Jesus hat den Tod besiegt und ewiges Leben gebracht. Wir sind Herolde dieser guten Nachricht. 2. Tim 1,10-11
70. Jahrgang
Nr. 3 (831) März 2026 erscheint monatlich VK 7716
Foto: Faruk Tokluoğlu Produktivität (Ein Merkmal für geistliches Leben?)
Vorwort 3
Wie das Evangelium unser Verständnis von Produktivität prägt 4
Von Boris Giesbrecht
Arbeit,Beruf,Berufung 10
Von Jan Brechlin
Zehn Prinzipien für mehr Produktivität 17 im Alltag
Von John Piper
Als Christ leben (Galater 5,16–26) 22
Teil 9 der Galaterreihe
Von Benjamin Schmidt
HEROLD ist eine monatliche Zeitschrift für geistliche Erneuerung, die allein von ihren Lesern finanziert wird. Bezug (jährlich): 20,- € (D/A), bzw. 25,– sfr (CH).
Redaktion: Benjamin Schmidt und Andreas Münch · redaktion@herold-mission.com Lektorat: Deborah von Haeften Telefonisch erreichbar unter +49 (0) 6473 - 931 076 Mo, Mi, Fr von 9-12und von 13-16 Uhr Oder über unsere Homepage unter www.herold-mission.com.
Lieber Heroldleser, kaum ein Thema ist heutzutage so wichtig wie das Thema „Produktivität“. Weil unsere Zeit so begrenzt ist und wir gleichzeitig so viele Optionen und Aufgaben haben, versuchen wir, so viel wie möglich im verfügbaren Zeitrahmen zu erledigen. Johann Hari schreibt in seinem Buch Abgelenkt: „Der durchschnittliche Büroangestellte verbringt heute 40 Prozent seiner Arbeitszeit in dem Irrglauben, dass er Multitasking betreibt (mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen könne) – was bedeutet, dass er all diese Kosten für seine Aufmerksamkeit und Konzentration auf sich nimmt.“1 Wir wollen mehr tun und sind unzufrieden, wenn nichts Gutes dabei herauskommt. Kein Wunder, dass von den ca. 1,8 Mio. Büchern, die im Jahr 2025 veröffentlich wurden2, fast 250.000 (ca. 15%) die Themenbereiche „Zeitmanagement“ und „Produktivitätssteigerung“ behandeln.3 Die Menschen sehnen sich nach Lebensoptimierung.
Ein Bestseller, Die 1%-Methode von James Clear, bietet einige relativ einfache und intelligente Strategien, um schlechte Gewohnheiten durch gute zu ersetzen. Es enthält gute und empfehlenswerte Ratschläge. Aber reicht das aus? Können wir
1 Johann Hari: Abgelenkt, (Riva), S. 46.
Oder wie steht es um unser wichtigstes Buch die Bibel? Wie sehr beeinflusst sie unser Leben? Und wie zufrieden sind wir mit den Resultaten? Welche Rolle spielen sichtbare Resultate im geistlichen Leben überhaupt? Und was gilt in Gottes Augen als produktiv oder erfolgreich? Denken wir nur an Jesu Gleichnis mit den Talenten aus Matthäus 25.
Solchen und ähnlichen Fragen möchten wir uns in dieser HeroldAusgabe stellen.
Wir hoffen, zumindest in einem Punkt „erfolgreich“ zu sein: dass durch die Artikel deutlich wird, wie herrlich und zufriedenstellend Gott ist – dessen Weisheit mehr als optimal und dessen Gnade weit mehr als nur produktiv ist, dessen Pläne immer zu 100% die gewollten Resultate bringen.
Im Vertrauen auf diesen wunderbaren Gott, Benjamin Schmidt
3 https://www.thetimes.com/business/article/acclaimed-business-authors-reveal-whats-hot-in-world-of-books-t0nwpb7th unser Leben tatsächlich durch solche Ratgeber optimieren, unser Verhalten und unsere Arbeit verbessern, sodass wir selbst zufriedener und für andere hilfreicher werden?
WiedasEvangelium
unserVerständnisvon Produktivitätprägt
Von Boris Giesbrecht
WSchöpfung: Produktivität als Auftrag der individuellen Berufung
In den ersten beiden Kapiteln der Bibel sehen wir Gottes ursprüngliches Design für Produktivität. Gott selbst arbeitete sechs Tage und ruhte am siebten – nicht aus Erschöpfung, sondern aus Freude über das Vollbrachte (1Mo 2,2-3).
ie sollen Christen Produktivität vom Evangelium her verstehen? Wenn wir bedenken, dass wir unterschiedlich geschaffen sind, stellen wir fest: Der eine ist von Natur aus diszipliniert, der andere spontan; der eine strukturiert, der andere kreativ-chaotisch. Kann eine christliche Produktivität die besondere Situation des Einzelnen berücksichtigen? Hier kann die große Erzählung der Bibel helfen: Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Neuschöpfung. Dieser Artikel soll aufzeigen, dass wahrhaft christliche Produktivität weniger mit Effizienz zu tun hat als mit Berufung und weniger mit Selbstoptimierung als mit Gnade.
Der Mensch, als Ebenbild Gottes geschaffen, wurde in diesen Rhythmus hineingestellt: „Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ (1Mo 2,15). Produktivität ist somit keine menschliche Erfindung, sondern Teil des ursprünglichen Schöpfungsauftrags. Wir sind geschaffen, um kreativ und gestaltend tätig zu sein – nicht als Selbstzweck, sondern als Ausdruck unserer Gottesebenbildlichkeit.
Schon in der Schöpfung sehen wir dabei erstaunliche Vielfalt: Verschiedene Tierarten, Pflanzen, Landschaften. Diese Vielfalt setzt sich in der Menschheit fort. Gott schuf uns mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Temperamenten und Begabungen. Einige von uns sind natürliche Planer, andere spontane Improvisatoren und wieder andere arbeiten gerne in Strukturen. Es gibt keine „einheitlich
produktive“ Persönlichkeit. Der disziplinierte Typ ist nicht gottgefälliger als der kreativ-chaotische. Beide spiegeln Aspekte Gottes wider. Der eine zeigt Gottes Ordnung und Voraussicht, der andere Gottes Kreativität und Spontaneität. Und noch etwas lehrt uns der Schöpfungsbericht: Der Mensch ist als Geschöpf begrenzt – und das nicht erst seit dem Sündenfall. Gott schuf den Tag für Arbeit und die Nacht für Ruhe. Diese Rhythmen sind gnädig: Sie erkennen an, dass unsere Energie begrenzt ist, dass wir Pausen brauchen, dass Produktivität in Zyklen verläuft. Das ist eine wichtige Anfrage an unser Denken. Ein verbreitetes Ideal ist die „Work-Life-Balance“1. Doch biblisch betrachtet geht es weniger um statische Balance als um dynamische Rhythmen – wie bei Ebbe und Flut, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe. Es geht nicht darum, jeden Tag perfekt ausbalanciert zu sein, sondern darum, in den von Gott gegebenen Rhythmen zu leben. Manchmal bedeutet Produktivität intensives Arbeiten, manchmal bewusstes Ruhen. Denn der geschaffene Mensch braucht Erholung aufgrund seiner Begrenztheit. Die eigene persönliche Begrenztheit
z.B. aufgrund der besonderen Familiensituation und/oder Krankheit, kann zwar von manchen als Ausrede verwendet werden, ist aber leider häufiger Ursache für ein unnötiges schlechtes Gewissen. Denn im Garten Eden wurde dem Menschen Verantwortung übertragen – nicht totale Kontrolle. Er sollte den Garten „bebauen und bewahren“. Diese Haltung der Verwaltung ist grundlegend für christliche Produktivität: Wir verwalten, was Gott uns anvertraut hat – Zeit, Talente, Ressourcen –, aber wir kontrollieren nicht alles. Dies befreit uns vom Perfektionismus und von der Illusion, alles im Griff haben zu müssen. Aus der Schöpfung lernen wir: Gottes Maßstab ist nicht Effizienz, sondern treue Verwaltung.
Sündenfall: Produktivität unter dem vielfältigen Einfluss der Sünde
Mit dem Sündenfall kam der Fluch über die Arbeit: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang“ (1Mo 3,17). Arbeit wurde mühsam, frustrierend, oft undankbar. Die ursprüngliche Freude an kreativem Schaffen wurde verdorben.
1 Die Work-Life-Balance bezeichnet ein harmonisches Gleichgewicht aus Berufs- und Privatleben.
Bild: Izuddin Helmi Adnan
Dieser Fluch erklärt, warum Produktivität heute so schwierig ist –selbst mit den besten Tools und Techniken. Wir kämpfen gegen innere und äußere Widerstände: Prokrastination2, Ablenkungen, unerwartete Unterbrechungen, Energieverlust. Für Menschen, die ohnehin nicht zur disziplinierten Selbststrukturierung neigen, kann dieser Kampf besonders entmutigend sein.
Der Sündenfall verdirbt nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Denken über Produktivität.
Zwei extreme Irrtümer entstehen:
• Leistungsdenken: Wir versuchen, durch Produktivität unseren Wert zu beweisen – vor Gott, vor anderen, vor uns selbst. Produktivität wird zur Ersatzreligion, bei der wir durch gute Werke gerechtfertigt werden wollen.
• Passivität: Weil alles mühsam und letztlich sinnlos erscheint, geben wir uns der Untätigkeit hin. Dies ist die Haltung des „Faulen“ in den Sprüchen, der sich vor der Mühsal drückt.
Beide Haltungen sind gefallene Antworten auf den Sündenfall. Die eine überkompensiert, die andere kapituliert.
„viel schaffen“, und verachten die, die „langsam“ oder „ineffizient“ sind. Doch biblisch betrachtet ist Effizienz nicht der höchste Wert. Oft in der Bibel wählt Gott den „ineffizienten“ Weg: Er beruft den stotternden Mose, den jugendlichen David, die unscheinbare Maria. Jesus verbrachte viel Zeit „ineffizient“ – mit Kindern, mit Ausgestoßenen, im Gebet.
Das Nachdenken über den Sündenfall hinterfragt unser Denken über Produktivität: Gott misst nicht an Output, sondern an Treue. Manchmal ist das „Produktivste“, was wir tun können, genau das, was ineffizient erscheint: einem Trauernden zuzuhören, zu beten, einfach da zu sein.
Im gefallenen Zustand neigen wir dazu, Effizienz und Output zu vergötzen. Wir bewundern die, die
Der Sündenfall nährt die Illusion, wir könnten unser Leben vollständig kontrollieren – wenn wir nur die richtigen Systeme hätten. Doch die Bibel erinnert uns:
Ihr sollt nicht sagen: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort bleiben und Handel treiben und Gewinn machen – und doch wisst ihr nicht, was morgen sein wird. (Jak 4,13-14)
Echte christliche Produktivität lebt mit der Spannung zwischen
2 Prokrastination ist das krankhafte Aufschieben von Aufgaben trotz negativer Konsequenzen, oft aus Perfektionismus oder Angst vor Versagen.
verantwortlicher Planung und demütiger Abhängigkeit von Gottes souveräner Führung.
Der Sündenfall warnt uns: Produktivität kann zum Götzen werden, der unsere Abhängigkeit verdeckt.
Erlösung: Produktivität durch die Identität in Christus und in der Kraft des Geistes
Das Herzstück des Evangeliums ist: Wir werden durch Gnade gerettet, nicht durch Werke (vgl. Eph 2,8–9).
Diese Wahrheit revolutioniert unser Produktivitätsverständnis: Unsere Identität und unser Wert hängen nicht davon ab, wie viel wir schaffen. Wir sind geliebt und angenommen als Kinder Gottes durch den stellvertretenden Tod seines Sohnes Jesus Christus – und eben nicht wegen unserer Produktivität, sondern trotz unserer Unproduktivität.
gen. Und zum Prokrastinierer: Du darfst arbeiten aus Dankbarkeit, nicht aus Pflicht.
Im Evangelium entdecken wir unsere Berufung: nicht zu größerer Effizienz, sondern zu größerer Christusähnlichkeit. Produktivität wird zum Mittel, nicht zum Zweck. Sie dient unserer Berufung – und diese ist bei jedem unterschiedlich.
IM EVANGELIUM
ENTDECKEN WIR
UNSERE BERUFUNG:
NICHT ZU GRÖSSERER
EFFIZIENZ, SONDERN ZU GRÖSSERER
CHRISTUSÄHNLICHKEIT.
Für den disziplinierten Typ mag dies bedeuten, seine Gabe der Struktur zum Aufbau von Gemeinschaft einzusetzen. Für den kreativ-chaotischen Typ mag es bedeuten, seine Spontaneität für unerwartete Gelegenheiten der Gastfreundschaft oder Kreativität zu nutzen. Beide leben ihre Berufung – nur anders.
Diese Wahrheit befreit uns von zwei Extremen:
• Der Workaholic, der durch Leistung Anerkennung sucht.
• Der Prokrastinierer, der aus Angst vor Versagen gar nicht erst anfängt.
Beide sind im gleichen Leistungsdenken gefangen. Das Evangelium sagt zum Workaholic: Du darfst aufhören, dich zu rechtferti-
Aber Achtung: Christliche Produktivität ist nicht Selbstverbesserung durch Willenskraft, sondern Wandlung durch den Heiligen Geist. „Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13).
Gerade für Menschen, denen Disziplin schwerfällt, ist dies eine hoffnungsvolle Wahrheit: Es geht nicht darum, sich selbst zu überwinden, sondern sich vom Geist führen zu lassen. Manchmal wird der Geist uns zu disziplinierter Arbeit führen, manchmal zu be-
wusster Ruhe, manchmal zu ungeplanter Unterbrechung. Echte Veränderung beginnt also nicht mit einer besseren App, sondern mit einem erneuerten Herzen.
Wie können solche vom Evangelium geprägte Gewohnheiten aussehen?
•Tägliche Erinnerung: Beginne den Tag mit der Wahrheit: Meine Identität kommt aus Christus, nicht aus meiner To-Do-Liste.
•Wochenrückblick als Gnadenübung: Nicht: „Was habe ich nicht geschafft?“ Sondern: „Wofür kann ich dankbar sein? Wo hat Gott gewirkt?“
•Pausen als Glaubensakte: Bewusste Ruhe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt des Vertrauens: Gott arbeitet, auch wenn ich ruhe.
Wir müssen nicht jeden Tag perfekt produktiv sein. An manchen Tagen ist das „Produktivste“, was wir tun können, uns zu erholen. An anderen Tagen ist es, Grenzen anzuerkennen.
Die Erlösung verkündet: Unser Wert ist Geschenk, nicht Verdienst. Wahre Produktivität fließt aus der Dankbarkeit, nicht aus dem Druck.
Arbeit aufgehoben sein wird: „Sie werden nicht umsonst arbeiten“ (Jes 65,23). Diese Hoffnung verändert unsere Perspektive:
•Wir arbeiten mit Ewigkeitsblick: Nicht alles, was irdisch effizient erscheint, hat ewigen Wert. Manchmal ist das „Unproduktivste“ im irdischen Sinn das Wertvollste im ewigen – Zeit mit einem einsamen Menschen, Gebet, geduldiges Zuhören. Für den disziplinierten Typ mag dies bedeuten, seine Effizienz bewusst „herunterzufahren“, um Raum für Beziehungen zu schaffen. Für den spontanen Typ mag es bedeuten, seine Flexibilität gezielt für „göttliche Unterbrechungen“ einzusetzen.
Neuschöpfung: Produktivität mit dem Blick auf die Ewigkeit
Unsere gegenwärtige Produktivität lebt aus der Hoffnung auf die neue Schöpfung, wo der Fluch über die
•Wir akzeptieren vorläufige Unvollkommenheit: Solange wir in dieser gefallenen Welt leben, wird Produktivität mühsam bleiben. Wir müssen nicht jede Ineffizienz bekämpfen. Manchmal ist die Gnade, mit Unvollkommenheit zu leben, größer als der Kampf um perfekte Effizienz. Die Hoffnung auf die neue Schöpfung schenkt eine gesunde Gelassenheit. Wir können loslassen: Den Druck, alles jetzt und perfekt schaffen zu müssen. Die Angst, nicht genug zu leisten. Das Streben nach menschlicher Anerkennung Unsere gegenwärtige Produktivität – wenn sie aus dem Evange-
lium fließt – ist ein Vorgeschmack auf die neue Schöpfung. Sie zeigt schon jetzt:
•Die Freude an kreativem Schaffen (wie in Eden)
•Die Erlösung von leistungsorientiertem Druck (durch das Kreuz)
•Die Hoffnung auf eine zukünftige Vollkommenheit (in der Ewigkeit)
In diesem Sinn ist jedes Werk, das aus Glauben und Liebe geschieht – ob diszipliniert oder spontan, effizient oder ineffizient – ein Zeichen des kommenden Reiches.
Die Neuschöpfung richtet unseren Blick über den täglichen Output hinaus: Produktivität erhält ihren ewigen Maßstab. Was zählt, ist, was in den Himmel überdauert.
Schluss
schöpft aus der ursprünglichen Berufung zur kreativen Gestaltung (Schöpfung), kennt die Realität von Mühsal und Selbsttäuschung (Sündenfall), wird befreit vom Zwang zur Selbstrechtfertigung (Erlösung) und arbeitet im vertrauensvollen Blick auf die vollendete Produktivität bei Gott (Neuschöpfung).
DIE ERLÖSUNG VERKÜNDET:
UNSER WERT IST GESCHENK, NICHT VERDIENST.
Und manchmal – in Gottes souveräner Weisheit – sieht das produktivste Leben genau so aus: Ein Mensch, der seine Grenzen annimmt, der in Schwachheit vertraut und der in scheinbarer Unproduktivität lernt, dass Gnade genug ist. Denn letztlich ist nicht unser Output das Entscheidende, sondern unsere Abhängigkeit von dem, der allein wahre Frucht wirken kann.
In der großen Erzählung von Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Neuschöpfung finden wir ein Verständnis von Produktivität, das tiefgründiger und befreiender ist als jeder säkulare Ratgeber: Es geht nicht darum, mehr zu schaffen, sondern treuer zu sein. Nicht darum, effizienter zu werden, sondern mehr zu lieben. Nicht darum, uns selbst zu optimieren, sondern Christus ähnlicher zu werden.
So wird christliche Produktivität zu einem Lebensrhythmus in der großen Geschichte Gottes: Sie
Bild: Privat
BORIS GIESBRECHT ist Pastor der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen und Dozent an der Akademie für Reformatorische Theologie (Gießen). Er ist verheiratet mit Maria. Gemeinsam haben sie drei Söhne.
Arbeit, Beruf, Berufung
Von Jan Brechlin
Wenn ich YouTube öffne, werde ich von Produktivität im Maximalsinn zugeballert: „Die perfekte Morgenroutine“, „Deep Work“, „der perfekte Kalender“, „Fünf Gewohnheiten zu einem produktiveren Leben“ usw. Am Ende klingt das oft so, als wäre ein Mensch erst dann ein guter Mensch, wenn sein Leben nach maximaler Effizienz aussieht. Und jedes Mal stelle ich etwas Unangenehmes fest: Das bin nicht ich! Mein Charakter ist anders. Mein Leben sieht selten „produktiv“ aus – auch dann nicht, wenn ich Dinge schaffe. Das ist mein innerer Dauerkonflikt. Ich kann Verantwortung tragen, Aufgaben erledigen, Termine einhalten, Projekte voranbringen, und trotzdem bleibt dieses nagende Gefühl: Du bist zu langsam, zu chaotisch. Du bringst zu wenig. Du bist nicht genug. Irgendwann habe ich mich gefragt, wie Gott eigentlich auf mein Leben schaut, gerade dann, wenn ich mich unproduktiv fühle. Sieht er wie ein Projektleiter auf mein Leben, der
am Ende des Tages Zahlen sehen will? Oder sieht er mich wie ein Vater an, der sein Kind kennt und nicht nur seine Leistung? Dieser Artikel ist der Versuch einer Antwort. Mir geht es nicht um die Frage nach Werksgerechtigkeit, sondern darum, wie ein „produktives“ christlich geführtes Leben aussieht. Ich will herausfinden, ob mein schlechtes Gewissen wirklich geistlich begründet ist –oder ob ich Maßstäbe übernommen habe, die Gott mir nie auferlegt hat.
Geistlich und alltäglich – eine falsche Hierarchie Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr fällt mir auf, wie selbstverständlich wir Tätigkeiten hierarchisieren. Unsere Gesellschaft tut das, indem sie „normale“ und akademische Berufe gegeneinander ausspielt. Fast alles wird auf „höher, schneller, weiter“ und auf akademische Abschlüsse getrimmt, bis sich –bewusst oder unbewusst – eine Botschaft festsetzt: Ohne Titel keinen Wert. Das sehen wir schon bei Schülern, die alle sich gezwungen sehen, Abitur zu machen. Manchmal sehe ich Ähnliches in der Gemeinde. Nicht, dass jemand hier bewusst eine Hierarchie aufbaut, aber unsere Sprache und unser Verhalten sprechen Bände: Wir sprechen von Missionaren und Pastoren als „Vollzeitliche“. Zwar nennt nie-
mand seinen Beruf eine „geistliche Teilzeit“, aber es schwingt mit.
Die Logik dahinter klingt ungefähr so: Manche Teile unseres Lebens sind geistlich und sehr wichtig für Gott, wie das Gebet, der Gottesdienst oder Aktivitäten rund um die Gemeinde. Und andere Teile unseres Lebens sind säkular, weltlich, für Gott nicht so wichtig, wie Arbeit, Schule, Uni, Sport, Vereine, Musik, Ruhe, Schlaf, Hobbies. Ich vermute, dass diese Ansicht weiter verbreitet ist, als viele es zugeben wollen.
um für Gott eine Rolle zu spielen. Mehr noch: Wir haben eine falsche Gottessicht, indem wir glauben, dass ihm nur bestimmte Bereiche unseres Lebens wichtig wären. Das ist falsch.
Mein Beruf zählt vor Gott nur dann wirklich, wenn ich dabei sichtbar „geistlich“ bin – wenn ich offen Bibel lese, ständig über das Evangelium spreche oder geistliche Momente produziere. Passiert das nicht, ist es eben Alltag. So entsteht eine Trennung: Hier „geistliche Arbeit“, dort „irdische Arbeit“. Hier „Reich-Gottes-relevant“, dort „nur nötig“. Die Folge ist selten mehr Heiligkeit, sondern vor allem ein schlechtes Gewissen: nicht genug zu sein, nichts Wertvolles für Gott zu tun, keine „Schätze im Himmel“ zu sammeln. Und wer ohnehin mit sich kämpft, wer nicht ständig sichtbare Früchte vorweisen kann, wer innerlich manchmal eher im Überlebensmodus lebt, fühlt sich schnell wie ein Christ zweiter Klasse.
Durch diese Sichtweise auf Gott und unser Leben verbauen wir uns im alltäglichen Leben viele Möglichkeiten,
Aber es muss nicht so sein. Wir sollten sauberer unterscheiden, was wir meinen, wenn wir von „Arbeit“ sprechen. Das Wort „Beruf“ kommt von „Berufung“. Und doch sind Arbeit, Beruf und Berufung nicht dasselbe. Arbeit ist Tätigkeit, Beruf ist Rolle, Berufung ist Auftrag. Wenn ich Berufung biblisch sortiere, beginnt sie nicht bei der Frage „Was ist mein Traumjob?“, sondern beim Menschsein.
Die erste Berufung der Bibel lautet: Gott als seine Ebenbilder repräsentieren. Gott hat den Menschen geschaffen, um in seiner Schöpfung Verantwortung zu tragen, sie zu gestalten, zu bebauen und zu bewahren (vgl. 1Mo 1–2). Arbeit ist dabei nicht zuerst Fluch, sondern Teil einer guten Ordnung. Gott selbst arbeitet – und er nennt sein Werk gut. Der Mensch arbeitet, weil er dem arbeitenden Gott ähnelt. Das verändert die Blickrichtung radikal: Arbeit wird nicht erst dann „geistlich“, wenn ich sie religiös etikettiere. Sie ist menschlich – und genau deshalb vor Gott nicht minderwertig.
Dann kommt die zweite Ebene: Berufung als Christusnachfolger. Ein Christ ist dazu berufen, Jesus nach-
zufolgen, den Nächsten zu lieben, treu zu sein, zu dienen, die gute Nachricht weiterzugeben. Und das nicht als fromme Show, sondern als gelebte Wirklichkeit. Das ist der Missionsauftrag. Aber er macht den Rest des Lebens, alles außerhalb dessen, nicht minderwertiger, nur weil es Momente gibt, in denen ich grade nicht meinem Kollegen das Evangelium erkläre.
Und dann gibt es die dritte Ebene: Berufung in den verschiedenen Lebensbereichen. Wir sind nicht nur „Individuen mit Gaben“, sondern Menschen in Ordnungen und Beziehungen. Wir sind Ehepartner, Eltern, Nachbarn, Kollegen, Bürger, Teil einer Stadt, einer Gemeinde usw. Die Bibel spricht konkret in diese Bereiche hinein, zeigt unsere Verantwortung in der Familie (vgl. Eph 5–6; 1Tim 5,8), im Verhältnis zum Staat (vgl. Röm 13) und für das Wohl der Gesellschaft (vgl. Jer 29,7). Berufung heißt also auch, dass ich nicht nur danach frage: „Was will ich?“, sondern „Wem gegenüber bin ich verantwortlich? Wo kann ich dem Nächsten und der Stadt dienen?“
BERUFUNG HEISST
AUCH, DASS
gaben liegen hier und jetzt vor mir?“ „Welche Türen gehen auf und welche bleiben zu?“ Diese Ebene ist enorm wichtig, aber ein schlechter Startpunkt. Denn wer hier beginnt, landet schnell bei der Selbstoptimierung oder Selbstverwirklichung. Wer hingegen bei der Gottesebenbildlichkeit, der Nachfolge und den Lebensbereichen beginnt, bekommt festen Boden unter den Füßen, weil er versteht, dass Arbeit zum Menschsein, zur Gottesebenbildlichkeit gehört. Und zwar lange vor dem Missionsbefehl.
ICH NICHT NUR
DANACH FRAGE: „WAS WILL ICH?“, SONDERN „WEM GEGENÜBER BIN ICH VERANTWORTLICH?
Mehr „Frucht“ gleich ein besserer Christ?
Erst dann kommt die vierte Ebene, die spezifische Berufung im Blick auf die Einzelperson und die Fragen: „Welche Not berührt mich?“ „Welche Auf-
Trotzdem bleibt in mir ein komisches Gefühl. Selbst wenn ich das theoretisch verstehe, schaue ich auf mein Leben und fühle mich manchmal noch minderwertig. Andere bringen mehr zustande, wirken fruchtbarer. Und genau hier stößt man auf einen zweiten Denkfehler, der tiefer sitzt als die Trennung zwischen „geistlich“ und „alltäglich“ : Wir Christen machen uns oft einer weiteren Trennung schuldig: der Trennung zwischen „geistlich“ und „materiell“, obwohl Gott beides als Einheit gestaltet hat. Wir glauben an die leibliche Auferstehung, an einen Gott, der Materie geschaffen und angenommen hat und sie nicht
im Verborgenen, im Treuen, im Gewöhnlichen zutage.
Gottes Maß von Produktivität Damit bleibt aber die Frage: Wenn Gott weder nach Titeln noch nach religiöser Sichtbarkeit misst, wie misst er dann „Produktivität“? Hier hilft uns Jesu Gleichnis von den Talenten (vgl. Mt 25,14–30): Drei Diener bekommen von ihrem Herrn unterschiedlich viele Talente (d.i. eine Währung, also etwas mit Wert). Allerdings verteilt dieser Herr seine Gaben nicht gleich, sondern gibt jedem der Diener eine unterschiedliche Menge an Talenten. Warum er das tut, bleibt offen. Aber es stimmt für mich mit dem richtigen Leben überein: Wir werden nicht alle mit denselben Karten auf der Hand geboren.
verachtet – und trotzdem gibt es in unseren Köpfen manchmal die Vorstellung, als wäre das Körperliche nur eine Kulisse, und das „Eigentliche“ die geistliche Praxis darin. Ja, die Bibel warnt sehr deutlich vor Weltlichkeit und Götzendienst, vor dem Sich-Verlieren im Vergänglichen (vgl. 1Joh 2,15–17). Aber das ist etwas anderes als die Behauptung, Gebet sei automatisch höherwertig als der Berufsalltag, oder Bibellesen sei relevanter fürs Reich Gottes als ehrliche, verantwortliche, dienende Arbeit. Diese Trennung wird spätestens dann fragwürdig, wenn wir auf Jesu Leben schauen. Sein öffentliches Wirken, wo er Gottes Reich verkündigte und die Kraft des Reiches offenbarte, begann erst in den letzten drei Jahren seines Lebens. Sollten die Jahrzehnten davor völlig wertlos gewesen sein? Das Reich Gottes begann mit Jesu Geburt, mit seiner Menschwerdung. Seine leibliche Präsenz in dieser Welt, sein Lernen, Wachsen, Arbeiten und auch sein Dienst als Zimmermann – all das hatte Wert. Oder sollte ein Großteil seines irdischen Lebens etwa wirklich in die Kategorie „geistlich unbedeutend“ fallen? Das kann nicht sein. Jesus hat nicht erst durch seine Wundertaten und Predigten gezeigt, wie Gott ist, sondern auch in der Werkstatt. Das Reich Gottes offenbart sich nicht nur in Wundern, sondern tritt auch
Als der Herr nach längerer Zeit wiederkommt und danach fragt, was diese Diener aus den ihnen anvertrauten Talenten gemacht haben, zeigt sich: Zwei Diener haben sie vermehrt, einer hat sie vergraben. Die Lektion ist simpel: Verwalten heißt nicht nur bewahren, sondern vermehren, einen Nutzen daraus ziehen, es fruchtbar machen. Aber nicht als Selbstzweck und nicht zur Selbstdarstellung, sondern damit etwas wächst, was dem Haus und dem Auftrag des Herrn dient. Und Jesus sagt uns auch genau, welcher Maßstab hier entscheidend ist: die Treue
im Umgang mit dem, was anvertraut wurde, nicht das Tempo oder das Resultat: „Recht so, du guter und treuer Knecht …“ (Mt 25,21+23).
Dieses Gleichnis nimmt mir viel Druck, weil es zeigt, dass wir alle unterschiedliche Voraussetzungen haben. Gleichzeitig fordert es mich aber auch heraus, weil es mir sagt, dass das, was Gott mir anvertraut hat, nicht zum Lagern da ist. Ich soll es „nutzen“; es soll dem Nächsten nützen, dem Gemeinwohl dienen, Ordnung schaffen, schützen, heilen, bewahren, aufbauen. Das holt den ursprünglichen Auftrag aus dem Garten Eden zurück in unseren Alltag – und es ist zugleich das, was Jesus in seinem verborgenen Leben getan hat, lange bevor er öffentlich predigte und Wunder wirkte. Ein Detail finde ich dabei besonders passend: „Ökonomie“, ein Begriff aus der Wirtschaft, kommt vom griechischen „oikos“, dem „Haus“ und von „Verwaltung“. Verwalten ist Hauswirtschaft im großen Sinn. Der Herr hat ein Haus, eine Welt, ein Reich, und er setzt Menschen ein, die in diesem Haus verantwortlich handeln. Das verschiebt den Fokus weg vom Produktivitäts-Perfektionismus hin zur Frage: Bin ich ein treuer Verwalter in Gottes Haus?
Was mache ich nun damit, ganz praktisch? Ich brauche eine neue Sicht auf Arbeit. Ja, ich arbeite auch, weil ich Lohn brauche. Aber ich arbeite nicht nur für den Lohn, sondern weil Gott ein Gott ist, der an dieser Welt arbeitet. Aber ich ruhe auch, weil Gott selbst ruht. Ein Christ lebt nicht in zwei Schubladen – hier „heilig“, dort „alltäglich“ –, sondern als ganze Person aus Körper und Seele, von Montag bis Sonntag. Ob du als Pastor arbeitest oder als Straßenfeger deine Brötchen verdienst, hat vor Gott keinen unterschiedlichen Wert. Zwar sind die Aufgaben und die Sichtbarkeit verschieden, aber Gott achtet auf deine Treue und Integrität im Dienst – oft in Formen, die niemand feiert. Was aber ist mit Menschen, die gerade keiner Lohntätigkeit nachgehen – wie Hausfrauen, Arbeitslose, Schüler und Studenten, Rentner? Ganz einfach: Die allermeiste geleistete Arbeit auf diesem Planeten ist keine Lohnarbeit. Dazu gehören neben dem Haushalt auch Pflege, Kindererziehung, Ehrenamt, Nachbarschaftshilfe, das Begleiten von Kranken, Lernen und Lernbegleitung. Wenn nur Lohnarbeit vor Gott etwas zählen würde, wären Millionen Menschen „nutzlos“. Das ist nicht Gottes Ansinnen.
Bild: Emanuel Haas
Arbeit entsteht da, wo Menschen sich im Rahmen von Gottes Schöpfung anderen nützlich machen. Es schließt das Ehrenamt ein, die Haushaltsarbeit, die Pflege und das Lernen. Es schließt auch Zeiten ein, in denen jemand keinen Job hat und trotzdem nicht ohne Auftrag ist. Das Problem ist nicht, dass jemand keinen Lohn bekommt. Problematisch ist es, wenn man sich grundsätzlich aus Verantwortungen verabschiedet – vor allem, wenn ein falsches Gottesbild dahinter steht.
WAS ICH SONNTAGS HÖRE, IST NICHT NUR
Hier treffen zwei weitere Dinge zusammen, die wir Christen gern voneinander trennen: geistliche Disziplinen und Alltagsdisziplin. Das ist aber ein Irrtum. Denn geistliche Disziplinen zeigen sich gerade im Arbeits- und Familienalltag am deutlichsten. Geduld, Selbstbeherrschung, Demut, Liebe, Wahrhaftigkeit – das sind keine reinen Predigtbegriffe, sondern Montagstugenden. Was ich sonntags höre, ist nicht nur für die stille Zeit gedacht, sondern für die Werkbank, das Büro, die Küche, das Pflegebett, den Esstisch, das Klassenzimmer.
FÜR DIE STILLE ZEIT
GEDACHT, SONDERN FÜR DIE WERKBANK, DAS BÜRO, DIE KÜCHE, DAS PFLEGEBETT, DEN ESSTISCH, DAS KLASSENZIMMER.
habe: Produktivität nach Gottes Willen heißt, langfristig treu die Gaben Gottes zu vermehren, wobei das Tempo keine Rolle spielt. Der Maßstab ist nicht, ob mein Leben auf den ersten Blick nach Effizienz aussieht, sondern ob ich das Anvertraute nutzbar mache – zum Guten, zum Dienst, zum Segen für andere. Gott arbeitet, also arbeiten auch wir. Und weil Gott nicht nur arbeitet, sondern auch ruht, dürfen auch wir ruhen –nicht aus Faulheit, sondern aus Gottvertrauen, weil ich weiß, dass ich in dem ruhen kann, dass Christus für mich und an meiner Stelle alles vollbracht hat. Dass seine Treue und sein Werk so vollkommen sind, dass ich Anteil haben darf an seinem Reichtum (vgl. 2Kor 8,9; Jes 53,11–12).
Eine befreiende Schlussfolgerung
Genau hier formt sich am Ende meine Selbsttherapie, die ich gesucht
Das ist eine Einladung und ein Zuspruch, die falsche Hierarchie von „geistlich“ und „alltäglich“ zu beenden, die mich oft antreibt oder meist lähmt. Ich darf wissen, dass Gott mich nicht nach meinem Tempo beurteilt, sondern nach Treue. Und ja: Durch meine Arbeit sammle ich auch Schätze im Himmel. Nicht weil Arbeit mich rettet, sondern weil Gott treuen Dienst im Alltag belohnt und nichts vergisst, was im Gehorsam und im Geheimen geschieht.
Das Reich Gottes wächst nicht nur durch Predigt und Gebet, es wächst durch Treue in der Arbeit und im Alltag. Vielleicht sieht mein Leben selten produktiv aus. Vielleicht ist es nicht „maximal“. Aber eins hoffe ich: Das Gott über mich sagen wird „Gut gemacht mein treuer Diener!“
JAN BRECHLIN ist sowohl ausgebildeter Theologe als auch gelernter Schreiner. Aktuell arbeitet er hauptberuflich in seinem Handwerk und engagiert sich daneben als Prediger und Evangelist. Bild: Privat
„UNSERE BERUFUNG BESTEHT NICHT PRIMÄR AUS BESONDEREN AUFGABEN FÜR GOTT, SONDERN AUS DER BEZIEHUNG ZU GOTT.“ (OS GUINNESS)
Zum Thema Berufung empfehlen wir das gleichnamige Buch Berufung von Os Guinness. (Mit Studienführer.)
Tim Keller schrieb über dieses Buch:
In der modernen christlichen Literatur gibt es kein vergleichbares Werk, das es mit Os Guinness’ Berufung aufnehmen könnte. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.
John Piper zählt zweifellos zu den produktivsten Predigern unserer Zeit. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht und ist auch im Ruhestand weiterhin aktiv – sei es durch das Halten von Predigten und Vorträgen oder als Autor. Vor einigen Jahren wurde er nach Ratschlägen für eine höhere persönliche Produktivität gefragt. Welche Methoden nutzt er, und wie gestaltet er seinen Tagesablauf? Im Folgenden findest du Pipers zehn Prinzipien für mehr Produktivität im Alltag.
1. Vergleiche dich nicht mit anderen
Menschen werden, der Gott in den Mittelpunkt seines Lebens stellt, Christus verherrlicht, Gottes Wort liebt, anderen demütig dient, die Weltmission fördert und der Gerechtigkeit nachjagt?
Der erste Schritt auf diesem Weg ist klar: Vergleiche dich nicht mit anderen. Nimm stattdessen Christus selbst zum Maßstab. Dieser Punkt scheint mir der wichtigste zu sein.
2. Fokussiere dich auf große Ziele
Hüte dich davor, so sein zu wollen wie ich (oder wie irgendjemand sonst). Du kennst meine persönlichen Versuchungen und Sünden nicht. Du weißt nicht, in welchen Bereichen ich nachlässig war und welchen Preis ich dafür gezahlt habe. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie kannst du zu einem
Verwende nur etwa zehn Prozent deiner Zeit darauf, Störungen zu minimieren, und investiere die übrigen 90 Prozent in das entschlossene Verfolgen großer Ziele. Nur wenige Menschen werden tatsächlich dadurch produktiv, dass sie sich mit der Vermeidung von Ablenkungen beschäftigen. Dieses Vorgehen greift zu kurz; es nützt wenig und fördert weder die Motivation noch die Kreativität.
Jedes Jahr werden unzählige Bücher über „Lebensoptimierung“ geschrieben, und es wird viel Geld damit verdient – doch nur selten entsteht daraus etwas wirklich Substanzielles. Bedeutende Dinge gelingen uns dann, wenn uns große und herrliche Ziele faszinieren und unsere ganze Kraft mobilisieren.
Deshalb solltest du dich durchaus fragen, was deine Produktivität
behindert. Aber diese Analyse sollte nicht mehr als zehn Prozent deiner Zeit in Anspruch nehmen.
3. Berücksichtige deine
aktuelle Lebenssituation
Unsere Lebenssituationen unterscheiden sich stark. Wenn du zum Beispiel verheiratet bist und kleine Kinder hast, steht dieser Lebensabschnitt ganz im Zeichen deiner Familie. Wenn Gott es will, wirst du später andere Phasen des Lebens mit neuen Möglichkeiten und veränderten Prioritäten erleben. Dein Herr aber möchte, dass du dich auf deine gegenwärtige Situation konzentrierst und dich mit ganzer Kraft den aktuellen Herausforderungen stellst.
4. Finde dein Lebensziel
Denke ernsthaft darüber nach und bete darum, welches dein großes, alles bestimmendes Lebensziel ist. Die biblische Formulierung meines eigenen Lebensziels findet sich in Philipper 1,20–21. Ich habe mir die Worte des Apostels Paulus zu eigen gemacht:
mir geschieht, ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe. Denn der Inhalt meines Lebens ist Christus, und deshalb ist Sterben für mich ein Gewinn. (Phil 1,20–21)
Mein großes, alles umfassendes Ziel ist es, Christus im Leben wie im Sterben zu verherrlichen und in anderen Menschen eine Leidenschaft für Christus zu wecken. Finde dein Ziel – und wende es auf alle Bereiche deines Lebens an.
Ja, es ist meine sehnliche Erwartung und meine feste Hoffnung, dass ich in keiner Hinsicht beschämt und enttäuscht dastehen werde, sondern dass ich – wie es bisher immer der Fall war – auch jetzt mit ganzer Zuversicht auftreten kann und dass die Größe Christi bei allem sichtbar wird, was mit
5. Bedenke, dass du Rechenschaft ablegen musst Sei tief im Evangelium verwurzelt und sei dir immer bewusst, dass du dich vor dem lebendigen Gott verantworten musst. Verstehe das Evangelium und die geistliche Wahrheit, die ihm zugrunde liegt. Du musst nichts tun, um mit Gott ins Reine zu kommen – so funktioniert das Evangelium nicht. Vielmehr arbeitest du mit ganzer Kraft von morgens bis abends, weil deine Beziehung zu Gott bereits geklärt ist:
Bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen. (Phil 2,12–13)
Auf diese Art und Weise entfaltet sich das Evangelium. Paulus beschreibt die geistliche Wahrheit des Evangeliums so:
Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade mir gegenüber ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist. (1Kor 15,10)
Die Gnade Gottes war also bereits in Paulus wirksam und handelte durch ihn. Vertauschst du jedoch diese Reihenfolge, kannst du im Leben zwar viel erreichen, wirst mit all deinen Errungenschaften letztlich aber verloren gehen.
Auch das Gleichnis Jesu von den anvertrauten Talenten sollte dein Verantwortungsbewusstsein schärfen (vgl. Mt 25,14–30).
Der Herr gab einem Knecht fünf Talente, einem zweiten zwei und einem dritten ein Talent. Als er Rechenschaft forderte, hörte der Knecht mit dem einen Talent die erschütternden Worte: „Böser und fauler Knecht!“ (Mt 25,26).
gesetzt, um ihnen die zugemessene Speise zur rechten Zeit zu geben“ (Lk 12,42). Und weiter heißt es: „Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird!“ (Lk 12,43).
Während ich Predigten vorbereitete, Bücher schrieb oder Familienandachten machte, dachte ich häufig: „Wenn du jetzt kommst, Herr Jesus, wirst du mich bei der Arbeit finden.“ Das ist das genaue Gegenteil des bösen und faulen Knechtes, der die Talente seines Herrn vergrub und ungenutzt ließ.
Diese Worte möchte ich eines Tages nicht hören müssen.
Stattdessen sehne ich mich nach dem Urteil, das in Lukas 12,42 beschrieben wird: „Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Dienerschaft setzen wird?“ Als ich Pastor war, habe ich oft über diese Worte nachgedacht. Ich war „über seine Dienerschaft
6. Sei dir der Dringlichkeit bewusst Zusätzlich zu deiner Verantwortung vor Gott solltest du ein Gespür für Dringlichkeit entwickeln: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ (Joh 9,4).
Oder Epheser 5,15–16: „Seht nun genau zu, wie ihr wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise! Kauft die rechte Zeit aus! Denn die Tage sind böse.“ Ähnlich Kolosser 4,5: „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind, kauft die rechte Zeit aus!“ Unsere Angelegen-
Bild: Tim Wildsmith
heit ist dringend. Die Tage sind böse und die Nacht kommt.
7. Kämpfe gegen jede Halbherzigkeit an Tue alles, was du tust, mit ganzem Herzen. Brich mit jeder Form von Halbherzigkeit. Viele Menschen schleppen sich durchs Leben und erledigen ihre Aufgaben nur mit halber Kraft und halber Hingabe. Doch was es wert ist, getan zu werden, ist es wert, mit voller Kraft getan zu werden. „Alles, was deine Hand zu tun vorfindet, das tue mit deiner ganzen Kraft!“ (Pred 9,10 – SCHL).
Von den „Entschlüssen“ (Resolutions) Jonathan Edwards’ hat in den vergangenen dreißig Jahren einer mehr Einfluss auf mich ausgeübt als alle anderen. Er lautet: „Ich bin entschlossen, mit aller Kraft zu leben, solange ich lebe.“ Diese Worte haben mich über lange Zeit hinweg begleitet und tief geprägt.
denn wir lassen uns schnell entmutigen, wenn der Baum selbst nach tausend Schlägen immer noch steht.
Vor Kurzem habe ich Robinson Crusoe als Hörbuch gehört. Vielleicht fragst du dich: „Warum um alles in der Welt hört sich ein Pastor wie John Piper einen Jugendroman an?“ Nun, ich habe viele dieser Klassiker bisher nicht gelesen und hole das jetzt nach.
Robinson Crusoe strandet allein auf einer Insel. Er will von dort weg und braucht dafür ein Boot. Das Festland ist 45 Meilen entfernt, außerdem leben dort Kannibalen. Er weiß nicht, was ihn erwartet – aber er weiß, er braucht ein Boot. Es gibt Bäume und er hat eine Axt; also beginnt er zu bauen.
Bedenke aber auch das Gegenteil: Die Bezeichnung „der Faule“ kommt im Buch der Sprüche vierzehnmal vor. Ein grässliches Wort! Aber was genau ist ein Fauler? In Sprüche 20,4 heißt es: „Im Winter pflügt der Faule nicht; sucht er zur Erntezeit, dann ist nichts da.“
8. Bleib dran!
Viele Axthiebe fällen einen großen Baum. Das ist wichtig zu bedenken,
Es dauert 22 Tage, bis der Baum fällt, weitere 14 Tage braucht er, um die Äste abzuschlagen, und eineinhalb Jahre, um das Boot fertigzustellen – und das alles mit nichts als einer Axt.
Ich selbst habe einmal ein oder zwei Tage lang auf einen Baum eingeschlagen und gedacht: „Dieser Baum wird niemals umfallen. Ich suche mir einen kleineren.“
Viele Axthiebe fällen einen großen Baum. Arbeitest du an etwas Großem? Dann bleib dran.
9. Erledige auch schwere
Aufgaben mit Freude
Sei bereit, viele Dinge im Leben mit Freude zu tun, auch wenn sie dir im ersten Moment nicht leichtfallen oder du sie nicht gerne tust. Jede wertvolle Aufgabe im Leben bringt mit sich, dass man Dinge tun muss, die einem nicht leichtfallen. Lerne deshalb, auch an den Aspekten deines Lebens Freude zu finden, die dir im ersten Moment nicht gefallen.
Und zuletzt: Finde deinen Platz –das heißt, tue das, was du liebst. Setze all deine Energie und Leidenschaft ein – mit all deinen Stärken und Schwächen – und tu es um Christi willen und für sein Reich.
JOHN PIPER war über 30 Jahre Pastor, ist christlicher Autor und Konferenzredner. Seine Haupttätigkeit liegt derzeit im missionarischen Dienst des Netzwerks Desiring God (Sehnsucht nach Gott).
Kostenlos, aber kostbar:
Der Flyer „Streben nach Freude“ (Nr. 737) behandelt ein ungewöhnliches, aber wichtiges Thema: Gott fordert uns auf, glücklich zu sein! John Piper zeigt darin, wie diese scheinbar seltsame Aufforderung umgesetzt werden kann, und wie wir durch Jesus Christus wahres Glück und tiefe Zufriedenheit in Gott finden können.
Die 54-seitige Broschüre „Heiligung im Alltag“ (Nr. 159) enthält drei Predigten, die anschaulich erklären, welche Auswirkungen der Tod Jesu im Alltag eines Christen hat und wie er das tägliche Leben prägt.
Bild: DesiringGod
Zum Thema Heiligung ist die 24-seitige Broschüre „John Owen – der Christ im Kampf gegen die Sünde“ (Nr. 167) von Nils Fastenrath ebenfalls eine große seelsorgerliche Hilfe.
Teil 9 der Galaterreihe
Als
Christ leben
(Galater 5,16–26)
Von Benjamin Schmidt
Nachdem Paulus die Galater eindringlich dazu aufgerufen hat, „in der Freiheit festzustehen“, die Christus teuer für uns erkauft hat, wendet er sich nun der Frage zu, wie wir konkret in dieser Freiheit als Christen leben sollen.
So sehr Paulus auch Wert darauf legt, zu betonen, dass wir allein aus Gnade, allein durch den Glauben und allein in Christus gerechtfertigt sind (vgl. Gal 3,5–14), so sehr betont er jetzt, dass dieser Glaube nicht allein bleibt. Er ist ein lebendiger Glaube, der Frucht hervorbringt: Heiligkeit und Gerechtigkeit (vgl. Jak 2,17-22).
Gottes Ziel ist es nicht nur, Sündern ihre Schuld zu vergeben, sondern er hat sie „auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichzugestalten, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29).
Vor diesem Hintergrund entfaltet Paulus in Galater 5,16–26, was es heißt, als Christ zu leben. Er nennt uns dabei drei wichtige Prinzipien.
1. Christliche Freiheit gründet allein im Evangelium
Die Gläubigen in Galatien befanden sich in einer großen Krise, nachdem Kritiker behauptet hatten, die Rechtfertigungslehre des Paulus führe zwangsläufig zu einem zügellosen Leben. Ihrer Ansicht nach reichte der Glaube an Christus nicht aus; wahre Rettung setze zusätzlich die Einhaltung bestimmter religiöser Vorschriften voraus (vgl. Apg 15,1). Damit stellten sie letztlich das Evangelium selbst infrage.
Die Folgen dieser Gesetzlichkeit wurden deutlich sichtbar. Weil das Evangelium verdrängt wurde, wuchs nicht Heiligkeit, sondern Streit. In der Gemeinde herrschten Misstrauen, gegenseitige Vorwürfe und lieblose Auseinandersetzungen (vgl. Gal 4,15–16; 5,15).
Deshalb muss Paulus die Galater erinnern: Christus hat uns zur Freiheit berufen. Aber diese Freiheit ist kein Freibrief für das Fleisch. Sie ist eine Freiheit zu etwas – nämlich „einander in Liebe zu dienen“. Paulus sagt nicht einfach nur „liebt einander“, und auch nicht: „dient einander“. Er möchte vielmehr, dass durch unseren liebevollen Umgang
miteinander sichtbar wird, wie sehr Gott uns verändert hat. Die Freiheit des Christen besteht also nicht nur darin, das Gute zu tun, sondern es in der Verantwortung gegenüber seinem Nächsten zu tun.
2. Christliches Leben ist Leben aus dem Geist
allen Völkern Anteil an dem Segen, den Gott Abraham zugesagt hatte; aufgrund des Glaubens erhalten wir den Geist, den Gott versprochen hat. (Gal 3,2+14 – NGÜ)
Die Grundlage für dieses neue Leben nennt Paulus uns in Vers 16: „Ich sage also: Wandelt im Geist.“ Die NGÜ fasst es gut zusammen, wenn sie übersetzt: „Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen.“ Damit verlagert Paulus den Schwerpunkt weg vom äußeren Tun hin zu dem, was uns innerlich antreibt. Es geht nicht um Selbstdisziplin oder religiösen Ehrgeiz, sondern um den Heiligen Geist, der im Herzen des Gläubigen wohnt.
DIE FREIHEIT DES
CHRISTEN BESTEHT
NICHT NUR DARIN, DAS GUTE ZU TUN, SONDERN ES IN DER VERANTWORTUNG
Der Gläubige erhält den Heiligen Geist nicht durch Werke, sondern durch den Glauben. Er ist also keine Belohnung, sondern ein Geschenk und der Verursacher des Glaubens und des Gehorsams. Diese Verheißung, dass Gott sich uns selbst schenkt, ist so bedeutsam und ein so zentraler Segen des Neuen Bundes, dass wir sie mehrfach bei den Propheten finden:
GEGENÜBER SEINEM
NÄCHSTEN ZU TUN.
Schon zuvor hatte Paulus deutlich gemacht, dass der Heilige Geist das zentrale Geschenk des Neuen Bundes ist:
Habt ihr den Geist Gottes bekommen, weil ihr die Vorschriften des Gesetzes befolgt habt, oder weil ihr der Botschaft, die euch verkündet wurde, Glauben geschenkt habt? […] Durch Jesus Christus bekommen jetzt also Menschen aus
Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben […] und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt. (Hes 36,26–27)
Gott schreibt sein Gesetz nicht mehr nur auf steinerne Tafeln, sondern in die Herzen seines Volkes (vgl. Hebr 8,8–12). Der Christ gehorcht Gott nicht, um gerecht zu werden, sondern weil er in Christus gerechtfertigt ist. Indem Gott seinen Geist in unsere Herzen ausgegossen hat, wurde Gottes Wille Teil unseres Willens und seinen Willen zu befolgen für uns ein inneres Prinzip (vgl. Röm 5,5).
3. Christliches Leben bleibt ein Kampf
Paulus verschweigt aber nicht, dass dieses neue Leben im Geist einen ständigen inneren Konflikt im Christen auslöst:
Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist auf, der Geist aber gegen das Fleisch. (V. 17)
Der Christ bleibt Sünder und Gerechter zugleich. Die sündige Natur wird bei der Wiedergeburt nicht ausgelöscht, sondern entmachtet.
Deshalb ist das christliche Leben kein triumphaler Siegeszug, sondern ein täglicher Kampf – auch wenn wir wissen, dass wir dem sicheren Sieg entgegengehen.
Die Werke des Fleisches (V. 19–21) entlarven das menschliche Herz. Sie zeigen, was geschieht, wenn der Mensch seinen Sinn und seine Hoffnung nicht in Gott, sondern in geschaffenen Dingen sucht. Die sündige Natur will genau das, was Gottes Geist und Willen entgegensteht:
Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.
Es ist auch wichtig zu beachten, dass für Paulus das Leben im Geist das Merkmal jedes Christen ist. Es gibt hier absolut nichts, was darauf hindeutet, dass einige Christen „im Geist leben“ und andere nicht. Das Neue Testament lehrt kein zweigeteiltes christliches Leben, in dem einige von Gottes Volk ein vom Geist erfülltes Leben führen und andere „fleischliche Christen“ bleiben. Für Paulus „wandeln“ alle Christen „im Geist“ und alle Nichtchristen „im Fleisch“. Deshalb sagt Paulus auch in Römer 8,14: „Denn alle, die vom Geiste Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes.“
Die hier erwähnten Sünden sind in vier grundlegende Kategorien unterteilt. 1.) Sexuelle Unmoral, die sich gegen Gottes Maßstab von Liebe und Treue richtet, 2.) falsche religiöse Praktiken, die sich gegen Gottes Ehre richten, 3.) Lieblosigkeit, die sich gegen den Nächsten richtet, 4.) Zügellosigkeit, die sich gegen den eigenen Körper richten. Der griechische Begriff für „Begierde des Fleisches“ (epithumia) meint eigentlich ein übermäßiges oder unkontrolliertes Bedürfnis. Das Hauptproblem besteht also nicht darin, dass der Sünder nur das Böse will, sondern dass er auch gute Dinge zu sehr begehrt. Und weil die-
ses Verlangen unerfüllt bleibt, setzt er Zorn und Streit als Waffen ein, um es einzufordern (oder zumindest zu bewirken, dass es dem anderen schlecht geht, um auf diese Weise Befriedigung zu bekommen). Wie so oft ist die Ursache des Problems im Herzen zu finden (vgl. Mk 7,21). Ursprünglich war das menschliche Herz in seiner tiefsten Sehnsucht in Gott verwurzelt. Geschaffene Dinge, wie Menschen, können uns niemals das geben, was nur Gott geben kann. Wenn Paulus schreibt: „Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben“, dann beschreibt dieses „tun“ ein gewohnheitsmäßiges, völlig natürliches Handeln, bei dem der Handelnde absolut kein Problem darin sieht und auch nicht dagegen ankämpft.
haben, ohne sie einzufordern. Weil Gott sich für mich hat schlagen lassen, und mir alle Schuld vergeben hat, kann ich verletzt sein, ohne den Schuldigen zu verurteilen. Der Gläubige darf erleben, wie Gottes Geist die Frucht des Charakters Gottes in ihm hervorbringt:
Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. (V. 22–23)
Wer vom Geist Gottes geleitet wird, der kennt zwar solche Begierden, aber er erlebt auch, wie der Geist gegen das Fleisch streitet (vgl. V.17). Er weiß: Weil der große Gott sich selbst für mich zu nichts gemacht hat, muss die Enttäuschung darüber, von anderen wie Nichts behandelt zu werden nicht zum Zorn führen. Weil der unendlich wertvolle Gott sich selbst für mich aufgeopfert hat, kann ich Sehnsüchte
Der Begriff „Frucht“ zeigt, dass diese Eigenschaften nicht das Ergebnis menschlicher Anstrengung sind, sondern die Auswirkung des innewohnenden Heiligen Geistes. Frucht wächst dort, wo Leben vorhanden ist. Zwei Dinge sind entscheidend:
1.) Es handelt sich um eine Frucht, nicht um mehrere Früchte. Paulus spricht bewusst von einer „Frucht“, weil die Wirkung des Geistes eine Einheit bildet. Die neun genannten Bestandteile sind sozusagen nicht verschiedene Juwelen, sondern verschiedene Facetten desselben Juwels.1 Kein Bestandteil kann ohne die anderen wachsen.
1 Vgl. Ronald Y. K. Fung: The Epistle to the Galatians, (Eerdmans), S. 262–263.
Bild: Raphael Lopez-Monne
beherrschen, anstatt von ihnen beherrscht zu werden.
Diese Bestandteile haben Überschneidungen und hängen voneinander ab. Deshalb ist es wichtig, zu wissen: So wie eine Frucht wächst, so wachsen auch diese Eigenschaften mit der Zeit und werden in diesem Leben nie vollkommen ausgeprägt sein. Doch wenn uns Eigenschaften vollkommen fehlen (wir bspw. freundlich sind, aber keinerlei Freude an Gott empfinden und keinerlei Selbstbeherrschung haben, oder wir lieben, ohne treu zu sein), sollten wir uns fragen, ob unsere guten Eigenschaften von Gottes Geist bewirkt sind, oder menschlichen Neigungen entspringen.
Etwas deutlicher wird das durch die Struktur, mit der Paulus die Verse verfasst hat. Die erste Gruppe besteht aus Liebe, Freude und Frieden. Die Liebe (agape) steht aus gutem Grund an erster Stelle. Sie bezeichnet die von Gott gewirkte Liebe zu Gott und zum Nächsten – eine Liebe, zu der nur ein Christ fähig ist (vgl. Röm 5,5). Mit der Freude ist keine bloße Fröhlichkeit gemeint, sondern die Freude an der Beziehung zu Gott (vgl. Phil 3,1), die sich nicht von Trauer und Bedrängnis erschüttern lässt. Genauso resultiert der Friede aus der Gewissheit einer geklärten Beziehung zu Gott und hängt nicht von äußeren Umständen ab. Die zweite Gruppe (Langmut, Freundlichkeit, Güte) enthält Begriffe, die häufig für Gottes gnädigen Umgang mit Sündern verwendet werden (vgl. Röm 3,4; Tit 2,4); entsprechend soll unser Verhalten anderen gegenüber vom Evangelium und der Beziehung zu Gott geprägt sein. Die dritte Gruppe enthält Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Treue meint Vertrauenswürdigkeit und Loyalität; Sanftmut ist die demütige Bereitschaft, sich Gottes Willen zu unterwerfen, auch wenn es heißt, sich Demütigung, Verletzungen oder Beleidigungen auszusetzen. Selbstbeherrschung ist die Fähigkeit, seine Begierden und Leidenschaften zu
2 H.ans Dieter Betz: Galatians (Hermeneia), S. 286.
2.) Diese Verse sind nicht bloß Aufforderung, sie sind auch Verheißung. Mit anderen Worten: „Wer den Geist hat, hat damit auch den Boden, aus dem die Frucht erwächst.“2 Denn „treu ist er, der euch beruft; er wird’s auch tun“ (1Thess 5,24).
Noch einmal: Die „Frucht des Geistes“ entsteht nicht durch moralische Anstrengung, sondern durch das Festhalten im Glauben am Evangelium. Wer versucht, Veränderung aus eigener Kraft hervorzubringen, landet unweigerlich beim Gesetz. Dasselbe trifft auf die Heilsgewissheit zu. Heiligung und Heilsgewissheit entstehen nicht, indem wir nach
unseren Früchten Ausschau halten, sondern indem wir „auf Christus schauen, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens“ (Hebr 12,1). Je mehr wir auf uns selbst schauen, umso mehr wachsen Unzufriedenheit, Neid oder Stolz und das Trachten nach eitler Ehre (vgl. V. 26.)
Am Ende richtet Paulus den Blick auf den entscheidenden Sieg: „Die, die zu Christus gehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt“ (V. 24).
Der Kampf bleibt – aber er ist nicht ohne Aussicht. Wir dürfen wissen, dass Christus den Sieg bereits errungen hat. Er lebt und tritt für uns ein.
So heißt „im Geist leben“ letztlich: täglich aus Gnade leben. Wir leben im Vertrauen auf Christus und führen unseren Kampf gegen die Sünde in uns im Vertrauen auf Gottes Treue, mit dem Blick auf das Kreuz, in dem Wissen, dass ER sein Werk vollenden wird.
Gibt es in deinem Alltag bestimmte Bereiche, die dich besonders herausfordern? Kann die Wahrheit, dass Gott in jedem Christen am Wirken ist und ganz sicher ans Ziel kommt, dir dabei helfen, nicht entmutigt zu werden und die richtige Perspektive zu gewinnen?
Erlebst du die christliche Freiheit als Entlastung, oder setzen dich Aufforderungen, wie „dient einander in Liebe“ eher unter Druck?
Benjamin Schmidt ist verheiratet mit Hanna und dreifacher Vater. Er ist Leiter der Herold-Mission und verantwortlich für die Zeitschrift Herold. Bild: Privat
Befürchtest du, in Gottes Augen nicht gut genug zu sein? Wie kann das Evangelium und Jesu Worte am Kreuz: „Es ist vollbracht“ dich von diesem Druck befreien?
Was bedeutet es konkret, „im Geist zu wandeln“, und wie unterscheidet sich das von moralischer Selbstoptimierung? Woran erkennt man den Unterschied zwischen geistlicher Frucht und natürlichen Charaktereigenschaften?
Nimm deine Bibel zur Hand, lies den Galaterbrief aufmerksam durch und markiere jede Stelle, in der der Heilige Geist erwähnt wird.
Wenn du dich überarbeitest, könnte es daran liegen, dass du deine Identität in deiner Arbeit suchst.
Wenn du zu wenig arbeitest, könnte es daran liegen, dass du keinen Sinn in deiner Arbeit findest.
~ Timothy Keller
Nächste Ausgabe: Die vielen Opfer und das wahre Opfer.