SHARE
Pflegefachpersonen müssen in den ersten Berufsjahren einen persönlichen Umgang mit hoher Arbeitsbelastung, emotionalen Herausforderungen und institutionellen Begebenheiten, wie bspw. dem Schichtdienst, lernen.
SHARE unterstützt Ausbildungsverantwortliche dabei, Gespräche bewusst zu gestalten und Themen sichtbar zu machen, die sonst oft unausgesprochen bleiben.
Dokumentation zur praktischen Bachelorarbeit, eingereicht am 8. Juni 2026
Bilder: Julian Rupp und Jana Seregi
© 2026 Hochschule Luzern – Design Film Kunst
Ausgangslage:
Fragestellung:
Die schriftliche Bachelor-Arbeit untersuchte, wie objekthafte Kommunikationshilfen Pflegefachpersonen dabei unterstützen können, Belastungen sichtbar zu machen und Gespräche zu erleichtern. Interviews mit Pflegefachpersonen, Ausbildungsverantwortlichen und weiteren Fachpersonen sowie ein partizipativer Entwicklungsprozess bildeten die Grundlage für die praktische Umsetzung.
Dieser Arbeit liegt die Überzeugung zugrunde, dass Design eine Verbindung zwischen innerem Erleben und äusserem Ausdruck schaffen kann.
Materialität, Form, sensorische Qualitäten und Nutzung beeinflussen, wie Menschen wahrnehmen, handeln und miteinander in Beziehung treten. Design kann dadurch neue Zugänge schaffen – insbesondere dort, wo Worte schwerfallen.
Die zentrale Fragestellung lautet daher: Wie können gestaltete Objekte institutionelle Gespräche mit Auszubildenden so unterstützen, dass Reflexion, Gesprächsfluss und der Austausch über subjektive Belastungen gefördert werden?
VIER SCHRITTE
1 Ankommen – Raum & Haltung
Raum und Teeset vorbereiten, eigene Haltung klären, Präsenz schaffen.
2 Wahrnehmen – Tee & Sensorik
Tee zubereiten, Gesprächspartner:in die Objekte erkunden und im Moment ankommen lassen.
3 Austauschen – Gespräch & Reflexion
Zuhören, gemeinsam reflektieren.
4 Abschliessen – Zusammenfassen & Schliessen Erkenntnisse sichern, Ausblick geben, Gespräch beenden.
Spielerisches & Ritual
Das Gespräch während der Zubereitung des Tees durch die ausbildungsverantwortliche Person bewusst pausieren, um die Sinne zu fokussieren und innere Ruhe zu fördern. Die Dauer des Gesprächs könnte sich bspw. am Tee orientieren: Sobald er ausgetrunken oder erkaltet ist, wird das Gespräch respektvoll beendet.
Gesprächsablauf
Sets:
A) ‹move› : abgerundeter Tassenboden und seitliche Ritze für haptische Impulse, dazu Porzellansteine zur Handbeschäftigung
B) ‹touch› : standfeste Tassen begleitet von vier unterschiedlichen Objekten, welche die Hände zum untersuchen einladen
C) ‹turn› : Becher in Farbe mit seitlich angebrachten Formen, die zum Drehen animieren, dazu Porzellanelemente für zusätzliche visuelle Reize
Zielsetzung:
SHARE unterstützt subjektive Belastungen im Pflegealltag sichtbar und besprechbar zu machen. Drei Teesets und ein Ablauf unterstützen innere Zustände zu reflektieren und auszudrücken – auch im institutionellen Kontext.
Outcome:
Von der schriftlichen zur praktischen Arbeit
Die Teesets ergänzen Gespräche durch sensorische Reize, schaffen Präsenz und eröffnen neue kommunikative Ebenen. In der Nutzung beeinflussen sie Wahrnehmung und Verhalten und verändern dadurch den zwischenmenschlichen Austausch.
Zielgruppe:
Betriebsinterne, bereichsübergreifende Ausbildner:innen begleiten Lernende langfristig und nutzen die Sets, um Reflexion und persönliche Entwicklung zu fördern, ohne direkt vorgesetzt zu sein.
Co-Design & Entwicklung:
Die Sets wurden partizipativ entwickelt. Pflegefachpersonen, Ausbildungsverantwortliche und weitere Fachpersonen brachten ihre Erfahrungen ein. Materialproben, Objektbeispiele und Ideenskizzen machten Bedürfnisse sichtbar. In der Designarbeit wurden ihre Perspektiven übersetzt und neue Lösungsansätze entwickelt.
Sensory Design:
Griffigkeit, Farbe, Tee-Wärme, Duft und Zubereitungsrituale schaffen Präsenz und Fokus.
Die sensorische Erfahrung begleitet die Exploration eigener Befindlichkeiten und zwischenmenschlicher Begegnungen.
Materialität:
In der Materialwahl verbinden sich Vertrautheit, Wertigkeit und überraschende, haptische Qualitäten:
• Porzellan: klare, poröse Oberfläche; angenehme Wärmeaufnahme des Tees
• Nylon (SLS-Pulverdruck): leicht, robust, präzise Formen für exploratives Berühren
• Urushi-Lack: Naturharzlack mit Tiefenwirkung; sinnlich, vielschichtig, individuell
Gestaltungsaspekte:
Reduzierte, ruhige Formensprache, zeitlos und genderneutral, offen für individuelle Assoziationen. Schwarz-Weiss-Kontrast spiegelt das Spektrum der Emotionen und Belastungen wider, die SHARE adressiert.
Potenzial & Wirkung:
Die ritualisierte Anwendung erleichtert Gespräche, fördert Reflexion, baut emotionale Barrieren ab und kann eine regelmässige Gesprächskultur im Ausbildungsalltag etablieren.
Ausblick:
Für die Weiterentwicklung steht die praktische Erprobung an. Anwendung, Wirkung und Akzeptanz sollen über einen längeren Zeitraum überprüft werden.
Aus Designperspektive ist geplant, weitere Figuren zu entwickeln und zusätzliche materielle Reize zu integrieren. Dies unter Berücksichtigung einer nachhaltigen, skalierbaren Produktion, um eine breite Nutzung zu ermöglichen.
2026 absolvieren in gut eineinhalb Tausend Alters- und Pflegeinstitutionen über dreitausend Menschen eine Pflegeausbildung.
Konzeptansatz ‹Sensory
Stones›
Der Kerngedanke der ‹Sensory Stones› war der haptische Reiz. Von Hand gefertigte Modelle aus verschiedenen Materialien wurden beschichtet, teils im CAD nachgebaut oder eingescannt sowie mittels PLA-Filament- und Nylon/SLSPulverdruck umgesetzt, gefärbt und getestet.
Die Beschichtung mit Urushi-Lack erforderte verschiedene, wiederholte Arbeitsschritte: Nach der Grundierung folgten mehrere Runden Anschleifen, Sandstrahlen und Lackieren. Die Aushärtung (Polymerisation) erfolgte in einer Holzbox mit Heizmatte und Wasserdampf.
Das Projekt orientiert sich insbesondere am Sustainable Development Goal 3 «Gesundheit und Wohlergehen». Durch die Förderung von Reflexion, Dialog mit Impact auf die psychische und körperliche Gesundheit leistet es einen Beitrag zur Unterstützung von Menschen in einem anspruchsvollen Berufsfeld. Gleichzeitig stärkt es soziale Beziehungen und fördert eine wertschätzende Kommunikationskultur innerhalb von Pflegeinstitutionen.
Rückblick auf die Erarbeitungszeit
Während dieser Monate wurde mir erneut bewusst, wie zentral die Arbeit von Pflegefachpersonen für unsere Gesellschaft ist. Mein Interesse, weitere Projekte im Gesundheitssektor anzugehen, wurde dadurch bestärkt. Gleichzeitig war es bereichernd, als Designerin auch meinen Hintergrund aus der Kommunikationsarbeit gewinnbringend einzubringen.
Besonders wertvoll waren die Rückmeldungen der Personen, welche die Objekte während der Entwicklung ausprobiert haben. Ihre Anmerkungen, Assoziationen und Ideen zur Weiterentwicklung haben den Arbeitsprozess inspiriert.
Dank
Ich danke allen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben:
• Mentorat: Thai Hua, Vera Sacchetti
• Werkstätten HSLU DFK: insbesondere Nadia Müller und Juri Liechti
• Roger Meier, Betriebsleiter Viva Luzern Staffelnhof, und Team
• Allen Interviewpartner:innen für ihre Offenheit und wertvollen Einblicke
• Meiner Familie, Wegbegleiter:innen und Kommilitone:innen für Motivation und Rückhalt
Rückblick und Dank
Kontaktiere mich:
Jana Berit Seregi, BA Objektdesign
jana.seregi@gmail.com