dabei wird oft vergessen, welch unerbittlicher Chronograph das Netz ist. So mancher unbedachte Eintrag holt den Verfasser im wirklichen Leben wieder ein. Es ist nur konsequent, dass viele Europäer den durch das Internet entstandenen Rechtsraum mit den Mitteln ihrer jeweiligen Rechtstraditionen kontrollieren wollen. Sie suchen nach Wegen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung auch im globalen Netz durchzusetzen. Amerikaner sind da zurßckhaltender. WomÜglich, weil sie wesentlich an der Erfindung des Internets beteiligt waren. Vielleicht aber auch, weil es ihrer intellektuellen Tradition entspricht, sich im Spannungsfeld zwischen PersÜnlichkeitsschutz und Informationsfreiheit fßr Zweiteres zu entscheiden. Bedrohlich wird diese Tradition allerdings dann, wenn sich staatliche
4HOMAS +LEINE "ROCKHOFF EHEMALS 7ASHINGTON +ORRESPONDENT DES DEUTSCHEN 7OCHENBLATTES Œ$IE :EIT§ IST -ITGLIED DER 'ESCHiFTSF~HRUNG DES 'ERMAN -ARSHALL &UND OF THE 5NITED 3TATES "EIDE !UTOREN VERTRETEN IN DIESEM 4EXT IHRE PERSyNLICHEN !NSICHTEN
Datensammler privater Dateien bedienen, deren Erhebung fĂźr den Staat illegal gewesen wäre. FĂźr GrenzĂźbertretungen dieser Art gibt es seit dem 11. September 2001 hinreichend Belege. Wie dĂźnn die Linie zwischen Freiheit und Missbrauch ist, hat Amerika durch die Anschläge in Washington und New York schmerzhaft erfahren. Die Regierung von Präsident Bush reagierte noch im selben Jahr mit einem Gesetzespaket zur Terrorbekämpfung, dem Patriot Act, der zuvor ungekannte Eingriffe in die Privatsphäre erlaubt. Die Regierung setzte durch, dass die BundesbehĂśrde FBI mit Hilfe so genannter National Security Letters (NSL) ohne richterliche Ăœberwachung und ohne Mitteilung an die Betroffenen bei InternetProvidern, Telefongesellschaften oder Ăśffentlichen Bibliotheken Nutzungsdaten von US-BĂźrgern einholen darf. Kritik am Patriot Act wurde umgehend laut. Er verstosse gegen die verfassungsrechtlichen Prinzipien der Gewaltenteilung und gegen das Recht auf freie Rede, hiess es. Allerdings gab der Generalstaatsanwalt Ende 2003 bekannt, dass das Recht auf Einsicht in Leselisten von Bibliotheken von den Strafverfolgern nie benutzt worden war. Inzwischen ist es durch eine Gesetzesnovelle eingeschränkt. Weil Amerikas intellektuelle Tradition das Internet weitgehend unreguliert erhalten will, aber zugleich die Wohnung vor dem Staat schĂźtzen will, sieht es auf lange Sicht nicht unbedingt gut aus fĂźr den Patriot Act. Die Europäer hingegen werden an ihren Gesetzespaketen zur informationellen Selbstbestimmung weiterarbeiten. Und beide werden sich einander weiterhin Ăźberlegen fĂźhlen. Wohnort prägt eben Perspektive. Responsible Wealth Review – Juni 2008
$ER 3ONDERFALL !SIEN )MMER MEHR 0RIVATVERMyGEN STRyMT NACH !SIEN $AS G~NSTIGE ½SKALISCHE 5MFELD UND EIN BEMERKENSWERTES 7IRTSCHAFTSWACHSTUM MACHEN DIE 2EGION ZU EINEM -AGNETEN F~R )NVESTOREN AUS ALLER 7ELT URTEILT 3AMEENA !HMAD
ÂŤDie Berge sind hoch und der Kaiser weit weg.Âť Diese Redewendung, mit der einst Mandarine in der Provinz Befehle aus Peking in den Wind schlugen, kĂśnnte als treffender Marketingslogan fĂźr Asiens Privatbankiers von heute dienen. Ăœberall sonst ist die Privatsphäre, welche die Grundlage ihres Geschäfts bildet, in Gefahr. Unlängst wurden gestohlene Kundeninformationen einer Bank aus Liechtenstein von Steuerfahndern mehrerer Industrieländer gekauft. Grossbritannien hat vor kurzem seine Steuergesetze fĂźr nicht domizilierte Personen verschärft und verlangt von diesen entweder detaillierte Informationen Ăźber ihre Offshore-VermĂśgen oder die Bezahlung eines jährlichen Pauschalbetrags von 30’000 Pfund, um weiterhin von Steuerprivilegien zu profitieren. Die Organisation fĂźr wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OECD) hat den Druck auf ÂŤunkooperative SteueroasenÂť wie Monaco verstärkt, während die Schweiz seit vier Jahren eine Quellensteuer auf gewisse Konten von EU-BĂźrgern erhebt. Gleichzeitig plädieren die USA fĂźr noch strengere Gesetze gegen die Geldwäsche und die Finanzierung terroristischer Aktivitäten. In Asien denkt man Ăźber solche Dinge immer noch ein wenig anders. Selbstverständlich wĂźrde heutzutage kein seriĂśser VermĂśgensverwalter im Namen seiner Kunden die Geheimhaltung verteidigen – im Unterschied etwa zur Privatsphäre. Aber während europäische SteuerbehĂśrden die beiden Begriffe gerne miteinander koppeln, lehnen Asiens Bankiers zwar die Geheimhaltung ab, wachen jedoch weiterhin sorgfältig Ăźber die Responsible Wealth Review – Juni 2008
Privatsphäre. Das Recht eines Kunden auf Privatsphäre ist unsere DNA, meint Kathryn Shih, Head of Wealth Management for Asia-Pacific bei UBS. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Bank bei Neukonten regelmässig die Einhaltung der Sorgfaltspflicht (Due Diligence) ßberprßft und verpflichtet ist, den zuständigen Regierungen und BehÜrden gewisse Informationen mitzuteilen. Die Vertraulichkeit hat fßr unsere Kunden oberste Priorität, bestätigt ein Relationship Manager einer grossen europäischen Bank in Hongkong. Einige Kunden (insbesondere Europäer) fordern sie, aber viele (häufig Asiaten) vermeiden lieber jegliches Aufsehen, um sich gegen Versuche der Erpressung, Entfßhrung oder Hetzjagd durch die Medien zu schßtzen. Andere halten es schlicht fßr klßger, ihren finanziellen Erfolg weder der Familie noch der Öffentlichkeit kundzutun – bis vor wenigen Jahren konnte in Festlandchina der Aufstieg zum Millionär ebensogut Verhaftung wie Ansehen bedeuten. Ein vertrauenswßrdiger Banker versucht in jedem Fall zu helfen. Nach Ansicht von Shih gibt es zahlreiche MÜglichkeiten, die Privatsphäre zu wahren, ohne gegen Vorschriften zu verstossen. Zu den Beispielen gehÜrt die Grßndung von Trusts, privaten Anlagefirmen oder eines Familienbßros, welches das gesamte VermÜgen eines Patriarchen verwalten kann – bis hin zur Einrichtung eines eigenen privaten Anlagefonds.
6ERMyGENSEXPLOSION IN !SIEN
Regierungen aller Regionen stehen in einem erbitterten Wettbewerb, wenn es darum geht, Ka-
pital anzulocken, und fördern deshalb den eigenen Vermögensverwaltungssektor. Während sie angesichts der weltweiten Angst vor Terrorismus der Geldwäsche den Kampf angesagt haben, halten Hongkong und Singapur trotz erheblichem Druck der Europäischen Union, Informationen über Kapitalströme aus EU-Ländern preiszugeben, an der gesetzlichen Wahrung ihres Bankgeheimnisses fest. Banken in Hongkong müssen bis heute keinerlei Angaben über die Betreuung eines bestimmten Kunden machen, sofern nicht ein Gericht eine solche Offenlegung verlangt. Seit Singapur im Jahr 2000 seine Gesetze verschärfte, sind Banken, die dort Private-Banking-Transaktionen abwickeln, gezwungen, ihre Datenzentren wieder in den Stadtstaat zu verlegen, während kommerzielle Geschäftsbereiche diese Funktionen nach Indien auslagern. «Vor zwanzig Jahren galt die Schweiz als sicherer Hafen für all jene, die ihr Vermögen geheim halten wollten», erklärt dazu ein Banker in Hongkong. «Heute wissen unsere Kunden, dass Singapur und Hongkong zu tieferen Gebühren und mit flexibleren Dienstleistungen dieselben Vorzüge bieten.» Das günstige fiskalische Umfeld in vielen asiatischen Ländern ist ein weiterer Anreiz für Investoren aus dem In- und Ausland. Die Einkommenssteuern in Singapur und Hongkong sind im internationalen Vergleich niedrig, und Kapitalgewinne, Zinsen und Dividenden müssen in beiden Ländern überhaupt nicht versteuert werden. Und selbstverständlich sind Offshore-Guthaben nicht steuerpflichtig. Hongkong schaffte vor einigen Jahren auch die Erbschaftssteuer ab. Und Singapur hat inzwischen eine sehr flexible Trust-Gesetzgebung eingeführt und ein Wealth Management Institute gegründet, um neue Private Banker auszubilden. Beide Städte bieten ebenso wie Japan und weitere asiatische Länder solide rechtliche Rahmenbedingungen sowie politische Stabilität.
Kein Wunder also, dass immer mehr internationale Fonds, insbesondere aus Europa, in die Region drängen, um an der Vermögensexplosion in Asien teilzuhaben. Für Deepak Sharma, Leiter des internationalen Geschäfts bei der Citigroup Private Bank, gehören neben New York, London und Genf drei asiatische Städte zu den Top 6 der internationalen Vermögensverwaltungszentren – Singapur, Hongkong und Tokio (immer noch primär ein inländischer Markt). Insbesondere Singapur verzeichnete zuletzt ein spektakuläres Wachstum. Das von Privatbanken verwaltete Vermögen stieg von 50 Milliarden Dollar (1998) auf 300 Milliarden Dollar (2007), während sich die Zahl der Banken im gleichen Zeitraum von 20 auf 42 erhöhte. Das macht die Stadt zum weltweit zweitgrössten Vermögensverwaltungszentrum, allerdings noch immer weit hinter der Schweiz mit einem geschätzten Vermögen von 1,7 Billionen Dollar. Strenge Vertraulichkeit, niedrige Steuern und entgegenkommende Regierungen sind aber weder der einzige noch der wichtigste Grund für das spektakuläre Vermögenswachstum in Asien. Für global operierende Vermögenseigentümer sind die vielfältigen Anlagemöglichkeiten in der Region ein überzeugendes Argument, Kapital in Richtung Osten zu verschieben. «Die Anleger investieren in erster Linie wegen der sich bietenden Chancen in Asien und nicht wegen der Steueroasen», erklärt Kathryn Shih überzeugt. «Immer mehr Leute sehen ein, dass es besser ist, Steuern zu zahlen.»
"EMERKENSWERTES 7IRTSCHAFTSWACHSTUM
Vermögende Privatpersonen (High Net Worth Individuals, HNWI) – normalerweise jene mit einem investierbaren Vermögen von mindestens einer Million Dollar – sind bestrebt, am exponentiellen Wachstum in Asien teilzuhaben. Dies trifft nicht nur für amerikanische und euResponsible Wealth Review – Juni 2008
ropäische Kunden zu, die ihr Portfolio diversifizieren wollen, sondern zunehmend auch für ortsansässige Geschäftsleute, deren vorrangiges finanzielles Ziel es einst war, ihr Geld in einer sicheren Währung anzulegen. «Ein Inder, der vor 10 oder 15 Jahren seine erste Million verdient hatte, fragte sich damals, wie er sein Geld ausser Land schaffen konnte», meint Deepak Sharma. «Heute fragt er sich: ‘Wie kann ich es in meiner Heimat anlegen?’» Dank modernen strukturierten Produkten sind die Banken heute immer besser positioniert, solche Anlagechancen anzubieten. Vor Kurzem half beispielsweise Citigroup amerikanischen Privatkunden, direkt in chinesische A-Aktien zu investieren, die normalerweise den Bürgerinnen und Bürgern des Landes vorbehalten bleiben. Der andere treibende Faktor für die Anlage von Vermögen in der Region war Asiens bemerkenswertes Wirtschaftswachstum, getragen von Steigerungen des Bruttoinlandsprodukts und der Marktkapitalisierung. Ende 2006 gab es in der Region Asien/Pazifik 2,6 Millionen vermögende Privatpersonen, die insgesamt ein Vermögen im Wert von 8,5 Billionen Dollar kontrollierten, wie Capgemini und Merrill Lynch in ihrem 2007 Asia Pacific Wealth Report mitteilten. Wird die Schwelle von einer Million Dollar auf 100 000 Dollar gesenkt, so belief sich das asiatische Vermögen unter Verwaltung im Jahr 2006 auf 10,6 Billionen Dollar und weitere 11,9 Billionen Dollar in Japan, wie die Boston Consulting Group errechnete. Beide Studien ergaben ein zweistelliges Vermögenswachstum, wobei das Wachstum in den obersten Klassen besonders stark ausfiel – sehr vermögende Privatpersonen (Ultra HNWI), also jene mit einem persönlichen Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar, verzeichneten ein Portfoliowachstum von über 12%, während die vermögende Bevölkerung Singapurs und Indiens jeweils um mehr als 20% zunahm. Responsible Wealth Review – Juni 2008
-ANGEL AN 0RIVATE "ANKERN
Ein derart atemberaubendes Wachstum bringt seine eigenen Herausforderungen mit sich. Das grösste Problem asiatischer Private Banker ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Immer wieder wird von Banken berichtet, die einander Relationship Manager abwerben, indem sie diesen ein doppeltes Salär und einen erklecklichen «Begrüssungsbonus» bezahlen. Das Problem besteht zum Teil darin, dass das Private Banking in Asien, im Gegensatz zu Europa, erst seit Kurzem als seriöses Berufsfeld angesehen wird, welches nicht nur einen charmanten Umgang mit temperamentvollen Kunden, sondern auch echte Finanzkompetenz erfordert. So mancher gut ausgebildete junge Kandidat, der eine Banklaufbahn ins Auge fasst, würde sich aber bis heute für eine Investmentbank entscheiden, was nicht zuletzt an den dürftigen Löhnen im Private Banking liegt. «Das Angebot an Vermögensverwaltern in Asien ist noch immer sehr bescheiden», meint Kathryn Shih von UBS. «Einer der grössten Vorteile der Schweiz ist der umfassende Talentpool. Die Branche hat hier bereits eine über 100-jährige Tradition. Junge Leute lassen sich nach Schule und Studium zum Vermögensverwalter weiterbilden. Dagegen war die Vermögensverwaltung für asiatische Banken bis vor Kurzem ein Nebengeschäft.» Mit Initiativen wie dem vor zwei Jahren von der Regierung Singapurs gegründeten Wealth Management Institute, das einen Master-Studiengang zum Thema Private Banking anbietet, sowie internen Schulungen soll dieser Mangel behoben werden – aber bis die Massnahmen Wirkung zeigen, wird es einige Zeit dauern. Unterdessen müssen traditionelle Banker ihre Kompetenzen weiterentwickeln, um den immer höheren Ansprüchen ihrer Kunden gerecht zu werden. Private Banker berichten von einer dramatischen Verlagerung der Investments ver-
3AMEENA !HMAD IST 7IRTSCHAFTSKORRES PONDENTIN DES BRITISCHEN %CONOMIST F~R DEN ASIATISCHEN 2AUM 3IE LEBT IN (ONGKONG
mÜgender Kunden hin zu hoch komplexen Finanzwerten, da sich in vormals geschlossenen Märkten wie Indien und China neue Gelegenheiten bieten. Alternative Anlagen wie Private Equity, Hedge Funds, Rohstoffe und Immobilien sind besonders beliebt und machen inzwischen rund ein Drittel des Gesamtportfolios von sehr vermÜgenden Kunden aus – gegenßber ca. 5% vor wenigen Jahren. Hinzu kommt, dass wohlhabende Familien in Asien ihr VermÜgen oftmals in mehreren Gerichtsbarkeiten mit unterschiedlichen Steuersätzen und Währungen anlegen. Daraus ergibt sich ein Bedarf an Private-Banking-Beratern mit umfassendem Finanzwissen. Heutige VermÜgensverwalter benÜtigen Know-how in den Bereichen Finanzierung, Anlageberatung, Private Equity, Immobilien, Hedging und Risikomanagement. Die Situation ist äusserst komplex, meint Deepak Sharma von Citigroup. Er weist zudem auf einen neuen Typ von Privatkunden hin. Während vermÜgende Privatpersonen in Asien frßher fast ausschliesslich Geschäftsleute mit eigenen Fabriken oder IT-Unternehmen waren, stammen diese heute zunehmend aus dem Finanzbereich, wo sie Hedge Funds oder Private-Equity-Firmen gegrßndet haben. Fßr die Betreuung dieser anspruchsvollen Kunden werden Berater aus Anwaltskanzleien sowie aus den Bereichen Kapitalmärkte und Unternehmensfinanzierung von Banken rekrutiert. Vorläufig dßrfte sich am erbitterten Wettbewerb um Mitarbeiter und Kunden also nichts ändern.
5NG~NSTIGE DEMOGRA½SCHE %NTWICKLUNG
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die meisten asiatischen Märkte nach wie vor ihre eigenen Beschränkungen aufweisen. China bleibt fßr viele bekannte Namen unzugänglich, und selbst jene wie UBS, denen es gelang, eine
lokale Brokerfirma zu erwerben, kÜnnen keine vollständige Produktpalette anbieten. Nach Auskunft von Kathryn Shih ist es ihrem Team untersagt, Kunden vom Festland Derivate anzubieten, und in Indien dßrfen nur Produkte auf RupienBasis verkauft werden. Obwohl wir die Regierungen immer wieder zu weiteren Änderungen drängen, wie sie sagt, kontrastiert dies mit der breiten Produktpalette und dem tiefen Liquiditätspool in einem etablierten Private-BankingZentrum wie der Schweiz. Auch die relativ junge BevÜlkerung der Region hat Einfluss auf die kßnftige Struktur der VermÜgensverwaltungsbranche in Asien. Altersvorsorgeprodukte standen bisher noch nicht im Vordergrund, aber das kÜnnte sich angesichts der ungßnstigen demografischen Entwicklung in Japan und insbesondere China schon bald ändern. Bis 2021 werden in Asien auf jeden Rentner nur noch sechs Erwerbstätige entfallen, während es heute noch zehn sind – in Japan wird dieses Verhältnis nach Angaben von Asian Demographics und McKinsey von 4:1 auf 2:1 zurßckgehen. Fßr Banker bietet sich damit eine Gelegenheit, ihren Kunden eine ganz neue Palette von Renten- und Anlageprodukten anzubieten. Dies trifft auch fßr die intergenerationelle VermÜgensverlagerung von zurßcktretenden Unternehmern zu ihren Kindern zu. Es gibt also viele Grßnde, warum asiatische VermÜgen derart rasant gewachsen sind, warum dieser Trend anhalten dßrfte und warum die Region zumindest fßr einen Teil der weltweiten VermÜgensbesitzer weiterhin ein attraktives Ziel bleiben wird. Die finanziellen Kontrollen werden zweifellos zunehmen. Oder in den Worten von Deepak Sharma von Citigroup: Das regulatorische Umfeld und der Informationsfluss werden an Transparenz gewinnen – das gehÜrt zur Globalisierung. Dennoch dßrfte Asien auch in Zukunft sicherer sein als die meisten Regionen. Responsible Wealth Review – Juni 2008
ยฆ$ARIN LIEGT MEINES %RACHTENS F~R ,IECHTENSTEIN EINE GROSSE :UKUNFTSCHANCE WENN ES UNS GELINGT DAS 4HEMA 3CHUTZ DER 0RIVATSPHiRE NOCH BREITER ZU DEFINIEREN ยง %RBPRINZ !LOIS VON ,IECHTENSTEIN
Œ%S BRAUCHT 2iUME DER $ISKRETION§ $AS &~RSTENTUM ,IECHTENSTEIN IST TRADITIONELL EIN /RT VON GELEBTER 0RIVATHEIT )ST DIES IN DER OFFENEN )NFORMATIONSGESELLSCHAFT EIN !USLAUFMODELL ODER IM 'EGENTEIL DER 3CHL~SSEL F~R DIE :UKUNFT DES ,ANDES 2EžEXIONEN VON %RBPRINZ !LOIS VON ,IECHTENSTEIN AUF DIE &RAGEN VON 2OGER DE 7ECK Roger de Weck:
$URCHLAUCHT WIR SIND IN )HREM
(AUS $IESES 3CHLOSS ÂŻ WEITHIN SICHTBAR IM ,ANDE ABER EIN /RT DES 2~CKZUGS ÂŻ IST 3INNBILD DES
4HEMAS UNSERES 'ESPRiCHS 0RIVACY 0RIVATSPHiRE $AS &~RSTENTUM TRiGT )HREN .AMEN 3IE TRAGEN DEN .AMEN DES ,ANDES $IE "ALANCE ZWISCHEN
yFFENTLICHER 2EPRiSENTATION UND GELEBTER 0RIVATHEIT
IST NICHT EINFACH ZU WAHREN 7IE ½NDEN UND HALTEN 3IE DIESES 'LEICHGEWICHT
Erbprinz Alois von Liechtenstein: Wer in der Öffentlichkeit steht, ist sich seiner Prominenz notgedrungen bewusst. Meine Familie und ich haben uns trotzdem immer bemßht, unsere Privatsphäre zu erhalten. Das ist nicht immer ganz einfach. Wir erreichen das, indem wir – lassen Sie es mich mit einem Augenzwinkern formulieren – mÜglichst langweilig sind. Soweit das geht, meiden wir zum Beispiel gesellschaftliche Anlässe, bei denen die einschlägigen Medien präsent sind. Hinzu kommt, dass wir in einem kleinen Land leben, in dem die Einwohner ihre Privatsphäre ebenfalls schätzen. Dem Alemannen liegt das wohl in den Genen. So hat sich das in den Jahrzehnten, in denen meine Familie hier lebt, fßr alle ganz gut entwickelt. $IE BRITISCHE +yNIGIN NUTZT 9OU4UBE EINE 0LATT FORM DER 3ELBSTDARSTELLUNG F~R IHRE +OMMUNIKATI ON +yNNEN 3IE SICH SO ETWAS F~R SICH VORSTELLEN
Meine Familie hat eine Website, auf der man Lebensläufe oder Fotos der Familienmitglieder herunterladen kann; das ist heute kaum mehr zu vermeiden. Wenn nicht wir selbst derartige Informationen ins Netz stellen, tut das ein anderer. Wichtig ist allerdings die Wahl der Inhalte, die wir
der Öffentlichkeit zugänglich machen. Auf unserer Homepage finden Sie Mitschriften politischer Reden, die ich gehalten habe, und sogar einen Familienstammbaum, aber keine Angabe ßber persÜnliche Vorlieben. Generell gilt ja: Wer nicht mitspielt, kann seine Privatsphäre besser schßtzen. Und umgekehrt gilt auch: Wer einmal zur Figur einer Soap Opera wird, kommt davon fast nicht mehr los. 3IE VERWEISEN AUF ANDERE &~RSTENHiUSER
Nicht nur. Das Fernsehen ist ja voll von Soap Operas und diese bieten geradezu Anschauungsunterricht dafßr, wie Privates Üffentlich wird. Das Muster, wie diese Serien ablaufen, ist ßberall dasselbe: Der Zuschauer identifiziert sich mit den Charakteren und will unbedingt wissen, wie es mit diesen Personen bei der nächsten Folge weitergeht. Genau diesen Rhythmus des sich immer weiter Üffnenden Raums, der Durchdringung von Privatem, muss man als Üffentliche Person brechen. So hat es letztlich jeder selbst in der Hand, wie oft und wo er auftritt und ob er wÜchentlich ein neues Foto von sich in der Zeitung gedruckt sehen will. Wie stark die Privatsphäre ßberhaupt geschßtzt werden kann, hängt entscheidend vom eigenen Verhalten ab. Was einmal publiziert und ins mediale System eingegeben ist, lässt sich nicht mehr zurßckholen. $AS "ED~RFNIS NACH 3CHUTZ DER 0RIVATSPHiRE WiCHST !NDERERSEITS GRASSIERT HEUTE DER %XHIBITIO NISMUS 7IE ERKLiREN 3IE DIESEN 7IDERSPRUCH
Das Bedßrfnis nach Schutz der Privatsphäre gab es mit Sicherheit immer schon, erst recht Responsible Wealth Review – Juni 2008
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als totalitäre Regimes Konjunktur hatten. Es ist ja kein Zufall, dass sich im Fßrstentum Liechtenstein und in der Schweiz das Bankgeheimnis stärker ausprägte, als in umliegenden Nationen Faschisten die Menschen unterdrßckten. Das Schutzbedßrfnis wächst heute wieder, weil sich mehr und mehr Zeitgenossen bewusst werden, wie viele persÜnliche Informationen im Internet verfßgbar sind, eine Kehrseite des technischen Fortschritts. Hinzu kommt die Einsicht, dass staatliche Institutionen wie etwa SteuerbehÜrden immer weiteren Zugriff auf individuelle Daten von Bßrgerinnen und Bßrgern haben. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York und im Zuge der globalen Terrorismusbekämpfung ist die Suche nach der richtigen Balance zwischen Datentransfer und Datenschutz auf die Agenda gerßckt. Den erwähnten Exhibitionismus kann ich mir nur so erklären, dass viele Interaktionen unter jungen Menschen heute nicht ßber Briefe, Telefongespräche und persÜnliche Begegnungen laufen, sondern ßber das Internet. In Chatrooms kommunizieren sie offenherzig miteinander. Sie sind sich dabei wohl nicht einmal bewusst, dass diese Informationen zumindest indirekt fßr andere einsehbar sind und dass anhand der Daten im Netz ganze PersÜnlichkeitsprofile aufgestellt werden kÜnnen. 6ERWISCHEN DIE 'RENZEN ZWISCHEN %IGEN UND
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Wenn etwas aus dem Lot gerät, verstreicht immer etwas Zeit, bis sich ein neues Gleichgewicht einpendelt. Jede Gesellschaft lernt nur nach und nach, mit neuen Medien und Technologien zu leben, der Fortschritt ist manchmal schneller als die Menschen. Heute braucht es vermutlich neue Mechanismen, um den Schutz der PrivatsphäResponsible Wealth Review – Juni 2008
re, auf den jedes Mitglied der Gesellschaft einen Anspruch hat, zu gewährleisten. Die Frage ist, was Liechtenstein dazu beitragen kann. In unserem Staat haben wir eine starke Kultur des Schutzes der Privatsphäre – weit ßber Finanzund Steuerfragen hinaus, die gemeinhin mit dem Land assoziiert werden. Darin liegt meines Erachtens fßr Liechtenstein eine grosse Zukunftschance: wenn es uns gelingt, das Thema Schutz der Privatsphäre noch breiter zu definieren. Die Regierung, aber auch zahlreiche Teilnehmer am Finanzplatz Liechtenstein denken immer klarer in diese Richtung. Bei dem immer stärker werdenden internationalen Datenaustausch im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Terroristen werden regulatorische Strukturen des Staates umso wichtiger. Diese mßssen verhindern helfen, dass persÜnliche Daten weitergegeben werden, die in der Terrorismusbekämpfung nichts bringen. Liechtenstein ist daran, diese Instrumente weiter zu verfeinern. )NWIEFERN
Ein Beispiel: In den meisten Ländern sammelt die Verwaltung persÜnliche Informationen und gibt sie direkt an eine untersuchende BehÜrde eines anderen Staates weiter. In Liechtenstein hingegen befindet praktisch immer ein Richter darßber, ob die persÜnlichen Daten weitergegeben werden kÜnnen und mßssen. Da aber in manchen Situationen der Informationsaustausch schnell erfolgen muss, werden wir das Verfahren vereinfachen. Ein Verfahren ßber mehrere Instanzen wird in solchen Fragen oft nicht mehr tragbar sein. Der Richter wird bei Gefahr in Verzug, ähnlich wie bei einem Hausdurchsuchungsbefehl, rasch entscheiden mßssen. Trotzdem ist es ein grosser Unterschied, ob eine vÜllig unabhängige Person wie ein Richter zusätzlich ßber einen wichtigen Eingriff in die Privatsphäre entscheidet oder nicht. Fßr Liechtenstein kÜnnte es eine Art Trade Mark sein, dass bei jedem Rechtshilfegesuch ein Richter ßber
den Transfer persĂśnlicher Daten urteilt, die Gesuche aber trotzdem schneller als in den meisten anderen Staaten bearbeitet werden. 7ILL )HR ,AND AUF ALLEN 'EBIETEN -ASSSTiBE SETZEN IM 3CHUTZ DER 0RIVATSPHiRE ÂŻ ZUM "EISPIEL
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Grundsätzlich ist es fßr einen Standort wie Liechtenstein richtig, Stärken zu entwickeln und auszuspielen, die den grÜsseren Standorten fehlen. Je grÜsser ein Land, desto mßhseliger ist es, die unterschiedlichen Strategievorstellungen verschiedenster Interessensgruppen unter einen Hut zu bringen. Das erschwert die Fokussierung auf ein Kernthema wie Privacy. In einem Kleinstaat wie Liechtenstein kann dagegen der Staat viel zielstrebiger in diese Richtung einwirken, entsprechende Gesetze forcieren und den Bßrgern erklären, dass davon alle profitieren. Es wäre durchaus denkbar, dass sich Liechtenstein den Schutz der Privatsphäre auch in der Medizin auf die Fahnen schriebe: Vertrauensärzte vor Ort und die Verwaltung von Gesundheitsdaten im Ländle – warum nicht? $ARF ICH EINE KLEINE 5TOPIE ZEICHNEN $IE 5TOPIE EI
NES ,IECHTENSTEINS IN DEM 4ELEFONGESPRiCHE NICHT ABGEHyRT WERDEN KyNNEN $ER LIECHTENSTEINISCHE
)NTERNET 0ROVIDER GIBT KEINE +UNDENDATEN WEITER $AS LIECHTENSTEINISCHE +REDITKARTENUNTERNEHMEN
GARANTIERT DIE !NONYMITiT DES +AUFVERHALTENS 5ND )NTERMEDIiRE B~RGEN F~R DEN 3CHUTZ DER 0RI
VATSPHiRE NICHT NUR IN DER &INANZ SONDERN IN ALLEN ,EBENSBEREICHEN %INE REALISTISCHE 5TOPIE
In diesem Ausmass ist es meiner Meinung nach reine Utopie. Zum Beispiel kann sich ein kleines Land wie das unsrige nicht von der Telekom-Umwelt abkoppeln, und es ist ohnehin damit zu rechnen, dass Geheimdienste ßberall mithÜren. Im Zeitalter der Handys ist eine umfassende Privatheit beim individuellen Gespräch
nicht länger zu garantieren. Fßr mich ist aber unbestritten, dass unser Land auf Teilgebieten eine wesentlich stärkere Privacy garantieren kann als andere. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass dort, wo die Privatsphäre verletzt wird, nicht unbedingt die Technik versagt, sondern oftmals der Mensch. Meist macht nicht der Hacker vertrauliche Bankdaten Üffentlich, sondern ein Mitarbeiter aus dem Inneren der Bank. Absolute Sicherheit gibt es nirgends. )N ,IECHTENSTEIN IST $ISKRETION EINE 4UGEND $ER FREIE UNGEHINDERTE )NFORMATIONSžUSS IST ABER EINE
UNERLiSSLICHE 6ORAUSSETZUNG F~R DAS &UNKTIONIEREN VON $EMOKRATIE 'ESELLSCHAFT UND -ARKT 7ER DIE
2OGER DE 7ECK IST EIN 3CHWEIZER 0UBLIZIST EHEMALIGER #HEFREDAKTEUR DER :~RCHER 4AGESZEITUNG Œ4AGES !NZEIGER§ SOWIE DES DEUTSCHEN 7OCHENBLATTS Œ$IE :EIT§ %R IST ,EHRBEAUFTRAGTER AM %UROPAKOLLEG IN "R~GGE UND 7ARSCHAU SOWIE 0RiSIDENT DES 3TIFTUNGSRATES DES 'ENFER )NSTITUT UNIVERSITAIRE DE HAUTES mTUDES INTERNATIONALES
$ISKRETION ZUM 3YSTEM ERHEBT BEGIBT SICH IN DIE
'EFAHR DES -ISSBRAUCHS 7ER UMGEKEHRT ALLES AUF DEN -ARKTPLATZ UND ZUR 3CHAU STELLT WIE ES
~BLICH WIRD VERLETZT ETWAS VOM 7ERTVOLLSTEN IM
MENSCHLICHEN ,EBEN UND :USAMMENLEBEN DIE )NTIM UND 0RIVATSPHiRE 7O ZIEHEN 3IE DIE 'RENZE ZWISCHEN dFFENTLICHKEIT UND $ISKRETION
Demokratie, Gesellschaft und Wirtschaft brauchen Transparenz. Aber genauso klar ist, dass es Räume der Diskretion braucht, damit sie funktionieren kÜnnen. Beides muss sein. Entscheidend ist die Antwort auf die Frage: Welches sind berechtigte Anliegen fßr Diskretion? Das zu beurteilen, ist anspruchsvoll. Ein Beispiel: Es braucht Informationen zur Terrorismusbekämpfung – doch wo beginnt der Missbrauch beim Sammeln persÜnlicher Daten? Und wie kann der Bßrger einmal gesammelte, aber falsche Daten wieder aus den Systemen entfernen lassen? Das ist im sogenannten Informationszeitalter äusserst schwierig, fast unmÜglich. Wichtiger denn je ist deshalb der mßndige Bßrger, der bei der Weitergabe seiner persÜnlichen Daten vorsichtig ist, gleichzeitig aber Informationen mit einer gewissen Skepsis aufnimmt und aus verschiedenen Quellen schÜpft, um sich ein Urteil zu bilden. Responsible Wealth Review – Juni 2008
0RIVACY ¯ EINE GLOBAL UND INTER DISZIPLINiR GEF~HRTE $EBATTE %NGAGIERT UND KONTROVERS DISKUTIERTEN DIE 4EILNEHMER DES 0RIVATE 7EALTH #OUNCIL AM *ANUAR IN 6ADUZ DAS 4HEMA DES 4AGES 0RIVACY DER :USTAND DIESES "~RGERRECHTS AUF DER 7ELT UND DIE &OLGEN F~R VERMyGENDE &AMILIEN &OTOGRA½SCHE )MPRESSIONEN AUS 7ORKSHOPS
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#HEFREDAKTOR 2ENm ,~CHINGER ,~CHINGER 0UBLISHING :~RICH $ESIGN UND 5MSETZUNG ""& "ASEL &OTOGRA½E /LIVER "ARTENSCHLAGER 3TEFAN &ALKE +EYSTONE eBERSETZUNGEN #O4EXT :~RICH $RUCK 7ERNER $RUCK "ASEL 'EDRUCKT AUF &3# ZERTI½ZIERTEM 0APIER