Themenheft von Hochparterre und Hochparterre Wettbewerbe, März 2026
Wettbewerbslabor 2: Praxis weiterdenken
Von Phase 0 bis Jury : D er zweite Kongress zum Planungswettbewerb drehte sich um fünf grundlegende Perspektiven – und um Weichenstellungen.
Inhalt
4 Wettbewerb überwinden
Laborgruppe ‹ Kooperation statt Konkurrenz ›: Eine « Störgruppe » hat sich getraut, den Wettbewerb als solchen infrage zu stellen.
6 Phase 0 anders denken
Laborgruppe ‹ Phase 0 ›: Die Vorphase der Projektentwicklung ist eine Weichenstellerin –und sollte deshalb stärker in den Fokus rücken.
8 Beitrag, nicht Aufwand
Laborgruppe ‹ Fachplanungsbeitrag ›: Die interdisziplinäre Runde ist der Frage nachgegangen, wie Fachplanung die Ideenfindung prägt.
10 Wenn schon ein Dialog, dann ein echter
Laborgruppe ‹ Mehr Dialo g ›: Worin besteht der Nutzen des Dialogverfahrens ? Und wann ist der ideale Zeitpunkt für einen echten Dialog ?
1 2 Was die Jury angeht
Laborgruppe ‹ Die Liste ›: Gedanken zur Vergabe von Jurymandaten – inklusive konkreter Empfehlungen zu einer Weiterentwicklung der Juryarbeit.
1 4 App ell zum Handeln
Haupterkenntnis aus dem Wettbewerbslabor 2025: Jetzt geht es darum, Neues auszuprobieren !
Editorial
‹ Zusammenarbeit im Wettbewerb › lautete das Motto des Wettbewerbslabors 2025. Während wir zwei Jahre zuvor noch kontrovers über grosse Themen wie Digitalisierung, Aufwand und Klimakrise diskutiert hatten, stand diesmal die Praxis im Fokus: Wie viel Fachplanung braucht ein Wettbewerb ? Was muss bereits vor dem Verfahren geklärt werden ? Wie s ollen Jurys zusammengesetzt sein ? Und wie lässt sich Dialog in einem Konkurrenzverfahren sinnvoll verorten ? Eine « Störgrupp e » hat es gewagt, die Grundsatz frage zu stellen: Lässt sich der Wettbewerb vielleicht sogar überwinden ?
Fünf Laborgruppen hatten diese Themen während mehrerer Monate vorbereitet und brachten sie am Kongresstag in Workshops zur Diskussion. 170 Fachleute aus öffentlicher Hand, aus Planungsbüros, aus Verfahrensbegleitung und – diesmal deutlich stärker vertreten – aus privater Auftraggeberschaft kamen in der grossen ‹ pink tree ›-Halle in Zürich- Oerlikon zusammen und tauschten sich im Fishbowl-Format mit mehreren Gruppen aus. Das war akustisch nicht immer ideal, aber bezeichnend für den Tag: Wir arrangierten uns mit dem Vorgefundenen, veränderten und verbesserten es. Wir organisierten uns selbst, hörten zu und mischten uns ein ; flexibel und engagiert arbeiteten wir zusammen.
Gemeinsame Nenner gab es viele, Kontroversen blieben dennoch nicht aus. Ein abschliessendes Resümee liess sich am Veranstaltungstag kaum ziehen. Gerade deshalb trafen sich die Laborgruppen danach nochmals: Sie bündelten ihre Diskussionen aus der Vorbereitung, reflektierten die Gespräche vom Labortag und formulierten ihr Fazit. Aus diesen Inhalten ist der vorliegende Laborbericht entstanden, der anregen und anstossen soll. Denn die Debatte über den Planungswettbewerb ist nicht abgeschlossen. Deshalb wird 2027 das nächste Wettbewerbslab or stattfinden. Ekin Özdil
Themenfokus
Die Inhalte dieses Hefts erscheinen auch als Themenfokus auf der Website von Hochparterre: hochparterre.ch / wettbewerbslabor
Dieser Themenfokus ist eine journalistische Publikation, entstanden in Zusammenarbeit mit Partner*innen. Die Hochparterre Redaktion prüft die Relevanz des Themas, ist zuständig für Recherche, Konzeption, Text und Bild, Gestaltung, Lektorat und Übersetzung. Die Partner*innen finanzieren die Publikation, genehmigen das Konzept und geben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung.
Impressum Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH 8005 Zürich, Telefon + 41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Geschäftsleitung Deborah Fehlmann, Roderick Hönig Redaktionsleitung Axel Simon Leitung Themenhefte Roderick Hönig Konzept und Redaktion Ivo Bösch, Almut Fauser, Ekin Özdil Fotografie Markus Frietsch, www.markusfrietsch.com Zeichnungen Jakob Junghanss Art Direction Antje Reineck Layout Barbara Schrag Produktion Ursula Trümpy Korrektorat Markus Schütz Litho grafie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeber Hochparterre in Zusammenarbeit mit der Stiftung Forschung Planungswettbewerbe hochparterre.ch / wettbewerbslabor Themenheft bestellen ( Fr 15.—, € 12.— ) und als E Paper lesen oder kostenlos als Themenfokus auf der Website
Laborgruppe
‹ Kooperation statt Konkurrenz › Tamino Kuny ( Moderation und Begleitung ), Katharina Benjamin, Jonas Brun, Rebekka Habegger, Jakob Junghanss, Martin Peikert, Claudia Scholz
Wettbewerb überwinden
Eine « Störgruppe » aus sechs Architekt*innen und einer Ingenieurin hat ihr Wissen aus Büroalltag, Forschung sowie öffentlichen und privaten Bauherrschaften eingesetzt, um den Wettbewerb als solchen auf den Prüfstand zu stellen.
Text: Laborgruppe ‹ Kooperation statt Konkurrenz ›, Zeichnung: Jakob Junghanss
Alle, die den Wettbewerb verfechten, sind sich einig: Er ist der Garant für Baukultur. Fairer geht Vergabe nicht. Wer aus dem nahen Ausland auf die Schweiz blickt, glaubt, geradezu paradiesische Verhältnisse vorzufinden. In Deutschland sind Wettbewerbe längst anderen Verfahren gewichen ; dort dominieren Referenzen die Auswahl. Wer den Wettbewerb in der Schweiz kritisiert, gilt schnell als Störenfried. Und doch: Viele Architekt*innen fühlen sich ausgelaugt, operieren am Limit. Und der Output ist ernüchternd. Die enorme Anstrengung steht in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen. « Ursprünglich s elbst gewählt, nimmt der Wettbewerb langsam Züge höherer Gewalt an », schrieb eine anonyme Autorin schon vor mehr als 60 Jahren in der Architekturzeitschrift ‹ Werk › ( Ausgabe 8 / 1961 ).
Dieses Misstrauen gegenüber dem Status quo hat uns als « Störgrupp e » zus ammengebracht. Für das Wettbewerbslabor hiess unser Programm, über den Tellerrand zu blicken. In drei Workshops suchten wir nach Erkenntnissen für die Zukunft des Wettbewerbs – oder besser: für ein Danach, denn das erklärte Ziel der Gruppe bestand in der Überwindung des Wettbewerbs.
Von der Gruppentherapie zum Gedankenexperiment Wir begannen das Wettbewerbslabor mit einer « Grupp entherapie ». In der Vorbereitung des Labors hatten wir die These aufgestellt, dass die Probleme des Wettbewerbs auch mit dem Selbstverständnis der Architekt*innen zusammenhängen. Diese These ist nicht neu: « D en Architekten wird es nicht gelingen, das Wettbewerbswesen neu und rational zu konzipieren, solange sie nicht ein zeitgemässes Berufsverständnis erarbeitet haben », schrieb Lucius Burckhardt über mögliche Reformen in ‹ Werk › 11 / 1971. Mit der Therapie beabsichtigten wir, das Persönliche mit dem Systemischen in Beziehung zu setzen: Was macht
der Wettbewerb mit uns – und warum machen wir trotzdem weiter ? Die Teilnehmer*innen teilten ihre Gewinnquoten: 1 : 7, 1 : 8. Oder: Quote 0. Immerhin lasse sich das Portfolio schmücken. Es gehe ohnehin nicht ums Gewinnen, Wettbewerbe brauche es aus gesellschaftspolitischen Gründen. Eine Teilnehmerin sprach von « volkswirtschaftlichem Schwachsinn », eine Ausloberin gab den Architekt*innen selbst die Schuld am hohen Aufwand. Kritisch waren nicht nur die Jungen. Ein Vielgewinner mit 320 Wettbewerbsteilnahmen und 45 Erfolgen sprach vom steigenden Druck: « Irgendwann geht der Schnauf aus. » Die erste Erkenntnis: Kritik am Wettbewerb ist berechtigt. Im zweiten Workshop trugen wir den Wettbewerb zu Grabe. Die Teilnehmer*innen verfassten Todesanzeigen und Nachrufe: Woran ist der Wettbewerb gestorben, was hat er gebracht, was werden wir an ihm vermissen ? Die Übung sollte verdeutlichen, welche Aspekte des Wettbewerbs hinterfragt werden müssen, bevor Neues entstehen kann, und sie sollte die üblichen Abwehrreflexe gegenüber Kritik kurzzeitig ausschalten. Das Abschiednehmen funktionierte, wie die Beispiele aus den Nachrufen zeigen siehe ‹ Trauer um den Wettbewerb ›. Viele Teilnehmer*innen schlugen nachdenkliche Töne an – die Nachrufe hallen bitter nach. Die zweite Erkenntnis: Der Wettbewerb erzeugt eine Ambivalenz, die den Blick auf Alternativen verstellt. Im dritten Workshop wagten wir ein ökonomisches Gedankenexperiment, ausgehend von der Frage: Sind im Schweizer Wettbewerbssystem genug finanzielle Ressourcen vorhanden, um alle Beiträge entschädigen zu können ? Das Gruppenmitglied Martin Peikert hat im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung entsprechende Daten gesammelt: In der Schweizer Wettbewerbslandschaft entfallen 95 Prozent der Preisgelder und Entschädigungen auf selektive und eingeladene Verfahren. Um diese Gelder
Trauer um den Wettbewerb
« Implo diert an den Ansprüchen der anderen. Erschöpft von der ausufernden Komplexität. Stolz auf das Erbaute –der Wettbewerb. »
« Was du uns gegeben hast, haben wir fast alles weggeworfen. »
« Als man aufgehört hat, Häus er abzureissen, verlor der Wettbewerb seinen Sinn. Er war für Umbauten nicht mehr geeignet und wurde von anderen Verfahren abgelöst. »
« Lieb er Wettbewerb, dank dir habe ich mich mit neuen Ideen und Personen befasst. Leider warst du nicht kompatibel mit meiner Lebensplanung – eine Architektin mit Betreuungspflichten. »
« Nie hab e ich so intensiv gefühlt. Auf ewig dein – ein Architekt. »
« Mangels Alternativen möchten wir dich nicht gehen lassen. »
Zitate aus den am Wettbewerbslabor verfassten Todesanzeigen
konkurrieren rund 20 Prozent der eingereichten Projekte – während in offenen Verfahren rund 80 P rozent um die restlichen 5 Prozent wetteifern. Doktorand Martin Peikert hat alle Preisgelder respektive Entschädigungen aus offenen, selektiven oder eingeladenen Verfahren und Wettbewerben wie Studienaufträgen in einen Topf geworfen und durch die Zahl der eingereichten Projekte geteilt. Auf Basis des Datensatzes ergibt sich eine Summe von 7400 Franken pro Beitrag. Selbst wenn alle Preisgelder und Entschädigungen gleichmässig verteilt würden, deckt die Summe bei Weitem nicht die geleistete Arbeit. Unsere Baukultur entsteht daher wesentlich durch unbezahlte Mehrarbeit.
Wir hatten die Rechnung ohne die Teilnehmer*innen gemacht. Die vehementen Abwehrreflexe, die wir mit den Nachrufen abzulegen geglaubt hatten, trafen uns frontal: « B ei Wettbewerben braucht es halt Muskeln ; entwe der man hat sie, oder man hat sie nicht. » Das Gedankenexperiment löste spürbares Unbehagen aus. Weitere datenbasierte Beobachtungen, etwa zur fortschreitenden Oligopolisierung der Wettbewerbserfolge – wenige gewinnen viele Wettbewerbe –, sorgten für Interesse wie auch Irritation. Sie konfrontierten die Teilnehmer*innen mit ihrer Position im System, die nicht immer ihrer subjektiven Wahrnehmung entsprach. Am Ende haben wir uns zu einer Abstimmung durchgerungen, bei der sich die meisten dann doch grundsätzlich für eine Umverteilung aussprachen.
Die dritte Erkenntnis: Den Wettbewerb verteidigen vor allem diejenigen, die sich durchsetzen. Unterlegene Ideen und unbezahlte Arbeit bleiben auf der Strecke.
Experiment statt Routine
Die Workshops haben gezeigt: Der Wettbewerb ist ein Werkzeug, das viele eintauschen würden – für das es bis jetzt ab er keinen Ersatz gibt. Zweifel an bestehenden Verfahren müssen Experimente auslösen. Es braucht Pilotverfahren mit angemessener Entlöhnung. Die öffentliche Hand muss hier mit gutem Beispiel vorangehen und offene Verfahren mit stufen- und anforderungsgerechter Entlöhnung entwickeln. Solche Pilotverfahren sollten zum Standard werden, an dem sich auch private Verfahren orientieren. Zuerst muss aber immer geklärt werden: Was ist das Ziel des Wettbewerbs – und lässt es sich auf anderen Wegen erreichen ? ●
Phase 0 anders denken
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Wettbewerbslabor: Die Phase 0 wird im Alltag unter schätzt. Dabei ist sie eine Weichenstellerin – indem sie Risiken mindert und Vertrauen herstellt. Und damit massgeblich zum Projekterfolg beiträgt.
Text: Laborgruppe ‹ Phase 0 ›, Zeichnung: Jakob Junghanss
Urbane Räume zukunftsfähig umzubauen, ist das Gebot der Stunde. Gleichzeitig rücken Bestandsbauten in den Fokus. Damit gerät das lineare Phasenmodell des SIA an Grenzen, denn die Aufgaben sind komplexer geworden und in einzelnen Phasen ohne Rückkopplungen kaum mehr zu lösen.
Die Laborgruppe hat die Phase 0 kontrovers diskutiert. Abgesehen von ihrer ursprünglichen Bedeutung und Berechtigung in Bezug auf das saubere Aufgleisen eines Projekts stehen wir heute vor zwei entscheidenden Fragen: Wie begleiten wir die Nutzungs-, Aneignungs- und Anpassungsphase ? Wann und mit welchen notwendigen Schritten beginnt erneut eine Phase 0 im Lebenszyklus von Gebäuden und Quartieren ? Die Grupp e hat zwei Deutungen von Raum ausgemacht: den geplanten Raum einerseits und den gelebten Raum andererseits. Der geplante Raum meint einen messbaren, gestaltbaren Behälter – ein Objekt, das sich skalieren, gestalten und bepreisen lässt. Der gelebte Raum ist ein soziales Gefüge – etwas Fluides, das Mens chen immer wieder miteinander aushandeln. Diese Spannung bestimmt die Planung. Lineare Phasenmodelle treffen auf iterative Prozesse, die Wandel als permanentes Aushandeln und Verbessern anerkennen. Klassische Planung kollidiert dabei mit partizipativen Ansätzen.
Wettbewerbe zeigen dieses Dilemma besonders deutlich, wenn reine Konkurrenzverfahren dort eingesetzt werden, wo eigentlich Kooperation gefragt wäre. Auch die Phase 0 bleibt ambivalent: Sie sollte für mehr Qualität und Nachhaltigkeit sorgen, droht aber zugleich überfrachtet zu werden. Sie steht damit sinnbildlich für die aktuelle Debatte über Baukultur.
Verantwortung, Grundlagen und Verfahren Auslober*innen, Organisator*innen und vor allem Jurymitglie der müssen ihrer Verantwortung gerecht werden, so der Tenor am Wettbewerbslabor. Die Jury kann das Wettbewerbsprogramm mitgestalten, auch bezüglich der Aufgabenstellung, sagen sogar Wettbewerbsorganisator*innen. Diese Chance werde aber zu wenig genutzt. Faire Verfahren und ein partnerschaftliches Miteinander sollten selbstverständlich sein. Dazu gehört die Einsicht, dass eine intensive Phase 0 der zentrale Hebel ist: für Nachhaltigkeit, für Risikominimierung im gesamten Projektverlauf und für wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Projekte gedeihen auf gutem Boden. Sie bestehen aus vermitteltem Sachwissen, genauen Abklärungen und realistischen Möglichkeiten. Nur so werden Projekte vergleichbar und Entwürfe glaubwürdig. Entscheidend ist,
dass man die fixen und flexiblen Bedingungen sorgfältig klärt und Widersprüche auflöst oder zumindest benennt. Nötig sind auch vollständige Grundlagen mit Machbarkeitsstudien, die zur Bedürfnisklärung beitragen und den baurechtlichen Spielraum darlegen. Auch Zustandsanalysen können entscheidend sein. In den Diskussionen am Wettbewerbslabor zeigte sich auch: Der Ideenwettbewerb zur Grundlagenklärung hat Potenzial.
Auch im Wettbewerbslabor war man der Meinung, die zunehmende Komplexität der Aufgaben überfordere lineare Verfahren. Ein Ansatz könnten Workshops sein, in denen mehrere Teams gemeinsam Grundlagen erarbeiten. Sie würden spätere, lösungsorientierte Verfahren, zum Beispiel offene Projektwettbewerbe, entlasten, sodass diese sich auf Kernideen konzentrieren könnten. Damit rücken sie in den Vordergrund, was zukünftig entscheidend ist: Improvisationsfähigkeit, Problemlösungskompetenz, Kommunikation, neue Haltungen und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Bewusstseinserweiterung
Das Wettbewerbslabor hat den Blick auf die Phase 0 deutlich geschärft. Wurde sie schon in den Vorbereitungsgesprächen als wichtig erkannt, so zeigte sich nun, wie tiefgreifend ihr Einfluss auf Projektqualität, Prozesssicherheit und langfristige Wirkung ist. Die Lab orgruppe erlebte eine « B ewusstseinserweiterung »: Phase 0 ist nicht nur eine organisatorische Vorstufe, sondern ein entscheidender Hebel für das Gelingen weitsichtiger Projekte. Eine gut gestaltete Phase 0 schafft letztlich die Basis für Mehrwert: Sie minimiert Risiken im gesamten Projektverlauf und schafft Vertrauen zwischen allen Beteiligten und in das Vorhaben. Besonders betont wurde, dass solide Grundlagen, die Klärung widersprüchlicher Anforderungen und der Einbezug von Fach- und Lokalwissen nicht als Zusatzaufwand verstanden werden sollten, sondern als Investition in Vergleichbarkeit, Glaubwürdigkeit und Realisierbarkeit. Möglicherweise sind die vorhandenen Grundlagen für qualitätsvolle Arbeit in der klassischen oder auch neu gedachten Phase 0 nicht überall bekannt und nicht genug erkannt. So wäre die Schärfung des Bewusstseins dafür eine zentrale Aufgabe.
Die Diskussionen haben zu einem erweiterten Verständnis des gesamten Phasenmodells geführt: Themen wie Erhalt, Weiterbau, Mining und sozialräumlicher Aushandlungsprozess zeigen, dass wir Bauen und Planen künftig stärker lebenszyklusorientiert und gesellschaftlich einbetten müssen. ●
Laborgruppe ‹ Phase 0 ›
Ben Pohl ( Moderation ), Cornelia Alb, Patrick Arnold, Sabrina Contratto, Robert A. Fischer, Fabian Hoermann, Manuela Ronchetti, Sabina Ruff, Ivo Bösch ( Begleitung )
Eine starke Phase 0 im Wandel Braucht es eine neue Phase ? Oder ist eher Arbeit an uns selbst gefragt ? Wie b erücksichtigen wir den nicht-linearen, permanenten Wandel der ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen in unseren Prozessen ? Die Laborgruppe wünscht sich eine Taskforce, die das Bewusstsein für die Phase 0 stärkt. Sie nimmt deshalb Kontakt mit dem SIA auf.
Carsten Becker ( Mo deration ), Lukas Abächerli, Fujan Fahmi, Martin Kärcher, Verena Röhm, Liliana Wild, Ekin Özdil ( Begleitung )
Beitrag, nicht Aufwand
Der Frage, wie viel Fachplanung ein Wettbewerb verträgt, geht eine grundlegendere voraus: Was ist Fachplanung eigentlich ? Was prägt die Ideenfindung im Spannungsfeld zwischen Planung und Auslobung, Methodenfreiheit und Sicherheitsanspruch ?
Text: Laborgruppe ‹ Fachplanungsbeitrag ›, Zeichnung: Jakob Junghanss
Kaum ein Wettbewerb kommt ohne Fachplanungsteam aus. Doch was ist das eigentlich: Fachplanung ? Welche Rolle spielt sie bei der Ideenfindung ? Und wann trägt sie zur Qualität eines Entwurfs bei ? In uns erer Laborgruppe stellten wir rasch fest, dass der Begriff ‹ Fachplanungsaufwand › am Thema vorbeizielt. Er suggeriert Belastung, Bürokratie und Kosten. Fachplanung ist aber weit mehr: Sie ist Ide engeberin, Qualitätstreiberin und Teil der konzeptuellen Entwicklung. Deshalb haben wir den Blick nicht auf den vermeintlichen Aufwand gerichtet, sondern auf das Potenzial der Expertisen – und darum unserer Gruppe einen neuen Namen gegeben: Fachplanungsbeitrag. Sind wir nicht alle Fachplanende ? Wer definiert die Rollen ? Uns ere Gruppe wurde selbst zu einem kleinen Labor: interdisziplinär, kommunikativ, iterativ. Fachplanung definierten wir als Expertenbeitrag zur Lösungsfindung. Wir diskutierten, welche Expertisen wann sinnvoll sind, welche Verfahren Ideen stärken und wie interdisziplinärer Austausch gelingt. Die Leitfrage lautete: Wie lässt sich ein Wettbewerb als Ideenlabor denken, dessen Ergebnis als Skizze gelten darf und nicht als Vorprojekt gilt? Wo bringt Fachplanung Mehrwert, wo wird sie zur Pflichtübung ? Denn im Wettbewerb soll ein Team gemeinschaftlich Ideen formen – nicht Aufwand verwalten.
D er Beitrag im Zeitstrahl
Ein Wettbewerb hat stets ein Vorher und ein Nachher; in allen Phasen sind Fachdisziplinen beteiligt. Darum ordneten wir die Labordiskussion entlang dieses Zeitstrahls und erörterten Themen wie Ideenqualität, Rollen, Teamkultur, Verfahren sowie Vielfalt und Chancengleichheit.
Beim ‹ Vorher › rückten die Grundlagen und das Programm in den Fokus. Die Diskussionen im Wettbewerbslabor bestätigen es: Die frühe Phase entscheidet über alles Folgende. Ein Wettbewerbsprogramm soll eine « Vision » formulieren und Fragen auf der richtigen Flughöhe stellen – statt ein Vorprojekt zu verlangen. Phasengerechte Bestellung und Bestellkompetenz sind zentral. Fachgutachten sollen gezielt eingesetzt, Machbarkeitsstudien gefiltert und Fachjurymitglieder früh einbezogen werden. Auch die Wahl des Verfahrens ist entscheidend: Steht die Idee im Zentrum, muss man prüfen, ob Fachplanende im Wettbewerb überhaupt einen Beitrag leisten können. Generalplanungsverfahren sind also nur sinnvoll, wenn die Aufgabe tatsächlich interdisziplinär erarbeitet werden muss – und nicht, weil sie die Organisation seitens der Auslobenden in der Projektierung vereinfachen. Vertrauen statt Absicherung und « s o viel wie nötig, so wenig wie möglich ». Im Hinblick auf die Phas e ‹ Wettbewerb › diskutierten wir, wie Teams ihren Beitrag sichtbar machen können. Woran erkennt man echte Mitarbeit im Gegensatz zum Alibi ? Wann entsteht echte konzeptuelle Zusammenarbeit – und wann handelt es sich um ein blosses Abarb eiten ? Und: Darf ein Wettbewerbsentwurf Fragen offenlassen, oder wird stets eine « fertige » L ösung erwartet ? Kontrovers debattiert wurde die Frage, wie viel Freiheit Teams in ihrer Zusammensetzung brauchen – und bei dem, was sie abliefern. Die Diskussion zeigte eine klare Spannung: Planende wünschen Methodenfreiheit, während Auslobende – insbesondere öffentliche – Sicherheit verlangen. Das führe zu frühzeitig angesetzten Vorprojekten, die die Kreativität bremsen, so die Planenden. Ent-
Aufruf:
Neue Wege zu echten Teams
Wie trägt Fachplanung zur Ideenfindung bei ? Welche Modelle sind in der Praxis gefragt ? Es braucht einen Dialog über phasengerechte Verfahren, faire Vergütungen und « echte » Teams. Die Laborgruppe möchte den Austausch fortführen – besonders mit Auslob enden , der öffentlichen Hand und der Verfahrensbegleitung. Deshalb plant sie für März 2026 ein Treffen. Gesucht sind Akteur*innen, die in einer offenen Werkstatt weiterdenken oder ein Pilotverfahren testen möchten. Kontakt: oezdil@hochparterre.ch
scheidend sei, dass Beiträge aus einem gemeinsamen Entwurfsprozess entstehen – und Fachdisziplinen dort mitwirken, wo sie Mehrwert schaffen.
In puncto ‹ Nachher › konzentrierte sich die Debatte beim Wettbewerbslabor auf die Frage der Beauftragung. In einem Punkt war man sich einig: Wer mitarbeitet, soll auch den Folgeauftrag erhalten. Das Verfasserblatt bildet das Team ab und sollte stärker gewichtet werden, auch von der öffentlichen Hand. Man sprach von einem « gentlemen’s agreement », und es wurde deutlich, dass Generalplanungsverfahren auch keine Lösung sind: Planende lassen sich nach dem Wettbewerb immer noch austauschen. Wo die Aufgabe keine interdisziplinären Teams verlangt, führen Generalplanungsverfahren also tatsächlich zu einem Aufwand und bewirken vielleicht auch eher Zweckgemeinschaften als echte Zusammenarbeit. Offen bleibt, wie Vergütungsmodelle aussehen könnten, die den Beitrag honorieren – besonders für Fachplaner*innen ohne garantierten Folgeauftrag.
Weniger fordern, mehr ermöglichen
Aus alledem ziehen wir klare Schlüsse: Wettbewerbserfolge hängen stark von der Vorbereitung ab. Gute Grundlagen, ein präzises Programm und die richtige Verfahrensart sind zentral. Fachplanung stärkt Ideen, wenn sie tatsächlich etwas beiträgt und nicht nur vorsorglich eingefordert wird. Verfahren sollen mutig sein und nur das verlangen, was beim Wettbewerb sinnvoll ist. Gefragt sind eine gemeinsame Haltung, Vertrauen und das Einhergehen von Mitarbeit mit Folgeauftrag. Fachjurys sollen sich stärker an der Programmerarbeitung beteiligen und selber einen Beitrag statt Fleissarbeit leisten. Anforderungen und Rahmenbedingungen sollen so präzise wie nötig und so offen wie möglich formuliert sein. Von Auslobenden erwarten wir mehr Qualität in der Vorbereitung, von Planenden mehr Mut zur Lücke. Unser Appell: Entwurfsintelligenz statt Systemaufladung. Denn Qualität entsteht nicht durch mehr Input, sondern durch fokussierten Input. Und ein Wettbewerb ist kein Produktentwicklungsschritt, sondern die gemeinsame Suche nach dem besten Ansatz. ●
Laborgruppe ‹ Mehr Dialog ›
Christina Leibundgut
( Moderation ),
Caspar Bresch, Ronny Koenig, Emmanuel Laux, Laura Pastior, Martin Schmid, Ivo Bösch ( Begleitung
)
Wenn schon ein Dialog, dann ein echter
Während Veranstalter*innen sich in Konkurrenzverfahren mehr Dialog wünschen, stehen Planer*innen diesem Format eher skeptisch gegenüber. Wie sähe ein echter Dialog aus? Welche Vorteile hätte er, und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
Text: Laborgruppe ‹ Mehr Dialog ›, Zeichnung: Jakob Junghanss
Die Zwischenbesprechung eines Studienauftrags läuft in der Regel folgendermassen ab: Das Architekturbüro präsentiert seinen Entwurf, und die Jury gibt später schriftlich Feedback. Als Laborgruppe haben wir uns gefragt: Ist das ein « e chter » Dialog ? D enn es fehlt der Austausch, also die Bereitschaft zu einer Reaktion auf beiden Seiten. Schon früh haben wir als Laborgruppe erkannt, wie wenig das Dialogverfahren mit gegenseitigem Austausch nach allgemeinem Verständnis zu tun hat. Oft ist im Wettbewerbsprogramm zudem nicht klar definiert, wie der Dialog stattfinden soll. Klar ist hingegen: Das Dialogverfahren erhöht den Aufwand für alle Beteiligten. Was kann man tun ? Am Anfang steht die Verfahrenswahl. Wer auslobt und Wettbewerbe organisiert, muss den Nutzen eines Dialogverfahrens klären. Geeigneter wäre ein Projektwettbewerb im offenen Verfahren; geht es indes darum, die Planungsteams kennenzulernen, wären beispielsweise Atelierbesuche oder Büropräsentationen vor dem Konkurrenzverfahren sinnvoll. Und sollte dennoch ein Dialog erforderlich sein, könnten zweistufige Verfahren helfen, den Abgabeaufwand zu reduzieren. Vielleicht wären dazu auch gestaffelte Honorare nötig. Denn Planungs bür os kritisieren weniger den Aufwand an sich als die unbezahlte Mehrarbeit. Jüngere Büros weisen auf
ein weiteres, überraschendes Problem hin: Die fehlende Rangierung in Dialogverfahren sei wenig hilfreich für spätere Bewerbungen an Präqualifikationsverfahren.
Ein kontroverses Thema
Die Rückmeldungen und Diskussionen beim Wettbewerbslabor haben die Einschätzungen der Laborgruppe bestätigt. Man beklagte sich über Auftraggeber*innen, die es sich zu einfach machen und das Dialogverfahren missbrauchen, um sich eine gründliche Vorbereitung des Verfahrens zu sparen. Architekturbüros haben es an Zwischenbesprechungen mit wenig hilfreichen Rückmeldungen zu tun. Meist fehlt es an nachvollziehbarer Kritik. Begrüssenswert wären Rückfragerunden und echte Diskussionen mit der Jury. Doch kann die Jury dabei unabhängig bleiben ? Wie ist es mit dem ungewollten Ideentransfer von einem Projekt zum anderen ? Offen bleibt, wie eine dialogische Frage AntwortRunde aussehen könnte.
Einig waren sich die Planer*innen: Je früher Dialogelemente in den Prozess einfliessen, desto wertvoller sind sie für die Lösungsfindung – etwa bei der Programmentwicklung oder bei wichtigen Grundsatzentscheiden. Auf der anderen Seite meldeten sich Auftraggeber*innen, die gute Erfahrungen mit Dialogverfahren gemacht haben. Sie
Die wichtigsten Erkenntnisse der Laborgruppe ‹Mehr Dialog› – Richtig angewendeter Dialog kann Mehrwert bieten.
– Dialog ist aufwendig und braucht Kompetenz.
– Dialogverfahren ersetzen nicht die Grundlagenbeschaffung. Frühe Projektphasen können sich für Dialog besser eignen.
– Echter Dialog ist sinnvoller als einseitiges Feedback.
nehmen eine grössere Teilhabe am Prozess wahr und haben häufig den Eindruck, dadurch Fehlentwicklungen verhindern zu können. Ausserdem erfordert das zunehmende Bauen im Bestand einen intensiveren Austausch aller Projektbeteiligten. Auch wenn die Meinungen gespalten waren, gab es einen Konsens darüber, dass ein Dialog eine hohe Kompetenz bei der Moderation und der Verfahrensbegleitung verlangt.
Was für einen frühen Dialog spricht
Das Fazit aus dem Wettbewerbslabor: Echter Dialog ist aufwendig – richtig angewendet, kann er aber für alle B eteiligten einen grossen Mehrwert bedeuten. Problematisch sind Dialogverfahren, in denen die Kompetenz der Besteller*innen fehlt und Ziele nur mangelhaft formuliert sind. Dialoge bedingen fundierte Vorbereitung und müssen klar definiert sein. Ein Dialogverfahren ist kein Ersatz für die Grundlagenbeschaffung.
Wann immer eine Stelle einen Wettbewerb auszuschreiben plant, sollte sie sich fragen, ob sie den Dialog zum richtigen Zeitpunkt einsetzt. Ist er im Studienauftrag richtig verortet ? D er Einbezug von Planer*innen schon in der Phase der Projektdefinition, der Aufgabenstellung oder Testplanung könnte einen grossen Nutzen bieten. Viele Planende zeigen sich auch offen gegenüber neuartigen Formaten wie Workshops oder kokreativen Austauschrunden. Und schliesslich böte ein Dialog in einer frühen Phase die Möglichkeit, später einen einfachen, schlanken Projektwettbewerb durchzuführen.
Wenn ein Dialog stattfinden soll, dann wünschen wir uns einen echten. Das heisst, dass Auftraggeber*innen sich offen, lernwillig und bereit zeigen, Stellung zu beziehen. Zudem ist zu klären, wie sich der echte Dialog vom einseitigen Feedback unterscheidet. Und zu guter Letzt: Wenn das Verfahren entschieden ist und ein Projekt auf dem Tisch liegt, geht der Dialog erst richtig los. ●
Was die Jury angeht
Wie sollen sich Jurys künftig zusammensetzen ? Wie viel Transparenz ist bei der Vergabe von Jurymandaten gefragt – und wie viel Offenheit für neue Fachleute und Perspektiven ?
Text: Laborgruppe ‹ Die Liste ›, Zeichnung: Jakob Junghanss
Jurys prägen Wettbewerbe – ihre Zusammensetzung jedoch bleibt im Hintergrund und steht nicht zur Debatte. Die Laborgruppe ‹ Die Liste › ist der Frage nachgegangen, wie sich Jurys in Planungswettbewerben künftig transparenter und nachvollziehbarer besetzen lassen, ohne dass dadurch die bewährten Grundlagen der Wettbewerbs- und Planungskultur auf dem Spiel stehen. Ihr Ziel: die Weiterentwicklung der heutigen Verfahren, die sich an Stabilität, fachlicher Kompetenz und institutioneller Verantwortung orientiert. Offenheit, Professionalität und massvolle Rotation sollen dort greifen, wo sie Qualitäten sichern, nicht schwächen.
Am Anfang stand die Beobachtung der Laborgruppe, dass Wettbewerbsverfahren oft auf bekannte Namen und Netzwerke zurückgreifen – aus praktischer Erfahrung und aus Gewohnheit. Dieses Vorgehen hat sich bewährt: Es gewährleistet Effizienz, fachliche Kompetenz und klare Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig befürchten Planende, dass wiederkehrende Konstellationen gewisse Sichtweisen verfestigen und neuen Akteur*innen den Zugang zu Jurys erschweren. Auftraggeber*innen haben ein grosses Interesse daran, dass auch für Dritte nachvollziehbar ist, wie sich eine Jury zusammensetzt und wer Verantwortung trägt. Die Laborgruppe hat deshalb nach Wegen zu einem behutsamen, kontrollierten Wandel gesucht, hin zu mehr Offenheit und Transparenz, ohne dass das Fundament der heutigen Praxis infrage gestellt wäre.
Zwischen Offenheit und Verlässlichkeit
Die zentrale Frage beim Wettbewerbslabor lautete: Was macht eine verlässliche und zugleich angemessen zusammengesetzte Jury aus ? Die Diskussionen verdeutlichten, dass Diversitätsquoten kritisch betrachtet werden. Zwar öffnen sie Strukturen, doch es besteht das Risiko, dass formale Vorgaben an die Stelle der fachlichen Kompetenz treten. Man war sich einig: Vielfalt ist sinnvoll, sofern sie organisch entsteht und in erster Linie der Qualität des Verfahrens dient. Oder wie es eine Teilnehmerin formulierte: « Vielfalt stärkt nur dann, wenn sie aus Überzeugung kommt und nicht aus Pflicht. » Entscheidend sei nicht starre Regulierung, sondern ein klarer Orientierungsrahmen, der Auftraggeber*innen Sicherheit gibt –und zugleich Spielraum für Ausnahmen lässt. Auch die Idee einer digitalen Juryplattform wurde im Wettbewerbslabor diskutiert. Sie könnte Abläufe transparenter machen und Bewerbungen ordnen. Gleichzeitig kann sie auch Risiken bergen: zusätzlichen Verwaltungsaufwand für Veranstalter*innen und unklare Zuständigkeiten bei Auswahl und Entscheidungsfindung. Zudem be -
steht die Gefahr, bewährte Auswahlmechanismen durch reine Formalstrukturen zu ersetzen und damit die Qualität der Verfahren zu beeinflussen. Die Diskussionen zeigten, dass ein digitales Tool kein Selbstzweck ist, sondern ein unterstützendes Instrument. Eine Plattform käme allenfalls als kleines Pilotprojekt infrage und müsste klar geführt und kontrolliert werden. Offen bleibt die Frage, wer die Eignung von Jurymitgliedern abschliessend beurteilen würde – und nach welchen Kriterien.
Die Stärkung von Qualifikation und Erfahrung fand im Labor breite Zustimmung. Juryarbeit gilt als anspruchsvolle Aufgabe, die fachliche Urteilskraft, Verlässlichkeit und ein fundiertes Verständnis architektonischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge voraussetzt. Viele plädierten dafür, neue Juror*innen sorgfältig vorzubereiten und nicht vorschnell einzusetzen. Mentoring sowie Aus- und Weiterbildungsangebote können dazu beitragen, dass Fachwissen vertieft wird und zugleich den hohen Standard der Verfahren sichert.
Auch die Rotation von Jurymitgliedern stand zur Debatte. Dabei zeigte man sich zurückhaltend, teilweise sogar skeptisch. Zwar kann ein Wechsel zwischen Wettbewerben Dominanzmuster aufbrechen, aber ein zu häufiger Austausch über mehrere Verfahren hinweg erzeugt Unruhe und entzieht den Wettbewerben wertvolle Erfahrung. Darum wäre eine moderate, aber zugleich klare Taktung bei der Erneuerung einzelner Jurymandate sinnvoller. Personelle Kontinuität wird oft unterschätzt, bleibt aber ein wichtiger Wert, weil sie Erfahrung, Vergleichbarkeit und Verantwortung in Wettbewerben sichert.
Sorgfalt statt Automatismus Ein wesentliches Diskussionsthema beim Wettbewerbslabor war die Nachvollziehbarkeit. Darauf konnte man sich einigen: Ein sorgfältig dokumentierter Auswahlprozess mit klar begründeten Entscheiden stärkt die Transparenz und die Orientierung, ohne den Ablauf zusätzlich zu belasten. Ergänzend regte die Gruppe an, eine angemessene Feedbackstruktur zu etablieren, damit alle Beteiligten aus den Verfahren lernen können – unabhängig von der konkreten Juryzusammensetzung.
Letztlich betrachtet die Laborgruppe die Weiterentwicklung der Juryarbeit als Aufgabe sorgfältiger Abwägung. Die Zusammenstellung einer Jury ist mehr als eine formale « Liste » von Personen. Sie steht für fachliche Verantwortung, institutionelle Kontinuität und das öffentliche Interesse. Oder wie es ein Teilnehmer treffend formuliert hat: « Die b este Jury ist eine, die Veränderung zulässt, ohne Bewährtes preiszugeben. » ●
Laborgruppe ‹ Die Liste › Leonie Trienen ( Moderation ), Gregor Bieri, Ulrike Gölker, Victor Gross, Anna MacIver-Ek, Hosna Pourhashemi, Wolfgang Rossbauer, Jaehee Shin, Almut Fauser ( Begleitung )
Vorschläge zu einer Weiterentwicklung der Juryarbeit
Die folgenden Kriterien bieten Orientierung bei der Zusammensetzung von Jurys, die für Fachkompetenz , Unabhängigkeit und Kontextbezug stehen:
Massvolle Rotation, die Kontinuität wahrt und Dominanz vermeidet
Digitale Plattform als kleines kontrolliertes Pilotprojekt mit Qualitätssicherung
Weiterbildungs- und Mentoringangebote zur Einführung neuer Jurymitglieder
Sorgfältig dokumentierter Auswahlprozess mit klar begründeten Entscheiden
Schlanke, aber verbindliche Feedbackstruktur für gemeinsames Lernen
Interdisziplinäre Ergänzung durch Fachbeiträge in spezialisierten Bereichen
Themenheft von Hochparterre und Hochparterre Wettbewerbe, März 2026
Jetzt handeln !
Kleine Anpassungen bei den Wettbewerbsverfahren bewirken viel. Nun stehen konkrete Ideen aus dem Wettbewerbslabor zur Verfügung. Probiert neue Ideen und Verfahren in der Praxis aus!
Appell zum Handeln
Beim zweiten Wettbewerbslabor haben rund 170 Fachleute diskutiert. Worum ging es, und was haben wir daraus gelernt ? Vor allem dies: Jetzt ist Ausprobieren angesagt.
Text: Almut Fauser und Ivo Bösch
Die Gespräche beim zweiten Wettbewerbslabor zusammenzufassen, ist nicht ganz einfach. 30 Workshops fanden an der Veranstaltung im September statt. Während es vor zwei Jahren um Grundsätzliches gegangen war, standen 2025 eher praktische Anwendungen und Verbesserungen der Verfahren im Vordergrund. Eine Ausnahme bildete die Laborgruppe ‹ Kooperation statt Konkurrenz › – ihr erklärtes Ziel war es, den Wettbewerb zu überwinden. Was wurde am Wettbewerbslabor 2025 positiv bewertet ? Das Ergebnis unserer kleinen Umfrage: Den Austausch mit verschiedenen Akteur*innen haben viele als wertvoll hervorgehoben. « A lle am Wettbewerb Beteiligten treten in einen gemeinsamen Dialog », s chrieb uns ein Teilnehmer. So entstehe ein vertieftes gegenseitiges Verständnis. Das Gegenüber zu verstehen, hilft im Wettbewerbsalltag. Dieses Wissen ermächtigt, kleine Dinge im gewohnten Ablauf zu ändern. Da eine längere Bearbeitungszeit einsetzen, dort als Jurymitglied Einfluss auf das Verfahren nehmen ; die Jur y anders zusammensetzen oder sich fragen, wie ein echter Dialog aussehen könnte. Wenig kann viel Wirkung entfalten. Damit sind wir schon bei unserem ersten Aufruf: Mittels kleiner Anpassungen in den Verfahren lässt sich Entscheidendes verbessern. Die Diskussionen am Wettbewerbslabor haben, so hören wir, den Fachleuten genug Anregungen gegeben.
Probieren geht über Studieren
Der Weg vom Reden zum Handeln ist nicht immer klar und einfach. Die Stiftung Forschung Planungswettbewerbe etwa setzt sich wiederholt mit der Frage auseinander, wie sich Resultate aus der Forschung in die Praxis überführen lassen, und regt Projekte an, die das Wettbewerbswesen weiterentwickeln. Das sollte im Wettbewerbslabor nicht anders sein: Wie schaffen wir es, die Erkenntnisse aus dem Kongress in die Verfahren zu tragen ?
Eine Idee wird erst dann zur Innovation, wenn sie genutzt wird und einen Mehrwert schafft. Natürlich sollte man jede Idee zuerst prüfen – oder im Jargon der Innovationsforschung: evaluieren. Doch wir meinen: lieber einmal probieren als zu viel studieren. Wir müssen wieder lernen,
mit Unsicherheiten, Risiken und Konflikten umzugehen. Das betrifft die Haltung der Auslobenden genauso wie die der Teilnehmenden, der Jury und der Fachleute. Deshalb möchten wir zweitens dazu aufrufen, öfter Neues zu erproben. Damit könnte die Wettbewerbsgemeinschaft eine kollektive Haltung entwickeln, auch wenn sie damit auch mal Unsicherheiten in Kauf nehmen muss.
Das Wettbewerbslabor als Impulsgeber
Wie das vorliegende Heft zeigt, haben die Laborgruppen nach dem Kongresstag im September nochmals einen Effort geleistet und ihre Überlegungen zu ihren Themen zusammengefasst. Darauf lässt sich aufbauen. Wie könnte Partizipation schon in der Wettbewerbsvorbereitung einfliessen ? Wie könnte in einem Studienauftrag ein echter Dialog stattfinden statt bloss einseitiges Feed b ack ? Wie lassen sich Fachplanungsteams im Wettbewerb gerecht entschädigen ?
Doch ausprobieren allein genügt nicht. Wichtig ist drittens, über die Erfahrungen zu sprechen und sich auszutauschen – zum Beispiel 2027, beim nächsten Wettbewerbslabor. Oder in der Zwischenzeit, in der Zeitschrift ‹ Ho chparterre Wettbewerbe ›. Von den Diskussionen beim Wettbewerbslabor 2025 konnten alle etwas mitnehmen. Die Themen seien relevant für ihren Alltag gewesen, schrieb uns eine Teilnehmerin. Nutzen wir die Chance, machen wir den Schritt in Richtung Umsetzung ! ●
Gesucht: Ideen für die Zukunft des Wettbewerbs 2027 wird die Wettbewerbsordnung 150 Jahre alt. Aus diesem Anlass sucht das Wettbewerbslabor gemeinsam mit dem SIA nach Ideen: Wie könnte der Wettbewerb in Zukunft aussehen? Braucht es nur kleine Verbesserungen oder die grosse Neuerung ? Ein kurzer Text und eine Illustration reichen als Eingabe für den « Ideenwettbewerb ». Eine Jury wählt die zehn besten Ideen am 9. Juni 2026 öffentlich in Biel aus. Mehr Infos: konkurado.ch / de / zukunft-wettbewerb
Erster klimaneutraler Leichtbackstein
Mit dem wärmedämmenden Einsteinmauerwerk Porotherm kann in wenigen Arbeitsschritten ein Gebäude nach modernsten Anforderungen realisiert werden. Die Steine übernehmen alle nötigen Funktionen in der einschaligen Aussenwand: Tragen, Dämmen und Schützen. Das monolithische Mauerwerk hat Masse und Körper, die das Wesen des Gebäudes prägen.
Teilnehmer*innen
Wettbewerbslabor 2025
Lukas Abächerli, Beat Aeberhard, Stefan Amann, Barbara Angehrn Saiki, Patrick Arnold, Robert Athner, Sibylle Aubort Raderschall, Jennifer Bär, Marco Barberini, Matthias Baumann, Carsten Becker, Katharina Benjamin, Lea Berger, Stefan Bernoulli, Gregor Bieri, Florim Bixhaku, Janis Blattmann, Reto Blickisdorf, Fabian Blomeyer, Simone Blum, Daniel Blum, Madeleine Bodmer, Dimitri Bohl, Oliver Bolli, Lelia Bollinger, Michael Boogman, Ivo Bösch, Caspar Bresch, Ingo Brinkmann, Jonas Brun, Elisa Brusa, Kaspar Brütsch, Silas Bücherer, Thomas Bürkle, Markus Busslinger, Luca Can, Alba Carint Berke, Carli Cathomen, Judit Chapallaz, Alexandra Clausen, Sabrina Contratto, Franz Damm, Jürg Degen, Daniele Di Giacinto, Erol Doguoglu, Manuel Durrer, Anita Emele, Simon Epp, Barbara Evangelisti, Noël Fäh, Fujan Fahmi, Almut Fauser, Dominic Fierz, Robert A. Fischer, Carmen Frerich, Marc Frey, Markus Frietsch, Patrik Gartmann, Gabriele Gaiser, Men-Duri Gaudenz, Dieter Geissbühler, Sara Gelibter, Ulrike Gölker Zeugin, Roger Gort, Noemi Grodtke, Victor Gross, Alexandra Gübeli, Charlotte Gückel, Rebekka Habegger, Sarina Hächler, Anke Hassler, Birgit Hatten kofer, Sigrid Hausherr, Johannes Heine, Annette Helle, Nikolaus Hellmayr, Tim Hercka, Duri Hess, Moritz Hiltebrand, Fabian Hoermann, Jurek Horeni, Rebekka Huber, Jasmin Hurter, Karina Hüssner, Elsa Katharina Jacobi, Monika Jauch, Michael Jung, Jakob Junghanss, Sofia Kaiser, Urs Kamber, Thomas Kamm, Martin Kärcher, Guy Keller, Guido Keune, Rainer Klostermann, Ronny Koenig, Christiane Krause, Kai Krause, Stephan Krestan, Karol Kruk, Florian Kühne, Lars Kundert, Joos Kündig, Daniel Kündig, Tamino Kuny, Emmanuel Laux, Christina Leibundgut, Bastian Leu, Laurindo Lietha, Sara Luzon, Anna MacIverEk, Tabea Marfurt, Elise Matter, Filippo Medolago, Patrick Meier, Michael Metzger, Ursula Müller, Dimitri Murbach, Noemi Ott, Tobias Notz, Simon Nussbaumer, Marco Odermatt, Magdalena Osiniak, Severin Oswald, Ekin Özdil, Ferdinand Pappenheim, Laura Pastior, Reto Pedrocchi, Martin Peikert, Luca Pessina, Jules Petit, Katrin Pfäffli, Thomas Pfluger, Ben Pohl, Hosna Pourhashemi, Gabriela Projer, Walter Reinhard, Sven Ricman, Manuela Ronchetti, Katja Roser, Wolfgang Rossbauer, Melanie Rudin, Sabina Ruff, Monique Santner, Konrad Scheffer, Ragnar Scherrer, Annick Schirmer, André Schmid, Martin Schmid, Regula Schneider, Claudia Scholz, Alexander Schüch, Benjamin Schütz, Martin Schwager, Seraina Schwizer, Thomas Seiler, Jaehee Shin, Markus Siemienik, Jannis Simon, Sarah Sobeck-Schlossbauer, Frederich Steenkamp, Urs Steiger, Katrin Steinmann, Robert Surbeck, Oliver Taferner, Benjamin Theiler, Leonie Trienen, Mischa Trnka, Denise Ulrich, Stefan van Velsen, Jean-Luc von Aarburg, Monika Walther, Andreas Weiz, Silvan Wichert, Liliana Wild, Luisa Wittgen, Franziska Zibell, Marc Zicklam, Marlis Zwinggi
Alle zwei Jahre trifft sich die Szene, um aktuelle und brennende Fragen rund um den Planungswettbewerb zu erörtern: Der Kongress, veranstaltet von der Stiftung Forschung Planungswettbewerbe und vom Verlag Hochparterre, richtet sich an alle, die an Wettbewerben teilnehmen, aber auch an diejenigen, die sie ausloben, organisieren und jurieren. Geleitet wird der Anlass von Almut Fauser, der Geschäftsführerin der Stiftung, sowie von Ivo Bösch und Ekin Özdil, Redaktion ‹ Hochparterre Wettbewerbe ›. Im September 2025 ging das Wettbewerbslabor in die zweite Runde. In einer ehemaligen In dustriehalle in Zürich-Oerlikon stellten fünf Laborgruppen ihre Themen vor, die sie bereits im Vorfeld erarbeitet hatten: Phase 0 als entscheidender Hebel für Qualität, Fachplanung als essenzieller Beitrag statt blosse Pflichtübung, die Rolle des Dialogs im Wettbewerb, die Zusammensetzung von Jurys – und das Format Wett b ewerb auf dem Prüfstand. Rund 170 Fachleute verfolgten die Debatten und diskutierten engagiert mit. Dieses Heft versammelt die Erkenntnisse aus dem Wettbewerbslabor 2025.
by Stiftung Forschung Planungswettbewerbe
Sie lesen lieber auf Papier? Dieses Themenheft hier bestellen.
Lust auf mehr Architektur, Planung und Design? Hochparterre abonnieren!