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Hilfe aus eigener Hand, Nicolas Zeller, BA Objektdesign, 2026

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Hilfe aus eigener Hand

Personen

Dokumentation Bachelorarbeit

Nicolas Zeller

Juni 2026

Danksagung

Herzlichen Dank an:

Karin für das Testen und wertvolle Feedback.

alle Beteiligten des Alterszentrums Sunnegarte in Bubikon.

meine Korrekturleserinnen der schriftlichen Arbeit.

meine Mitstudierenden für den Austausch und die Unterstützung.

Thai Hua für die Begleitung als Mentor.

die Werkstätten der HSLU DFK.

Motivation

Im Alter bekommt das Leben viele neue Facetten, die nicht immer die schönsten sind. Oft sind es körperliche Einschränkungen, die den Alltag mühsam und beschwerlich gestalten – sei es durch Muskelabbau, den allgemeinen gesundheitlichen Zustand oder chronische Krankheiten.

Meine Hebamme, die mich seit 26 Jahren kennt, entwickelte vor etwa drei Jahren ein Zittern in den Händen, das sich als essentieller Tremor herausstellte. Diese Erkrankung fällt unter die Kategorie der Aktionstremoren und kann den Kopf, die Stimmbänder, das Kinn, die Zunge sowie Arme und Beine betreffen. Alltägliche Aktivitäten wie Basteln, Nähen, Lesen, Schreiben, Kochen, Musizieren, Malen oder die Körperpflege werden dadurch zu Hürden, welche die betroffenen Personen tagtäglich vor grosse Herausforderungen stellen.

Bei meiner Hebamme sind beide Hände betroffen. Sie hat es immer geliebt zu basteln und zu schreiben, kann diesen Hobbys jedoch seit drei Jahren nicht mehr wie gewohnt nachgehen. Da meine Familie und ich weiterhin engen Kontakt zu ihr pflegen und wir, seit ich mich erinnern kann, mindestens einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Fondue oder Raclette zusammenkommen, liegt sie mir sehr am Herzen. Deshalb war es mir ein grosses Anliegen, sie in ihrem Alltag dort zu unterstützen, wo sie aufgrund des Aktionstremors auf Hürden stösst.

Diese Arbeit leistet somit auch einen konkreten Beitrag zum UNNachhaltigkeitsziel Nr. 3 (Gesundheit und Wohlergehen), indem sie durch inklusives Design die Lebensqualität und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit chronischen Einschränkungen aktiv verbessert.

Analyse

Für die Behandlung des essenziellen Tremors existieren verschiedene Ansätze: Einerseits können Medikamente wie Betablocker eingesetzt werden, andererseits kommen operative Eingriffe wie die Tiefe Hirnstimulation (DBS) oder der fokussierte Ultraschall (FUS) infrage. Aufgrund der Nebenwirkungen von Medikamenten oder einer verständlichen Zurückhaltung gegenüber Gehirnoperationen bleiben für viele Betroffene jedoch kaum zufriedenstellende Lösungen übrig.

Zu Beginn meiner Recherche liessen sich kaum haptische Hilfsmittel finden. Erst nach intensiver Suche stiess ich auf zwei Produkte, die jedoch aufgrund ihrer Grösse und Funktionsweise sehr auffällig wirken und dadurch sofort als Hilfsmittel erkennbar sind. Zudem bewegen sie sich im obersten Preissegment: der Gyroglove für $5,899.00 (Abbildung Nr. 2) und die STIL AntiTremor-Orthese, deren Preis zwar nicht öffentlich einsehbar ist, aber ebenfalls als sehr hoch beschrieben wird (Abbildung Nr. 1).

Da bestehende Hilfsmittel die Betroffenen optisch stigmatisieren, was viele Patient:innen vermeiden möchten, war es mein Ziel, ein Hilfsmittel zu gestalten, das im Alltag nicht auf den ersten Blick auffällt. Denn nicht alles, was eine unterstützende Funktion hat, muss zwangsläufig auch die typisch medizinische Ästhetik eines Hilfsmittels besitzen.

Prozess

Beim ersten Treffen, bei welchem ich mit meiner Hebamme über ihren Tremor gesprochen habe, beschrieb sie mir jene Aktivitäten, welche noch gut funktionieren, aber auch diejenigen, die nur noch schwer oder gar nicht mehr möglich sind. Hier fiel mir auf, dass all jene Aktivitäten, bei denen ein schweres Eigengewicht vorhanden ist, ohne Mühe absolviert werden können. Dies ist unter anderem bei folgenden Tätigkeiten der Fall:

Teigwaren absieben

Saucen rühren

Eine volle Wasserflasche halten und einschenken

Belegte Backbleche halten und in den Ofen schieben

Aktivitäten, bei welchen kein hohes Gewicht vorhanden ist, sind wiederum schwierig zu absolvieren. Dies zeigt sich unter anderem beim:

Zwiebelschälen

Knoblauchschneiden

Essen mit leichtem Messer und einer leichten Gabel

Halten von Wein- und Wassergläsern

Schreiben

Einfädeln von Nadeln

Für jene Tätigkeiten, die nicht gut funktionieren, behilft sie sich mit unterschiedlichen Mitteln, die für sie im Alltag funktionieren (siehe Bilder auf der nächsten Seite).

Um Eier vom Bauernhof zu holen, benutzt sie einen Latexhandschuh für einen besseren Halt der Eier.

Zum Lesen wird ein Buchständer und grosse Badetuchklammern benutzt.

Um glitschige Sachen zu schneiden, benutzt sie einen Stechstab. Um Schokoeier zu öffnen, benutzt sie eine kleine Zange.

Als Besteck benutzt sie nur noch Silberbesteck aufgrund dessen Gewichts.

Um meine Annahme zu überprüfen, dass zusätzliches Gewicht an den Händen schwierige Aktivitäten erleichtern kann, fertigte ich verschiedene Prototypen an, die sich direkt an der Hand befestigen liessen.

Gewichtsherstellung und Pulverbeschichtung.

Evaluierung

Das zweite Treffen diente als erste Testphase, um die Erkenntnisse aus dem Erstgespräch mittels zusätzlicher Gewichte an den Händen praktisch zu überprüfen.

Dieser Test bestätigte meine Hypothese: Aktivitäten, die mit geringem Eigengewicht kaum zu bewältigen waren, liessen sich nun deutlich besser ausführen. Das optimale Ergebnis zeigte sich bei einer Masse von ca. 300 g. Die zusätzliche Masse an der Hand wirkt wie ein Dämpfer, der verhindert, dass die Hand so stark in Schwingung gerät wie im unbelasteten Zustand.

Gewichte an der Hand, um das Umrühren mit einer Holzkelle zu verbessern.

Designprozess

Um die gewonnenen Erkenntnisse konsequent weiterzuentwickeln, verlagerte ich meinen Fokus auf den Einsatz unterschiedlicher Materialien. Mein Ziel war es dabei nicht, ein Universalwerkzeug für möglichst viele Anwendungen zu schaffen. Vielmehr wollte ich ein Hilfsmittel gestalten, das eine zielgerichtete Unterstützung genau dort bietet, wofür es konzipiert wurde. Des Weiteren entschied ich mich für einen modularen Ansatz: Universelle Gewichte sollten so einsetzbar sein, dass sie in verschiedenen Objekten dieselbe stabilisierende Funktion erfüllen.

Formfindung

Um zu verhindern, dass die gestalteten Hilfsmittel im Alltag als solche auffallen, integrierte ich visuell und haptisch vertraute Elemente in das Design. Mein Ziel war es, beim Benutzen ein Gefühl von Vertrautheit und Normalität zu vermitteln und dadurch ein Objekt zu schaffen, mit dem man sich auf Anhieb wohlfühlt.

Mit der Form von Pulswärmern, die im Alltag und besonders im Winter ganz selbstverständlich getragen werden, fand ich die optimale gestalterische Basis. Durch die Zweckentfremdung und Weiterentwicklung dieses vertrauten Kleidungsstücks bleibt der alltägliche Charakter bestehen, wird jedoch um eine neue, funktionale Dimension der Sicherheit ergänzt.

Material- und Prozessentscheidung: Auf einer PASSAP Duomatic 80 im Schlauchstrickverfahren hergestellter Pulswärmer. Die eigens eingearbeiteten Löcher ermöglichen ein einfaches Einsetzen und Herausnehmen der Gewichte.

Evaluierung durch Einsetzung von unterschiedlichen Gewichten.

Erstes Strickbeispiel.

Prozess zur Definierung der Öffnungsart für die Gewichte.

Schmuck begleitet uns durch alle Lebensabschnitte. Er kann ein rein ästhetisches Objekt, ein kritisches Statement oder ein Anker für Sicherheit sein, sowohl auf physischer als auch auf emotionaler Ebene. Mein Schmuckstück bewegt sich an dieser Schnittstelle: Es vermittelt Sicherheit und setzt sich gleichzeitig bewusst mit der Stigmatisierung medizinischer Hilfsmittel auseinander, indem es Funktionalität in Form von tragbarer Kunst inszeniert. Um eine funktionale, aber auch ästhetische Lösung zu entwickeln, welche die Motorik der Hand in keiner Weise einschränkt, suchte ich nach optimalen Platzierungen an der Hand, die die maximale Bewegungsfreiheit gewährleisten.

Silikon-Handabformung zur Herstellung einer Gipsform und eines Wachsabdruckes.

Schnitzen der Handoberfläche für eine genaue Anpassung.

Wachsbaum Gegossene Küvette
Schmuckrohling

SILIKON

Ein universelles Hilfsmittel muss maximal alltagstauglich sein: Es darf sowohl nass als auch schmutzig werden, solange es sich mühelos reinigen lässt. Der Einsatz von Silikon als Basis meines Designs ermöglichte es mir, diese Anforderungen zu erfüllen und eine flexible, hygienische sowie anpassungsfähige Form zu gestalten.

Erstes Silikonobjekt.

Silikonguss mit versteckten Metallgewichten

Testing der Funktion und der Anwendung.

Silikonfarbmischung aus Boesner-Türkis, Guardi-Schweinfurtergrün (imitiert) und Neukasil Farbpaste SN2488 (Gelb).

Befüllung der 3D-Druckform von unten zur Vermeidung von Luftblasenbildung.

Dokumentation

Bachelorarbeit

Unterstützungsmittel für tremor-betroffene

Personen

HSLU DFK Objektdesign

Nicolas Zeller

Juni 2026

Mentor: Thai Hua

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