Greenshifting statt Klimaschutz

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GREENSHIFTING STATT KLIMASCHUTZ

Wie Migros und Coop die Verantwortung an ihre Kund:innen abschieben

GREENSHIFTING STATT KLIMASCHUTZ

Ob mit «Taten statt Worten» oder «Generation M» – die beiden dominierenden DetailhĂ€ndler der Schweiz, Coop und Migros, sind Profis der Nachhaltigkeitskommunikation. Auch bezĂŒglich ihrer Klimaziele zeigen sie sich gerne engagiert. VerhĂ€ltnismĂ€ssig lange – seit ĂŒber 20 Jahren – setzen sich die beiden Unternehmen Klimaziele. Die bisherigen Klimaziele mit Zieljahr 2020 (Migros) und 2023 (Coop) beschrĂ€nkten sich noch auf die direkt beeinflussbaren Emissionen (Scope 1 und 2). Ergebnis: Coop hat seine Ziele nicht erreicht1; bei der Migros können wir die Zielerreichung nicht beurteilen.

Aktuell verfolgen sowohl die Coop-Gruppe als auch die Migros-Gruppe bis spĂ€testens 2050 Netto-Null-Emissionen (vgl. Tabelle 1). Beide Unternehmen sehen vor, sich wissenschaftlich basierte Ziele zu setzen und diese entsprechend durch die Science Based Targets Initiative (SBTi2) validieren zu lassen. Wir begrĂŒssen diese Bestrebung grundsĂ€tzlich. Ein Blick auf die öffentlich verfĂŒgbare Klimabilanz zeigt jedoch, dass das angestrebte Netto-Null-Ziel bedeutend grösserer Anstrengungen bedarf als die frĂŒheren Klimaziele. Denn die aktuellen Klimaziele beinhalten auch die Emissionen entlang der Wertschöpfungskette, welche Migros und Coop nicht direkt beeinflussen können (Scope 3). Diese machen bei der Migros 98 Prozent, bei Coop 99 Prozent der Gesamtemissionen aus.

Es stellt sich die Frage, wie die beiden Detailhandelsriesen es schaffen werden, diese ambitionierten Klimaziele zu erreichen. Dazu haben wir einen genaueren Blick in die Klimabilanzen von Migros und Coop geworfen.

Tierprodukte massgeblich fĂŒr Emissionen von Migros und Coop verantwortlich In ihrer aktuellen Klimabilanz weist die Migros fĂŒr das Jahr 2023 Gesamtemissionen von 15.3 Mio. t CO2 Ă€q. aus3. Coop weist fĂŒr das Jahr 2022 Gesamtemission von 30.3 Mio. t CO2 Ă€q.4 aus5. Das bedeutet, dass etwa 30 Prozent des gesamten Schweizer Treibhausgas-Fussabdrucks ĂŒber den Ladentisch der beiden Unternehmen gehen6.

Coop publiziert die Scope-3-Emissionen differenziert nach Produktgruppen. Daraus wird ersichtlich, dass Tierprodukte 47 Prozent der Gesamtemissionen der Coop-Gruppe verursachen, nĂ€mlich insgesamt 14 Mio. t CO2 Ă€q. Die Migros macht keine Angaben zu Produktgruppen innerhalb der Scope-3-Emissionen. Anhand von öffentlichen Informationen und Annahmen schĂ€tzen wir, dass Tierprodukte 31 – 43 Prozent aller Emissionen der Migros-Gruppe verursachen, also zwischen 4.7 und 6.6 Mio. t CO2 Ă€q.7 (Mittelwert 5.7 Mio. t CO2 Ă€q.).

Tabelle 1: Klimaziele und Klimabilanz von Coop und Migros

Coop-Gruppe (2022)

Klimaziel (SBTi)

2030:

Scope 1 und 2: –42 %

Scope 3: –30 %

2050:

Netto-Null-Emissionen fĂŒr die ganze CoopGruppe8 wobei gemĂ€ss SBTi auch auf NegativEmissions-Technoloogien gesetzt werden kann.9

Migros-Gruppe (2023)

2030:

Scope 1 und 2: –70 %

Scope 3: –27.5 %

2050: «90 % unserer gesamten Emissionen werden wir reduzieren, bei den landwirtschaftlichen Emissionen sind es 72 %.»10

Total Emissionen11

Anteil der Emissionen durch Tierprodukte an Gesamtemissionen

30.3 Mio. t CO2 Àq.

47 %

15.3 Mio. t CO2 Àq.

31–43 %

Tierprodukte verursachen bis zu

43 Prozent der Gesamtemissionen der Migros-Gruppe.

Tierprodukte verursachen fast die HĂ€lfte der Gesamtemissionen der Coop-Gruppe.

Konsummuster: grösstes Potenzial zur Emissionsreduktion

Es ist offensichtlich, dass fĂŒr Coop und Migros das Sortiment an Tierprodukten ein grosser Hebel ist, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Wir haben uns deshalb das Reduktionspotenzial in diesen Produktgruppen angeschaut.

Verschiedene Studien gehen davon aus, dass die jĂ€hrlichen Treibhausgasemissionen der Lebensmittel-Landwirtschaft um bis zu 50 Prozent reduziert werden könnten12. Die meisten Treibhausgasemissionen der Lebensmittelherstellung werden durch die Herstellung von Tierprodukten verursacht. Das grösste Potenzial, um die Emissionen zu reduzieren, liegt demnach bei diesen Produkten. Am meisten reduzieren liessen sich die Emissionen durch die VerĂ€nderung der ErnĂ€hrungsweise bzw. des Konsumverhaltens. Hier rechnen verschiedene Studien mit einem Reduktionspotenzial von 20 Prozent, entweder durch vegetarische ErnĂ€hrung oder durch weniger Fleischkonsum und einen Wechsel zu GeflĂŒgelfleisch. Wobei es an dieser Stelle zu erwĂ€hnen gilt, dass die gross angelegte HĂŒhnerhaltung nicht fĂŒr den Standort Schweiz geeignet ist13. Das Reduktionspotenzial durch ErnĂ€hrungsanpassung ist nur realisierbar, wenn die gesamte Bevölkerung ihren ErnĂ€hrungsstil Ă€ndert. ZusĂ€tzliches Potenzial bestĂŒnde, wenn sich die gesamte Bevölkerung vegan ernĂ€hren wĂŒrde. Das halten wir fĂŒr den betrachteten Zeitraum aber fĂŒr unrealistisch.Weitere 5–7 Prozent des Reduktionspotenzials kommt aus der Vermeidung von LebensmittelabfĂ€llen, welche teilweise auch bei den Konsument:innen anfallen. Insgesamt lĂ€sst sich also etwa die HĂ€lfte des gesamten Reduktionspotenzials der Treibhausgasemissionen aus der Lebensmittel-Landwirtschaft einzig durch einen verĂ€nderten Konsum erreichen. In den landwirtschaftlichen Herstellungsprozessen lassen sich die Emissionen maximal um ca. 16 Prozent reduzieren, vor allem indem die Methanbildung bei WiederkĂ€uern verringert oder die Entmistung optimiert wird. Eine weitere Reduktion der Emissionen um 6 Prozent liesse sich durch die Speicherung von Kohlenstoff in landwirtschaftlichen Systemen (Sequestrierung), zum Beispiel mittels Pflanzenkohle, erreichen.

Das Zieljahr fĂŒr die Realisierung der potenziell möglichen Reduktion von Treibhausgasemissionen der Lebensmittel-Landwirtschaft um rund 50 Prozent ist schwierig zu bestimmen. Die meisten Studien gehen fĂŒr die Umstellung der globalen Wertschöpfungskette von einem Zeitbedarf von ca. 20 Jahren aus. Ob solche Reduktionen tatsĂ€chlich flĂ€chendeckend bis 2040 erreichbar sind, ist unklar14. Welche zusĂ€tzlichen Reduktionen bis 2050 noch erreicht werden können, ist heute noch nicht vorhersehbar.

JĂ€hrliche Treibhausgasemissionen der Lebensmittel-Landwirtschaft

Reduktionspotenzial durch VerÀnderung des Konsummusters Reduktionspotenzial in landwirtschaftlichen Herstellungsprozessen Reduktionspotenzial durch Sequestrierung in landwirtschaftlichen Systemen Emissionen, die aus heutiger Sicht kaum reduziert werden können

Aus heutiger Sicht ist völlig unklar, wie Migros und Coop Netto-Null-Emissionen erreichen können. Gleichzeitig fĂŒhrt kein Weg an einer Reduktion des Tierprodukt-Sortiments vorbei, wenn die Unternehmen ihre Klimaziele ernst nehmen.

Kein Netto-Null ohne weniger Tierprodukte

Erreichen Migros und Coop ihre Netto-Null-Ziele, wenn sie diese Reduktionspotenziale umsetzen? Unsere Analyse zeigt, dass Emissionen aus Tierprodukten in der Bilanz verbleiben, selbst wenn die DetailhĂ€ndler das Reduktionspotenzial umsetzen könnten15. Bei der Migros wĂ€ren das schĂ€tzungsweise 3.3 Mio. t CO2 Ă€q. Dieser Betrag alleine wĂŒrde die Negativemissionen ĂŒbersteigen, welche die Migros durch den Einsatz von Negativ-Emissionstechnologien kompensieren möchte (10 Prozent der Emissionen des Basisjahres, ca. 1.7 Mio. t CO2 Ă€q.)16. Bei Coop verblieben schĂ€tzungsweise 8.3 Mio. t CO2 Ă€q. aus tierischen Lebensmitteln in der Bilanz. Auch dies ĂŒbersteigt die Emissionsmenge, welche die Coop-Gruppe gemĂ€ss SBTi durch Negativ-Emissionstechnologien kompensieren dĂŒrfte (10 Prozent der nicht-landwirtschaftlichen Emissionen und 28 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen des Basisjahrs, also ca. 4.7 Mio. t CO2 Ă€q.). Diese Ergebnisse machen deutlich, dass aus heutiger Sicht völlig unklar ist, wie die beiden Unternehmen Netto-Null-Emissionen erreichen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass kein Weg an einer Reduktion des TierproduktSortiments vorbeifĂŒhrt, wenn Migros und Coop ihre Klimaziele ernst nehmen.

Tabelle 2: Reduktionspotential von Migros und Coop im Bereich tierische Lebensmittel

Unternehmen Emissionen durch Tierprodukte17 (Mio. t CO2 Àq.)

Reduktionspotenzial durch: Verbesserung der Herstellung

Reduktionspotenzial durch: KonsumÀnderung (inkl. Food Waste)

Emissionen ca. 2040 (Mio. t CO2 Àq.)

Greenshifting: Wie Migros und Coop die Verantwortung an ihre Kund:innen abschieben

Das Ausschöpfen der Reduktionspotenziale hÀngt von den Anstrengungen aller Akteur: innen entlang der Wertschöpfungskette ab. Der Detailhandel trÀgt jedoch eine besondere Verantwortung, da er durch die Sortiments- und Preisgestaltung, die Produktplatzierung und Werbung das Konsumverhalten massgeblich beeinflussen kann.

Dieser Verantwortung kommen Migros und Coop nicht ausreichend nach. Sie argumentieren mit der Nachfrage nach Tierprodukten und der SouverĂ€nitĂ€t der Konsument:innen und schieben so die Schuld ihren Kund:innen in die Schuhe. Das nennt sich auch «Greenshifting18». Gleichzeitig fördern beide Unternehmen diese Nachfrage und untergraben die SouverĂ€nitĂ€t der Konsument:innen, indem sie hunderte Millionen Schweizer Franken in Werbung19 investieren und aggressive Rabattschlachten auf Fleisch und Fisch fĂŒhren (vgl. «Reality Check»). Noch 2021 gab Coop etwa sechs Mal mehr Geld fĂŒr Werbung fĂŒr Lebensmittel aus Tieren aus als fĂŒr vegane Ersatzprodukte. Migros etwa drei Mal mehr. Dies, obwohl ein Franken fĂŒr Tierprodukt-Werbung vier Mal mehr Treibhausgasemissionen verursacht als ein Franken, der vegane Ersatzprodukte bewirbt20. Die Aktionen und deren Bewerbung tragen das ihre dazu bei, denn der Preis ist ein relevanter Treiber des Konsums21. Es erstaunt nicht, dass die DetailhĂ€ndler 46 Prozent ihres Fleisches ĂŒber Rabatte verkaufen22. Gleichzeitig riskieren starke Rabattierungen, dass die Produktionskosten nicht gedeckt sind, was den Preisdruck auf die produzierende Landwirtschaft erhöhen kann23. Nebst diesen kurzfristigen Effekten der Absatzförderung, beeinflusst Werbung langfristig auch gesellschaftliche Normen24.

REALITY CHECK

Wir haben in einer Online-Stichprobe die Angebote von Coop und Migros durchleuchtet.25 Beide Unternehmen fĂŒhren in ihren Kategorien «Fleisch & Fisch» bzw. «Milchprodukte & Eier» auch vegane Alternativen.

Am Stichtag hat Coop in der Kategorie «Fleisch & Fisch» online 1 300 Produkte angeboten. 7 Prozent davon waren vegan. Von den 1 200 angebotenen «Milchprodukten» waren 11 Prozent vegane Alternativen.

Bei der Migros haben wir beispielhaft das Online-Angebot der Migros Aare untersucht. Die Kategorie «Fleisch & Fisch» beinhaltete am Stichtag 639 Produkte, 9 Prozent davon waren vegan. Unter «Milchprodukte» wurden 918 Artikel angeboten, davon 7 Prozent vegane Alternativen.

Umweltkennzeichnung

Migros und Coop weisen gerne auf die SouverĂ€nitĂ€t der Konsument:innen hin und erwĂ€hnen in diesem Zusammenhang ihre Umweltlabels M-Check bzw. Eco-Score. Laut den Unternehmen ermöglichen diese Kennzeichnungssysteme den Konsument:innen bewusste Kaufentscheidungen. Expert:innen kritisieren dagegen, dass die Vielzahl an Labels Konsument:innen verwirrt und ĂŒberfordert.26 Die Methodik und Bezugsgrösse der beiden Kennzeichnungssysteme sind beispielsweise sehr unterschiedlich. Dadurch können Kund:innen Produkte nicht ĂŒber Ladengrenzen hinweg vergleichen. Auch ein Vergleich innerhalb eines Unternehmens ist nur sehr beschrĂ€nkt möglich. So verwenden Migros und Coop die Umweltkennzeichnungen einzig fĂŒr Eigenmarkenprodukte.

Aktionen

Im Online-Angebot von Coop waren am Stichtag insgesamt 62 Fleisch- und Fischprodukte sowie 46 Milchprodukte rabattiert. 9 Produkte davon waren vegane Fleisch- oder Fischalternativen. FĂŒr alternative Milchprodukte waren am Stichtag keine rabattierten Angebote verfĂŒgbar. Von den rabattierten Tierprodukten verfĂŒgten lediglich 12 Prozent ĂŒber einen Ecoscore. Bei den rabattierten Fleisch- und Fischprodukten lag die durchschnittliche Bewertung (Skala von A+, geringe Umweltauswirkung bis E-, starke Umweltauswirkung) zwischen D und D+, bei Milchprodukten zwischen B und B+. Besonders stossend sind die Rabatte auf zwei HĂŒhnerProdukte: Die Poulet-Brust gerĂ€uchert aus Brasilien (Ecoscore E-) und die PouletbrustwĂŒrfel Premium aus der Schweiz (Ecoscore E). «Eine sehr schlechte Wahl fĂŒr den Planeten», wie Coop selber Ecoscore E beschreibt.27 Dennoch verkaufte das Unternehmen die beiden Produkte am Stichtag mit 21 Prozent (Pouletbrust gerĂ€uchert) bzw. 25 Prozent Rabatt (PouletbrustwĂŒrfel Premium).

21 %

AKTION

Pouletbrust gerÀuchert ca. 130g

4.00

3.08/100g aus Brasilien

Bei der Migros Aare waren am Stichtag 39 Produkte in der Kategorie «Fleisch & Fisch» rabattiert, davon eine vegane Alternative. Milchprodukte waren 41 rabattiert, darunter ein veganes Ersatzprodukt.

Am Stichtag waren 44 Prozent der rabattierten Fleisch- und Fischprodukte mit einem M-Check zur KlimavertrÀglichkeit bewertet. Sie schnitten mit durchschnittlich 2.3 Sternen (von maximal 5) ab. Am schlechtesten schnitten ein Rindshuftsteak aus Uruguay (Rindshuftsteak M-Classic, 40 Prozent Rabatt), ein Rindersteak aus der Schweiz in Bio-QualitÀt (mariniertes Rindersteak, 23 Prozent Rabatt) und ein Crevetten-Spiess (Crevetten-Spiess Greek Style, 30 Prozent Rabatt) ab. Alle drei waren mit einem Stern bewertet.

29 Prozent der rabattierten Milchprodukte waren bezĂŒglich der KlimavertrĂ€glichkeit beurteilt. Hier lag die durchschnittliche Bewertung bei 3.5 Sternen.

Mit gutem Beispiel voran

Dass es anders geht, zeigt der zweitgrösste DetailhĂ€ndler der Niederlande, Jumbo. Dieser hat beschlossen, ab Ende Mai 2024 kein Fleisch mehr zu bewerben. Sein Beweggrund ist der Klimaschutz und die dafĂŒr notwendige Reduktion von tierischen Proteinen. Bis 2025 sollen gemĂ€ss Jumbo 50 Prozent der verkauften Proteine pflanzlichen Ursprungs sein.28

Politische Rahmenbedingungen

Aktuell erarbeitet der Bund die neue Agrarpolitik (AP30+). Die zugrunde liegende Vision 2050 des Bundesrats ist «ErnĂ€hrungssicherheit durch Nachhaltigkeit von der Produktion bis zum Konsum». Konkret sieht sie bis 2050 u.a. vor, die Treibhausgasemissionen der landwirtschaftlichen Produktion mindestens 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken und den durch ErnĂ€hrung anfallenden Treibhausgas-Fussabdruck pro Kopf um mindestens zwei Drittel gegenĂŒber 2020 zu reduzieren29. Um diese Ziele zu erreichen, soll die neue Agrarpolitik alle Akteur:innen der Wertschöpfungskette – von den produzierenden Landwirt:innen, ĂŒber die Verarbeitung und den Detailhandel bis hin zu den Konsument:innen –in die Verantwortung nehmen.

FĂŒr uns ist klar: Damit der notwendige, vom Bundesrat angestrebte Wandel zu einem nachhaltigen ErnĂ€hrungssystem gelingt, mĂŒssen Migros und Coop in die Verantwortung genommen werden. Mit einem Marktanteil von ca. 80 Prozent am gesamten Lebensmittelhandel, und den schweizweit grössten Fleischverarbeitungsbetrieben Bell und Micarna, beeinflussen die beiden Unternehmen das Konsumverhalten massgeblich. Und dieses ist –wie unsere Analyse deutlich macht – der grösste Hebel, um die Treibhausgasemissionen der beiden DetailhĂ€ndler in Richtung Netto-Null zu senken.

Unsere Forderungen an Migros und Coop

‱ Zukunft im Sortiment: Absatzförderung (inkl. Werbung und Rabatte) von Tierprodukten sofort stoppen und das Sortiment reduzieren. Zugleich sollen Coop und Migros pflanzliche Produkte fördern.

‱ Transparenz: Konkreter Absenkpfad aufzeigen, mit dem die wissenschaftlich basierten Netto-Null-Klimaziele erreicht werden sollen. Dazu gehört auch, transparent ĂŒber vorgesehene Massnahmen und allfĂ€llig fehlende Lösungen zu informieren.

‱ Stopp Greenshifting: Die Verantwortung nicht lĂ€nger auf die Konsument:innen abschieben.

Unsere Forderung an die Politik bezĂŒglich dem Detailhandel Um eine nachhaltige ErnĂ€hrung im Rahmen der Agrarpolitik 2030+ zu fördern, muss die Politik den Detailhandel und insbesondere Migros und Coop durch ambitionierte, wirkungsvolle und verbindliche Zielvereinbarungen in die Verantwortung nehmen. Diese mĂŒssen auch beinhalten, dass der Verkauf von Tierprodukten reduziert und Rabatte und Werbung fĂŒr Tierprodukte abgeschafft werden.

FUSSNOTEN- UND QUELLENVERZEICHNIS

1 Coop, 2023: Tat Nr. 85 Wir senken unseren CO2-Ausstoss stetig. Abgerufen 26. April 2024, von https://www.taten-statt-worte.ch/de/ unsere-taten/tat-nr-85.html

2 https://sciencebasedtargets.org/

3 Migros, 2024: Kennzahlen zu Klima & Energie. Abgerufen 24. Mai 2024, von https://corporate.migros.ch/de/verantwortung/nachhaltigkeit/ nachhaltigkeitsreporting/kennzahlen-klima-energie#id-%C3 %BCbersicht-emissionen-nach-kategorie-scope-3

4 Coop 2023: Netto-Null-Coop-2050. Abgerufen 25. Mai 2024 von https://www.taten-statt-worte.ch/content/dam/taten-statt-worte/ TatenstattWorte_Relaunch/Nachhaltigkeitsthemen/Umweltschutz/Energie%20und%20Klimaschutz/netto-null-coop-2050-d.pdf

5 Obwohl Coop mehr Umsatz im MineralölgeschÀft und in den GeschÀftssegmenten mit hohem Nahrungsmittelanteil (beides energieintensive Bereiche) erzielt, lÀsst sich der grosse Unterschied in den Klimabilanzen nicht abschliessend erklÀren.

6 BFS, 2023: Umweltindikator – Treibhausgasemissionen. Abgerufen 26. Mai 2024 von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/ raum-umwelt/umweltindikatoren/alle-indikatoren/emissionen-und-abfaelle/treibhausgasemissionen.html; Annahme, dass 75 Prozent der Emissionen der beiden Unternehmen im Schweizer GeschĂ€ft anfallen, analog zur Umsatzverteilung Inland-Ausland.

7 Die SchÀtzung basiert auf zwei AnnÀherungsrechnungen, einerseits basierend auf öffentlichen Angaben der Migros und andererseits auf dem Vergleich mit Coop. Zudem wurde der Gesamtkonsum von Tierprodukten der Schweiz zur Plausibilisierung beigezogen.

8 Coop, 2023: Netto-Null Coop 2050. Abgerufen am 25. Mai 2024, von https://www.taten-statt-worte.ch/content/dam/taten-statt-worte/ TatenstattWorte_Relaunch/Nachhaltigkeitsthemen/Umweltschutz/Energie%20und%20Klimaschutz/netto-null-coop-2050-d.pdf

9 GemĂ€ss SBTi mĂŒssen 90 Prozent der nicht-landwirtschaftlichen Emissionen und 72 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen reduziert werden, der Rest kann durch Negativ-Emissions-Technologien getilgt werden.

10 Migros, 2024: So reduzieren wir unsere Treibhausgasemissionen. Abgerufen 12. Juni 2024, von https://corporate.migros.ch/de/ verantwortung/nachhaltigkeit/nachhaltigkeitsstrategie/strategie-klima-und-energie

11 GemĂ€ss den jeweils aktuellsten, öffentlich verfĂŒgbaren Klimabilanzen, Stand 26. Mai 2024

12 Zum Beispiel Smith, P., Nayak, D., Linthorst, G., Peters, D., Bucquet, C., Van Vuuren, D. P., u. a., 2016: Science-based GHG emissions targets for agriculture and forestry commodities

13 MasthĂŒhner sind stark von Kraftfutter wie Soja abhĂ€ngig, dessen Anbau direkt die Produktion von Lebensmitteln fĂŒr die menschliche ErnĂ€hrung konkurrenziert. Ohne grosse Mengen importierter Futtermittel könnte in der Schweiz nur sehr wenig HĂŒhnerfleisch produziert werden (vgl. Greenpeace Schweiz 2021, Der Futtermittel-Schwindel). Das importierte Futtermittel ist fĂŒr einen grossen Teil des StickstoffĂŒberschusses verantwortlich. Das macht die Schweizer HĂŒhnerfleischproduktion ökologisch höchst problematisch –insbesondere im Hinblick auf die Artenvielfalt.

14 Viele Studien sprechen von einem «maximalen Reduktionspotenzial», d.h. eine theoretische Absenkung unter idealen Voraussetzungen. Bei der Betrachtung dieser Reduktionspotenziale soll Zuversicht erlaubt sein, ein vorbehaltloser Optimismus wĂ€re aber gefĂ€hrlich. Denn es gelten kaum je ideale Voraussetzungen. Jede Lieferkette sieht etwas anders aus, beispielsweise bezĂŒglich der Anbaumethode, der verwendeten DĂŒngemittel, der Effizienz und der geographischen Lage. Auch bei der Betrachtung des maximalen Reduktionspotenzials durch VerhaltensĂ€nderungen, u.a. durch eine signifikante Reduktion des Fleischkonsums in der gesamten Bevölkerung, wird die Schwierigkeit fĂŒr das tatsĂ€chliche Ausschöpfen dieses Potenzials deutlich.

15 Um eine DoppelzÀhlung zu vermeiden, werden hier die -6 Prozent Reduktionspotenzial durch die Sequestrierung nicht mitgerechnet, da sie bereits in den SBTi Reduktionspfaden eingeplant sind.

16 WĂŒrde die Migros genau den SBTi-Vorgaben folgen, wonach 90 Prozent der nicht-landwirtschaftlichen Emissionen (anstelle 90 Prozent der gesamten Emissionen) und 72 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen reduziert wĂŒrden, so kĂ€men die durch NegativEmissionenstechnologien zu reduzierenden Emissionen auf 2.7 Mio. t CO2 Ă€q. zu liegen, also immer noch zu tief, um die in der Bilanz verbleibenden Emissionen zu kompensieren.

17 Des jeweils letzten Berichtsjahres, 2023 fĂŒr die Migros (geschĂ€tzte Zahlen), 2022 fĂŒr Coop (rapportierte Zahlen)

18 Definition von Greenshifting: ein:e Verursacher:in versucht, die Schuld von seinen Produkten auf die Kund:innen abzuwĂ€lzen, indem z. B. Migros und Coop argumentieren, dass die Nachfrage ihrer Kund:innen der Grund dafĂŒr ist, dass sie so viele Tierprodukte anbieten. (Vgl. Financial Times, 2024: Too good to be true: the greenwashers’ box of tricks. Abgerufen 28. Mai 2024, von https://www.ft.com/ content/78b3c741-1ab8-48f5-92a8-4e98dfa230ab)

19 Statista, 2024: Ranking der Werbetreibenden mit den grössten Werbeausgaben in der Schweiz im Jahr 2022. Abgerufen 27. Mai 2024, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/422017/umfrage/werbetreibende-mit-den-groessten-werbeausgaben-in-der-schweiz/

20 Greenpeace Schweiz 2023: Werbebedingte Emissionen und Umweltbelastung in der Schweiz

21 ETH, 2009: Konsumverhalten und Förderung des umweltvertrĂ€glichen Konsums. Bericht im Auftrag des Bundesamtes fĂŒr Umwelt BAFU, Visschers, V. et al. ETH ZĂŒrich.

22 Bundesamt fĂŒr Landwirtschaft, 2021: Bedeutung von Verkaufsaktionen im Schweizer Fleischmarkt, 2021

23 Fesenfeld et al., 2023: Wege in die ErnĂ€hrungszukunft der Schweiz: Leitfaden zu den grössten Hebeln und politischen Pfaden fĂŒr ein nachhaltiges ErnĂ€hrungssystem

24 Greenpeace Schweiz 2022: Von manipulativer Werbung auf unsere Teller: Eine Schweizer Studie ĂŒber die Werbung fĂŒr tierische Produkte

25 Am 30. Mai (Coop) und 6. Juni 2024 (Migros) haben wir alle Informationen zu den relevanten Produkten von migros.ch bzw. coop.ch heruntergeladen. BerĂŒcksichtigt haben wir jeweils Produkte, die online erhĂ€ltlich sind. Bei der Migros, die ihr Angebot nach regionalen Genossenschaften unterteilt, haben wir das Angebot der Genossenschaft Migros Aare untersucht. BerĂŒcksichtigt wurden Produkte, die unter den Navigationsbuttons «Fleisch & Fisch» sowie «Milchprodukte & Eier» erscheinen. Um vergleichbare Stichproben zu erhalten, haben wir bei der Migros einige Produktegruppen ausgeschlossen, wie z.B. «frische Fertiggerichte», die unter dem Button «Milchprodukte und Eier» erscheinen.

26 Infras, Öko-Institut e.V., ZHAW 2024: Konsumseitige AnsĂ€tze zur Verbesserung der Nachhaltigkeit des ErnĂ€hrungssystems. Rahmenbedingungen fĂŒr die freiwillige Klimakennzeichnung von Lebensmitteln und Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel

27 Coop 2023: Pouletbrust gerÀuchert. Abgerufen am 6. Juni 2024, von https://contentimages.coop.ch/ dambilder?id=37b802888831e8ecebe33a4d4242a006333fac74

28 Jumbo 2024: Jumbo ist die erste Supermarktkette, die die Fleisch-Werbeaktionen stoppt. Abgerufen am 27. Mai 2024, von https://www. jumbo.com/nieuws/jumbo-stopt-als-eerste-supermarktketen-met-vleespromoties/

29 Bundesrat 2022: ZukĂŒnftige Ausrichtung der Agrarpolitik, Bericht des Bundesrates in ErfĂŒllung der Postulate 20.3931 der WAK-S vom 20. August 2020 und 21.3015 der WAK-N vom 2. Februar 2021

IMPRESSUM Greenshifting statt Klimaschutz

Autorin: Barbara Wegmann, Greenpeace Schweiz

Lektorat: Michelle Sandmeier, Greenpeace Schweiz

Layout: Franziska Neugebauer, Greenpeace Schweiz

Juni 2024

Greenpeace Schweiz, Badenerstrasse 171, Postfach, CH-8036 ZĂŒrich schweiz@greenpeace.org

Greenpeace finanziert ihre Umweltarbeit ausschliesslich durch Spenden von Privatpersonen und Stiftungen. greenpeace.ch/de/handeln/spenden

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