

TATTOOS
Die Geschichte des TĂ€towierens

Matt Lodder

TATTOOS
Die Geschichte des TĂ€towierens
Haupt Verlag
Ăber den Autor
Dr. Matt Lodder ist leitender Dozent fĂŒr Kunstgeschichte und -theorie und Leiter des Fachbereichs Amerikastudien an der University of Essex, England.

1. AuïŹage: 2025
ISBN 978-3-258-08439-8
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2025 fĂŒr die deutschsprachige Ausgabe: Haupt Verlag, Bern
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Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Weise fĂŒr das Training von Technologien oder Systemen der kĂŒnstlichen Intelligenz verwendet oder vervielfĂ€ltigt werden. Die Verwendung der Inhalte fĂŒr das Text- und Data-Mining ist untersagt.
Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Susanne Schmidt-Wussow, DE-Berlin
Satz der deutschsprachigen Ausgabe: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, DE-Göttingen
Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel TATTOOS â The Untold History of a Modern Art bei Yale University Press.
Konzept, Design und Produktion: Quintessence Editions, ein Imprint der Quarto Group, 1 Triptych Place, London SE1 9SH, United Kingdom.
Copyright © 2024 Quarto Publishing plc Gedruckt in den Vereinigten Arabischen Emiraten
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Einleitung: Ein unwĂŒrdiges Thema 6
Kapitel 1: TĂ€towierungen in Westeuropa vor der ĂïŹnung Japans 14
Kapitel 2: Die Geburtsstunde der professionellen TĂ€towierkunst 30
Kapitel 3: TÀtowierkunst in der feinen Gesellschaft 46
Kapitel 4: TÀtowieren im und nach dem Krieg 68
Kapitel 5: TÀtowieren im Zweiten Weltkrieg 84
Kapitel 6: Tattoo-Winter 104

Kapitel 7: Eine fragile Koalition 122
Kapitel 8: Der erste gute Eindruck 144
Kapitel 9: Von der TattooTime bis zu Modern Primitives 164
Kapitel 10: So alt wie die Zeit, so postmodern wie das Morgen 188
Epilog
BibliograïŹe
Register
Danksagung und Bildnachweis

Kapitel 1
TĂ€towierungen in Westeuropa vor der Ăffnung Japans
bis 1858
âDie europĂ€ischen Seefahrer [âŠ] haben sich seit Menschengedenken mit einer Art von TĂ€towierungen kenntlich gemacht [âŠ].â
Literary Gazette, 1819
Im Februar 1719 wurden John Woodward und Thomas Williams im Old Bailey in London wegen Einbruchdiebstahls zur Deportation in die Strafkolonien verurteilt. Die beiden MĂ€nner hatten das Fenster eines Privathauses in der City eingeschlagen, durch das einer von ihnen hineinlangte, um einen Seidenschal zu stehlen, und sich dabei die Hand aufriss. Beide wurden rasch gefasst â Williams an einer StraĂenecke in der NĂ€he, Woodward in einer örtlichen Bierschenke, wo er seine blutige Hand bei einem Pint Ale versorgte. Bei der Befragung bestritten die MĂ€nner, einander zu kennen, aber dem Polizisten, der sie verhaftete, ïŹel auf, dass sie das gleiche Tintenmal auf dem Arm trugen: vier Kreuze um ein gröĂeres Kreuz in der Mitte. Das Motiv wird Jerusalemkreuz genannt und ist ein Symbol der christlichen Missionierung, die vom Heiligen Land ausgeht.
Solche Tintenmale â zu jener Zeit noch nicht TĂ€towierungen genannt â waren damals schon seit ĂŒber einem Jahrhundert beliebte Andenken europĂ€ischer Pilger an ihren Besuch in Jerusalem, aber auch in Bethlehem, Nazareth und an anderen heiligen Orten wie Loreto in Italien. TatsĂ€chlich könnten die technologischen Neuerungen, die zu dieser lebhaften Tradition von PilgertĂ€towierungen fĂŒhrten, ihren Ursprung sogar
Zeichen der Hingabe Diese Radierung von 1701 zeigt die TÀtowierungen des deutschen Pilgers Ratge Stubbe. Wie die mittÀtowierte Jahreszahl zeigt, wurde ihm 1669 der SchÀdel Adams unter einer umfangreichen Osterszene auf den linken Unterarm gestochen. Auf dem rechten Unterarm prangen ein Jerusalemkreuz sowie die Namen Bethlehem und Jerusalem.

in Italien gehabt haben: Es gibt einige Belege dafĂŒr, dass die dauerhafte Verzierung der Haut mit Motiven dort bis mindestens in die 1550er-Jahre zurĂŒckreicht. Der Universalgelehrte Gerolamo Cardano schlug 1554 vor, in Rasierklingenschnitte von medizinischen Aderlassen rote oder blaue Pigmente zu reiben, um Buchstaben oder Formen auf der Haut zu erzeugen, und Giambattista della Porte schrieb 1558, solche Techniken seien durch ErzĂ€hlungen aus der griechischen Antike wohlbekannt.
Die frĂŒhesten Aufzeichnungen ĂŒber PilgertĂ€towierungen im Heiligen Land reichen bis in die 1560erJahre zurĂŒck. Im 17. Jahrhundert war aus dieser Praxis ein kommerzielles Unternehmen geworden: Die Bilder wurden mithilfe von geschnitzten Motivblöcken aus Holz auf die Haut gestempelt und anschlieĂend langsam und sorgfĂ€ltig mit einer in schwarze Tinte getauchten Nadel in die Haut gestochen. Solcher Pilgermale waren ein Zeichen religiöser Hingabe, und als Andenken an lange und bedeutsame Reisen wurden sie fĂŒr die Pilgernden zu einem wichtigen Teil der Pilgerfahrt. In einem anschaulichen Bericht von 1658 beschrieb der französische Pilger Jean de ThĂ©venot, christliche TĂ€towierer besĂ€Ăen âmehrere Holzformen, aus denen man sich diejenige aussuchen kann, die am besten gefĂ€llt; dann fĂŒllen sie sie mit Kohlenstaub und drĂŒcken sie auf den Arm, sodass sie auf demselben einen Abdruck dessen hinterlassen, was in die Form geschnitzt ist; danach halten sie mit der linken Hand den Arm fest und dehnen seine Haut, und in der rechten Hand haben sie ein kleines Rohr mit zwei darin befestigten Nadeln, die sie von Zeit zu Zeit in mit Ochsengalle versetzte Tinte

entblöĂtem Oberkörper, die vor einem Zelt in einem Lager warten, wĂ€hrend ein TĂ€towierer mit der Hand âI Love Aliceâ auf den Arm eines Rekruten sticht. Es gibt auch Bilder von Scharen britischer Soldaten, die sich von lokalen TattookĂŒnstlern in Ăgypten tĂ€towieren lassen. In SchĂŒtzengrabenzeitungen wurden Anzeigen von TĂ€towierer:innen veröïŹentlicht â ein Sergeant Heslop aus dem 8. Reservebataillon verkĂŒndete stolz, er wĂŒrde in seiner HĂŒtte âjedes Motivâ tĂ€towieren, ab nur einem Schilling. Und ein namenloser KĂŒnstler, der seiner eigenen Aussage zufolge bei Burchett gelernt hatte, wurde im Guardian dafĂŒr gefeiert, das TĂ€towieren âals Hobbyâ mit an die Front genommen zu haben, bevor er daraus einen proïŹtablen Nebenerwerb machte:
âManche MĂ€nner sagen, sie wĂŒrden lieber ein Arm oder ein Bein verlieren als das Bild, das der SoldatenkĂŒnstler fĂŒr sie erschaïŹen hatte [âŠ] Viele MĂ€nner wollten sich unbedingt ein Foto ihrer Mutter oder ihrer Liebsten mit elektrischen Nadeln unter die Haut stechen lassen und waren von den Ergebnissen begeistert. Andere wĂ€hlten den altmodischen Grabstein oder eine Schriftrolle mit der Aufschrift âIn Erinnerungâ, wĂ€hrend wieder andere sich fĂŒr heroische Bilder entschieden. Die Lusitania war ein besonders beliebtes Motiv, aber wir konnten nicht in Erfahrung bringen, ob auf einer Brust vielleicht die Kathedrale von Rheims prangte. Einige MĂ€nner nutzten ihre freien Stunden, um sich in wahre Bildergalerien verwandeln zu lassen, mit elegant angeordneten Engeln, KruziïŹxen, Drachen und Gesichtern; ein Mann entschied sich fĂŒr ein so ausgearbeitetes Motiv, dass
PowerpĂ€rchen Samuel âDeafyâ Grassman tĂ€towiert seine Frau Edith âStellaâ Grassman, ca. 1930er-Jahre. Sowohl Deafy als auch Stella tĂ€towierten und arbeiteten ab den 1920er-Jahren an verschiedenen Orten, darunter Philadelphia und New York City. Das Paar erwarb sich einen Ruf als eine Art PowerpĂ€rchen und schaltete Werbeanzeigen als âThe Original Deafy and Miss Stellaâ. An der QualitĂ€t der TĂ€towierungen auf Stellas Körper wird ersichtlich, dass Deafy einer der besten KĂŒnstler seiner Zeit war.
der stolze KĂŒnstler 143 verschiedene Farbtöne einsetzen musste, bevor das stattliche Werk vollendet war.â
Tragischerweise, so ist der Reportage zu entnehmen, verlor der KĂŒnstler im Dienst das Augenlicht, viele seiner Meisterwerke blieben daher fĂŒr immer unvollendet.
Typische Motive
Da TĂ€towierungen zwangslĂ€uïŹg die Bildsprache der Kulturen widerspiegeln, in denen sie entstehen, ĂŒberrascht es nicht, dass sich die Formensprache der MilitĂ€rtattoos in den Motiven wiederïŹndet, die Matrosen und Soldaten in handgemachten Medien herstellten und sammelten. Die Schwalben, Herzen und Oden an Ehefrauen, BrĂŒder und den König, die die MotivbĂŒcher der TĂ€towierer:innen fĂŒllten, wurden auch auf StoïŹ gestickt, in Tabakdosen geĂ€tzt, auf Weihnachtskarten gedruckt und sogar auf Hartkekse gekritzelt, weil diese sich besser als Zeichenunterlage eigneten denn als Nahrung. Aber als der Krieg sich endlos voranschleppte, begannen sich die GeschmĂ€cker bei den Tattoomotiven zu verĂ€ndern und die Bilder zeigten speziïŹscher die Grausamkeit und UnablĂ€ssigkeit der modernen KriegsfĂŒhrung. 1918 hatten Namen und Flaggen unverhohleneren Darstellungen aus dem Alltag im militarisierten KonïŹikt Platz gemacht, wie Panzern, Flugzeugen und Maschinengewehren. Und nach dem WaïŹenstillstand boten TĂ€towierungen den Beteiligten die Möglichkeit, eine eindringliche Erinnerung an ihre Freundschaften und Traumata in Kriegszeiten zu erschaïŹen, was sie erneut in die TĂ€towierlĂ€den trieb. Ein junger Soldat lieĂ sich die Namen jeder Schlacht, in der er gedient hatte, auf den Arm stechen.
Atempause
In den kurzen Jahrzehnten zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Westeuropa eine kurze Pause der KonïŹiktfreiheit gegönnt. Die aufkommende Frauenbewegung, die in England 1918 das eingeschrĂ€nkte Wahlrecht fĂŒr Frauen erkĂ€mpfte, entsprang dem Verlangen junger Frauen danach, die Grenzen patriarchaler Verhaltensnormen zu verschieben, und sie waren es auch, die die Bewegung weiter vorantrieben, indem sie Autonomie und Freiheit in Form von Mode, Benehmen und natĂŒrlich TĂ€towierungen fĂŒr sich in Anspruch nahmen. Unter den jungen Frauen der Mittelschicht in Metropolen wie London, Paris, New York und Berlin wandten sich die Subkulturen der âFlapperâ begierig dem TĂ€towieren zu, um Rebellion und gleichzeitig sinnliche, ja sogar sexuell aufgeladene Weiblichkeit auszudrĂŒcken. In den 1920er-Jahren berichteten die Zeitungen immer wie-

der von neuen Modetrends wie Schmetterlingstattoos, tĂ€towierten StrumpfbĂ€ndern, eingeringelten Schlangen und âseltsamen, fantastischen Motivenâ. Wie in den 1890er-Jahren schien der sogenannte âTrendâ ĂŒber den Atlantik hin und her zu springen und die amerikanischen Modefans und die europĂ€ische Schickeria sich gegenseitig nachzuahmen. 1931 beschwerte sich Sutherland Macdonald bei Freunden, dass die groĂïŹĂ€chigen, japanisch angehauchten Arbeiten, fĂŒr die er im spĂ€ten 19. Jahrhundert bekannt geworden war, so unpopulĂ€r war, dass er sich kaum noch die MĂŒhe machte, sein Studio aufzusuchen. Stattdessen waren kleinere, billigere Tattoos der letzte Schrei, und der TattookĂŒnstler wurde nun eher als Dandy gesehen denn als alter SeebĂ€r. Am Ende des Jahrzehnts war das TĂ€towieren bei den Frauen so in Mode, dass Tattoomotive es bis auf zeitgenössische Textilien in Paris schaïŹte, wo Elsa Schiaparelli 1929 in ihrer Sommerkollektion wagemu-
tig BadeanzĂŒge mit aufgestickten Emblemen zeigte, die sie direkt aus den TĂ€towierlĂ€den in den französischen HĂ€fen entlehnt hatte.
Selbst die Herrenecke der Modepresse lieĂ es sich nicht nehmen, ihre Leser darauf hinzuweisen, wie modisch so ein kleines Tattoo war: âDas TĂ€towieren ist vom Wilden auf den Seemann und vom Seemann auf die Landratte ĂŒbergegangen und ïŹndet sich heute unter so manchem maĂgeschneiderten Hemdâ, schrieb Vanity Fair 1926. Genau wie in London lamentierten die amerikanischen TĂ€towierer:innen alter Schule inzwischen ĂŒber den kapriziösen und unkultivierten Geschmack der jungen Leute: Ein KĂŒnstler verzweifelte darĂŒber, dass er kleine Bilder auf der Grundlage niedlicher beliebter Drucke stechen musste, wĂ€hrend er in den vergangenen Jahrzehnten seiner eigenen EinschĂ€tzung nach erlesene Kunstwerke geschaïŹen hatte. âEs ist schon schlimm, tauchende MĂ€dchen und die Venus aus
Im Dienst der Schönheit (links) TĂ€towierer:innen in den britischen Metropolen warben hĂ€uïŹg neben ihrem konventionellen Gewerbe mit kosmetischen Dienstleistungen. Dazu gehörte das Röten der Wangen, das Stechen von Permanent-Make-up auf Lippen und Augen und geschmackvolle SchönheitsïŹecken. George Burchett legte sich fĂŒr seine kosmetischen Behandlungen den Markennamen Kosmeo zu und arbeitete in einem Privatstudio in einem Apartment in Londons Trendviertel West End, wĂ€hrend sein Laden an der Waterloo Road sich vor allem an Soldaten richtete. FĂŒr die Kosmetik-Klientel warb er als âder wohlbekannte Schönheitsspezialist in der Bond Streetâ. Seine Frau Edith arbeitete mit ihm zusammen und bot Haarentfernung per Elektrolyse an.
Modische EnthĂŒllungen (rechts) Lady Edith VaneTempest-Stewart, Marchioness of Londonderry, hatte sich 1904 in Japan die Beine tĂ€towieren lassen. Als die RocksĂ€ume mit der Mode der 1930er-Jahre höher rutschten, sah die Welt ihre Tattoos, die weltweit Schlagzeilen machten.
Strumpfmode (ganz rechts) Zwischen den Modetrends in Kleidung und TĂ€towierkunst besteht ein stĂ€ndiges Wechselspiel. Diese Frau trĂ€gt bestickte StrĂŒmpfe, der letzte Schrei in den 1910er- und 1920er-Jahren. Die StrĂŒmpfe Ă€hneln den Beintattoos, die in dieser Zeit ebenfalls als schick galten.

dem Meer stechen zu mĂŒssen, wenn man doch die FĂ€higkeiten zu solchen Werken in sich trĂ€gt, nicht wahr?â, sagte der TĂ€towierer. âAber von irgendwas muss ich leben [âŠ] Es ist nicht mehr wie frĂŒherâ, seufzte er. âZu meiner Zeit wollten sie Drachen.â
Der Schwarze Donnerstag 1929 traf die angesehensten KĂŒnstler:innen in New York schwer, deren hochkarĂ€tigste Kundschaft unter den Angestellten in Banken und Anwaltskanzleien so viel Geld am Markt verloren hatte, dass sie ihrer TĂ€towierleidenschaft nicht mehr frönen konnte. Dem mittleren Marktsegment jedoch ging es bis in die 1930er-Jahre hinein gut. Im Laufe des Jahrzehnts war das TĂ€towieren mal âder Hit in der Londoner Gesellschaftâ und mal eine âModeerscheinungâ, und die zunehmende Lockerung der Kleidungsstandards fĂŒr Frauen, insbesondere das Aufkommen kĂŒrzerer Röcke, machte als NebeneïŹekt erstmals TĂ€towierungen an Ă€lteren Damen sichtbar, die
diese in der Anfangszeit des professionellen TĂ€towierens erworben hatten. Ein eindrĂŒckliches Beispiel ist Edith Vane-Tempest-Stuart, die Marchioness of Londonderry, die 1938 auf einer Modenschau mit einem groĂen Drachentattoo auf den Beinen gesichtet wurde, das durch ihre glatten StrĂŒmpfe hindurchschimmerte. Diese und andere TĂ€towierungen waren ĂŒber dreiĂig Jahre zuvor in Japan entstanden, aber die wieder aufgelebte Erkenntnis, dass Adelige niedrigen Ranges TĂ€towierungen unter ihren Kleidern versteckten, fĂŒhrte dazu, dass Nachahmer:innen die Tattoostudios stĂŒrmten.
Die erste HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zementierte also ironischerweise falsche AuïŹassungen vom TĂ€towieren in der öïŹentlichen Vorstellung. Einerseits bedeutete die Beliebtheit des TĂ€towierens im MilitĂ€r, sowohl zu Hause als auch in der Fremde, dass die Kunstform nicht mehr von unseren Stereotypen der tĂ€towierten

Matrosen und Soldaten zu trennen war. Andererseits kam es in dieser Zeit zu gesellschaftlichen und technologischen VerĂ€nderungen, die dafĂŒr sorgten, dass das TĂ€towieren zunehmend als modisch galt und bei MĂ€nnern wie Frauen aller gesellschaftlichen Klassen beliebt war. Trotz des Modeaspekts wurde das TĂ€towieren jedoch nicht in den Stand der behaglichen kulturellen Akzeptanz erhoben. Das wiederum fĂŒhrte dazu, dass ĂŒber ein Jahrhundert lang die bloĂe Existenz tĂ€towierter Frauen und tĂ€towierter AnwĂ€lte Grund genug fĂŒr ein Rauschen im Boulevardzeitungs-BlĂ€tterwald war und vielleicht immer sein wird.


Reichweite (rechts) Tattoing the World Over lĂ€sst sich vielleicht am besten als erste Zeitschrift ĂŒber TĂ€towierungen beschreiben, auch wenn sie nur zwei (hĂ€uïŹg nachgedruckte) Ausgaben umfasste. Die erste Ausgabe wurde 1947 veröffentlicht und an die Kundschaft von Milton Zeisâ Zubehörservice verbrieben. Die hier abgebildete zweite Ausgabe von 1951 ist eine Zusammenstellung zeitgenössischer und historischer Fotos tĂ€towierter Menschen mit kurzen Anmerkungen von Zeis.
1936 lieĂ der umherziehende Unternehmer, Schausteller und TĂ€towierer Milton Zeis sich von Waters inspirieren und grĂŒndete einen gleichnamigen Versandhandel, The Zeis Studio. Er vertrieb Tattoomotive, Schaufensterdekoration (links) Milton Zeis vertrieb nicht nur TĂ€towiermaschinen und Flash-Motive, sondern auch Schilder, mit denen TĂ€towierer:innen ihre Dienste im Schaufenster anpreisen konnten. Diese Beispiele stammen aus den spĂ€ten 1940er-Jahren.
NatĂŒrlich kann man sich darĂŒber streiten, was hier die Henne und was das Ei war. VerĂ€nderte GeschmĂ€cker und wirtschaftliche UmstĂ€nde fĂŒhrten dazu, dass in TĂ€towierlĂ€den kleinere, einfachere und billigere Motive angeboten wurden. Diese VerĂ€nderungen trieben ein Einsatz von Flashes an, weil vorgefertigte Motive eïŹzient und aufmerksamkeitsstark waren. Die allgegenwĂ€rtigen Flash-Sheets wiederum brachten neue indirekte BeschrĂ€nkungen fĂŒr die Kundschaft der Tattooshops mit sich: Auch unter den besten Arbeiten verstand man im Allgemeinen nun kleine Einzelmotive, im Gegensatz zu den groĂïŹĂ€chigen Arbeiten der frĂŒheren Generationen. Aus solchen indirekten BeschrĂ€nkungen entstanden dann wieder eigene Trends.
Maschinen, Tinte und andere AusrĂŒstung von Illinois aus in die ganzen Vereinigten Staaten. Zeis nahm Watersâ eher behĂ€biges GeschĂ€ftsmodell und schaltete mit auïŹallenden professionellen Anzeigen, mehrfarbigen MotivblĂ€ttern der besten TattookĂŒnstler:innen des Landes, einem ïŹotten âWie man tĂ€towiertâ-Kurs und in den spĂ€ten 1940er-Jahren mit der ersten Fachzeitschrift zur Geschichte des TĂ€towierens, Tattooing the World Over, einige GĂ€nge hoch. Im Krieg gelang es Zeis, die Nachfrage seiner Kundschaft nach neuem Zubehör trotz Rationalisierung zu befriedigen, indem er LöïŹel einschmolz und daraus TĂ€towiermaschinen herstellte. Ăberwiegend durch Zeisâ Beliebtheit, QualitĂ€t und Reichweite vergröĂerte sich gleichzeitig enorm die Auswahl an Motiven, die der Tattoogemeinde zur VerfĂŒgung stand, allerdings um den Preis der Standardisierung, Homogenisierung und Verfestigung der Art von Tattoos, die die Kundschaft im Westen bekam, und
Jessie Knight mit Freundin, 1950erJahre
Knights RĂŒckenbild â ihr Familienwappen â tĂ€towierte passenderweise ihr Vater Sailor Charlie. Auch wenn Jessie weder die erste noch die einzige Frau war, die in GroĂbritannien die TĂ€towiermaschine brummen lieĂ, war sie bei Weitem die prominenteste, sichtbarste und respektierteste. Neben ihr steht Margaret Mingins, Rich Minginsâ Frau.

Von Cash Cooper fĂŒr Jessie Knight angefertigte TĂ€towiermaschine, 1950er-Jahre
Zum Beweis ihres Ansehens in der Branche ïŹnden sich in Knights Sammlung unzĂ€hlige Briefe, Fotos, MotivblĂ€tter und Werkzeuge, die ihre Kollegen ihr geschickt hatten. Diese Maschine hatte ihr Freund Cash Cooper extra fĂŒr sie gebaut. Er Ă€nderte die Standardform der TĂ€towiermaschine ab, damit sie besser in Jessies kleinere HĂ€nde passte â das toughe EnergiebĂŒndel soll nĂ€mlich keine 1,50 Meter groĂ gewesen sein.
âHighland Flingâ-Tattoo von Jessie Knight, 1955
Dieses dekorative RĂŒckentattoo mit Dudelsackspielern und einer TĂ€nzerin beim âHighland Flingâ in den schottischen Highlands brachte Jessie Knight 1955 den zweiten Platz im Wettbewerb um den Titel des besten TĂ€towierers in ganz England und den anhaltenden Respekt der Titanen ihrer Branche ein. Trotz ihres Talents und ihrer Beliebtheit wurde sie ihre ganze Karriere ĂŒber von neidischen und sexistischen GehĂ€ssigkeiten mĂ€nnlicher Rivalen geplagt â ein Thema, ĂŒber das sie mehrere Gedichte schrieb.

Tattoomotive von Jessie Knight, um 1960
Knight war vielleicht nicht das gröĂte Naturtalent aller ZeichenkĂŒnstler:innen ihrer Zeit, aber ihre Zeichnungen weisen gut beobachtete Besonderheiten auf, die es bei ihren mĂ€nnlichen Kollegen nicht gab. Mit Kugelschreiber und billigen Filzstiften macht Knight hier aus stereotypen, koketten Pin-up-Girls scharfsinnig beobachtete PortrĂ€ts echter, menschlicher Frauen, sĂŒïŹsant bis bedrohlich lĂ€chelnd und im Fall der Frau ganz links mit einem an Verachtung grenzenden Blick.
Eine Geschichte, die unter die Haut geht.
Das TĂ€towieren wurde lange nicht als ernsthafter Beruf oder als Kunst angesehen, obwohl es seit Jahrhunderten professionell ausgeĂŒbt wird. In diesem reich bebilderten Buch bietet Matt Lodder eine neue Perspektive auf die bewegte Geschichte des TĂ€towierens in Europa und den USA.
Lodder zeigt, dass diese Kunstform schon seit Langem ĂŒber die Grenzen von gesellschaftlichen Klassen, Einkommensschichten und Geschlechterrollen hinweg praktiziert wird. Er untersucht auch die stilistischen Trends, die die Entwicklung des Tattoos als Ausdrucksmittel im Laufe der Zeit geprĂ€gt haben. Dabei stellt er die Menschen in den Mittelpunkt, die einen maĂgeblichen EinïŹuss auf die Geschichte des TĂ€towierens hatten. Darunter ïŹnden sich Persönlichkeiten wie Martin Hildebrandt, der erste bekannte professionelle TĂ€towierer im Westen, prominente KĂŒnstlerinnen wie Jessie Knight, Ikonen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wie Sailor Jerry und Les Skuse und zeitgenössische Legenden der Branche wie Ed Hardy, Paul Booth und die Familie Leu.
Dieses mit selten veröffentlichten Bildern illustrierte Buch stellt die Geschichte des TÀtowierens im Westen erstmals in all seinen Facetten dar.
ISBN 978-3-258-08439-8