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Begabte Neandertaler

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KUNST AUS DER STEINZEIT

KUNST KOMMT VON KÖNNEN –BEGABTE NEANDERTALER

«Eshandelt sich um geometrische Muster, Linien, die sehr rhythmisch angeordnet worden sind Diese Linien haben keine zweckgerichtete Funktion. Ihre Urheber nutztensie,umeineSkizze,einBildzuhinterlassen Man könnte das Kunst nennen», führt Jean-Claude Marquet im Kurzbeitrag des Senders France 24 aus. In der Höhle von La Roche-Cotard war der französische Paläontologe 1974 aufGravurengestossen,dieeraufgrundvonanderen Fundgegenständen – Schaber,

In Langeais im Val de Loire und in Bruniquel im Süden Frankreichs haben sich Neandertaler in Höhlen künstlerisch verewigt.

Die Herstellung eines Kunstwerks – das Abbilden, Darstellen, Verweisen – erfordert gewisse kognit Fähigkeiten. Deshalb geht man davon aus, dass die Entstehungsgeschichte der Kunst die kognitive Entwicklung des Menschen widerspiegelt. Aber immer deutlicher zeigt sich, dass dieser Prozess nich erst mit dem modernen Menschen begann: In den vergangenen Jahren konnte mehrfach bewiesen werden, dass sich schon die Neandertaler gerne mit schönen Dingen beschäftigten. John Nr 15/2024 eines – Verweisen – gewisse kogni man aus, dass Kunst des dass

Micelli

Die «Maske von La Roche-Cotard» ist rund 75 000 Jahre alt und ein bedeutendes Artefakt für die Wissenschaft: Welche Rolle hat der Neandertaler bei der Entstehung der Kunst gespielt?

25 Furchen im Tuffstein: Das sogenannte «dreieckige Feld» in der Fundstätte La Roche-Cotard wirkt auf den ersten Blick unscheinbar – ist aber der Beweis für die Kreativität der Urmenschen

PfeilspitzenundKlingen–denNeandertalern zuschrieb. Dieser nahe Verwandte des modernen Menschen tauchte vor schätzungsweise 230000 Jahren in Europa auf und ist vor rund 40 000 Jahren ausgestorben.

DochobwohlNeandertalerWerkzeuge sowieWaffenherstelltenundbenutzten, vermutlich als erste Menschenart Kleidung trugen und zumindest die anatomische Voraussetzung fürdie Fähigkeit zum Sprechen erfüllten, hielt sich hartnäckigdieVorstellungvomHomoneanderthalensisalsprimitiver,grobschlächtiger Höhlenmensch, der bestenfalls in Grunzlauten kommuniziert habe. Marquet befürchtete, nicht in der Lage zu sein, seine Vermutung ausreichend wissenschaftlich zu untermauern, um auf Konfrontationskurs mit der damaligen Lehrmeinung zu gehen.

Über 40 Jahrespäteraber kehrteeran den Zusammenfluss von Loire und RoumerimHerzenFrankreichszurück,um zusammen mit Dorota Wojtczak, wissenschaftliche Mitarbeiterinder Integrativen Prähistorischen und NaturwissenschaftlichenArchäologie(IPNA)der

Universität Basel, mithilfe modernster rfahren das Geheimnis der Künstlennen und Künstler von La Rochetard zu lüften.

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CotardseieinganzbesondererOrt,eine weilWojtczak,schwärmtZeitkapsel,Art sie

Schlammrückstände

Geduldig fügten sie Spuren, Indizien d Beweise zusammen. Das Gesamtld veröffentlichten sie im Sommer des rgangenen Jahres in einem Artikel in der multidisziplinären Fachzeitschrift OS One. Die Höhle von La RochetardseieinganzbesondererOrt,eine tZeitkapsel,schwärmtWojtczak,weil über 50 000 Jahre lang durch hlammrückstände der Loire und Bodensedimente verschlossen gewesen sei. Diesen Nachweis erbrachten Trine eiesleben und Kristina Thomsen von derTechnischenUniversitätDänemarks rch das Verfahren der optisch stimuerten Lumineszenz (OSL), die Berechnungenermöglicht,wanneineGesteinsschichtletztmals Lichtausgesetzt war. «Vor50 000JahrenabergabesinEuropa noch keine modernen Menschen, sondern nur Neandertaler», erklärt die BaslerArchäologin:«DieGravurenkönnen daher nur von diesen Frühmenschen stammen.»Wassiedarstellen,könnesie zwar nicht sagen, so Wojtczak: «Sie könnenabernurvoneinemMenschenangefertigtwordensein,dermitPlanungund Verstandoperierthat.Obessichtatsächlich um Kunst oder eine Form der Informationsaufzeichnung handelt, ist eine Frage der Interpretation.»

Diesen Nachweis erbrachten Trine omsen Freiesleben Kristina Th durch optisch lierten (OSL),

Weniger Raum für Interpretationen lässt ein Artefakt aus Silex, das bereits 1975 aus dem Schutt vor der Höhle geborgen worden war. Doch erst 2016 konntedasAlterderetwazehnZentimeter grossen und 300 Gramm schweren «Maske von La Roche-Cotard» korrekt bestimmt und damit der Homo sapiens als Urheber ausgeschlossen werden Marquetbeschreibtsieals«ähnlicheiner Karnevalsmaske»: In eine natürliche ÖffnungimdreieckigenFeuersteinwurde vor mindestens 70 000 Jahren ein Knochensplitter getrieben und so die Illusion von geschlossenen Augen erzeugt – für viele Expertinnen und Experten der endgültige Beweis, dass die Fähigkeiten der Frühmenschen bisher massiv unterschätzt worden sind: «Das beerdigtendlichdieLüge,Neandertaler hättenkeineKunstgehabt»,lässtsichder

Nr 15/2024

britische Archäologe Paul Bahn, Spezialist für prähistorische Kunst, vom Wissenschaftsmagazin Spektrum zitieren, undseinLandsmann,derAnthropologe Clive Gamble, bestätigt, dass die Wissenschaften Hinweise auf kognitive Fähigkeiten der Neandertaler bisher nur widerwillig anerkannt hätten: «Das grosseProblemist,dassessichbeiihren Werken um Unikate handelt, während sich Stile und Motive der frühen Kunst des modernen Menschen über Jahrtausende wiederholten.»

Bahnergänzt:«BisherwurdenArtefakte der Neandertaler als Zufälle und Ausnahmen betrachtet Die Maske von La Roche-Cotard aber ist eindeutig mehr alsnureinbeiläufigineinLochimStein gesteckter Knochen.» Und auch Marquet ist überzeugt, dass schon unsere Vorgänger und sogar gemeinsame Vorfahren zu abstraktem Denken und symbolischen Handeln fähig gewesen seien: «Das Objekt beweist, dass Kunst nicht erst den Gedanken des modernen Menschenentsprang,sondernschonvielfrüher im Gehirn des Neandertalers und zweifellosauchinjenemdesHomoerectus einen Platz hatte.»

Kultur undSprache

«Die Neandertaler-Gesellschaft war weiter entwickelt als bisher angenommen und umfasste bereits moderne

Aufwendig rekonstruierte Dorota Wojtczak die Entstehung der Kunst von Neandertalern im Departement für Umweltwissenschaften der Universität Basel. Ihre Erkenntnisse verändern unser Bild der Urmenschen nachhaltig

Elemente wie eine komplexe räumliche Organisation und die Nutzung von Feuer», sagt auch Jacques Jaubert. Ab 2015 leitetederProfessorfürUrgeschichtean der Universität Bordeaux die Untersuchung der Steinkreise von Bruniquel in Südfrankreich.IneinerTropfsteinhöhle 350 Meter tief im Berginnern befinden sichzweiannäherndkreisförmigeStrukturen mit einem Durchmesser von knappsiebenundfastfünfMeternsowie vierStapelausvieraufeinandergeschichteten Reihen aus rund 400 etwa gleich grossen Tropfsteinstücken

Aufgrund von Feuerspuren sowie der AnordnungderFragmentekönneausgeschlossenwerden,dassessichumnatürlicheFormationen handle,schreiben Jaubert und sein Team in ihrem Bericht. DieeigentlicheSensationaberistdasAlter,dasdieIsotopenmessungvonSophie Verheydenergab:DieBaumeisterwaren vor 175 000 Jahren am Werk

Die Stalagmitenstrukturen in der Höhle von Bruniquel wurden vor rund 175 000 Jahren von Menschenhand geschaffen. Ihr Zweck bleibt mysteriös, aber sie lassen spirituelles Empfinden und ausgeprägte soziale Strukturen vermuten.

Alles begann mit der Verzierung von Alltagsgegenständen: Schmuck und Werkzeug der Neandertaler aus der «Rentiergrotte».

DankdenErgebnissenderStalagmitenExpertin vom Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften gelten die Steinkreise damit als ältestes bekanntes von Menschen gestaltetes Bauwerk. Seinen Zweck zu ergründen aber sei die Aufgabe zukünftiger Forschung, empfiehlt Jaubert: «Ausgehend von unserem Wissen über die Höhlennutzung inderspätenAltsteinzeitnehmenwiran, dassdieseGebildeeineArtrituellesoder symbolisches Verhalten repräsentierten.» Eine Nutzung als Wohnstätte sei aufgrund der Lage und der schwierigen Erreichbarkeitpraktischausgeschlossen, auch seien in den Feuerstellen keine Nahrungsrückstände nachzuweisen. Gefundene Tierknochen hätten wohl alsFackelngedient:TierischeFettebrennen länger und entwickeln weniger Rauch als Holz. Geologin Verheyden ist sich sicher, dass die Stätte nicht von einem einzelnen Künstler geschaffen worden sei – Arbeit im Team aber setzt ein hohes Mass an sozialen Fähigkeiten voraus DeshalbsiehtsichauchPaolaVilla bestätigt. Die italienische Archäologin, die heute an der Universität von Coloradolehrt,istschonlangedavonüberzeugt, dassNeandertalerzuUnrechtalsdumpfe Primitivlinge gelten würden: «Sie bestatteten ihre Toten, sammelten Federn und Krallen von Vögeln als Schmuck und scheinen durchlöcherte Tierzähne, Muscheln und Elfenbein für Anhänger verwendet zu haben.»

DieUrmenschenhätten komplexe Jagdtechnikenentwickelt,sichvielseitig ernährt– und wahrscheinlich auch miteinander gesprochen «Wenn Neandertaler Symbole hatten, bedeutet das,dass sie soziale Werte hatten», so Villa: «Ich glaube nicht, dass sie ohne Sprache Gemeinschaftsjagden organisieren oder ihreKulturübervieleGenerationenhinweg hätten weitergeben können.»

Der Wert der Kunst

DassdieEntwicklungvonSpracheund Kunst eng verknüpft sei, glaubt auch der deutscheWissenschaftsjournalist Gábor Paál – beide würden symboli-

sches Denken voraussetzen, möglicherweise hätten sich die Fähigkeiten gegenseitig befruchtet: «Ein Wort bezeichnet etwas. So wie Schmuck oder KunstwerkeZeichenfüretwassind.»DreiPhasen der Entwicklung würden sich in den archäologischen Spuren unterscheiden lassen: als Erstes das Dekorieren, dann das Schmücken, schliesslich ein schöpferisches Gestalten Schon die SymmetrievonzweiMillionenJahrealtenFaustkeilenverrateeinenSinnfürdasSchöne, genauso wie die fast perfekten Kreisformen von Bruniquel: «Das ist also die erste Stufe. Unsere Vorfahren haben angefangen, Dinge zu verzieren oder irgendwie ästhetisch anzuordnen.»

Der zweite Schritt sei es dann gewesen, Gegenständenichtnurzuverzieren,sondern sie eigens zu dekorativen Zwecken herzustellen. Die dritte Stufe sei die Kunst im eigentlichen Sinn: «Kunstwerke haben wie Schmuck einen symbolischenGehalt, aber nochmalauf einer anderenEbene.Sie stellenetwas dar, sie bilden etwas ab, verweisen auf etwas Äusseres. Kunstwerke verlangen somit nochmal andere kognitive Leistungen als Schmuck.»

MenschenschaffenalsoKunst,weilsie es können, nicht weil sie es müssen: «Theoretisch istja eine Welt denkbar, in der menschliche Wesen ihr Überleben genauso sichern wie wir – sie arbeiten, essen, pflanzen sich fort, produzieren aberkeineKunst,habennichteinmaldie Spur einer ästhetischen Erfahrung und malenkeineBilder»,soPaál OhneKunst aber würde der Menschheit «eine entscheidende Facette ihrer selbst» fehlen, erwidert sein Fachkollege Henning Engeln in seinem Essay «Wie die Kunst in die Welt kam»

Grundsätzlich könne über die Motivation der frühen Kunstschaffenden nur spekuliert werden – neben spirituellen und zeremoniellen Beweggründen werdensozialeoderneurologischeAuslöser diskutiert:«Egalaber,auswelchenGründen die Menschen vor weit mehr als 100 000 Jahren begannen, kreativ zu werden, eines ist aus heutiger Sicht klar –KünstlerinnenundKünstlerbereichern unser Leben, sie lassen uns staunen, lösen Emotionen aus, erzählen Geschichten, bringen Menschen zusammen, machen das Leben bunt, vielfältig und interessant.» n

Fotos: Wikimedia

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