Ansprache Pfarrer E. Schmidt

Page 1

60 Jahre seit der Deportation der Banater Schwaben in die Baragansteppe

1

60 Jahre seit der Deportation der Banater Schwaben in die Baragansteppe

2

Gedenkgottesdienst in der Kirche Sankt Bernhard am 25.06.2011 mit Pfarrer E. Schmidt. Fotos: Cornel Gruber

60 Jahre seit der Deportation der Banater Schwaben in die Baragansteppe Predigt von Pfarrer E. Schmidt

A

lle meine Lieben, jetzt am 1. Oktober war mein Geburtstag, war ich 70 Jahre alt, aber so ein Jammer, so ein Elend habe ich in meinem ganzen Lebenslauf noch nicht mitgemacht. Alle hier die Leute haben bald nichts mehr zu Essen. Das Trinkwasser ist 3 km weg von hier und das so tief, dass man zwei lange Wagenstricke zusammenbinden muß fürs Wasser raufziehen. Die Donau ist 4 km von hier. O das ist eine Trauer hier und ein Elend. Meine Lieben, was hört man bei Euch? Gibt es bald andere Zeiten, dass alle Menschen erlöst werden aus ihrer Qual? O lieber Gott, ich bitte Dich, hilf uns, lass uns in unsere Heimat zurückziehen“. Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Landsmannschaft der Banater Schwaben! Die eingangs zitierten Zeilen stammen aus der Feder einer siebzigjährigen Frau, geschrieben mitten heraus aus dem oft verzweifelten Leben der vielen Deportierten in der Baragansteppe. Am 18.06.1951 begannen für viele Angehörige der Volksgruppe der Banater Schwaben, aber auch für manch andere Volksgruppe, die von langer Hand vorbereiteten Deportationen. Von jetzt auf nachher mussten damals vor 60 Jahren Zehntausende ihre geliebte Heimat, ihre Häuser, ihre landwirtschaftlichen Anwesen, ihre Handwerksbetriebe zurücklassen, um in der rumänischen Steppenlandschaft östlich von Bukarest unter primitivsten Bedingungen neu anzufangen. Zunächst musste man in Erdlöchern hausen,

dann folgten einfachste Hütten aus Schilf und Stroh, später einfache Häuser aus selbstgestampften Ziegeln, im Sommer der heißen Sonne ausgesetzt, im Winter den frostigen, oft orkanartigen Stürmen und Schneeverwehungen. Wenn man sich die Bilder und Berichte dazu vor Augen führt, spürt man, welch entsetzliches Leid damals im Zuge des zunehmenden Einflusses der Kommunisten über das Volk gebracht wurde. Arglose Menschen wurden damals einfach zu Volksfeinden erklärt, und es wurde in diesen Jahren zum Teil noch schlimmer mit ihnen umgegangen als mit dem Vieh. Sie, liebe Gäste, erinnern sich heute an diese schrecklichen Ereignisse. Sie haben auf dem Friedhof eine Gedenkstunde gehalten, sich in unserem Gemeindezentrum getroffen, einen Vortrag zu den damaligen Gräueltaten gehört und feiern nun mit uns als Gemeinde den Gottesdienst. Was ich von dieser Geschichte wahrgenommen und mir erläutern und erzählen ließ, übertrifft bei weitem das, was ich als Kind von meiner Oma und meinen Eltern von deren Vertreibung als Sudetendeutsche aus Südmähren gehört habe. Es ist schön, dass wir nun miteinander Gottesdienst feiern können, unser Gedenken an diesem Tag auch ins gemeinsame Beten und Singen mit hineinnehmen können. Ich denke es hat gepasst, dass wir zu Beginn

aus der Schubertmesse gesungen haben: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“ Damals gab es in den neuen Baragandörfern keine Kirchen. Dennoch trafen sich die Verbannten zum sonntäglichen Gebet in ihren Privathäusern. Einzelne Priester, die ebenfalls deportiert worden waren oder ihren Gemeindemitgliedern freiwillig folgten, bereisten die Dörfer und feierten hin und wieder Gottesdienste, spendeten Sakramente und segneten im Nachhinein der Gräber der vielen Verstorbenen. Zunächst musste diese alles heimlich geschehen, später wurde es geduldet. Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Unser heutiges Evangelium spricht vom Kreuz, das zur Jüngerschaft Jesu gehört, von der Möglichkeit, dass man das Leben verlieren kann, aber auch davon, dass jeder, der einem anderen auch nur einen Becher frisches Wasser gibt, gewiss nicht um seinen Lohn kommen wird. Immer wieder haben in der Menschheitsgeschichte einzelne Machthaber über andere Leid gebracht und sie ihrer Würde beraubt, immer wieder wurden Menschen von ihren Mitmenschen wie Tiere behandelt, immer wieder haben Menschen anderen Kreuze aufgeladen – Kreuze, die so nicht von Gott gewollt waren. Immer wieder haben Menschen daran mitgewirkt, dass andere ihr Leben lassen mussten – etwas, was so nicht von Gott gewollt war. Immer wieder ist es Menschen schwergemacht worden, an das Lebensnotwendige Brot oder das lebensnotwendige Wasser zu kommen, so wie im eingangs zitierten Brief der alten Frau aus der Baragansteppe. Immer wieder werden Menschen aneinander schuldig – etwas, was so nicht von Gott gewollt ist. Nach fünf Jahren wendete sich damals das Blatt, wurden Gebete und Bitten erhört, gaben die Machthaber

auch dem Druck von außen nach. Nach und nach lösten sich die schweren Schicksale, wurden Neuanfänge möglich und die Rückkehr in die alte Heimat. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“, so heißt es bei einem jüdischen Gelehrten des 17. Jahrhundert. Nur wenn wir eine gute Erinnerungskultur pflegen, können wir aus der Geschichte lernen, können wir dem Leid der damals Betroffenen gerecht werden, kann neues Unrecht vermieden werden. Nur so kann sich etwas „lösen“ und neu werden in der Menschheitsgeschichte, nur so können Gräben zugeschüttet und Brücken in eine gerechtere und menschenwürdigere Zukunft nach Gottes Willen gebaut werden. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“… Was in den Bildern, Erzählungen und Berichten aus der damaligen Zeit immer wieder auch durchkommt, ist für mich der ungeheure Zusammenhalt, der die Betroffenen damals ausgezeichnet hat, das Gemeinschaftsgefühl, die Einheit, die einem half, mit den vielen Erniedrigungen und den grauenhaften Umständen zurechtzukommen. Ich glaube, dass dies für unsere heutige Zeit, wo so viele nur an sich denken, wo so viele nur so vereinzelt vor sich hinleben, eine ganz wichtige Botschaft ist. Vielleicht ist damit auch das gemeint, was Jesus im heutigen Evangelium anklingen lässt, wenn er sagt: „Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt … ; er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“. Halten wir Augen, Ohren und unsere Herzen offen für die Menschen, die heute danach „dürsten“, dass sie angenommen und bejaht werden, dass sie Heimat finden, dass ihre Würde geachtet wird, dass ihre Unterdrückung und Erniedrigung ein Ende finden. Amen.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.