Skip to main content

Tattoos

Page 1


TATTOOS

Die Geschichte des TĂ€towierens

Matt Lodder

TATTOOS

Die Geschichte des TĂ€towierens

Haupt Verlag

Über den Autor

Dr. Matt Lodder ist leitender Dozent fĂŒr Kunstgeschichte und -theorie und Leiter des Fachbereichs Amerikastudien an der University of Essex, England.

1. AuïŹ‚age: 2025

ISBN 978-3-258-08439-8

Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2025 fĂŒr die deutschsprachige Ausgabe: Haupt Verlag, Bern

Jede Art der VervielfÀltigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulÀssig.

Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Weise fĂŒr das Training von Technologien oder Systemen der kĂŒnstlichen Intelligenz verwendet oder vervielfĂ€ltigt werden. Die Verwendung der Inhalte fĂŒr das Text- und Data-Mining ist untersagt.

Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Susanne Schmidt-Wussow, DE-Berlin

Satz der deutschsprachigen Ausgabe: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, DE-Göttingen

Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel TATTOOS – The Untold History of a Modern Art bei Yale University Press.

Konzept, Design und Produktion: Quintessence Editions, ein Imprint der Quarto Group, 1 Triptych Place, London SE1 9SH, United Kingdom.

Copyright © 2024 Quarto Publishing plc Gedruckt in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Um lange Transportwege zu vermeiden, hĂ€tten wir dieses Buch gerne in Europa gedruckt. Bei Lizenzausgaben wie diesem Buch entscheidet jedoch der Originalverlag ĂŒber den Druckort. Der Haupt Verlag kompensiert mit einem freiwilligen Beitrag zum Klimaschutz die durch den Transport verursachten CO2-Emissionen. Dabei unterstĂŒtzt der Verlag ein Projekt zur nachhaltigen Forstbewirtschaftung in der Zentralschweiz. Wir verwenden FSCÂź-zertiïŹziertes Papier. FSCÂź sichert die Nutzung der WĂ€lder gemĂ€ĂŸ sozialen, ökonomischen und ökologischen Kriterien.

Diese Publikation ist in der Deutschen NationalbibliograïŹe verzeichnet. Mehr Informationen dazu ïŹnden Sie unter http://dnb.dnb.de.

Der Haupt Verlag wird vom Bundesamt fĂŒr Kultur fĂŒr die Jahre 2021–2025 unterstĂŒtzt.

Sie möchten nichts mehr verpassen?

Folgen Sie uns auf unseren Social-Media-KanÀlen und bleiben Sie via Newsletter auf dem neuesten Stand.

www.haupt.ch/informiert

Wir verlegen mit Freude und großem Engagement unsere BĂŒcher. Daher freuen wir uns immer ĂŒber Anregungen zum Programm und schĂ€tzen Hinweise auf Fehler im Buch, sollten uns welche unterlaufen sein.

Haupt Verlag AG Verantwortlich in der EU (GPSR): Falkenplatz 14 Brockhaus KommissionsgeschÀft GmbH 3012 Bern Kreidlerstr. 9

SCHWEIZ 70806 Kornwestheim herstellung@haupt.chDEUTSCHLAND www.haupt.chhaupt@brocom.de

Einleitung: Ein unwĂŒrdiges Thema 6

Kapitel 1: TĂ€towierungen in Westeuropa vor der Ă–ïŹ€nung Japans 14

Kapitel 2: Die Geburtsstunde der professionellen TĂ€towierkunst 30

Kapitel 3: TÀtowierkunst in der feinen Gesellschaft 46

Kapitel 4: TÀtowieren im und nach dem Krieg 68

Kapitel 5: TÀtowieren im Zweiten Weltkrieg 84

Kapitel 6: Tattoo-Winter 104

Kapitel 7: Eine fragile Koalition 122

Kapitel 8: Der erste gute Eindruck 144

Kapitel 9: Von der TattooTime bis zu Modern Primitives 164

Kapitel 10: So alt wie die Zeit, so postmodern wie das Morgen 188

Epilog

BibliograïŹe

Register

Danksagung und Bildnachweis

Kapitel 1

TĂ€towierungen in Westeuropa vor der Öffnung Japans

bis 1858

„Die europĂ€ischen Seefahrer [
] haben sich seit Menschengedenken mit einer Art von TĂ€towierungen kenntlich gemacht [
].“

Literary Gazette, 1819

Im Februar 1719 wurden John Woodward und Thomas Williams im Old Bailey in London wegen Einbruchdiebstahls zur Deportation in die Strafkolonien verurteilt. Die beiden MĂ€nner hatten das Fenster eines Privathauses in der City eingeschlagen, durch das einer von ihnen hineinlangte, um einen Seidenschal zu stehlen, und sich dabei die Hand aufriss. Beide wurden rasch gefasst – Williams an einer Straßenecke in der NĂ€he, Woodward in einer örtlichen Bierschenke, wo er seine blutige Hand bei einem Pint Ale versorgte. Bei der Befragung bestritten die MĂ€nner, einander zu kennen, aber dem Polizisten, der sie verhaftete, ïŹel auf, dass sie das gleiche Tintenmal auf dem Arm trugen: vier Kreuze um ein grĂ¶ĂŸeres Kreuz in der Mitte. Das Motiv wird Jerusalemkreuz genannt und ist ein Symbol der christlichen Missionierung, die vom Heiligen Land ausgeht.

Solche Tintenmale – zu jener Zeit noch nicht TĂ€towierungen genannt – waren damals schon seit ĂŒber einem Jahrhundert beliebte Andenken europĂ€ischer Pilger an ihren Besuch in Jerusalem, aber auch in Bethlehem, Nazareth und an anderen heiligen Orten wie Loreto in Italien. TatsĂ€chlich könnten die technologischen Neuerungen, die zu dieser lebhaften Tradition von PilgertĂ€towierungen fĂŒhrten, ihren Ursprung sogar

Zeichen der Hingabe Diese Radierung von 1701 zeigt die TÀtowierungen des deutschen Pilgers Ratge Stubbe. Wie die mittÀtowierte Jahreszahl zeigt, wurde ihm 1669 der SchÀdel Adams unter einer umfangreichen Osterszene auf den linken Unterarm gestochen. Auf dem rechten Unterarm prangen ein Jerusalemkreuz sowie die Namen Bethlehem und Jerusalem.

in Italien gehabt haben: Es gibt einige Belege dafĂŒr, dass die dauerhafte Verzierung der Haut mit Motiven dort bis mindestens in die 1550er-Jahre zurĂŒckreicht. Der Universalgelehrte Gerolamo Cardano schlug 1554 vor, in Rasierklingenschnitte von medizinischen Aderlassen rote oder blaue Pigmente zu reiben, um Buchstaben oder Formen auf der Haut zu erzeugen, und Giambattista della Porte schrieb 1558, solche Techniken seien durch ErzĂ€hlungen aus der griechischen Antike wohlbekannt.

Die frĂŒhesten Aufzeichnungen ĂŒber PilgertĂ€towierungen im Heiligen Land reichen bis in die 1560erJahre zurĂŒck. Im 17. Jahrhundert war aus dieser Praxis ein kommerzielles Unternehmen geworden: Die Bilder wurden mithilfe von geschnitzten Motivblöcken aus Holz auf die Haut gestempelt und anschließend langsam und sorgfĂ€ltig mit einer in schwarze Tinte getauchten Nadel in die Haut gestochen. Solcher Pilgermale waren ein Zeichen religiöser Hingabe, und als Andenken an lange und bedeutsame Reisen wurden sie fĂŒr die Pilgernden zu einem wichtigen Teil der Pilgerfahrt. In einem anschaulichen Bericht von 1658 beschrieb der französische Pilger Jean de ThĂ©venot, christliche TĂ€towierer besĂ€ĂŸen „mehrere Holzformen, aus denen man sich diejenige aussuchen kann, die am besten gefĂ€llt; dann fĂŒllen sie sie mit Kohlenstaub und drĂŒcken sie auf den Arm, sodass sie auf demselben einen Abdruck dessen hinterlassen, was in die Form geschnitzt ist; danach halten sie mit der linken Hand den Arm fest und dehnen seine Haut, und in der rechten Hand haben sie ein kleines Rohr mit zwei darin befestigten Nadeln, die sie von Zeit zu Zeit in mit Ochsengalle versetzte Tinte

entblĂ¶ĂŸtem Oberkörper, die vor einem Zelt in einem Lager warten, wĂ€hrend ein TĂ€towierer mit der Hand „I Love Alice“ auf den Arm eines Rekruten sticht. Es gibt auch Bilder von Scharen britischer Soldaten, die sich von lokalen TattookĂŒnstlern in Ägypten tĂ€towieren lassen. In SchĂŒtzengrabenzeitungen wurden Anzeigen von TĂ€towierer:innen verĂ¶ïŹ€entlicht – ein Sergeant Heslop aus dem 8. Reservebataillon verkĂŒndete stolz, er wĂŒrde in seiner HĂŒtte „jedes Motiv“ tĂ€towieren, ab nur einem Schilling. Und ein namenloser KĂŒnstler, der seiner eigenen Aussage zufolge bei Burchett gelernt hatte, wurde im Guardian dafĂŒr gefeiert, das TĂ€towieren „als Hobby“ mit an die Front genommen zu haben, bevor er daraus einen proïŹtablen Nebenerwerb machte:

„Manche MĂ€nner sagen, sie wĂŒrden lieber ein Arm oder ein Bein verlieren als das Bild, das der SoldatenkĂŒnstler fĂŒr sie erschaïŹ€en hatte [
] Viele MĂ€nner wollten sich unbedingt ein Foto ihrer Mutter oder ihrer Liebsten mit elektrischen Nadeln unter die Haut stechen lassen und waren von den Ergebnissen begeistert. Andere wĂ€hlten den altmodischen Grabstein oder eine Schriftrolle mit der Aufschrift ‚In Erinnerung‘, wĂ€hrend wieder andere sich fĂŒr heroische Bilder entschieden. Die Lusitania war ein besonders beliebtes Motiv, aber wir konnten nicht in Erfahrung bringen, ob auf einer Brust vielleicht die Kathedrale von Rheims prangte. Einige MĂ€nner nutzten ihre freien Stunden, um sich in wahre Bildergalerien verwandeln zu lassen, mit elegant angeordneten Engeln, KruziïŹxen, Drachen und Gesichtern; ein Mann entschied sich fĂŒr ein so ausgearbeitetes Motiv, dass

PowerpĂ€rchen Samuel „Deafy“ Grassman tĂ€towiert seine Frau Edith „Stella“ Grassman, ca. 1930er-Jahre. Sowohl Deafy als auch Stella tĂ€towierten und arbeiteten ab den 1920er-Jahren an verschiedenen Orten, darunter Philadelphia und New York City. Das Paar erwarb sich einen Ruf als eine Art PowerpĂ€rchen und schaltete Werbeanzeigen als „The Original Deafy and Miss Stella“. An der QualitĂ€t der TĂ€towierungen auf Stellas Körper wird ersichtlich, dass Deafy einer der besten KĂŒnstler seiner Zeit war.

der stolze KĂŒnstler 143 verschiedene Farbtöne einsetzen musste, bevor das stattliche Werk vollendet war.“

Tragischerweise, so ist der Reportage zu entnehmen, verlor der KĂŒnstler im Dienst das Augenlicht, viele seiner Meisterwerke blieben daher fĂŒr immer unvollendet.

Typische Motive

Da TĂ€towierungen zwangslĂ€uïŹg die Bildsprache der Kulturen widerspiegeln, in denen sie entstehen, ĂŒberrascht es nicht, dass sich die Formensprache der MilitĂ€rtattoos in den Motiven wiederïŹndet, die Matrosen und Soldaten in handgemachten Medien herstellten und sammelten. Die Schwalben, Herzen und Oden an Ehefrauen, BrĂŒder und den König, die die MotivbĂŒcher der TĂ€towierer:innen fĂŒllten, wurden auch auf StoïŹ€ gestickt, in Tabakdosen geĂ€tzt, auf Weihnachtskarten gedruckt und sogar auf Hartkekse gekritzelt, weil diese sich besser als Zeichenunterlage eigneten denn als Nahrung. Aber als der Krieg sich endlos voranschleppte, begannen sich die GeschmĂ€cker bei den Tattoomotiven zu verĂ€ndern und die Bilder zeigten speziïŹscher die Grausamkeit und UnablĂ€ssigkeit der modernen KriegsfĂŒhrung. 1918 hatten Namen und Flaggen unverhohleneren Darstellungen aus dem Alltag im militarisierten KonïŹ‚ikt Platz gemacht, wie Panzern, Flugzeugen und Maschinengewehren. Und nach dem WaïŹ€enstillstand boten TĂ€towierungen den Beteiligten die Möglichkeit, eine eindringliche Erinnerung an ihre Freundschaften und Traumata in Kriegszeiten zu erschaïŹ€en, was sie erneut in die TĂ€towierlĂ€den trieb. Ein junger Soldat ließ sich die Namen jeder Schlacht, in der er gedient hatte, auf den Arm stechen.

Atempause

In den kurzen Jahrzehnten zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Westeuropa eine kurze Pause der KonïŹ‚iktfreiheit gegönnt. Die aufkommende Frauenbewegung, die in England 1918 das eingeschrĂ€nkte Wahlrecht fĂŒr Frauen erkĂ€mpfte, entsprang dem Verlangen junger Frauen danach, die Grenzen patriarchaler Verhaltensnormen zu verschieben, und sie waren es auch, die die Bewegung weiter vorantrieben, indem sie Autonomie und Freiheit in Form von Mode, Benehmen und natĂŒrlich TĂ€towierungen fĂŒr sich in Anspruch nahmen. Unter den jungen Frauen der Mittelschicht in Metropolen wie London, Paris, New York und Berlin wandten sich die Subkulturen der „Flapper“ begierig dem TĂ€towieren zu, um Rebellion und gleichzeitig sinnliche, ja sogar sexuell aufgeladene Weiblichkeit auszudrĂŒcken. In den 1920er-Jahren berichteten die Zeitungen immer wie-

der von neuen Modetrends wie Schmetterlingstattoos, tĂ€towierten StrumpfbĂ€ndern, eingeringelten Schlangen und „seltsamen, fantastischen Motiven“. Wie in den 1890er-Jahren schien der sogenannte „Trend“ ĂŒber den Atlantik hin und her zu springen und die amerikanischen Modefans und die europĂ€ische Schickeria sich gegenseitig nachzuahmen. 1931 beschwerte sich Sutherland Macdonald bei Freunden, dass die groĂŸïŹ‚Ă€chigen, japanisch angehauchten Arbeiten, fĂŒr die er im spĂ€ten 19. Jahrhundert bekannt geworden war, so unpopulĂ€r war, dass er sich kaum noch die MĂŒhe machte, sein Studio aufzusuchen. Stattdessen waren kleinere, billigere Tattoos der letzte Schrei, und der TattookĂŒnstler wurde nun eher als Dandy gesehen denn als alter SeebĂ€r. Am Ende des Jahrzehnts war das TĂ€towieren bei den Frauen so in Mode, dass Tattoomotive es bis auf zeitgenössische Textilien in Paris schaïŹ€te, wo Elsa Schiaparelli 1929 in ihrer Sommerkollektion wagemu-

tig BadeanzĂŒge mit aufgestickten Emblemen zeigte, die sie direkt aus den TĂ€towierlĂ€den in den französischen HĂ€fen entlehnt hatte.

Selbst die Herrenecke der Modepresse ließ es sich nicht nehmen, ihre Leser darauf hinzuweisen, wie modisch so ein kleines Tattoo war: „Das TĂ€towieren ist vom Wilden auf den Seemann und vom Seemann auf die Landratte ĂŒbergegangen und ïŹndet sich heute unter so manchem maßgeschneiderten Hemd“, schrieb Vanity Fair 1926. Genau wie in London lamentierten die amerikanischen TĂ€towierer:innen alter Schule inzwischen ĂŒber den kapriziösen und unkultivierten Geschmack der jungen Leute: Ein KĂŒnstler verzweifelte darĂŒber, dass er kleine Bilder auf der Grundlage niedlicher beliebter Drucke stechen musste, wĂ€hrend er in den vergangenen Jahrzehnten seiner eigenen EinschĂ€tzung nach erlesene Kunstwerke geschaïŹ€en hatte. „Es ist schon schlimm, tauchende MĂ€dchen und die Venus aus

Im Dienst der Schönheit (links) TĂ€towierer:innen in den britischen Metropolen warben hĂ€uïŹg neben ihrem konventionellen Gewerbe mit kosmetischen Dienstleistungen. Dazu gehörte das Röten der Wangen, das Stechen von Permanent-Make-up auf Lippen und Augen und geschmackvolle SchönheitsïŹ‚ecken. George Burchett legte sich fĂŒr seine kosmetischen Behandlungen den Markennamen Kosmeo zu und arbeitete in einem Privatstudio in einem Apartment in Londons Trendviertel West End, wĂ€hrend sein Laden an der Waterloo Road sich vor allem an Soldaten richtete. FĂŒr die Kosmetik-Klientel warb er als „der wohlbekannte Schönheitsspezialist in der Bond Street“. Seine Frau Edith arbeitete mit ihm zusammen und bot Haarentfernung per Elektrolyse an.

Modische EnthĂŒllungen (rechts) Lady Edith VaneTempest-Stewart, Marchioness of Londonderry, hatte sich 1904 in Japan die Beine tĂ€towieren lassen. Als die RocksĂ€ume mit der Mode der 1930er-Jahre höher rutschten, sah die Welt ihre Tattoos, die weltweit Schlagzeilen machten.

Strumpfmode (ganz rechts) Zwischen den Modetrends in Kleidung und TĂ€towierkunst besteht ein stĂ€ndiges Wechselspiel. Diese Frau trĂ€gt bestickte StrĂŒmpfe, der letzte Schrei in den 1910er- und 1920er-Jahren. Die StrĂŒmpfe Ă€hneln den Beintattoos, die in dieser Zeit ebenfalls als schick galten.

dem Meer stechen zu mĂŒssen, wenn man doch die FĂ€higkeiten zu solchen Werken in sich trĂ€gt, nicht wahr?“, sagte der TĂ€towierer. „Aber von irgendwas muss ich leben [
] Es ist nicht mehr wie frĂŒher“, seufzte er. „Zu meiner Zeit wollten sie Drachen.“

Der Schwarze Donnerstag 1929 traf die angesehensten KĂŒnstler:innen in New York schwer, deren hochkarĂ€tigste Kundschaft unter den Angestellten in Banken und Anwaltskanzleien so viel Geld am Markt verloren hatte, dass sie ihrer TĂ€towierleidenschaft nicht mehr frönen konnte. Dem mittleren Marktsegment jedoch ging es bis in die 1930er-Jahre hinein gut. Im Laufe des Jahrzehnts war das TĂ€towieren mal „der Hit in der Londoner Gesellschaft“ und mal eine „Modeerscheinung“, und die zunehmende Lockerung der Kleidungsstandards fĂŒr Frauen, insbesondere das Aufkommen kĂŒrzerer Röcke, machte als NebeneïŹ€ekt erstmals TĂ€towierungen an Ă€lteren Damen sichtbar, die

diese in der Anfangszeit des professionellen TĂ€towierens erworben hatten. Ein eindrĂŒckliches Beispiel ist Edith Vane-Tempest-Stuart, die Marchioness of Londonderry, die 1938 auf einer Modenschau mit einem großen Drachentattoo auf den Beinen gesichtet wurde, das durch ihre glatten StrĂŒmpfe hindurchschimmerte. Diese und andere TĂ€towierungen waren ĂŒber dreißig Jahre zuvor in Japan entstanden, aber die wieder aufgelebte Erkenntnis, dass Adelige niedrigen Ranges TĂ€towierungen unter ihren Kleidern versteckten, fĂŒhrte dazu, dass Nachahmer:innen die Tattoostudios stĂŒrmten.

Die erste HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zementierte also ironischerweise falsche AuïŹ€assungen vom TĂ€towieren in der Ă¶ïŹ€entlichen Vorstellung. Einerseits bedeutete die Beliebtheit des TĂ€towierens im MilitĂ€r, sowohl zu Hause als auch in der Fremde, dass die Kunstform nicht mehr von unseren Stereotypen der tĂ€towierten

Matrosen und Soldaten zu trennen war. Andererseits kam es in dieser Zeit zu gesellschaftlichen und technologischen VerĂ€nderungen, die dafĂŒr sorgten, dass das TĂ€towieren zunehmend als modisch galt und bei MĂ€nnern wie Frauen aller gesellschaftlichen Klassen beliebt war. Trotz des Modeaspekts wurde das TĂ€towieren jedoch nicht in den Stand der behaglichen kulturellen Akzeptanz erhoben. Das wiederum fĂŒhrte dazu, dass ĂŒber ein Jahrhundert lang die bloße Existenz tĂ€towierter Frauen und tĂ€towierter AnwĂ€lte Grund genug fĂŒr ein Rauschen im Boulevardzeitungs-BlĂ€tterwald war und vielleicht immer sein wird.

Reichweite (rechts) Tattoing the World Over lĂ€sst sich vielleicht am besten als erste Zeitschrift ĂŒber TĂ€towierungen beschreiben, auch wenn sie nur zwei (hĂ€uïŹg nachgedruckte) Ausgaben umfasste. Die erste Ausgabe wurde 1947 veröffentlicht und an die Kundschaft von Milton Zeis’ Zubehörservice verbrieben. Die hier abgebildete zweite Ausgabe von 1951 ist eine Zusammenstellung zeitgenössischer und historischer Fotos tĂ€towierter Menschen mit kurzen Anmerkungen von Zeis.

1936 ließ der umherziehende Unternehmer, Schausteller und TĂ€towierer Milton Zeis sich von Waters inspirieren und grĂŒndete einen gleichnamigen Versandhandel, The Zeis Studio. Er vertrieb Tattoomotive, Schaufensterdekoration (links) Milton Zeis vertrieb nicht nur TĂ€towiermaschinen und Flash-Motive, sondern auch Schilder, mit denen TĂ€towierer:innen ihre Dienste im Schaufenster anpreisen konnten. Diese Beispiele stammen aus den spĂ€ten 1940er-Jahren.

NatĂŒrlich kann man sich darĂŒber streiten, was hier die Henne und was das Ei war. VerĂ€nderte GeschmĂ€cker und wirtschaftliche UmstĂ€nde fĂŒhrten dazu, dass in TĂ€towierlĂ€den kleinere, einfachere und billigere Motive angeboten wurden. Diese VerĂ€nderungen trieben ein Einsatz von Flashes an, weil vorgefertigte Motive eïŹƒzient und aufmerksamkeitsstark waren. Die allgegenwĂ€rtigen Flash-Sheets wiederum brachten neue indirekte BeschrĂ€nkungen fĂŒr die Kundschaft der Tattooshops mit sich: Auch unter den besten Arbeiten verstand man im Allgemeinen nun kleine Einzelmotive, im Gegensatz zu den groĂŸïŹ‚Ă€chigen Arbeiten der frĂŒheren Generationen. Aus solchen indirekten BeschrĂ€nkungen entstanden dann wieder eigene Trends.

Maschinen, Tinte und andere AusrĂŒstung von Illinois aus in die ganzen Vereinigten Staaten. Zeis nahm Waters’ eher behĂ€biges GeschĂ€ftsmodell und schaltete mit auïŹ€allenden professionellen Anzeigen, mehrfarbigen MotivblĂ€ttern der besten TattookĂŒnstler:innen des Landes, einem ïŹ‚otten „Wie man tĂ€towiert“-Kurs und in den spĂ€ten 1940er-Jahren mit der ersten Fachzeitschrift zur Geschichte des TĂ€towierens, Tattooing the World Over, einige GĂ€nge hoch. Im Krieg gelang es Zeis, die Nachfrage seiner Kundschaft nach neuem Zubehör trotz Rationalisierung zu befriedigen, indem er LĂ¶ïŹ€el einschmolz und daraus TĂ€towiermaschinen herstellte. Überwiegend durch Zeis’ Beliebtheit, QualitĂ€t und Reichweite vergrĂ¶ĂŸerte sich gleichzeitig enorm die Auswahl an Motiven, die der Tattoogemeinde zur VerfĂŒgung stand, allerdings um den Preis der Standardisierung, Homogenisierung und Verfestigung der Art von Tattoos, die die Kundschaft im Westen bekam, und

Jessie Knight mit Freundin, 1950erJahre

Knights RĂŒckenbild – ihr Familienwappen – tĂ€towierte passenderweise ihr Vater Sailor Charlie. Auch wenn Jessie weder die erste noch die einzige Frau war, die in Großbritannien die TĂ€towiermaschine brummen ließ, war sie bei Weitem die prominenteste, sichtbarste und respektierteste. Neben ihr steht Margaret Mingins, Rich Mingins’ Frau.

Von Cash Cooper fĂŒr Jessie Knight angefertigte TĂ€towiermaschine, 1950er-Jahre

Zum Beweis ihres Ansehens in der Branche ïŹnden sich in Knights Sammlung unzĂ€hlige Briefe, Fotos, MotivblĂ€tter und Werkzeuge, die ihre Kollegen ihr geschickt hatten. Diese Maschine hatte ihr Freund Cash Cooper extra fĂŒr sie gebaut. Er Ă€nderte die Standardform der TĂ€towiermaschine ab, damit sie besser in Jessies kleinere HĂ€nde passte – das toughe EnergiebĂŒndel soll nĂ€mlich keine 1,50 Meter groß gewesen sein.

„Highland Fling“-Tattoo von Jessie Knight, 1955

Dieses dekorative RĂŒckentattoo mit Dudelsackspielern und einer TĂ€nzerin beim „Highland Fling“ in den schottischen Highlands brachte Jessie Knight 1955 den zweiten Platz im Wettbewerb um den Titel des besten TĂ€towierers in ganz England und den anhaltenden Respekt der Titanen ihrer Branche ein. Trotz ihres Talents und ihrer Beliebtheit wurde sie ihre ganze Karriere ĂŒber von neidischen und sexistischen GehĂ€ssigkeiten mĂ€nnlicher Rivalen geplagt – ein Thema, ĂŒber das sie mehrere Gedichte schrieb.

Tattoomotive von Jessie Knight, um 1960

Knight war vielleicht nicht das grĂ¶ĂŸte Naturtalent aller ZeichenkĂŒnstler:innen ihrer Zeit, aber ihre Zeichnungen weisen gut beobachtete Besonderheiten auf, die es bei ihren mĂ€nnlichen Kollegen nicht gab. Mit Kugelschreiber und billigen Filzstiften macht Knight hier aus stereotypen, koketten Pin-up-Girls scharfsinnig beobachtete PortrĂ€ts echter, menschlicher Frauen, sĂŒïŹƒsant bis bedrohlich lĂ€chelnd und im Fall der Frau ganz links mit einem an Verachtung grenzenden Blick.

Eine Geschichte, die unter die Haut geht.

Das TĂ€towieren wurde lange nicht als ernsthafter Beruf oder als Kunst angesehen, obwohl es seit Jahrhunderten professionell ausgeĂŒbt wird. In diesem reich bebilderten Buch bietet Matt Lodder eine neue Perspektive auf die bewegte Geschichte des TĂ€towierens in Europa und den USA.

Lodder zeigt, dass diese Kunstform schon seit Langem ĂŒber die Grenzen von gesellschaftlichen Klassen, Einkommensschichten und Geschlechterrollen hinweg praktiziert wird. Er untersucht auch die stilistischen Trends, die die Entwicklung des Tattoos als Ausdrucksmittel im Laufe der Zeit geprĂ€gt haben. Dabei stellt er die Menschen in den Mittelpunkt, die einen maßgeblichen EinïŹ‚uss auf die Geschichte des TĂ€towierens hatten. Darunter ïŹnden sich Persönlichkeiten wie Martin Hildebrandt, der erste bekannte professionelle TĂ€towierer im Westen, prominente KĂŒnstlerinnen wie Jessie Knight, Ikonen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wie Sailor Jerry und Les Skuse und zeitgenössische Legenden der Branche wie Ed Hardy, Paul Booth und die Familie Leu.

Dieses mit selten veröffentlichten Bildern illustrierte Buch stellt die Geschichte des TÀtowierens im Westen erstmals in all seinen Facetten dar.

ISBN 978-3-258-08439-8

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Tattoos by Haupt Verlag - Issuu