Eine Dekade voller Erfahrungen im Theaterhaus und beim Music Circus führte mich zu Chimperator Live – ein Ort, an dem vieles zusammenkam. Was mich besonders bewegt hat: Durch die Verbindung von 0711 und Chimperator traf ich auf jene Persönlichkeiten, die mich in meiner Jugend inspiriert hatten – Strachi und Schowi, aber auch die Chimperator-Gründer Kody, Basti und Niko, deren Weg ich mit großem Respekt verfolgt hatte. Als Steffen dazu kam und wir immer wieder Berührungspunkte hatten, bekam ich einen Blick auf Menschen mit Haltung, mit Vision – und mit dem Willen, ihre wirtschaftlichen Erfolge nicht nur zu feiern, sondern in etwas Größeres zu investieren. In etwas, das bleibt. Diese Haltung hat letztlich die Entstehung des Im Wizemann ermöglicht.
Und das möchte ich auch nicht müde werden zu betonen, allem voran der Rückhalt der Gründungsgesellschafter trägt bis heute das Im Wizemann. Ganz ohne Subventionen. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.
Im Austausch mit Steffen, kongenial und voller gegenseitigem Vertrauen, floss all das ein, was wir über Jahre gelernt und gelebt hatten: Unsere Erfahrungen aus dem Booking, auf Tour, auf Festivals und aus einer Vielzahl von Spielstätten – aber auch unsere Verbundenheit zu Stuttgart. Wir wollten nicht nach Berlin oder sonst
wo hin, wir wollten selber das schaffen und verbessern, was uns fehlte. Das ist bis heute unser Antrieb, gepaart mit dem gegenseitigen Versprechen, den Staffelstab zu übergeben, wenn einer von uns jemals sagt „Das haben wir aber schon immer so gemacht!“.
„Stuttgart sei für ihn nur kulturelles Brachland. Brachland? Haste noch alle Tassen im Schrank?“ dieses Zitat aus „Mutterstadt“ von Massive Töne ist für uns Antrieb und Ansporn. Nix Brachland! Wir halten dagegen und so sei uns das Augenzwinkern von The Länd zu Brachländ gestattet - wir nehmen euch im Folgenden gerne mit und zeigen in 10 Kapiteln, die sicher hätten mehr sein können, wie wir versuchen, unseren Teil zu einem lebenswerten Stuttgart beizutragen.
So wurde das Im Wizemann nie einfach nur „gebaut“. Es wurde gedacht, gelebt, durchdrungen. Von Anfang an. Und wenn ich heute durch die Hallen gehe, spüre ich genau das: Dass hier etwas entstanden ist, das mehr ist als nur ein Veranstaltungsort. Es ist das Ergebnis eines gemeinsamen Traums – und ein Zeichen dafür, was möglich ist, wenn man nicht fragt, ob es geht, sondern wie.
Vielen Dank für die letzen 10 Jahre Matze
Foto: Steffen Schmid
INTRO
Seit nunmehr zehn Jahren ist unser Haus ein Ort der Begegnung, der Kreativität und der kulturellen Vielfalt. Gemeinsam mit Künstler:innen, unserem unglaublich engagierten und stetig wachsenden Team und vor allem mit euch, den Besuchenden, den dienstleistenden Partner:innen, den Wegebereiter:innen und den Macher:innen im Hintergrund haben wir es geschafft, Raum für positive Momente zu kreieren.
Dieses Jubiläum ist ein Anlass zum Feiern – aber auch ein Moment des Zurückschauens, der Bestandsaufnahme und der Transparenz. Neben all den schönen Momenten, sollen täglich präsente Hürden struktureller und wirtschaftlicher Art nicht
überspielt oder gar ignoriert, sondern ehrlich angesprochen werden und im besten Fall eine Grundlage für eine gemeinschaftliche Bewältigung sein.
Wir bedanken uns bei allen, die dazu beigetragen haben, das Im Wizemann zu dem zu machen, was es heute ist: ein lebendiger Raum für Gesellschaft & Kultur unterschiedlichster Art.
Wir freuen uns auf das nächste Kapitel! Hannah, Steffen & Matze
Das Wizemann-Areal steht für den Wandel – von einem Industriekomplex zu einem der wichtigsten Kultur- und Kreativzentren der Stadt. Ursprünglich wurde es 1934 von der J. Wizemann GmbH & Co. KG als Produktionsstätte errichtet. Hier wurden unter anderem hochwertige Guss- und Stahlteile für Verbrennungsmotoren gefertigt. In den 1990er-Jahren endete die industrielle Nutzung – und eine neue Phase begann.
Ab 1996 wandelte sich das Areal sukzessive zum Kulturstandort. Der Club Zapata, der ab 1998 bis 2013 dort residierte, prägte diese Zeit entscheidend. In dem alternativen, kunstvoll gestalteten Club fanden legendäre Partys und Konzerte statt. Das Zapata war in dieser Zeit nicht nur ein Club, sondern ein kulturelles Biotop – ein Schmelztiegel aus Subkultur, Kunst und Nachtleben, der das Areal mit Leben füllte. Nach dem Ende des Zapata bemühte sich Chimperator um die Fläche. Die daraus resultierende STR Kultur- und Betriebs GmbH hatte eine klare Vision: eine moderne, professionelle Konzertlocation schaffen, die die Lücke füllt, die u. A. nach dem Wegfall der Röhre entstanden war. In Zusammenarbeit mit Partner:innen aus der Veranstaltungsbranche, im engen Austausch mit der Familie Wizemann und den Robi Wache Architekten entstand das Im Wizemann – ein Haus mit mehreren
Veranstaltungsflächen: Die Halle, die bis zu 1300 Personen fasst, der Club mit Platz für bis zu 550 Besuchende und die kleineren Räume „Studio“ und „Atelier“ für kleinere Konzerte, Seminare, Firmen- und Privatevents.
Am 12. September 2015 wurde das Im Wizemann mit einem Tag der offenen Tür feierlich eröffnet. Seitdem ist es Heimat für Pop, Punk, Poetry, Theater, politische Debatte, Hip-Hop, Metal und mehr – mit einem klaren Ziel: Stuttgart als Konzertstandort zu stärken und Kultur zugänglich, vielfältig und zukunftsfähig zu machen. Mit über 400 Veranstaltungen und rund 200.000 Besuchenden pro Jahr hat sich das Im Wizemann als feste Größe in der Stuttgarter Kulturlandschaft etabliert.
Heute ist das Wizemann-Areal ein Leuchtturmprojekt der Transformation: Es beherbergt neben dem Im Wizemann auch Coworking-Spaces, Gastronomiebetriebe und kreative Unternehmen, die gemeinsam das Areal mit Leben füllen.
ZUGANG
Seit zehn Jahren setzen wir uns leidenschaftlich dafür ein, Kultur für alle erlebbar zu machen – ganz ohne Dresscode, ohne Schwellenangst. Es ist uns ein Herzensanliegen, die Kultur zugänglich zu gestalten, so dass sich wirklich alle willkommen fühlen. Bei uns gibt es keine Exklusivität, sondern eine Einladung, die Vielfalt Stuttgarts in unseren Räumen zu leben. Kultur ist für alle da!
Unsere Türen stehen für die unterschiedlichsten Veranstaltungen offen. Wir wollen dabei Voraussetzungen schaffen, in denen sich unsere Gäste, unabhängig von Identitätsmerkmalen und sozialen Kategorien, selbstbestimmt entfalten können.
Von der ausgelassenen sex positivity Party „Kinky Galore“, über Punk und Metal Konzerte bis hin zur klassischen Orchester Veranstaltung
oder eine Lesung für Kinder – bei uns finden diese scheinbaren Gegensätze ihren Raum und schaffen ein einzigartiges Miteinander. Diese Bandbreite ist uns wichtig, denn Kultur lebt von der Vielfalt der Menschen. Besonders stolz sind wir darauf, Barrieren abzubauen und unterrepräsentierten Gruppen einen Raum zu geben. Auch die Unterstützung lokaler Initiativen und Künstler:innen ist uns ein großes
Anliegen. Wir glauben fest daran, dass Kultur dann am stärksten ist, wenn sie verbindet und nicht ausschließt.
VIELFÄL TIGKEIT
Alles klingt - und alles passt!
Durch qualitativ hochwertige Ausstattung und professionelle Betreuung schaffen wir es, Konzerte von Pop über Death Metal bis hin zu Klassik und Musical umzusetzen und dabei allen spezifischen (klanglichen) Anforderungen mehr als gerecht zu werden. Über die „Basics“ hinaus kann das auch bedeuten, die Band für die Zugabe auf einem Auto ins Publikum zu schieben, oder 7kg Federn statt Konfetti zu streuen -und wieder einzusammeln.
Dasselbe gilt für die Umsetzung von privaten Feiern, wie Geburtstagen, Hochzeiten oder Business Events, wie Vorstandssitzungen
oder Townhall Meetings. So vielseitig und wandelbar wie unsere Räume sind, so emphatisch und interessiert am Gelingen jedes einzelnen Events ist auch unser Team. Dabei stützen wir uns auf die Expertise aller Mitarbeitenden in den unterschiedlichsten Bereichen, und die Teamübergreifende Bereitschaft und Lust, alles möglich zu machen.
Facts: Mit Partner:innen wie der Staatsoper, dem About Pop Festival, Core Fest oder der Startup Autobahn und vielen starken Dienstleistenden.
Foto: Martina Woerz
III IDENTITÄT
Unsere Geschichte beginnt mit einer gemeinsamen Leidenschaft für Musik und der Erfahrung, die wir auf Tourneen und unzähligen Konzerten gesammelt haben. Ob als Techniker:in, Musiker:in, studierte:r Musikmanager:in oder als Veranstaltungskaufmann/-frau haben wir jahrelang die Bühnen dieser Welt erlebt und dabei stets das Beste aus jeder Location herausgeholt. Mit dieser Vision im Gepäck haben wir uns zusammengetan, um eine eigene Konzertlocation zu schaffen – das „Im Wizemann“. Unterstützt wurden wir von einem engagierten Team aus 20 Aushilfen, die unsere Leidenschaft teilen und mit uns gemeinsam an der Verwirklichung unserer Idee gearbeitet haben. Unser Anspruch war es, einen Ort zu schaffen, der nicht nur technisch auf höchstem Niveau ist, sondern auch die Liebe zur Musik spürt und lebt. Unser kreativer Koch sorgte zudem dafür, dass auch das leibliche Wohl bei uns handgemacht und einzigartig ist – denn wir glauben, dass eine gelungene Veranstaltung aus mehr als nur Technik und Zahlen besteht.
Heute ist aus dieser Vision eine lebendige, dynamische und vielschichtige Location geworden. Mit 40 Festangestellten und über 100 Aushilfen haben wir uns zu einer der größten und wichtigsten Kultureinrichtungen im Raum Stuttgart entwickelt. Wir haben Maßstäbe gesetzt, wenn es um Technik, Planung, Durchführung und Booking geht. Unser Team arbeitet mit Fingerspitzengefühl, um sowohl große Festivals als auch intime Konzerte perfekt umzusetzen. Dabei sind wir stolz darauf, dass Bands und Künstler:innen aus aller Welt bei uns spielen möchten – denn sie wissen, dass bei uns nichts unmöglich ist und jede:r herzlich willkommen ist. Unser Erfolg basiert auf der Leidenschaft für Musik, der technischen Expertise und der Fähigkeit, jedes Event individuell und professionell zu gestalten. Das ist unsere Identität: Ein Ort, an dem Musik lebt, Innovation und Erfahrung Hand in Hand gehen, und an den Künstler:innen immer wieder gerne zurückkehren.
Foto: Berenice Fengler
GEMEIN SCHAFT
Wir sind nicht nur ein Team – wir sind Nährboden für eine Struktur, die abseits von beruflichen Pflichten entsteht und sich stetig weiterentwickelt. Im Zentrum steht dabei eine Haltung: Dass Gemeinschaft nicht nur heißt, miteinander zu arbeiten, sondern auch füreinander da zu sein.
Unser Awareness-Team, das inzwischen auch externe Projekte begleitet, ist aus genau diesem Verständnis entstanden –initiiert von Mitarbeitenden, getragen von Gesprächen, gewachsen aus echtem Bedarf. Es sorgt dafür, dass sich Menschen bei uns sicher fühlen können – im Publikum, auf und hinter der Bühne.
Aber wir schauen nicht nur nach außen.
Uns ist genauso wichtig, was im Inneren passiert. Deshalb haben wir kürzlich ein Employee Assistance Program (EAP)
eingeführt – eine externe, professionelle Unterstützungsstruktur für unser Team. Sie bietet psychosoziale Beratung, Coaching und Hilfe in belastenden Lebenssituationen – anonym, vertraulich und jederzeit erreichbar. Damit wollen wir signalisieren: Die mentale Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeitenden sind für uns genauso wichtig wie ein reibungsloser Veranstaltungsbetrieb.
Wir sind stolz auf das freiwillige Engagement und die gegenseitige Verantwortung, die bei uns gelebt wird – im Alltag, bei Projekten, im Umgang miteinander. Ob Awareness-Arbeit, kollegiale Hilfe oder emotionale Entlastung: Fürsorge beginnt im Kleinen und macht auf lange Sicht den Unterschied. Für uns, für unser Publikum, für alle. 224.000
ZAHLEN & FAKTEN
CLUBKOLLEKTIV
Neben Sportvereinen, politischen Organisationen und selbstorganisierten Kollektiven, engagieren sich Mitarbeitende privat und ehrenamtlich auch in diversen kulturpolitischen Vereinen und Initiativen.
EXPER IMENT V
Staatsoper trifft HipHop. Das größte Autokonzert der Welt findet auf dem Cannstatter Wasen statt. Die Oper L’Orfeo wird zum Parcours über das Im Wizemann Areal. Auf den eintrittfreien Afterworkrave „Palais après“ auf der Freitreppe vor dem Stadtpalais folgt die prework-Partyreihe „Palais avant“, die um 06:00 morgens beginnt. Wir glauben an radikale Formatbrüche –konzipieren und realisieren sie: Von Startup-Treffen über musikalische Darbietung bis zur politischen Kunst – wir sorgen dafür, dass der „dritte Raum“ regelmäßig frischen Wind bekommt und versuchen so, Vielfalt und Abwechslung in das kulturelle Geschehen unserer Stadt zu bringen.
AB 21 STUNDEN VOR EINLASS
LÄNGSTES WARTEN VON FANS VOR KONZERT
ZAHLEN & FAKTEN
1900 VERANSTALTUNGEN DAVON 1600 KONZERTE
ZAHLEN & FAKTEN
Fotos: Saeed Kakavand
VI SUBKULTUR
Stuttgarts Kulturlandschaft hat in den letzten Jahren viele Verluste hinnehmen müssen.
Immer wieder mussten renommierte und hoch frequentierte subkulturelle Räume wie die Röhre, der Landespavillon, die Waggons am Nordbahnhof oder das Contain‘t Areal in Bad Cannstatt ihre Türen schließen. Wo einst diese Leere entstand, sehen wir die dringende Notwendigkeit zu handeln – weil Subkultur Raum braucht. Nach der kürzlichen Schließung des Universums war auch das Goldmark‘s am Charlottenplatz bedroht. Ein Ort, der sinnbildlich dafür steht, was die Subkultur ausmacht: Leidenschaft für Gitarrenmusik, das Knistern von Vinyl und der unermüdliche DIY-Spirit. Hier braucht es keine großen Bookingagenturen; hier zählen Haltung, Authentizität und die Liebe zur Musik. In Zusammenarbeit mit dem Betreiber des Goldmarks haben wir für die Erhaltung dieses einmaligen Ortes in Stuttgarts Kulturlandschaft gekämpft und konnten diesen wichtigen Raum der Subkultur durch unsere Teilhaberschaft erhalten. Aus der Überzeugung heraus, die
Subkultur in Stuttgart zu stärken, haben wir angefangen, in bestimmten Genres selbst Veranstaltungen zu organisieren.
Unser Ziel ist es, Stuttgart fest auf der Landkarte der Subkultur zu halten. Wir ermöglichen kleine Gigs, die vielleicht kein großes Geld einbringen, aber von unschätzbarem Wert sind. Wir bieten lokalen wie jungen Künstler:innen und Bands eine unverzichtbare Plattform, um gehört zu werden und ihr Publikum zu finden.
Wir wollen bewusst einen Gegenpol setzen.
Unsere Veranstaltungen stehen für Haltung, Vielfalt, Diversität und klare Werte.
Bei uns geht es nicht um den schnellen Profit, sondern um die Bewahrung und Förderung einer lebendigen Subkultur, die den Herzschlag dieser Stadt ausmacht. Denn wir sind überzeugt: Wahre Kultur lebt von der Nische, dem Experiment und der unbeugsamen Leidenschaft derer, die sie schaffen. Gemeinsam stehen wir für eine bunte Vielfalt!
„WAHRE
KULTUR LEBT VON DER NISCHE, DEM EXPERIMENT UND DER UNBEUGSAMEN LEIDENSCHAFT DERER,
VIIREIBUNG
ca. 850.000 VERKAUFTE TICKETS
ZAHLEN & FAKTEN
Keine Nähe ohne Reibung.
In den letzten 10 Jahren hat sich im Areal, aber auch ums Areal herum viel getan. Klar ist, dass der alte Industriestandort neu bespielt, weiterhin für Verkehr, Schall und Bewegung in der Nachbarschaft sorgt und dass das nicht immer ohne Reibung passiert. Wir setzen daher auf ein dynamisches Schallschutzkonzept, das fortlaufend geprüft wird und persönlichen, pro aktiven Austausch in der Nachbarschaft. Eine Stadt mit dichter Bebauung geht oft mit versiegelten Flächen einher, dem versuchen wir mit mobilen Pflanzen und Verschattung zu begegnen. Um darüber hinaus Maßnahmen abzuleiten, die im besten Falle Ressourcen sparen und Emissionen einsparen, haben wir 2022 Mitarbeitende als Green Club Trainer ausgebildet und im Folgejahr an einem Pilotprojekt für Klimabilanzen in Kultureinrichtungen teilgenommen. Aktuell arbeiten wir wieder an einer freiwilligen Bilanz, diesmal mit hilfe des CO2 Kulturrechners und der Klimaschutzstiftung BW. Aus diesen Ergebnissen ergeben sich spannende neue Erkenntnisse, die wir nach Möglichkeit in unseren Arbeitsalltag integrieren.
Kultur, Wohnen und Arbeiten müssen sich heute arrangieren – laut und leise. Wir handeln, bevor Gesetze greifen: mit Lärmschutzkonzept, Dialog mit Nachbar:innen und freiwilliger CO2-Bilanz. Stadtentwicklung, Gentrifizierung und Flächendruck? Wir gestalten mit.
SUPPORT VIII
Auf unterschiedliche Art und Weise unterstützen wir seit jeher verschiedene NGOs, Vereine und Institutionen – mal projektbezogen wie bei der „Quellen Galerie“ oder „Oper meets HipHop“, mal fortlaufend wie mit unserer Parterin „Raupe Immersatt“, einem food-sharing Café.
Über die Jahre sind so tolle Beziehungen, Freundschaften und Projekte mit Viva con Agua de St. Pauli e.V., bhz Stuttgart e.V., dem Aktionsbündnis „Stuttgart gegen Rechts“, STELP e.V., und dem Förderkreis krebskranke Kinder e.V. entstanden.
ZAHLEN & FAKTEN
IX ERINNERUNG
Die Pandemie war ein Einschnitt, wie wir ihn uns nie hätten vorstellen können. Von einem Tag auf den anderen wurde aus einem vollen Veranstaltungskalender ein leerer Saal. Es war, als hätte jemand der Kultur den Stecker gezogen – und auch wenn wir wussten, dass es notwendig war, fühlte es sich trotzdem falsch an. Stillstand ist schwer zu ertragen, wenn der Alltag eigentlich aus Bewegung besteht.
Aber wir haben nicht gewartet. Wir haben gemacht. Mit dem Kulturwasen schufen
wir ein Format, das in seiner Größe und Umsetzung Maßstäbe setzte. Autos statt Stehplätze, Fernlicht statt Feuerzeuge –es war verrückt, aber es hat funktioniert.
Gleichzeitig entstanden mit den Quellenkonzerten intime, stimmungsvolle Shows, die das, was möglich war, mit Würde und Atmosphäre füllten. Es war nicht das, was wir kannten. Aber es war echt. Und wichtig.
Natürlich haben uns auch die CoronaHilfen getragen – dafür sind wir dankbar.
Aber sie allein hätten nicht gereicht.
Was uns wirklich gerettet hat, war der Zusammenhalt. Das Wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Dieses Team – so unterschiedlich es ist – hat in dieser Phase gezeigt, was möglich wird, wenn alle an einem Strang ziehen.
Und trotzdem: Die Nachwirkungen spüren wir bis heute. Wir warten immer noch auf ausstehende Zahlungen aus Hilfspaketen –was nicht nur Nerven, sondern auch Kraft
kostet. Und manches Verhältnis, das in dieser Zeit besonders gefordert wurde, hat Risse bekommen. Weil jede:r an Grenzen kam – wirtschaftlich, emotional, kommunikativ.
Was bleibt, ist diese Erkenntnis: Wir haben Corona überstanden, weil wir nicht aufgehört haben zu glauben – an Kultur und an das Miteinander. Und weil wir inmitten der Krise nie aus den Augen verloren haben, warum wir das alles überhaupt machen.
NULL PANDEMIEBEDINGTE KÜNDIGUNGEN
ZAHLEN & FAKTEN
Fotos: Dennis Machleidt
X IMPULS
Das Im Wizemann ist mehr als eine Venue. Es ist ein Ökosystem, das inspiriert, vernetzt und neue Wege aufzeigt. Was hier in zehn Jahren gewachsen ist – aus Haltung, Experimentierfreude und Zusammenarbeit – wirkt weit über das Areal hinaus. Denn wo unterschiedlichste Menschen mit vielfältigen Hintergründen aufeinandertreffen, entsteht Bewegung.
Die Formate, die aus dem Haus heraus entstehen, folgen keinem Masterplan. Sie wachsen organisch – aus Gesprächen, aus einem Gefühl für die Stadt, aus dem Willen, Kultur nicht nur zu präsentieren, sondern mitzugestalten – und vor allem aus dem Vertrauen, dass Neues möglich ist.
Auch das Café im Palais, das seit 2023 vom Im Wizemann betrieben wird, ist ein Ausdruck dieser Haltung: Kultur als gelebter Alltag. Es entstand das erfolgreiche
Feierabendformat Palais Après auf der Freitreppe. Später, aus derselben Energie geboren, das gegenteilige Pendant Palais Avant. Was als Anfrage, ob sich Gastronomie auch inhaltlich beteiligen könne, begann, wurde schnell mit der Konzeption und Umsetzung eigener Formate beantwortet.
Auch an anderer Stelle wurden Bedürfnisse zu Initiativen. Heute ist unser Awareness-Team nicht nur fester Bestandteil des Hauses, sondern auch außerhalb aktiv – beratend, unterstützend, prägend.
Strukturen zu schaffen bedeutet für uns auch, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb setzen wir seit einigen Jahren auf eigene, festangestellte Stagehands, Garderobenkräfte und Techniker:innen – um Wissen zu sichern, Expertise zu halten und faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.
Ein weiterer Impuls kam aus der lokalen
Szene: Als das Goldmarks am Charlottenplatz von der Schließung bedroht war, engagierten wir uns gemeinsam mit dem Betriebsleiter, verschiedenen Stadträdten und politischen Akteur:innen für dessen Erhalt. Hieraus entstand eine Beteiligung, bei der wir uns bewusst im Hintergrund halten – mit struktureller Unterstützung und dem klaren Ziel, Raum für Subkultur zu sichern.
Manchmal entstehen Impulse aus Freundschaft: Die Verbindung zum BHZ WerkHaus brachte nicht nur charakterstarke Holzfiguren in unseren Backstagebereich, sondern auch eine besondere Partnerschaft: Seit einigen Jahren nutzt die inklusive Theatergruppe des BHZ unser Haus regelmäßig als Probenraum – ganz selbstverständlich und aus Überzeugung, dass Kultur für alle Platz haben muss.
Und weil wir an die Kraft der Kultur auch in der Stadtentwicklung glauben, beraten wir immer wieder Kommunen und Projektentwickler:innen: Wie lässt sich kulturelle und gastronomische Nutzung sinnvoll verzahnen? Wie können Orte mehr sein als bloße Immobilien?
So ist es kein Zufall, dass auch die Gastronomie des Theaterhaus Stuttgart zukünftig zum Netzwerk gehört – als Erweiterung dessen, was hier im Im Wizemann seinen Ursprung hatte.
Was all diese Geschichten verbindet? Der Glaube daran, dass Kultur nicht verwaltet werden muss, sondern wachsen darf. Dass Räume mehr können als nur Miete. Und dass aus Haltung Wirkung wird – wenn man sie lässt.
EPILOG
10 Jahre Im Wizemann – 10 gute Gründe, warum dieser Ort mehr ist als nur eine Venue. Aber – wir wissen es alle – Fakten überzeugen heute nur noch bedingt. Deshalb zum Schluss noch einmal der Blick auf das, worum es im Kern wirklich geht: Es ist das Gefühl.
Wenn du beim Soundcheck in der Halle stehst, der Raum noch leer, aber voller Möglichkeiten.
Wenn du siehst, wie Musiker:innen und Crews – egal, wie routiniert – jeden Abend alles geben, weil es nie einfach nur ein Konzert ist.
Wenn Kids vor der Tür stundenlang ausharren, um in der ersten Reihe zu stehen – mit Ticket in der Hand und Träumen im Kopf.
Wenn der erste Scheinwerfer angeht, die Luft knistert – und in der erwartungsvollen Sekunde vor dem ersten Takt der ganze Raum den Atem anhält.
Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Aber genau das ist es, was uns antreibt. Seit zehn Jahren. Nicht Pläne, nicht Strategien – sondern die Liebe zur Musik. Sie
war der Motor, der uns durch eine Pandemie getragen hat. Durch wirtschaftliche Engpässe, über wachsende Herausforderungen im laufenden Betrieb. Und auch heute bleibt sie unsere Energiequelle – In einer Zeit, in der andere Sorgen lauter werden: fehlender Wohnraum, gesellschaftliche Spannungen, steigende Lebenshaltungskosten und die spürbaren Folgen der Klimakrise.
Was wir uns von der Mutterstadt wünschen, ist kein Schulterklopfen. Sondern offene Augen. Für die Bedeutung solcher Orte wie dem Im Wizemann – und für das, was sie brauchen, um zu bestehen.
Denn so ein Ort passiert nicht einfach. Er entsteht – durch Menschen, Haltung, Leidenschaft. Und genau darum ist er wichtig. Nicht nur für uns. Sondern für alle, die an eine Stadt glauben, die lebt. Deshalb, zum Schluss: – als klare Antithese zum kulturellen Brachländ, und als Kompass für alle, die Kultur gestalten:
ES IST NICHT, WO DU BIST – ES IST, WAS DU MACHST.
IN GEDENKEN AN ERICH STEFFEN
IMPRESSUM
HERAUSGEBERIN STR KULTUR- UND BETRIEBS GMBH
QUELLENSTRASSE 7 70376 STUTTGART
VERANTWORTLICH FÜR DEN
INHALT GEMÄSS § 55 ABS. 2 RSTV: MARTIN LABACHER, KREATIVLEITUNG
REDAKTION
DENNIS MACHLEIDT, HANNAH JAPES, MARTIN LABACHER, MATTHIAS METTMANN, REMZI BANSBACH