Skip to main content

Collective Womb, Joya Blarer, BA Textildesign, 2026

Page 1


SagenerzählenvonmagischenZeiten,indenenderSchleierzwischenden Weltendünnerundesleichterist,mystischeErfahrungenzumachen. InderDämmerung,amprallenMittagoderumMitternachtkönnendie Grenzen des rationalen Verstands verwischen und wir nehmen mit unseren Sinnenmehrwahr,alswiresgewohntsind.

Collective Womb ist ein Kurzfilm- und Kostümprojekt, das weibliche Figuren der Schweizer Folklore aus einer feministischen Perspektive neu interpretiert. Ausgehend von den Archetypen der Jungfrau, der Mutter und der Alten untersucht die Arbeit, wie mit Weiblichkeit verbundene Figuren innerhalb patriarchaler Erzählungen historisch idealisiert, kontrolliert, bestraft oder dämonisiert wurden. Die drei Charaktere existieren sowohl als eigenständige Figuren als auch als Fragmente eines kollektiven Körpers und tragen gemeinsame Erinnerungen an Trauer, Gewalt, Überleben, Zärtlichkeit, Wut und Transformation in sich. Das Projekt schöpft seine Inspiration aus alpiner Folklore, Ritualen und traditioneller Schweizer Tracht.

Diese Publikation dokumentiert die Recherche und Entwicklung des Projekts. Sie vereint Sagen, visuelle Recherchen, traditionelle Schweizer Trachten sowie Materialexperimente, welche die Entstehung des Films und der Kostüme geprägt haben. Das gesammelte Material gibt Einblick sowohl in die konzeptionellen Hintergründe der Arbeit als auch in die Techniken, die bei ihrer Umsetzung zum Einsatz kamen.

Moodboard

Mother,Maiden,Crone

Die Ahnfrau des Landes zeigt sich oft in dreifacher Gestalt. Auch der Walliser Sagenforscher Josef Guntern hat in seiner Sammlung drei Frauen beschrieben Es sind wehmütige Geistwesen, die mit ihren Stöcken im Aletsch-gebiet gesichtet, in ihrer mythologischen Bedeutung nicht mehr erkannt und so zu Armen Seelen degradiert worden sind. Doch im Kessel des Gletschervorfelds der Rhone können sie sich in ihrer wahren Gestalt zeigen: Sie sind die Begründerinnen der ganzen Talschaft, die drei Schicksalsfrauen, wie man sie überall auf der Welt gekannt und verehrt hat. Der Dreifrauenkult ist eine Mythologie, die auf allen Kontinenten anzutreffen ist und aus vorgeschichtlicher, mutter-orientierter Zeit stammt. In Nordeuropa nannte man die drei Schicksalsfrauen Nornen, in Rom Parzen, in Griechenland Moiren und bei den Kelten Bethen. In den Sagen und Märchen erscheinen sie als drei Weisse Frauen, drei Schwestern oder drei Spinnerinnen, die den Lebensfaden führen, ihn aber auch trennen. Sie spinnen das Glück und weben das Schicksal. Man nannte sie auch Matronen oder Matres. Sie waren die Urmütter, die man anrief, um Heilung, Segen und Schutz zu erlangen. Sie erschienen in dreifacher Gestalt, wohl weil man versuchte, sie in ihrer umfassenden Ganzheit zu verstehen: als Schöpferin, als Lebenserhalterin und als Todesmutter.

Material

*Mischung aus Neuerworbenen

Stoffen, Secondhandstoffen, Schmuck und Krimskrams aus Brockenhäusern, alten

Trachtenteilen welche leichte Defekte aufzeigen, weshalb sie nicht mehr verwendet werden können, Pailetten und vielem mehr

Mother

Die Figur der «Mutter» verkörpert eine alte beschützende Präsenz, inspiriert von Ahnfrauen, Urfrauen sowie religiösen Bildwelten wie der Madonna oder Schutzheiligen. Sie existiert zugleich als Fürsorgende und Überlebende und trägt kollektive Erinnerungen an Gewalt und Widerstandskraft in sich. Ihr hautähnlicher Latexmantel, inspiriert vom Mythos der Sennentuntschi, wird zum Symbol der Rückeroberung von Macht nach erlebtem Missbrauch. Anstatt innerhalb der Erzählung in der Rolle des Opfers zu verharren, verwandelt sie Trauma in Schutz und Autorität. Während der Performance lädt sie die anderen Figuren unter ihren Mantel ein und erschafft so einen temporären, gebärmutterähnlichen Schutzraum – einen rituellen Ort der Nähe, Heilung und Wiedergeburt.

Ahnfrauen und Urmütter

Doch im Verborgenen wurde der uralte Baumkult noch lange weiter gepflegt, auch wenn in der Vorstellung der bekehrten Heiden die Grosse Ahnfrau oder die Ahnen, die im Baum wohnten, zu Armen Seelen wurden, die hier gefangen waren und für ihre Sünden büssen mussten. Und manchmal wurde ein Ahnbaum mit einem Marienbild geschmückt. Maria sollte die Grosse Ahnfrau, die sich hier in ihrer Baumgestalt zeigte, ersetzen, und der Baum konnte weiter bestehen. Die singende Tanne von Reckingen jedoch wurde gefällt und aus ihrem Holz eine Marienstatue geschnitzt. Bildhafter kann man die Christianisierung des Ahninnenkults wohl nicht darstellen.

Mutter Erde, Schöpferin und Erhalterin des Lebens, wurde von den Menschen seit jeher lokal erlebt - dort, wo sie wohnten. Im Lötschental ist die Landschaftsahnin Holzmiättärra auch unter einem anderen Namen bekannt: Aanu. Es gibt zuhinterst im Tal einen Aanugletscher, einen Aanusee und einen Aanubach.

Diese Bezeichnungen sind uralt, stammen aus einer vorindo-europäischen Sprache und sind zurückzuführen auf die bereits erwähnte Ana/Anu/Dana - eine Erd-und Wassergöttin, die überall im Alten Europa und im Vorderen Orient verehrt worden ist (siehe S. 32 und 59).

Diese Grosse Ahnfrau zeigte sich allerorts in rautenförmigen Bergen, Felsbrocken oder Menhiren in ihrer Steingestalt.

Die Raute war offenbar von alters her ein Bild für den weiblichen Körper, und schon in der Altsteinzeit stellten die Menschen die ersten Figurinen der Urmutter in dieser Form dar. Im Bündnerland werden bestimmte rautenförmige Felsformationen noch immer Muma Veglia (alte Mutter) genannt, und es sind Bräuche zu ihrer Verehrung noch bis weit in die christliche Zeit hinein bekannt. Knaben, die erstmals auf der Alp waren, mussten sie zum Beispiel küssen.

Sennentuntschi

Einsame Sennen, die den Sommer auf den Hochalpen verbringen, fertigen aus Langeweile eine weibliche Puppe an. Sie füttern sie, sprechen mit ihr und nehmen sie mit in ihre Betten. Kurz bevor sie die Alp verlassen, erwacht die Puppe zum Leben und beginnt zu sprechen. Als Reaktion aufdieÜbergriffeunddengottlosenAkt,dendieMänneranihrbegangenhaben,nimmtsie Rache: In der Sage zwingt sie einen der Hirten, bei ihr zu bleiben, und zieht ihm bei lebendigem Leib die Haut ab.

Moodboard Mother

*Skizzen erste Ideen

Headpiece

*Schweizer Trachtenhaube kombiniert mit Stickereien von alten Taschentüchern

*Skizze an der Büste

*Handstickerei + Perlenstickerei

Latex Coat

*Mit einer flüssigen Latexmischung wurden mehrere Schichten auf einen feinen Tüllstoff aufgetragen, getrocknet, bemalt und schlussendlich mit Aufschäumpaste bedruckt. Das Motiv ist eine Collage aus verschiedenen Graubündner Kreuzstichmuster.

*Kreuzstichmuster aus Graubünden

*Sonstige Details

Inszenierung

Die Figur der «Maiden» verkörpert Neugier, Sanftheit und die fragile Freiheit des Werdens. Inspiriert von Feen, Dryaden, Nymphen sowie Sagen wie dem Vreneli Gärtli, steht sie für eine Weiblichkeit, die eng mit Natur, Vorstellungskraft und Intuition verbunden ist. In vielen traditionellen Erzählungen werden genau diese Eigenschaften jedoch nicht geschützt, sondern bestraft. Ihr Kostüm wirkt auf den ersten Blick zart und märchenhaft, doch verborgene Knochen und Spuren des Verfalls verweisen auf darunterliegende Trauer und Gewalt. Die Figur hinterfragt bewusst stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit und Unschuld.

Feen

Sie waren lebendig und fingen an zu hüpfen, immer im Kreis, sodass auf ihrem Tanzboden ein kleiner Rundweg entstand.

Man mochte sie Engel oder Feen nennen, da war kein grosser Unterschied. Die einen kommen vom Himmel, die anderen aus der Erde. Doch in jedem Fall entstammen sie einer unsichtbaren Dimension. Und wir sind es, die ihnen ihre Dichte geben. Sie leben nur, wenn wir an sie glauben - nur dann hat man die Macht, sie herbeizurufen. - Biffiger, S. 91

Feen lebten in enger Verbundenheit mit den Kräften der Natur. Sie konnten sogar Wildbäche zähmen.

Im Verlauf der Jahrhunderte, verlernten die Menschen jedoch, den Feen respektvoll zu begegnen. Und den Wildfrauen selbst gelang es nicht mehr, ihre Herzen zu erreichen. Nur ab und zu, wenn sich kein anderer Weg ergab, wurde die Hilfe der Feen noch erbeteten. So zum Beispiel damals, als die Gegend um Saint Luc unter grosser Trockenheit litt. In einiger Entfernung vom Dorf sprudelte eine Quellle, welche die Leute gerne zur Bewässerung hergeleitet hätten, doch fehlten ihnen zum Bau der Kanäle, der sogenannten Bisse, die nötigen Mittel. Eine Fee bot sich an, die nötige Wasserleitung zu erstellen, unter der Bedingung, dass sie als Belohnung ein Kind bekomme. Die Gemeinde beschloss, ihr ein solches zu übergegeben, sollte die Bisse bis zu einem bestimmten Tag fertig sein. Die Fee begann mit ihrer Arbeit und war so emsig, dass am Vorabend des vereinbarten Termins alles fertig war - bis auf das letzte Stücke.

In der Nacht ging der Vater des zur Auslieferung bestimmten Kindes hin und riss die Kännel weg. Nun erschien die Fee, um das letzte Mal Hand anzulegen. Ein heftiger Kampf entspann sich, der damit endete, dass der arme Mann seinen Verletzungen erlag. Die Bisse war am nächsten Tag nicht vollendet und das Kind gerettet. Der Wasserkanal ist später von der Bevölkerung selbst fertiggestellt und zum Andenken an das Ringen mit der Fee und ihre tödlichen Klauen Bisse de la Griffe getauft worden.

Vreneli Gärtli

Es war einmal eine übermütige Jungfrau, welche Vreni genannt wurde. Diese meinte, sie könne zuoberst auf dem mittleren Glärnisch einen Garten machen. Die Leute warnten sie und sagten zu ihr: «Man darf Gott nicht herausfordern!» Sie aber sagte: «Und jetzt gehe ich aus Trotz hinauf, sei es dem Herrgott lieb oder leid.» Da nahm die Jungfrau, sie war ein baumstarkes Mädchen, einen grossen Kupferkessel über den Kopf, damit sie nicht nass werde, wenn es zu schneien beginnen sollte. Als sie aber oben war, begann es so stark zu schneien, dass das Vreni wegen des Gewichts den Kessel nicht mehr abziehen konnte. Der nasse, schwere Schnee drückte das Mädchen zu Boden, und es wurde gänzlich eingeschneit.

Maiden Moodboard

Korsett

*Spezielle Aufschäumtechnik; Zuerst wird eine Schicht Aufschäumer aufgetragen und dann ein Motiv aufgelasert. (1)Durch die Hitze verbrennt die Paste und verfärbt sich. (2) Danach lässt sich das Negativ aufschäumen. (3) *Vorderseite *Rückseite

(1) Handarbeit an der Büste

(2-3) Schnittmuster

(4) Färben von Baumwollgaze mit Kaffee

(5) Altes Trachtenhemd als Ausgangslage

(6) Details

Handschuhe

*Blumen aus Tüll Restmaterial und 3D gedruckte

Details welche von Hand angenäht wurden

Inszenierung

Crone

Die Figur der „Crone“ basiert auf Erzählungen über Hexen, wilde Frauen, Ahnfrauen und Urfrauen aus der Schweizer Folklore. Sie steht für Frauen, die aufgrund ihres Wissens, ihrer Unabhängigkeit oder ihres Verhaltens von gesellschaftlichen Normen abwichen und deshalb ausgegrenzt oder gefürchtet wurden.

Für die Gestaltung der Figur dienten unter anderem die Tschäggättä-Figuren aus dem Wallis als visuelle Inspiration. Deren Masken und Fellkostüme bewegen sich zwischen menschlichen, tierischen und übernatürlichen Darstellungen. Im Kontext von *Collective Womb* wird diese Bildsprache aufgegriffen, um Themen wie Ausgrenzung, Selbstbestimmung, Widerstand und kollektive Erinnerung zu untersuchen.

Scheideggänni

Scheideggänni ist das (nur hier verwendete) Pseudonym für eine sonderbare Frau, die auf einem Bauerngut in einer Hinterländer Gemeinde lebte. Das von den Leuten geschilderte Wirken der Frau fällt in die Zeit zwischen 1940 und 1960. Man erzählte viele sonderbare Dinge von der Frau, und es ist auch zu sagen, dass diese durch ihr Ausseres leicht Anlass zu allerlei Mutmassungen gab. Dem Aussehen entsprechend war auch ihr Benehmen; sie liebte es, verschlüsselte Anspielungen zu machen und Aussagen so zu formulie-ren, dass man nicht wusste, was davon zu halten sei. Das Volk traute dem Scheideggänni sonderbare Dinge zu; die Frau könne mehr als Brot essen, hiess es allgemein (dieser beschönigende Ausdruck ist bei uns in der älteren Volkssprache verbreitet). Die meisten Leute hatten Angst vor ihr. Man sah sie nicht gerne daherkommen, und man wich ihr aus. Niemand wollte mit dem Scheideggänni etwas zu tun haben, weil es hiess, sie belästige Leute auf unerklärliche Art und füge ihnen Schäden zu.

Hexen

Nach damaliger Auffassung erachtete man jede Frau als potenzielle Hexe, alles auch der absurdeste Verdacht, konnte zur Anklage führen. Hatte die Frau rote Haare oder schwarze, war sie jung oder alt, schön oder hässlich, wollte ihr Mann sie loswerden oder hatte sie keinen, zeigte sie sich besonders schrullig, auffallend klug oder einfach nur lebenslustig: Jede Frau war der Willkür der männlichen Inquisitoren ausgeliefert.

Wie alle Muttergöttinnen ist die Holle zuständig für Leben und Tod. So kann sie verschiedene Gestalten annehmen. Mal ist sie jung und schön, ein andermal alt und hässlich. Sie beschenkt die Menschen, stellt sie auch auf die Probe, warnt oder droht. Sie ist nicht unversöhnlich und zeigt denjenigen ihre Huld, die ihren natürlichen Gesetzen folgen. Die Kirche versuchte, die Holle/Percht zu verbieten. Noch in den Hexenprozessen des 17. Jahrhunderts wurden die Angeschuldigten danach gefragt, ob sie Kontakt zu ihr hätten. Da die Ausrottung der alten Göttin nicht vollständig gelang, wurde sie zur heiligen Bertha umgetauft oder dämonisiert: Sie galt als Schreckgespenst, das die Unfolgsamen verfolgt; die Katze, ihr Begleittier, verwandelte sich in ein teuflisches Monster. Bald wurde die Geschichte der Frau Holle, eines der altesten Märchen überhaupt, nicht mehr im eigentlichen Sinn verstanden. Sie entwickelte sich zur erzieherischen Droherzäh-lung und sollte wilde Mädchen zu braven und tüchtigen Hausfrauen machen. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entdeckten Frauen die Holle wieder als Grosse Ahnfrau.

Crone Moodboard

Maske

*Die Maske wurde aus alten handgemachten Holzmasken zusammengestellt. Die drei einzelnen Masken wurden zusammengeschraubt und mit Details versehen.

*Digitale Skizzen

*Schutzanhänger aus dem Brockenhaus mit Heiligenabbildern

Die alte Frau stand in der Vergangenheit bei unserem Volk in einem widersprüchlichen Ansehen. Die Leute kannten und schätzten sehr wohl die Abgeklärtheit und Weisheit alter Frauen, sie nahmen auch gerne ihren Rat und vor allem ihre tätige Hilfe in Anspruch. Dies gilt vor allem für das Matriarchat im Bauernhaus. Daneben aber war die alte Frau mit allerlei volkstümlichen Vorurteilen belastet. Allein schon ihr Erscheinen in bestimmten Situationen versprach nichts Gutes. Man traute der alten Frau Kräfte zu, die über das hinausgingen, was man gemeinhin von Frauen erwartete, und dieses mutmassliche Wissen und Können entsprach auch nicht den Fähigkeiten eines Mannes.

Zweifellos spielte da das alte Bild der Hexe nach.

Inszenierung

Moodbilder Film

Storyboard

*Idee; kein Plot, Figuren werden sich aufeinander zu bewegen. Im Zentrum steht die Mutterfigur, welche im letzten Bild die zwei anderen Figuren unter ihrem Mantel aufnehmen wird

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Collective Womb, Joya Blarer, BA Textildesign, 2026 by Hochschule Luzern - Issuu