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Die Wirtschaft_03/2020

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Wirtschaftstalk

Im Corona-Modus

Kritiker überzeugt

Diskussion über Mode, Corona, Handel und Marken.

Wie die DBU dafür sorgt, dass Projekte weiter Geld bekommen.

Mit Randy de Jong hat Osnabrück wieder einen Sternekoch.

Mode & Wandel – Seiten 16 und 17

Geld & Geschäft – Seite 9

Leben & Leidenschaft – Seite 21

Foto:Hiekmann

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Am seidenen Faden?

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Ein Modeherz schlägt auch weiterhin in Ostwestfalen. Einen goldenen Weg in die Zukunft für alle gibt es nicht. VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/

Die Rottendorfer S.Oliver Gruppe hat gerade erst die Entlassung von 200 Mitarbeitern angekündigt, ebenso viele wird der Haller Modekonzern Gerry Weber entlassen, wenn das neue Zukunftskonzept umgesetzt wird. Die Hamburger Tom Tailor Holding hat indes Insolvenz angemeldet. Esprit, Bonita und Hallhuber sind nur einige der Unternehmen, die sich ins Schutzschirmverfahren gerettet haben. Die deutsche Modeindustrie steckt in der Krise – allerdings nicht erst, seit die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus dazu führten, dass Lieferketten stockten und der Handel über Wochen Kollektionen nicht abverkaufen konnte. „Die deutsche Modeindustrie hat seit einigen Jahren mit mehreren Entwicklungen zu kämpfen: einem deutlich geänderten Einkaufsverhalten, zurückgehenden Passantenfrequenzen in den Innenstädten, zurückgehender Nachfrage in wichtigen Exportmärkten, hohen Belastungen durch Auflagen und Vorgaben bei einem gleichzeitig sehr großen Angebot an Ware“, zählt Oliver Teuteberg, Leiter der Abteilung Wirtschaft des Verbands der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, die Herausforderungen auf. Durch den Lockdown wurden diese Entwicklungen nun noch einmal verschärft. Also eine Modeindustrie am seidenen Faden? Ganz so schwarz malt Teuteberg die Zukunft nicht. Auch wenn er sagt: Einzelne Unternehmen hätten aufgrund dieser Entwicklung nicht das notwendige Polster, um diese Phase zu überstehen. Die Lage der Modeindustrie – und letztlich auch des Modehandels – erinnert an die Automobilindustrie: Auf einen vor der Pandemie eingeleiteten Strukturwandel trifft nun die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise – und das Virus droht den angestoßenen Prozess zu beschleunigen. Als Modeikone Coco Chanel sagte: „Wer unersetzbar sein will, muss vor allem ,anders’ sein“, kann sie nicht geahnt haben, wie sehr dieser Ausspruch auch im Jahr 2020 Gültigkeit haben könnte. Das wird auch an den oben genannten Marken-Beispielen deutlich. Sind sie unersetzbar? Die Frage wird sich jeder Hersteller heute möglicherweise noch einmal ganz anders stellen müssen als früher. Ein Blick auf die Beispiele zeigt: Sie alle hatten schon vor Corona ihre Probleme. Gleiches gilt für den Handel und hier NORDHORN

Foto:Colourbox.de,Montage:M.Michel

allen voran Galeria Karstadt Kaufhof. Der Branchenverband GermanFashion sieht aufgrund der CoronaKrise Hunderttausende Arbeitsplätze in Industrie und Handel vor dem Aus. Wie stehen vor diesem Hintergrund die Unternehmen da, die in

„Gerade in Ostwestfalen gibt es starke Marken, die über viele Jahre aufgebaut und gepflegt wurden.“ Oliver Teuteberg, Verband der Nordwestdeutschen Textilund Bekleidungsindustrie

der Region und dem angrenzenden Ostwestfalen ihre Wurzeln haben? In der Grafschaft Bentheim hat der in den 1970erJahren einsetzende Strukturwandel der Branche bereits dazu geführt, das von einem der ehemals größten Textilzentren Deutschlands in Nordhorn nicht viel übrig ist. Povel, Nino, Rawe, keine der traditionsreichen Firmen überlebte die Zeit. Bundesweit hat die Branche seit 1970 etwa neun Zehntel ihrer Betriebe und Beschäftigten verloren. In der Grafschaft zeugen nur noch einige Bauwerke wie der Povelturm, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Nino oder die Alte Weberei von der einstigen Blütezeit. Heute gibt es nur noch vereinzelt Unternehmen wie Rofa, einen Hersteller von Arbeitskleidung, die die Ära überdauert haben – und sogar noch am Standort produzieren. Sie bleiben gefragt. Gefragt sind auch die Marken aus dem benachbarten Ostwestfalen. Auch wenn der eine oder andere Hersteller in den vergangenen Jahren kriselte und sich restrukturierte, in OWL schlägt bis heute ein Herz der deutschen Modeindustrie. Die vier großen Bekleidungshersteller der Region – Brax (Umsatz: 320 Millionen Euro), Bugatti (Umsatz: 212 Millionen Euro), Seidensticker (Um-

satz: 179 Millionen Euro) und die Ahlers AG (Umsatz: 207 Millionen Euro), die eigenen Angaben zufolge den Konzernumbau nun abgeschlossen hat – kamen zuletzt zusammen auf einen Umsatz von mehr als 900 Millionen Euro. Hinzu kommen die Erlöse des krisengebeutelten Modekonzerns Gerry Weber. Anders als in anderen Regionen haben diese Firmen den Strukturwandel überdauert und sind zum Teil seit mehr als 100 oder 200 Jahren am Markt. Die Stärke des Modestandorts OWL erklärt Oliver Teuteberg so: „Gerade in Ostwestfalen gibt es starke Marken der deutschen Modeindustrie, die über viele Jahre aufgebaut und gepflegt wurden.“ Und hinzu kommt: Brax, Bugatti, Seidensticker, Ahlers – sie alle sind mittelständische Unternehmen mit einer starken (Gründer-) Familie im Rücken. „In diesen Unternehmen wird langfristig und strategisch gedacht. Das zahlt sich aus“, so Verbandsexperte Teuteberg. Die Corona-Pandemie konnten jedoch auch sie nicht kommen sehen und müssen ihre Prognosen daraufhin anpassen. Insgesamt sieht Teuteberg deutsche Modehersteller jedoch nicht vor mehr oder weniger Problemen als die interna-

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Jörn Hasenfuß leitet jetzt das VW-Werk

Die deutsche Modewelt ist im Wandel – und war es lange vor der Corona-Pandemie

Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben Branche getroffen.

WWW.DIEWIRTSCHAFT-GN.DE

tionale Konkurrenz. Und auch die Umsatzeinbrüche zögen sich durch die ganze Branche, unabhängig vom Preissegment. „Richtig ist aber zum einen, dass die Nachfrage in der Mode sehr preissensitiv ist und dass zum anderen gerade die sogenannten Billiganbieter dafür sorgen, dass sehr viel Ware auf dem Markt ist“, so Teuteberg. Was allerdings für deutsche Hersteller hinzukomme: Strenge Umweltauflagen, eine hohe Abgaben- und Steuerlast sowie rein deutsche Diskussionen zum Beispiel über ein Lieferkettengesetz würden die Situation noch verschärfen, warnt er. Wie geht es nun weiter? Laut Gesamtverband Textil+Mode haben mehr als 80 Prozent der Unternehmen der Branche Kurzarbeit beantragt, viele würden Umsatzeinbrüche von 80 Prozent und mehr verkraften müssen und wüssten nicht, wie sie die kommenden Monate überstehen. Mit der zeitlich befristeten Mehrwertsteuersenkung alleine sei den Betrieben nicht geholfen. Das könnte auch Einschnitte in der Region bedeuten. Und die Vermarktung? Hersteller sind oft auch der eigene Handelsunternehmer. Zu viele eigene Filialen aufgebaut zu haben ist jedoch nicht nur Gerry Weber zum Verhängnis geworden. Gleichzeitig steckt aber auch der Fachhandel in der Krise. Eine allgemeingültige Vermarktungsstrategie gebe es nicht, so Oliver Teuteberg. „Kleider werden anders verkauft als Hosen, Anzüge anders als Hemden. Klar ist, dass sich mehr in Richtung OnlineHandel verlagern wird.“ Ob und inwiefern dies als Ergänzung oder Ersatz zum stationären Handel geschehe, sei aber eine offene Frage. „Den goldenen Weg für alle und jeden gibt es da nicht.“

Aus Hannover nach Osnabrück: Seit 1. Mai sitzt Jörn Hasenfuß im Chefsessel des Osnabrücker VW-Werks und leitet den Standort mit seinen rund 2400 Mitarbeitern. Dass der Wechsel zur Zeit der Corona-Pandemie stattfand, sieht Hasenfuß ganz pragmatisch: „Der Zeitpunkt ist so, wie er ist.“ Kurz nach seiner Ankunft fuhr VW nach wochenlanger Schließung die Produktion wieder hoch. „Insofern ist es ein guter Zeitpunkt, um zu starten“, fand Hasenfuß damals. Vor seinem Wechsel war Jörn Hasenfuß – seit 33 Jahren für den Volkswagen Konzern tätig – Mitglied des Vorstandes für den Bereich Beschaffung bei Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover. Auch wenn Osnabrück nicht allzu weit entfernt liegt, will Jörn Hasenfuß zusammen mit seiner Frau seinen Lebensmittelpunkt in die Hasestadt verlagern. Seine Tätigkeit in Osnabrück plant der neue Standortchef langfristig. „Ich habe vor, in jedem Fall noch bis 2023 zu arbeiten. Danach wird man sehen. Ich habe Lust zu gestalten. Der Standort in Osnabrück hat eine lange Tradition. Darauf aufzubauen und zusätzliche Fahrzeuge hierher zu holen, das sehe ich vor allem als meine Aufgabe.“ nika OSNABRÜCK

JörnHasenfuß

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

MACHER & MÄRKTE MACHER & MÄRKTE

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GELD & GESCHÄFT

CORONA UND DAS BEISPIEL MODEBRANCHE

3 | 125 Jahre

9 | Corona-Modus

Die Felix Schoeller AG hat eine lange Firmengeschichte in Osnabrück und feiert im Corona-Jahr Jubiläum.

So haben Stiftungen wie die DBU ihre Anlagen verändert, um niedrigen Zinsen und Corona zu trotzen.

4/5 | Nachhaltig

10 | Börsenporträt

Die EU plant ein Recht auf Reparatur von Elektrogeräten. Bei der Shift GmbH ist das schon lange Firmenphilosophie.

Warum die Gefahr einer Inflation trotz EZB-Anleihekäufen nicht hoch ist.

6 | Investition

11 | Kurzarbeit

Die Meyer Werft startet in Kürze den Probebetrieb im neuen Logistikzentrum.

So verändert die Pandemie Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft.

VON BERTHOLD HAMELMANN

7 | Mehrwert Felix Ahlers hat den Tiefkühlkosthersteller Frosta umgekrempelt und will ihn nachhaltiger aufstellen.

Foto: imago images/osnapix

12 | Schieflage Foto: dpa/Ingo Wagner

Wie Mitarbeiter und Führungskräfte angeschlagenen Firmen durch die Krise helfen können.

SPEZIAL

LEBEN & LEIDENSCHAFT

MODE & WANDEL 13 | Interview

21 | Stern

Im Gespräch mit Gerd Oliver Seidensticker über Marken, Mode und Corona.

Mit Randy de Jong hat Osnabrück wieder einen Sternekoch.

14 | Arbeitskleidung

22 | Nachfolge

Rofa hat den Niedergang der Textilindustrie überstanden und fertigt heute noch in der Grafschaft.

Eine Leidenschaft für Licht und Spiegel sichert die Nachfolge von Günther Zierath.

15 | Neuanfang

23 | Kuchen

So wollen Alexander Gedat und Florian Frank Gerry Weber wieder zum Erfolg führen.

Das Team von Backen.de stellt kostenlos immer neue Rezepte zur Verfügung.

16/17 | Wirtschaftstalk Mark Rauschen und Matthias Böckmann diskutieren über den Modehandel in der Krise.

18 | Aufbereitung Wie „tex idea care“ dafür sorgt, dass Jacken und Co. fit sind für den Verkauf.

20 | Zahlen So hatte sich die deutsche Modeindustrie zuletzt entwickelt.

„Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld...?“

Foto: backen.de

Vor der Pandemie, dem kontinentübergreifenden Ausbreiten des Coronavirus, verbanden weltweit die meisten Menschen den Begriff Corona mit der gleichnamigen mexikanischen Biermarke. Das hat sich geändert. Das Virus Sars-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2), das die bislang unbekannte Atemwegserkrankung Covid-19 verursacht, gibt weiter den alltäglichen Pulsschlag vor. Oft mit merkwürdigen Stilblüten, was Verordnungen und Regeln angeht. Auch in Deutschland sollen milliardenschwere Hilfsprogramme den Exitus von Unternehmen vermeiden. Die Politik will so auch das Schreckgespenst einer Massenarbeitslosigkeit mit ihren dramatischen gesellschaftspolitischen Folgen bannen. Der Weg ist nicht nur aller Ehren wert – er ist alternativlos. Ist jemand derzeit bei der sehr vielschichtigen Gemengelage trotz allem noch mit etwas (Galgen-)Humor unterwegs und verfügt über ein gewisses Lebensalter, kommt ihm vielleicht der Kehrreim eines alten Kölner Karnevallieds in den Sinn: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt, wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld…?“ Der Text des Gassenhauers war bei seiner Entstehung eine Anspielung auf die durch die Währungsreform im Juni 1948 ausgelösten Preissteigerungen. Übertragen auf die aktuelle Krise, sind die Antworten klar: Bestellt hat Corona – trotz aller Verschwörungstheorien, die bis zu einer geplanten Währungsreform reichen – niemand. Und die Zeche zahlen wir alle, wir werden an den finanziellen Folgen noch Jahre, wohl eher Jahrzehnte zu knabbern haben. „Nichts wird je wieder so sein, wie es war“, lautet ein Mantra in der Corona-Krise. Wer will da widersprechen? Gibt es aber schon Lehren und Erkenntnisse, die aus den letzten dramatischen Monaten gezogen werden können? Zum Hinschauen eignet sich exemplarisch die Modebranche, Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Corona erwischte den wichtigen Wirtschaftsbereich, als die Frühjahrsmode abverkauft werden sollte. Wochenlang durfte der Einzelhandel die Ladentüren nicht öffnen. Jetzt stehen sie offen. Doch die massiven Umsatzverluste sind nicht auszugleichen. Im Gegenteil. Die Frühjahrskollektion entwickelte sich zum La-

denhüter. Wohin also mit dem Warenüberschuss? Rabattaktionen sind die Folge. Angesichts der Preisnachlässe wirken in diesem Fall die Möglichkeiten der aktuellen Mehrwertsteuersenkung geradezu lächerlich. Immerhin registriert der textile Einzelhandel wieder Kauflaune. Im März dominierte die Panikphase. Der Verbraucher hatte keine Lust auf Mode. Gegenwärtig arrangiert man sich mit den Umständen. Ob Taufe oder Hochzeit – die gesetzlichen Lockerungen ermuntern auch wieder zum Kauf anlassbezogener Kleidung, die wie Blei in den Regalen lag. Wie zukünftig die neue Normalität aussehen wird – wer wagt da eine Prognose? Diskutiert werden gerade große Branchenthemen. Kommt es zu einer Entschleunigung der Modewelt? Zu viele Kollektionen, die zu schnell in den Markt gedrückt werden („Fast Fashion“), zu wenig Nachhaltigkeit und die ungezügelte Massenproduktion in Billiglohnländern sind dabei nur einige Punkte. Auch wenn Konsumenten gerade der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft einen höheren Stellenwert zugestehen – sind das nur Lippenbekenntnisse, die bei höheren Preisen wie Luftblasen zerplatzen? Den textilen Einzelhandel drücken derweil ganz andere Themen. Wie sieht es mit der eigenen Liquidität aus? Welche Produzenten verschwinden kurzfristig vom Markt? Auf welchen Hersteller ist Verlass? Ab wann funktionieren unterbrochene Lieferketten wieder? Kommt die Ware rechtzeitig ins Haus? Welches Wagnis geht man jetzt mit dem Ordern (und Bezahlen) zukünftiger Saisonware ein? Von deutlicher Entspannung ist in der Modebranche wenig zu spüren. Alle notwendigen Entscheidungen gleichen dem Ritt auf der Rasierklinge.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

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125 Jahre – und ein neues Standbein in Osnabrück Die Felix Schoeller AG hat sich vom führenden Hersteller von Fotopapier zum Spezialpapierhersteller entwickelt VON NINA KALLMEIER OSABRÜCK 125 Jahre Firmengeschichte – und das mitten in der Corona-Krise. Seit fast zwei Jahren führt Hans-Christoph Gallenkamp als Geschäftsführer in fünfter Generation die Osnabrücker Felix Schoeller Gruppe. Zuversichtlich war er ins Jahr 2020 gestartet – und dann kam Corona. „An eine solche Krise, wie das Coronavirus sie ausgelöst hat, kann ich mich nicht erinnern“, sagt der Unternehmer. Und wenn man als Betrieb auf 125 Jahre Geschichte zurückblickt, gibt es zwangsläufig jede Menge wirtschaftliche Höhen und Tiefen, international wie auch für das eigene Unternehmen. Mit dem Siegeszug der Fotografie begann der Aufstieg der 1895 gegründeten damaligen „Feinpapier Fabrik Felix Schoeller jr“. Aus ihr hat sich die heutige Felix Schoeller AG, global Player und einer der großen Arbeitgeber in der Region, entwickelt. Auf dem Fotopapier hat fast 100 Jahre lang fast ausschließlich der Erfolg gefußt. Dass das Unternehmen heute so divers aufgestellt ist, geht auf seinen Vater zurück, sagt Hans-Christoph Gallenkamp. „Noch 1990 waren wir fast komplett darauf fokussiert. Erst dann leitete mein Vater die Diversifizierung des Portfolios ein“, blickt Gallenkamp zurück. Zur Hochzeit der analogen Fotografie 2002, als der Markt rund 1,8 Milliarden Quadratmeter Fotopapier umfasste, habe Felix Schoeller einen Marktanteil von deutlich mehr als 50 Prozent gehabt Heute sieht sich die Gruppe mit ihren Standorten in Deutschland, Russland, China, Kanada und den USA grundsätzlich als Hersteller von Spezialpapieren. Das zeigt sich auch am Beitrag, den die mittlerweile sechs Geschäftsfelder leisten. Während früher jeder zweite Euro Deckungsbeitrag aus dem Fotogeschäft des Unternehmens kam, ist

es heute nur etwas mehr als jeder zehnte Euro. Diese Veränderung lässt sich unter anderem in Osnabrück an der Papiermaschine 1 veranschaulichen. „Früher ist die Maschine sieben Tage die Woche gelaufen und hat immer das gleiche Papier produziert. Heute stellen wir mindestens einmal am Tag um.“ Die Felix Schoeller Gruppe hat sich in den 125 Jahren weiterentwickelt – und Höhen und Tiefen überstanden. Dass beides jedoch auch nah beieinanderliegen kann, macht Hans-Christoph Gallenkamp an einem Beispiel deutlich. „Einen massiven Einschnitt gab es in den Jahren 2008/09.“ Nicht nur ging der Absatz von Fotosilbersalzpapieren weiter zurück, hinzu kam die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. Als Resultat gingen mehr als 250 Arbeitsplätze verloren, die meisten von ihnen in Osnabrück. „Die Krise damals hat zu einer nachhaltigen Veränderung des Unternehmens geführt. Wir haben uns auf uns selbst zurückbesonnen und weitere internationale Expansionspläne erst einmal auf Eis gelegt“, so der Osnabrücker. Gallenkamp sieht diese Phase als Initialzündung, neue Segmente auf- und auszubauen. Dazu zählen Releaseliner – also jene Papiere, die verhindern, dass eine Folie vorzeitig haftet. Oder Sublimation, ein spezielles Druckverfahren. „Heute ist die Schoeller Gruppe ganz anders aufgestellt, nicht nur in ihren Märkten und bei ihren Kunden, sondern vor allem auch finanziell. Wir haben eine ganz andere eigene Kraftreserve zur Bewältigung einer solchen Krise“, so Gallenkamp weiter. Im Rückblick sei es auch gut gewesen, dass ein Externer das Unternehmen in der Zeit gesteuert habe, ist der Unternehmer überzeugt. Bernhard Klofat habe eine gewisse Neutralität mitgebracht. „Es war ein Bruch, aber dennoch hatte er eine gewisse Kontinuität, denn der Wechsel war über Jahre geplant ge-

Ein Blick zurück: Der Fuhrpark der Firma Schoeller im Jahr 1905 vor der westlichen Werkszufahrt. Foto: FirmenarchivSchoeller/RudolfLichtenberg

Seit 125Jahren hatdie Felix SchoellerAG ihreWurzeln in Osnabrück.

wesen. Und mit meinem Vater an der Spitze des Beirats hatte Bernhard Klofat noch immer einen guten Sparringspartner aus der Familie“, sagt Hans-Christoph Gallenkamp. Dieses Zusammenspiel von Familienmitglied und Externen sei auch heute noch wichtig – nur in umgekehrten Rollen: Mit ihm an der operativen Spitze und einem Externen an der Spitze des Beirats. Die mit der Finanzkrise eingeleitete Restrukturierung hat die Gruppe mittlerweile seit 2015 hinter sich gelassen. Man schaue nach vorne, betont Gallenkamp. Auch hinsichtlich der Internationalisierung. Bereits 1960 hatte Schoeller den ersten Standort in den USA eröffnet, um lokal für den dortigen Markt zu fertigen. In China ist zum Jahresende der bereits vierte Standort dort hinzugekommen. Und wie geht es nach 125 Jahren Tradition in Osnabrück weiter? Anders als zur Finanzkrise spricht Hans-Christoph Gallenkamp heute noch nicht über Jobverluste aufgrund der Corona-Krise – auch wenn keiner der Schoeller-Standorte von Corona-Maßnahmen verschont geblieben ist und in der Spitze der Absatz um rund 40 Prozent eingebrochen sei, sagt Hans- Christoph Gallenkamp. In Osnabrück arbeiten die Mitarbeiter auch weiterhin in Kurzarbeit. „Wir werden

auch diese Krise meistern, vielleicht bietet sie auch wieder eine Chance für die Weiterentwicklung der Gruppe“, so der Geschätsführer. Dennoch geht er davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten langfristig weniger werden wird. Mit rund 880 Mitarbeitern in Osnabrück, 535 von ihnen in der Produktion, ist die Unternehmensgruppe einer der größten Arbeitgeber in der Region. Weltweit beschäftigt Schoeller in der Kerngruppe ohne Joint Venture 2245 Mitarbeiter. „Gruppenweit werden in den nächsten Jahren deutlich mehr als 100 Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Viele dieser Stellen werden wir nicht nachbesetzen.“ Eine Gefahr für den Fortbestand des Unternehmens sei die CoronaKrise jedoch nicht, betont Gallenkmap, auch wenn eine wirtschaftliche Delle unvermeidbar sei. Mit 490 000 Tonnen lag der Absatz 2019 etwa auf dem Niveau des Vorjahres – wobei es Rückgänge in Europa, dafür Zuwächse in Russland und China gab. Der Umsatz ging – auch aufgrund der Rohstoffpreise – auf 930 Millionen Euro zurück. Auch aufgrund der Verschiebungen der Absatzmärkte ist es das Ziel der Gruppe, die Internationalisierung weiter voranzutreiben. „Die Wachstumsmärkte für uns liegen außerhalb von Europa, und wir ha-

Foto: FirmenarchivSchoeller/AlexanderBöhle

ben zunehmend gemerkt, dass wir durch zunehmenden lokalen Wettbewerb an unsere Exportgrenzen stoßen.“ Der Standort China soll weiter ausgebaut werden, ebenso die Aktivitäten in Nordamerika. Das stärke auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Werke, betont Gallenkamp. Auch wenn diese unter anderem aufgrund der hohen Energiekosten teuer seien. „Die

„An eine solche Krise, wie das Coronavirus sie ausgelöst hat, kann ich mich nicht erinnern.“ Geschäftsführer Hans-Christoph Gallenkamp

Energiewende ist richtig und wichtig. Sie darf aber nicht zulasten der Industrie gehen“, warnt der Unternehmer. Was der Green Deal die Schoeller Gruppe kosten wird, kann Gallenkamp noch nicht beziffern. Die Gruppe komme jedoch noch relativ glimpflich davon, da ein Großteil der Energie an den Standorten selbst produziert werde. „Wir verursachen Gruppenweit rund 300 000 Tonnen CO2. Was wir künftig zahlen müssen, hängt auch davon ab, wie der Zertifikatehandel aufgestellt wird.“ Investiert hat die Schoeller Gruppe jedoch nicht nur im Ausland, sondern auch in den Standort Osnabrück. Am Hauptsitz wird ein neues Standbein aufgebaut: eine Produktion für Verpackungspapiere. „Wenn wir es richtig anpacken, können wir damit einen nennenswerten Beitrag zur weiteren Diversifizierung leisten“, ist Hans-Christoph Gallenkamp überzeugt. Das Produkt lasse sich wieder in Papierfasern und Kunststoffgranulat trennen – nach recyclingfähigen Alternativen wie diesen suche die Verpackungsindustrie. Derzeit wird eine Maschine so umgebaut, dass auf ihr Papiere für recycelbare Verbundverpackungen hergestellt werden können. „Allerdings braucht es Zeit, bis neue Verpackungen auf den Markt kommen können.“

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

MACHER & MÄRKTE

MACHER & MÄRKTE

„Ich finde es gut, dass die Leute für das Thema sensibler werden“

Über Recycling, Rohstoffe und Sinn eines Gerätepfands Im Gespräch mit André Pohl

Das von der EU-Kommission geplante Recht auf Reparatur für Smartphones gibt es bei Shiftphone schon lange VON NINA KALLMEIER

Aus CrowdfundingProjekten entwickelt und keine Investoren. Reparatur und Pfand sind beim Shiftphone bereits gang und gäbe. 50 000 Smartphones im Markt, jetzt kommen Tablets und Notebooks. VON NINA KALLMEIER Auf den ersten Blick sieht das Smartphone nicht anders aus als andere. Und doch: Statt für den Nutzer eine „Blackbox“ zu sein, fest verschlossen, ohne eine Möglichkeit, ins Innere zu schauen, besteht dieses Gerät aus 13, für den Nutzer schnell wechselbaren Modulen. „Insgesamt sind es 20 Teile“, erklärt Samuel Waldeck (40). So könne der Nutzer – sollte etwas kaputtgehen oder ein Upgrade gewünscht sein – ohne Probleme Komponenten wechseln, und das selbst. Samuel Waldeck ist einer von drei Geschäftsführern der Shift GmbH. Sie hat das erste in Deutschland konzipierte modulare Smartphone entwickelt und auf den Markt gebracht. Zusammen mit seinem Bruder Carsten (48) und Vater Rolf Waldeck hat Samuel Waldeck die Firma 2014 gegründet. Nicht in einer der weltweiten Hightech-Metropolen, sondern im beschaulichen Falkenberg, einem knapp 800 Einwohner umfassenden Ortsteil der Gemeinde Waben, etwa 30 Kilometer von Kassel entfernt. OSNABRÜCK/FALKENBERG

Hier ist Samuel Waldeck aufgewachsen Wenn er nun die Pläne der EUKommission hört, Verbrauchern grundsätzlich ab dem kommenden Jahr ein „Recht auf Reparatur“ von Elektrogeräten einzuräumen, muss er schmunzeln. Handys, Laptops und Co. so zu konstruieren, dass sie zu einem adäquaten Preis repariert und somit länger genutzt werden können? Nach diesem nachhaltigen Ansatz arbeitet die Shift GmbH seit ihrer Gründung. Letztlich war der Gedanke, ein reparierbares Smartphone zu nutzen, sogar einer der Antriebe für Samuel und Carsten Waldeck, ein eigenes Smartphone zu entwickeln. „Es ist schön, wenn man in seinen Bemühungen bestärkt wird“, sagt der Inhaber und Geschäftsführer. Das gilt auch für das in Deutschland diskutierte Thema Gerätepfand. Auch dies ist für Shiftphones – und deren Verpackung – bereits jetzt gang und gäbe. Doch zum Anfang der Erfolgsgeschichte aus Hessen: Nebenberuflich haben die beiden Gründer schon seit 2003 eigene Produkte entwickelt und verkauft. Um einen iCrane, einen kompakten Kamerakran, der von einer Person allein bedient werden konnte, zu entwickeln, starteten sie die damals erfolgreichste deutsche Crowdfunding-Kampagne auf Startnext und sammelten mehr als 100 000 Euro ein. Diese Entwicklung brachte sie auch ihrem Ziel eines nachhaltigen Smartphones einen Schritt näher. Die schlechte Reparierbarkeit, die fest verbauten Akkus und die geschlossenen Systeme – all diese Dinge, die zu einer Kurzlebigkeit von Smartphones führen, hatten Samuel

ZUR SACHE

200 Millionen Handys ungenutzt Ob als Ersatzgerät oder wegen der vielen gespeicherten Fotos: Die Bundesbürger horten aktuell insgesamt 199,3 Millionen alte Smartphones oder Handys ungenutzt in Schränken oder Schubladen. Das hat der Digitalverband Bitkom auf Basis einer repräsentativen Befragung errechnet. Das entspricht einem Anstieg von 60 Pro-

zent innerhalb von zwei Jahren und einer Verdopplung innerhalb von fünf Jahren. Aktuell besitzen laut Bitkom 85 Prozent der Bundesbürger mindestens ein unbenutztes Handy oder Smartphone. Bei 31 Prozent sind es zwei und bei 51 Prozent sogar drei oder mehr ausrangierte Mobiltelefone. Das ist eine gewaltige Verschwendung angesichts der

Waldeck und seinen Bruder schon lange geärgert – ebenso wie die Art und Weise der Produktion. Also fingen die Brüder an, selbst zu entwickeln. „Mein Bruder hat Informatik und Philosophie studiert. Das hat uns bei der Entwicklung geholfen“, sagt Samuel Waldeck. In China habe man dann einen Produktionspartner gesucht – und auch Lehrgeld bezahlt. Viele Türen wurden den beiden Hessen direkt vor der Nase wieder zugemacht. „Die Stückzahl, die wir damals wollten, war mit 1000 Geräten viel zu niedrig. Die meisten wollten 100 000 und mehr“, erinnert sich Waldeck. „Durch Zufall haben wir einen innovativen Hersteller in China gefunden, der unser Konzept und unsere Idee verstanden hat.“ Schon im Gründungsjahr kamen die ersten Ge-

Rohstoffe, die für neue Geräte gebraucht werden. Die Mengen pro Gerät klingen winzig: 306 Milligramm Silber und 30 Milligramm Gold stecken laut einer Untersuchung der Deutschen Umwelthilfe in einem durchschnittlichen Handy, in einem Akku 6,3 Gramm Kobalt. Doch bei Millionen Geräten kommen erhebliche Mengen zusammen.

räte auf den Markt. Verkauft habe man vor allem in der Region, um Erfahrungen zu sammeln, sagt Waldeck. Für manch ein junges Unternehmen ist der Schritt nach China mit der Angst verbunden, kopiert zu werden. Das war bei den Gründern der Shift GmbH anders. Ganz im Gegenteil, es geht ihnen um die Sache. „Es geht darum, Geräte insgesamt nachhaltiger zu machen. Wir haben keine Patente angemeldet“, sagt Samuel Waldeck. Seit 2018 betreibt die Shift GmbH eine eigene Produktion mit zehn Mitarbeitern in der Zehn-Millionen-Metropole Hangzhou, 180 Kilometer südwestlich von Schanghai. Auch dort gilt die 40-Stunden-Woche, und es gibt eine soziale Absicherung, erklärt Waldeck. Eine faire Produktion

gehört für die Gründer ebenso zur Unternehmensphilosophie wie die nachhaltige Nutzung der Geräte. Anders als bei der weit verzweigten Lieferkette, die nicht bis ins kleinste Detail transparent sei, könne man die Art der Produktion einfach beeinflussen, so die Ansicht der Gründer. Warum dann nicht gleich eine Produktion in Deutschland? Das hat für Samuel Waldeck auch mit Umwelt- und Ressourcenschutz zu tun. „Die Komponenten werden in China hergestellt. Sie einzeln so zu verpacken, dass sie sicher in Deutschland ankommen, würde Berge an Verpackungsmüll verursachen“, erklärt er. Dabei ist Ressourcenschonung ein erklärtes Ziel des Shiftphones. Und dazu gehört auch, dass ein Gerät – ganz oder zumindest in Teilen – möglichst lange nutzbar ist. Vollmodular seien die ersten Smartphones noch nicht gewesen, sagt Samuel Waldeck, Die ersten dieser Geräte seien erst Ende 2017 auf den Markt gekommen. Und sie haben den gewünschten Impuls gesetzt: „Seither ist die Zahl der Reparaturen, die der Kunde selbst macht, um 100 Prozent gestiegen“, sagt Samuel Waldeck. Und er ist überzeugt: „Wenn man etwas selbst repariert hat, hat man auch eine ganz andere Wertschätzung für das Produkt.“ Aufgebaut seien die Smartphones deshalb so, dass die Teile, die statistisch gesehen am schnellsten kaputtgehen auch am einfachsten ausgetauscht werden können, erklärt Waldeck. Eine Statistik, die die Hersteller aus Falkenberg seit Einführung der vollmodularen Geräte führen, zeigt: Ganz vorne liegt der Akku. „Den muss man sekundenschnell so wie

Siehabendas modularaufgebaute Smartphoneentwickelt:Samuel

VomStandortin Falkenbergwerden Service,Vertrieb,

(links) und CarstenWaldeck. Fotos: ShiftGmbH

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Aufdenersten Blickoptischnichtzu unterscheiden: DaserstevollmodulareSmartphonehat dieShiftGmbH2018 aufdenMarkt gebracht.

früher wechseln können.“ Und das ohne Werkzeug. Direkt danach folgt statistisch gesehen das Display. Hier muss der Nutzer auch beim Shiftphone ein paar Schrauben losdrehen – der entsprechende Schraubendreher ist im Lieferumfang jedoch enthalten. „Bei uns haben die Kunden auch explizit die Erlaubnis, das Gerät zu öffnen“, betont Samuel Waldeck. Es erlösche keine Garantie, wie das bei manch anderem Hersteller der Fall sei. Auch das Kameramodul sei schnell zu wechseln – falls der Kunde hier mal aufrüsten will. „Ein Upgrade oder auch eine Rückgabe eines Geräts ist jederzeit möglich, und der Kunde bekommt den Realwert zurück.“ Vertrieben wird das Shiftphone fast ausschließlich über den Onlineshop des Unternehmens. Das ist für Waldeck auch der Grund, warum das Familienunternehmen ihre Smartphones trotz geringer Produktionsmenge im mittleren Preissegment anbieten kann. Wen es interessiert, der kann auf der Internetseite der Shift GmbH nachlesen, wie sich der Preis des Smartphones zusammensetzt. Und noch etwas kommt hinzu: Die Geschäftsführer ziehen keine Gewinne aus dem Unternehmen. Alles werde investiert oder für soziale oder

„Der Kunde hat explizit die Erlaubnis, das Gerät zu öffnen.“ Samuel Waldeck, Gründer und Geschäftsführer der Shift GmbH

der Unternehmensphilosophie zu tun: Hinter der Shift GmbH stehen keine Investoren und auch keine Bankkredite. Mit der Bestellung finanziert der Kunde den Einkauf der Komponenten und die Produktion. Es werden einige Bestellungen gesammelt, bis sie in die kleine Fertigung gegeben werden. Wer sein Gerät direkt haben möchte, muss etwas tiefer in die Tasche greifen. Abschreckend scheint das insgesamt nicht zu sein. „Bislang hat sich jedes Jahr die Zahl unserer verkauften Geräte verdoppelt. Hoffentlich bleibt das noch ein bisschen so“, sagt Samuel Waldeck. Auf ständiges Wachstum angewiesen sei man aber nicht, betont der Geschäftsführer. Wieder aufbereitete Geräte – Second-life-Smartphones, sind aktuell noch selten im Shop zu finden. „Die ersten vollmodularen Geräte kommen jetzt zurück. Sobald wir eins im Angebot haben, ist es auch schon wieder weg.“ Die Nachfrage sei deutlich höher als das Angebot. Und nicht alle Rückläufe gehen in den Wiederverkauf. „Wir brauchen auch Ersatzteile, um reparieren zu können. Sonst ist es nicht nachhaltig.“ Werbung für ihr Smartphone machen Samuel und Carsten Waldeck eigentlich nicht. Das spiegelt sich

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Umweltschutzprojekte gespendet. „Wir zahlen uns ein ganz normales Gehalt aus.“ Wer sich allerdings für ein Shiftphone entscheidet, muss Geduld mitbringen. Zwischen vier und acht Wochen dauert es, bis das Gerät ausgeliefert wird. Warum das so ist, hat mit

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auch in den Marketingkosten wider, die das Unternehmen mit weniger als 0,1 Prozent dessen angibt, was eingenommen wird. Es wird auf Mund-zuMund-Propaganda gesetzt. Dabei hat auch der Gewinn des Bundespreis Ecodesign 2018 geholfen. Das habe Wellen geschlagen, sagt Samuel Waldeck. Auch wenn das Shiftphone oft mit Fairphone aus den Niederlanden verglichen wird, als Konkurrenten sieht Samuel Waldeck die beiden Unternehmen nicht. Mittlerweile sei man sogar im Gespräch. „Wir können gemeinsam eine Debatte lostreten, von der jeder profitieren kann“, ist Samuel Waldeck überzeugt. Das Umweltbewusstsein der Menschen steige, sodass der Markt keine Nische bleiben müsse. „Ich finde es gut, dass die Leute für das Thema sensibel werden.“ Geplant ist, das Shift-Sortiment um Tablets und Laptops zu erweitern – Design, Entwicklung, Vertrieb und Support sind weiter in Falkenberg, Deutschland und Europa angesiedelt. Mittlerweile arbeiten für den Hersteller außerhalb von China 30 Mitarbeiter. Ende des Jahres, so hat das Unternehmen jüngst angekündigt, wird es zumindest mit dem ersten neuen Produkt so weit sein.

Herr Pohl, laut Plänen der EU soll das „Recht auf Reparatur“ nun Gesetz werden. Braucht es das? Ich bin da skeptisch. Wenn es sich wirtschaftlich lohnt, ein Gerät zu reparieren, werden Unternehmen dies auch anbieten. Aus meiner Sicht ist ein Umdenken bei der Vernichtung von Neuware sinnvoll. Insbesondere beim Onlinehandel werden in Verbindung mit dem Rückgaberecht große Mengen an Neuware entsorgt. Im Bereich der Elektrogeräte werden neue Geräte verschrottet, weil bereits produzierte Geräte zum Beispiel nicht mehr aktuellen Modetrends entsprechen oder Nachfolgegenerationen neuere Technik einsetzen. Gleiches gilt, wenn beispielsweise Versandhändler große Mengen von saisonalen Artikeln wie Ventilatoren vorhalten und die Hitzewelle im Sommer nicht so schlimm ist wie erwartet. Lagerbestände dann zu verschrotten ist oft günstiger als die Lagerkosten bis zum nächsten Jahr zu zahlen – und dann sind oft auch schon wieder andere Techniken und Designs gefragt. Die EU nimmt Smartphones gerne als Beispiel, die nicht mehr ohne Weiteres geöffnet werden können. Dieses Argument wird häufig von den Umweltverbänden vorgebracht. Aber in Wirklichkeit halten die Akkus so lange, dass ein Tausch nur selten nötig ist. Hier bieten Hersteller und Handel gute Serviceleistungen für einen schnellen Akkutausch. Im Recyclingprozess sieht es allerdings anders aus. Da müssen die Lithium-Akkus schnell und fachgerecht für den weiteren recyclingprozess entnommen werden. Bleibt der Akku im Handy und landet im Schredder kann es schnell zu Bränden kommen. Insofern ist es ein großes Problem und ein Dauerthema der vergangenen Jahre. Wo liegt die größte Herausforderung beim Recycling alter Geräte? Es ist immer wieder überraschend, das noch immer viele Altgeräte abgegeben werden, die schon lange vor Inkrafttreten des Elektroaltgerätegesetz in 2006 verkauft wurden. Manche Geräte sind älter als 50 Jahre und wurden in einer Zeit produziert, als es nur wenige Schadstoffverbote gab. So finden wir zum Beispiel Blei, Quecksilber oder Asbest. Diese schadstoffhaltigen Geräte

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zu separieren stellt die Recyclingbetriebe vor eine große Herausforderung. Aber auch die Unmengen an Kunststoffen aus dem Recyclingprozess werden zum Problem. Es fällt eine große heterogene Menge an, deren Separierung technisch nicht möglich oder nur mit hohem wirtschaftlichem Aufwand zu realisieren ist. Für diese Sekundärrohstoffe gibt es zudem nur einen begrenzten Markt: Für Unternehmen ist es derzeit günstiger, neue Rohstoffe zu kaufen als das Granulat aus dem Recyclingprozess einzusetzen. Und zu guter Letzt ist da noch die Sammlung und Erfassung der Altgeräte, vor der Anlieferung in den Entsorgungsfachbetrieben. Eigentlich schreibt das Gesetz eine zerstörungsfreie Erfassung vor – dennoch werden sie häufig in die Container geworfen oder ab und an mit dem Bagger verladen, weil es einfach schneller geht oder die Geräte für die Mitarbeiter an den Sammelstellen zu schwer sind. Das hat jedoch zur Folge, dass beispielsweise Bildröhren älterer Fernseher zerbrechen oder Quecksilber bei neueren Flachbildschirmen freigesetzt werden kann. Insgesamt fehlt hier in Deutschland ein umfassender Vollzug, um diese Umweltsünden zu verhindern. Recycling ist das eine, der erneute Verkauf von gebrauchten Artikeln nach Instandsetzung das andere. Welchen Anteil haben bei Ihnen Smartphones? Die Rücklaufquoten im Recycling für mobile Endgeräte sind eher gering. Einerseits gibt es hier einen guten Second-Use-Markt über Plattformen wie Ebay Kleinanzeigen oder die Hersteller bieten attraktive Tauschprogramme wie Apple. Es gibt also bereits gute Rücknahmesysteme und selbst wenn man die laut Bitkom geschätzten 200 Millionen Smartphones, die in den Schubladen liegen, sieht, sind diese ja nicht verloren. Die seltenen Erden und

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AndréPohl

Das wird für viele kein Grund sein, das Smartphone in der Schublade zu lassen. Warum sind sie so unwillig, alte Geräte abzugeben und der Wiederverwertung zuzuführen? Eine Erkenntnis aus einem unserer Forschungsprojekte mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zeigt, dass hier vor allem Ängste in Bezug auf den Datenschutz vorhanden sind. Oder der Nutzer hat noch Daten auf dem alten mobilen Gerät, die aufgrund eines Defekts nicht gesichert werden können. Ein weiterer Grund für das private Aufbewahren ist die „persönliche“ Bindung zu einem Gerät wie dem Smartphone oder der hohe Anschaffungspreis. Würde ein Pfand mehr Menschen dazu bringen, ihr Smartphone wieder in den Kreislauf zurückzugeben? Nein, eine solche Maßnahme halte ich nicht für sinnvoll. Dann müsste ein Pfand auch für Tablets oder Notebooks erhoben werden. Dort sind die gleichen Rohstoffe verbaut, nur in größeren Mengen. Allerdings müsste nach der Argumentation dann für jedes Gerät, das mit einer Platine ausgestattet ist, ein Pfand erhoben werden. Denn die wertvollsten Rohstoffe sind oft dort verbaut. Sinnvoll ist dort ein Pfand, wo es um potenziell gefährliche Produkte geht, wie große Lithium-Batterien zum Beispiel für ein E-Bike oder einen Elektrorasenmäher. Ich bin der Meinung, dass wir bereits ein sehr gutes Recyclingsystem für Elektroaltgeräte haben. Die Herausforderung ist, dass wir dem Bürger die Rückgabe seiner Altgeräte einfacher machen müssen. So soll im kommenden Jahr mit der Neufassung des ElektroG, der Handel noch stärker in die Pflicht genommen und mit zusätzlichen Informationsverpflichtungen aufgeklärt werden. Hat die Corona-Pandemie einen Einfluss auf die Willigkeit der Verbraucher, alte Schubladen zu leeren? Absolut. Im März hatte die Branche einen Einbruch von 10 Prozent, im April bis zu 50 Prozent. In beiden Monaten waren mehr als 50 Prozent der Wertstoffhöfe und Annahmestellen im Handel geschlossen. Der Markt erholt sich aktuell und der Juni liegt im Trend deutlich über dem Vorjahr. Das zeigt: Es braucht kein Pfand um Menschen dazu zu bewegen ihre Altgeräte abzugeben.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

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Alle Investitionen auf dem Prüfstand? Das 40 Millionen Euro teure neue Logistikzentrum der Meyer Werft nimmt in Zeiten von Corona den Betrieb auf VON CHRISTOPH ASSIES PAPENBURG Mit der Corona-Pandemie, die nahezu alle Wirtschaftszweige schwer getroffen hat, ist auch die Kreuzfahrtbranche in ihre schwerste Krise geraten. Dennoch steht die Papenburger Meyer Werft vor einer großen Investition: Für 40 Millionen Euro entsteht ein neues Logistikzentrum. Mit dem Bau der ein Hektar großen Halle wurde Anfang des Jahres begonnen – bevor das Coronavirus viele Wirtschaftszweige in Deutschland und der Welt für Wochen und Monate lahmlegte. An der Rheiderlandstraße gegenüber der 75 Meter hohen Baudockhalle der Werft entsteht das moderne Logistikzentrum, das angemietete Hallen im Papenburger Hafengebiet überflüssig machen soll. Es wurde nötig, weil sich die Zahl der Teile, die jedes Jahr in Papenburg auf den Kreuzfahrtschiffen verbaut werden, seit 2010 vervierfacht hat. Doch wie werden sich die Zahlen in den kommenden Jahren entwickeln? Eine der größten Investitionen des Schiffbauunternehmens in jüngerer Vergangenheit kommt jetzt in einer Zeit, in der das Kerngeschäft der Meyer Werft völlig am Boden liegt. Seit Beginn der Corona-Pandemie ruht die weltweite Kreuzfahrt. Konkrete Daten, wann die Schiffe wieder fahren und Urlaubsvergnügen auf bis zu 18 Decks in aller Welt bieten, gibt es bisher nicht. Im Gegenteil, denn erst vor wenigen Wochen hat der führende deutsche Anbieter von Kreuzfahrten, die Rostocker Reederei Aida Cruises, seine Pause bis zum 31. Juli verlängert. Solange weiter Reisebeschränkungen gelten und welt-

In dasneueLogistikzentrumhat dieMeyerWerft40 MillionenEuro investiert.InKürze startet derProbebetrieb.

weit Häfen für Kreuzfahrtschiffe geschlossen sind, wird die Krise für die bisher am stärksten wachsende Tourismus-Branche anhalten. Das wirkt sich bereits auf die Papenburger Meyer Werft stark aus, denn hier werden seit 35 Jahren Kreuzfahrtschiffe für weltweit agierende Reedereien gebaut. Der aktuelle Neubau, die „Iona“

Werftenwie dieMeyerWerftwurdenvonder Corona-Pandemieschwer getroffen. Foto: Daniel Gonzalez-Tepper

für die britische Reederei P&O Cruises, ist bereits der 50. Ozeanriese von der Ems. Durch die Auswirkungen von Corona auf die Kreuzfahrt befindet sich die Belegschaft der Meyer Werft seit dem 1. Mai in Kurzarbeit – zunächst für zwei Monate. Zusätzlich wird über längere Schließzeiten verhandelt – nach Informationen unserer Redaktion geht es dabei um zweimal fünf bis sechs Wochen, einmal im Sommer und einmal im November. Und Werftchef Bernard Meyer sagte in einer Videobotschaft Mitte April, man müsse in der Folge der Krise auch über den Abbau von Arbeitsplätzen nachdenken – und zwar in allen Bereichen. Kurzarbeit und Reisebeschränkungen haben dazu geführt, dass das Papenburger Unternehmen die „Iona“ nicht pünktlich abliefern konnte und auch der zweite von drei geplanten Neubauten des Jahres, die „Spirit of Adventure“, nun nicht wie terminiert Anfang August an den Auftraggeber Saga Cruises abgeliefert werden kann. Für die geplante Ablieferung der „Odyssey of the Seas“ im Herbst 2020 haben die Reederei Royal Caribbean International oder die Meyer Werft noch keine Angaben gemacht.

Fest steht, dass nach zuletzt drei Kreuzfahrtschiffen im Jahr in den kommenden Jahren nur noch zwei fertiggestellt werden. Die Geschäftsführung des Traditionsunternehmens rechnet mit einer Verringerung der Arbeitsauslastung um 40 Prozent. Neueinstellungen, auch wenn sie beispiels-

„Der Baufortschritt liegt voll im Zeitplan.“ Florian Feimann, Sprecher Meyer Werft

Foto:ChristophAssies

weise für das neue Logistikzentrum geplant waren, werden auf Eis gelegt. Zu Spitzenzeiten waren bisher bis zu 10 000 Beschäftigte bei Meyer tätig, neben der Stammbelegschaft von aktuell 3625 Mitarbeitern, Werkvertragsarbeitern und Mitarbeitern von Zulieferfirmen Wenn sich die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die die Meyer Werft pro Jahr produziert, verringert, lohnt sich dann das neue Logistikzentru? Werftsprecher Florian Feimann betonte im Gespräch mit unserer Redaktion, dass es sich bei dem Logistikzentrum um eine langfristige Investition in den Standort Papenburg handele. „Wir erwarten bis 2030 eine Erholung des Kreuzfahrtmarktes zurück zu dem Niveau, wo wir 2019 waren“, so Feimann. Abgesehen von dem Logistikzentrum befinden sich nach Informationen unserer Redaktion aktuell alle Investitionen auf der Meyer Werft auf dem Prüfstand. Derweil sind die Hallen gegenüber der Baudockhalle der Werft fertigstellt. Nach Angaben von Feimann geht die Einrichtung mit Testläufen in den kommenden Wochen langsam in Betrieb. „Der Baufortschritt liegt voll im Zeitplan“, so

der Werft-Sprecher. Der vollständige Realbetrieb des Logistikzentrums starte wie angekündigt Anfang 2021. Das 30 Meter hohe Hochregallager in dem neuen Logistikzentrum ist vollautomatisch und hat eine Kapazität von 25 000 Speichereinheiten. Es ist in einer sogenannten „Silobauweise“ errichtet worden. Das heißt, anders als bei einer normalen Lagerhalle, wo zunächst das Gebäude gebaut wird und dann Regale montiert werden, sind hier erst die Regale aufgebaut und anschließend daran die Außenfassade montiert worden. Nicht nur das Hochregallager wird weitgehend automatisch betrieben, über automatisch gesteuerte Flurförderfahrzeuge sollen die Teile in die beiden Baudockhalle befördert werden. Das ist allerdings erst dann möglich, wenn die Rheiderlandstraße, die zwischen den Schiffbauhallen und dem Neubaut liegt, verlegt ist. Die Kreisstraße 157 wird künftig nördlich des Logistikzentrums verlaufen. Mit dem Vorhaben will die Meyer Werft auch Transportzeiten und Kosten sparen, denn bisher mussten Teile von außerhalb liegenden Lagerflächen auf das Werftgelände transportiert werden.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

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Die Mehrwertlieferanten Der Bremerhavener Tiefkühlkosthersteller Frosta hat sich neu erfunden und dabei eine schwere Krise gemeistert VON RÜDIGER ZU KLAMPEN BREMERHAVEN In Zeiten von Corona stößt die Transparenz selbst bei Frosta an Grenzen. Ein Besuch in der Versuchsküche oder gar eine Livepräsentation? Undenkbar in diesen Tagen. So bleibt Gästen nur der Blick durch eine große Glasscheibe auf die Arbeitsflächen aus Edelstahl, auf denen der Bremerhavener Lebensmittelhersteller neue Produkte entwirft. Zumindest einen Vorgeschmack auf das, was Kunden künftig im Tiefkühlregal erwartet, liefert Firmenchef Felix Ahlers (53) dann aber doch. Da sind zum Beispiel die neuen Verpackungen aus Papier, die bis Jahresende die alten Kunststofftüten ersetzen sollen. Und dann steht da ein Pappaufsteller im Besucherzimmer, der für „Fisch vom Feld“ wirbt, das neueste Sortiment von Frosta: Produkte, die wie Backfisch aussehen, aber pflanzlichen Ursprungs sind, aus Schwarzwurzel, Blumenkohl, Bohnen, Jackfruit, Leinöl und Hanfproteinen etwa. Dass Frosta irgendwann bei solchen Produkten landen würde, scheint fast logisch, wenn man sich den Wandel anschaut, den das Unternehmen hinter sich hat. Nachhaltigkeit, ein immer schmalerer CO2-Abdruck, Transparenz bei den Inhaltsstoffen und in der Produktion, das sind Herzensthemen von Ahlers – und die Grundlagen für jene Neuausrichtung des früher eher als Billigmarke wahrgenommenen Unternehmens. Es ist der Weg, auf dem auch Rügenwalder aus dem Ammerland oder Beyond Meat aus den USA Erfolg haben. Aber Fisch aus Pflanzen? Klar, meint Ahlers. Schließlich wachse weltweit die Nachfrage nach Fisch. Die Bestände aber wachsen nicht. Bisher gebe es auf dem Markt allerdings „kaum Angebote ohne eine Fülle von Zusatz- und Aromastoffen“. Die Marke Frosta hingegen verzichte auch beim Fischersatz darauf: keine Aromen, Geschmacksverstärker, Farbstoffe oder Konservierungsstoffe. Das sei „für Fisch- und Fleischalternativen bisher einmalig“, heißt es in Bremerhaven. Und es entspricht dem Reinheitsgebot, das sich Frosta bereits 2003 verordnet hat, als der Umstellungsprozess im Unternehmen begann und Frosta zum Vorreiter der Branche wurde. Der Fisch vom Feld könnte im Herbst im Einzelhandel sein. Mit seinem Kurs fällt Ahlers auf, das „Handelsblatt“ nennt ihn ein Enfant terrible (Bürgerschreck) der Ernährungsbranche. Verschreckt hat er auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner, als er die von ihr propagierte Lebensmittelampel ablehnte: Der sogenannte NutriScore sei irreführend, weil er nicht alle Zusatzstoffe berücksichtige. Weitermachen wie die Masse der Tiefkühlbranche, die permanent unter Kostendruck steht, das kam für Ahlers nicht infrage.

Aufgrüner Mission:Felix Ahlerstrimmt die Frosta-Produktion aufNachhaltigkeit. Plastikverpackungenetwawerden schrittweisedurch Papierbeutel ersetzt. Foto:Torsten vonReeken

FischstäbchensinddasbekanntesteProduktvonFrosta.ImvergangenenJahrhatderTiefkühlkostherstellermitseinenknapp1800Mitarbeitern523MillionenEuroumgesetzt. Foto: dpa/IngoWagner

Er erzählt gern von der Zeit um die Jahrtausendwende, als Frosta noch ganz anders dastand. Als er sich einmal in der Flurküche ein Fertiggericht aus der eigenen Produktion zubereitete, hätten Mitarbeiter schmerzverzerrte Grimassen gezogen: Keiner wollte so etwas essen, auch wegen der vielen Zusatzstoffe. „Wir hatten damals viele Lebensmittelchemiker, aber keinen einzigen Koch mehr“, erzählt der Chef. „So konnte es nicht weitergehen.“ Dass Ahlers Frosta neu aufgestellt hat, hat nicht zuletzt mit den Erfahrungen in seiner Kochlehre im Pariser Hotel Le Bristol zu tun. An den wertschätzenden Umgang mit natürlichen, frischen Nahrungsmitteln – Gemüse, Fisch, Fleisch – denkt er gern zurück: „Wir haben quasi alles verwertet, die Fonds und vieles selbst hergestellt, möglichst einfach,

„Wir hatten damals viele Lebensmittelchemiker, aber keinen einzigen Koch mehr.“ Felix Ahlers, Vorstandsvorsitzender Frosta

ohne künstliche Verstärker zu benutzen.“ Das habe eine sehr gute Qualität ergeben. Diese Erfahrungen seien, verbunden mit der Frage, was wir eigentlich essen wollten, in das Reinheitsgebot von Frosta eingeflossen. Nach dem grundsätzlichen Schwenk 2003 ging es Schritt für Schritt voran. Das Bewusstsein für Ökologie und gesunde Ernährung wuchs. Das spielte den Bremerhavener Revolutionären in die Hände. Der Einzelhandel und die Gastronomie (die zweitgrößte Vertriebsschiene) reagierten. Längst sieht Ahlers sich mit seinen 1800 Mitarbeitern (700 in Bremerhaven) bestätigt. Die aktuellen Zahlen zeigen: 2019 ist der Umsatz um 2,7 Prozent auf 523 Millionen Euro gestiegen. Aber speziell die Marke Frosta habe um ein Vielfaches stärker (18,5 Prozent im Inland) zugelegt, schon im sechsten Jahr in Folge. Den Wandel beschreibt Ahlers, der 1999 ins Unternehmen einstieg, als dieses noch von seinem Vater Dirk geführt wurde, als innovativen, aber auch mühsamen und schmerzhaften Prozess. Die Umstellung der Produktion kostete Geld, die Gerichte wurden teurer, und damals wollte der Handel den Aufpreis noch nicht akzeptieren. Frosta schrieb Millionenverluste, es gab Entlassungen. Die Krise war da. Ahlers setzte in dieser Situation auf Kommunikation. Er schuf einen Blog, um laufend über den Wandel im Sortiment zu informieren und Kunden die Möglichkeit zu geben, darauf zu reagieren. „Damit waren wir damals die Ersten“, betont Ahlers. Wer auf Frosta.de tief abtaucht, gelangt zu diesem Blog. Ende März, die Corona-Krise weitete sich gerade aus, konnte man zum Beispiel nachlesen: Die Staus an den Grenzen seien für den Nachschub per Lastwagen problematisch, Gemüse aus Südeuropa treffe verspätet ein, und zugleich hätten Landwirte Angst, nicht genügend Erntehelfer zu bekommen. Wer da so offen über Schwierigkeiten spricht, das ist Felix Ahlers persönlich. Er tritt den Nutzern des Blogs auf Augenhöhe entgegen. „Seit 1999 arbeite ich bei Frosta und bin derzeit Vorstandsvorsitzender. Im Sommer spiele ich Tennis und kitesurfe gerne.“ Diesen Dialog mit Kunden sieht Ahlers als zentralen Baustein des Erfolgs bei der Neuausrichtung. Die Öffentlichkeit soll immer auf dem Laufenden sein, über Gerichte ohne Zusatzstoffe, über den sinkenden CO2-Ausstoß, über Herkunfts- und Inhaltsstandards, die bei Zulieferern durchgesetzt werden. Diese Mission zieht sich wie ein roter

Faden durch die Firmengeschichte. Im Gespräch mit der „FAZ“ deutete Ahlers kürzlich an, dass Kunden künftig wohl sogar auf jedem einzelnen Tiefkühlfischgericht nachlesen könnten, an welchen Koordinaten der Fisch gefangen wurde und sogar wie der Kapitän und sein Kutter hei-

ßen. Möglich werde das mithilfe der Blockchain-Technologie. Die Marke Frosta sei die „treibende Kraft“ – wobei an dieser Stelle erwähnt werden sollte, dass in der Firmengruppe auch Nahrung speziell für Handelspartner produziert wird, nach deren Wünschen, teils ohne die

(teuren) Frosta-Standards. Das macht mehr als ein Drittel des Umsatzes aus. Interessant ist ein Blick auf den Gewinn: Er ist im vergangenen Jahr von 20 Millionen auf 12,6 Millionen Euro gesunken. Der Grund dafür waren deutlich höhere Rohstoffpreise für Fisch – daneben aber auch die Investitionen in Zukunftsprojekte wie die Papierverpackungen und „Fisch vom Feld“, hieß es bei der Vorlage der Jahresbilanz. Nervös wird angesichts des Gewinnrückgangs bei Frosta allerdings niemand. Die Familie Ahlers führt das Unternehmen mit der Aktienmehrheit von etwa 70 Prozent mit ruhiger Hand. Mehr als fünf Prozent halten mittlerweile die Mitarbeiter, die jedes Jahr zu Vorzugskonditionen zukaufen können. Ahlers kocht mit seinem professionellen Wissen übrigens auch heute noch gern – daheim, in seinem Hamburger Anwesen: „Oft und auch einfache Dinge“, wie er sagt. Und man sieht ihn zuweilen in der Firmenversuchsküche in Bremerhaven, wenn die Produktentwickler etwas Neues ausprobieren. Dorthin pendelt er gern umweltfreundlich mit der Bahn und wird dabei manchmal mit einem Klappfahrrad gesehen. Für den Alltag werde es ja ständig weniger relevant, wo man letztlich seinen Arbeitsort habe, sagt Ahlers. Die Corona-Krise mit zahlreichen Videokonferenzen dürfte ihn darin noch bestärkt haben.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

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Tiefer Fall und steiler Aufstieg? Wie sich die Märkte erholen VON FALK ZIELKE Finanzexperten buchstabieren derzeit gerne. V, W, L oder U sind die bevorzugten Buchstaben. Sie stehen für bestimmte Szenarien, wie die Wirtschaft sich erholen kann. Was steckt dahinter? Konjunkturexperten sind derzeit wenig optimistisch. Wirtschaftliches Wachstum wird es angesichts der Coronavirus-Pandemie nicht geben, glauben viele. Die Zeichen stehen stattdessen fast überall auf Rezession. Die Weltbank etwa erwartet, dass die globale Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 5,2 Prozent sinken wird. Das wäre die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet für das laufende Jahr auch immerhin mit einem Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung von über vier Prozent. BRAUNSCHWEIG

Schlechte Nachrichten für Deutschland: Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft sind das keine guten Nachrichten, denn mit der Wirtschaftsleistung sinkt auch der globale Handel. 2020 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland der IWPrognose zufolge rund neun Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr. Die Bundesbank erwartet für Deutschland in diesem Jahr zwar nur einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 7,1 Prozent. Dennoch: Das ist immer noch mehr als in der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. Damals war das deutsche BIP um 5,7 Prozent gesunken. Konjunkturprognosen mit Buchstaben-Modellen: Es stellt sich die Frage: Wie schnell wird es wieder aufwärts gehen? Bei der Suche nach Antworten, bemühen Experten derzeit bestimmte Buchstaben: V, W, U oder L. „Die Buchstaben dienen zur vereinfachten Veranschaulichung der möglichen Konjunkturentwicklungen“, erklärt Richard Feininger, Vermögensverwalter der Böhke & Com-

JürgenKurz istSprecherder DeutschenSchutzvereinigungfür Wertpapierbesitz (DSW). Foto:DSW/ dpa-tmn

pagnie Consultants KG in Braunschweig. Das L beschreibt die Situation, dass das wirtschaftliche Wachstum stagniert und für längere Zeit auf einem niedrigen Niveau verharren wird. Beim U wird angenommen, dass die Wirtschaft nach dem Crash nur langsam wiederauflebt, während eine V-förmige Entwicklung davon ausgeht, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erholt. Beim W gehen die Experten davon aus, dass die Erholung gestoppt wird und ein neuer Absturz kommt, bevor es dann wieder aufwärts geht. Maßnahmen scheinen zu greifen: „Es sieht derzeit so aus, als wird es das V“, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Allerdings ist das W seiner Ansicht nach noch nicht ganz aus der Welt. „Im Grunde genommen gleicht die konjunkturelle Lage die eines schwer kranken Corona-Patienten, dessen Gesundheitszustand sich gerade verbessert“, sagt Frank Wieser von PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf. „Ob er je wieder vollständig gesund wird, ist fraglich.“ Dennoch scheinen die Maßnahmen, die Notenbanken und Staaten weltweit ergriffen haben, Wirkung zu zeigen. Die Weltbank zum

„Es kommt vor allem auf die langfristige Strategie an.“ Jürgen Kurz, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

V oder W? Welcher Buchstabe die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise beschreibt, ist noch nicht klar. Anleger sollten sich davon aber nicht in ihrer langfristigen Strategie beeinflussen lassen. Foto:ArneDedert/dpa/dpa-tmn

Beispiel erwartet schon im kommenden Jahr wieder ein Wachstum der Weltwirtschaft um 4,2 Prozent. Für 2021 rechnen die Volkswirte der Bundesbank für Deutschland mit 3,2 Prozent Wachstum. Voraussetzung ist aber, dass bald eine wirksame medizinische Lösung zur Bekämpfung des Coronavirus verfügbar sein wird. Börse ist optimistisch: An den Börsen ist die Stimmung derzeit alles andere als traurig. „Der amerikanische Leitindex S&P 500 liegt seit Jahresbeginn nur noch gut acht Prozent im Minus, beim USTechnologieindex NASDAQ Composite steht sogar ein Plus von fast vier Prozent“, hat Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei Huber, Reuss & Kollegen in München, beobachtet. Und auch der Deutsche Aktienindex Dax nähert sich langsam wieder seinen Höchstständen. „Dies zeigt, die Aktienmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt“, sagt Roestel. Damit unterscheidet sich die Corona-Krise auch von vorherigen Krisen, in denen die Erholungsphasen an den Börsen deutlich länger waren. „Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, muss aber keiner sein“, sagt Wieser. „Viele Anleger haben wirtschaftlich die nächsten ein bis zwei Jahre schon aufgegeben und schauen auf das Jahr 2022.“ Kurz betrachtet diese Entwicklung durchaus skeptisch: „Diese Hausse ist nicht beliebt“, schränkt er ein. Hausse ist der Fachbegriff für das Steigen der Börsenkurse. „Denn die Zahlen geben diese Kurse eigentlich noch nicht her“, erklärt Kurz. Außerdem ist die Pandemie noch nicht vorbei. Und damit ist die Gefahr, dass eine zweite Welle zu neuen Beschränkungen führt, noch nicht gebannt. Anleger stehen damit vor einem Dilemma: Kurzfristig ist das wirtschaftliche Szenario schwierig, langfristig besteht das Risiko, den Aufschwung zu verpassen. Langfristige Strategie meist erfolgreich: Aber von Angst sollten Anleger sich jetzt nicht leiten lassen. „Anleger sollten vor allem mit ruhiger Hand agieren und sich nicht von den aktuellen Schlagzeilen treiben lassen“, sagt Roestel. „Anleger überschätzen häufig die kurzfristigen Risiken und unterschätzen die langfristigen Chancen der Aktienmärkte.“ An den Börsen habe es immer wieder große Krisen gegeben. Den-

noch bleibe die Aktie, die ja ein Anteilsschein an einem Unternehmen und damit ein Sachwert sei, eine attraktive Geldanlage. „Es kommt vor allem auf die langfristige Strategie an“, erklärt Kurz. Auch wenn es kurzfristig Schwankungen gebe, sei über einen langen Zeitraum mit einem breit gestreuten

Portfolio in der Regel eine positive Rendite möglich. Das zeigen auch Berechnungen des Deutschen Aktien-Instituts (DAI). Demnach lagen die jährlichen Renditen für einen Anlagezeitraum von 20 Jahren in der Vergangenheit allein beim Dax im Schnitt bei rund neun Prozent. Verluste mussten die Anleger über

solche Zeiträume nicht fürchten. Im schlechtesten Fall lag die jährliche Rendite bei 4,7 Prozent, im besten bei 16,1 Prozent. Das heißt: Wer dabei blieb, konnte zum Beispiel das Platzen der Immobilienblase oder auch die Kurseinbrüche am sogenannte Neuen Markt zu Anfang der 2000er-Jahre überstehen. dpa/tmn

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

GELD & GESCHÄFT

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Geld für guten Zweck sinnvoll managen Trotz Niedrigzinsen und Krise: So arbeiten Stiftungen wie die Deutsche Bundesstiftung Umwelt Früher gab es hohe Zinsen bei Staatsanleihen. Heute wird mehr in Aktien, Immobilien oder Solarparks investiert. Um das Risiko bei Anlagen auszugleichen, wird diversifiziert. VON JANA DERKSEN OSNABRÜCK Kindern eine gute Bildung ermöglichen, Kunst, Kultur oder Sport fördern – in fast allen Bereichen geben Stiftungen Zuschüsse für Bewährtes oder schieben neue Ideen an. Rein gemeinnützige Zwecke unterstützen rund 93 Prozent der 23 000 Stiftungen bundesweit, so die Zahlen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. Während der Zweck von Stiftungen sehr unterschiedlich ist, haben sie eines gemeinsam: Das gestiftete Vermögen soll als Grundkapital erhalten bleiben und gewinnbringend angelegt werden – am besten auch in Krisenzeiten. Denn: „Die so erwirtschafteten Überschüsse werden für den gemeinnützigen Zweck ausgegeben“, sagt Katrin Kowark, Sprecherin des Bundesverbands. Projekte im Bereich erneuerbare Energie, Artenvielfalt oder Klimaschutz fördert die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), nach eigenen Angaben die größte Umweltstiftung Europas, mit Sitz in Osnabrück. Rund 55 bis 60 Millionen Euro schüttet die DBU pro Jahr aus. Und diese Fördersumme bleibt auch das erklärte Ziel für die nächsten drei Jahre – trotz CoronaKrise und trotz Niedrigzinsen. Schließlich brauchten die Projektpartner weiter Geld, um Ideen umsetzen zu können, heißt es seitens der DBU. Das gilt nicht nur für die Partner der DBU. „Bei der Verwaltung von Stiftungsvermögen muss man sich bewusst sein, mit welch großer Verantwortung man unterwegs ist“, sagt Jörg Schuhmann, der als Vorstandsmitglied bei der Osnabrücker Attentium AG Stiftungen bei der Anlagestrategie berät und auch privat ehrenamtlich als Stiftungsvorstand tätig ist. Manch eine Stiftung ist in Sachen Finanzen jedoch in einer Zwickmühle: Einerseits soll Geld für einen gemeinnützigen Zweck ausgegeben werden, aber andererseits die Höhe des Kapitals mindestens erhalten bleiben. Laut Zahlen des Bundesverbands deutscher Stiftungen haben es im vergangenen Jahr jedoch fast 30 Prozent der Stiftungen, die weniger als

Finanzchef Michael Dittrich legt Milliarden an.

Foto: Deutsche BundesstiftungUmwelt

Die DeutscheBundesstiftungUmweltschüttet proJahr zwischen 55und60 MillionenEuro aus.FinanzchefMichaelDittrichlegtdasStiftungskapitalauchinAktienan.

eine Million Euro Kapital haben, nicht geschafft, mit ihren Erträgen allein die Inflationsrate von 1,4 Prozent auszugleichen. Das Geld wird also weniger. Wie schaffen es Stiftungen, ihr Kapital nicht zu verlieren oder sogar so zu vermehren, dass langfristig gefördert werden kann? Schuhmann sagt: „Viele Stiftungen haben ihre Anlagestrategie noch nicht an das Umfeld der Niedrigzinsen angepasst.“ Die eigenen Anlagerichtlinien seien oft zu stark auf festverzinsliche Papiere wie zum Beispiel Staatsanleihen ausgerichtet. Mit Bedacht könne eine Stiftung aber auch einen Teil des Kapitals in Aktien investieren, da Stiftungsvermögen langfristig angelegt werde. Einer, der offensichtlich erfolgreich Kapital verwalten kann, ist der Finanzchef der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Michael Dittrich managt mit einem neunköpfigen Team seit 2001 das Stiftungsvermögen und hat dieses schon um eine Milliarde Euro (als Zahl 1 000 000 000) erhöht. Das Startkapital von 1,288 Milliarden Euro (damals: 2 519 123 500 DM), die 1989 aus dem Verkauf der bundeseigenen Salzgitter AG für die Umweltstiftung verwendet wurden, ist heute auf rund 2,3 Milliarden Euro angewachsen. Dabei steht die DBU, genau wie Privatanleger und andere Stiftungen, wegen des anhaltenden Niedrigzinsumfelds vor großen Herausforderungen. Die Stiftung hat deshalb mit den Jahren die Anlagestrategie verändert. Früher habe die DBU fast ausschließlich Anleihen wie Staatsanleihen gekauft, da es hier bis zu 10 Prozent Zinsen gegeben habe, sagt Dittrich. Doch die Zinsen sinken seit Jahren, und so lohnte sich dieses Konzept nicht mehr. Der Finanzchef legt das Stiftungsvermögen heute anders an. „Wo wir Risiken eingehen, da bekommen wir mehr Zinsen“, erklärt Dittrich. Rund 28 Prozent des Stiftungskapitals investiert er in Aktien, sieben Prozent in Immobilien

„Wir wollen die Fördersumme möglichst stabil halten, um in guten wie in Krisenjahren eine konstante Ausschüttung zu erreichen.“ Michael Dittrich, Abteilungsleiter Finanzen, Deutsche Bundesstiftung Umwelt

oder Sachanlagen. Und: „Wir haben derzeit circa 80 Millionen Euro in Green Bonds, sogenannte grüne Anleihen, investiert und etwa 60 Millionen Euro in Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien. Beide Segmente wachsen aktuell deutlich“, sagt Dittrich. Neben dem reinen Sachwert von Solar- und Windparks erwirtschaftet die Stiftung Einnahmen, indem der erzeugte Strom verkauft wird. Auch Jörg Schuhmann, der bei Attentium das Stiftungsmanagement ausbaut, empfiehlt, das Kapital nach Möglichkeit breit zu streuen. Attentium bietet das sogenannte Pooling an, bei dem mehrere Stiftungen sich zusammentun, um gemeinsam in größere Projekte zu investieren. Neben Investments in Fonds oder Aktien könnten Stiftungen in Immobilienanlagen investieren und so regelmäßige Mieteinnahmen erzielen. Mit Fotovoltaikanlagen oder Kitas könnten zudem gleichzeitig ökologische und soziale Ziele verfolgt werden.

Doch wie gehen Stiftungen mit der Gefahr um, sich zu verspekulieren und viel Geld zu verlieren, das eigentlich einem guten Zweck zugutekommen soll? Gerade mit Aktienkäufen wird das Risiko schließlich erhöht, wie die durch die Corona-Krise ausgelösten Turbulenzen an den Börsen noch einmal gezeigt haben. „Wir können die Gefahr nicht ausschließen. Bei einzelnen Anlagen passiert es auch, dass wir Verluste machen“, sagt Dittrich von der DBU, aber: „Die Verluste können über Diversifikation ausgeglichen werden.“ Das Stiftungsvermögen sei in eine Vielzahl von Aktien, Anleihen oder Fondsanteile und mit verschiedenen Laufzeiten angelegt. „Dass alle Firmen insolvent gehen oder alle Werte stark einstürzen, ist ziemlich unwahrscheinlich.“ Wenn in zehn Firmen investiert werde, eine pleitegehe, aber die anderen neun im Kurs stiegen, dann bekomme man mehr, als das Risiko wert sei. Auch deshalb habe die Stiftung trotz der Corona-Krise und des Einbruchs des Dax und anderer Aktienindizes an der Anlagestrategie derzeit nichts verändert. Die Krise sei eine temporäre Veränderung. „Wir würden an der Anlage-

strategie etwas ändern, wenn die Krise langfristig etwas verändert, aber davon gehen wir – Stand heute – nicht aus“, meint Dittrich. Sowohl Dittrich als auch Schuhmann von Attentium raten zu einer „ruhigen Hand“, wenn Stiftungsvermögen gesteuert wird. Dies gelte insbesondere bei Vermögensanlagen in Wertpapieren. „Wenn Kurse wie in der Corona-Krise stark fallen, sollte man nicht in Panik verkaufen, sondern ruhig bleiben und besonnen reagieren“, sagt Schuhmann. Dabei helfe Attentium den Stiftungen. Eine Stiftung sei ein langfristiger Investor, weil diese für die Ewigkeit gegründet sei, ergänzt auch Dittrich. „Für uns wäre es okay, wenn die Kurse in fünf Jahren wieder da sind, wo sie vor der Corona-Krise waren“, so der DBUFinanzchef weiter.Die Stiftung hat bereits vor mehr als 20 Jahren die ersten Aktien gekauft. Deren Wert sei zwischenzeitlich zwar gesunken, aber insgesamt sei er heute viel höher als damals. Dies sei ein Grund, warum die DBU mit Kursschwankungen recht gut zurechtkomme. Einzelne Aktien kauft die Stiftung dabei nicht nur von den großen Unternehmen im Dax oder

Geld verloren? Lag Ihre Stiftung mit der Rendite der Vermögensanlage nach Abzug aller Kosten oberhalb der jährlichen Inflationsrate? (in Prozent)

2017 10,8

< 1 Mio. Kapital n=139 _ 1 Mio. Kapital n=117 >

Kapital (in Euro) Durchschn. Inflationsrate (in Prozent)

Stoxx Europe 600, sondern auch von mittleren und kleineren Unternehmen aus dem M-Dax oder S-Dax. Aber sie investiere nicht in hochspekulative Werte wie Bitcoins, betont Dittrich. Auch Schuhmann bevorzugt ein konservatives Aktienportfolio. Statt spekulativer Werte setze er eher auf die Investition in Global Player, die überdurchschnittliche Dividendenrenditen abwerfen und sich seit vielen Jahren durch stetig steigendes Ertragswachstum auszeichnen. Eine konservative Strategie sei auf einen längeren Zeithorizont ausgerichtet und passe deshalb zu einer Stiftung, die langfristig anlege. Dittrich, der schon die Finanzkrisen 2001/02 und 2008/09 mitgemacht hat, ist überzeugt, dass die Stiftung gut durch die Krise kommt. Nach vielen guten Jahren komme auch mal ein schlechtes. Es seien genügend Rücklagen gebildet worden, sodass auch weiterhin die Projekte finanziert werden könnten. „Wir wollen die Fördersumme möglichst stabil halten, um in guten wie in Krisenjahren eine konstante Ausschüttung zu erreichen“, sagt der Finanzchef der DBU.

2018 9,4 5,1

10,8

2019* 9,4 20,5

21,6

33,8

Ja Nein Keine Angabe *Prognose

Foto: David Ebener

85,5

1,7

Quelle: Online-Befragung unter den 605 Teilnehmenden des Stiftungspanels Erhebungszeitraum: 22. Januar bis 5. Februar 2020, Rücklaufquote: 42,3 Prozent

83,8 61,9

55,4

_ 1 Mio. >

29,5

70,1

67,6

< 1 Mio.

7,7 8,5

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_ 1 Mio. >

< 1 Mio.

1,4

_ 1 Mio. >

Grafik: Matthias Michel


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

GELD & GESCHÄFT

Kommt nach Corona die große Inflation? Warum die Gefahr dafür trotz Anleihekäufen der EZB und Förderprogrammen der Politik eher gering ist VON STEFAN WOLFF gilt als OSNABRÜCK Inflation Schreckgespenst der Deutschen. Die rasanten Preissteigerungen in den 1920er-Jahren haben sich stark in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ein Brot für mehrere Milliarden Mark? Das will niemand erleben, selbst wenn er es noch nicht erlebt hat. Denn dabei waren wohl die wenigsten, die aktuell Furcht vor Inflation spüren. Im Kampf gegen die Folgen der Corona-Pandemie haben die großen Notenbanken Billionen-Summen lockergemacht. Erst kürzlich weitete die Europäische Zentralbank ihr Anleihe-Aufkaufprogramm um 600 Milliarden Euro aus. Insgesamt pumpte die EZB bis Juni 1,35 Billionen Euro in den Anleihemarkt. Wenn es denn reicht, denn die Chefin der Notenbank, Christine Lagarde, wiederholte das Mantra ihres Vorgängers Mario Draghi. Die EZB werde innerhalb ihres Mandats alles Nötige tun, sagte sie auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinssitzung. Doch damit nicht genug. Staaten legen milliardenschwere Konjunkturprogramme auf und spannen Schutzschirme über Unternehmen und Kommunen. Die EU will eine 500 Milliarden Euro umfassende Anleihe auflegen, über die heftig gestritten wird. Die Bundesregierung reagierte mit einer Mehrwertsteuersen-

kung, einem Investitionsprogramm und vielen weiteren Fördermaßnahmen. Das sind Summen, die einen schwindelig werden lassen. Und schnell drängt sich die Frage auf, wie man aus der Nummer wieder rauskommen kann. Ist Inflation die Lösung? Wenn das Feuer gelöscht ist, sieht man den Wasserschaden. Im Falle von Corona sind das Rekordschulden in den Staatshaushalten und unnatürlich aufgeblähte Bilanzen der Notenbanken. Eine höhere Inflation würde die Schuldenlast drücken. Anlegerforen und Börsennewsletter sind voll von Ankündigungen einer sehr hohen Inflation, häufig gepaart mit der Empfehlung, schnell viel Gold zu kaufen, vorzugsweise beim jeweiligen Anbieter. Derweil geht der Preisauftrieb eher zurück. Zuletzt lag die Inflationsrate in Deutschland bei 0,9 Prozent, im Euroraum ging sie auf 0,3 Prozent zurück. „Die Konjunkturprogramme werden ja nicht grundlos aufgelegt. Wenn sie auf eine gesunde Wirtschaft treffen würden, dann wäre die Gefahr der Überforderung der Produktionsmöglichkeiten und damit von Preissteigerungen hoch“, erklärt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. „Genau dies ist aber nicht der Fall. Die Wirtschaft leidet unter einem Nachfrage-Mangel, der durch das Konjunkturprogramm abgemildert wird.“ Heißt konkret: Im Lock-

Bleiben Sie Kurz notiert immer informiert Veränderungen: Nach mehr als Über unseren Wirtschaftsnewsletter erhalten Sie auch zwischen den Ausgaben von „Die Wirtschaft“ dreimal die Woche einen Einblick in die regionale Wirtschaft sowie Wissenswertes zu allgemeinen Wirtschaftstrends direkt per Mail. Die Anmeldung ist kostenfrei über www.noz.de/newsletter. Die nächste „Die Wirtschaft“ erscheint am Donnerstag, 27. August 2020. Anzeigenschluss für diese Ausgabe ist Freitag, 7. August 2020. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter der Adresse www.noz.de/wirtschaft.

GESCHÄFTSFÜHRER: Axel Gleie und Jens Wegmann CHEFREDAKTION: Ralf Geisenhanslüke (Chefredakteur), Dr. Berthold Hamelmann (Vertreter des Chefredakteurs), Burkhard Ewert (Stellvertretender Chefredakteur) KOORDINATION: Nina Kallmeier AUTOREN DIESER AUSGABE: Marcus Alwes, Christoph Assis, Vincent Buss, Jana Derksen, Sebastian Hamel, Bertold Hamelmann, Lothar Hausfeld, Nina Kallmeier, York Schaefer, Stefan Wolff, Rüdiger zu Kampen REDAKTION V.i.S.d.P.: Ralf Geisenhanslüke FOTOGRAFEN: Christoph Assis, David Ebener, Michael Gottschalk, Sebastian Hamel, André Havergo, Stefanie Hiekmann, Christian Kruppa, Jörn Martens, Gerd Mecklenborg, Thorsten von Reeken, Gert Westdörp VERLAG: Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG, Postfach 42 60, 49032 Osnabrück; Breiter Gang 10–16, Große Straße 17–19, 49074 Osnabrück, Telefon 0541 310-330, Telefax 0541 310-266; Internet: www.diewirtschaft.noz.de; E-Mail: diewirtschaft@ noz.de ANZEIGEN-/WERBEVERKAUF: MSO Medien-Service GmbH & Co. KG, Große Straße 17–19, 49074 Osnabrück, Postfach 29 80, 49019 Osnabrück, Telefon 0541 310-500, Geschäftsführer: Sven Balzer, Anzeigen-/ Werbeverkauf: Sven Balzer, Ansgar Hulsmeier, Dirk Riedesel, Marvin Waldrich ANZEIGENANNAHME: Geschäftskunden: Telefon 0541 310-510, Telefax 0541 310-790; E-Mail: auftragsservice@mso-medien.de ANZEIGEN-/WERBEVERKAUF für Ausgabe Grafschaft Bentheim: Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG, Coesfelder Hof 2, 48527 Nordhorn, Telefon 05921 707410, Verlagsleiter: Matthias Richter (V.i.S.d.P.) ANZEIGENANNAHME für Ausgabe Grafschaft Bentheim: Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG, Telefon 05921 707-410; E-Mail: gn.media@gn-online.de, Leitung Mediaverkauf: Jens Hartert TECHNISCHE HERSTELLUNG: Druckzentrum Osnabrück, Weiße Breite 4, Osnabrück (Ausgabe Osnabrück/Emsland); Grafschafter Nachrichten, Coesfelder Hof 2, Nordhorn (Ausgabe Grafschaft Bentheim)

24 Jahren Betriebszugehörigkeit verabschiedet sich Carsten Beier von der Sievert Unternehmensgruppe. Das Vorstandsmitglied der Sievert AG und der Geschäftsführer der Sievert Baustoffe wird die Gruppe auf eigenen Wunsch zum 31.12.2020 verlassen. Künftig werden Jens Günther (CEO) und Christian Schwarck (CFO) die Unternehmensgruppe führen. Das Geschäftsführungsteam der Sievert Baustoffe, bestehend aus Dirk Schulze (Produktion) und Tatjana Detzel (internationales Geschäft), wird ab dem 01.07.2020 durch Matthias Lorz ergänzt, der neben seiner Funktion als Sprecher der Geschäftsführung die Hauptverantwortung im Vertrieb Inland und der Führung der vertriebsnahen Services übernimmt. Auszeichnung: Die Mineralwassermarke Emsland Quelle Medium der Vivaris Getränke GmbH & Co. KG, eine Tochtergesellschaft der Berentzen-Gruppe Aktiengesellschaft, wurde in der neuesten Ausgabe des Öko-TestMagazins mit der Bestnote „sehr gut“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung bestätigt den Qualitätsanspruch des nachhaltigen Produktkonzepts. In der neuesten Magazin-Ausgabe wurden die hundert beliebtesten Medium-Mineralwassermarken Deutschlands getestet und verglichen. In allen getesteten Kategorien schnitt die 1-Liter-PETMehrweg-Flasche, abgefüllt im emsländischen Haselünne, mit „sehr gut“ ab. Geschäftsführerwechsel: Georg Boie ist künftig alleiniger Geschäftsführer der EWE Erneuerbare Energien. Bis dato wurde die Gesellschaft von einer Doppelspitze geführt. Prof. Dr. Jörg Buddenberg wechselte zum 1. Mai in die EWE AG, um dort strategische Projekte, u. a. das geplante Joint Venture mit der AloysWobben-Stiftung, AWS, voranzutreiben.

Um 600 Milliarden Euro hatte die Europäische Zentralbank zuletzt ihr Anleihe-Aufkaufprogrammausgeweitet. Foto: imagoimages/RalphPeters

down blieben Gasthäuser und Geschäfte geschlossen. Mit dem gesunkenen Angebot sank aber auch die Nachfrage. Die Menschen halten ihr Geld beisammen, verzichten auf teure Anschaffungen. Hauptargument derer, die eine hohe Inflation erwarten, ist die hohe Geldmenge, die nach bekannter Lesart Inflation begünstigt. Allerdings müsste dafür das viele Geld aus dem Finanzkreislauf in die Wirtschaft gelangen. Das war in Folge der Finanzkrise nicht der Fall. Hier blieb das Geld in seinem Kreislauf. Dieses Mal fließt es in die Wirtschaft. Und trotzdem gelten die Gefahren als gering. „Die Regierungen springen ein für ausgefallene Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen durch uns, verhindern also eher fallende Prei-

se“, sagt Jörg Zeuner. Der Chefökonom der Fondsgesellschaft Union Investment ist sicher, dass die Maßnahmen „vielen Unternehmen (helfen), die keine Gewinne mehr machen, ihre Mieten und Rechnungen zu bezahlen. Kaum jemand denkt im Moment daran, seine Kunden durch steigende Preise zu verschrecken.“ Eher besorgt betrachten Ökonomen den Trend zur Regionalisierung. Versorgungsengpässe bei einigen Waren und Gütern haben den Ruf laut werden lassen, wieder stärker vor Ort zu produzieren. „Der Abbau von globalen Produktionsketten und die Errichtung von wirtschaftlichen Mauern zwischen den Regionen begünstigt die Inflation“, erklärt Ulrich Kater. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie hatte es solche

Tendenzen gegeben. So hatte sich US-Präsident Trump vehement dafür ausgesprochen, beispielsweise Autos ausschließlich in den USA zu produzieren und so den Werken im Ausland den Saft abzudrehen. Autos würden sich auf diese Weise verteuern, weil die Löhne in Mexiko deutlich unter US-Niveau liegen. „Allerdings geschehen diese Veränderungen nur langsam und schrittweise“, so Kater. „In vielen Sektoren wird die globale Weltwirtschaft auch weiter bestehen bleiben, und damit die Möglichkeit, effizient und preisgünstig zu produzieren.“ Der Arbeitsmarkt ist ein weiteres Argument gegen Inflation. Wer in der aktuellen Situation seinen Job bedroht sieht oder gar schon entlassen wurde, wird nicht viel Zeit mit dem Gedanken an ein neues Auto verbringen. Allein in den USA haben in den vergangenen Wochen mehr als 40 Millionen Menschen Erstantrag auf Arbeitslosengeld gestellt. Für viel Konsum ist da kein Platz, das gilt auch für Deutschland. „Wir müssen in den kommenden Jahren mit einer gedämpften Wirtschaftsentwicklung rechnen“, sagt Jörg Zeuner. „Das begrenzt den Spielraum für Lohnsteigerungen.“ Vor der CoronaPandemie hatte die Wirtschaft über Fachkräftemangel geklagt. „Auch das ist erst mal vorbei. Daher wird die Lohnentwicklung eher mäßigend auf die Inflation wirken.“ Inflation ist übrigens auch nicht

der einzige Weg, um Schulden loszuwerden. Gerade den Staaten spielen die niedrigen Zinsen in die Karten. Wer gar auch noch Geld bekommt, wenn er sich etwas leiht, profitiert gleich doppelt. Die Neuverschuldung senkt die Gesamtlast und lässt den Haushalt besser aussehen. Den Regierungen ist am Minuszins viel gelegen. Sie sind angenehmer zu verkaufen als höhere Steuern, die dazu auch noch in der Aufbauphase kontraproduktiv wären. Unterm Strich können die Inflationsgefahren als gering angesehen werden, vor allem, weil sich die Wirtschaft in einer Rezession befindet. Die EZB geht davon aus, dass die Preise im Euroraum in diesem Jahr um 0,3 Prozent steigen. In den Jahren 2021 und 2022 taxieren die Währungshüter die Teuerungsraten auf 0,8 Prozent und 1,3 Prozent. Das ist weit vom Inflationsziel von 2,0 Prozent entfernt, das die EZB ausgegeben hat. Trotzdem kann es in einigen Bereichen zu steigenden Preisen kommen. Lebensmittel sind in Deutschland zum Teil deutlich teurer geworden, ebenso einige Dienstleistungen. Wer wochenlang auf einen Friseurtermin warten muss, ist gegebenenfalls bereit, mehr zu zahlen. Jörg Zeuner sieht aber keine allgemeine Gefahr: „Dort, wo wir eine Verteuerung sehen, hat das mit Versorgungsengpässen zu tun. Die werden aber weniger.“

Rückenwind dank Wasserstoff Neugründung: Der Nachtexpressdienstleister Night Star Express Hellmann BV gründet Hellmann Express Services BV (HExS). Die neue Gesellschaft bietet seit April dieses Jahres von der Zentrale in ’s-Heerenberg aus in den Beneluxländern rund um die Uhr Kurier- und Expressdienstleistungen an und erweitert somit den bestehenden Nachtexpress-Service. Damit reagiere das Unternehmen auf die stetig wachsende Nachfrage nach einem 24Stunden-Kurierdienst, der Sameday-Zustellungen aus einer Hand anbiete, so eine Pressemitteilung. Beteiligung: Die Osnabrücker MUUUH! Group hat sich zum Monatswechsel an der Agentur Future of Voice beteiligt. Das Berliner Unternehmen ist international führend im Bereich der KIbasierten Dialog-Automation in Voice und Text (Conversational AI). Künftig werden beide Unternehmen noch enger zusammenarbeiten. Ben Ellermann, der bereits die Technologietochter Next der MUUUH! Group verantwortet, übernimmt die Geschäftsführung der Future of Voice GmbH gemeinsam mit ihrem Gründer Malte Kosub. Beide Unternehmen haben bereits in der Vergangenheit in verschiedenen Enterprise-Projekten sehr erfolgreich kooperiert und das Synergiepotenzial des gemeinsamen Know-hows unter Beweis gestellt. Verlängerung: Der weltweit agierende Logistikdienstleister Hellmann Worldwide Logistics und der Hersteller von Verschlusslösungen Silgan Closures EMEA haben ihre bereits seit zehn Jahren bestehende Zusammenarbeit verlängert. Mit der nunmehr dritten Vertragsverlängerung wird Hellmann als Fullservice-Dienstleister im Bereich der Kontraktlogistik auch weiterhin die europaweite Koordination aller Distributionsaktivitäten sowie das Transportmanagement für den weltweit führenden Verschlusshersteller übernehmen.

Börse: Großes Plus für 2G Energy, Ahlers AG verliert mit Mode

VON LOTHAR HAUSFELD In der Zeit nach dem coronabedingten Lockdown hat sich die Börse recht schnell wieder von den teils dramatischen Kursverlusten erholt. Nur wenige regionale Unternehmen mussten in den vergangenen Wochen noch sinkende Werte verkraften – der Herforder Modehersteller Ahlers AG ist einer von ihnen. Deutlich im Aufwind segelt dagegen die 2G Energy AG, die im Energieerzeugungsbereich aktiv ist. Durch das milliardenschwere Wasserstoff-Förderprogramm der Bundesregierung ist der im münsterländischen Heek angesiedelte Hersteller dezentraler Energieerzeugungssysteme mittels KraftWärme-Kopplung in den Blickpunkt gerückt. Das Unternehmen hat bereits Tausende dieser Anlagen in Betrieb genommen, und auch wenn Wasserstoff grundsätzlich eher für den Verkehr und die Stahlproduktion statt für den Bereich Heizen verwendet werden soll, dürften Anbieter wie 2G Energy zukünftig profitieren. Der künftig benötigte Strom könnte beispielsweise über Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung produziert werden, die von Anbietern wie 2G Energy hergestellt werden. Von solchen rosigen Aussichten profitiert auch der Aktienwert: In den vergangenen Wochen setzten die Papiere zu einem wahren Höhenflug an und legten um stolze 105,88 Prozent auf 66,50 Euro zu. Und das, obwohl sich das Thema Wasserstoff als großflächig eingesetzte Alternative in der Energieversorgung noch immer erst im Aufbau befindet. Die Ahlers AG, Herforder Hersteller von Männermode, konnte dagegen von der allgemeinen Börsenerholung nicht profitieren. Ein Minus von 4,22 Prozent steht für die vergangenen Wochen zu Buche –

2G Energy AG

Angaben in Euro

HERFORD/HEEK

65 60 55 50

40 35 30

März

Mai

April

Ahlers AG

Juni Angaben in Euro

1,9 1,8 1,7 1,6 1,5

März

April

das ist kein dramatischer Verlust, aber angesichts teilweise deutlicher Steigerungswerte an den Börsen doch ein Ausreißer. Die Palette von Ahlers teilt sich in zwei Segmente auf: Der Premiumbereich besteht aus den Marken Baldessarini, Pierre Cardin und Otto Kern. Das Segment Jeans & Workwear besteht aus den Marken Pioneer Authentic Jeans und Pionier Workwear. Rund sechs Millionen Modeteile werden jährlich produziert – in Corona-Zeiten ging die Nachfrage nach Mode allerdings spürbar zurück, vor allem durch wochenlang geschlossene Ladenlo-

Mai

Juni

kale in den Innenstädten, aber auch aufgrund einer allgemeinen Kaufzurückhaltung. Diese Gründe sorgten dafür, dass die Prognose für das Geschäftsjahr 2019/20 zurückgenommen werden musste. Der Konzernumsatz sank im ersten Quartal 2019/20 um 13,2 Prozent auf 51,2 Millionen Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern schrumpfte um 55 Prozent auf 1,5 Millionen Euro. Durch ein erstes Maßnahmenpaket zur Effizienzund Ertragssteigerung wurden deutlich niedrigere betriebliche Aufwendungen erreicht – für ein Börsenplus reichte das noch nicht.


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

GELD & GESCHÄFT

„Die größten Entwicklungsschritte geht man nach Krisen“ Wie soll es weitergehen? Corona-Pandemie und Kurzarbeit verändern Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft spürbar VON MARCUS ALWES BRAMSCHE/WALLENHORST/OSNA-

Die Folgen der Corona-Pandemie haben auch die sonst so robuste Wirtschaft im Westen Niedersachsens hart getroffen. Lockdown, Umsatzrückgänge, Absatzprobleme, Herstellungsverzögerungen durch unterbrochene Lieferketten, dazu Kurzarbeit – was macht das alles mit Unternehmen und mit unserer Art zu produzieren und zu arbeiten? Viele Konsequenzen lassen sich momentan wohl nur erahnen, mehr nicht. Björn Schütte spricht mit Blick auf die Corona-Krise und das Instrument des Kurzarbeitergeldes von „einer Brücke“. Sie sei für eine gewisse Zeit tauglich, sagt der Unternehmer aus Wallenhorst. „Mehr darf es nicht sein“, fügt der Sanitärgroßhändler hinzu. Die Franz Joseph Schütte GmbH selbst musste bisher bei einer kleineren Tochterfirma einzelne Beschäftigte in Kurzarbeit schicken, die große MutterGesellschaft war von diesem Einschnitt nicht betroffen. Doch auch Inhaber und Geschäftsführer Björn Schütte kennt die Zahlen auf Bundesebene – 7,3 Millionen Menschen im Mai – sowie die Angaben der hiesigen Industrieund Handelskammer. An Ems und Hase wurde demnach zuletzt insgesamt für mehr als 140 000 Menschen Kurzarbeit angezeigt. Eine enorme Zahl für eine Region, die sich zuvor zunehmend an Vollbeschäftigung und positive Botschaften vom Arbeitsmarkt gewöhnt hatte. Kurzarbeit mit ganz erheblichen Lohnersatzleistungen aus staatlichen Kassen sei „aktuell für Unternehmen ein wichtiges Instrument, um den massiven Abschwung zu überbrücken und Kündigungen zu vermeiden“, sagt Frank Hesse, Geschäftsbereichsleiter Wirtschaftspolitik der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim: „Wichtig ist dabei, dass es eine Perspektive auf Normalität nach der Kurzarbeit geben muss. Nur dann kann das Instrument seine Wirkung entfalten.“ Andreas Sandmann – Geschäftsführer des Anlagenbauers Purplan und ebenfalls aus Wallenhorst – beschreibt die staatliche Hilfe unterdessen als „eine Versicherung“ und „ruhendes Zentrum, auf das man sich verlassen kann“. Das Kurzarbeitergeld trage „in der Gesellschaft so zu einer großen Beruhigung bei“, schließlich seien Normalität und Sicherheit durch die Corona-Krise infrage gestellt worden, sagt er. BRÜCK

Auch „der Wert der Arbeit, der Wert der sicheren Arbeitsstelle, die zahlreichen sozialen Kontakte durch die Arbeit“ erschienen für viele Menschen „in einem neuen Licht“, so Sandmann. „Die Arbeit wird plötzlich nicht mehr als Last empfunden, sondern als etwas Positives.“ Letzteres wird der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Osnabrück, Stephan Soldanski, möglicherweise gar nicht abstreiten. Doch der Gewerkschafter erwartet in mancher Branche auch Konflikte. „Deutschland als wichtiger Teil der Weltwirtschaft ist abhängig von funktionierenden globalen Lieferketten und Märkten. Bis diese wiederhergestellt oder umgestellt sind, sind Betriebe – und damit deren Arbeitsplätze – stark gefährdet“, sagt der IG-Metall-Mann. „Wir werden also in den nächsten Wochen und Monaten Auseinandersetzungen um die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten führen.“ Dienst im Homeoffice, immer mehr virtuelle Konferenzen, weniger Dienstreisen oder auch gänzlich neue Arbeitsraumkonzepte und Bürostrukturen werden in einigen Betrieben dann wohl nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Mancher Unternehmer beschleunige „jetzt den sowieso begonnenen Prozess der Transformation. Und zunehmend mehr Betriebe wollen jetzt die Situation dazu nutzen, tarifliche und betriebliche Standards abzusenken und drohen mit Schließungen, Personalabbau oder Verlagerungen“, glaubt Soldanski. Doch nicht nur die Gewerkschaften positionieren sich in diesen Tagen. Auch in den Rathäusern und kommunalen Verwaltungen der Region schauen die Verantwortlichen auf die Nachrichten aus den örtlichen Betrieben vor ihrer Haustür. Er verfolge das Geschehen rund um

„Das ist eine historisch einmalige Situation.“ Otto Steinkamp, Wallenhorster Bürgermeister

DenAbschwungüberbrücken?DafüristdieKurzarbeiteingutesMittel.Es brauchtjedochaucheinePerspektivedanach.

Corona-Krise und Kurzarbeit „sehr genau“, sagt beispielsweise der Wirtschaftsförderer der Stadt Bramsche, Klaus Sandhaus. Licht und Schatten entdecke er bei seinen Beobachtungen gleichermaßen. „Mit Sorge sehe ich die Situation vor allem für die Gastronomie, den Veranstaltungs- und Messebereich aber auch für den Bereich Automotive“, so der Wirtschaftsfachmann. „Daneben gibt es durchaus krisenfeste Branchen, zum Beispiel im Baubereich. Aber auch im Einzelhandel gibt es durchaus wieder hoffnungsvolle Signale“, schildert Sandhaus seine Eindrücke. Er verschließt die Augen im Mittelzentrum Bramsche mit seinen 31 000 Bürgern aber auch nicht vor möglichen Problemen. Sollte die Krise in bestimmten Branchen weiter andauern, müsse man sicher auch mit negativen Effekten für den Arbeitsmarkt rechnen, stellt er fest. Mit der Vollbeschäftigung in der Region Osnabrück-Emsland und der Grafschaft Bentheim wäre es vorerst vorbei. Die Arbeitslosenzahlen würden steigen. Gleichzeitig werden die Einnahmen der Städte und Gemeinden bei der Gewerbe-, Einkommens- und Umsatzsteuer sinken, die Aufwendungen im Sozialbereich dagegen anwachsen. Auch das sorgt für Debatten. Was können sich Städte und

Gemeinden demnächst noch leisten? Der Wallenhorster Bürgermeister Otto Steinkamp jedenfalls spricht von einer „historisch einmaligen Situation“. Der Erste Mann der Verwaltung der 24 000-EinwohnerGemeinde erwartet nicht nur im Speckgürtel von Osnabrück „politische Einschnitte, wie es sie in den letzten Jahrzehnten so nicht gegeben hat“. Bis einschließlich 2023 rechnen beispielsweise die Wallenhorster im örtlichen Haushalt mit Steuerausfällen in Höhe von insgesamt zehn Millionen Euro. Der Zugriff auf Rücklagen, die Verschiebung von mittelfristig geplanten Investitionen sowie die Option von Zwischenfinanzierungen über Liquiditätskredite werden als Möglichkeiten gehandelt, das Finanzloch zu stopfen. Andreas Luttmer-Bensmann ist inzwischen bemüht, den Fokus in der Debatte um die Folgen der Corona-Pandemie und insbesondere der Kurzarbeit auf den betroffenen Arbeitnehmer zu belassen. „Für die Beschäftigten muss sichergestellt sein, dass die Leistungen auch wirklich zur Bestreitung des Lebensunterhalts ausreichen. Hier zeigen sich dann auch die Verwerfungen unseres Wirtschaftssystems. Wenn Löhne im Normalfall schon nicht zum Leben reichen, dann tun es Ersatzleistungen erst recht nicht“, kri-

Foto:dpa/SinaSchuldt

tisiert der Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Der aus Bramsche stammende Luttmer-Bensmann findet, die Notwendigkeit eines Strukturwandels in der Wirtschaft sei durch die Corona-Krise deutlich geworden „und erfordert neue Wege in der Ausrichtung wirtschaftlichen Handelns und der Gestaltung der individuellen Existenzsicherung“. Ein Umdenken verlangt auch die Bundestagsabgeordnete Filiz Polat (Grüne), wenn sie auf das Kurzarbeitergeld blickt. „Handlungsbedarf besteht in Branchen und Unternehmen ohne tarifliche Regelungen“, sagt sie, denn hier führe das Kurzarbeitergeld in seiner jetzigen Form zu Nettolohneinbußen von bis zu 40 Prozent. Gerade in schlecht entlohnten Berufen und bei hohen Wohnkosten kämen die Beschäftigten damit aber nicht über die Runden, stellt Polat fest. „Das Kurzarbeitergeld muss daher verbessert werden, damit die Menschen nicht in die Armut abgleiten, nur weil aufgrund der Corona-Pandemie Kurzarbeit unumgänglich ist“, sagt die Bramscherin. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Matthias Seestern-Pauly (Bad Iburg) regt dagegen an, generell die geltende Steuererklärungspflicht für Kurzarbeiter für das Jahr 2020

zu streichen. Sein CDU-Kollege André Berghegger (Melle) mahnt an, „die Maßnahmen zur Sicherung unseres Wohlstandes dürfen nicht einseitig zulasten künftiger Generationen erfolgen“. Denn nachhaltige Finanzpolitik zeichne sich durch „eine gerechte Lastenverteilung“ aus, so Berghegger. Der SPD-Landtagsabgeordnete Guido Pott (Wallenhorst) stellt sich als Folge der Corona-Krise auf eine neue Arbeitskultur in Deutschland ein. Es werde neben verstärkter digitaler Vernetzung auch um flexiblere Arbeitszeitmodelle und Arbeitsformen gehen. Ferner habe die Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch einmal Auftrieb bekommen, sagt Pott. Björn Schütte – der Sanitärgroßhändler – unterstreicht ausdrücklich: „Jede Krise ist eine Chance.“ Es sei möglich, Veränderungen herbeizuführen, die man sich sonst vielleicht nicht getraut hätte, die aber dennoch sinnvoll und erforderlich seien. „Man wird ja quasi zur Veränderung gezwungen“, sagt Schütte. „Die größten Entwicklungsschritte geht man immer nach Niederlagen oder Krisen – vorausgesetzt, man zerbricht nicht daran. Das ist im Arbeitsleben, im Privaten und auch beim Sport vergleichbar. Und das betrifft das Individuum, den Staat und Unternehmen“, so Schütte.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

GELD & GESCHÄFT

Hilfe in finanziellen Schieflagen Der freiwillige Verzicht auf Gehalt durch Mitarbeiter oder Führungskräfte kann angeschlagene Firmen in der Corona-Krise retten VON YORK SCHAEFER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/

Vorübergehend weniger Geld verdienen oder sich den Lohn später auszahlen lassen: Das kann in der Corona-Krise ein Instrument sein, mit dem Angestellte ihre Firmen gegebenenfalls sogar vor der Pleite bewahren können. Zwar spielt das Thema im Nordwesten laut dem Arbeitgeberverband Oldenburg (AGV) bislang keine große Rolle. „Zum Erhalt von Arbeitsplätzen oder bei Liquiditätsproblemen können Gehaltsverzicht und Stundungen aber hilfreich sein“, sagt Karsten Tech, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des AGV. Christiane Brors bewertet das Instrument dagegen kritisch. Die Professorin am Institut für Rechtswissenschaften der Uni Oldenburg mit dem Spezialgebiet Arbeitsrecht sieht die Gefahr, dass Arbeitgeber finanzielle Probleme auf dem Rücken der Mitarbeiter abladen. Gerade im Niedriglohnsektor befürchtet Brors einen Missbrauch: Mitarbeiter in prekären Beschäftigungsverhältnissen könnten zu einem Lohnverzicht gedrängt werden, um ihren Job nicht zu riskieren. Grundsätzlich müssen sich beide Seiten einig sein, wenn das Instrument eingesetzt werden soll. Die Oldenburger Rechtsanwältin Christiane Wandscher von der Kanzlei Wandscher NORDHORN

die im Mindestlohngesetz vereinbarten Mindestlöhne verzichten. Gleiches gilt für in anderen Tarifverträgen festgelegte Mindestlöhne und allgemeinverbindliche Entgelttarifverträge. Eine Stundung des Mindestlohns ist ebenfalls aufgrund der Fälligkeitsregelungen nicht ohne Weiteres zulässig.

und Partner erklärt die rechtlichen Rahmenbedingungen. Was ist der Unterschied zwischen Gehaltsverzicht und Gehaltsstundung? Bei einem Gehaltsverzicht treffen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Vereinbarung, dass Letzterer auf einen bestimmten Teil seines Gehalts verzichtet. Bei einer Stundung vereinbaren beide, dass das Gehalt oder ein Teil des Gehalts zu einem späteren Zeitpunkt gezahlt werden kann. Der Vorteil einer Gehaltsstundung ist aus Arbeitnehmersicht, dass der Anspruch in voller Höhe bestehen bleibt und das Geld lediglich zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Konto landet. Der Vorteil für den Arbeitgeber besteht darin, dass er Zeit gewinnt und einen ansonsten vielleicht notwendigen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens vermeiden kann. Im Unterschied dazu besteht der Anspruch des Arbeitnehmers bei einem Gehaltsverzicht nicht mehr. Damit sinkt nicht nur unmittelbar das Einkommen, sondern auch die Höhe des Anspruchs auf ein später womöglich nötiges Arbeitslosengeld. Können Unternehmen Mitarbeiter zum Gehaltsverzicht oder zur Gehaltsstundung zwingen? Nein. Sowohl bei einem Verzicht als auch bei einer Stundung ist

MancheFirmakämpftinderCorona-KrisemitLiquiditätsproblemen.

in der Regel eine Vereinbarung zu schließen, die ein beiderseitiges Einvernehmen voraussetzt. Müssen alle Mitarbeiter auf die gleiche Gehaltssumme verzichten? Nach dem allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz ist aus Sicht von Christiane Wandscher bei einem Gehaltsverzicht anteilig bei allen gleich zu verfahren, soweit nicht eine Ungleichbehandlung durch besondere Umstände gerechtfertigt ist. Was gilt für Angestellte, die im Niedriglohnsektor beschäftigt

Foto:imagoim./photothek

sind, oder die ein besonders hohes Gehalt beziehen? Egal, ob es sich um Mitarbeiter im Niedriglohnsektor oder um höhere Gehaltsstufen handelt, gelten zunächst die oben dargestellten Grundsätze. Bei Mitarbeitern mit höheren Gehältern kann der Gehaltsverzicht, soweit sie über der Beitragsbemessungsgrenze liegen, möglicherweise ohne weitere Auswirkung auf das Arbeitslosengeld bleiben. Sind bestimmte Gehaltsbestandteile von einem Verzicht ausgeschlossen? Im Niedriglohnsektor können Mitarbeiter nicht auf

Wie läuft die Rückzahlung bei einer Gehaltsstundung? In einer schriftlichen Stundungsvereinbarung wird geregelt, wie lang das Gehalt gestundet wird. Das bedeute, dass aus der Vereinbarung hervorgehen müsse, wann der Arbeitgeber den rückständigen Lohn zahlen müsse, erklärt die Rechtsanwältin. Dort kann etwa eine Ratenzahlungsverpflichtung und eine Zinsregelung enthalten sein. Welches Mitspracherecht hat ein Betriebsrat bei Gehaltsverzicht oder -stundung? Bei der Frage der Mitbestimmung muss man unterscheiden, ob der Arbeitgeber den Lohn aller Arbeitnehmer gleichmäßig kürzt oder ob nur einzelne Bestandteile gesenkt werden sollen und ob der Arbeitgeber tarifgebunden ist oder nicht. Wenn der Arbeitgeber den Lohn aller Arbeitnehmer gleichmäßig kürzt, bedeutet das laut Christiane Wandscher aller Voraussicht nach keine mitbestimmungspflichtige Änderung der betrieblichen Lohngestaltung.

Denn bis auf die Höhe des Lohns ändert sich nichts. Anders ist die Situation, wenn der Arbeitgeber nur den Lohn einzelner Arbeitnehmergruppen senkt. Dann liegt genau diese mitbestimmungspflichtige Änderung vor. Was passiert mit gestundeten Gehältern, wenn das Unternehmen pleitegeht? Im Fall der Insolvenz des Arbeitgebers sind nicht bezahlte Lohnforderungen, die bereits vor Verfahrenseröffnung entstanden sind, sogenannte Insolvenzforderungen, die beim Verwalter angemeldet werden müssen. Dies bedeutet in der Regel, dass der Arbeitnehmer nur einen Bruchteil seiner Forderung bekommt. Da der Arbeitnehmer mit seinen Insolvenzforderungen große Nachteile hat, zahlt die Agentur für Arbeit das sogenannte Insolvenzgeld. Können Arbeitnehmer statt auf Gehalt auch auf Urlaubstage verzichten? Das Bundesurlaubsgesetz sieht einen Mindesturlaubsanspruch für Arbeitnehmer vor, der 20 Tage bei einer Fünf-Tage-Woche umfasst und 24 Tage bei einer Sechs-Tage-Woche. Auf diese Urlaubsansprüche kann der Arbeitnehmer nicht verzichten. Stehen dem Arbeitnehmer mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestansprüche zu, kann er darauf aber verzichten.

vr.de/weser-ems

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

SPEZIAL MODE & WANDEL

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„Über Monate Geld verloren – man kann fast sagen verbrannt“ Gerd Oliver Seidensticker ist nicht nur Familienunternehmer, sondern auch seit vielen Jahren Präsident des Interessenverbands GermanFashion Trotz Öffnung des Handels noch lange nicht beim Status quo. Keine Rückkehr der Produktion nach Deutschland. Frauen sind bei Marken anspruchsvoller als Männer. VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/

Seit rund acht Jahren steht der Bielefelder Unternehmer Gerd Oliver Seidensticker an der Spitze des Mode-Verbands GermanFasion – und er wird die Interessenvertretung auch noch zwei weitere Jahre führen. Ein Gespräch über die Schwierigkeiten der Branche – vor und mit Corona – und warum Frauen als Kunden eine größere Herausforderung sind als Männer. NORDHORN

Herr Seidensticker, der Handel hat bereits vor eine Pleitewelle stationärer Einzelhändler gewarnt. Mehrere Modeunternehmen haben sich in ein Schutzschirmverfahren gerettet. Wie steht es um die Modeindustrie in Zeiten von Corona? Den Modehandel wie die Modeindustrie – denn beides ist eng miteinander verbunden – sehe ich aktuell in der womöglich größten Krise, die wir jemals in unserer Branche hatten. Die Corona-Pandemie hat uns völlig unvermittelt getroffen, mit einem so nachhaltigen Stopp des Verkaufs. Vorbereitungen waren da gar nicht möglich. Und auch jetzt, wo die Geschäfte wieder öffnen dürfen, sind wir noch lange nicht zurück beim Status quo vor dem coronabedingten Shutdown. Die Bundesregierung hat nun temporär die Mehrwertsteuer gesenkt, um den Konsum anzukurbeln. Hilft das der Industrie, die Krise zu überstehen – und wird die Mehrwertsteuersenkung an die Partner weitergegeben? Die Komplexität dieses Thema ist alles andere als gering. Es wird sich herausstellen, ob das Geld beim Handel, in der Industrie oder beim Endverbraucher landen wird. Die deutsche Modeindustrie hatte jedoch schon vor Corona ihre Probleme, nehmen wir nur Esprit, Gerry Weber oder Tom Tailor. Sind deutsche Marken nicht konkurrenzfähig? Das sind drei sehr starke Teilnehmer im Markt, und gerade bei Gerry Weber war die schnelle starke Schwächung des Unternehmens doch sehr überraschend. Mode hat am Ende aber etwas mit dem Schönen, dem Eitlen, dem Image einer Marke zu tun. Wer da keinen guten Job macht, der fliegt raus, egal in welchem Preissegment. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig so ein Turnaround ist. Wir sind

voll halte und es auch noch eine Weile so bleiben wird. Sehen Sie Trends, die sich aus dem Lockdown ergeben? Mode wird praktisch der Situation angepasst. Wollhose mit Hemd und Krawatte vor der Video-Konferenz halte ich für unwahrscheinlich. Wenn ich mir die Start-up-Konferenzen anschaue, ist es fast langweilig, wie viele mit schwarzem T-Shirt, Jeans und Sneakern dort auftreten. Der Endverbraucher wird sich immer weniger einem modischen Diktat unterwerfen. Mode wird schon lange nicht mehr über Anlässe etc. definiert – das war lange vor Corona schon so

bei Seidensticker seit sieben Jahren dabei, das Image von einer etwas altbackenen Marke zu drehen. Dieses Ziel verfolgen wir beständig und konsequent. Es liegt schon ein sehr großes Stück hinter uns, aber wir sind immer noch auf dem Weg – was durchaus normal ist. Ich sehe aber viele klassische Mittelständler, die exzellent aufgestellt sind und sicher und stabil wachsen und einen guten Service bieten. Um sie mache ich mir auch nach der Corona-Krise keine Sorgen. Die deutsche Modeindustrie ist besser als ihr Ruf, nur liegt der Fokus oftmals auf den börsennotierten Unternehmen, die zuletzt strauchelten.

Ein Blick durch die Kaufhäuser erweckt den Eindruck, dass es heute deutlich mehr Marken im Markt gibt es früher. Müssen sich Unternehmen langfristig darauf einstellen, dass ihr Stück vom Kuchen kleiner wird? Wir machen die umgekehrte Erfahrung. Als mein Cousin und ich vor 16 Jahren die Geschäftsführung bei Seidensticker mit übernommen haben, hatten wir 16 Marken im Unternehmen, heute haben wir im Wesentlichen noch eine. Aber: Die Marken, die da sind, sind auffälliger und dominanter vertreten. Früher war das anders, daher hatte man den Eindruck, es seien nicht so viele gewesen.

Eine Auffälligkeit: Die Unternehmen, die schwächeln, sind im Bereich Damenmode aktiv. Sind Frauen anspruchsvoller als Männer? Ich glaube ja. Wenn man bei den Damen nicht aktuell ist, nicht interessant und begehrlich, wird man viel schneller aussortiert als bei den Herren. Männer sind treuer und machen eine gewisse Evolution mit ihrer Marke mit. Was manch eine Marke aber unterschätzt ist der Einfluss, den die Jüngsten im Haus auf das Modebewusstsein haben – und sie werden vor allem durch Social Media beeinflusst. Wenn da eine Modemarke popelig daherkommt, wird dem Vater oder der Mutter ganz schnell gesagt, dass sie nicht gut aussehen – und schon ist die Marke aussortiert. Gehen Sie davon aus, dass die Industrie das Corona-Tal durchschritten hat? Man muss es so sehen: Uns trifft jetzt erst einmal der Umsatzausfall. Gleichzeitig haben wir die Schwierigkeit, unsere Kosten auch nur annähernd runterzufahren, sodass viele über Wochen und Monate sehr viel Geld verloren – man kann fast sagen verbrannt – haben. Hinzu kommt: Die modische Ware ist schnelldrehend und saisonbehaftet – und durch Corona ist der wichtige Wechsel von der Frühjahrs- zur Sommersaison in großen Teilen ausgefallen. Die Ware ist aber da. Sie abzusetzen geht nur noch über den Preis, und das belastet wiederum die Renditen, sodass auch hier Geld verloren geht. Und bei dem einen oder anderen wird auch die Lieferkette weiterhin betroffen sein. Betroffene Lieferketten bedeutet jedoch auch möglicherweise weniger Ware für Herbst und Winter – und damit auch hier weniger Umsätze für die Unternehmen. Kommt die Krise nach der Krise? Eins sage ich sicher voraus: Es wird genügend Ware im Handel sein. Allerdings wird sich tatsächlich erst im Herbst zeigen, wie sehr sich die Krise wirklich auf unsere Branche auswirkt. Sie ist da sehr heterogen aufgestellt. Wir haben einige, bei denen Weber, Vorstufen und Konfektion im Ausland hart getroffen wurden. Insofern könnte es hier zu Lieferschwierigkeiten kommen. Unser Unternehmen Seidensticker hat eigene Produktionen in Asien,

Wie gefährdet sehen Sie den deutschen Mode-Mittelstand langfristig nach Corona? Die Veränderungen werden kommen. Wer es versteht, sich attraktiv darzustellen, wird bleiben. Und es bleibt auch Platz für das Außergewöhnliche in der Mode, denn ständige Systempartnerschaften führen am Ende zu geordneter Langeweile. Wenn die Fläche nur noch mit dem optimalen Bestand bestückt wird, wird es für den Endverbraucher nicht sonderlich interessant. Auch hier gilt: Marke muss klar erkennbar, klar abzugrenzen sein – und vor allem erlebbar.

Foto:Seidensticker

sodass wir viel gezielter reagieren konnten und unsere Webereien, Spinnereien und Konfektionsbetriebe sehr wenig von den Shutdowns betroffen waren. So wie uns geht es vielen, die eigene Produktionen haben. Wir befürchten keine Ausfälle in der Lieferkette. Dennoch sind aufgrund der Pandemie die Lieferketten vieler Wirtschaftszweige in den Fokus gerückt. Mit Blick auf die Mode: Ist es überhaupt realistisch, Teile der Produktion wieder zurück nach Europa bzw. Deutschland zu verlagern? Ich sehe da mehrere, sehr schwer zu nehmende Hürden. Selbst wenn es kostenseitig darzustellen wäre, ist es schwierig Menschen zu finden, die diesen anstrengenden Job in einer Nähfabrik machen wollen – weder in Deutschland noch in Osteuropa. Abgesehen davon sind die Lohnstückkosten im Ausland einfach geringer. Wenn wir in unserer Produktion in Vietnam ein Hemd fertigen lassen, das am Ende im Handel 49,95 Euro kostet, würde das bei einer Fertigung hier in Deutschland bzw. Europa gut das Doppelte kosten. Daher sehe ich es nicht, dass Leichtindustrie in Massen wieder nach Deutschland oder die Anrainerstaaten zurückkommt.

Gerade für unsere Region war die Textil- und Modeindustrie ein starker Wirtschaftszweig. Welche Bedeutung hat der Produktionsstandort Deutschland überhaupt noch? Das ist sehr heterogen, für die Gesamtheit der Branche spielt der Produktionsstandort Deutschland aber keine große Rolle. Es gibt dennoch Unternehmen, die fast ausschließlich in Deutschland fertigen. Das geht unter anderem bei Strick- und Wirkwaren, wenn sehr große und teure Maschinen die Arbeit übernehmen und anschließend relativ einfache Konfektionsarbeiten gemacht werden müssen. Da kann es sich rechnen. Bei unserem Artikel – dem Herrenhemd – ist es genau umgekehrt: Die Produkte aus gewebter Waren werden sehr lohnintensiv in fast 100 Prozent Handarbeit gefertigt. Für uns spielt also die Lohnminute eine ganz andere Rolle. Schon vor Corona stand die Schnelllebigkeit im Modegeschäft in der Kritik. Gibt es Anzeichen dafür, dass das Virus das Geschäft langsamer werden lässt? Die meisten Unternehmen unseres Verbandes, der immerhin 95 Prozent der Branche vereint, sind keine Fast-Fashion-Anbieter, sondern in

den normalen Zyklen. Es geht bei Fast-Fashion auch nicht nur um Schnelligkeit, die ausschlaggebende Komponente ist der günstige Preise der Waren, denn er führt zu einem achtlosen Wegwerfen. Hier sehe ich allerdings auch durch Corona kein wesentliches Umdenken im Kaufverhalten. Der Kunde will Mode, und er schlägt zu, wenn sie günstig ist. Insofern müsste auch mit Blick auf das frühe Reduzieren von Waren ein Umdenken stattfinden. Sie sagen, der Kunde will Mode, und das auch gerne günstig. Wie ist das aktuell, wo noch immer viele im Homeoffice arbeiten? Macht Corona die Jogginghose salonfähig? Gute Frage. Ich sitze hier in Jeans, mit Turnschuhen und weißem Hemd. Ich habe nie so ein Ding getragen, das ist für mich zu sehr mit Sport verbunden. Wenn, dann wird es ein modischer Zeitgeist sein, der kommt und geht. Es ist aktuell ja vom Homeoffice-Look die Rede, wo man ein bisschen legerer unterwegs ist. Ich glaube, da wird es aber auch eine Gegenbewegung geben, denn irgendwann kann man seinen Partner im guten Jogger mit T-Shirt und Polo auch nicht mehr sehen. Abwechslung ist gefragt – auch wenn ich aktuell die Schränke noch für

Braucht es also mehr Mut seitens der Hersteller und des Handels? Es ist ein guter Mix aus allem. Nur mit mutig und gewagt kann auch niemand überleben, denn dann ist man schnell beim Thema Abschreibung nicht verkaufter Ware. Das ist der Hauptrenditekiller – und dies sicher nicht, weil der Handel und die Industrie so viel verdienen. Es braucht die Artikel, die Appetit machen, die die Butter und das Brot verdienen, aber eben auch anderes. Die Zusammenarbeit von Handel und Industrie wird noch enger werden, aber auch schneller. Inwiefern? Der Handel wird schneller, kleinere Pakete bestellen, um damit noch enger an den Wünschen der Verbraucher zu sein. Er wird nicht mehr nur drei- oder viermal im Jahr große Mengen bestellen. Darauf müssen wir uns als Industrie einstellen, und das wird uns in der Digitalisierung der Zusammenarbeit treiben – und die Spreu vom Weizen trennen. Der eine oder andere ist der Meinung, die Maske wird das neue ItPiece. Sehen Sie das ähnlich? Ich kenne die Maske schon aus meiner Zeit in Hongkong. Ich sehe, dass sie hier aus Zwang gut getragen wird, ob das aber anhält? Ich glaube, es ist nur so lange ein Accessoire, solange Auflagen dafür da sind.


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

SPEZIAL MODE & WANDEL

Von der Garnspule bis zur fertigen Arbeitskleidung Firma Rofa aus Schüttorf hat den Niedergang der Textilindustrie in der Region überstanden und produziert noch immer vor Ort VON SEBASTIAN HAMEL Einst war die Grafschaft Bentheim eine blühende Hochburg der Textilindustrie. Große Firmen wie Nino, Rawe und Povel aus Nordhorn genossen internationale Bekanntheit. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Erfolgs konnten die Betriebe dem Konkurrenzdruck aus dem Ausland jedoch nicht mehr standhalten und schlossen bis in die 1990er-Jahre nach und nach ihre Pforten. Der Niedergang der Branche in der Region war vollzogen und hatte einen grundlegenden Strukturwandel zur Folge. Ein Unternehmen aus Schüttorf, der ältesten Stadt der Grafschaft, blieb allerdings am Markt: die Rofa Bekleidungswerk GmbH & Co. KG. Schon früh spezialisierte sich der Betrieb auf die Herstellung von Arbeitskleidung und Stoffen für die persönliche Schutzausrüstung (PSA) – rückblickend eine richtige Entscheidung von existenzieller Tragweite: Rofa konnte sich in der Sparte etablieren, somit die Krise der hiesigen Textilindustrie überstehen und sich zu einem der führenden Player auf dem Gebiet der Berufsbekleidung entwickeln. Ein wesentliches Merkmal ist dabei die „vertikale Produktionsstruktur“: Vom Designen der Produkte über das Weben und Verarbeiten der Textilien bis zur Konfektionierung der SALZBERGEN

Gemeinsam den Blick nach vorne richten.

Kleidungsstücke erledigt das Unternehmen alles selbst Inzwischen kann Rofa auf eine mehr als 120-jährige Geschichte zurückblicken: 1897 als Textilbetrieb „G. Schlikker & Co.“ durch die drei Schüttorfer Gerhard Schlikker, Levert Rost und Wilhelm Edel in Osnabrück gegründet, kam 1912 ein zweiter Standort in Schüttorf hinzu. Nachdem das Osnabrücker Werk im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, verlagerte sich die Produktion gänzlich nach Schüttorf. Bereits Anfang der 1960er-Jahre erfolgte die Fokussierung auf Berufsbekleidung, in dieser Zeit entstand auch der Firmenname Rofa – ein Akronym aus den Namen der Nachkriegsgesellschafter Rost und Falley. Heute beschäftigt die Firma rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Stammsitz, die Geschäftsführung haben Silke Kamps und Jens Falley inne. Seit 2004 betreibt Rofa einen zweiten Standort mit weiteren knapp 200 Mitarbeitern in Arad in Rumänien, wo ein Teil des in Schüttorf hergestellten Gewebes konfektioniert wird. Der Grafschafter Betrieb sieht sich als klassisches Familienunternehmen. Einer der Gründernachkommen ist der 39-jährige Henning Rost: Der Textilingenieur und Textil-Betriebswirt ist in vierter Generation bei Rofa tätig, hat nahezu jeden Arbeitsplatz im Unternehmen schon einmal ausgeführt und ist

AlleArbeitsschritte hat das Textilunternehmen Rofaunter seinem Dach vereint.Und so legtWeberUlrich RaußenamStandortin Schüttorf eineSchussfadenSpulenach.

mit der Firma und ihren unterschiedlichen Abteilungen bestens vertraut. „Das ist kein Handwerk, das man von heute auf morgen lernt“, betont er. Mehrere Mitarbei-

Ob in Familienunternehmen oder in globalen Konzernen – die „neue Normalität“ verändert aktuell unsere Geschäftsprozesse in vielen Bereichen. Doch unser gemeinsames Fundament bleibt bestehen: Vertrauen in die Integrität von Geschäftsbeziehungen. Vertrauen in die Transparenz von Transaktionen. Vertrauen darauf, dass Unternehmen nachhaltig Wert schöpfen und Sinn stiften. Für all das und Vieles mehr ist PwC Ihr Partner. Sprechen wir darüber, wie Ihr Unternehmen heute die richtigen Weichen stellt. Und morgen von den Veränderungen profitiert! Ihr Ansprechpartner für PwC Nord-West in Osnabrück: Georg Stegemann Tel.: +49 541 3304-558 georg.stegemann@pwc.com

© 2020 PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Alle Rechte vorbehalten. „PwC“ bezieht sich auf die PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die eine Mitgliedsgesellschaft der PricewaterhouseCoopers International Limited (PwCIL) ist. Jede der Mitgliedsgesellschaften der PwCIL ist eine rechtlich selbstständige Gesellschaft.

ter seien von Textilunternehmen aus der Region, die in den zurückliegenden Jahrzehnten insolvent gingen, zu dem Spezialisten für Berufsbekleidung gekommen. Bei den Produkten wird auf Qualität gesetzt – dies ist nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Kunden buchstäblich überlebenswichtig: „Unser Hauptaugenmerk ist die persönliche Schutzausrüstung – und die muss funktionieren. Leib und Leben hängen davon ab“, sagt Henning Rost. Zu den Abnehmern zählen unter anderem Großbetriebe aus der Chemie- und Stahlindustrie, wo die Kleidung mitunter gefährlichen Substanzen und hohen Temperaturen ausgesetzt ist. „Unser Vorteil ist, dass alle Prozesse im eigenen Haus stattfinden“, erklärt Rost. Ein Rundgang durch das Werk in Schüttorf ist wahrlich beeindruckend: Die von deutschen und europäischen Herstellern angelieferten Garnspulen lagern nur wenige Meter von den fertigen Kleidungsstücken entfernt. Dazwischen liegt eine Vielzahl an Produktionsschritten: Nach dem sogenannten Zetteln und Schlichten entsteht in der laut dröhnenden Weberei aus den Garnfäden das erste Rohgewebe, welches auf großen Rollen der weiteren Verarbeitung zugeführt wird. Die Produktionsmenge beläuft sich auf jährlich 2,5 Millionen Quadratmeter. Nach mehreren Stationen wie Waschen, Rauen, Sengen und Bleichen durchläuft der Stoff die Färberei, ehe er verschiedene Formen der Veredelung erfährt, zugeschnitten wird und letztlich auf den Tischen der Näherinnen zur abschließenden Konfektionierung landet. Im Labor werden derweil fortwährend Eigenschaften wie eine hohe Reißfestigkeit oder eine schwere Entflammbarkeit überprüft. Schon lange arbeitet Rofa in Forschungs- und Normungsgremien mit und steuert das Wissen aus der Praxis bei. Insgesamt misst die Betriebsstätte in Schüttorf eine Fläche von 30 000 Quadratmetern, wovon 20 000 Quadratmeter überbaut sind. Rund eine Million Teile fertigt das Schüttorfer Textilunternehmen pro Jahr. Dabei spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle: Im Jahr 2017 wurde Rofa nach dem sogenannten „STeP by OEKO-TEX“ („STeP“ steht für „Sustainable Textile Production“) im höchsten Level zertifiziert.

Durch die Produktion vor Ort spart der Betrieb nicht nur Kosten für Überseetransporte und weitere Herstellungsschritte, an denen externe Anbieter verdienen würden: Ein weiterer Vorteil besteht in der Möglichkeit, flexibel auf Marktveränderungen reagieren zu können. Dies hat sich auch in der CoronaKrise bezahlt gemacht. Als die Lieferketten von und nach Asien ab-

„Unser Vorteil ist, dass alle Prozesse im eigenen Haus stattfinden.“ Henning Rost, in vierter Generation im Unternehmen

brachen, fertigte Rofa Schutzmasken aus eigenem Gewebe. Von Lieferengpässen war der Schüttorfer Betrieb insofern nicht betroffen. Das Unternehmen kann sich sogar vorstellen, sein Produktportfolio dauerhaft um den medizinischen Bereich zu erweitern – zum Beispiel durch die Herstellung von OP-Mänteln oder medizinischen Gesichtsmasken. Auch nach mehr als 120 Jahren ist man offen für Neues: Erst im vergangenen Jahr stellte sich Rofa als Partnerunternehmen für ein Studierendenprojekt der Saxion-Universität aus dem niederländischen Enschede zur Verfügung, wobei es um die Entwicklung und Einsatzmöglichkeiten smarter Textilien ging. Franziska Fürst, zuständig für Strategisches Design- und Brandmanagement, hebt auch die Bedeutung des Engagements vor Ort hervor, welches unter anderem lokales Sportsponsoring und die Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Nordhorn umfasst – ein klares Bekenntnis zum Standort in der Grafschaft. Andersherum scheinen sich auch die Mitarbeiter wohlzufühlen: Zwar ist der Fachkräftemangel bei Rofa ein Thema, doch wer dort erst einmal angefangen hat, der bleibt in der Regel auch. „Wir haben eine sehr geringe Fluktuation“, sagt Henning Rost. Die durchschnittliche Unternehmenszugehörigkeit liege bei mehr als 20 Jahren.

Henning Rost ist in der vierten Generation bei Rofa.Zusammen mit Franziska Fürst, zuständig für das strategische Branddesign, ist er im Lager der Garnspulen, die einmal zu Produkten verarbeitet werden. Fotos:SebastianHamel


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

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Gestärkt aus der zweiten Krise? Wie Alexander Gedat und Florian Frank das Unternehmen Gerry Weber bis 2023 wieder zu altem Erfolg zurückführen wollen VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/HALLE Mit Beginn der Corona-Krise ist das Haller Traditionsunternehmen Gerry Weber knapp an einer zweiten Insolvenz vorbeigekommen. Ein Gespräch mit den CEO Alexander Gedat (55) und Finanzvorstand Florian Frank (47) über die Zukunft des Unternehmens.

Herr Gedat, seit Dezember 2019 waren Sie Aufsichtsratsvorsitzender, haben den Abschluss des Insolvenzverfahrens miterlebt – und zwei Monate später interimsmäßig den Vorstandsvorsitz übernommen. Dann kam Corona und die Gefahr eines zweiten Insolvenzverfahrens. Ist Gerry Weber jetzt über den Berg? Gedat: Derzeit ja. Allerdings muss man auch sagen: Kommt eine zweite Welle, und Wirtschaft und Gesellschaft gehen in einen zweiten Shutdown, dann könnte noch einmal eine Delle kommen. Erst einmal sind wir jedoch nach der Einigung mit unseren Gläubigern und den zusätzlichen Betriebsmitteln unserer Eigentümer für die nächsten dreieinhalb Jahre durchfinanziert. Es kommt ein neues Zukunftskonzept, das auch den Abbau von Arbeitsplätzen beinhaltet. Frank: Der emotional schwierigste Schritt ist der erneute Jobabbau

schwerpunktmäßig in Halle. 200 Stellen sind vor allem hier betroffen, Interessensausgleich und Sozialplan sind unterschrieben, ebenso der Sanierungstarifvertrag. Letzterer sieht leider noch einmal Einschnitte bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld vor. Fakt ist aber: Wir haben ein tragfähiges und unterschriebenes Refinanzierungskonzept. Die erste große Hürde ist genommen, wir sind durchfinanziert bis 2023. Gedat: Der Jobabbau betrifft auch 30 Prozent der Führungskräfte. Auch eigene Rechtsanwälte wird sich das Unternehmen zum Beispiel nicht mehr leisten. Kosten wollen wir aber nicht nur beim Personal einsparen, sondern wir wollen auch die Gebäudekosten reduzieren. Ein Teil unseres Stammsitzes ist bereits untervermietet. Das wollen wir noch ausweiten, uns reicht auch die Hälfte des Platzes. Zur Finanzierung mussten auch die neuen Eigentümer einen finanziellen Beitrag leisten. Anders als vielleicht eine Familie im Rücken, schauen Investoren auf die Zahlen. Wie einfach war es, sie zu überzeugen? Frank: Sie haben unsere schonungslose Analyse sehr positiv aufgenommen. Wir haben eine gute und intensive Beziehung zu unseren Shareholdern, das hat geholfen. Ohne diese Nähe zu den Investoren wäre es unmöglich gewesen.

Das ist die finanzielle Seite. Was sieht das Konzept inhaltlich weiter vor? Gedat: Wir möchten weniger machen, dafür aber attraktiver werden. Zudem sollen Mode und Passform, die alten Gerry -Weber-Werte, wieder mehr im Vordergrund stehen. Ziel ist es, die führende Damen-Marke im Classic Mainstream zu sein. Attraktiver, weil weniger komplex werden wir auch, indem wir unsere Liefertermine von 14 auf 10 pro Jahr reduzieren. Außerdem gibt es Veränderungen in der Beschaffung. Derzeit läuft das sowohl im Vollgeschäft, wo wir das Design an unseren Lieferanten geben und diese danach fertigen, aber auch in der passiven Lohnfertigung. Das heißt, wie kaufen Stoffe, Knöpfe etc. zu und schicken das in Lohnbetriebe, die die Teile nähen, meist in Osteuropa. Letzteres werden wir abschaffen und ganz in die Vollbeschaffung gehen. Werde Sie dadurch nicht unflexibler und verlieren Kontrolle über die Teile der Kollektion? Gedat: Jein. Wenn der Designer aus kreativen Gründen einen bestimmten Stoff möchte, kann er auch einem Vollgeschäftslieferanten diesen Stoff vorgeben. Die Kreativität werden wir nicht verlieren. Die Marke muss wieder Begehrlichkeiten wecken, haben Sie erst jüngst gesagt. Das Ziel hatten be-

Rechnen Sie damit, dass Corona das Einkaufsverhalten nachhaltig verändern wird? Gedat: Ich denke schon. Der E-Commerce hat noch einmal einen deutlichen Schub bekommen. Ich glaube auch, dass die Nachhaltigkeit in der Textilie selbst einen Schub bekommt. Darauf wird der Verbraucher verstärkt achten.

AlexanderGedat

Fotos: GerryWeber

reits Ihre Vorgänger. Woran ist dieses Vorhaben bislang gescheitert, und was machen Sie anders? Gedat: Meine Vorgänger haben eine gute Vorarbeit geleistet. Wir sehen schon jetzt: Die Ware, die derzeit in den Läden liegt, verkauft sich besser als früher. Der Durchschnittsbon steigt ebenso wie die Teile pro Bon. Man kann also nicht sagen, dass alles schlecht war. Wir legen jetzt einen noch stärkeren Fokus auf die Produktentwicklung – auch, indem wir weniger Teile entwickeln. Dadurch steigt unsere Produktionszahl pro Stück. Auch die Rabatte haben wir zurückgefahren. Wenn man da zu früh einsteigt, entwertet man seine eigene Ware. Sind Filialschließungen geplant? Gedat: Wir verhandeln zwar Mietverträge neu, eine Schließung von Filialen ist aber nicht geplant. Wir sind

FlorianFrank

der Meinung: Durch die geringere Frequenz an den Standorten ist die Immobilie auch weniger wert. Insofern wollen wir auch weniger bezahlen. Hier streben wir individuelle Lösungen für jede Filiale an. Wir machen das vielleicht etwas charmanter als andere, aber wie alle anderen in der Branche auch brauchen wir diese Unterstützung. Sind Vermieter einsichtig? Gedat: Je länger die Krise dauert, desto einsichtiger werden sie. Denn sie sehen auch: Geht ein Handelspartner raus, wird es derzeit schwierig, einen Nachmieter zu finden. Der Druck steigt, kein Retailer expandiert in der aktuellen Situation. Es geht uns jedoch auch nur um eine temporäre Reduzierung der Mietkosten. In zwei, drei Jahren kann das wieder ganz anders aussehen.

Sie hatten den E-Commerce angesprochen, lange Zeit ein Manko bei Gerry Weber. Wo steht das Unternehmen hier aktuell, und was ist das Ziel? Gedat: Vor einem halben Jahr sind wir etwa mit einem E-CommerceAnteil am Umsatz von 7 Prozent gestartet. Heute liegen wir deutlich im zweistelligen Bereich und wollen das weiter steigern. Wir verkaufen nicht nur über unseren eigenen Shop, sondern auch über die einschlägigen Marktplätze. Der Handel im Netz kann deutlich über 20 Prozent erreichen, und da wollen wir hin. Sie haben lange Zeit eine andere deutsche Modemarke, Marc O’Polo, geführt. Reizt es Sie nicht, Gerry Weber langfristig im Vorstand weiterzuentwickeln? Gedat: Nein. Ich war lange genug im Vorstand, die letzten fünf Jahre auch als CEO. Das macht mir schon Spaß, aber ich arbeite jetzt anders und möchte kürzertreten.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

SPEZIAL MODE & WANDEL

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„Wir bekommen jeden Tag ein Zeugnis ausgestellt“ Modehandel vor, mit und nach Corona – Darüber haben Mark Rauschen und Matthias Böckmann beim Wirtschaftstalk diskutiert Ziel: Rabatte dort, wo das Sortiment dies erfordert. Fällt der Mittelstand bei Corona-Hilfen durchs Raster? Zu stiefmütterlich? Wenige Erfahrungen im Onlinegeschäft. VON NINA KALLMEIER UND BERTHOLD HAMELMANN OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/

NORDHORN Mit vielen Szenarien habe

man gerechnet wie Umsatzrückgänge um 20 Prozent über Wochen, sollte ein Einkäufer kein gutes Händchen gehabt haben oder ein Schneesturm den Betrieb stören. „Aber zwei Monate kompletter Stillstand wegen einer Pandemie, dafür hat mir die Fantasie gefehlt“, sagt L&T-Geschäftsführer Mark Rauschen. Zusammen mit Matthias Böckmann, Geschäftsführer vom Modehaus Böckmann, hat Rauschen beim Wirtschaftstalk über den Modehandel in der Krise, Einkaufspolitik und Lehren aus der CoronaPandemie diskutiert. Seit Kurzem dürfen die beiden Geschäftsführer ihre Modehäuser wieder öffnen. Ein Blick in die Einkaufsstraßen zeigt: Nachdem die Innenstädte mitten in der Corona-Pandemie eher Geisterstädten glichen, sind heute wieder viele Menschen unterwegs. Doch haben sie Lust zu shoppen? „Natürlich ist die Frequenz niedriger, als wir es sonst gewohnt sind. Aber die Menschen, die kommen, sind froh über ein Stück Normalität und haben Lust auf Mode“, sagt Matthias Böckmann. Zehn Filialen betreibt das Unternehmen aus Recke zwischen Lübbecke und Papenburg,. In Osnabrück macht Mark Rauschen ähnliche Erfahrungen. „Die, die kommen, wollen die Ablenkung vom Alltag, und die bieten wir. Das klappt gut und auch zunehmend gut. Viele kommen auch das zweite oder dritte Mal, weil sie gesehen haben, dass wir mit Abstand und Sicherheit umgehen können.“ Und Böckmann ergänzt: „Wer zu uns kommt, hat wenig Berührungsängste.“ Was die Kunden auf den Verkaufsflächen finden, ist die Sommerkollektion – aber auch Übergangsjacken und Pullover, klassische Frühjahrsware, genau die Ware, die aufgrund der Schließung nicht verkauft werden konnte. Sie einzumotten und bis zum nächsten Jahr zu warten sei keine Op-

„Wir werden mehrere Jahre dagegen anarbeiten müssen, um die Verluste aus diesem Jahr wieder auf null zu bringen. L&T-Geschäftsführer Mark Rauschen

tion gewesen, sagt Mark Rauschen. „Der Onlinehandel lief ja trotz Corona weiter, die Kunden kennen die Kleidungsstücke, haben sie vielleicht sogar schon online rabattiert gesehen. Außerdem bewegen wir uns in einem internationalen Markt, die Hersteller haben die Kollektionen überall präsentiert.“ Somit müsse das meiste jetzt raus. „Damit müssen wir fertig werden.“ Heißt also: Rotstift ansetzen, um die Lager zu leeren? „Da kommen wir in unserer Branche im Allgemeinen nicht drum herum“, sagt Matthias Böckmann. Man würde auch jetzt schon merken, dass starke Rabatte gegeben würden. „Wir bemühen uns, das punktuell zu machen und Warengruppen zu reduzieren, die schwer zu verkaufen sind“, beschreibt der Geschäftsführer die Strategie für die Böckmann-Filialen. Bei Shorts und Sommerkleidern können Kunden also eher nicht mit Preisnachlässen rechnen. „Da geht der Bedarf auch erst los. Und wir sind darauf angewiesen, unsere Deckungsbeiträge zu erwirtschaften.“ Bei der Frühjahrsjacke sehe das anders aus. „Da geht es nicht ohne Preisnachlass. Gerade Damenmode ist schnell nicht mehr gefragt.“ So sieht das auch Mark Rauschen. „Frauen sind in der Mode anspruchsvoller als Männer und Damenmode häufig extravaganter.“ Ist da die Mehrwertsteuersenkung ein zusätzlicher Anreiz für Kunden zuzuschlagen? Hier dämpfen Rauschen und Böckmann allzu große Erwartungen. „Wer kann und durch die Pandemie wenig betroffen ist, sollte die Steuersenkung eins zu eins weitergeben. In unserer Branche, der Textilbranche, kann es sein, dass ein Teil nicht weitergegeben wird, um die existenzbedrohenden Verluste zu kompensieren“, sagt Mark Rauschen. Er betont jedoch auch: „Da reden wir nicht davon, dass sich der Handel eine goldene Nase verdient, sondern ausschließlich von Verlustreduzierung.“ Rauschen vergleicht die Situation mit der Gastronomie, die ebenfalls eine Steuersenkung bekommen hat, die nicht an die Kunden weitergegeben wird. „Auch hier akzeptiert der Kunde, dass es für die Unternehmer – wie bei uns – ums Überleben geht.“ Leer ausgehen werden Einkäufer jedoch nicht. Bei L&T werde man eine Mischkalkulation betreiben. „Wir werden nicht jeden Artikel im Preis senken, sondern zeitliche Aktionen geben oder besondere Warengruppe rabattieren.“ Und Böckmann ergänzt: „Ich glaube auch nicht, dass ein Großteil der Kunden fordert, die Mehrwertsteuersenkung eins zu eins auf dem Etikett zu finden.“ Auch beim Recker Modehaus wird man dafür mit höheren Rabatten arbeiten. „Im Juli und August befinden wir uns mitten im Sommerschlussverkauf. Solche Rabatte sind für den Kunden deutlich offensichtlicher“, argumentiert Böckmann. Auch wenn der Handel das „kleine Konjunkturprogramm“, wie Mark Rauschen die Berliner Pläne nennt, positiv sieht, dem entgegen stehe auch ein großer Aufwand, merkt Matthias Böckmann an. „Hier hätten wir uns von der Politik ein einfacheres Vorgehen gewünscht. Am Ende des Tages ist der Preisvorteil für unsere Kunden durch eine Mehrwertsteuersenkung nicht wahnsinnig hoch. Der Aufwand, die Kassensysteme umzustellen sowie sämtliche Prozesse in der Buchhaltung für einen derart kurzen Zeitraum anzupassen, ist deutlich höher.“ Die Signale, die durch die Maßnahme aus Berlin gesendet werden, sieht Rauschen jedoch positiv. „Grundsätzlich wird viel getan“, sagt auch Matthias Böckmann. Doch für den Mittelstand – bei aller Wertschätzung, wie Böckmann betont – nicht genug. „Bei dem beispiellosen Hilfsprogramm ist

STECKBRIEF

Mark Rauschen, Geschäftsführer L&T

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ie Verkaufsfläche von L&T mitten in der Osnabrücker Innenstadt ist laut Unternehmen etwa so groß wie zwei Fußballfelder. Mit dem Mode- und Sporthaus zusammen wacht Geschäftsführer Mark Rauschen über insgesamt rund 25 000 Quadratmeter Ladenfläche. Damit ist L&T nicht nur Marktführer in Osnabrück, sondern auch eines der größten Modehäuser in Nordwestdeutschland. Im Frühjahr 2018 wurde das Sporthaus inklusi-

Foto:JörnMartens

ve der stehenden Welle eröffnet. Investiert hat L&T in diese Erweiterung rund 35 Millionen Euro. Die Neueröffnung hat viel Aufmerksamkeit erzeugt, sodass die Flächenerweiterung laut Unternehmen auch positiv zur Umsatzentwicklung beigetragen hat. Laut Bundesanzeiger lagen die Erlöse ausschließlich des Kaufhauses im Geschäftsjahr 2018/19 bei gut 60 Millionen Euro. Beschäftigt werden im Modehaus aktuell rund 650 Mitarbeiter.

STECKBRIEF

Matthias Böckmann, Geschäftsführer Modehaus Böckmann

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rst im vergangenen Jahr hat das Unternehmen Modehaus Böckmann sein 100. Jubiläum gefeiert. Der Ursprung des Familienunternehmens liegt im westfälischen Recke. Mit dem Fahrrad brachte August Böckmann damals Stoffe aller Art zu seinen Kunden. Heute betreibt das Familienunternehmen an elf Standorten insgesamt 16 Geschäfte. Jedes für sich besitzt eine Größenordnung zwischen 2000 und 5000 Quadratmetern. Rund 500 MitarbeiFoto:JörnMartens ter sind mittlerweile im

es schwer zu verstehen, dass im Mittelstand davon wenig ankommt.“ Neben Kurzarbeitergeld und der Mehrwertsteuersenkung gebe es für Betriebe nur die Möglichkeit, einen Kfw-Kredit zu beantragen, so Rauschen. Gerade beim Kurzarbeitergeld hätte man sich gewünscht, dass eher mehr gezahlt worden wäre, ergänzt Böckmann. „Nach der Gesetzesänderung im Mai gibt es jetzt ab dem sechsten Monat 80 bzw. 87 Prozent. Das hilft uns und unseren Mitarbeitern wenig. Wir planen nicht langfristig mit Kurzarbeit.“ Das Resultat: Das Modehaus stockt selbst das Gehalt auf – sodass die Mitarbeiter am Ende genauso viel ausgezahlt bekommen wie sonst. „Das war uns wichtig, damit unsere Kolleginnen und Kollegen Planungssicherheit haben.“ Auch bei L&T wird aufgestockt, wie Mark Rauschen sagt. Allerdings auf 80 Prozent des Nettogehalts und nur in den ersten Monaten. „Unsere Strategie ist es, den Umsatz so wieder anzukurbeln, dass wir unsere Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen können“, erklärt Rauschen. „Unser Konto ist endlich, und die Corona-Krise hat dafür gesorgt, dass es schnell leer war. Wir können nicht ein Jahr lang alles auffangen.“ Matthias Böckmann ergänzt: „Wir fallen mit unseren Betriebsgrößen – was die Corona-Hilfen betrifft – durch sämtliche Raster.“ Hier differenziert – mit Blick auf den Handel insgesamt – auch Mark Rauschen: Auch im Einzelhandel würden Betriebe mit bis zu

Unternehmen beschäftigt. Matthias Böckmann kam 2014 ins Familienunternehmen und bildet mittlerweile zusammen mit Richard, Josef und Christian Böckmann den vierköpfigen Gesellschafterkreis. Modehaus Böckmann war im Jubiläumsjahr im nördlichen Münsterland, Emsland, der Grafschaft Bentheim und im Landkreis Leer präsent. Konkrete Umsatzzahlen nennt die Familie nicht. Der Erlös liege aber bei rund 50 Millionen Euro im Jahr.

Foto:JörnMartens

249 Mitarbeitern gut unterstützen. „Das ist auch ein Großteil des Handels. Aber wir sind – in diesem Fall leider – deutlich größer.“ Das sei ärgerlich. „Wir werden mehrere Jahre dagegen anarbeiten müssen, um die Verluste, die in diesem Jahr eingefahren werden, wieder auf null zu bringen. Das tut uns weh.“ Und, so warnt Rauschen: Die Herausforderungen könnten Auswirkungen auch auf andere Bereiche haben. Die schönen Dinge, wie er sagt: „Wir werden in der Händlergemeinschaft Schwierigkeiten haben, die nötigen Euros für die Weihnachtsbeleuchtung zusammenzubekommen.“ Für diese Dinge seien die Staatshilfen verständlicherweise nicht gedacht. Auch auf die Innenstädte könnte die Pandemie

– trotz Hilfen – Auswirkungen haben, meint Matthias Böckmann. „Ich bin mir sicher, dass wir den einen oder anderen Leerstand mehr sehen werden in diesem Jahr. Und es wird schwer sein, den Platz an andere Händler zu vermitteln. Insofern geht die Konzentration im Handel weiter, da wirkt die Corona-Krise wie ein Brandbeschleuniger.“ Und letztlich betreffen die Pandemie-Maßnahmen nicht nur den Fachhandel, sondern auch die Marken, die dieser führt. Viele haben sich ins Schutzschirmverfahren geflüchtet, S.Oliver baut Personal ab, die Tom Tailor Holding ist insolvent. Die Schwäche der Industrie macht die Lage für den Modehandel nicht einfacher. „Das wird sicherlich die anspruchs-

vollste Saisonorder, die wir in der Branche seit Langem hatten“, sagt Matthias Böckmann. Denn in den nächsten Wochen werden die Bestellungen für die Frühjahrskollektionen 2021 aufgegeben. Die Schwäche der Industriepartner habe großen Einfluss auf den Einkauf, so Rauschen. „Es macht mir Sorge, dass langjährige etablierte Partner und große Player am Markt nicht die Stärke haben, die Krise durchzustehen.“ So sieht es auch Böckmann. „Gerade Tom Tailor ist für uns ein großer Partner.“ Als Mittelständler stehe man jedoch für Partnerschaft, sind sich beide Geschäftsführer einig. „Jemandem, nur weil er wackelt, keine Aufträge mehr zu geben, um für sich selbst die Unsicherheit rauszunehmen, ist etwas einseitig“, betont Rauschen. Man sei in einem engen Austausch mit den Herstellern, ergänzt Böckmann. Letztlich gebe es in der Branche immer ein gewisses Risiko beim Einkauf. „Das wird sich jetzt verschärfen. Die Ausfälle können wir nicht abschätzen.“ Denn trotz aller Partnerschaft, die Unsicherheit bleibe. Während Kapitalgesellschaften melden müssen, wenn es finanziell eng wird, müssen andere Unternehmen das aufgrund des derzeit geänderten Insolvenzrechts derzeit erst im September/Oktober, erklärt der L&T-Chef. „Wir haben aktuell ein paar Wackelkandidaten am Markt, von denen wir nicht wissen, ob die jetzt bestellte Ware auch im Frühjahr 2021 ausgeliefert

„Das wird sicherlich die anspruchsvollste Saisonorder, die wir in der Branche seit Langem hatten.“ Böckmann-Geschäftsführer Matthias Böckmann

wird.“ Dass es Ausfälle geben wird, damit rechnet Rauschen. „Wir wissen nur nicht, bei wem. Aber Krise heißt ja auch Chance. Wir suchen nach Chancen, finden nur leider wenige. Wir schauen alle in die gleiche Glaskugel und die ist gerade etwas beschlagen.“ Es gibt Marktteilnehmer, die sehr gesund durch die Krise gehen, ist Matthias Böckmann überzeugt. „Das ist sicherlich auch eine Vielzahl, und es sind oft mittelständisch geprägte Firmen.“ Die Schlagzeilen dominierten jedoch die großen Marken. „Sie sind letztlich aber nur ein Bruchteil dessen, was wir im Sortiment führen“, betont der Unternehmer. Auch wenn es derzeit schwierig würde, einen großen Partner zu ersetzen, sollte er ausfallen. Letztlich, so Mark Rauschen ganz pragmatisch, seien Marken in gewissen Zyklen relevant. Esprit nennt der L&T-Chef als Beispiel. „Als ich anfangen habe, war das unser stärkster Lieferant, viermal so stark wie die Nummer zwei. Zwischendurch findet die Marke bei uns nicht mehr statt.“ Früher sei es die sinkende Kaufbereitschaft der Kunden gewesen, die Hinweise darauf gab, dass die Attraktivität einer Marke sinkt. „Heute ist es das Schutzschirmverfahren. Unsere Aufgabe ist es, junge Pflänzchen zu finden, groß zu machen, und wenn einer ausfällt oder kleiner wird, nachsteuern zu können. Wir haben ausdrücklich für unsere Einkäufer Volumina definiert, um die Chance zu suchen, die auch mit einem Risiko einhergeht.“ Zu viele Anbieter gibt es für Böckmann nicht. „Ich würde sagen, es ist eher ein gesunder Wettbewerb.“ Zumal die mittlere Preislage für den Handel wichtig sei. „Wir sind das Modehaus für die ganze Familie und das bedeutet auch das zweite oder dritte Kind. Hier in der Region wird Familie großgeschrieben. Das einzelne Produkt kann da nicht immer den allerhöchsten Preis haben. Deshalb brauchen wir hier eine gewisse Breite und Vielfalt, um den Kunden etwas anbieten zu können“, so Böckmann. Und wie geht es weiter? Wie lange noch Kurzarbeit benötigt werde, hänge davon ab, wie schnell die Frequenz steigt, sagt der Unternehmer. „Wir bekommen jeden Tag ein Zeugnis ausgestellt. Am Ende des Tages sehen wir, wie es gelaufen ist, und können für jeden Standort individuell eine Entscheidung treffen.“ Für seine Belegschaft hat Mark Rauschen bis Ende Februar 2021 Kurzarbeit beantragt. „Ob wir das Instrument so lange brauchen, werden wir sehen.“ Für Härtefälle versuche man, individuelle Lösungen zu finden. „Wir kommen in

Niedersachsen hoffentlich bald in Stufe 5 der Lockerungen, ohne Restriktionen und Zulassungsbeschränkungen im Handel. Wenn es so kommt, habe ich Hoffnung, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen können.“ Eine Lockerung von Maßnahmen, das könnte auch die Maskenpflicht einschließen. „Dass die Maske ein Hemmnis ist, sehen wir. Mode ist ein Lustprodukt. Da muss man beim Einkaufen Spaß haben. Das ist durch die Maske etwas gehemmt, keine Frage“, sagt Matthias Böckmann. Gegen das Tragen spricht er sich aber nicht aus. „Wir sind gut beraten, uns mit einem gewissen Vertrauen gegenüber Virologen und Politikern auszustatten. Denn in Summe ist vieles gut entschieden worden.“ Auch wenn er sich auf den Moment freue, in dem die Maske wieder falle. Trotz alledem: Die bewusste Auszeit beim Shoppen – auch mit der ganzen Familie – mit Kultur, Gastronomie und Stadterlebnis wüssten viele seit dem Shutdown mehr zu schätzen, ist sich Mark Rauschen sicher. Wer sich aktuell noch unwohl fühle, nutze die Möglichkeit des Distanzhandels, so Rauschen. „Die Digitalisierung hat sich beschleunigt“, ist sich der L&TChef sicher. Im Osnabrücker Modehaus hat man damit allerdings wenig Erfahrung. „Wir sind spät eingestiegen.“ Bei Böckmann gibt es bislang noch keinen Webshop. „Das ist ein Projekt, das, rückblickend betrachtet, vielleicht etwas zu stiefmütterlich behandelt wurde“, gibt der Unternehmer zu. Eigene Erfahrungen habe man während der Krise nur im Bereich Sport gemacht. „Anfang März haben wir ein Intersportgeschäft übernommen. Das betrieb bereits einen Onlineshop.“ Nach anfänglicher Zurückhaltung seien die Umsätze rapide gestiegen. „Das ist aber, bezogen auf unser Gesamtunternehmen, nur ein Bruchteil des Umsatzes. Und Sport tickt noch etwas anders als Mode.“ Und welche Veränderungen hat die Corona-Pandemie mit sich gebracht? „Wir sind in der Kommunikation mit unseren Mitarbeitern digitaler geworden“, sagt Mark Rauschen. Hierarchiefrei sei man innerhalb von Sekunden bei den Mitarbeitern auf dem Smartphone. „Wir sind auch zusammengewachsen, und das war schön.“ Ergänzend zur Kultur der Offenheit kommt für Matthias Böckmann einmal mehr die Erkenntnis: Man darf nicht stillstehen. „Es zeichnet unsere Unternehmen aus, dass wir immer neue Ideen haben. Die Krise hat uns darin bestärkt.“ Beide Geschäftsführer schauen mit Spannung auf den Herbst. „Dann kommt die nächste Kollektion, und es wird sich herausstellen, wie liquide die Branche aufgestellt ist.“ Und welche Ware verfügbar ist. „Wir rechnen mit Lieferausfällen. Das Ende der Fahnenstange ist im Modehandel noch nicht erreicht.“ Um schneller zu werden geht der L&T-Geschäftsführer davon aus, dass Hersteller das eine oder andere von Asien zurück nach Europa oder in den afrikanischen Gürtel verlagern. „Dann sind wir als gesamte Branche wesentlich schneller, auf Nachfrageänderungen zu reagieren, und das wünsche ich mir auch.“ Auch Böckmann geht davon aus, dass sich die Beschaffung verändern wird. „Die langen Beschaffungswege aus Fernost werden erhalten bleiben, da sie für gewisse Preise gar nicht anders machbar sind. Aber in Summe wird sich wieder mehr in eine nähere Region zu uns verlagern, was wünschenswert wäre.“ Letztlich liege das aber auch am Endverbraucher und ob dieser bereit sei, möglicherweise auch einen geringfügig höheren Preis zu bezahlen.

Fotos:Colourbox.de


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

SPEZIAL MODE & WANDEL

Damit Hose und Co. fit werden für den Kleiderbügel Firma „tex idea care“ aus Salzbergen bereitet Kleidung im Auftrag namhafter Modelabels auf VON SEBASTIAN HAMEL SALZBERGEN Große Modefirmen lassen ihre Produkte meist in fernen Ländern fertigen. Bis Blusen, TShirts, Hosen und Co. in deutschen Warenhäusern landen und den Kunden zum Kauf angeboten werden, legen sie also Tausende Kilometer per Schiff oder Flugzeug zurück. Wochenlange Transporte im Container sind keine Seltenheit. Wer nun denkt, nach der Ankunft in Europa werden die Teile einfach ausgepackt und in die Regale gehängt, hat weit gefehlt. Häufig passiert es, dass Kleidungsstücke während des Transports verknittern, beschädigt werden, unangenehme Gerüche annehmen oder gar Schimmel ansetzen. Für die Aufbereitung der Textilien kommen Anbieter wie das Unternehmen „tex idea care“ mit Sitz in Salzbergen zum Einsatz. Mit seinen zwei Standorten in SalzbergenHolsterfeld und im benachbarten Rheine bietet der Dienstleister einer vielfältigen Kundschaft vor allem Lager-Lösungen an, die durch weiteren Service wie Qualitätskontrollen und Reparaturen über die Leistungen eines reinen Logistikbetriebs deutlich hinausgehen. Entstanden ist die „tex idea care GmbH“ im August 2017 als Tochterunternehmen der „texidea GmbH“,

die bereits seit 2007 besteht und auf den Handel mit Heimtextilien spezialisiert ist. Bei der Ausgründung kamen zwei Faktoren zusammen: Einerseits plante eine Gruppe von Logistik-, E-Commerce- und Vertriebsfachleuten die Gründung eines eigenen Unternehmens; auf der anderen Seite hegte die Firma „texidea“ den Wunsch, das ansonsten ausgelagerte Warehousing in Eigenregie zu erledigen. Die räumlichen Kapazitäten waren vorhanden – und so ging der neue Betrieb mit „texidea“ als Hauptgesellschafter vor knapp drei Jahren an den Start. Geschäftsführer ist seither Ingo Scholz, der zuvor als Logistikleiter eines großen Unternehmens in der Grafschaft Bentheim tätig war, weiterer Gesellschafter ist Helmut Oink. 29 Beschäftigte gehen bei „tex idea care“ ihrer Arbeit nach, die meisten von ihnen stammen aus dem textilen Bereich. „Wir haben Mitarbeiter, die zehn Jahre lang in Asien die Produktionsbänder begleitet haben“, sagt Ingo Scholz, der seinerseits schon in jungen Jahren eine Ausbildung auf dem Gebiet der Produktionsplanung und Steuerung bei der Textilfirma Van Delden in Ochtrup absolvierte. Zum Arbeitsalltag von „tex idea care“ gehören planbare, kontinuierliche Aufträge ebenso wie kurzfris-

GeschäftsführerIngoScholzdemonstrierteinederDampfpuppen,denendieKleidungzurAufbereitungübergezogen wird.

KÖNNTEN SIE DAZU „NEIN“ SAGEN?

Ein aufwendigesTransportsystemhat dasUnternehmen„tex ideacare“inseinerWerkshallein Salzbergeninstalliert.

tige Spot-Geschäfte, auf die es flexibel zu reagieren gilt. „Mit unserem Know-how möchten wir dem Kunden helfen, dass er sein Zeitfenster einhalten kann“, sagt Scholz. „Nicht selten erhalten wir Aufträge über 100 000 Teile, die dann nicht in Wochen, sondern in Tagen zu bearbeiten sind.“ Insgesamt werden mehrere Millionen Kleidungsstücke pro Jahr bewegt. Zu Stoßzeiten rüstet das Unternehmen seine Belegschaft durch Arbeitskräfte aus dem Personaldienstleistungssektor auf. Die Ware trifft aus aller Welt – insbesondere aus Asien und Osteuropa – an den Standorten in Salzbergen und Rheine ein. Verschiedene Faktoren können sich negativ auf die Textilien auswirken, etwa Monsunwetter und entsprechende Luftfeuchtigkeit beim Verpacken, lange Standzeiten der Container aufgrund größer werdender Schiffe und weite Transportstrecken durch verschiedene Klimazonen. Auch physische Makel, wie das Fehlen von Druckknöpfen, können auftreten. Das Unternehmen ist mit speziellen Gerätschaften für die unter-

schiedlichen Anforderungen gewappnet. Ob Wintersportartikel, Lederwaren oder Arbeitskleidung – es gibt kaum ein Produkt, das im Hause „tex idea care“ nicht aufbereitet oder repariert werden könnte. Pro Exemplar fallen bis zu 20 Arbeitsschritte an. Was genau gemacht wird, entscheidet sich in enger Absprache mit den Kunden. In seltenen Grenzfällen – etwa nach Brandschäden – gilt es genau abzuwägen, ob sich eine Rettung der Ware noch lohnt. Letztlich ist dies eine Preisfrage. Eine der wichtigsten Apparaturen ist der sogenannte Tunnel-Finisher, der verknitterte Teile durch Dampf- und Heißluftströmung glättet. Bis zu 1000 hängende Kleidungsstücke durchfahren das Gerät pro Stunde. Für die Bewegung der Teile wurde ein aufwendiges Transportsystem in der Halle installiert. Eine eigene Dampferzeugungsanlage produziert stündlich zwei Tonnen Wasserdampf: „Das ist gerade ausreichend, wenn alle Maschinen gleichzeitig laufen“, berichtet Scholz.

Als Pilotprojekt testet „tex idea care“ derzeit die Ozonisierung zur Behandlung von geruchs- und schimmelbelasteter Kleidung. Der Vorteil gegenüber dem Waschen be-

„Nicht selten erhalten wir Aufträge über 100 000 Teile, die nicht in Wochen, sondern in Tagen zu bearbeiten sind.“ Geschäftsführer Ingo Scholz

Fotos:Sebastian Hamel

steht vor allem darin, dass die Textilien ihren Charakter nicht verändern, erklärt der Geschäftsführer. Sämtliche Tätigkeiten bei dem Salzbergener Unternehmen erfolgen vor dem Hintergrund der Qualitätssicherung – vom Aufkleben eines neuen Etiketts bis zur völligen Wiederherstellung beschädigter Produkte. Neben der Kernkompetenz des Warehousings hat das Textilunternehmen heute weitere Standbeine. So wickelt „tex idea care“ das komplette Retourengeschäft für ein großes Merchandising-Unternehmen aus Lingen ab. Eine zusätzliche Dienstleistung ist der Display-Bau – also das Aufstellen und Bestücken von Kartonregalen für den Einzelhandel. Mehrere namhafte Modelabels zählen zum Kundenstamm der Salzbergener Firma. Sie alle vertrauen auf eine Arbeit, von welcher die meisten Endverbraucher vermutlich gar nichts wissen – und die doch einen unerlässlichen Bestandteil der Lieferkette ausmacht.

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

SPEZIAL MODE & WANDEL

Zahlen zur Lage der Modeindustrie Umsatz:

6,3 Mrd. Euro (–1,8 Prozent) 25 728 Zahl der Betriebsstätten: 174

Davon Arbeits- und Berufsbekleidung:

Zahl der Beschäftigten:

650 Mio. Euro (+ 4,7 Prozent) Sonstige Oberbekleidung:

3,8 Mrd. Euro (– 6,4 Prozent)

Wichtigstes Importland für Modeindustrie:

China

Warenwert: 8,3 Mrd. Euro

Wichtigstes Exportland für Modeindustrie:

Schweiz

Warenwert: 3,2 Mrd. Euro

Quelle: Bundesamt für Statistik, Motiv: Colourbox.de, Grafik: Matthias Michel

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1940

1950

1960

1970

1980

1958: Elvis Presley wird im Oktober als US-Soldat begeistert in Deutschland empfangen.

70 JAHRE MEYER!

EINE ERFOLGSGESCHICHTE...

Das von Senior-Chef Willy Meyer und seiner Ehefrau Gertrud im Jahre 1950 gegründete Einrichtungshaus Meyer befindet sich bereits in der dritten Generation im Familienbesitz. 1998 ging aus dem Einrichtungshaus Meyer das eigenständige Unternehmen Küchen Meyer

GmbH mit den bis heute 4 Standorten in Georgsmarienhütte, Bramsche, Bielefeld und Oldenburg hervor. Heute freuen sich über 100 Küchen Meyer Mitarbeiter darauf, mit allen Kunden das 70-jährige Jubiläum feiern zu können.

JUBILÄUM

1990

2000

2010

2020

25 Jahre sec: Wir feiern unser Silberjubiläum mit 25 Jubelgründen!

Jubel Heiterkeit trubel

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Sec 1994 MAnuelA lAgeMAnn JocHen Fritz 26 JAHre kreAtiv iDeen entur-S konzepte ec Ag koMMunikAtion geStAltung

1950 – 2020

WIR LEBEN KÜCHE

Küchen Meyer GmbH | Oeseder Feld 20 49124 Georgsmarienhütte Telefon: 0 54 01 – 8 46-0 info@kuechen-meyer.de www.kuechen-meyer.de

WirtScHAFt kultur WiSSenScHAFt SoziAleS sec kommunikation und gestaltung 0541 / 800 494-0 | mail@agentur-sec.de

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KÜCHEN

GEORGSMARIENHÜTTE

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Zeitleiste

2 2014: Deutschlands Nationalmannschaft wird in Brasilien zum 4. Mal FußballWeltmeister.

Am 9. November fiel die Berliner Mauer, 1990 ist Deutschland wiedervereinigt.

Das Jubiläumsjahr! 2020 feiern wir 70 Jahre Meyer. Was 1950 mit einem VW-Bulli begann, etablierte sich bis heute zu einem der großen Küchenhäuser an 4 Standorten im Großraum Oldenburg, Bielefeld, Osnabrück und Bramsche.

SeiD bereit


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LEBEN & LEIDENSCHAFT

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Der Weg zu den Sternen Wie man Sternegastronom wird und – viel wichtiger – wie man es bleibt, weiß der Osnabrücker Randy de Jong Koch wollte Randy de Jong schon als Dreijähriger werden. Erster Stern mit 26 Jahren als Küchenchef des Kesselhauses. Osnabrücker: „Ohne Druck werde ich faul.“ VON VINCENT BUSS Sie kommen undercover, unter falschem Namen. Ab und zu suchte die Inhaberin des Osnabrücker Kesselhauses, Thayarni Garthoff, ihren Küchenchef Randy de Jong auf und sagte: „Das könnte einer sein.“ Ein Restaurant-Tester des Guide Michelin. Einer von ihnen wird es wohl tatsächlich gewesen sein – denn der in Osnabrück lebende Niederländer hat es geschafft. Mit 26 Jahren hat er in diesem Jahr einen Stern des Guide Michelin bekommen. Doch jetzt geht es für ihn erst richtig los. 26 Jahre ist ziemlich jung für einen Sternekoch. Ob er damit der Jüngste ist, das will man beim Restaurantführer „Guide Michelin“ nicht bestätigen – Datenschutz. Aber Randy de Jong möchte sein Alter ohnehin relativieren: „Ich habe ja auch früh angefangen.“ Koch wollte er schon als Dreijähriger werden. Warum, das weiß er selbst nicht mehr, aber er kündigte es seinen Eltern an. Damals lebte er in Rutten, einem Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern am niederländischen IJsselmeer. Mit Ende 15 ging er auf die Berufsschule und arbeitete bald darauf schon nebenbei in einem Sterne-Restaurant. Mittlerweile ist es sein zehntes Jahr in der Sterne-Gastronomie. Das hat er durch eine Mischung aus Eigeninitiative und Kontakten geschafft, wie der 26-Jährige sagt. Er habe einfach in den Restaurants angerufen oder sei von Bekannten weiterempfohlen worden. „Das erste Mal, dass ich eine richtige Bewerbung geschrieben habe, war fürs La Vie“, erzählt de Jong. De Jong wollte raus aus den Niederlanden, die Welt sehen – aber zunächst lieber nicht zu weit weg. Osnabrück war also eine gute Wahl. Er bekam die Stelle in dem Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant, sie passte zu seinen Plänen – und Osnabrück hat ihm so gut gefallen, dass er mittlerweile seit fast fünf Jahren dort ist. Im La Vie stieg er immer weiter auf – bis das Restaurant 2018 geschlossen wurde. Noch im gleichen Jahr eröffnete jedoch das Kesselhaus, mit de Jong als KüOSNABRÜCK

Die Corona-Pause wurde im Kesselhausdazugenutzt umzubauen.

Mitnur 26Jahren hatRandydeJongseinenerstenMichelin-Sternbekommen.Kochwollteder in OsnabrücklebendeNiederländerschonimAlter vondreiJahrenwerden.

chenchef. Da muss er nicht nur kochen. „Alles, was in der Küche passiert, liegt in meiner Verantwortung“, sagt de Jong. Das Menü entwickeln, Waren bestellen, sogar den Herd putzen. Und ruhig dabei bleiben: „Wenn man schreit, hat man sich nicht unter Kontrolle.“ In der Küche des Kesselhauses arbeiten nur zwei Personen. Das alles nur zu zweit? De Jong winkt ab. „Das ist machbar.“ Es gebe schließlich nur ein Menü, und das sei passend ausgelegt. Dabei ist ihm auch wichtig, wenig wegwerfen zu müssen. „Das ist gut für die Welt und das Portemonnaie.“ „Nur“ in einem Sternerestaurant zu arbeiten, das hat Randy de Jong nie gereicht. Die ganze Zeit hatte er einen Plan. „Ein Stern war mein geheimes persönliches Ziel“, gibt er zu. „Ich bin jung, ich will mich beweisen, ich kann noch Gas geben.“ Das bedeute jedoch keineswegs, dass dieses Ziel alles überschattet hätte, ergänzt er sofort. „Wenn ein Koch nur darauf fixiert ist, wird es nichts.“ Stattdessen kommt es dem 26Jährigen zufolge darauf an, Spaß zu haben, sich zu entwickeln, den eige-

nen Stil zu finden. „Ich habe aus allen Stilen, die ich mag, das Beste herausgenommen und etwas Eigenes gemacht“, erklärt er. Das klingt dann so: puristisch, aber nicht Nordic Cuisine, dazu Einflüsse aus Asien und Südamerika, alles mit wenig Fett und viel Gemüse, so regional wie möglich. „Wer ins Kesselhaus kommt, hat auf jeden Fall gesund gegessen.“

„Ich bin jung, ich will mich beweisen, ich kann noch Gas geben.“ Sternekoch Randy de Jong

Diese Ambitionen haben wohl auch den Guide Michelin angelockt. Wenn man hoch hinaus wolle und neu sei, komme ein Tester vorbei, erklärt de Jong. „Und wenn Potenzial da ist, kommen die öfter.“ Wie oft, kann er nicht sagen. Es gibt aber Indizien, dass es sich um einen Tester handelt. „Einmal hatte jemand für zwei Personen reserviert und kam alleine“, erzählt de Jong. „Er sagte, die andere Person konnte doch nicht.“ Dahinter stecke schon der erste Test. „Die wollen sehen, wie man auf Veränderungen reagiert – wird man böse?“ Die Tester selbst seien immer ganz korrekt und nett. Früher verrieten sie sich laut de Jong dadurch, dass sie alles aufschrieben. Mittlerweile sei das schwieriger zu erkennen – denn sie tippen auf dem Handy. De Jong gibt zu, dass er beim vermeintlich ersten Tester nervös war. „Aber er ist auch nur ein normaler Gast“, erklärt er. Und der Küchenchef will für alle gleich gut kochen. „Egal, ob da Angela Merkel sitzt oder ein Bauer, der drei Monate gespart hat, um hierhin zu kommen.“ Für de Jong ist dabei auch der Service wichtig. In einem Sterne-Restaurant müsse der Gast nichts machen – nur hinsetzen, die Arme bewegen und genießen. Dafür, dass es mit dem Stern klappt, gab es später ebenfalls einen Hinweis: De Jong wurde zur Verleihung eingeladen. „Alle sagten: Wir haben ihn!“, erinnert er sich und lacht. Er habe immer erwidert: „Bis ich meinen Namen sehe, glaube ich gar nichts.“ Weil die Corona-Krise dazwischenkam, gab es keine große Gala mit allen Anwärtern und Preisträgern, sondern eine VideoÜbertragung. Alle Mitarbeiter des Osnabrücker Restaurants sahen zu. Und dann hieß es „Randy de Jong, Kesselhaus.“ Seine Gefühle in dem Moment zu beschreiben fällt dem 26-Jährigen schwer. Euphorie, Er-

Fotos:AndréHavergo

ZUR SACHE

Kriterien des Guide Michelin Um einen Stern zu bekommen, zählen laut Michelin folgende Kriterien: • Produktqualität • Know-how des Küchenchefs • Originalität der Gerichte • Beständigkeit der Küchenleistung – auf Dauer und über die komplette Speisekarte hinweg leichterung, Stolz. „Ich war kurz vorm Weinen.“ Zeit zum Feiern blieb aber nicht viel, einen Tag später ging die Arbeit ganz normal weiter. Zumindest für eine Woche. Dann mussten alle Restaurants wegen der CoronaPandemie schließen. Für das Kesselhaus war das besonders ärgerlich. „Wir haben ein Jahr gekämpft und hart gearbeitet.“ Eigentlich glänzt ein Restaurant im Licht des Sterns. „Die Reservierungen knallten hoch“, erinnert sich de Jong. Und die Auszeichnung habe Wertschätzung geschaffen. Für das Kesselhaus ist diese gestiegene Nachfrage besonders wichtig: Es muss sich laut de Jong selbst finanzieren, dahinter steht kein Investor – im Gegensatz zu vielen anderen Sterne-Restaurants. Der 26-Jährige litt aber auch persönlich unter der Schließung, ihm fehlte die Arbeit in der Küche. In seiner freien Zeit neue Menüs kreieren konnte er nicht. „Ich hatte zwei Monate keinen Kopf dafür“, erklärt er. „Langeweile macht mich faul, das blockiert mich.“ Ganz geruht hat die Arbeit im Restaurant selbst aber doch nicht. Die Zeit der Schließung wurde zum Umbau genutzt. Am 12. Mai ging es dann wieder los. Und das Kessel-

Was laut Michelin nicht zählt: • Einrichtung des Gastraums • die Servicequalität • Annehmlichkeiten wie Einparkpersonal „Die Sterne bewerten einzig und allein, was auf den Teller kommt“, fasst ein Sprecher die Kriterien zusammen. haus sei sofort für zwei Wochen fast ausgebucht gewesen, freut sich de Jong. Er bremst aber gleichzeitig die Euphorie: Das könne auch noch der Hype von der Auszeichnung sein. Sowieso richtet er den Blick nüchtern nach vorne. Schließlich muss ein Stern jedes Jahr neu erkocht werden. Das bedeutet für de Jong: keine Fehler mehr machen, immer 100 Prozent geben, noch raffinierter und schöner kochen. Denn: „Einen Stern zu verlieren ist das Allerschlimmste.“ Ist das nicht noch mehr Druck? „Nein, mehr Spaß!“, sagt der 26Jährige und streckt verschmitzt die Zunge raus. „Ich mag das Feuer.“ Ohne Druck, da ist er sich sicher, wird er faul. Arbeiten bis in die Nacht, auch am Samstag – das macht dem Wahl-Osnabrücker nichts. Nur der Sonntag ist ihm heilig, das ist Privatzeit, da geht er mit seiner Frau essen. Wenn es mit der Koch-Karriere nicht geklappt hätte, hätte de Jong allerdings auch eine Plan B gehabt: Game Designer. „Ich bin ja nicht blöd“, sagt er lachend. Der alternative Berufswunsch unterscheidet sich ihm zufolge gar nicht so stark vom Kochen: Bei beidem geht es ums Kreieren.


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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Leidenschaft sichert Unternehmensnachfolge Gründer Günther Zierath gibt die Geschäftsführung ab

VON NINA KALLMEIER GEORGSMARIENHÜTTE Ob in der Umkleidekabine, im Badezimmer oder an der Garderobe, fast überall sind sie gefragt: Spiegel. Bei der Georgsmarienhütter Günther Zierath GmbH sichert die Leidenschaft Alina Zieraths für Licht und Spiegel die Unternehmensnachfolge, wenn ihr Vater Anfang Juli in den Ruhestand geht. Seit knapp fünf Jahren ist die 31Jährige nun schon im Unternehmen. Dabei wollte sie nach ihrem Master in Accounting and Management eigentlich erst einmal nur mit ihrem Know-how den Marken-Relaunch begleitet und anschließend in einem anderen Unternehmen Erfahrungen sammeln. „Stattdessen bin ich hängen geblieben“, sagt sie. Das Produkt Spiegel hat es ihr angetan. „Und ich

Vorfast40Jahren hat GüntherZierath (r.) dasgleichnamige Unternehmen gegründet.Jetzt gehterindenRuhestandundgibtdie LeitunganAlina Zierath undBenjaminGanser ab.

habe gemerkt, dass ich manche Dinge viel besser rüberbringen kann als andere.“ Als Mann über Ankleideund Schminkspiegel reden? „Da habe ich als Frau einen besseren Zugang zu“, sagt Alina Zierath schmunzelnd. Und dabei zählt nicht nur der Spiegel selbst, sondern auch das Licht. Mal sind die LED-Leuchten eingelassen in die Spiegeloberfläche, mal rechts und links oder klassisch oben angebracht. „80 Prozent unserer Spiegel sind Sonderanfertigungen und damit Unikate“, so Firmengründer Günther Zierath. Und die werden langsam auch digital. Lichtsteuerung per Sprache soll es künftig geben. Es ist nicht das Massengeschäft, das das Georgsmarienhütter Unternehmen sucht. „Dafür ist unsere Produktion zu teuer.“ Zierath sieht seine Chance dort, wo es schwierig wird. „Speziell zu sein ist die einzige Chan-

ce, die wir haben.“ Der Manufakturgedanke stehe im Vordergrund. „Es gibt die Leute, die dafür auch ein bisschen mehr zahlen. Und ein guter Spiegel mit gutem Licht kostet Geld.“ Auch wenn das Spiegelglas selbst nicht in Georgsmarienhütte, sondern von einem Partner hergestellt wird, das Design geschieht in der Manufaktur am Unternehmenssitz. Das sei anspruchsvoll, 30 Prozent der Spiegelfläche werde entsorgt, weil sie nicht dem Qualitätsanspruch des Unternehmens entspreche, sagt der Firmengründer. Rund 20 000 Spiegel verlassen pro Jahr die Manufaktur. Ein bis zwei Wochen brauche es von der Bestellung bis zur Auslieferung. Der Trend gehe zu großen Spiegeln, sagt Benjamin Ganser (35), der seit einem Jahr Betriebsleiter bei Zierath ist. Exemplare mit einer Länge oder Höhe von 3,20 Metern – mit Beleuchtung 2,60 Meter – können in Georgsmarienhütte hergestellt werden. Knapp 60 Mitarbeiter arbeiten am Standort – coronabedingt aktuell in Kurzarbeit. Denn auch wenn das Handwerk weitergearbeitet hat, waren unter anderem Badausstellungen geschlossen. Und es ist der Fachandel, über den Zierath seine Produkte verkauft, wo er seine Manufaktur als Marke positioniert hat. Selbst Lieferschwierigkeiten hatte das Unterneh-

DieKombinationvonSpiegelund Lichtkonzeptverkauft dasOsnabrücker FamilienunternehmenZierath.

men während der Corona-Krise nicht. „Wir haben bei uns ein Lager aufgebaut und das auch unser Lieferant. Wir arbeiten auch nur mit deutschen Lieferanten zusammen. Da zahlt sich ,made in Germany’ doppelt aus“, sagt Ganser. Künftig wird das Unternehmen nicht nur den Fachhandel beliefern. Seit Kurzem hat Zierath die Vertriebsstruktur ausgebaut und spricht nun auch Installateure und Architekten direkt an. „Der Meilenstein eines Onlineshops ist jetzt schneller gekommen als geplant“, sagt Alina Zierath. Hier habe Corona die Digitalisierung beschleunigt. Und die künftige Geschäftsführerin betont: „Wir investieren trotz Pandemie.“ Jetzt in Corona-Zeiten die Verantwortung zu übernehmen macht Ali-

na Zierath keine Angst. „Ich glaube daran, dass es uns auch weiterhin geben wird. Vielleicht werden wir kleiner, aber wir werden bleiben“, ist die 31-Jährige überzeugt. Schwieriger wäre es, wenn das Unternehmen nur in der Region tätig wäre. „Das ist bei uns aber nicht der Fall. Wir sind in ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Benelux-Staaten aktiv.“ Auch Dubai oder Schanghai, Metropolen, in denen viel gebaut worden sei, würden für Zierath immer interessanter. Anfang Juli übergibt Firmengründer Günther Zierath das Zepter. Wenn also im dritten Quartal mit Spiegelschränken das Portfolio erweitert wird, hat er sich schon zurückgezogen und seiner Tochter und Benjamin Ganser die Verantwortung

Fotos: GertWestdörp

übertragen. Ganser wird sich als gelernter Werkzeugmacher und Wirtschaftsingenieur um die Produktion kümmern. Prozesse zu optimieren, das wird weiterhin eine seiner Aufgaben sein. Dazu gehört sowohl eine digital angebundene Produktion als auch ein Warenwirtschaftssystem. „Ich hoffe, dass ich meinem Vater in den letzten fünf Jahren beweisen konnte, dass er die Firma in gute Hände legt“, sagt Alina Zierath mit Blick auf den Generationenwechsel Der Vater hat Vertrauen in seine Tochter. „Ich bin nicht wehmütig. Ich habe 40 Jahre lang gut von meinem Unternehmen gelebt. Jetzt gebe ich es in die Hände der nächsten Generation.“ Die Arbeit werde ihm nicht fehlen, sagt Günther Zierath. „Ich habe genug Hobbys.“

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

LEBEN & LEIDENSCHAFT

20 neue Rezepte im Monat für die Community Backen.de will erste Anlaufstelle werden, wenn es um Torten & Co geht VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/ NORDHORN Die Beeren tropfen

bereits in einem Sieb über der Spüle ab, Butter, Salz, Eier, Sahne und Co. stehen auf der Küchenablage bereit – und natürlich Mehl. Mittlerweile ist es in den Supermärkten wieder ohne Einschränkungen zu bekommen. Mit einer zu Hochzeiten vier- bis fünfmal so hohen Nachfrage wie zu Vor-Corona-Zeiten wird der eine oder andere jedoch möglicherweise noch etwas vorrätig im Schrank haben. Zu backen ist eine Möglichkeit, diese Vorräte aufzubrauchen. Gerade jetzt, wenn die Vorschriften wieder gelockert werden und Familien und Freunde wieder zusammenkommen, lohnt es sich, in alten und neuen Kuchenrezepten zu stöbern. Ob Kekse, Blechkuchen oder mehrstöckige Kreationen, auf Instagram oder Pinterest gibt es zusätzlich Inspiration. Selbst königliche: Denn auch die britische Queen hat schon das Rezept des traditionellen „Victoria Sponge Cake“ oder landestypischer „Scones“ über Instagram geteilt. Die Idee für das Rezept der BeerenWaffeltorte ist nicht ganz so weit weg entstanden, sondern im rund 60 Kilometer entfernten Bielefeld. Seit fast

zwei Jahren baut der Traditionskonzern Dr Oetker die Plattform backen.de auf. Eine derjenigen, die immer wieder dafür Rezepte entwickeln oder weiterentwickeln, ist Elke Vogt. Sie ist gelernte Konditorin. „Zusammen mit meinen beiden Kollegen entwickeln wir rund 20 neue Rezepte pro Monat. Das ist zwar eine Herausforderung, aber so kann man unendlich kreativ sein“, erzählt die 51-Jährige, die sich aufgrund ihres Alters schmunzelnd als „Oma im Team“ bezeichnet. Ein bisschen relativiert sie die hohe Zahl dann doch: Viele Rezepte seien nach einem Baukastenprinzip aufgebaut. Sprich: Eine Creme, die ursprünglich für ein Tortenrezept konzipiert wurde, lässt sich durchaus auch in einer Bisquitrolle oder auf einem Muffin als Topping verwenden. „Durch diese Kombinationen entstehen immer wieder neue spannende Rezeptideen“, sagt Elke Vogt. So wie die Beeren-Waffeltorte. Als „einfach“ ist das Rezept gekennzeichnet. Am längsten dauert den Angaben zufolge das Abkühlen. Zum Anbeißen sieht sie auf dem Foto aus, mit den frischen Früchten obendrauf und der dünnen Quark-SahneSchicht zwischen den Waffeln. Dass das Rezept seinen Weg ins Internet

EinmalimMonat werdendie neuen Rezeptefür die Internetseitebildlichaufbereitet.DafürwerdenTorten, Biskuitrollen,Kekse und Muffinsinder Versuchsküchegebacken. Foto:backen.de

gefunden hat, dafür ist das Team rund um Luisa Lehmann (28) und Pia Stelbrink (34) verantwortlich. Lehmann hat Journalismus und Kommunikationswissenschaften studiert. Durch ein Praktikum ist sie erstmals zu Dr. Oetker gekommen und schreibt heute unter anderem Texte für Backen.de. Stelbrink ist seit zehn Jahren im Unternehmen, eigentlich gelernte Veranstaltungskauffrau und hat Medienwirtschaft und Content Strategie studiert. „Bei Dr. Oetker bin ich als Quereinsteigerin in die Versuchsküche gewechselt und habe mich dort in einem Projekt auch mit Rezeptstrukturen auseinandergesetzt“, erzählt sie. Dabei isst sie Kuchen eigentlich gar nicht so gerne, gesteht sie. „Ich mag viel lieber den Prozess des Backens.“

e t r o T l e f f a Beeren-W Zutaten: 130 g Butter 165 g Zucker 1 Prise Salz 3 Eier (Größe M) 130 g Weizenmehl k 1 Pck. Dessert-Soße Vanille-Geschmac er pulv Back TL . gestr 1 65 ml Milch 300 g gemischte Beeren 300 g Magerquark 250 g Schlagsahne 1 Btl. Gelatine fix 1 EL Zitronensaft einige Baisertropfen etwas Puderzucker schrank, da das es Rezept benötigst du Platz im Kühl Was du noch wissen solltest: Für dies st du frische oder kann pt Reze llt werden muss. – Für dieses sie gut Gebäck für eine gewisse Zeit kalt geste du dass uf, dara ten Früch lten e bei tiefgeküh ewahren. tiefgekühlte Früchte verwenden. – Acht aufb nk schra Kühl du gut verpackt für zwei Tage im abtropfen lässt. – Diese Torte kannst Backpinsel oder etwas zwei Rührstäbe, Mixer, kleine Schüssel, Utensilien: Waffeleisen, Rührschüssel, Puderzucker). scharfes Messer, Tortenplatte, Sieb (für Küchenpapier, Rost, Brettchen, kleines, Quelle: backen.de

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Und darum geht es auch auf der Internetseite, auf der Rezepte kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Dabei versteht sich die Plattform nicht auf den Markennamen Dr. Oetker beschränkt. „Ich muss für die Rezepte nicht unsere Produkte benutzen, mir steht alles, was es zum Thema Backen auf dem Markt gibt, zur Verfügung“, betont Elke Vogt. Man teste sich durch und nehme dann, was für das jeweilige Backvorhaben am besten passe. Wie zurzeit bei den Drips aus der Tube und der Flasche. Das gibt es bislang bei Dr. Oetker gar nicht. Backen.de soll jedoch noch mehr sein als ein Backbuch im Netz, sagt Pia Stelbrink. Die Idee sei, Menschen, die gerne backten, zu erreichen und in einer Community zu verbinden. Sich mit ihnen auszutauschen – egal ob Anfänger, Gelegenheitsbäcker oder ob die Person Erfahrung mitbringe. Rückmeldungen sind ausdrücklich erwünscht. „Manchmal kombinieren unsere User unterschiedliche Rezepte. Wenn sie das unter die Rezepte posten, profitieren auch die anderen davon“, ergänzt Pia Stelbrink. Manchmal klappt aber auch mit einem Rezept nicht alles so, wie es die Konditor-Profis wie Elke Vogt beschrieben haben. „Das kommt vor“, gesteht Luisa Lehmann. „Obwohl jedes Rezept mindestens zweimal gebacken wurde, bevor wir es in die Datenbank aufnehmen.“ Ziel sei es, dass jeder das Rezept nachmachen könne. „Hier soll die bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitung die Angst nehmen“, sagt Elke Vogt. Das gilt auch, wenn es um unterschiedliche und vielleicht nicht so alltägliche Teigarten wie Brandteig oder Biskuit geht. Für ein einfaches Rezept seien es gut 20 Bilder, bei aufwendigen Torten könnten es auch schon mal 70 sein, erklärt die Konditorin. Angefertigt werden sie alle im hauseigenen Fotostudio. Etwa 700 verschiedene Re-

zepte finden sich nach Aussage des Teams mittlerweile in der Datenbank. Ziel sei es, zur ersten Anlaufstelle beim Thema Backen zu werden, sagt Pia Stelbrink. „Auf unserer Website haben wir monatlich mittlerweile 500 000 unique user. Hinzu kommen unsere Angebote in den sozialen Medien.“ Doch was wird gerade so gebacken von der Community? „Alles, was mit Erdbeeren zu tun hat, geht immer“, sagt Stelbrink. Vegane Rezepte würden bisher eher weniger nachgefragt. Dafür die Klassiker vom gedeckten Apfelkuchen bis zum Bienenstich. Solche Rezepte backt auch Elke Vogt privat zu Hause am liebsten. „Das schmeckt wie damals bei Oma“, sagt sie und muss lächeln. Sie mag die Klassiker, auch wenn sie beruflich ständig auf der Suche ist nach neuen Trends und Geschmackskombinationen. Manchmal kommen die Ideen ganz spontan. „Letztens habe ich im Supermarkt Blutorange gesehen. Das schmeckt bestimmt gut in einer Creme auf Kuchen. Vielleicht mit einem

„Die bebilderte Schritt-fürSchritt-Anleitung soll die Angst nehmen.“ Konditorin Elke Vogt

marmorierten Mandelboden“, kombiniert Vogt. „Mit Blutorange haben wir bislang nichts im Angebot, vielleicht wäre das noch mal etwas für unsere Rezeptesammlung“, sagt die 51-Jährige. Während Elke Vogt ihre Ideen vor allem wie zuletzt beim Gang durch den Supermarkt hat oder auch beim Durchstöbern alter Zeitschriften, beobachten die Kollegen andere Plattformen wie Instagram und Pinterest. „Wir schauen auch, wonach aktuell gegoogelt wird“, sagt Louisa Lehmann. „So ergänzen wir uns gut.“ Das Thema Blätterteig sei zum Beispiel nach der Fernsehsendung „Das große Backen“ stärker nachgefragt worden. „Da habe ich ein uraltes Rezept von meiner Mutter rausgeholt, und wir haben es kurzfristig für die Plattform aufbereitet“, so Elke Vogt. Kurzfristig deshalb, da vor Corona eigentlich nur einmal im Monat eine „Studio-Woche“ eingelegt wurde, um Rezepte optisch aufzubereiten. Für die Schritt-für-Schritt-Anleitung würden Elke Vogt und ihre Kollegen das Rezept live vorbacken. Arbeitszeilen mit Herd und Kühlschränken stehen dafür im Backen.de-Studio parat. Alle 20 Rezepte, die sie und ihre Kollegen in dem Monat vorgeschlagen haben, werden in dieser einen Woche abgelichtet. „Wenn wir komplexe Torten haben, sind es etwas weniger Rezepte, zur Kekssaison etwas mehr“, sagt Pia Stelbrink. Apropos Kekse, in einem halben Jahr ist schon wieder Weihnachten. „Etwa im September beginnt bei uns quasi die Weihnachtssaison, und wir überlegen, was wir anbieten können“, sagt Pia Stelbrink. An einem Rezept für die Weihnachtszeit probiert Elke Vogt jedoch schon heute. „So viel kann ich verraten: Es geht um die neue Dr.-Oetker-Joghurt-Glasur, kombiniert mit einer Frischkäsecreme zwischen zwei Keksen. Und ein bisschen Orange ist auch dabei.“

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DONNERSTAG, 25. JUNI 2020

LEBEN & LEIDENSCHAFT

TERMINE

16.07.2020 | 14.00 Uhr Rechtssicher werben (WIGOSKompaktseminar in Osnabrück)

DER WIRTSCHAFT

KREISHAUS OSNABRÜCK, AM SCHÖLERBERG 1, OSNABRÜCK

25.06.2020 | Ohne Termin

21.07.2020 | 17.00 Uhr

Osna Hack 2020 (via Livestream, auch am 26.06.)

Businessplan (GründerhausSeminar in Osnabrück)

WWW.OSNAHACK.DE/LIVESTREAM, (ABSCHLUSS AM 26.06., 18 UHR)

26.06.2020 | 09.00 Uhr

Aus der Osnabrücker Salt And Pepper Software GmbH & Co. KG werden zwei Unternehmen: Halocline und

29.06.2020 | 11.30 Uhr Das Beste gehört aufs Land! (Live-Diskussion der Emsachse) LV MECKLENBURG-VORPOMMERN: ANDREAS-HERMES-AKADEMIE.DE

23.07.2020 | 17.00 Uhr

slashwhy. Halocline will mit ihrenVirtual Reality Softwarelösungen deutsche und internationale Kunden anspre-

Messe Ausbildung 49 digital (auch am 27.06. ab 10 Uhr) VIRTUELLE BERUFSORIENTIERUNGSMESSE: WWW.AUSBILDUNG49.DE

HWK OSNABRÜCK-EMSLAND-GRAFSCHAFT BENTHEIM, BRAMSCHER STR.

chen.

Foto:Halocline

DIE GESICHTER DER WIRTSCHAFT

Nutzfahrzeug Zentrum Osnabrück (Autohaus Starke) ist Top Service Partner (v. l.): J.-H. Determann (Serviceleiter Starke), A. Wehrhan (VW Nfz.), U. v. Busch (Gesamt-Serviceleiter Starke Gruppe), F. Geers (VW Nfz.), M. Mentrup (BetriebsleiterNutzfahrzeugZentrum).

Foto:Starke

Marktanalyse (GründerhausSeminar in Osnabrück) ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK, ALBERT-EINSTEIN-STR. 1

29.07.2020 | 17.00 Uhr

Marketingfahrplan (Gründerhaus Seminar in Osnabrück)

Finanzplan (GründerhausSeminar in Osnabrück)

ICO INNOVATIONS CENTRUM, ALBERT-EINSTEIN-STRASSE 1

ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK, ALBERT-EINSTEIN-STR. 1

29.06.2020 | 18.00 Uhr

30.07.2020 | 13.00 Uhr

Steuerrecht für Freiberufler/ -innen und Dozenten/-innen

30.06.2020 | 17.00 Uhr

DerOsnabrückerLogistikerKochInternationalerhältvomLanddieAuszeichnung„DigitalerOrtNiedersachsen“ (v.l.):StaatssekretärStefanMuhleüberreichtMarcelSchrage,Vertrieb,JürgenHartkemeyer,LeiterVertrieb,und Heinz-PeterBeste, Geschäftsführer, dieAuszeichnung.

Foto: KochInternational

IHK verleiht Qualitätssiegel „Top Ausbildung“ an KiKxxl GmbH (v.l.): Andreas Kremer (KiKxxl-Geschäftsführer), Lina Duwendag (Senior Personalreferentin KiKxxl) und Marco Graf (IHK-Hauptgeschäftsführer). Foto: IHK

ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK, ALBERT-EINSTEIN-STR. 1

08.07.2020 | 17.00 Uhr

12.08.2020 | 17.00 Uhr

Einstieg in die Existenzgründung (Seminar in Melle)

Telefonischer NBankBeratungstag in Lingen

KREISHAUS OSNABRÜCK, AM SCHÖLERBERG 1, OSNABRÜCK

Marktanalyse (GründerhausSeminar in Osnabrück)

HWK OSNABRÜCK-EMSLAND-GRAFSCHAFT BENTHEIM, BRAMSCHER STR.

09.07.2020 | 09.00 Uhr

Selbstführung (WIGOS-ChefSeminar in Osnabrück)

10.08.2020 | 17.00 Uhr

Finanzplan (GründerhausSeminar in Osnabrück)

GRÜNDERHAUS, LANDESTURNSCHULE MELLE, HAUS LÜNEBURG, MELLE

IHK OSNABRÜCK-EMSLAND-GRAFSCHAFT BENTHEIM, NEUER GRABEN

27.07.2020 | 17.00 Uhr

29.06.2020 | 17.00 Uhr

VHS PAPENBURG/MEMA, HAUPTKANAL RECHTS 72, PAPENBURG

Einstieg in die Existenzgründung (Gründerhaus-Seminar)

Businessplan (GründerhausSeminar in Osnabrück) Moderator Ludger Abeln (r.) fährt 1000 Kilometer Fahrrad, um Spenden für die Caritas zu sammeln. Caritas-Geschäftsführerin Stefanie Holle und Emdens OB Tim Kruithoff beglückwünschenAbeln. Foto:Caritas/R.Knillmann

HWK OSNABRÜCK-EMSLAND-GRAFSCHAFT BENTHEIM, BRAMSCHER STR. Die Ausbildungsverantwortlichen von Häcker Küchen freuen sich über die erneute Zertifizierung zum „ausgezeichnetenAusbildungsbetrieb“. Foto:Häcker Küchen

20.08.2020 | 17.00 Uhr Einstieg in die Existenzgründung (Gründerhaus-Seminar)

EXEL/MEMA, IHK-BÜRO LINGEN, KAISERSTRASSE 10 B, LINGEN

ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK, ALBERT-EINSTEIN-STR. 1

10.07.2020 | 10.00 Uhr

27.08.2020 | 14.00 Uhr

ICO Academy: Webinar Namensfindung

Social Media richtig nutzen (WIGOS-Kompakt-Seminar)

ICO-TALK ONLINE PER ZOOM, ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK

KREISHAUS OSNABRÜCK, AM SCHÖLERBERG 1, OSNABRÜCK

13.07.2020 | 17.00 Uhr

28.08.2020 | 09.00 Uhr

Social Media – Marketing (Gründerhaus-Vortrag) ICO INNOVATIONS CENTRUM OSNABRÜCK, ALBERT-EINSTEIN-STRASSE 1

Der emsländische Landrat Marc-André Burgdorf (Mitte) ist zu Gast beim neuenTalkformat „Hinter den Kulissen“ des Wirtschaftsverbandes Emsland mit Geschäftsführerin MechtildWeßling und demVorsitzenden Ulrich Boll. Foto:Wirtschaftsverband Emsland

Der Haselünner Spezialist für Gas- und Wassermesstechnik Esders erhält vom Land die Auszeichnung „Digitaler Ort Niedersachsen“ (v. l.): Martin Esders, Bürgermeister Werner Schräer, Bernd Esders, Stefan Esders, Prokurist Hubert Penniggers, StaatssekretärStefanMuhleund BernhardEsders(v.l.). Foto:GerdMecklenborg

Existenzgründungs-IntensivSeminar (Emsland GmbH) LANDKREIS EMSLAND, KREISHAUS 1, ORDENIEDERUNG 1, MEPPEN

Wir wissen mehr über besseres Klima

Oeseder Feld 9–15 49124 Georgsmarienhütte Telefon: 05401/8606-0 E-Mail: info@poetter-klima.de www.poetter-klima.de

Gesellschaft für Lüftungsund Klimatechnik mbH

Gesellschaft für Anlagen und Apparatebau mbH

Gesellschaft für Nano-Heiztechnologie mbH

Gesellschaft für Serviceund Regelsysteme mbH

Planung und Installation von Lüftungs- und Klimaanlagen seit 1977

Arbeitstische, Windleitflächenlüfter, Klimakammern und Sonderbau

Hocheffizientes Heizsystem auf CNT-Basis

Über 3500 Wartungsverträge für Lüftungs- und Klimaanlagen


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