ezra MOBIT KomRex IDZ (Hrsg.)
RECHTS EXTREMISMUS UND GRUPPEN Thüringer BEZOGENE Zustände MENSCHEN FEINDLICHKEIT IM FREISTAAT THÜRINGEN
Fakten und Analysen | 2021
Thüringer Zustände RECHTSEXTREMISMUS UND GRUPPENBEZOGENE MENSCHENFEINDLICHKEIT IM FREISTAAT THÜRINGEN
INHALT
JANINE DIECKMANN
Antidiskriminierungsarbeit und Diskriminierungsthemen in Thüringen — 10 JOËL BEN-YEHOSHUA,
LISA JACOBS UND ANJA THIELE
Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Thüringen — 17 DANIEL GESCHKE
UND AXEL SALHEISER
Polizeilich erfasste Hass kriminalität in Thüringen — 23 FRANZ ZOBEL
Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Thüringen — 29
FRANZISKA SCHESTAK-HAASE
Rassismus in Thüringen: Selbstorganisation und Empowerment als Antwort — 51 PHILIPP MILLIUS
Blackbox Erstaufnahmeeinrichtung: Innenansichten des Ankommens in Thüringen — 56 KRISTIN PIETRZYK
UND RASMUS KAHLEN
Ballstädt — eine Tragödie in zwei Akten — 64 CYNTHIA MÖLLER, MATTHIAS KOCH UND MARIE MOHRMÜLLER
Die Thüringer AfD bei der Bundestagswahl 2021 — 76 ANNE KÜPPERS, VOLKER BRANDY UND MARION REISER
MOBIT-TEAM
Die extreme Rechte in Thüringen — 35
Corona-Skepsis und Rechts extremismus — der Einfluss der Coronapandemie auf die politischen Einstellungen in Thüringen — 85
THERESA LAUSS, MARINA SCHULZ
Autor:inneninformationen — 94
UND MARCELLO HELWIG
Der Mord an Mario K. in Altenburg im Kontext LSBTIQA*-feindlicher Gewalt in Thüringen — 45
INHALTSVERZEICHNIS
Grußwort der Präsidentin des Thüringer Landtages — 6 Vorwort — 8
GRUSSWORT DER PRÄSIDENTIN DES THÜRINGER LANDTAGES
Grußwort der Präsidentin des Thüringer Landtages Sehr geehrte Leserinnen und Leser, unsere Demokratie baut darauf, dass sich jede:r einbringt, einmischt und an einer guten und friedlichen Zukunft des Landes mitarbeitet. Unsere Demokratie ist Versprechen und Erwartung.
tige Haltung gefragt: Immer dann, wenn Hassverbrechen gesche hen und Hass in den Online-Foren propagiert wird, ist die Bürger schaft, die Politik, die Wissenschaft, kurzum immer dann ist die Zivilgesellschaft gefordert, aufzustehen und deut liche Stopp-Zeichen zu setzen.
die vielen großen und kleinen Initiativen, die geflüchteten Menschen helfen. Zum Beispiel die Schulen, Verbände, Vereine, Kirchenge meinden und Firmen, die für ein tolerantes, weltoffenes und freund liches Thüringen ein stehen. Es ist dieses Engagement, welches Sie sorgt einerseits zu die »Thüringer Zustän verlässig für die Gewal de« zum Ziel h aben, es Ich bin den Verantwortli ist dieses demokratische tenteilung, also dafür, chen, den Herausgeber: Einmischen, welches dass Macht nicht miss innen und den Autor: braucht werden kann. Thüringen auch in Zu innen der Publikation Andererseits braucht kunft für alle Menschen unsere G esellschaft mög »Thüringer Zustände« lebens- und liebenswert dankbar, dass sie auch in macht. lichst viele Menschen, dieser Ausgabe unangedie sich engagiert an nehme Tatsachen unse der Gestaltung des rer Gegenwart recherLandes beteiligen. chieren und aufzeigen. Und dazu gehören auch Die Veröffentlichung der Mut und die Zivilschärft den Blick und courage, sich gegen belegt fundiert und menschenfeindliche faktenbasiert MissTendenzen zu stellen. stände, die erst durch die klare Benennung Wir wissen, auch in Thüringen gibt es Rechts wirksam bekämpft populismus, rassistische werden können. und antisemitische Übergriffe, Gewalt gegen Es bleibt viel zu tun Journalist:innen, gegen und gleichzeitig gibt es homosexuelle Menschen immer wieder Belege für Birgit Keller und gegen Geflüchtete – eine starke Zivilgesell- Präsidentin des Thüringer Landtages und hier ist eine eindeu schaft. Zum Beispiel 7
GRUSSWORT DER PRÄSIDENTIN DES THÜRINGER LANDTAGES
VORWORT Dies ist die zweite Ausgabe der »Thüringer Zustände«, die ezra, MOBIT, KomRex und IDZ gemeinsam herausgeben. Wir fokussieren darin Phänomene der Demokratiegefährdung, des Rechtsextremismus und der Diskriminierung in Thüringen im Jahr 2021. Viele der dargelegten Probleme sind allerdings schon lange zu beobachten. Ihre Darstellung und Einordnung bleibt deshalb aktuell. Um Kontinuitäten und Entwicklun gen nachzuzeichnen, blicken wir auch etwas weiter zurück. Dies betrifft die untersuchten Formen von Abwertung, Diskriminierung und Gewalt sowie die Strukturen und Aktivitäten der radikal rechten Akteur:innen, aber auch antidemokratische Einstellungen und ihre Verbreitung im Freistaat. Besonders die im Jahr 2021 fort gesetzte antidemokratische Mobi lisierung in der Corona-Pandemie hat gezeigt: Themenübergreifend werden immer wieder konkrete Anlässe genutzt, um die bestehen den radikal rechten Potenziale auszuschöpfen, von denen die
Einstellungs- und Wahlforschung schon seit Langem berichtet. Diese Publikation klärt über unterschiedliche Phänomene des Rechtsextremismus und der Gruppenbezogenen Menschen feindlichkeit auf und mahnt den Handlungsdruck an, der sich daraus für die Thüringer Politik und Zivilgesellschaft ergibt. Den vielfältigen Perspektiven, individuellen Selbstverständnissen, kollektiven Leitbildern und profes sionellen Handlungsaufträgen der Autor:innen ist geschuldet, dass die Einzelbeiträge kritische Bewertungen beinhalten. Das ist beabsichtigt: Es gilt, Rassismus,
Ziele der »Thüringer Zustände« sind 1) FAKTENBASIERTE DARSTELLUNG und
kritische Einordnung der aktuellen Situation des Rechtsextremismus, des Antisemitismus und Rassismus, der Abwertung, Diskriminierung und Hassgewalt im Freistaat Thü ringen
2) KOMPAKTE ANALYSEN und Über
blicke aus den Perspektiven der herausgebenden Institutionen unter Berücksichtigung zivilgesellschaft licher Perspektiven bzw. Betroffe nenperspektiven sowie gegebe nenfalls relevanter regionaler und lokaler Schwerpunktsetzungen
3) BEREITSTELLUNG einer soliden
Informations- und Dokumentations grundlage für landesweite, regio nale und kommunale politische Verantwortliche, Mitarbeiter:innen in Behörden, Bildungsinstitutionen, Akteur:innen der Zivilgesellschaft sowie Journalist:innen
VORWORT
Antisemitismus und die Umtriebe radikal bzw. extrem rechter Akteur:innen nicht nur aufzuzei gen, sondern diese deutlich zu verurteilen und sich konsequent empathisch und solidarisch mit Opfern und Betroffenen zu positi onieren. Diesen Grundsätzen fühlen sich die Autor:innen der »Thüringer Zustände« verpflichtet.
Diese Publikation wurde aus Mitteln des Thüringer Landesprogramms für Demokratie, Toleranz und Welt offenheit (DenkBunt) finanziert. Die vier herausgebenden Institutio nen werden als Strukturprojekte des Landesprogramms vom Thürin ger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (TMBJS) gefördert. Besonderer Dank gilt Julia Dressel haus, Kathy Kursawe, Susanne Haldrich, Cornelius Helmert, Leila Al-Kuwaiti und Anne Tahirovic (IDZ) sowie Uwe Adler (Weimar) für den Satz und das Layout. Für die Herausgeber:innen Romy Arnold — MOBIT Franz Zobel — ezra Cynthia Möller — KomRex Axel Salheiser — IDZ
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ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGS THEMEN IN THÜRINGEN Janine Dieckmann
In diesem Beitrag wird erläutert, warum Antidiskriminierungsarbeit stärker als wichtiger Teil der Demokratiearbeit in Thüringen verstanden werden sollte – und dabei besonders der ländliche Raum mitgedacht werden muss. Schlaglichtartig werden für das Jahr 2021 einige Themen und Einschätzungen aus der Antidiskriminierungsarbeit zusammengetragen.
Antidiskriminierungsarbeit ist Demokratiearbeit Um Antidiskriminierungsarbeit als eigenständigen Themenbereich der Demokratiestärkung für die politische Arbeit, wissenschaftliche Forschung und das zivilgesellschaftliche Engagement zu verstehen, ist es zunächst notwendig, ein vollumfängliches Bild zu zeichnen. Gene rell fokussiert die Wahrnehmung von »Demokratiegefährdungen« vor allem auf die Gefahren und Angriffe des Rechtsextremismus bzw. Rechtspopulismus. Vor dem Hintergrund der Thüringer Geschichte des Rechtsextremismus und der politischen Verhältnisse bleibt es nach wie vor wichtig, kontinuierliche Demokratiearbeit gegen Rechts extremismus, rechtsextreme Akteur:innen und Mobilisierungen zu leisten. Dennoch bedeutet die alleinige Fokussierung der Demokratie arbeit auf diese Themen eine Vernachlässigung weiterer demokratie gefährdender Phänomene. Denn die gesellschaftliche Teilhabe, Parti zipation sowie die freiheitliche individuelle Lebensführung vieler Menschen in Thüringen wird auch durch zahlreiche diskriminierende Denkmuster und Strukturen eingeschränkt. Allzu oft ist das allge meine Verständnis von Diskriminierung zu eng mit rechtsextremen Motivationen verknüpft, beispielsweise die Diskriminierung aus ras sistischen Gründen, aufgrund von Antisemitismus oder Queerfeind lichkeit. Das Engagement gegen Rechtsextremismus wird oftmals mit dem Engagement gegen Rassismus gleichgesetzt. Die konzeptuelle 10
ABBILDUNG 1: Überblick über Inhalte und Ziele der Antidiskrimi nierungsarbeit
Antidiskriminierungsberatung und Unterstützung von Betroffenen
Wissensvermittlung und Aufklärung
Antidiskriminierungsarbeit
Empowerment von Betroffenen und Stärkung von Selbstorganisationen
Integrationsbzw. Inklusionsarbeit
Stärkung und Sichtbarkeit der Perspektiven diskriminierter Teilgruppen
Sensibilität für und Abbau von Diskriminierung
Akzeptanz, Partizipation und Schutz von diskriminierten Teilgruppen
Solidarität durch Politik, Justiz, Institutionen und Gesellschaft
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ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGSTHEMEN IN THÜRINGEN
Überschneidung ist durchaus gegeben. So haben die meisten rassisti schen Straftaten, nicht nur in Thüringen, rechtsextreme Tathinter gründe (vgl. Beitrag von Geschke und Salheiser in diesem Band). Jedoch ist es wichtig, eine analytische Trennung von Rechtsextremismus und beispielsweise Rassismus, als eine in der Gesellschaft viel weiter ver breitete Ungleichwertigkeitsideologie, vorzunehmen. Denn der Abbau von Rassismus in der Gesellschaft – und damit Antirassismusarbeit – erschöpft sich nicht in der Bekämpfung von Rechtsextremismus.
ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGSTHEMEN IN THÜRINGEN
Zur Vollständigkeit des Verständnisses von Antidiskriminierungs arbeit gehört, sie in Teilbereiche zu differenzieren (siehe Abb. 1). Ein wichtiger Teilbereich der Antidiskriminierungsarbeit besteht in der Wissensvermittlung, Sensibilisierung und Aufklärung in Bezug auf unterschiedliche Vielfaltsdimensionen (z.B. kulturell, geschlechtlich, sexuell) bzw. über Ungleichwertigkeitsideologien in der Gesellschaft (z.B. Rassismus, Sexismus, Behinderungsfeindlichkeit). Zweitere ver hindern die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt und haben dis kriminierende Auswirkungen für alle Menschen, die nicht den gesell schaftlichen Normalitätsvorstellungen entsprechen. Weiterhin gehö ren zur Antidiskriminierungsarbeit auch die Beratung und Unter stützung von Betroffenen. Durch professionelle Antidiskriminierungs beratung können 1) die massiven Auswirkungen von Diskriminierung für Betroffene verringert werden, 2) der konkrete Vorfall als illegitim angefochten werden (z. B. Kündigung eines Jobs aus rassistischen Gründen) und 3) die Vorfälle systematisch dokumentiert werden. Auch die Arbeit zur Integration und gesellschaftlichen Inklusion sowie das Empowerment von Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, sind wichtige Felder der Antidiskriminierungsarbeit, denn sie tragen zu mehr Sichtbarkeit und zur Stärkung der Bedarfe von diskriminier ten Teilgruppen in der Gesellschaft bei. Eine strukturell verankerte Arbeit in diesen Teilbereichen führt zu einem kontinuierlichen Abbau von Diskriminierung in der Gesell schaft. Alle Bereiche tragen auf unterschiedlichen Ebenen dazu bei, diskriminierungskritische Perspektiven in Institutionen und Kom munen zu schaffen sowie mehr Akzeptanz, Partizipation und Schutz diskriminierter Gruppen zu ermöglichen. Ihre Perspektiven und Bedar fe werden sichtbarer und gestärkt. Letztendlich erhöht Antidiskrimi nierungsarbeit auch das Problembewusstsein, die Verantwortungs übernahme und die Solidarität mit Betroffenen durch Politik und Mehrheitsgesellschaft.
Diskriminierung in Thüringen abbauen heißt, den ländlichen Raum mitdenken Schauen wir in Thüringen auf gesellschaftliche Diskriminierungs themen und -vorfälle, auf diskriminierende Denkmuster und Struk turen, dann muss der Blick immer auch in den ländlichen Raum gehen. Laut Ländlichkeitsindex des Thünen-Instituts gelten nur Erfurt und Jena als Großstädte. Der Rest des Bundeslandes ist als ländlich einzu stufen (Küpper 2016). Trotz der Unterschiedlichkeit aller ländlichen Regionen (z. B. geografisch, infrastrukturell, sozioökonomisch, poli 12
Am Beispiel der Antirassismusarbeit und des Eisenberger Stadtfestes lässt sich dies beschreiben: In der Rassismusforschung findet zuneh mend eine inhaltliche Differenzierung der unterschiedlichen Auswir kungen und Zielgruppen von Rassismus statt (u. a. anti-Schwarzer, anti-muslimischer, anti-asiatischer, Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja). Auch in der deutschlandweiten aktivistischen bzw. zivilge sellschaftlichen Antirassismusarbeit zeigt sich dieser differenzierte Ansatz in Form von unterschiedlichen Bewegungen (z. B. #BlackLives Matter) sowie spezifischen Aufklärungs- und Weiterbildungsprojekten. Ein Schwerpunkt zahlreicher Antirassismusprojekte ist es beispiels weise, sich dafür einzusetzen, aktuelle rassistische Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Ursprung des Rassismus in der Kolonialzeit aufzuzeigen. Sie hinterfragen die deutsche Erinnerung an diese Zeit rassismuskritisch, zeigen Spuren des Kolonialismus bis in die heutige Zeit auf und engagieren sich, diese abzubauen (Dekolonialisierung). Vor allem in Städten setzen sich viele Initiativen für die Umbenennung von Straßen und Gebäuden sowie gegen Rassismus reproduzierende Symbolik und Begriffe ein. Im Gegensatz dazu hat sich im ländlichen Thüringen die Stadt Eisenberg im Jahr 2019 entschieden, ihr wieder belebtes Stadtfest mit einem diskriminierenden Begriff für Schwarze Menschen zu benennen (Wilmot 2019). Trotz mehrjähriger Interven tion, u.a. der Initiative Schwarzer Menschen Thüringens und des Thü ringer Antidiskriminierungsnetzwerks thadine, hielt die Stadt auch 2021 am Festnamen (und am Beinamen der Stadt) fest. Anhand dieses Beispiels zeigt sich: Der Vermittlung wissenschaftlicher Diskurse zu Rassismus sowie der Übertragung antirassistischer Ansätze in den ländlichen Raum muss besondere Bedeutung beigemessen werden. Es braucht spezifische Bildungsarbeit und zielgruppenorientierte 13
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tisch-kulturell), bleibt die »Ländlichkeit« in Thüringen der regional prägende Standard. Dennoch bleibt oftmals die Demokratiearbeit in Bezug auf (Anti-)Diskriminierungsthemen in städtischen Kontexten und Diskursen verortet. So finden generell in Deutschland die meisten öffentlichen und politischen Diskurse wie auch die Forschung zu Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus oftmals nur in städtischen Bezügen statt. Infolge dessen fokussiert die politische und zivilgesell schaftliche Arbeit zum Abbau gesellschaftlicher Ungleichwertigkeits ideologien und ihrer Auswirkungen – also Antidiskriminierungsar beit – meist auf Großstädte bzw. städtische Kontexte. Obwohl in Thü ringen viel Demokratiearbeit und zivilgesellschaftliches Engagement im Sinne der Positionierung gegen Rechtsextremismus in ländlichen Regionen stattfindet, muss vor allem konkrete Antidiskriminierungs arbeit in ländlichen Kommunen noch stärker als Demokratiearbeit anerkannt und strukturell aufgebaut werden.
ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGSTHEMEN IN THÜRINGEN
ormate. Die Konzepte und Netzwerke von Antirassismusarbeit aus F städtischen Kontexten können nicht Eins-zu-eins in ländliche Regionen übertragen werden. Sie brauchen Anpassung an ländliche Gegeben heiten. Diese sind u. a. durch weniger ausdifferenzierte und stabile Engagementstrukturen und weniger Menschen mit Migrationshinter grund charakterisiert. Auch das Hinterfragen traditionell veranker ter – in Thüringen auch DDR-sozialisierter – Denkmuster kann im ländlichen Raum eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Grund sätzlich liegen für Thüringen seit 2019 zahlreiche Handlungsempfeh lungen aus der Arbeit der Enquetekommission »Ursachen und Formen von Rassismus und Diskriminierungen in Thüringen […]« des Thü ringer Landtages vor.1 Jedoch blieben diese auch 2021 größtenteils unbeachtet und müssen weiterhin beständig in den Aufmerksam keitsfokus der Politik geholt werden. Zumindest ein Teilerfolg ist der Aufbau einer communitybasierten unabhängigen Antidiskriminie rungsstelle. Diese konnte Ende 2021 beginnen. Eine landesweit mit Selbstorganisationen eng vernetzte Antidiskriminierungsberatungs stelle ist in einem ländlichen Bundesland wie Thüringen ein wichtiger Schritt. Durch unterschiedliche Beratungs- und Aufklärungsformate kann sie auch Menschen im ländlichen Raum, die u. a. von rassisti scher Diskriminierung betroffen sind, erreichen und unterstützen.
Weitere Einschätzungen In Ergänzung weiterer Beiträge der »Thüringer Zustände 2021« (siehe Beitrag von Millius zur Diskriminierung von Geflüchteten; siehe Lauß, Schulz und Helwig zur Diskriminierung von queeren Menschen) wer den im Folgenden schlaglichtartig Einschätzungen zu Themen der Antidiskriminierungsarbeit 2021 berichtet, deren Grundlage eine Abfrage im zivilgesellschaftlichen Kuratorium des IDZ2 darstellt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG-W) doku mentiert mithilfe einer systematischen Presseanalyse deutschland weit Gewaltfälle gegen Wohnungslose. Methodisch bedingt wird dabei nur ein Bruchteil aller tatsächlichen Taten bekannt. So wurde, von bundesweit 53 dokumentierten Gewaltfällen gegen wohnungslose Menschen (durch nicht-wohnungslose Täter:innen), 2021 für Thürin gen nur ein Fall bekannt (Stand: 30.09.2021): In Nordhausen wurde vor einem Einkaufszentrum auf einen wohnungslosen Mann eingeprü gelt.3 Dass Gewalttaten und Diskriminierung gegen wohnungslose 1 https://th.rosalux.de/publikation/id/42280/rassismus-und-diskriminierung-bekaempfen [20.03.2022]. 2 www.idz-jena.de/ueber-das-institut/kuratorium [20.03.2022]. 3 www.pressreader.com/germany/thuringer-allgemeine-nordhausen/20210619/textview [20.03.2021].
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Menschen deutschlandweit ein gesellschaftliches Problem darstellen, verdeutlicht auch der Forschungsbericht »Diskriminierung und Hass gewalt gegen wohnungslose Menschen« des IDZ (Geschke 2021).
ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGSTHEMEN IN THÜRINGEN
Der Landesfrauenrat Thüringen (LFR) berichtet, dass die Corona-Pan demie vor allem Mütter überdurchschnittlich stark belastet hat. So führten die Schul- und Kita-Schließungen dazu, dass viele Mütter ihre Care-Arbeit zeitlich erhöhen mussten. Das wirkte sich negativ auf ihre berufliche Arbeit sowie ihre psychische Konstitution aus. Auch Angebote für Frauen rund um die Geburt waren nur eingeschränkt verfügbar. Generell ist die Tendenz zu verzeichnen, dass Geburts stationen in Thüringen schließen und der Bedarf an Hebammen das Angebot übersteigt. Positiv zu bewerten im Sinne der Umsetzung der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt4 ist, dass der Aufbau zweier Fachberatungsstellen im Jahr 2021 gestartet ist – eine gegen Menschenhandel sowie eine für Prostituierte bzw. Sexarbei ter:innen. Thüringen war bis dahin das einzige Bundesland, in dem solche Stellen nicht existierten. Laut LFR ist die Akutversorgung nach sexualisierter Gewalt (vgl. Fischer 2020) in Thüringen weiterhin nicht umgesetzt. Auch die Finanzierung des Gewaltschutzbereichs (z.B. von Frauenhäusern) ist bislang unzureichend. Folgen sind u.a. Abweisun gen von Frauen bei vollen Frauenhäusern und eine hohe Arbeitsbelas tung der Mitarbeitenden. Weiterhin haben verschiedene Personen kaum Zugang zu Gewaltschutzeinrichtungen: Personen, die auf Barriere freiheit oder eine 24-h-Betreuung angewiesen sind, trans und inter Personen, Männer, Frauen mit älteren Söhnen, Suchtabhängige usw. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma begrüßte 2021 die überfällige Auseinandersetzung mit Antiziganismus in Deutschland durch die Unabhängige Expertenkommission Antiziganismus (UKA) im Auftrag des Deutschen Bundestages. Er betont: »Die Umsetzung der Empfeh lungen zur Bekämpfung des Antiziganismus wird Bund, Länder und Gemeinden ebenso wie die Zivilgesellschaft vor erhebliche Herausfor derungen stellen, denn […] die UKA stellt fest, dass Antiziganismus in Deutschland als Normalität gilt und als Normalität wahrgenommen wird, dass also ein Bewusstsein und die Wahrnehmung für das Be stehen massiver Diskriminierungen von Sinti und Roma in nahezu allen Lebensbereichen fast vollständig fehlen. […] Antiziganismus gehörte vielmehr in einer Reihe von staatlichen Einrichtungen […] zur Grundhaltung vieler Mitarbeitender […]. Bis heute ist Antiziganismus in staatlichen Behörden und Handeln zu finden.«5 4 www.unwomen.de/informieren/internationale-vereinbarungen/die-istanbulkonvention.html [20.03.2022]. 5 www.zentralrat.sintiundroma.de/stellungnahme-des-zentralrats-deutscher-sinti-und-roma-zum-berichtder-unabhaengigen-kommission-antiziganismus-uka/ [20.03.2022].
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ANTIDISKRIMINIERUNGSARBEIT UND DISKRIMINIERUNGSTHEMEN IN THÜRINGEN
In Ergänzung dieser Einschätzungen sei auf die wichtige Antidiskrimi nierungsarbeit in Thüringen zum Abbau von Diskriminierung gegen über Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen hinge wiesen: Einen Einblick für das Jahr 2021 geben die Newsletter des Thüringer Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen.6
LITERATUR Geschke, Daniel (2021): Diskriminierung und Hassgewalt gegen wohnungslose Menschen. Forschungsbericht des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft. Online: www.idz-jena.de/pubdet/forschungsbericht-diskriminierungund-hassgewalt-gegen-wohnungslose-menschen-1 [20.03.2022]. Fischer, Lisa (2020): Akutversorgung nach s exualisierter Gewalt Zur Umsetzung von Artikel 25 der Istanbul- Konvention in Deutschland. Deutsches Institut für Menschenrechte. Online: www.institut-fuer-menschenrechte.de/ fileadmin/Redaktion/Publikationen/Analyse_Studie/Analyse_ Akutversorgung_nach_sexualisierter_Gewalt.pdf [20.03.2022]. Küpper, Patrick (2016): Abgrenzung und T ypisierung ländlicher Räume. Thünen Working Paper 68. Online: literatur.thuenen.de/ digbib_extern/dn057783.pdf [20.03.2022]. Wilmot, Viviann Moana (2019): Das M-Wort als Ausdruck von K olonialität – anhand eines a ktuellen Beispiels aus Thüringen. Wissen schafft Demokratie, 7, 110–123. Online: www.idz-jena.de/ wsddet/wsd7-11 [20.03.2022].
6 www.tlmb-thueringen.de/aktuelles/newsletter/newsletter-archiv/ [20.03.2021].
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JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN Joël Ben-Yehoshua, Lisa Jacobs und Anja Thiele
Einleitung In aktuellen Debatten über Antisemitismus in Deutschland richtet sich der Blick oft auf die Täter:innen. Die öffentliche Wahrnehmung von Antisemitismus wird dominiert von polizeilichen Statistiken über antisemitische Straftaten sowie von der sozialwissenschaftlichen Erhebung von antisemitischen Einstellungen in der Bevölkerung. O hne Zweifel sind beides wichtige Instrumente, um das Ausmaß von Anti semitismus in Deutschland beschreibbar zu machen (vgl. den Beitrag von Geschke und Salheiser in diesem Band). Die Perspektiven von betroffenen Juden:Jüdinnen und anderen von Antisemitismus Betrof fenen bleiben jedoch oft außen vor. Dabei sind es gerade ihre Erfah rungen, die notwendig sind, um das Dunkelfeld antisemitischer Vor fälle in Deutschland aufzuhellen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Thüringen dokumentiert antisemitische Vor fälle unter- und oberhalb der Strafbarkeitsgrenze auf Grundlage von Meldungen durch Betroffene und Zeug:innen und macht auf diese Weise deren Perspektiven sichtbar. Darüber hinaus befragte RIAS Thü ringen im Zuge einer qualitativen Interviewstudie zehn Juden:Jüdinnen aus Thüringen zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus. Im folgen den Beitrag werden die Ergebnisse der Vorfallsdokumentation aus dem Jahr 2021 sowie E rkenntnisse aus den Interviews zusammengeführt.7
7 Beide Berichte finden sich auf www.idz-jena.de/rias-thueringen.
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Antisemitische Vorfälle 2021
JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN
Im Jahr 2021 dokumentierte RIAS Thüringen 212 antisemitische Vorfäl le. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der Antisemitismus, der im Kontext der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen geäußert wurde. 120 Vorfälle waren E-Mails, Briefe und andere Zuschriften, die aus Protest gegen die Infektionsschutzmaßnahmen im Rahmen gezielter Aktionen an die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie das IDZ Jena geschickt wurden. Diese beiden gut dokumentier ten Einzelereignisse verdoppeln die Anzahl der dokumentierten Vor fälle im Jahr 2021: Ohne beide Ereignisse verzeichnete RIAS Thüringen 92 antisemitische Vorfälle im Jahr 2021 in Thüringen. Um statistische Verzerrungen zu vermeiden, wurden die beiden Einzelereignisse in den folgenden Betrachtungen ausgeklammert. Auch ohne die beiden Einzelereignisse wiesen immer noch 23 Prozent der dokumentierten Vorfälle einen Bezug zur Covid-19-Pandemie auf. Mit Blick auf den politischen Hintergrund der Täter:innen ergibt sich ein ausdifferenziertes Bild der Zusammensetzung der Täter:innen. Markant ist dabei der Einfluss der oftmals verschwörungsideologi schen Proteste für den Antisemitismus in Thüringen: Zehn Prozent der dokumentierten Vorfälle konnten dem politischen Hintergrund »verschwörungsideologisch« zugeordnet werden. Des Weiteren hatten 37 Prozent der Täter:innen einen rechtsextremen Hintergrund, 19 Pro zent der Täter:innen waren Akteure aus dem Feld des antiisraelischen Aktivismus, vier Prozent aus dem linken Antiimperialismus. Der Anteil der Täter:innen aus der »politischen Mitte« lag bei drei Prozent, zwei Prozent wurden dem Hintergrund »christlich« zugeordnet. Bei 25 Pro zent der dokumentierten Vorfälle konnte der politische Hintergrund nicht bestimmt werden. Im Kontext der Coronaleugner:innen- und Impfskeptiker:innen-Be wegung waren die am häufigsten geäußerten antisemitischen Motive geschichtsrevisionistische und Shoah-relativierende Aussagen. Insge samt war 2021 der sogenannte Post-Shoah-Antisemitismus, dem solche Formen von NS-Relativierung zugerechnet werden, das am häufigsten dokumentierte antisemitische Motiv in Thüringen: 75 Prozent aller Vorfälle konnten dieser Kategorie zugeordnet werden. 40 Prozent der Vorfälle beinhalteten modernen Antisemitismus, das heißt Verschwö rungsideologien, 27 Prozent israelbezogenen Antisemitismus, 17 Pro zent stellten Formen antisemitischen Otherings dar. Antijudaistische Motive wurden in neun Prozent der Vorfälle dokumentiert.
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Antisemitismus in Thüringen aus jüdischer Perspektive
JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN
Zwischen Juli 2021 und Januar 2022 wurden zehn leitfadengestützte Interviews mit Juden:Jüdinnen aus Thüringen durchgeführt. Neben Funktionsträger:innen und Mitgliedern der Jüdischen Landesgemeinde (JLGT) wurden auch Personen befragt, die öffentlich als Juden:Jüdin nen wahrnehmbar sind. Die Befragten leben in sechs verschiedenen Groß- und Mittelstädten in Thüringen und waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 20 und 77 Jahren alt. Dabei wurde nicht nur nach aktuell erlebten Vorfällen von Antisemitismus gefragt, sondern auch nach länger zurückliegenden Erfahrungen von antisemitischer Dis kriminierung im Verlauf der eigenen Biografie.8 Alle Befragten brachten zum Ausdruck, dass sie sich aktuell mit Anti semitismus beschäftigen und Antisemitismus in Deutschland intensiv beobachten. Oft wurde das Attentat von Halle aus dem Jahr 2019 als einschneidendes Datum genannt. Die meisten Befragten gaben an, dass sie das Verhalten der nichtjüdischen »Mehrheitsgesellschaft« ihnen gegenüber oft als subtile Ablehnung oder Exotisierung wahrnehmen. Bis auf eine:n der Befragten berichteten alle, schon einmal selbst Anti semitismus erfahren zu haben. Auch die Interviewten, die die Frage nach eigenen Antisemitismuserfahrungen zunächst verneinten, be richteten im Laufe des Interviews von eigenen Erfahrungen mit Anti semitismus. Das anfängliche Bestreiten kann möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass Antisemitismus für viele Juden:Jüdinnen so alltäglich ist, dass sie Antisemitismus selbst gar nicht als erzählens wert erleben oder aber, dass sie die schmerzhaften Vorfälle aus Selbst schutz verdrängen.
Vorfalltypen des Antisemitismus in Thüringen RIAS Thüringen unterscheidet zwischen sechs Typen antisemitischer Vorfälle: 1) extreme Gewalt, 2) Angriffe, 3) Bedrohungen, 4) gezielte Sachbeschädigungen, 5) Massenzuschriften, 6) verletzendes Verhalten. Als verletzendes Verhalten werden Vorfälle bezeichnet, bei denen Perso nen mündlich oder schriftlich gezielt antisemitisch adressiert werden. Keine:r der Befragten wurde bislang Opfer von extremer Gewalt, aller dings sind den meisten Befragten gewalttätige Anschläge auf die jüdi sche Community in Deutschland sehr präsent. Von Angriffen berich teten mehrere Befragte, darunter Vorfälle aus der eigenen Kindheit: 8 Die in diesem Beitrag genannten Vorfälle geschahen demnach nicht nur in Thüringen.
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JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN
Nachdem andere Jugendliche herausgefunden hatten, dass der:die Befragte Jude:Jüdin ist, wurde er:sie als »Scheiß Jude« beschimpft und in eine Schlägerei hineingezogen. Auch heute wird das Wort »Jude« vor allem, aber nicht nur im Schulkontext als Schimpfwort verwendet (vgl. Bernstein 2020). So wurde ein:e Befragte:r und sein:ihr Kind in einem aktuellen Vorfall während einer Zugfahrt als »Jude« beschimpft, wobei der:die Angreifer:in versuchte, dem Kind den Mund-NasenSchutz herunterzureißen. Die Aggressivität des Vorfalls verdeutlicht die hohe Gewaltbereitschaft der sogenannten Coronaleugner:innen, denen der:die Täter:in mutmaßlich zugerechnet werden kann. Darüber hinaus wurden vielfach Bedrohungen geschildert. Bei einem Vorfall im digitalen Raum wurde einem:r Betroffenen explizit gedroht, dass »den Juden richtig der Garaus gemacht« werden solle. Eine weitere Person hatte Drohbriefe erhalten; eine dritte Person nannte Drohun gen gegen eine jüdische Gemeinde. Fast alle Befragten erinnerten sich an gezielte Sachbeschädigung, etwa an die Schändung von jüdischen Friedhöfen und Grabsteinen in Thüringen, Hakenkreuz-Schmiererei en an Synagogen sowie an rechtsextreme Aufkleber, die die Shoah verharmlosen oder den Nationalsozialismus verherrlichen. Am häufigsten erlebt wurde verletzendes Verhalten: Hiervon berichte ten neun von zehn Befragten. Eine Person erzählte beispielsweise von einem Gespräch mit einem »gut ausgebildeten« Studenten, der an eine jüdische Weltverschwörung glaubt. Eine weitere Person schilderte, dass ein Schweinekopf auf das Gelände der jüdischen Gemeinde geworfen wurde. Immer wieder erlebten die befragten Juden:Jüdinnen, dass ihnen eine Mitschuld am Antisemitismus gegeben wird: Ein:e Befrag te:r berichtete, dass ihm:ihr gegenüber geäußert wurde, man müsse sich nicht wundern, dass »man die Juden nicht leiden könne«, wenn sie so habgierig seien. Die Unterstellung einer »jüdischen« Habgier ist ein jahrhundertealtes antisemitisches Stereotyp, ebenso wie das Stereo typ von Juden als »Geldmenschen«, das vier der Befragten nannten. Eine weitere Person berichtete von Problemen jüdischer Kinder an Schulen sowie von mangelnder Unterstützung vonseiten der Lehrkräfte.
Erscheinungsformen Der Bundesverband RIAS unterscheidet fünf Erscheinungsformen von Antisemitismus: 1) antisemitisches Othering, 2) moderner Antisemitismus, 3) antijudaistischer Antisemitismus, 4) Post-Shoah-Antisemitismus und 5) israelbezogener Antisemitismus, wobei ein Vorfall auch mehre ren Erscheinungsformen zugeordnet werden kann. In den Interviews wurden alle Erscheinungsformen von Antisemitismus genannt. 20
Die am zweithäufigsten genannte Form war der Post-Shoah-Antisemi tismus. So schilderte eine Person etwa einen Schulausflug in die Ge denkstätte Buchenwald: Beim Betreten der Gedenkstätte wurde der: dem jüdischen Schüler:in von Mitschüler:innen »Home Sweet Home« entgegnet und in der Schule wurde der:die Schüler:in zuerst aus dem Klassenraum ausgesperrt und dann mit einem »Komm in die Gaskam mer« wieder hereingebeten. Weitere Befragte schilderten die Verharm losung oder Relativierung des Holocaust, sei es durch Schlussstrichfor derungen oder Behauptungen, der Holocaust sei gar nicht so schlimm gewesen. Deutschlandweit ist der israelbezogene Antisemitismus die Form des Antisemitismus, die am meisten gesellschaftlich akzeptiert ist (Reiser et al. 2021: 96f.). In den Interviews wurde diese Form am häufigsten benannt: Neun der zehn befragten Personen schilderten Beispiele für israelbezogenen Antisemitismus. Berichtet wurde von Stereotypen, die bis ins Mittelalter zurückreichen und heute auf Israel übertragen werden, etwa die Bezeichnung des Staats Israel als »Brunnenvergifter« und »Kindermörder« (vgl. Schwarz-Friesel 2020). Vier Befragte proble matisierten zudem das vorherrschende Unwissen über Israel sowie die Verbreitung problematischer und oft falscher Quellen zum Thema.
Fazit Die hier ausgewählten Ergebnisse der RIAS-Studie werfen Schlaglich ter auf die Vielzahl an antisemitischen Vorfällen, die Juden:Jüdinnen 21
JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN
Beim antisemitischen Othering werden Juden:Jüdinnen als fremd oder nicht zum eigenen Kollektiv gehörig markiert. Die Hälfte der Befragten berichtete von Fällen antisemitischen Otherings: Immer wieder wurde die Beschimpfung als »Jude« genannt, sei es im Schulkontext, im priva ten Raum oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Person berichtete, dass ihr vorgeworfen wurde, sie sei keine Deutsche und dass sie doch »nach Hause nach Tel Aviv oder Moskau« fahren solle. Beispiele für modernen Antisemitismus wurden ebenfalls vom Großteil der Befrag ten genannt, darunter am häufigsten die Fantasie einer jüdischen Welt verschwörung sowie die Verbindung von Juden mit Geld. Auch Formen von Antijudaismus, das heißt der Ablehnung der jüdischen Religion aus religiösen Gründen, wurden berichtet, wenn auch vergleichsweise seltener. So erzählt ein:e Befragte:r von einer Person einer christli chen Kirchengemeinde, die ihr Bedauern darüber äußerte, dass die Juden Jesus nicht als Messias akzeptieren würden. Dabei handelt es sich um eine uralte antijüdische Delegitimierung des Judentums.
JÜDISCHE PERSPEKTIVEN AUF ANTISEMITISMUS IN THÜRINGEN
in Thüringen erfahren mussten. Die geschilderten Vorfälle erweisen sich denkbar heterogen: In allen räumlichen, sozialen, politischen und beruflichen Kontexten und in verschiedenster Form werden Juden: Jüdinnen mit Antisemitismus konfrontiert. Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus den Alltag von Juden:Jüdinnen in Thüringen prägt. Darüber hinaus machen die Ergebnisse deutlich, wie wichtig die Per spektiven von Betroffenen sind, um Antisemitismus in Thüringen ad äquat zu beschreiben. Um dieses Dunkelfeld auch in Zukunft weiter aufzuhellen, bedarf es einer kontinuierlichen, communitynahen Doku mentationsarbeit, aber auch des Z uhörens durch Politik und Zivilge sellschaft.
LITERATUR Bernstein, Julia (2020): Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Beltz Juventa: Weinheim. Reiser, Marion/Küppers, Anne/Hebenstreit, Jörg/Salheiser, Axel/Vogel, Lars (2021): Demokratie in der Corona-Pandemie. Ergebnisse des Thüringen- Monitors 2021. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Jena. Online: www.komrex.uni-jena.de/ komrexmedia/publikationen/tm2021.pdf [22.03.2022]. Schwarz-Friesel, Monika (2020): Israelbezogener Antisemitismus und der lange Atem des Anti-Judaismus – von »Brunnenvergiftern, Kindermördern, Landräubern«. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie, Band 8, Schwerpunkt Antisemitismus, S. 42–57. Online: www.idz-jena.de/fileadmin/ user_upload/PDFS_WSD8/WsD8_Beitrag_MSF_.pdf [13.04.2022].
22
POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN Daniel Geschke und Axel Salheiser
Polizeiliche Statistiken zu vorurteilsgeleiteten Straftaten (Hasskrimi nalität) werden bundesweit von den Landeskriminalämtern erfasst und zentral für die Bundesebene veröffentlicht (Bundeskriminalamt 2021; im zeitlichen Verlauf: BMI 2021). Entsprechend der etablierten behördlichen Praxis ergänzen sie das Klassifikationssystem der Politisch motivierten Kriminalität (PMK). Das Bundeskriminalamt definiert PMK als Straftaten, die in Würdigung der Tatumstände und/oder der Einstellung der Täter:innen Anhaltspunkte dafür bieten, dass sie gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung bzw. gegen die Bundesrepublik Deutschland, ihre Institutionen und Repräsentant: innen gerichtet sind – oder gegen Menschen aufgrund von Vorurteilen bezüglich ihrer (tatsächlichen oder zugeschriebenen) Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Welt anschauung, ihres sozialen Status, einer physischen und/oder psychi schen Behinderung oder Beeinträchtigung, dem Geschlecht bzw. der sexuellen Identität, der sexuellen Orientierung oder dem äußeren Erscheinungsbild (Bundeskriminalamt o.J.). Damit wurden Diskrimi nierungsmerkmale in die Definition aufgenommen, die den Blick – von einer oftmals als »staatszentriert« kritisierten Lesart politisch moti vierter Kriminalität wegführend – stärker auf vorurteilsmotivierte Straftaten lenken, von denen (vermeintliche) Angehörige bestimmter Bevölkerungsgruppen betroffen sind und die deren Grundrechte und ihre Menschenwürde beeinträchtigen. Bei Hasskriminalität handelt es sich um Botschaftstaten; neben den unmittelbaren Betroffenen (bei Sachbeschädigung: deren Eigentum) wird immer auch die ganze soziale Gruppe adressiert, die mit dem jeweiligen Diskriminierungs merkmal assoziiert wird (Geschke 2017). Ein fortbestehendes grund sätzliches Problem beim erweiterten Klassifikationssystem der PMK ist, dass die traditionelle Unterteilung in »PMK rechts«, »PMK links«, »PMK ausländische Ideologie« sowie »PMK religiöse Ideologie« bei Hass kriminalität an ihre Grenzen stößt, die von Personen aus der soge 23
POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN
nannten »Mitte der Gesellschaft« verübt werden und sich keiner poli tischen bzw. ideologischen Strömung zurechnen lassen (Kleffner 2018). Außerdem kann die Implikation der »Motivation« irreführend sein, denn vorurteilsgeleitete Taten entfalten ihre ausgrenzende Bot schaftswirkung auch dann, wenn die Taten nicht im engeren Sinne durch politische Ideologien motiviert wurden (beispielsweise »All tagsrassismus«). Bei den in Abb. 2 für Thüringen veröffentlichten Fallzahlen zu The menfeldern bzw. Deliktgruppen von Hasskriminalität9 handelt es sich um eine Eingangsstatistik. Darin werden alle polizeilich registrierten Vorfälle bzw. angezeigten Straftaten erfasst, es sind jedoch keine Aus sagen über den Fortschritt der Ermittlungen durch Polizei und Staats anwaltschaften oder gar über Verurteilungen vor Gericht möglich. Außerdem ist eine Dunkelziffer anzunehmen, die sich aus nicht re gistrierten Taten zusammensetzt sowie aus solchen, die polizeilich nicht als (politisch motivierte) Hasskriminalität bewertet wurden. Die jeweilige Einstufung bzw. Erfassung ist u. a. abhängig vom Kenntnis stand und der Sensibilität der Polizeibeamt:innen bei der Vernehmung von Zeug:innen, der Protokollierung von Aussagen und Begleitum ständen, der Beweismittelaufnahme, der Ermittlung der Tatmotivati on usw. (Habermann/Singelnstein 2018). Unter Umständen kann also der vorurteilsmotivierte Charakter einer Tat verkannt werden und eine Entpolitisierung stattfinden, beispielsweise wenn ein Angriff durch Neonazis verharmlosend als »Massenschlägerei« bewertet und die ideologische Orientierung der Täter:innen ausgeblendet wird. Für Thüringen ist zu konstatieren, dass die polizeilich dokumentierte Hasskriminalität fast ausschließlich mit einer rechtsextremen Tat motivation bzw. von solchen Täter:innen verübt wird, die dem rechten politischen Spektrum zugeordnet werden. 2020 wurde, wie bereits im Vorjahr, erneut ein Anstieg von Fällen der Hasskriminalität allgemein sowie ein Anstieg der Gewalttaten registriert (Abb. 3). Die Anzahl der registrierten vorurteilsmotivierten Straftaten 2020 ist gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent auf insgesamt 782 Vorfälle angestiegen. Gewaltdelikte im Bereich der Hasskriminalität insgesamt haben im gleichen Zeitraum um 30 Prozent auf insgesamt 96 Vorfälle zugenom men. 2018 wurden 91,6 Prozent der Fälle von Hasskriminalität als »rechts« motiviert eingeordnet, 2019 waren es 96,4 Prozent und 2020 96,3 Prozent. Ein deutliches Bild zeigt auch die Verteilung der vor urteilsmotivierten Gewaltdelikte: 94 von 96 dokumentierten Gewalt 9 Die Autoren danken dem Landeskriminalamt Thüringen für die postalische Bereitstellung der Daten der Jahre 2018, 2019 und 2020. Eine Aufschlüsselung der Fälle für das Jahr 2021 nach den Deliktgruppen der Hasskriminalität war bis zum Redaktionsschluss nicht möglich.
24
ABBILDUNG 2:
(Quelle: Landeskriminalamt Thüringen 2020)
Straf- und Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität in Thüringen 2018–2020 0 0 0 0
antiziganistische Straftaten
davon Gewalttaten
gg. Behinderung gerichtete Straft.
davon Gewalttaten
–
davon Gewalttaten
26
–
– –
1
davon Gewalttaten
ausländerfeindliche Straftaten*
davon Gewalttaten
0 169
2
gegen sonst. ethn. Zugehörigkeit gerichtete Straftaten
deutschfeindliche Straftaten*
0
0
davon Gewalttaten
2
1
1
0
1
0
2
0
5
0 1
davon Gewalttaten
gegen sexuelle Orientierung gerichtete Straftaten
4
9
christenfeindliche Straftaten
0
27
9
0
28
5
davon Gewalttaten
islamfeindliche Straftaten
davon Gewalttaten
39
1
34
4
davon Gewalttaten
93
67
35
325
74
666
antisemitische Straftaten
264
49
405
39
rassistische Straftaten
rechts
links
ausländische Ideologie
religiöse Ideologie
nicht zuzuordnen
0
3
1
6
1
6
41
189
0
1
0
2
0
4
1
26
3
61
2
116
47
368
96
782
0
0
0
0
–
–
–
–
0
0
0
1
0
0
0
27
4
32
4
65
37
246
45
371
1
1
0
1
0
1
26
169
0
0
0
4
0
0
0
26
9
37
1
90
34
313
71
642
0
3
1
6
0
0
41
188
0
0
0
20
0
1
1
26
3
60
2
113
46
354
94
753
0
0
0
0
–
–
–
–
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
0
1
0
1
0
3
0
0
0
0
0
0
0
–
–
–
–
1
1
0
0
0
0
0
0
1
1
0
1
1
2
3
5
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
1
0
0
0
1
0
2
0
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
1
0
2
0
0
0
0
–
–
–
–
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2
0
2
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
2
2
0
0
0
0
0
1
1
5
3
8
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
2
0
4
0
8
POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN
0
0
0
0
0
0 0
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0
0
0
0
0
0
0
2
0
0
0
0
0
1
0
3
0
6
0
0
0
0
0
0
0
0
1
0
1
0
0
0
2
0
3
0
7
0
0
0
0
–
–
–
–
1
1
0
0
0
8
0
1
0
1
0
0
1
13
1
24
0
0
0
0
0
1
0
0
0
0
0
1
0
1
0
0
0
1
0
0
0
3
0
7
0
0
0
0
1
5
0
0
0
1
0
0
0
0
0
0
0
1
0
0
1
6
2
13
2018 2019 2020 2018 2019 2020 2018 2019 2020 2018 2019 2020 2018 2019 2020 2018 2019 2020
gesamt
davon Gewalttaten
fremdenfeindliche Straftaten
davon Gewalttaten
Hasskriminalität gesamt
PMK
* Beim Themenfeld »Hasskriminalität« sind zum 1. Januar 2019 zusätzlich die Unterthemen »ausländerfeindlich« und »deutschfeindlich« aufgenommen worden. Daher gibt es hier keine vergleichbaren Zahlen für 2018.
POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN
taten wurden im Jahr 2020 aufgrund einer »rechten« politischen Orientierung begangen. Damit ist die Bedrohung erkennbar, die seit Jahren vor allem von rechtsextrem eingestellten Täter:innen insbe sondere für Angehörige ethnischer, kultureller und sozialer Minder heiten in Thüringen ausgeht. Die am zweitstärksten, aber vergleichs weise nur sehr schwach besetzte Oberkategorie nach der »PMK rechts« ist »PMK nicht zuzuordnen«, wenngleich 2020 nur 13, also weniger als zwei Prozent aller registrierten Fälle von Hasskriminalität in Thürin gen in diese Kategorie fielen. Darunter waren sechs als »fremdenfeind lich« sowie fünf als »deutschfeindlich«10 deklarierte Straftaten; in jeder dieser Kategorien wurde jeweils eine entsprechende Gewalttat registriert. Die Oberkategorien »PMK links« (6 Fälle), »PMK ausländi sche Ideologie« (2 Fälle) sowie »PMK religiöse Ideologie« (8 Fälle) sind mit Fallzahlen im einstelligen Bereich so schwach besetzt, dass eine Interpretation von Trends nicht sinnvoll ist. Werden die Tatmotivationen der Hasskriminalität betrachtet, fielen 47 Prozent der dokumentierten Straftaten im Jahr 2020 in den Bereich der »Fremdenfeindlichkeit«, 24 Prozent wurden der »Ausländerfeind lichkeit« zugeordnet und 15 Prozent als antisemitisch registriert. Darüber hinaus traten rassistische (8 %) und islamfeindliche (3 %) Straftaten mit Fallzahlen in Höhe von 61 (Rassismus) und 26 (Islam feindlichkeit) häufig auf. Auch wenn bei anderen Themenfeldern bzw. Tatmotivationen noch geringere Fallzahlen bzw. gar keine Fälle doku mentiert wurden, kann hier keine Entwarnung gegeben werden. Ins gesamt sind das Ausmaß und der weitere Anstieg der hauptsächlich politisch »rechts« motivierten Hasskriminalität, einschließlich der Gewaltdelikte, als beunruhigend zu bewerten. Dabei bleibt unklar, inwieweit dieser Anstieg in der Statistik einer tatsächlich erhöhten vorurteilsmotivierten Kriminalität geschuldet oder vielmehr auf eine erhöhte Sensibilität seitens der Ermittlungsbehörden für eine Einord nung von Taten als Hasskriminalität zurückzuführen ist. Auffällig sind jedenfalls die starken Abweichungen zu den Angaben der Sta tistik der mobilen Opferberatung ezra (vgl. den Beitrag von Zobel in diesem Band). Problematisch an der polizeilichen Statistik ist neben vielem anderen weiterhin die unklare Unterscheidung zwischen »Fremdenfeindlichkeit«, »Ausländerfeindlichkeit« und »Rassismus«. Zudem fehlt in der Thüringer Statistik die am 1. Januar 2020 auf Bundesebene eingeführte Kategorie »Geschlecht/sexuelle Identität« (vgl. Bundeskriminalamt 2021). Es kann lediglich vermutet werden, dass entsprechende Thüringer Fälle der Kategorie »sexuelle Orientie 10 Für eine Kritik an der Schaffung der Kategorie »deutschfeindlich« vgl. Amjahid (2020).
26
Fälle der polizeilich registrierten Hasskriminalität 2018–2020 in Thüringen
ABBILDUNG 3:
800
(Quelle: LKA Thüringen)
n Hasskriminalität gesamt n davon Gewalttaten
700
782
600
666
500 400 300
405
200
96
74
49
100 0 2018
2019
2020
rung« zugeordnet wurden. Der Mord an einem schwulen Altenburger im Februar 2020 (vgl. den Beitrag von Lauß, Schulz und Helwig in die sem Band) wurde offenbar in der Statistik nicht als Gewalttat ausge wiesen, die sich gegen die sexuelle Orientierung richtete. Dieser schwere Fall illustriert ein grundlegendes Defizit der polizeilichen Eingangsstatistik (s. o.): Eine spätere Neuzuordnung von Fällen, die z.B. im Zuge der juristischen Ermittlung und Bewertung von Tatmoti ven auch offiziell in einem anderen Licht erscheinen, erfolgt – wenn überhaupt – nur mit großem zeitlichem Abstand zum Tatzeitpunkt. Dies kann zu Verzerrungseffekten führen – mit beträchtlichen Folgen für die politische und mediale Kommunikation über das Aufkommen spezifischer Formen der Hasskriminalität im Freistaat.
27
POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN
900
LITERATUR Amjahid, Mohamed (2020): Kriminalitätsstatistik: Die neue »Deutschfeindlichkeit«. Online: www.spiegel.de/politik/deutschland/kriminalitaet-deutschfeindliche-straf taten-was-steckt-dahinter-a-541ae885-7724-4df6-b128-c03a5e37e069 [11.03.2022]. Bundeskriminalamt (o. J.): Politisch motivierte Kriminalität. Online: www.bka.de/ POLIZEILICH ERFASSTE HASSKRIMINALITÄT IN THÜRINGEN
DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/pmk_node.html [11.03.2022]. Bundeskriminalamt (2021): PMK 2020 – Hasskriminalität: Straf- und Gewalttaten im Bereich Hasskriminalität 2019 und 2020. Online: www.bmi.bund.de/SharedDocs/ downloads/DE/veroeffentlichungen/2021/05/pmk-2020-hasskriminalitaet.html [11.03.2022]. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) (2021): Übersicht »Hass kriminalität« Entwicklung der Fallzahlen 2001–2020. Online: www.bmi.bund.de/ SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2021/05/pmk-2020-uebersichthasskriminalitaet-entwicklung-fallzahlen.pdf?__blob=publicationFile&v=2 [11.03.2022]. Geschke, Daniel (2017): Alle reden von Hass. Was steckt dahinter? Eine Einführung. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie, Band 1, S. 169–187. Online: www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/PDFS_WsD1/ Artikel_Geschke.pdf [11.03.2022]. Habermann, Julia/Singelnstein, Tobias (2018): Praxis und Probleme bei der Erfassung politisch rechtsmotivierter Kriminalität durch die Polizei. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie, Band 4, Schwerpunkt Gewalt gegen Minderheiten, S. 20–31. Online: www.idz-jena.de/ wsddet/wsd4-3 [11.03.2022]. Kleffner, Heike (2018): Die Reform der PMK-Definition und die anhaltenden Erfassungslücken zum Ausmaß rechter Gewalt. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie, Band 4, Schwerpunkt Gewalt gegen Minderheiten, S. 32–39. Online: www.idz-jena.de/pubdet/wsd4-4 [11.03.2022].
RECHTE, RASSISTISCHE UND ANTISEMITISCHE GEWALT IN THÜRINGEN Franz Zobel
Auch im Jahr 2021 zeigte sich die Aktualität von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen, die durch ezra – die fach spezifische Opferberatungsstelle – durch das unabhängige Monito ring erhoben wird. Im Vergleich zu den Vorjahren gab es insbesondere bei rassistischer Gewalt einen wahrnehmbaren Anstieg. Insgesamt wurden 119 Angriffe erfasst (2020: 106, vgl. Abb. 4), von denen mindes tens 177 Menschen direkt betroffen und 30 mit angegriffen waren. Das sind zusammengenommen mindestens vier Betroffene pro Woche, darunter 27 Kinder im Alter 0–13 Jahren. Das häufigste Tatmotiv blieb in 67 Prozent der Fälle Rassismus, gefolgt von Angriffen auf (vermeint liche) politische Gegner:innen (19 Fälle) und Journalist:innen (8 Fälle). Beim Großteil der Angriffe handelte es sich um Körperverletzungs delikte (einschließlich des Versuchs). Die meisten Angriffe wurden wieder in Erfurt (28 Fälle) und Jena (16 Fälle) gezählt. Insgesamt hat ezra im Jahr 2021 234 Menschen beraten und unterstützt (ezra 2022). ABBILDUNG 4:
200 175
Anzahl der Angriffe 2012–2021
(Quelle: ezra – erstellt mit Datawrapper)
n Angriffe n Nachmeldungen
3
150
161
125
153
166 169
124
100
108 121
75 50
13
78
4 119 102 106
63 45
25 0 2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
2020
2021
29
Rassismus ist Alltag in Thüringen
RECHTE, RASSISTISCHE UND ANTISEMITISCHE GEWALT IN THÜRINGEN
Mit 80 Fällen im Jahr 2021 war Rassismus wie die Jahre zuvor das häufigste Tatmotiv (Abb. 5). Das ist im Vergleich zu 2020 ein Anstieg um 23 Prozent (ezra 2021 a). Auch in den Schwerpunktregionen rech ter Gewalt – Erfurt und Jena – standen Angriffe aus rassistischen Gründen bei den Tatmotiven an erster Stelle. In Erfurt liegt der Anteil mit 78,5 Prozent sogar über dem Thüringer Durchschnitt. Insbeson dere rassistische Angriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. an Haltestellen haben in Erfurt im Vergleich zu 2020 stark zugenommen. In Jena fanden viele rassistische Angriffe in der Wohnung bzw. im Wohnumfeld statt, welche für Betroffene besonders schwere psychi sche Folgen haben können, da die eigene Wohnung nicht mehr als sicherer Ort gilt. Die Ermittlung eines Täters, der für die Verteilung mehrerer antimuslimischer Flugblätter verantwortlich sein soll, bestä tigt zudem die große Angst der Betroffenen um sich und ihre Familien, dass auf solche Bedrohungen auch gewalttätige Angriffe folgen kön nen. Bei diesem wurden im Rahmen polizeilicher Durchsuchungen mehrere Waffen, Munition und Zubehör gefunden. Außerdem sind ezra weitere Fälle von antimuslimischen Postwurfsendungen bekannt, die nicht dem ermittelten Täter zugerechnet werden können. Deshalb muss in Betracht gezogen werden, dass es sich um eine Gruppe/Netz werk und nicht um eine:n Einzeltäter:in handeln könnte, wie es auch Betroffene befürchten (ezra 2021b).
3
3
2
4 8
ABBILDUNG 5: Angriffe nach Tatmotiven 2021
(Quelle: ezra – erstellt mit Datawrapper)
n Rassismus n gegen politische Gegner:innen n gegen Journalist:innen n Antisemitismus n gegen politische Verantwortungsträger:innen
n unbekannt n wegen sexueller
Orientierung/Identität (gegen LSBTIQA*)
30
19
80
RECHTE, RASSISTISCHE UND ANTISEMITISCHE GEWALT IN THÜRINGEN
Über die von ezra registrierten Gewalt- und Bedrohungsdelikte hin aus muss von einer enormen Dunkelziffer ausgegangen werden. Die Angriffszahlen stellen nur die »Spitze des Eisbergs« dar, da Erfahrun gen, z.B. rassistische Beleidigungen, nicht erfasst werden. Die jährlich erscheinende Statistik des Thüringer Innenministeriums zu Politisch motivierter Kriminalität – rechts (»PMK rechts«) ist dagegen zum Inbe griff einer massiven Untererfassung geworden (vgl. den Beitrag von Geschke und Salheiser in diesem Band). Das tatsächliche Ausmaß von Rassismus in Thüringen wird damit von den bestehenden Statistiken nur ungenügend erfasst und bleibt weitestgehend unsichtbar. Eine realistische Problembeschreibung liefert nun eine Studie der Dualen Hochschule Gera-Eisenach (DHGE): In einer repräsentativen Befragung von Geraer:innen, die von rassistischen Zuschreibungen betroffen sind – v.a. Menschen aus Syrien und Irak – haben 88 Prozent, also ca. neun von zehn Befragten angegeben, dass sie in den vergan genen fünf Jahren konkrete Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben (Kehrer 2022), darunter Beleidigungen, Bedrohungen, Anschrei en, Bespucken und körperliche Gewalt. Hochgerechnet auf die in Gera lebenden Iraker:innen und Syrer:innen, insgesamt 2325 Personen, entspräche das mindestens 2000 rassistischen Fällen innerhalb der letzten fünf Jahre allein in Gera. Diese Zahl macht deutlich, wovon Betroffene von Rassismus seit Jahren sprechen: Rassismus ist Alltag in Thüringen. Zugleich zeigt sich, dass die mehrheitlich nicht-betroffene Gesellschaft über die rassistischen Zuständen schweigt, diese viel mehr noch igno riert oder verharmlost. Das machen auch die Ergebnisse der DHGE- Studie deutlich: Die Befragten geben mehrheitlich an, dass ihnen in der konkreten Situation niemand geholfen hat. Ein Netzwerk aus über 30 Organisationen hat unter dem Slogan »Rassismus ist Alltag – Ras sismus ist auch Dein Problem« mit verschiedenen Veranstaltungen zum Internationalen Tag gegen Rassismus am 21. März 2022 deutlich gemacht, dass das ein wesentlicher Teil des Problems ist, wenn es um die Bekämpfung von Rassismus geht. Dabei ist es wichtig, Hilfe nicht auf den Begriff der individuellen Zivilcourage zu verkürzen. Vielmehr muss für Rassismus Verantwortung übernommen werden, in dem dieser grundsätzlich als ein Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise anerkannt wird. Das trifft auf Verantwortliche in staatlichen B ehörden und Politik ebenso zu wie auf gesellschaftliche Akteur:innen, beispiels weise die Erfurter Verkehrsbetriebe AG (EVAG); insbesondere dann, wenn es wie im Juli 2021 zu einem rassistischen Angriff in einer Stra ßenbahn kommt und die anwesenden Fahrkartenkontrolleur:innen weder eingreifen noch Hilfe organisieren. 31
Journalist:innen im Fokus der »Querdenken«-Proteste
RECHTE, RASSISTISCHE UND ANTISEMITISCHE GEWALT IN THÜRINGEN
Im Jahr 2021 wurden durch ezra erstmals Angriffe im Kontext der Corona-Pandemie als rechte Gewalt registriert. Corona-Bezug meint, dass die Angriffe sich in der Regel auf die Ablehnung der Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beziehen und in Verbin dung mit Ideologien wie Antisemitismus, Verschwörungserzählungen und rechten Bedrohungsmythen stehen. Insgesamt haben in der Jah resstatistik der Thüringer Opferberatungsstelle 14 Fälle einen CoronaBezug. Zudem wurden 13 weitere Verdachtsfälle registriert, die auf grund fehlender Informationen nach den bestehenden Kriterien nicht in die Statistik mitaufgenommen wurden. In diesem Zusammenhang steht auch die Zunahme der Angriffe auf Journalist:innen im Jahr 2021, die einen Großteil der Angriffe mit Corona-Bezug in der Statistik ausmachen. Vor allem freie Journalist: innen wurden am Rande von rechten »Querdenken«-Protesten immer wieder beleidigt, bedroht, in die Ecke gedrängt, am Fotografieren gehindert, gestoßen und geschlagen. Viele berichteten davon, dass sie von der Polizei nicht geschützt wurden. Bei den Angriffen auf Journa list:innen zeigt sich eine gefährliche Kontinuität. Journalist:innen, die zur organisierten Neonazi-Szene recherchieren und berichten, stehen seit Jahrzehnten im Fokus von Neonazis. Das macht u.a. der brutale Angriff auf zwei Journalisten bei Fretterode im April 2018 deutlich (vgl. den Beitrag von Pietrzyk und Kahlen in diesem Band). Mit dem Aufkommen der rassistischen Mobilisierungen im Jahr 2015 wurden Journalist:innen im Allgemeinen zunehmend als Ziele rechter Gewalt markiert (»Lügenpresse«). Neben der enormen individuellen Gefahr bedeutet dies auch eine konkrete Einschränkung der Pressefreiheit.
Die Lage kann jederzeit weiter eskalieren Die »Querdenken«-Proteste in den letzten zwei Jahren haben gezeigt, dass die extreme Rechte ihr Mobilisierungspotenzial in Thüringen ausbauen konnte (vgl. den Beitrag von MOBIT in diesem Band). PostShoah-Antisemitismus, wie die Relativierung der Shoah, genießt nicht nur unter den rechten Gegner:innen der Corona-Maßnahmen eine erschreckende Normalität. Auch die öffentliche Debatte um die Kate gorisierung in »gute« und »schlechte« bzw. »echte« und »unechte« Geflüchtete im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg sowie die daraus resultierende politische Praxis macht den tief ver wurzelten Rassismus in der deutschen Gesellschaft sichtbar. Mit Blick auf 2022/23 ist zu befürchten, dass die Lage jederzeit weiter eskalieren 32
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kann. Das meint explizit auch die Gefahr von rechten, rassistischen oder antisemitischen Terroranschlägen. Dass rassistische Gewalt in Thüringen wieder auf dem Niveau von 2015 ist, das Jahr, welches den Startpunkt für eine Welle rassistischer Gewalt gegen insbesondere geflüchtete Menschen markiert, bereitet im Zusammenhang mit einem weitverbreiteten antislawischen Rassismus große Sorge. Umso mehr werden die massiven Versäumnisse in der Landespolitik bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen zur Bekämpfung von Ras sismus, Antisemitismus und Neonazismus zu Buche schlagen. Seit Jahren lässt die Umsetzung zahlreicher Empfehlungen der beiden Thüringer NSU-Untersuchungsausschüsse und der Enquetekommis sion des Thüringer Landtags zu Rassismus und Diskriminierung auf sich warten (vgl. den Beitrag von Dieckmann in diesem Band). Auch die Brisanz der strukturellen Probleme bei Polizei und Justiz, die bei spielsweise im Rahmen des Ballstädt- wie auch Fretterode-Prozesses öffentlich wurden, verlangt dringend danach, dass endlich entschie den gehandelt wird. Dazu hat ezra im vergangenen Jahr zehn Maßnah men vorgeschlagen, zum Beispiel die Schaffung einer Schwerpunkt staatsanwaltschaft zu »Hasskriminalität« (ezra 2021 c). Doch auch der Teil der Gesellschaft, der sagt: So etwas wie den »NSU« darf es nicht mehr geben, der zu Recht erschüttert ist und es verur teilt, wenn ein junger Mann in der Straßenbahn brutal rassistisch angegriffen wird, der nicht will, dass Jüdinnen und Juden 76 Jahre nach der Shoah tagtäglich mit antisemitischen Verschwörungserzäh lungen oder israelbezogenem Antisemitismus konfrontiert werden – auch dieser Teil der Gesellschaft muss in der Familie, unter Freund: innen oder am Arbeitsplatz Haltung und praktische Solidarität mit Betroffenen zeigen und Druck auf die Verantwortlichen in staatlichen Behörden, Politik und Gesellschaft ausüben, damit sich endlich etwas ändert.
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LITERATUR ezra (2021 a): Opferberatungsstelle ezra stellt Jahresstatistik 2020 vor: »Im vergan genen Jahr wurden jede Woche mindestens drei Menschen Opfer rechter Gewalt in Thüringen«. Online: www.ezra.de/jahresstatistik2020 [12.04.2022]. ezra (2021 b): Nach Ermittlung von Täter, der mehrere antimuslimische Flugblätter in Jena verteilt haben soll, fordert die Thüringer Opferberatungsstelle ezra: »Der klare Erfolg der Polizei darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weitere Täter:innen in diesem Zusammenhang geben muss.« Online: www.ezra.de/nach ermittlung-von-taeter-der-mehrere-antimuslimische-flugblaetter-in-jena-verteilt- haben-soll-fordert-die-thueringer-opferberatungsstelle-ezra-der-klare-erfolg-derpolizei-darf-nicht-dar [12.04.2022]. ezra (2021 c): Zehn Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU: Opferberatungsstelle ezra sieht massives Defizit durch weiterhin bestehende strukturelle Probleme in Thüringen – zehn Maßnahmen müssen innerhalb eines Jahres umgesetzt werden. Online: www.ezra.de/zehn-jahre-nach-der-selbstenttarnung-des-nsu-opferbera tungsstelle-ezra-sieht-massives-defizit-durch-weiterhin-bestehende-strukturelle- probleme-in-thueringen-zehn-massnahmen-muessen-innerhal [12.04.2022]. ezra (2022): Thüringer Opferberatungsstelle ezra registriert Zunahme rassistischer Gewalt in 2021 und warnt vor weiterer Eskalation. Online: www.ezra.de/jahres statistik2021 [12.04.2022]. Kehrer, Andreas (2022): Rassismus in Gera: Arabische Migranten schildern häufige Angriffe und wenig Zivilcourage. Online: www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ ost-thueringen/gera/arabische-migranten-rassismus-erfahrungen-studie-100.html [12.04.2022].
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DIE EXTREME RECHTE IN THÜRINGEN MOBIT-Team
Seit 2005 dokumentiert MOBIT Aktivitäten der extremen Rechten in Thüringen mit dem Ziel, qualitativ Entwicklungen innerhalb der Szene beschreiben zu können. In den vergangenen Jahren zeigte sich dabei, dass sich das Aktivitätsniveau nach einem massiven Anstieg im Kontext der Asyl-Debatte 2015/16 auf hohem Niveau stabilisierte. Auf Grundlage dieses Monitorings betrachtet der vorliegende Beitrag aktuelle Entwicklungen der extrem rechten Szene und deren Aktions formen im zweiten Jahr unter Pandemie-Bedingungen. Die Zahl der RechtsRock-Konzerte, die insbesondere in Thüringen in den vergangenen Jahren das zentrale Aktionsfeld der extremen Rech ten bildeten, blieb weit unter dem Niveau der Vorjahre. Die Gesamtzahl extrem rechter Aktionen stieg dagegen 2021 massiv von 587 Aktivitäten im Jahr 2020 auf 1755 an.11 Die bisherigen Höchststände der Zählung in den Jahren 2015 und 2016 wurden weit überschritten. Ausschlag gebend dafür waren vor allem die Proteste der sich weiter radikalisie renden Pandemie-Leugner:innen und die zahlreichen Wahlkampfauf tritte der extrem rechten Thüringer AfD im Kontext der Bundestags wahl. Insbesondere aus der K lientel der Pandemie-Leugner:innen- Szene kam es zu einer Vielzahl von persönlichen Bedrohungen und Angriffen auf Menschen, die als Repräsentant:innen des »Systems« identifiziert wurden. Dabei waren (Kommunal-)Politiker:innen, Ge denkstätten-Mitarbeiter:innen, Presse-Vertreter:innen und zivilge sellschaftlich Engagierte Ziel der Anfeindungen – ebenso Betreiber: innen von Geschäften, die die behördlich vorgegebenen Hygiene-Maß nahmen umzusetzen versuchten.
11 Die in der »Chronik extrem rechter Aktivitäten in Thüringen« erfassten Aktivitäten haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen in erster Linie eine qualitative Entwicklung nachzeichnen. Die Chronik findet sich unter: www.mobit.org/chronik-extrem-rechter-aktivitaeten-in-thueringen/.
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Die Thüringer Neonaziszene
DIE EXTREME RECHTE IN THÜRINGEN
Neben den bestehenden Neonazi-Parteistrukturen im Freistaat grün dete sich Ende 2020 die Gruppierung Neue Stärke in Erfurt. Deren zentrale Figuren waren vorher bereits bei NPD, Die Rechte und zuletzt bei der Kleinstpartei Der Dritte Weg aktiv und verließen diese jeweils im Streit (ausführlicher hierzu MOBIT 2019). Im November 2021 verkün dete die Gruppierung schließlich die Gründung der Neue Stärke Par tei, deren Schwerpunkt vor allem in Erfurt und Gera liegt. Im Gegensatz zu NPD und Der Dritte Weg präsentierte sich die Partei deut lich aktionistischer. Die NPD war dagegen öffentlich kaum wahrnehm bar und die Aktionen des Dritten Weges beschränkten sich weitgehend auf für Social Media inszenierte Flyer-Aktionen und kleinere interne Veranstaltungen. Selbst im Kontext der Bundestagswahl waren keine nennenswerten Aktivitäten der Parteien zu beobachten. Die Neue Stärke mobilisierte für den 1. Mai und 7. August 2021 zu Demonstrationen in Erfurt bzw. Weimar. Auch wenn diese Veranstal tungen als »organisationsübergreifende Demonstrationen« beworben wurden, zeigten sie, dass die Neue Stärke über keine allzu große Mobi lisierungskraft verfügt (siehe hierzu Lenze 2021). Die fehlende Anbin dung an relevante Strukturen der Szene darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Partei um einen Anlaufpunkt für aktionistische und gewaltbereite Neonazis handelt. Inzwischen ver fügt die Partei, die sich selbst als »national-völkisch-sozialistisch« beschreibt, über mehrere Ableger in Thüringen und bundesweit. D iese sogenannten Abteilungen zählen teilweise nur eine einstellige Zahl von Aktivist:innen und sollen vor allem bundesweite Relevanz simulie ren. Anders als ihre Vorbild-Partei Der Dritte Weg wirbt die Neue Stärke massiv öffentlich um neue und insbesondere jüngere Mitglieder. Schon in den vergangenen Jahren hatten sich die Aktivitäten der Sze ne von klassischer Parteiarbeit, Kundgebungen und Demonstrationen weg hin zu subkulturellen Aktionsfeldern verschoben. Dabei hat sich Thüringen zur Hochburg der bundesdeutschen RechtsRock-Szene entwickelt. Es waren vor allem kleinere Konzerte und Liederabende, die für ein hohes Aufkommen extrem rechter Veranstaltungen sorg ten, neben den medial stark wahrgenommenen Großkonzerten mit teils mehreren Tausend Teilnehmenden. Mit über 70 Konzerten im Jahresverlauf bildete das Jahr 2018 den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Unter Corona-Bedingungen brach dieses subkulturelle Aktionsfeld für die Szene weitgehend weg. Schon 2020 blieb die Kon zertzahl mit 19 gezählten Konzerten mit weitem Abstand hinter den Vorjahren zurück, 2021 setzte sich dieser Trend mit 14 gezählten Kon 36
zerten fort. Versuche, digitale Formate als Ersatz für die entfallenen Veranstaltungen zu entwickeln, blieben weitgehend erfolglos.
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Damit fehlte der Szene 2021 nicht nur ein zentrales Aktionsfeld, son dern eine der wichtigsten Einnahmequellen der letzten Jahre. Die anhaltende Bedeutung Thüringens für die bundesweite RechtsRockSzene zeigte sich dennoch auch 2021: Mit dem Versand »Das Zeug haus« zog erneut ein bundesweit wichtiges Label nach Thüringen um. Seit 2021 betreibt der Apoldaer Neonazi Fabian Kellermann den Ver sand, der zuvor in Niedersachsen ansässig war. Der Versand kümmerte sich in der Vergangenheit etwa um den Ticketversand verschiedener RechtsRock-Großevents, u. a. bei dem ursprünglich im thüringischen Mattstedt geplanten »Rock gegen Überfremdung« 2018 und dem »Rock toberfest« 2016 in der Schweiz, welches maßgeblich von der Thüringer Neonazi-Bruderschaft Turonen mitorganisiert wurde (siehe hierzu Störungsmelder 2016). Die Turonen, die eine der zentralen Strukturen in der Thüringer RechtsRock-Szene der vergangenen Jahre bildeten, wurden im Feb ruar 2021 Ziel einer länderübergreifenden Großrazzia. Neben ihren Aktivitäten im Bereich RechtsRock und ihren Kontakten in das in Deutschland verbotene internationale Blood-&-Honour-Netzwerk ist die Gruppierung mutmaßlich auch in der Organisierten Kriminalität aktiv. In Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen durchsuchte die Poli zei im Zuge von Ermittlungen wegen Drogenhandels und Geldwäsche mehrere Immobilien (vgl. Decker/Huesmann 2021). Darunter war auch die Immobilie in Ballstädt, von der 2014 ein schwerer Übergriff auf die örtliche Kirmesgesellschaft ausgegangen war. Das Verfahren wegen dieses Überfalls endete nur wenige Wochen nach der Razzia – und damit sieben Jahre nach der Tat – mit Bewährungsstrafen für die Neonazis (ausführlicher dazu ezra 2021).
Die Thüringer AfD: Kristallisationspunkt einer rechten Bewegung Schon seit Jahren spielt unter den extrem rechten Parteien in Thürin gen die AfD die zentrale Rolle. Sowohl elektoral als auch in Hinblick auf die Mobilisierungsfähigkeit auf der Straße hat sie den NeonaziParteien längst den Rang abgelaufen. Dies zeigte sich 2021 erneut an den Ergebnissen der Bundestagswahl (vgl. Bundeswahlleiter 2021). Während die AfD ihr Ergebnis von 2017 – im Gegensatz zum Bundes trend – leicht verbessern konnte (2017: 22,7 %, 2021: 24,0 % der Zweit stimmen), spielten die Neonazi-Parteien keine Rolle. Die NPD, die 2017 37
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noch 1,2 Prozent der Stimmen erhielt, erreichte 2021 nur noch 0,9 Prozent und verlor damit sogar den Anspruch auf Wahlkampfkosten erstattung. Die AfD dagegen wurde erstmals stärkste Partei in Thüringen. Damit scheint das Wähler:innen-Potenzial der Partei in Thüringen aus geschöpft zu sein, zugleich hat sich ein über Jahre stabiles Stamm wähler:innen-Milieu herausgebildet. Der Thüringer Landesverband wertete das Ergebnis als Bestätigung für seinen radikaleren »Thürin ger Weg« (Höcke 2021; ausführlicher zum völkischen Nationalismus der Thüringer AfD siehe Michelsen/Steiner 2021) und als Stärkung in den parteiinternen Auseinandersetzungen. Björn Höcke, der extrem
Demonstration des Ilmenauer Bündnisses für Demokratie und Weltoffenheit am 21. September 2021 gegen einen Wahlkampfauftritt der AfD Thüringen (Quelle: MOBIT)
ABBILDUNG 6:
Im Vorfeld der Bundestagswahl zeigte sich die AfD in Thüringen mit Hunderten Infoständen – insbesondere in den ländlichen Regionen. Teilweise kündigten Abgeordnete »Dörfertouren« in ihren Wahlkrei sen an, bei denen mehrere Infostände pro Tag stattfanden. Die Masse an AfD-Infoständen diente augenscheinlich dazu, eine digitale Omni präsenz zu kreieren. Die Partei kombinierte damit reale Wahlkampf aktionen nahezu umfassend mit dem Transfer in die sozialen Netz werke. Damit einher ging das vor allem auf Social Media verbreitete Narrativ, die AfD sei die einzige Partei, die sich um die Menschen in den ländlichen Gebieten Thüringens kümmere. Nach der Wahl knüpfte die AfD nahtlos an diese Strategie an und führte weiterhin thüringenweit zahlreiche Infostände durch, u.a. um Unterschriften für ihr angestreb tes »Volksbegehren gegen die Corona-Politik« zu sammeln. Im gesam ten Jahr dokumentierte MOBIT mehr als 500 Infostände der Partei.12 Seitens verschiedener neonazistischer Kader kam es – wie auch schon im Vorfeld der Landtagswahl 2019 – vor der Bundestagswahl zu Wahl aufrufen für die AfD. So warb etwa der Neonazi-YouTuber Nikolai Nerling (»Der Volkslehrer«) dafür, die AfD zu wählen. Die ideologischen und personellen Verbindungen der (Thüringer) AfD zur Neonaziszene sind vielfach belegt (Michelsen/Steiner 2021). Öffent liche Solidaritätsbekundungen der AfD für Thüringer Neonazi-Pro jekte verdeutlichten den Schulterschluss am rechten Rand erneut. Nachdem es 2021 zu Bränden in mehreren neonazistischen Szene- Immobilien kam, sprachen Kader der Szene (u. a. der langjährige NPDKader und enge Bekannte von Höcke, Thorsten Heise) von einer »links extremen Anschlagsserie« und verbreiteten online Drohvideos und Aufrufe zur Selbstjustiz (Potter 2021). Auch Abgeordnete der AfD beteiligten sich an den Spekulationen über eine mögliche Anschlags serie. Der Thüringer AfD-Vorsitzende Höcke beschuldigte beispiels weise MOBIT als »Stichwortgeber« der Brände (Alshater 2021). Schon unmittelbar nach dem Brand in der extrem rechten »Gedächtnis stätte« in Guthmannshausen hatte der AfD-Abgeordnete und Polizei beamte Torsten Czuppon sich vor der Immobilie filmen lassen und ein Statement in den sozialen Medien veröffentlicht. Darin sprach er von 12 Die in der »Chronik extrem rechter Aktivitäten in Thüringen« erfassten Aktivitäten haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen in erster Linie eine qualitative Entwicklung nachzeichnen. Die Chronik findet sich unter: www.mobit.org/chronik-extrem-rechter-aktivitaeten-in-thueringen/.
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rechte Landesvorsitzende und Vertreter des offiziell aufgelösten Flügels, kündigte nach der Wahl an, auf Konfrontation mit dem Partei vorsitzenden Meuthen zu gehen (Höcke 2021). Dieser trat im Januar 2022 aus der Partei aus.
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einem »feigen und hinterhältigen Angriff« und dass er entsetzt sei, wie »unsere politischen Gegner ihren politischen Kampf führen«. Czup pon sicherte den extrem rechten Betreiber:innen der Immobilie, die immer wieder auch Holocaust-Leugner:innen ihre Räume zur Verfü gung stellten, »Hilfe und Unterstützung« zu.
Rechte Mischszene: Pandemie-Leugnung, Gechichtsrevisionismus und Umsturzfantasien Auch anhand der Proteste der Pandemie-Leugner:innen zeigte sich die Zusammenarbeit verschiedener Spektren der extremen Rechten – von Aktivist:innen der Neonazi-Parteien, »Reichsbürgern« und Holo caust-Leugner:innen bis hin zu den Orts- und Regionalverbänden der AfD. Diese waren von Beginn an in die Proteste der rechten Misch szene involviert und versuchten, auf kommunal- und landesparlamen tarischer Ebene an die Narrative der Szene anzuknüpfen – in diese Strategie reiht sich das oben erwähnte »Volksbegehren« der AfD ein (AfD 2021). In der Hochzeit der pandemischen Lage forderte die Thü ringer AfD die weitgehende Aufhebung der Corona-Verordnungen. Die Inszenierung der Protestierenden als »Widerstandsbewegung« gegen ein vermeintlich »diktatorisches« oder »faschistisches« Regime ist anschlussfähig für die AfD und ihre Strategien zur Diffamierung demokratischer Institutionen. So verbreitete die Thüringer AfD im Dezember 2021 auf Facebook »einfache Tricks« zur Durchführung sogenannter Spaziergänge, um die zu diesem Zeitpunkt geltenden Ein schränkungen des Versammlungsrechts zu umgehen, und rief impli zit zur Durchführung illegaler Demonstrationen auf (Otto 2021). Die Mobilisierung für die »Corona-Proteste« verlief überwiegend über soziale Netzwerke und insbesondere den Messenger-Dienst Telegram. Sowohl AfD als auch neonazistische Gruppierungen und Parteien verteilten die online kursierenden Aufrufe und dokumentierten ihre Teilnahme an den Protesten: »Allerdings fällt beim aktuellen Protest geschehen auf, dass zur Mobilisierung scheinbar führende Organisa tionen oder Personen nicht mehr gebraucht werden. Die autoritären und ostidentitären Protesterzählungen vermögen es mittlerweile vielerorts, über einzelne Sharepics oder Nachrichten in den Messen ger-Diensten mehrere hundert Menschen auf die Straße zu bringen.« (MOBIT 2021) Sowohl online als auch bei den Protestaktionen auf der Straße kam es immer wieder zu antisemitischen und NS-relativierenden Äußerungen durch Pandemie-Leugner:innen. Vielfach wurden sogenannte Juden 40
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sterne mit der Aufschrift »ungeimpft« gezeigt und die Corona-Schutz maßnahmen mit den nationalsozialistischen Verbrechen gleichge setzt. Diese Beispiele belegen den Antisemitismus, der den Verschwö rungserzählungen der Pandemie-Leugner:innen immanent ist und der inzwischen immer offener zur Schau gestellt wird (vgl. den Beitrag von Ben-Yehoshua, Jacobs und Thiele in diesem Band). Verschwörungs ideologische Symboliken sind inzwischen fester Bestandteil der lan desweiten Proteste geworden. Die Verschärfung der Corona-Schutz maßnahmen im Herbst 2021 und die Ausweitung der 2G-Regelungen führten zu einer erneuten Zunahme antisemitischer und geschichts revisionistischer Vergleiche. Auch die AfD bedient sich dieser Rheto rik. Im Februar 2022 setzte beispielsweise Björn Höcke in einer Land tagsansprache die Corona-Schutzimpfungen in einen Bedeutungs zusammenhang mit den Menschenversuchen im Nationalsozialismus (Redaktionsnetzwerk Deutschland 2022). Derartige Äußerungen und Erzählungen haben reale Konsequenzen: Die Gedenkstätte Buchen wald berichtete etwa von Hetzartikeln, beleidigenden Anrufen und Hassmails an Mitarbeitende der Gedenkstätte (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald Mittelbau-Dora 2021). Unter anderen die extrem rechte Initiative Erfurt zeigt Gesicht verbreitete darüber hinaus Boykottauf rufe gegen Gastronom:innen und Unternehmen, die die CoronaSchutzmaßnahmen umsetzten. Neben den verwendeten Narrativen zeigt sich hieran die zunehmende Aggressivität der Pandemie-Leugner:innen. Im Verlauf des Jahres kam es immer wieder zu Vorfällen, bei denen Menschen persönlich angefeindet und bedroht wurden. Insbesondere für Personen in der (Kommunal-)Politik hat sich die Bedrohungslage deutlich erhöht. Die konkreten Vorfälle reichen dabei von Drohschreiben an impfende Ärzt:innen oder Schulleiter:innen bis hin zu tätlichen Angriffen auf Impfteams, Polizist:innen und Aufmärschen vor den privaten Woh nungen von Kommunalpolitiker:innen und zeigen das Gewaltpoten zial, das von den Pandemie-Leugner:innen ausgeht. In der Hochzeit der Proteste gegen Jahresende 2021 fanden wöchent lich parallel in zahlreichen Orten in Thüringen Aktionen statt – zum Teil zeitgleich in über 50 Orten mit insgesamt mehreren Tausend Teil nehmenden. Die Gesamtzahl extrem rechter Aktivitäten im Freistaat, die MOBIT 2021 dokumentierte, hat sich im Vergleich zum bisherigen Höchststand 2016 mehr als verdoppelt.
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Gefestigtes mobilisierungsfähiges Protestpotenzial in Thüringen Die Proteste der Pandemie-Leugner:innen zeigen, dass sich in Thürin gen in den vergangenen Jahren ein festes mobilisierungsfähiges Pro testpotenzial entwickelt hat. Ähnlich wie im Kontext der asylfeind lichen Proteste 2015/16 gelang es der extremen Rechten, an vorhande ne und verbreitete Ressentiments der Bevölkerung anzuknüpfen und Menschen außerhalb der gefestigten Szene auf die Straße zu mobili sieren. Schon mit Blick auf die Anti-Asyl-Proteste wiesen Alexander Häusler und Fabian Virchow auf die Entwicklung einer neuen rechten Bewegung hin, die durch eine »gelegenheitsbedingte, aktionszent rierte Zusammenführung unterschiedlicher, lange weitgehend abge grenzt voneinander agierender rechter Milieus und Organisations strukturen« (Häusler/Virchow 2016) gekennzeichnet war. Als zentra len Kristallisationspunkt dieser Bewegung betrachteten Häusler und Virchow die AfD. Auch wenn die AfD sich bundesweit inzwischen eher im Abwärtstrend befindet, versucht sie, sich in Thüringen im Kontext der Corona-Proteste als rechte Radikalopposition und parlamentari sche Vertretung der Pandemie-Leugner:innen zu stilisieren. Bei den Protesten wurde verstärkt versucht, an die Demonstrationen zum Ende der DDR 1989 anzuknüpfen, und das Narrativ verbreitet, das aktuelle »System« sei am Ende. Diese Erzählung befeuert immer wieder die Thüringer AfD. Mit der Selbststilisierung als Widerstandsbewegung in einem vermeintlich diktatorischen System werden zugleich die eige nen Umsturzfantasien und Gewalt gegen Menschen l egitimiert, die als Repräsentant:innen des »Systems« gelesen werden. Auch im Kontext der asylfeindlichen Proteste wurde immer wieder die Notwehr-Rheto rik bedient, und diese mündete in eine Welle von Angriffen, die sich damals primär gegen Geflüchtete und deren Wohnungen richtete (ezra 2017). Dass die Anwendung von Gewalt in der Pandemie-Leugner:innen- Szene keine rein hypothetische Überlegung bleibt, belegen die zahl reichen Anfeindungen und Angriffe in den vergangenen zwei Jahren. Die Tatsache, dass ein Teil der Thüringer Bevölkerung themenunab hängig und anlassbezogen für demokratiefeindliche Proteste durch die extreme Rechte mobilisierbar ist, wird die demokratische Zivil gesellschaft auch langfristig vor enorme Herausforderungen stellen.
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DIE EXTREME RECHTE IN THÜRINGEN
anschlagsserie-drohungen-von-hoecke-heise-und-co-115329/ [14.03.2022].
Redaktionsnetzwerk Deutschland (2022): Thüringen: AfD-Politiker Höcke vergleicht Corona-Impfung mit Holocaust. Online: www.rnd.de/politik/thueringen-afd-politi ker-bjoern-hoecke-vergleicht-corona-impfung-mit-holocaust-LI2XPZQX 4FBGLD63VSZAKXVXCA.html [14.03.2022]. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald Mittelbau-Dora (2021): Unerträgliche DIE EXTREME RECHTE IN THÜRINGEN
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DER MORD AN MARIO K. IN ALTENBURG IM KONTEXT LSBTIQA*-FEINDLICHER GEWALT IN THÜRINGEN Theresa Lauß, Marina Schulz und Marcello Helwig
Am 12. Februar 2020 wird der 52-jährige Mario K. in Altenburg brutal ermordet – die folgenden Darstellungen des Tathergangs beruhen im Wesentlichen auf den Aussagen der Täter. Den beiden Tätern Sven N. und Tony S. sollen von Mario K. zunächst an einer Tankstelle Geld für sexuelle Handlungen angeboten worden sein. Die Täter lachen dar über und lehnen dies ab. An dem Eingang des Hauses, in dem sowohl Tony S. als auch der später Ermordete wohnen, kommt es daraufhin zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden, in der Mario K. stürzt. Die Täter halten sich später gemeinsam in der Wohnung von Tony S. auf und beschließen, Mario K. in seiner Wohnung aufzusuchen, um ihm für das Angebot an der Tankstelle »einen Denkzettel zu verpas sen«. Dort angekommen, treten sie Mario K. zunächst so, dass er zu Boden geht, und traktieren ihn dort weiter mit Tritten und Schlägen gegen Kopf und Oberkörper. Daraufhin stechen sie mit einem Messer auf den immer noch am Boden liegenden Mario K. ein und lassen ihn sterbend in der Wohnung zurück. Sein Leichnam wird erst elf Tage später aufgefunden – die Polizei ermittelt die beiden Täter, die in Nacht des 23. Februar 2020 festgenommen werden.
Einordnung aufgrund Zuschreibungen der Täter und rechter Narrative Am 10. März 2021 beginnt der Prozess gegen Sven N. und Tony S. wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes am Landgericht Gera, der von 45
DER MORD AN MARIO K. IN ALTENBURG IM KONTEXT LSBTIQA* -FEINDLICHER GEWALT IN THÜRINGEN
einer kritischen Prozessbeobachtung begleitet und dokumentiert wird. Im Laufe der sieben Prozesstage werden eindeutige Hinweise offengelegt, die für die Einordnung des Mordes als rechte bzw. homo feindliche Tat sprechen. Der Täter Sven N. wird im Prozess u. a. vom Bruder als »rechtsradikal« bezeichnet, die Zeug:innen aus dem Be kannten- und Freundeskreis treten oftmals in Yakuza- oder ThorSteinar-Kleidung auf: Modemarken, die in der rechten Szene beliebt sind und als Erkennungsmerkmal dienen. Das Milieu der Täter zeigt Verbindungen zu einer mindestens rechtsoffenen Subkultur – auf dem Handy von Sven N. findet sich beispielsweise eine Reichskriegsflagge. Zentral in den Aussagen der beiden Angeklagten ist immer wieder die Zuschreibung gegenüber Mario K. als pädophil. Das Feindbild des vermeintlichen »Kinderschänders« ist ein weitverbreitetes Narrativ und wichtiges Mobilisierungselement (Petersen 2015) in der extrem rechten Szene, das oft mit Aufrufen zur Selbstjustiz einhergeht. Rech te Täter fühlen sich durch ebenjene Zuschreibungen in ihren Gewalt taten legitimiert und sehen sich als Ausführende eines angeblichen Volkswillens. Zur Einordnung des Opfers als vermeintlich Pädophiler kommt die häufige Gleichsetzung mit Homosexualität, welche die Täter zusätzlich veranlassten, Mario K. als minderwertig anzusehen und ihn zu ermorden. Die Vielzahl der Messerstiche am gesamten Oberkörper sowie am Kopf, das abgebrochene Messer während der Tat, zahlreiche Schläge und Tritte sowie das Zurücklassen des Ermordeten in der Wohnung für mehrere Tage sprechen für eine Entmenschlichung von Mario K. und damit auch für ein rechtes Tatmotiv. Die Täter erniedrigten und entwerten ihn auch noch, als sie seinen Tod Tage später bemerkten. Laut Chatprotokollen verhöhnten sie ihn, indem sie über den Verwe sungsgeruch im Treppenhaus lachten. Auf Basis dieser Informationen ordnet die spezialisierte Opferbera tungsstelle ezra diesen Mord als homofeindlich ein. Mario K. ist damit ein weiteres – bisher staatlich nicht anerkanntes – Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen (vgl. auch den Beitrag von Geschke und Salheiser in diesem Band zu polizeilich registrierter Hasskriminalität). Im Urteil spielt dieses Motiv jedoch keine Rolle. Die Angeklagten werden wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt und gehen mehrere Jahre in Haft. Dass rechte Tatmotive von Ermittlungsbehörden und Justiz nicht ausrei chend untersucht und in der Konsequenz nicht eingeordnet werden, zeigt leider eine jahrzehntelange traurige Kontinuität.
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Der Mord an Mario K. geschieht in einem Kontext, in dem LSBTIQA*Feindlichkeit kein Einzelfall ist. Das wurde zum ersten Christopher Street Day (CSD) in Altenburg 2021 deutlich. Torge Dermitzel, der den CSD dort das erste Mal organisierte, sieht sich täglich mit Queerfeind lichkeit konfrontiert (MDR 2021). Er beschreibt zum einen Beleidigun gen bis hin zu Morddrohungen über Social Media, zum anderen An feindungen auf offener Straße. Als Organisator des CSD fungiert er als Repräsentant einer von den Täter:innen konstruierten und abgewer teten Gruppe, die als politischer Feind im Rahmen einer sogenannten Botschaftstat angegriffen werden soll (Porath 2013). Aber auch andere Aktivist:innen bekommen diese Ablehnung zu spüren: An dem Auto einer Altenburgerin, in dem ein CSD-Plakat hängt, finden sich kurz darauf Schmierereien, u. a. mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift »Pedo« (www.queer.de 2021). Auch hier zeigt sich das Narrativ des ver meintlichen »Kinderschänders« in Verbindung mit der Queerfeind lichkeit der rechten Szene. Der CSD findet schließlich am 10. Juli 2021 mit etwa 600 Teilnehmer:innen in Altenburg statt.
LSBTIQA*-feindliche Vorfälle in Erfurt und Jena Auch in der vermeintlich bunten und weltoffenen Landeshauptstadt Erfurt, in der 2021 ein queeres Zentrum eröffnete, gibt es Anfeindun gen und tätliche Angriffe. Schon seit Jahren melden beispielsweise die in Erfurt organisierten militanten Neonazis Gegenkundgebungen zum örtlichen CSD an, während Menschen für Selbstbestimmung und die Rechte der LSBTIQA*-Community demonstrieren. Im Rahmen des CSD 2019 kam es zu verbalen und tätlichen Übergriffen auf Teilnehmer: innen der Demonstration aus einer Gruppe Männer (ezra 2020). Im darauffolgenden Prozess wird ein queerfeindliches Tatmotiv trotz des eindeutigen Kontextes vom zuständigen Gericht nicht aufgearbeitet. Dass sich Botschaftstaten nicht immer nur gegen Betroffene direkt richten, zeigen weitere Beispiele aus größeren Städten in Thüringen: Am Roten Berg in Erfurt wird im Nachgang des CSD 2021 eine Regen bogenflagge angezündet (Thüringer Allgemeine 2021). In Lobeda-West in Jena wird von Unbekannten während eines Treffens der CSD-Pla nungsgruppe deren Banner heruntergerissen und verbrannt (ezra 2022). Diese Vorfälle tragen erheblich zu einer Minderung des Sicher heitsgefühls der Communitys vor Ort bei.
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LSBTIQA*-Feindlichkeit im Rahmen des ersten Christopher Street Day in Altenburg
LSBTIQA*-Feindlichkeit erkennen, benennen und ahnden
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Die dargestellten Fälle zeigen: LSBTIQA*-feindliche Gewalt ist in Thü ringen Realität. Im Mordfall von Mario K. wird diese jedoch unsicht bar. Viele queere Menschen kennen eine verharmlosende oder negie rende Haltung aus ihrem Alltag. Schon im Kleinen wird oft weggese hen – z. B. bei Schimpfwörtern wie »schwul« auf dem Schulhof. Es braucht jedoch den breit getragenen gesellschaftlichen Willen, um Queerfeindlichkeit als solche zu benennen, zu ahnden und somit ihre Existenz anzuerkennen sowie Schutz und Aufarbeitung zuzusichern. Dies fängt beim Einschreiten einer Lehrkraft auf dem Schulhof oder der Arbeit mit Schüler:innen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt an. Im Fall von Mario K. spielt das Gericht als gesellschaftliche Institu tion eine wichtige Rolle. Die Nicht-Benennung des Falls als queerfeind lichen Mord ist nicht nur ein Verwaltungsakt, sondern vermittelt eine implizite Botschaft des Nicht-Sehen-Wollens. In der Folge entstehen daraus keine Konsequenzen, die es jedoch dringend bräuchte: Aus Anerkennung und Aufarbeitung können Schutz- und Präventions maßnahmen werden, sodass queere Menschen ohne Angst etwa an Christopher Street Days in Thüringen teilnehmen können. Einen ersten Schritt bilden Landesprogramme und Aktionspläne gegen Queerfeindlichkeit, auch als Ergänzung zu Demokratieförder programmen. Neben der Stärkung der Zivilgesellschaft sind hier kon krete Maßnahmen für staatliche Institutionen und staatlich verant wortete Bereiche formuliert. Das Thüringer Landesprogramm für Akzeptanz und Vielfalt, das bereits 2018 beschlossen wurde, scheint jedoch chronisch unterfinanziert zu sein. Eigene Haushaltstitel für Maßnahmen sind bisher in keinem Ressort außer der Thüringer Staatskanzlei ausgewiesen. In den meisten Bereichen wird durch die zuständigen Ministerien mit den ersten Maßnahmen allenfalls begon nen zu planen. Dabei formuliert bereits das erste Kapitel des Landes programms für die zuständigen Ministerien (Soziales, Inneres und Justiz) konkrete Handlungsaufträge in den Bereichen Opferschutz und Anti-Gewalt-Arbeit, häusliche und sexualisierte Gewalt, Thürin ger Polizei, Justiz und Justizvollzug.13 Diese Maßnahmen gilt es end lich umzusetzen und damit ein deutliches Signal zu senden, dass Queerfeindlichkeit weder übersehen noch stillschweigend toleriert, sondern benannt und bekämpft wird.
13 Online: www.staatskanzlei-thueringen.de/fileadmin/user_upload/Landesregierung/Themen/AkzeptanzVielfalt/broschure_des_landesprogrammes_fur_akzeptanz_und_vielfalt.pdf [18.04.2022].
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Möglichkeiten und Grenzen zivilgesellschaftlicher Projekte
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Den meisten LSBTIQA*-Personen fehlt das akzeptierende Umfeld bereits in der Kindheit und Jugend. So gaben 45 Prozent der befragten LSBTIQA*-Jugendlichen in einer Studie von Krell und Oldemeier an, in ihrer engeren Familie Diskriminierung erfahren zu haben (Krell/ Oldemeier 2017). Diskriminierendes Verhalten muss von Beginn an sichtbar gemacht, thematisiert und sanktioniert werden. Mitarbeiter: innen in Verwaltungen, im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen gilt es, dafür zu sensibilisieren. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Selbstverständlichkeit in die Breite der Gesellschaft zu tragen, ist das Ziel. Vorurteile bilden die Grundlage für die Manifestierung abwertender Einstellungen bis hin zu LSBTIQA*-feindlichen Einstellun gen und Taten. Auf dem langen Weg dahin braucht es auch unabhängi ge Beschwerdestellen. Diese sollten nicht Teil der jeweiligen Institution sein und müssen Fälle aufnehmen, dokumentieren, nicht weisungs gebunden und handlungsberechtigt sein. Queere Menschen sollten ohne Angst vor Anfeindungen, Übergriffen oder anderer Gewalt ihr Leben uneingeschränkt leben können. Als Prävention und für eine gesellschaftliche Kultur des Einschreitens gegenüber Queerfeindlichkeit braucht es Projekte aus der Zivilgesell schaft. Sie können durch Bildungsangebote Menschen dafür sensibi lisieren, wo Diskriminierung und queerfeindliche Gewalt stattfindet und was sie dagegen tun können. Sie können Betroffene unterstützen und begleiten, einen Weg des Umgangs zu finden. Sie können Forde rungen an die Politik stellen. Sie können zu mehr Sichtbarkeit von queerem Leben beitragen. Dies alles brauchen wir. Queere Projekte müssen jedoch manchmal auch als Schmuck dafür herhalten, in welch einer bunten und vielfältigen Gesellschaft wir leben. Es stimmt: Wir leben in einer bunten und vielfältigen Gesell schaft und queere Bildungs- und Begegnungsprojekte leisten einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit queeren Lebens. Aber dies darf nicht darüber hinwegtäuschen oder sogar verdecken, dass wir auch in einer queerfeindlichen Gesellschaft leben und das hier dringender Handlungsbedarf besteht. Im Gegenteil: Queerfeindlichkeit muss genauso sichtbar gemacht werden. Hierzu tragen zivilgesellschaft liche Projekte und Initiativen ihren Teil bei. Es braucht jedoch den politischen Willen, dies zu befördern und die Sicherheit für queere Menschen in Thüringen sicherzustellen. Hier stehen wir erst in den Anfängen. Für Mario K. ist es bereits zu spät.
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LITERATUR ezra (2020): Angriff auf Teilnehmerin des CSD 2019 in Erfurt vor Gericht: Opfer beratung ezra fordert Anerkennung des rechten Tatmotivs und eindeutiges Signal an den Täter. Online: www.ezra.de/angriff-auf-teilnehmerin-des-csd-2019-in-erfurtvor-gericht-opferberatung-ezra-fordert-anerkennung-des-rechten-tatmotives-undeindeutiges-signal-an-den-taeter/ [07.03.2022]. DER MORD AN MARIO K. IN ALTENBURG IM KONTEXT LSBTIQA* -FEINDLICHER GEWALT IN THÜRINGEN
ezra (2022): Unbekannte verbrennen Banner des CSD Jena Bündnisses. Online: www.ezra.de/unbekannte-verbrennen-banner-des-csd-jena-buendnisses/ [14.03.2022]. Krell, Claudia/Oldemeier, Kerstin (2017): Coming-out – und dann …?! Coming-outVerläufe und Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Barbara Budrich: Leverkusen. MDR (2021): LGBTQ: Queer in der Provinz. Online: www.mdr.de/nachrichten/ thueringen/ost-thueringen/altenburg/queer-altenburg-csd-organisation-mit- widerstand-100_page-0_zc-6615e895.html [03.02.2022]. Petersen, Janna (2015): Analyse: Wie instrumentalisieren Rechtsextreme das Thema sexueller Missbrauch? In: Amadeu Antonio Stiftung [Hrsg.]: Instrumentalisierung des Themas sexueller Missbrauch durch Neonazis. Berlin, S. 19. Porath, Judith (2013): Beratung für Betroffene rechter Gewalt. Spezifik des Arbeits ansatzes und des Beratungskonzeptes. In: Opferperspektive e.V. [Hrsg.]: Rassis tische Diskriminierung und rechte Gewalt. An der Seite der Betroffenen beraten, informieren, intervenieren. Verlag Westfälisches Dampfboot: Münster, S. 229. Queer.de (2021): Ein kleiner CSD kämpft gegen eine Welle von Hass. Online: www.queer.de/detail.php?article_id=39415 [02.03.2022]. Thüringer Allgemeine (2021): Nach Christopher Street Day in Erfurt: Regenbogen fahne verbrannt. Online: www.thueringer-allgemeine.de/regionen/erfurt/nachchristopher-street-day-in-erfurt-regenbogenfahne-verbrannt-id233543557.html [08.03.2022].
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RASSISMUS IN THÜRINGEN: SELBSTORGANISATION UND EMPOWERMENT ALS ANTWORT Franziska Schestak-Haase
Wenn es um Rassismus geht, schweigt die Thüringer Zivilgesellschaft mehrheitlich. Einen Impuls dies zu ändern, setzen Anfang 2022 über 30 Organisationen und schließen sich zum Netzwerk Internationaler Tag gegen Rassismus 2022 Thüringen zusammen. Es besteht aus mig rantischen Selbstorganisationen, Selbstorganisationen von Rassismus betroffenen Menschen, verbündeten Institutionen und solchen mit einem rassismuskritischen Anspruch. Erklärtes Ziel ist, die Perspek tive der von Rassismus betroffenen Menschen und ihren bedrohlichen Alltag sichtbar zu machen sowie sich für entschiedene Konsequenzen einzusetzen. Initiator ist ein junger Mann, der als unbegleiteter Minderjähriger nach Thüringen kam und nun in Erfurt lebt und zur Schule geht. Im Folgenden werden Einblicke in die Erfahrungen der gemeinsamen Organisierung gegeben. Sie zeigen: Rassismus ist Alltag und unser aller Problem. »Für mich ist es ein Experiment«, sagt der Initiator und drückt damit eine Suchbewegung nach begrenzenden rassistischen Strukturen im Rahmen der Arbeit des Netzwerks aus. Er weiß sehr genau, was Rassis mus für sein Leben, für das Leben seiner Schwestern und Brüder bedeutet: »Rassismus ist physische und psychische Folter. Der Geist kann nicht in Frieden ruhen. Ein innerer Frieden braucht mehr als die Abwesenheit von Krieg. Doch Rassismus ist Krieg. Ich wünsche mir Frieden.« Auch in Thüringen herrscht ein Krieg. In diesem wird weniger geschos sen, und die wenigsten Menschen bemerken ihn. Auch in diesem Krieg ist der Einzelne nicht von Bedeutung. Menschen werden benutzt, funktional eingesetzt für ein Interesse, dass sie häufig nicht teilen. Warum denken, handeln und fühlen Menschen in der Wahrnehmung und Beobachtung dieses jungen Mannes nach einer Logik, die für ihn und viele andere Folter bedeutet? Sichtbar sind die Verletzungen, die 51
RASSISMUS IN THÜRINGEN: SELBSTORGANISATION UND EMPOWERMENT ALS ANTWORT
Rassismus verursacht: ein gebrochenes Bein, ein geschlagener Körper, ein bewusstloser Bruder in der Dunkelheit auf der Wiese liegend. Das Stadtviertel, in dem sich diese exemplarische Kriegsszene abspielt, ist der Erfurter Herrenberg im Südosten der Stadt. Es ist eine Nacht im Sommer 2020, als eine Gruppe aus einer von Neonazis gemieteten Immobilie in der Stieler Straße heraus drei junge Schwarze Männer14 brutal angreift. Es wird geschrien, Flaschen aus Glas geworfen, viele unbekannte Menschen, die meisten weiße Männer, handeln und zei gen, was dieser Krieg auch bedeuten kann. Rassistische Beleidigungen begleiten die tätlichen Angriffe. Ein Bruder wird schwer verletzt, er verliert das Bewusstsein. Seine Brüder bleiben an seiner Seite. Der Abend verändert sie, verändert ihren Blick auf diese Stadt. Die Lokal gruppe Thüringen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Thüringen) und ezra fordern in einer gemeinsamen Pressemittei lung im Nachgang des rassistischen Angriffs »konsequente Bekämp fung von Rassismus, rechter Gewalt und Neonazismus auf allen ge sellschaftlichen Ebenen«.15
Vielfältig in Thüringen: Rassismus Im Kontext der Beratungsarbeit der fachspezifischen Opferberatung wird deutlich, dass ein Teil der von Rassismus betroffenen Menschen in Thüringen den Freistaat verlässt, weil sie kein sicheres und gutes Leben für sich und ihre Angehörigen erwarten können. Die anhaltend hohe Zahl der von ezra im unabhängigen Monitoring registrierten Gewalttaten belegt dies (vgl. den Beitrag von Zobel in diesem Band). Hinzu kommen rassistische Diskriminierungen und Mikroaggressio nen im Alltag. All das schließt an die bisher gemachten Erfahrungen der betroffenen Menschen an. Gewalt und Ausgrenzung auf der Flucht aktualisieren sich, Menschen werden retraumatisiert, Identitäten wer den erschüttert und Vertrauen geht verloren. Diejenigen Menschen, die Thüringen verlassen, erwarten keinen Widerspruch von weißen Mitmenschen, wenn Rassismus Interaktionen bestimmt. Stadtgesell schaft und Politik erschrecken bei Nachrichten über schwere rassisti sche Gewalttaten, die in ihrer Mitte stattfinden und für welche sie Mit verantwortung tragen, weil sie systematisch wegsehen, Erfahrungen ignorieren und keine konsequenten Gegenmaßnahmen ergreifen:
14 Schwarz wird hier großgeschrieben, um auf die geteilte Erfahrung Schwarzer Menschen in rassistischen gesellschaftlichen Strukturen hinzuweisen. 15 w ww.ezra.de/opferberatung-ezra-und-isd-thueringen-fordern-nach-brutalem-rassistischen-angriff-in- erfurt-konsequente-bekaempfung-von-rassismus-rechter-gewalt-und-neonazismus-auf-allen-gesellschaft lichen-ebenen/ [19.04.2022].
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Ein minderjähriger Syrer wird von einem 40-jährigen Deutschen rassistisch beleidigt, bespuckt sowie mit Schlägen und Tritten traktiert. Der Angriff wird von einer Mitfahrenden gefilmt, über soziale Medien verbreitet sich die Aufnah me und erlangt bundesweite Öffentlichkeit.16 RASSISMUS IN THÜRINGEN: SELBSTORGANISATION UND EMPOWERMENT ALS ANTWORT
23. APRIL 2021, ERFURT, STRASSENBAHN-LINIE 5:
Eine Schwarze junge Frau wird von einer älteren Frau lautstark rassistisch beleidigt und geschlagen. Umstehende Passant:innen reagieren nicht. Die Betroffene ruft den Notruf und verfolgt die Täterin, bis die Polizei diese feststellt.17 29. SEPTEMBER 2021, ERFURT, ALTSTADT:
Nach dem vermeintlichen Schock gehen viele – auch Verantwortungs träger:innen – zur Normalität über, an den die rassistische Gewalt ermöglichenden Strukturen wird nichts verändert. Die Mehrheit der nicht direkt betroffenen Gesellschaft ignoriere, verharmlose oder schweige zum alltäglich sichtbaren Rassismus – so spiegelt es der Auf ruf des Netzwerks.18 So kann sich beispielsweise der städtische Nah verkehrsbetrieb EVAG im Sinne eines diversitätsorientierten Marke tings am Aktionstag gegen Rassismus beteiligen, setzt sich jedoch nicht mit den Bedingungen für die für viele Menschen mit Angst besetzten Situationen in den Erfurter Straßenbahnen auseinander. Warum bleibt das Interesse nach Sicherheit der von Rassismus betroffenen Fahr gäste offensichtlich unbedacht? Helfen vorsichtige Kampagnen zum Thema Zivilcourage19 hier wirklich weiter?
»Glück« statt struktureller Gegenmaßnahmen Als der junge Mann nach Thüringen kam, hatte er Glück. Sein Glück bestand darin, dass ihm jemand zuhörte und er nun auf eine weiter führende Schule geht, sodass er Abitur machen kann. Sonst wäre auch er heute Teil der Kolonnen, die vom Erfurter Bahnhof ins Gewerbe gebiet transportiert werden, wo sie bei einem großen Versandhändler arbeiten. »Wenn du die deutsche Sprache nicht beherrschst, wirst du für dumm gehalten«, weiß er. Er kennt Ingenieure, die zum Schicht antritt ins Gewerbegebiet fahren. Sie werden gleichgemacht, struk tureller Rassismus weist ihnen einen Platz in der Gesellschaft zu. 16 w ww.thueringer-allgemeine.de/politik/so-ein-feiger-mensch-reaktionen-nach-brutalen-rassistischen- angriff-in-erfurter-strassenbahn-id232139387.html [21.03.2022]. 17 w ww.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/rassismus-angriff-zivilcourage-100.html [21.03.2022]. 18 www.ezra.de/tag-gegen-rassismus-2022-thuringen/#AufrufDeutsch [21.03.2022]. 19 Triggerwarnung, Video reproduziert Rassismus: www.facebook.com/watch/?v=393578918794767 [30.3.2022].
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Gewerkschaften kämpfen dagegen um den Organisierungsgrad ihrer Mitglieder. Sie sind froh über jeden Arbeitskampf, der überhaupt aus getragen werden kann. Rassismus bleibt dabei häufig nur ein Neben schauplatz, dem sich der Bildungsbereich der Organisation annimmt. Das ist gut, doch reicht das? Sie wissen es doch besser: Rassismus hat eine strukturelle Bedeutung für die Beschäftigung von Arbeitnehmer: innen sowie generell auf deren gesellschaftlichen Status.
Erfahrungen ernst nehmen Was den jungen Mann auszeichnet: Er knüpft Beziehungen und stellt Fragen, die auf den Kern der Dinge zielen. Als er an einem einzigen Tag fünfmal von der Polizei in Erfurt kontrolliert wird, ist eine konstruier te Ordnungswidrigkeit das Ergebnis einer dieser anlasslosen rassisti schen Polizeikontrollen. Er widerspricht der Bußgeldforderung, es folgt eine Verhandlung des Sachverhalts vor dem hiesigen Amtsgericht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Den Aussagen der Polizeibeamt:innen wird mehr Glauben geschenkt als seinen. Das Bußgeld bleibt bestehen. Oben drauf bekommt er eine Erklärung, die sein Unverständnis stillen soll: Dass jemand fünfmal am Tag anlasslos kontrolliert werde, kann sich die erfahrene Richterin nicht vorstellen. Mit Rassismus könne das nichts zu tun haben. Sein jugendliches Aussehen ist für sie das entscheidende Kriterium. Viele Verantwortliche in Thüringer Ministerien und Behör den sowie Politiker:innen lehnen den Begriff des strukturellen Rassis mus generell ab und bestreiten somit, dass in Thüringer Institutionen Bedingungen herrschen, die rassistische Diskriminierung wahrschein licher machen. In der Netzwerk-Runde weiß man um die beschriebene Praxis des Racial Profiling, hier findet Erfahrungswissen Anerkennung.
Selbstorganisation als Strategie Das Netzwerk will einen Rahmen schaffen, in dem diese Erfahrungen wesentlicher Fokus sind. Ausgehend von diesen sollen Forderungen for muliert und adressiert, einzelne Aktionen entwickelt und Mitstreiter: innen gewonnen werden. In Thüringen regt sich etwas: die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Der gemeinsame Aufruf appelliert: »Es ist Zeit, Rassismus zu verlernen.« Rassismus ist so viel mehr als eine Tatmo tivation für brutale G ewalt. Er trainiere Schwarzen Menschen einen Minderwertigkeitskomplex an, sagt einer. Es werde nicht über die fa cettenreiche Schwarze Geschichte gelehrt, merkt eine andere an. In der Schule benennt die Sozialkunde-Lehrerin das T hema »Migration« als »Ausländerproblem«. »Wir müssen an die Schulen, Bildung ist der 54
Spürbare Grenzen Abstimmungsprozesse und Aushandlungen sind wesentlicher, unsicht barer Teil der Arbeit der Netzwerkpartner:innen auch in ihren e igenen Institutionen. Es geht um eine Übersetzungsleistung der spezifischen Inhalte: Rassismus ist nicht bequem. Wer ihn sichtbar macht und pro blematisiert, kann zur Zielscheibe werden. Der formulierte Anspruch ist, wütend, solidarisch und entschlossen zu handeln. Spannungen und Widersprüche werden sichtbar, es braucht solidarische Strate gien, um Betroffene und Selbstorganisationen zu stärken. Auch im kommenden Jahr wird es einen Internationalen Tag gegen Rassismus in Thüringen geben: Hört zu und handelt! 20 Infos: www.ais-shk.de, Hintergrund: www.thadine.de/inhalte-positionen/offener-brief-zum-eisenbergerm-fest-2020 [30.2.2022]. 21 Redebeiträge zum Internationalen Tag gegen Rassismus in Thüringen (21.03.2022): www.radio-frei.de/ index.php?iid=7&ksubmit_show=Artikel&kartikel_id=9221 [14.4.2022].
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RASSISMUS IN THÜRINGEN: SELBSTORGANISATION UND EMPOWERMENT ALS ANTWORT
Schlüssel«, fasst einer seinen Redebeitrag zusammen. Und eine andere betont ihre Herzensthemen: Empowerment und Selbstorganisation. Wenn sie in Eisenberg das »M*fest« – ein 2019 i nitiiertes Stadtfest mit rassistischem Titel, welches mit kolonialen Bildern und Assoziationen spielt – nicht umgestalten und umbenennen wollen, dann wird ein eigenes »Straßenfest« zur gleichen Zeit o rganisiert.20 Eine Gruppe junger Aktivist:innen stoßen als Jugendliche ohne Grenzen Thüringen hinzu. Die bundesweite Struktur weist seit 2005 auf die Probleme der europäischen Abschottungspolitik hin und organisiert sich gegen restriktive Aufenthaltsbeschränkungen und drohende Abschiebun gen. In Thüringen sind sie zuletzt im Protest gegen die Innenminister konferenz 2021 sichtbar geworden. Im Kontext des Kriegs in der Ukra ine weisen sie auf die massive Ungleichbehandlung von Geflüchteten hin und finden darin einen Beleg für strukturellen Rassismus in der Gegenwart.21 LagerWatch Thüringen ist ebenfalls eine selbstorgani sierte Struktur, welche die Lebensbedingungen in den Lagern wie der großen Thüringer Erstaufnahmeeinrichtung Suhl problematisiert. Im Rahmen des Tages gegen Rassismus 2022 findet ein No-Lager- Exchange-Meeting mit (ehemaligen) Bewohner:innen des Lagers statt (vgl. Beitrag von Philipp Milius in diesem Band). Die Beispiele zeigen, dass die Netzwerkpartner:innen in diversen konkreten Auseinander setzungen der Thüringer Zivilgesellschaft engagiert sind. Im Netzwerk können die oft auch belastenden Erfahrungen ausgetauscht, gebün delt und in ihrer Systematik dargestellt werden. Proaktiv in Selbst organisation auf die Herausforderungen zuzugehen, ist eine starke Bewältigungsstrategie gegen rassistische Erfahrungen und Zustände.
BLACKBOX ERSTAUFNAHMEEINRICHTUNG: INNEN ANSICHTEN DES ANKOMMENS IN THÜRINGEN Philipp Millius
In Thüringen lebten bereits vor Ankunft von Geflüchteten aus der Uk raine (März/Februar 2022) über 10000 Menschen in kommunalen Ge meinschaftsunterkünften und in den Erstaufnahmeeinrichtungen (EAE) des Landes – nicht selten unter miserablen Lebensbedingungen. Es fehlt an Privatsphäre, hygienischen Standards oder Anbindungen. Infolge der Sammelunterbringung und der in solchen Einrichtungen obligatorischen Lebensbedingungen kommt es auch auf dem Fried berg in Suhl zu Konflikten. Diese werden oft politisch funktional und medial einseitig aufgegriffen. Dabei werden weder die Perspektiven von Geflüchteten noch eine grundlegende Reflexion der Folgen von Zwangsvergemeinschaftung im Rahmen von Sammelunterkünften abgebildet. Viele der bereits über Jahre hinweg von Schutzsuchenden und Unterstützer:innen angemerkten Probleme mit der Unterbrin gungssituation in Thüringen bleiben ungeklärt und könnten sich mit dem Festhalten an gegenwärtige Politiken in naher Zukunft weiter verschärfen. Auf Grundlage von Berichten, Briefen, Gesprächen mit (ehemaligen) Bewohner:innen, Interviews, Vorort-Besuchen und den Erfahrungen aus einem mit (ehemaligen) Bewohner:innen im Jahr 2021 entwi ckelten Theater-Empowerment-Projekt22 gibt der Artikel punktuelle Einblicke in die Blackbox der EAE am Friedberg in Suhl. Durch die Er fahrungen von Bewohner:innen und ihre Zeug:innenschaft gelingt es, die Blackbox der EAE und des Ankommens in Thüringen zu öffnen, die sonst allzu oft vor Einblicken verschlossen bliebe.
22 www.vimeo.com/680441220 [21.03.2021].
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Aufnahme und Ankommen in Thüringen Die rechtlichen Grundlagen für die Unterbringung bilden e uropäische, bundes- und landesweite Asylgesetze, Verordnungen und Richtlinien. Das Leben in der Unterkunft wird durch eine Hausordnung geregelt, die am Beispiel der Einrichtung in Suhl in ihrer gegenwärtigen Verfas sung allein Pflichten, bedenkliche Grundrechtseinschränkungen und keinerlei Rechte beschreibt.23 Hinzu zeigen sich die Folgen eines deso laten Managements in der EAE. Mitarbeiter:innen des Sicherheits- und sozialen Dienstes der EAE sind zumeist die ersten Personen, die ankommenden Geflüchteten in Thü ringen einen ersten Eindruck über ihre gegenwärtige Situation ver mitteln. Die Erfahrungen, von denen angekommene Menschen nach einigen Wochen berichten, sind m itunter erschreckend und reichen von mangelnder Versorgung und erlebter Bevormundung über rassis tische Beleidigungen oder Bedrohungen bis hin zu konkreten Gewalt 23 www.eae-suhl.de/deutsch/ [21.03.2021].
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BLACKBOX ERSTAUFNAHMEEINRICHTUNG — INNENANSICHTEN DES ANKOMMENS IN THÜRINGEN
Abendessen für eine erwachsene Person in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) Suhl, 15. Juni 2021
ABBILDUNG 7:
BLACKBOX ERSTAUFNAHMEEINRICHTUNG — INNENANSICHTEN DES ANKOMMENS IN THÜRINGEN
erfahrungen. Die weitere Erfahrung, dass muttersprachlich oder eng lisch formulierten Hilfegesuchen mit »Sprich Deutsch, du bist hier in Deutschland!« begegnet wird und vorgebrachte Beschwerden mit dem Ausspruch »Willkommen in Deutschland« quittiert werden, teilen vie le (ehemalige) Bewohner:innen, die in Gesprächen und gemeinsamen Treffen ihre Erfahrungen aus Suhl schilderten. »He thinks he is God in here«, beschreibt B. in einem öffentlich gewor denen Video seinen Eindruck über einen Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes, während eine Gruppe Bewohner:innen auf ihre Taschenkontrolle zur Durchsetzung der Hausordnung warten müs sen.24 »He is always like this«, kommentiert ein Bewohner aus der Gruppe den Umgang des Sicherheitsdienstmitarbeiters mit den War tenden.25 Äußerst strikte und grundrechtlich bedenkliche Taschen kontrollen durch den Sicherheitsdienst finden dabei nicht allein an der Eingangsschleuse statt, sondern auch beim Verlassen des Essens saals, wird berichtet. Denn nach den in der Hausordnung geregelten Essenszeiten bleibt es unter strengen Kontrollen verboten, auch nur eine Scheibe Brot mit auf das Zimmer zu nehmen. Die Portionen selbst sind in der Regel spärlich bemessen (Abb. 7). Seit Jahren gibt es massive Beschwerden von Bewohner:innen zur Lebenssituation vor Ort. Dazu zählen insbesondere eine schlechte und unzureichende Essensversorgung,26 Zusammenleben auf engstem Raum sowie fehlende Privatsphäre. Eigenes Essen zuzubereiten ist in der Regel unmöglich – es fehlt an Kochmöglichkeiten und verderbliche Lebensmittel dürfen nicht mit in die EAE genommen werden. Die priva ten Wohnräume konnten bisher nicht abgeschlossen werden, und es fanden regelmäßige und »verdachtsunabhängige« Zimmerkontrollen statt. Auch der Umgang des Sicherheitsdienstes mit Bewohner:innen, die unzureichende medizinische Versorgung und die ungenügende Grundausstattung (z.B. mit Kleidung, Hygieneartikeln etc.) gerieten in massive Kritik von Bewohner:innen und Unterstützer:innen. Offenbar unzureichende Standards und Konzepte im Bereich des Gewaltschut zes und der Versorgung besonders vulnerabler Personengruppen wie 24 Das Video zeigt weiter, wie ein Mitarbeiter der Gruppe erst droht, B. dann mit den Worten »Willkommen in Deutschland, Arschloch!« und »Ich schraub dir den Schädel runter, Opa!« offensichtlich rassistisch beleidigt wird, bis der Sicherheitsdienstmitarbeiter schließlich gewaltsam auf die Gruppe zugehen will und ein weiterer Mitarbeiter ihn nur noch mit Mühe zurückhalten kann: www.youtube.com/watch?v=OO A2bk7CWpE [21.03.2022] 25 Ein bereits im Herbst 2020 dokumentierter Vorfall, bei dem der Sicherheitsdienst zur Durchsetzung der Hausordnung gewaltsam in den Wohnraum einer Familie eindrang und mehrere Personen dabei verletzte, blieb bis heute unaufgeklärt, während die Strafanzeige gegen den Sicherheitsdienst der Einrichtung aus »Mangel an öffentlichem Interesse« durch die Staatsanwaltschaft eingestellt wurde: www.fluechtlingsrat-thr.de/aktuelles/pressemitteilungen/erschuetternde-vorgaenge-suhl [21.03.2022]. 26 www.zeitreisende.blue-direkt.de/index.php/9-asylimsuhl/9-memorandum [21.03.2022].
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Doch die öffentliche Auseinandersetzung mit den Konflikten inner halb und außerhalb der EAE blendet Isolation, Mangel, psychosoziale Deprivation und Bevormundung im täglichen »Ankommen« von Schutz suchenden vielfach aus. Aus Sicht von Betroffenen und Unterstützer: innen gibt es bisher keine transparente Fehlerkultur bei administrativ und politisch Verantwortlichen. Damit wird der Diskurs um die EAE zusehends rassistisch und beispielsweise vom Wahlkampf motivier ten Akteur:innen überlassen. So vereinten sich im Wahljahr 2021 bekannte Neo-Nazis, »besorgte Bürger:innen«, Chefredakteur:innen, Oberbürgermeister André Knapp und Hans-Georg Maaßen in ihrer rassistischen Stimmungsmache gegen Bewohner:innen der EAE.27 Die Resultate sind die Stigmatisierung der EAE-Bewohner:innen und ord nungspolitische Reflexe. Diese lösen die zugrunde liegenden Probleme nicht, geben den eigentlich Betroffenen noch immer kein Wort und verschärfen die Situation zusätzlich.
(Medizinische) Versorgung und besondere Bedarfe und wir zur Lagerambulanz gingen und den Arzt aufsuchten, hat er uns mit einer sehr groben und unhöfli chen Art aus der Ambulanz verwiesen. Er hat uns nicht mal angehört. Jeden Tag wird die Situation meiner Tochter schlimmer. […] Seitdem wir in Suhl angekommen sind, haben wir keine Hilfe erhalten. Einige der Mitarbeiter haben ein sehr schlechtes Verhalten uns gegenüber gehabt. Ab und zu waren wir beim Sozialarbeiter. Er hat uns gefragt, ob wir ein Hotel erwarten würden. Manchmal sagte er sarkastisch: ›Willkommen in Deutschland!‹ oder fragte, warum wir denn hierhin gekommen seien.«28 »ALS KEINE BESSERUNG EINTRAT
27 Der Flüchtlingsrat Thüringen e.V. zählte im Wahlkampf 2021 von April bis Juni über 30 lokale Medien beiträge zur Situation der EAE in Suhl. Bei keinem der gezählten Artikel kamen Bewohner:innen zu Wort. Oftmals wurden Pressemitteilungen von Parteien unkommentiert abgedruckt. Insbesondere die Aufstellung von Hans-Georg-Maaßen im CDU-Wahlkreis 196 (Suhl – Schmalkalden-Meiningen – Hildburghausen – Sonneberg) förderte diese Dynamik. Letztlich wurde vom Suhler Bürgermeister André Knapp (CDU) eine Petition zur Schließung der EAE Suhl eingereicht. Nach der Wahl 2021 wurde es ruhiger – über Monate gab es nahezu keine Berichterstattung. 28 w ww.lagerwatchthueringen.noblogs.org/post/2020/10/20/briefe-berichte-aus-dem-erstaufnahmelagerin-suhl-ii/ [21.03.2022].
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schwangeren Frauen, Kindern oder Menschen mit Erkrankungen oder Beeinträchtigungen leisten einer prekären Versorgungslage Vorschub. Konflikte innerhalb und außerhalb der Einrichtung, Konflikte von Anwohner:innen oder des Sicherheitsdienstes der EAE mit Bewohner: innen sind mitunter unmittelbare Folge dieser Rahmenbedingungen.
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So beschrieb ein Familienvater, der mit seiner und weiteren Familien aufgrund besonderer medizinischer Bedarfe im August 2020 aus Griechenland aufgenommen worden war, in einem Brief seine Erfah rungen mit Blick auf die medizinische Versorgung in der EAE in Suhl. Seine Tochter leidet an der seltenen Schmetterlingskrankheit, einer schweren Hauterkrankung, die im Zeitraum des Aufenthalts in der EAE offenbar lange unzureichend versorgt blieb, bis ihr Zustand sich aufgrund der Bedingungen in der Einrichtung weiter verschlechterte. Erst nach monatewährender Wartezeit und mit dem Transfer in eine Kommune sowie mit der Unterstützung von Sozialarbeiter:innen der neuen Gemeinschaftsunterkunft gelang die Anbindung an spezialisier te Fachärzt:innen, die das Kind behandeln konnten. Der hier beschriebene Fall und die medizinische Unterversorgung in der EAE sind dabei keine Einzelfälle, sondern mutmaßlicher Modus Operandi zur »Versorgung« von Schutzsuchenden bei der Ankunft in der EAE in Suhl. Briefe und Berichte von Betroffenen erlauben einen Einblick in diesen Modus, der sonst häufig eine Blackbox bliebe. So erhebt eine weitere Familie seit Herbst 2020 in einer offenen Straf anzeige bis heute schwere Vorwürfe gegen den medizinischen Dienst der Einrichtung wegen unterlassener Hilfeleistung: »NACH EINIGEN TAGEN GINGEN WIR wieder zum selben Arzt, und ich sagte
ihm, dass meine Frau sagt, dass sich das Kind nicht mehr in Ihrem Bauch bewegt, und ich bat den Arzt erneut, meine Frau ins Kranken haus zu schicken, sie antworteten erneut dasselbe und sagten, dass sie keine Probleme habe und wir sie nicht ins Krankenhaus schicken könnten. […] Wir fuhren dann mit einem Taxi zum Krankenhaus, wo sie einer Sonographie-Untersuchung unterzogen wurde und uns gesagt wurde, dass unser Kind tot sei.«29 Vor Ankunft in Suhl war die werdende Mutter im siebten Monat schwanger. Ärzt:innen in Griechenland bestätigten ihre Reisefähigkeit und so wurde den in Thüringen ankommenden Familien »schnellst mögliche fachmedizinische Behandlung«30 versprochen.
29 w ww.lagerwatchthueringen.noblogs.org/post/2020/10/11/briefe-berichte-aus-dem-erstaufnahmelager- in-suhl-i/ [21.03.2022]. 30 w ww.justiz.thueringen.de/aktuelles/medieninformationen/detailseite/erneut-behandlungsbeduerftigekinder-aus-griechenland-in-suhl-angekommen [21.03.2022].
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BREMERHAVEN
MECKLENBURG -VORPOMMERN
BREMEN
BR ANDENBURG NIEDERSACHSEN BERLIN
SACHSEN-ANHALT
NORDRHEIN-WESTPHALEN
SACHSEN THÜRINGEN
HESSEN
n Strukturiertes Verfahren
RHEINL AND-PFALZ
n Verweis auf
Sprechstunden
n Verweise auf
externe Versorgung
n keine Methode
SA ARL AND
BAYERN
BADEN-WÜRT TEMBERG
Übersicht deutsche Bundesländer nach einem Konzept zur systematischen Identifizierung besonders Schutzbedürftiger31
ABBILDUNG 8:
31 www.baff-zentren.org/wp-content/uploads/2020/11/BAfF_Reader_Identifizierung.pdf [21.03.2022].
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SCHLESWIG -HOLSTEIN
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Laut Artikel 21 und 22 der europäischen Aufnahmerichtlinie (2013/33/ EU) sollen die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die »spezielle Situation von schutzbedürftigen Personen« berücksichtigen.32 Mit Artikel 22 der Aufnahmerichtlinie hieße dies weiter, dass die Länder aktuell dazu verpflichtet wären, spezielle wie insbesondere auch psy chosoziale und medizinische Bedarfe bei der Aufnahme zu beurteilen und dafür Sorge zu tragen, dass diesen besonderen Bedarfen ausrei chend Rechnung getragen und die notwendige Unterstützung gewährt wird. In Anbetracht der oben beschriebenen Fälle und gewonnener Einblicke in die (medizinische) Versorgungslage in der EAE in Suhl befindet sich das Land Thüringen nach Einschätzung des Autors der gestalt im permanenten Rechtsbruch mit der geltenden Aufnahme richtlinie. Demnach ist zu bezweifeln, dass ein strukturiertes Verfah ren (Abb. 8) zur Identifizierung, Ermittlung und Berücksichtigung besonderer Bedarfe von vulnerablen Personengruppen in Thüringen erfolgreich Anwendung findet. Eine Weitervermittlung oder Verweis beratung an Fachärzt:innen, spezialisierte Beratungsstellen oder psy chosoziale Zentren bleibt scheinbar in den meisten Fällen eine Frage von Glück und Zufall. Das Fehlen eines solchen strukturierten Verfahrens und eine unzurei chende Ausgestaltung der ärztlichen und medizinischen Versorgung hat derweil massive Auswirkungen auf Betroffene und beschreibt ei nen massiven Einschnitt in grundlegende Rechte der Unterstützung sowie der psychischen und physischen Unversehrtheit von Bewohner: innen. Bestätigt wird dies u. a. durch die Erfahrungen der ehrenamt lichen Mediziner:innen des MediNetz Jena, die im Jahr 2021 Bewoh ner:innen zusammen mit dem Netzwerk Lager-Watch Thüringen vor der Aufnahmeeinrichtung aufsuchten. Dabei unterstützte das MediNetz insbesondere bei akuten Schmerzzuständen in Verbindung mit zahnmedizinischen Fällen, die nach Einordnung des MediNetz bis dato unzureichend oder nicht behandelt worden sind. Auch über die EAE hinaus ist die zahnmedizinische Versorgung von Geflüchteten mangelhaft. Einige Bewohner:innen, die die Unterstützung des MediNetz in Anspruch nahmen, berichten davon, dass sie auch bei schwe ren Entzündungen lediglich mit Paracetamol zur Schmerzlinderung behandelt wurden – einem niedrigpotenten Schmerzmittel ohne ent zündungshemmende Wirkung. Auch wurde berichtet, dass Patient: 32 Nicht abschließend aufgezählt sind in der Aufnahmerichtlinie besonders vulnerable Personengruppen und Situationen von Menschen »wie Minderjährigen, unbegleiteten Minderjährigen, Behinderten, älteren Menschen, Schwangeren, Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern, Opfern des Menschenhandels, Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen, Personen mit psychischen Störungen und Personen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben« beschrieben: eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2013:180:0096:0116:D E:PDF [21.03.2022].
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Der Besuch von Bewohner:innen innerhalb der Einrichtung – somit auch der allgemeine Zugang zur EAE für eine medizinische Bedarfs sprechstunde mit Sprachmittler:innen – wurde dem MediNetz Jena trotz zahlreicher Angebote verwehrt. Die offizielle Aussage: Es gebe weder freie Räumlichkeiten noch Unterstützungsbedarf. Zwei nunmehr ehemalige Bewohner:innen bringen im Gespräch die Problematik der EAE prägnant auf den Punkt: A. beschreibt, er habe sich mit seiner Familie in einem Zelt in Griechenland sicherer und bes ser versorgt gefühlt als in den Monaten nach seiner Ankunft in Suhl. M. erzählt im übersetzten Interview vor der Einrichtung: »Frag die Deutschen, die hier sind, eine Frage, die alles zusammenfasst: Gibt es einen von ihnen, Erwachsen mit Familie, der akzeptieren würde, sei nen Sohn, seine Schwester oder irgendjemanden hier leben zu lassen? Hier zu essen und zu trinken? Sein Bad zu nehmen? Wenn ja, habe ich nix mehr zu sagen.« Viele (ehemalige) Bewohner:innen der EAE sind sich einig in dem Wunsch, dass die Erfahrungen, die sie in Suhl haben machen müssen, niemand anderes je wieder machen muss.
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innen mit akuten Bedarfen unbehandelt weggeschickt wurden, wenn ihnen keine Sprachmittlung zur Verfügung stand.
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN Kristin Pietrzyk und Rasmus Kahlen
Im kleinen Örtchen Ballstädt gründete sich mit der Nachricht, dass Personen aus der rechten Szene die alte Bäckerei gekauft hatten, ein Bürgerbündnis, das die stets von der Politik verlangte klare Kante gegen Rechts zeigte. Neben öffentlich sichtbaren Bekenntnissen zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft organisierte das Bür gerbündnis Informationsveranstaltungen zur rechten Szene und eine Demonstration gegen das »Gelbe Haus«. In der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2014 überfiel in Ballstädt im Landkreis Gotha eine Gruppe von etwa 20 Neonazis eine Feier der Mitglieder des ortsansässigen Kirmesvereins im Gemeindehaus des Dorfes. Die größtenteils vermummten Angreifer:innen schlugen wahl los auf die Feiernden ein. Eine Vielzahl der Gäste wurde zum Teil schwer verletzt und musste im Krankenhaus behandelt werden. Das Gemeindehaus glich einem Schlachtfeld. Die Bilder des blutver schmierten Bodens des Gemeindehauses gingen durch die bundes weite Presse (Budler 2014). Obwohl zunächst in den Medien von einer »Kirmesschlägerei« gesprochen wurde, vermuteten Kenner:innen der lokalen rechten Szene bald einen politischen Hintergrund der Tat. Die Spuren führten schnell zu den Bewohnern des »Gelben Hauses« in Ballstädt. Der entscheidende Tipp kam vom Verfassungsschutz. Die ser hatte einige der Täter schon länger im Visier und hörte deren Handys auch in der Tatnacht ab. Es folgten thüringenweit Hausdurch suchungen. Gegenüber dem als Haupttäter identifizierten Thomas W. wurde zunächst Untersuchungshaft angeordnet, der Haftbefehl jedoch nach etwa zweieinhalb Monaten aufgehoben.
Die Hintergründe Nach Erkenntnissen der Landesregierung wurde das »Gelbe Haus« in Ballstädt durch zwei Angehörige der rechten Szene in Thüringen erworben und im August 2014 mutmaßlich von sechs Angehörigen der 64
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
rechten Szene als Wohnstätte genutzt (Thüringer Landtag 2014). Die Käufer des Hauses waren Mitglieder der Hausgemeinschaft Jonastal (HGJ). Erstmals im Jahr 2012 traten die ursprünglich im Objekt in Cra winkel lebenden und sich aufhaltenden Mitglieder der rechten Szene in einem sozialen Netzwerk als Hausgemeinschaft Jonastal (HGJ) auf und vermittelten nach außen den Eindruck, eine über die reine Wohn gemeinschaft hinausgehende Organisation zu sein. Nach Erkenntnis sen der Landesregierung diente das von zwei Mitgliedern der HGJ im Jahr 2011 erworbene Objekt in Crawinkel der Neonaziszene ab 2012 als Treff- und Veranstaltungsobjekt, insbesondere für rechtsradikale Konzerte. Seit Anfang 2013 fand sich nach Erkenntnissen der Landes regierung im Internet ebenfalls ein Hinweis auf eine Kameradschaft Jonastal (KJ). Die bislang in dem Objekt in Crawinkel wohnhaften Neo nazis verzogen nach Informationsstand des Innenministeriums nach Ballstädt. Laut Artikel in der Thüringischen Landeszeitung vom 9. Dezember 2014 (»Polizei findet rechtes Propagandamaterial bei Neonazikonzert in Ballstädt«) löste die Polizei ein Neonazikonzert am 8. Dezember 2014 auf und führte anschließend im »Gelben Haus« eine Hausdurchsu chung durch (Möller 2014). Dabei sei umfangreiches Propagandamate rial aus der rechten Szene sowie Musik-CDs, Schlagstöcke, Quarzsand handschuhe, T-Shirts und Fahnen mit Hakenkreuzen und SS-Runen gefunden worden. Aus der Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten König (Thü ringer Landtag 2014) geht ebenfalls hervor, dass Thomas W. seit meh reren Jahren in der rechten Musik-Szene aktiv war und sowohl allge meinpolizeilich als auch im Bereich des Staatsschutzes einschlägig bekannt ist. Er war Bandleader der Band SKD aus dem Raum Gotha und dort verantwortlich für Schlagzeug und Texte. Nach Erkenntnissen der Landesregierung (ebd.) war der Angeschuldigte Thomas W. für die Veröffentlichung von drei der Band SKD33 zuzurechnenden Liedern auf dem im Jahr 2008 erschienenen Sampler »Blood & Honour Division Deutschland – Voices of Solidarity« verantwortlich. Laut Landesregie rung sollen zu drei weiteren Angeschuldigten im oben genannten Ver fahren Hinweise auf Verbindungen zum Blood-&-Honour-Netzwerk in der Vergangenheit vorliegen. Nach Einschätzung der Thüringischen Landesregierung ist die Band SKD als rechtsextremistisch einzustufen (Thüringer Landtag 2013). Einzelne Mitglieder der Band seien als 33 Der Name SKD steht für Sonderkommando Dirlewanger, benannt nach einer besonders grausamen und sadistischen Einheit, die vom SS-Oberführer Oskar Dirlewanger im Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurde (vgl. de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Dirlewanger [25.04.2022]).
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BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
Hauptaktivisten der rechtsextremen Szene Thüringens einzustufen. Die Liedtexte enthalten eindeutige antisemitische, rassistische, aus länderfeindliche, volksverhetzende und gewaltverherrlichende Bot schaften. Laut Mitteilung der Landesregierung vom 17. Januar 2013 (Thüringer Landtag 2013) steuerte die Band SKD einen Titel auf dem Sampler »Solidarität Vol. 4« zugunsten des im NSU-Prozess Angeklag ten Ralf Wohlleben bei. Außerdem teilt die Landesregierung in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage mit, dass in Bezug auf Thomas W. die Einschätzung besteht, dass diesem thüringen- und bundesweit auch spontan ein zum Teil gewalttätiges Mobilisierungsund Unterstützerpotenzial zur Verfügung stehe. Weitere Täter sind ebenfalls der rechten Szene zuzuordnen.
Die Anklageschrift Am 19. April 2015, ein Jahr nach dem Überfall, wurde durch die Staats anwaltschaft Erfurt Anklage gegen 14 Männer und eine Frau wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung und des schweren Hausfriedensbruchs beim Landgericht (LG) Erfurt erhoben. In der Anklageschrift wurde zumindest die Szenezugehörigkeit von Thomas W. thematisiert. Die Anklage erfolgte zum LG Erfurt, weil die Staats anwaltschaft damals noch davon ausging, dass Thomas W. eine Frei heitsstrafe von mehr als vier Jahren drohen könnte. Außerdem habe die Sache eine besondere Bedeutung, weil der Überfall ein außerge wöhnliches Interesse der Öffentlichkeit und der Medien erregt habe.
Die Hauptverhandlung Am 2. Dezember 2015 begann die Hauptverhandlung gegen die 15 Angeklagten vor dem LG Erfurt. Als Verteidiger der Angeklagten tra ten u. a. die Szeneverteidiger Dirk Waldschmidt, Wolfram Nahrath, Olaf Klemke und Dr. Maik Bunzel auf. Die Verhandlung zog sich über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Jahren, u. a. aufgrund dauernder Verzögerungen durch Angeklagte und Verteidigung. Bereits in der Hauptverhandlung wurde deutlich, dass das Gericht nicht Willens war, die Tat als rechte Hegemonial- bzw. Botschaftstat e inzuordnen. Stattdessen folgte das Gericht der Strategie der Täter-Opfer-Umkehr der Verteidigung. Am Abend der Tat wurde am »Gelben Haus« ein Fenster e ingeschlagen. Die Tat ist bislang ungeklärt. Klar ist aber, dass dieses eingeschlagene Fenster von den Tätern zum Anlass für den Überfall genommen w urde. 66
Dieses Narrativ, dass die Betroffenen der Tat zuvor die Scheibe des »Gelben Hauses« eingeschlagen haben könnten, wurde bereitwillig durch das Gericht aufgegriffen und die Betroffenen in ihren Verneh mungen immer wieder dazu befragt. Die Betroffenen sahen sich daher einer direkten Täter-Opfer-Umkehr auf Betreiben der Angeklagten ausgesetzt. Alle Anträge der Nebenklage, die Rolle einzelner Angeklag ter in der rechten Szene weitergehend zu beleuchten oder aufzuklären, wurden durch das Gericht schnell abgelehnt. Genauso wenig interes sierte das Gericht, ob die Tat dazu dienen sollte, den Bewohner:innen von Ballstädt klarzumachen, dass ein Engagement gegen rechts eine gewaltsame Reaktion hervorrufen wird. Der einzige Antrag, dem das Gericht nachging, war eine Besichtigung des Tatorts mit dem gesam ten Gericht und allen Verfahrensbeteiligten.
Die Rolle des Verfassungsschutzes Zwar kam der entscheidende Hinweis auf die Täter vom Thüringer Verfassungsschutz. Über die Mitteilung hinaus, dass dort entsprechen de Telefonate mitgehört worden sind, wollte der Verfassungsschutz jedoch keine Informationen oder als Beweise verwertbare Dokumente zu den Akten reichen. Dieses Mauern ging so weit, dass der V orsitzende der Strafkammer an einem Hauptverhandlungstag laut darüber nach dachte, dass Freisprüche im Raum stünden, wenn der Verfassungs schutz weiterhin diese Informationen zurückhalte. Anschreiben des Gerichts an den Geheimdienst seien unbeantwortet geblieben. Aufgrund dieses Nicht-Verhaltens des Thüringer Verfassungsschutzes sahen sich zwei Nebenkläger gezwungen, den Verfassungsschutz auf Herausgabe der zugehörigen Akten zu verklagen. Einen Antrag auf Beschlagnahmung durch das Gericht hatte dieses abgelehnt. Die Me dien berichteten über diese spektakuläre Klage und der Thüringer Verfassungsschutz geriet wieder einmal öffentlich unter Druck und sah sich nach dem NSU-Skandal wiederholt dem Vorwurf ausgesetzt, seinen eigenen Quellenschutz über die Interessen an einer Strafverfol gung zu stellen. Unter diesem Druck gab die Behörde nach und über sendete dem Gericht die Unterlagen. Es bleibt zwar Spekulation, aber in unseren Augen wäre das nie ohne die Klagen der Nebenkläger:innen gegen den Verfassungsschutz passiert. 67
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
Angeblich habe man sich zum Gemeindehaus begeben, um »die Sache« zu klären. Als Indiz für die Täterschaft der Kirmesgesellschaft diente den Tätern eine rote Serviette, die um den Stein, der die Scheibe durchschlagen hatte, gewickelt gewesen sein soll.
Erstes Urteil
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
Nach insgesamt 45 Verhandlungstagen verurteilte das LG Erfurt am 24. Mai 2017 elf der Angeklagten jeweils wegen gefährlicher Körper verletzung in zehn Fällen zu Haftstrafen zwischen einem Jahr sechs Monaten und drei Jahren sechs Monaten. Nur eine der Strafen wurde zur Bewährung ausgesetzt. Vier Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen für ihre Teilnahme freigesprochen. Was zunächst nach einem harten Urteil klingt, hatte für die Betroffe nen des Überfalls einen faden Beigeschmack. Zugunsten aller Verur teilten nahm das LG Erfurt an, dass »die Tatbegehung durch die feind selige Haltung der Einwohner von Ballstädt zumindest mitverursacht worden ist«. Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen und die Botschaft auf sich wirken lassen: Zum einen sagt das Gericht, dass wenn die Betroffenen des Überfalls nicht sogar selbst, dann aber wenigsten ihre Nachbar:innen an dem Überfall zumindest eine Mit schuld tragen. Zivilgesellschaftliches Engagement wird damit dazu benutzt, den Anständigen, deren Aufstand von den Zuständigen immer wieder verlangt wird, die Schuld für gewalttätige Übergriffe zu geben. Damit öffnet das Gericht die Büchse der Pandora, indem es gewalt same Auseinandersetzungen – initiiert von rechts – in der Konsequenz des Hufeisens als unausweichlich, aber auch gesellschaftlich unbe denklich darstellt. Somit wurden die Betroffenen und alle Bewohner: innen von Ballstädt wortwörtlich zum Abschuss freigegeben. Für Angriffe gegen zivilgesellschaftliche Akteure gibt es Strafrabatt. Was ausblieb, war die Empörung der Politik, die sich nach dem Über fall nur allzu gern mit Betroffenheitsgesten und Bekenntnissen zu einer konsequenten Strafverfolgung in den Lokalblättern überschla gen hatte. Über die Mitschuld-These des LG verloren sie kein Wort mehr. Einzig die Opferberatungsstellen und Kenner:innen der rechten Szene wie Katharina König-Preuß prangerten die Signalwirkung, die diese Urteilsbegründung für die rechte Szene haben würde, nachhal tig an.
Rechtsmittel Alle Verurteilten legten gegen das Urteil des LG Erfurt das Rechtsmit tel der Revision zum Bundesgerichtshof ein. Dieser hob mit Beschluss vom 15. Januar 2020 das Urteil des LG Erfurt aus der ersten Instanz auf und verwies die Sache zur Neuverhandlung an eine andere Kammer desselben Gerichts. Die Gründe für die Aufhebung des Urteils waren 68
ausschließlich in der mangelnden Begründungstiefe des erkennenden Gerichts zu finden. Zweifel an der Schuld der Verurteilten hatte auch der Bundesgerichtshof nicht.
So kam es mittlerweile mehr als sieben Jahre nach der Tat zu einer Neuauflage des Prozesses bei einer anderen Kammer des LG Erfurt. Bereits vor Beginn der Hauptverhandlung regte die Staatsanwalt schaft Erfurt einen sogenannten Deal an, also eine Verfahrensabspra che über ein Strafmaß zwischen Staatsanwaltschaft, Angeklagten und Gericht, um das Verfahren möglichst schnell vom Tisch zu bekom men. Bereits in den vorab geführten »Deal-Gesprächen« wurden die Belange der Betroffenen vollständig außer Acht gelassen. Für ein Geständnis wurde allen Angeklagten eine Strafe unterhalb von zwei Jahren sowie deren Aussetzung zur Bewährung in Aussicht gestellt. Dies galt sogar für die Angeklagten, die sich inzwischen wegen des dringenden Tatverdachts bezüglich weiterer schwerer Straftaten in anderer Sache in Untersuchungshaft befanden.
ABBILDUNG 9: Zivilgesellschaftlicher Protest zur Verkündung des Urteils im Ballstädt-Prozess am 12. Juli 2021 vor der Messehalle in Erfurt (Quelle: MOBIT)
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Der Deal
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
Die Hauptverhandlung – eine Farce Der Deal kam zustande. Das Verfahren glich daher einem Theater stück, das manchmal den Eindruck erweckte, nur den Zweck zu haben, die Betroffenen nochmals vor Gericht vorzuführen. Die Geständnisse waren wenig gehaltvoll. »Das wird schon so gewesen sein« und »Ich war betrunken« reichten dem Gericht aus. Dennoch mussten die Betroffenen nochmals vor Gericht aussagen. Was ihre Aussagen dem Gericht an Wahrheitserkundung bringen sollten, konnte auch auf Nachfrage der Nebenklage nicht durch die Vorsitzende dargestellt werden. Hätten dem Gericht die Geständnisse der Angeklagten für ein Urteil gereicht, so wäre eine erneute Vernehmung der Betroffenen ent behrlich gewesen. Bei ihren Aussagen mussten sich die Betroffenen aber Sätze der Vorsitzenden Richterin anhören wie: »Nutzen Sie das hier als Chance, aus der Opferrolle herauszukommen.« Die Neben klage wurde von den übrigen Verfahrensbeteiligten, insbesondere aber von Gericht und Staatsanwaltschaft, als Störfaktor empfunden und mehr als nur einmal von der Vorsitzenden und dem Sitzungsver treter der Staatsanwaltschaft mit höhnischen Kommentaren bedacht. Als die Nebenklage aufgrund des Ablaufs der erneuten Hauptverhand lung darauf verzichtete zu plädieren, zog sie sich endgültig den Zorn des Gerichts zu. So kam das Urteil – Bewährungsstrafe für alle Ange klagten, deren Verfahren nicht eingestellt wurde – nicht ü berraschend. Überraschend war, dass die Urteilsbegründung sich einerseits nicht zum politischen Hintergrund der Angeklagten verhielt, sich aber ande rerseits ausführlich an der Nebenklage und der Öffentlichkeit abarbei tete, die es gewagt hatte, das Gericht und die Staatsanwaltschaft für den Deal zu kritisieren. Es sei zutiefst undemokratisch und ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz, wenn sich Nebenklage und die Öffentlichkeit erdreisten, sich eine Meinung über ein Gerichtsverfah ren zu erlauben, so die Aussage der Vorsitzenden Richterin. Heribert Prantl resümierte in der Süddeutschen Zeitung: »Darf man, im Namen des Volkes, im Namen des Rechtsstaats, im Namen der Demo kratie mit den Leuten Geschäfte, Rechtsgeschäfte machen, die diesen Rechtsstaat mit Füßen treten und mit Fäusten schlagen? Darf sich der Staat auf diese Weise gemein machen mit roher brauner Gewalt? Ich meine: Nein. Deswegen quält mich das Erfurter Urteil.« (Prantl 2021) Folgt man der Logik der vorsitzenden Richterin, tritt auch er damit die richterliche Unabhängigkeit mit Füßen.
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Der Fall Fretterode
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Am 29. April 2018 kam es im thüringischen Eichsfeld zu einer weite ren, durch Neonazis verübten schweren Gewalttat. Am Vormittag hat ten sich zwei Journalisten aus Göttingen nach Fretterode, dem Wohn ort des Thüringer NPD-Vorsitzenden und langjährigen N azifunktionärs Thorsten Heise begeben, um dort ein auf dessen Gutshof stattfinden des Organisationstreffen für eine bevorstehende Demonstration der NPD zum 1. Mai 2018 in Erfurt zu dokumentieren. Die Journalisten wurden entdeckt. Als sie den Ort verlassen wollten, versperrten ihnen zwei Neonazis mit einem Fahrzeug auf der durch das Dorf führenden Kreisstraße den Rückweg. Einer der Neonazis rannte vermummt und mit einem etwa 60 Zentimeter großen Radschlüssel bewaffnet auf das Fahrzeug der Journalisten zu. Diese waren gezwungen, rückwärts fahrend aus dem Ort zu flüchten. Einer der Journalisten fotografierte den Angriff mit einer Spiegelreflexkamera. Die Angreifer fuhren dem Fahrzeug nach und bedrängten es. Es kam zu einer Verfolgungsjagd, die über mehrere Kilometer die Landstraße entlangführte und erst am Ortseingang des übernächsten Ortes endete. Aufgrund einer Baustelle waren die Journalisten gezwungen anzuhalten. Beim Versuch, über die Einfahrt eines landwirtschaftlichen Betriebes zu entkommen, lan deten die Journalisten mit ihrem Fahrzeug im Straßengraben. Die Angreifer schlugen die Fensterscheiben des Fahrzeuges der Jour nalisten ein, sprühten Reizgas in das Fahrzeug und zerstachen die Reifen. Einem Journalisten wurde der Radschlüssel frontal auf den Kopf geschlagen, bei ihm wurde später ein Schädelbruch diagnos tiziert. Der andere Journalist erlitt durch einen Angriff mit einem Messer eine Stichwunde im Oberschenkel. Die Angreifer raubten die Spiegelreflexkamera aus dem Auto und flüchteten mit ihrem Fahrzeug vom Tatort. Nur dem Umstand, dass der Fotograf bereits während der Verfolgungsjagd geistesgegenwärtig die Speicherkarte aus der Kamera entnommen hatte, war es geschuldet, dass die Fotos des Angreifers später als Beweise vorlagen. Durch Zeugen wurde die Polizei zum Tat ort gerufen. Die Täter konnten schnell als Gianluca Bruno, ein NPD-Kader aus dem Raum Göttingen, und Nordulf Heise, der älteste Sohn des NPD-Funk tionärs Thorsten Heise, identifiziert werden. Das Täterfahrzeug war auf die Frau von Thorsten Heise zugelassen. Obwohl die Täter schnell identifiziert waren und von Beginn an neben der gefährlichen Körper verletzung ein schwerer Raub mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren Freiheitsstrafe im Raum stand, wurden die Täter nicht inhaftiert. Nordulf Heise verzog zwischenzeitlich in die Schweiz, gleichwohl 71
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urde seitens der Staatsanwaltschaft keine Fluchtgefahr gesehen, die w die Anordnung von Untersuchungshaft hätte rechtfertigen können. Am 19. Februar 2019 wurde durch die Staatsanwaltschaft Mühlhausen Anklage gegen Nordulf Heise und Gianluca Bruno wegen des Verdachts des schweren Raubes sowie der gefährlichen Körperverletzung zum Landgericht (LG) Mühlhausen erhoben. Erst im September 2021, mehr als dreieinhalb Jahre nach der Tat, begann der Prozess gegen Nordulf Heise und Gianluca Bruno vor dem LG Mühlhausen. Als Verteidiger traten die bekannten Szeneanwälte Klaus Kunze (für Bruno) und Wolfram Nahrath (für Heise) auf. Die Strategie der Verteidigung war von Beginn an auf eine Mischung aus Verharmlosung der Geschehnisse sowie eine klassische Täter-OpferUmkehr ausgelegt. Unterstützer:innen aus der Neonaziszene waren nicht vor Ort. Die Angeklagten inszenierten sich als die eigentlichen Opfer einer Ausspähaktion durch eine wie auch immer geartete mi litante Gruppe von Linksextremisten. Die Journalistentätigkeit der Betroffenen wurde in Abrede gestellt. Weiterhin wurde der Vorwurf der Manipulation des Bildmaterials erhoben. Nach Darstellung von Nordulf Heise hätten die Betroffenen zweimal versucht, ihn zu über fahren. Mit einer GoPro-Kamera seien Fotos von ihm gemacht worden. Eine Spiegelreflexkamera sei durch die Betroffenen nicht eingesetzt worden. Die Angeklagten seien dem Fahrzeug der Betroffenen ledig lich nachgefahren, um das Nummernschild für eine spätere Anzeige 72
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zu notieren und um die Löschung der Fotos zu verlangen. Eine Ver folgungsjagd habe es nicht gegeben. Die schwere Kopfverletzung des einen Geschädigten sei beim Herumfuchteln mit dem Schrauben schlüssel geschehen. Um einen gezielten Schlag habe es sich nicht gehandelt. Einen Messerangriff auf den anderen Geschädigten sowie die Wegnahme einer Kamera habe es ebenfalls nicht gegeben. Die Darstellung der Geschehnisse durch die Angeklagten war zum Teil bereits nicht mit dem Akteninhalt vereinbar, endgültig wurde sie dann aber durch die Beweisaufnahme widerlegt. Ein Passant, der Zeuge der Verfolgung geworden war, bekundete in der Verhandlung eindrück lich, dass ihn die Fahrzeuge mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit überholt und geschnitten hätten. Die Fahrzeuge seien Stoßstange an Stoßstange gefahren. Eine gerichtsmedizinische Sachverständige bekundete, dass es sich bei der Stichverletzung des einen Betroffenen um eine typische Messerstichverletzung gehandelt habe. Letztlich wurde durch einen Bildsachverständigen des Landeskriminalamtes (LKA) Thüringen klargestellt, dass keinerlei Manipulation des Bild materials festgestellt werden konnte. Allerdings wurden im Rahmen der Beweisaufnahme auch dramati sche Ermittlungspannen der Polizei offenbar. Weder das Haus von Thorsten Heise noch das Nachbarhaus, in dem der Angeklagte Gian luca Bruno wohnhaft war, wurden von der Polizei durchsucht. Auf 73
BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
dem Grundstück der Familie Heise konnten Personen unter den Augen der Polizei Gegenstände aus dem Täterfahrzeug entnehmen und hin einlegen. Nach der Beschlagnahme wurde durch die Spurensicherung im Täterfahrzeug ein Messer aufgefunden. Dieses wurde jedoch nicht gesichert, sondern der Familie Heise mitsamt dem Fahrzeug wieder ausgehändigt. Verantwortung für diese Pannen wollte keiner der als Zeugen vernommenen Beamten übernehmen. Zudem kam es im Nach gang zur zeugenschaftlichen Vernehmung eines Polizeibeamten zu einem Gespräch zwischen diesem und einem der Verteidiger, in wel chem der Beamte den Verteidiger f ragte, ob seine Aussage in Ordnung gewesen sei. Ein Näheverhältnis, welches Fragen aufwirft. Das Urteil des Landgerichts Mühlhausen wird für Ende Mai 2022 erwartet.
Fazit Beide Verfahren zeigen, dass es erhebliche Defizite innerhalb der Thü ringer Justiz, aber auch der Thüringer Polizei gibt, die Gefahren von rechts wahrzunehmen und als das einzuordnen, was sie sind: eine Gefahr für die gesamte Gesellschaft. In beiden Verfahren macht das Handeln staatlicher Akteur:innen den Betroffenen klar, dass auf einen staatlichen Schutz vor rechten Übergriffen kein Verlass ist. Die Reak tionen der Landesregierung bleiben zum Teil aus oder lassen ein Aus maß an mangelnder Kritikfähigkeit und Fehlerkultur erkennen, der erschreckend ist. Polizeiliches Fehlverhalten wird nicht aufgearbei tet. I nsofern muss festgestellt werden, dass die gebetsmühlenartigen Aufforderungen der Politik, die Gesellschaft solle sich geschlossen gegen rechte Meinungen stellen, reine Lippenbekenntnisse sind. Beim Schutz von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, die dieser Aufforde rung nachkommen, sucht man vergeblich nach Verbündeten auf staat licher Seite. Beim Prozess stellt sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Einem Innenminister, der dazu aufruft, gegen rechts auf die Straße zu gehen, möchte man zurufen: »Leicht gesagt mit Personenschutz vom Landeskriminalamt.« Die Thüringer Justiz ist kein Bollwerk gegen rechts. Sie ist nicht in der Lage, klare Kante zu zeigen, und sie ist nicht in der Lage, Menschen die sich zivilgesellschaftlich gegen rechts enga giert haben, davor zu schützen, von Nazis angegriffen zu werden.
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QUELLEN Budler, Kai (2014): Brutaler Neonazi-Überfall in Thüringen. Störungsmelder-Blog/ Die Zeit online, 9.2.2014, https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2014/02/09/ brutaler-neonazi-uberfall-in-thuringen_15004 [25.04.2022]. Möller, Conny (2014): Polizei findet rechtes Propagandamaterial bei Neonazi- Konzert in Ballstädt. Thüringische Landeszeitung online, 09.12.2014, www.tlz.de/ BALLSTÄDT — EINE TRAGÖDIE IN ZWEI AKTEN
leben/blaulicht/polizei-findet-rechtes-propagandamaterial-bei-neonazi-konzertin-ballstaedt-id220577471.html [25.04.2022]. Prantl, Heribert (2021): Prantls Blick: Die wahlentscheidende Katastrophe. Süddeutsche Zeitung online, 18.07.2021, www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blickhochwasser-ahrweiler-erftstadt-1.5355576 [25.04.2022]. Thüringer Landtag (2013): Kleine Anfrage der Abgeordneten König (DIE LINKE) und Antwort des Thüringer Innenministeriums: Eigene Musik-CD der Neonazi- Szene zur Finanzierung des NSU-Unterstützers Wohlleben? Drucksache 5/5513, 17.01.2013, www.parldok.thueringer-landtag.de/ParlDok/dokument/47693/eigene_ musik_cd_der_neonazi_szene_zur_finanzierung_des_nsu_unterstuetzers_wohlleben. pdf (25.04.2022). Thüringer Landtag (2014): Kleine Anfrage der Abgeordneten König (DIE LINKE) und Antwort des Thüringer Innenministeriums: Kameradschaft Jonastal und Immobilie Ballstädt, Drucksache 5/8085, 04.08.2014, www.parldok.thueringerlandtag.de/ParlDok/dokument/53365/kameradschaft_jonastal_und_immobilie_ ballstaedt.pdf [25.04.2022].
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DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021 Cynthia Möller, Matthias Koch und Marie Mohrmüller
Mit der Bundestagswahl 2021 haben sich die politischen Kräfteverhält nisse im Osten Deutschlands massiv verschoben. In den neuen Bundes ländern, in denen die SPD anderthalb Jahrzehnte lang einen elektora len Rückgang erlebte, bildete sich der bundesweite Stimmungsum schwung zugunsten der Sozialdemokratie und gegen die Union beson ders deutlich ab: War die SPD 2017 in allen ostdeutschen Bundeslän dern – mit Ausnahme von Brandenburg – noch auf dem vierten Platz gelandet, wurde sie nun in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpom mern und Brandenburg stärkste Kraft. In Thüringen und Sachsen, wo sie traditionell sehr schwach ist, kam sie zum ersten Mal nach 2005 auf Platz zwei. Aufgrund des fortgesetzten Bedeutungsverlustes der CDU in den ostdeutschen Bundesländern gelang es der AfD, ihre Position in ihren Hochburgen Sachsen und Thüringen auszubauen: Bereits 2017 waren die Rechtspopulist:innen in Sachsen knapp stärkste Partei ge worden, nun gelang ihnen das auch in Thüringen, wo sie die Hälfte der zu vergebenden Direktmandate erringen konnten. Am Tag nach der Wahl konstatierte der damalige Bundesvorsitzende Jörg Meuthen, dass die AfD sich zu einer Art Lega Ost34 entw ickele. Diese Entwick lung ist nicht zuletzt auf die Radikalisierung der AfD zurückzuführen, deren völkisch-nationalistischer Kurs und fundamentaloppositionelle Corona-Politik ihr im Osten Deutschlands kaum schadete, während sie im Westen deutliche Verluste hinnehmen musste.
34 In Anlehnung an die früher Lega Nord genannte rechtspopulistische Partei Lega in Italien. Diese war insbesondere in Norditalien erfolgreich.
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AfD-Zweitstimmenergebnisse und ethnozentrische, rechtsextreme und neo-nationalsozialistische Einstellungen
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021 sind Grundlage der Karten und Daten in diesem Artikel (Daten: TLfS 2021a, 2021b). Während die CDU bei der Bundestagswahl 2017 noch alle Direktmandate in Thü ringen gewann, verlor sie 2021 stark an Zustimmung. Abgesehen vom Wahlkreis Eichsfeld-Nordhausen-Kyffhäuserkreis gingen nun alle Direktmandate an andere Parteien, drei an die SPD und vier an die AfD. Das Erststimmenergebnis der AfD (vgl. Abb. 10) schwankte bei der Bundestagswahl 2021 in den Landkreisen überwiegend zwischen 20 und 30 Prozent. In den meisten kreisfreien Städten war die AfD weni ger erfolgreich. Gera bildet unter den kreisfreien Städten die Ausnah me, hier holte die AfD knapp 30 Prozent, was ungefähr ihrem Ergebnis bei der Stadtratswahl 2019 entspricht. In Erfurt, Suhl, Weimar und Jena gelang es der AfD in keinem Fall, über 20 Prozent der Stimmen zu holen. In Jena war die AfD mit einem Erststimmenanteil von elf Prozent am wenigsten erfolgreich. Insgesamt sind die Ergebnisse im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 weitgehend stabil geblieben. Die Erststimmen (2021) liegen in einem ähnlichen Bereich wie die Zweit stimmen (2021, Abb. 11). Der einzige größere Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimmen zeigt sich in den Landkreisen Südthüringens. Die Karte in Abb. 1035 zeigt den Zusammenhang von AfD-Zweitstim menergebnissen und rechtsextremen Einstellungen (vgl. dazu auch den Beitrag von Küppers, Brandy und Reiser in diesem Band). In Land kreisen mit weißer Hintergrundfarbe waren beide Werte relativ gering. In braun gefärbten Landkreisen waren beide Werte hoch. In rötlich gefärbten Kreisen übertrafen rechtsextreme Einstellungen im Vergleich zu anderen Kreisen das Ergebnis der AfD. In bläulich ein gefärbten Kreisen war dieses Verhältnis umgekehrt; hier übertrafen die AfD Wahlergebnisse die Werte zu rechtsextremen Einstellungen. In den südöstlichen Landkreisen und der kreisfreien Stadt Gera sowie den kreisfreien Städten Mittelthüringens waren die Verhältnisse ein deutig. Während im Südosten hohe AfD-Zweitstimmenergebnisse auf hohe rechtsextreme Einstellungen trafen, waren die Werte in den kreisfreien Städten niedrig. Kein grundsätzlich abweichendes Bild bietet sich bei der Betrachtung von ethnozentrischen Einstellungen und AfD-Zweitstimmen. Im Eichs feld stand eine hohe Zustimmung zu ethnozentrischen Einstellungen einem vergleichsweise geringen Anteil an AfD-Zweitstimmen gegen 35 Die Daten wurden im Rahmen des Projekts »Topografie des Rechtsextremismus und der Gruppen bezogenen Menschenfeindlichkeit« visualisiert. Weitere Informationen hier: www.topografie.komrex.unijena.de/ [24.02.2022].
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ABBILDUNG 10:
AfD-Erststimmen bei der Bundestagswahl 2021 in Thüringen
NORDHAUSEN
(Daten: Wahlleiter Thüringen, Geodaten: TLBG)
EICHSFELD KYFFHÄUSERKREIS
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
n 11–15 n 16–20 n 21–24 n 25–28 n 29–32 UNSTRUT-HAINICH-KREIS
SÖMMERDA
WEIMARER L AND
EISENACH
ERFURT
ALTENBURGER L AND
WEIMAR JENA
GOTHA
GER A SA ALE-HOLZL AND-KREIS
WARTBURGKREIS
GREIZ
ILM-KREIS SCHMALK ALDENMEININGEN SA ALFELD-RUDOLSTADT SUHL
SA ALE-ORL A-KREIS HILDBURGHAUSEN
SONNEBERG
über. Beim Vergleich von neo-nationalsozialistischer Ideologie mit den AfD-Zweitstimmen wiederholte sich das Muster abermals. Hier fällt jedoch der Wartburgkreis mit hohen neo-nationalsozialistischen Ein stellungen bei einem gleichzeitig relativ niedrigen Ergebnis bei den AfD-Zweitstimmen auf. Entgegengesetzt dazu haben die Landkreise Hildburghausen und Sonneberg einen hohen AfD-Zweitstimmenwert bei niedrigen neo-nationalsozialistischen Einstellungen. Bei allen drei Einstellungsdimensionen sind die Landkreise Südostthüringens in den meisten Fällen in der »Hoch-Hoch«-Kategorie, die kreisfreien Städte in Mittelthüringen jedoch in der »Niedrig-Niedrig«-Kategorie. Die zentrale Entwicklung im AfD-Wahlergebnis in Thüringen seit der Bundestagswahl 2017 liegt im Auseinandergehen der Schere zwischen den kreisfreien Städten Erfurt, Weimar und Jena und den Landkrei sen sowie den kreisfreien Städten Gera, Eisenach36 und Suhl. In Erste ren sank der Einfluss der AfD, während in Letzteren mehr Stimmen 36 Eisenach ist seit Juli 2021 in den Wartburgkreis eingegliedert, wurde jedoch im Rahmen der Einstellungs forschung in diesem Jahr noch gesondert betrachtet.
78
ABBILDUNG 11:
AfD-Zweitstimmen bei der Bundestagswahl 2021 in Thüringen
NORDHAUSEN
(Daten: Wahlleiter Thüringen, Geodaten: TLBG)
EICHSFELD KYFFHÄUSERKREIS
UNSTRUT-HAINICH-KREIS
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
n 12–15 n 16–20 n 21–24 n 25–28 n 29–32 SÖMMERDA
WEIMARER L AND
EISENACH
ERFURT
ALTENBURGER L AND
WEIMAR JENA
GOTHA
GER A SA ALE-HOLZL AND-KREIS
WARTBURGKREIS
GREIZ
ILM-KREIS SCHMALK ALDENMEININGEN SA ALFELD-RUDOLSTADT SUHL
SA ALE-ORL A-KREIS HILDBURGHAUSEN
SONNEBERG
für die AfD abgegeben wurden als 2017. Darüber hinaus gehen insbe sondere in den südöstlichen Landkreisen hohe AfD-Wahlergebnisse mit hohen Werten bei Einstellungsdaten des Thüringen-Monitors zu ethnozentrischen, rechtsextremen und neo-nationalsozialistischen Einstellungen einher (Abb. 12).37
Beobachtung: subjektive Deprivation In der Leipziger Autoritarismus-Studie von 2020 machen Kazim C elik, Oliver Decker und Elmar Brähler zwei Ursachen für die Unterstützung der AfD aus: »Ein konstant bleibendes Kennzeichen der AfD-Wähler schaft ist das Gefühl der Benachteiligung und die Angst vor Verlust. Einerseits fühlen sie sich im Hinblick auf ihre politische Wirksamkeit depriviert, andererseits sind sie mit den wirtschaftlichen Verhältnissen 37 Weitere bivariate Abbildungen zur ethnozentrischen und neo-nationalsozialistischen Einstellungsdimension finden sich hier: https://storymaps.arcgis.com/stories/643e8ac3635a44aca2a0c23c39a4cbf8 [19.04.2022].
79
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
unzufrieden.« (Kazim et al. 2020: 170) Die Hauptwähler:innenschaft der AfD kam aus der Altersgruppe zwischen 35 und 59 Jahren (vgl. Decker 2020). 68,3 Prozent der Wähler:innen sind dabei Männer, von denen wiederum 67,3 Prozent im mittleren Alter (zwischen 31 und 60 Jahre) sind. Ein Großteil der AfD-Wähler:innen lässt sich der »bürgerlichen Mitte« zuordnen. In früheren Studien waren es noch vermehrt Men schen, die sich politisch dem Rand zuordneten (vgl. K azim et al. 2020: 158). Ursächlich für die beständige Position der AfD ist vor allem der demografisch bedingte überdurchschnittliche Anteil älterer Menschen in den ländlichen Regionen Deutschlands, von dem in Westdeutsch land ebenfalls die CDU profitiert. Die AfD-Fraktion hat mit 51 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt und generiert ein hohes Identifika tionspotenzial für diese Altersgruppe von Wahlberechtigten. Die Erst stimme wird personenbezogen vergeben und die Zweitstimme dann der Partei mit der höchsten subjektiven Übereinstimmung (vgl. John 2021). Für die AfD-Wähler:innen geht eine B edrohung der deutschen
ABBILDUNG 12:
Bivariate D arstellung – AfD-Zweitstimmen Bundestagswahl 2021/ rechtsextreme Einstellungen in Prozent
NORDHAUSEN
EICHSFELD KYFFHÄUSERKREIS
(Daten: Wahlleiter Thüringen, Thüringen-Monitor, Geodaten: TLBG) UNSTRUT-HAINICH-KREIS
SÖMMERDA
WEIMARER L AND
EISENACH
ERFURT
ALTENBURGER L AND
WEIMAR JENA
GOTHA
GER A SA ALE-HOLZL AND-KREIS
WARTBURGKREIS
GREIZ
ILM-KREIS SCHMALK ALDENMEININGEN SA ALFELD-RUDOLSTADT SUHL
SA ALE-ORL A-KREIS HILDBURGHAUSEN
SONNEBERG
80
nnn AfD-Zweitstimmen Bundestagswahl 2021 in % nnn Rechtsextreme Einstellungen 2014–2020 in %
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
Wirtschaft mit einer Gefährdung des Nationalgefühls einher, dabei wird ein ökonomisches Problem auf eine persönliche Ebene übertra gen (ebd.: 160 ff.). Bei der Befragung im Jahr 2020 gaben zudem 84,3 Prozent der AfD-Wähler:innen an, sich politisch rechts zu sehen und auch die Zustimmung zu menschenfeindlichen Aussagen in Bezug auf Muslim:innen nahm zu (ebd.: 163–165). Eine Forsa-Umfrage in der AfDWähler:innenschaft aus dem Jahr 2019 zeigte eine Übereinstimmung mit rechtsextremen Einstellungen (vgl. ebd.; Büüsker 2019). Des Wei teren gaben 87 Prozent der AfD-Anhänger:innen in dieser Umfrage an, dass es ihrer Meinung nach zu viele Ausländer in Deutschland gibt und 86 Prozent sehen eine Gefahr der Überfremdung (ebd.). Der AfD gelang es in Thüringen bei der Bundestagswahl 2021 in drei von acht Landkreisen bei den Erst- und Zweitstimmen stärkste Partei zu werden. Diese Landkreise sind Wahlkreis 192 (Gotha – Ilm-Kreis), Wahlkreis 194 (Gera – Greiz – Altenburger Land) und Wahlkreis 195 (Saalfeld-Rudolstadt – Saale-Holzland-Kreis – Saale-Orla-Kreis). Die nähere Betrachtung der AfD ist relevant, da AfD-Politiker:innen Kon taktpunkte in die rechtsextreme Szene haben und einige AfD-Mitglie der eine rechtsextreme Vergangenheit haben. Seit Jahren verstärkt sich zudem die völkisch-nationalistische Ausrichtung der AfD (Michel sen et al. 2020: 36 ff.; Steiner/Michelsen 2021: 79 ff.). Bei der Bundes tagswahl 2021 kamen aus den folgenden drei ländlichen Wahlkreisen 44,6 Prozent der gesamten Erststimmen und 42,7 Prozent der gesam ten Zweitstimmen: Im Wahlkreis 192 holte sie mit Markus Bühl als Direktkandidat 26,5 Prozent der Erststimmen – ein Zuwachs von 2,6 Prozentpunkten gegenüber 2017 (vgl. Bundeswahlleiter 2022d). Bei den Zweitstimmen ließ sich ein Zuwachs von 1,9 Prozentpunkten auf 26 Prozent verzeichnen. Bei der Bundestagswahl 2017 landete die AfD in diesem Wahlkreis noch auf Platz zwei bei den Erst- und Zweitstim men, jeweils hinter der CDU (vgl. Bundeswahlleiter 2022a). Im Wahlkreis 194 stärkte die AfD ihre Position als führende Partei und bekam 29 Prozent der Erststimmen, was einen Zuwachs von 1,7 Prozentpunk ten bedeutet, sowie 28,1 Prozent der Zweitstimmen – ein Plus von einem Prozentpunkt im Vergleich zu 2017. Direktkandidat in diesem Wahlkreis war Stephan Brandner (vgl. Bundeswahlleiter 2022e). Bei der Bundestagswahl 2017 lag die AfD sowohl bei Erst- als auch bei Zweitstimmen knapp hinter der CDU (vgl. Bundeswahlleiter 2022b). Im Wahlkreis 195 erhielt die AfD bei den Bundestagswahlen 2021 mit 29,3 Prozent der Erststimmen – und somit ein Plus an 2,8 Prozentpunkten im Vergleich zu 2017. Bei den Zweitstimmen setzte sie sich mit 28,2 Prozent, durch, was einem Plus von 2,4 Prozentpunkten entspricht. Der gewählte Direktkandidat ist Michael Kaufmann (vgl. Bundeswahl leiter 2022f). Bei der Bundestagswahl 2017 ging die AfD in diesem 81
DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
Wahlkreis noch als zweitstärkste Kraft hinter der CDU hervor (vgl. Bundeswahlleiter 2022c). Bei näherer Betrachtung der Strukturdaten Thüringens zeigt sich, dass das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte 2018 in allen Wahlkreisen auf einem ähnlichen Niveau war, das Bruttoinlandspro dukt (BIP) in den urbanen Regionen etwas höher als in den ländlichen. In allen Wahlkreisen macht der Bevölkerungsanteil im Alter von 35 bis 59 Jahre gut ein Drittel aus. Die Auswertung hat ergeben: In Thüringen gibt es nur marginale Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Wahlkreisen. Damit lässt sich der konstante Zuspruch, den die AfD erfährt, nicht durch ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle erklären. Die AfD setzte sich zudem in Landkreisen durch, die einen geringen Anteil ausländischer Bevölkerung und keine signifikant erhöhte Arbeits losenquote aufweisen. Vor allem die Verbreitung ethnozentrischer Einstellungen, wie sie der Thüringen-Monitor erfasst (vgl. den Beitrag von Küppers, Brandy und Reiser in diesem Band), lässt einen Rückschluss auf das Ausmaß der Unterstützung der AfD in den Thüringer Regionen zu, da die AfD als parlamentarische Übersetzung dieser Überzeugungen begriffen wird (Salheiser/Richter 2021: 57 f.). Die Autor:innen des Thüringen-Monitors 2021 weisen darauf hin, »dass Vorurteile gegenüber ›Ausländern‹ we sentlich durch niedrige Bildung, höheres Alter, Autoritarismus, eine ungünstige Bewertung der individuellen wirtschaftlichen Situation (Deprivation) sowie Statusverlustangst verstärkt werden. Den stärks ten Effekt hat allerdings eine empfundene Benachteiligung der Befrag ten als Ostdeutsche«. (Reiser et al. 2021: 102f.)
Ausblick In Thüringen gibt es keine bedeutenden Unterschiede zwischen länd licher und städtischer Prägung. Es entsteht ein Synergieeffekt zwi schen rechten Tendenzen in der Thüringer Bevölkerung und der offen sichtlicher werdenden rechten Ausrichtung der AfD. Die früher als Protestwahl bezeichnete Wahl der AfD aus Anti-Establishment-Res sentiments wurde durch Überzeugung abgelöst und ist als Ausdruck ökonomischer (Zukunfts-)Angst, gekoppelt an nationale Identifikation und Migrant:innenfeindlichkeit, zu verstehen.
82
ANHANG Wahlkreis
Bezeichnung
189
Eichsfeld – Nordhausen – Kyffhäuserkreis
190
Eisenach – Wartburgkreis – Unstrut-Hainich-Kreis
191
Jena – Sömmerda – Weimarer Land I
192
Gotha – Ilm-Kreis
193
Erfurt – Weimar – Weimarer Land II
194
Gera – Greiz – Altenburger Land
195
Saalfeld-Rudolstadt – Saale-Holzland-Kreis – Saale-Orla-Kreis
196
Suhl – Schmalkalden-Meiningen – Hildburghausen – Sonneberg
LITERATUR Büüsker, Ann-Kathrin (2019): AfD-Parteitag/Meinungsforscher. »Die AfD ist keine bürgerliche Partei«, Gespräch mit Manfred Güllner. Online: www.deutschland funk.de/afd-parteitag-meinungsforscher-die-afd-ist-keine-100.html [14.02.2022]. Decker, Frank (2020): Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD. Bundeszentrale für politische Bildung. Online: www.bpb.de/themen/parteien/parteien-in-deutsch land/afd/273131/wahlergebnisse-und-waehlerschaft-der-afd/ [14.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 a): Bundestagswahl 2017: Ergebnisse Thüringen. Online: www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse/bund-99/land-16. html [24.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 b): Bundestagswahl 2017: Ergebnisse Wahlkreis 192 Gotha – Ilm-Kreis. Online: www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse/ bund-99/land-16/wahlkreis-192.html [24.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 c): Bundestagswahl 2017: Ergebnisse Wahlkreis 195 Saalfeld- Rudolstadt – Saale-Holzland-Kreis – Saale-Orla-Kreis. Online: www.bundeswahl leiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse/bund-99/land-16/wahlkreis-195.html [24.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 d): Bundestagswahl 2021: Ergebnisse Wahlkreis 192 Gotha – Ilm-Kreis. Online: www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2021/ergebnisse/ bund-99/land-16/wahlkreis-192.html [24.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 e): Bundestagswahl 2021: Ergebnisse Wahlkreis 194 Gera – Greiz – Altenburger Land. Online: www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/ 2021/ergebnisse/bund-99/land-16/wahlkreis-194.html [24.02.2022]. Bundeswahlleiter (2022 f): Bundestagswahl 2021: Ergebnisse Wahlkreis 195 Saalfeld- Rudolstadt – Saale-Holzland-Kreis – Saale-Orla-Kreis. Online: www.bundeswahl leiter.de/bundestagswahlen/2021/ergebnisse/bund-99/land-16/wahlkreis-195.html [24.02.2022]. John, Stefanie (2021): Analyse der Bundestagswahl 2021. In: böll.brief Demokratie und Gesellschaft, 25. Online: www.boell.de/sites/default/files/2021-10/BTW21_ Analyse.pdf?dimension1=division_ppf [24.02.2022].
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DIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
Aufschlüsselung Wahlkreise in Thüringen
Kazim, Celik/Decker, Oliver/Brähler, Elmar (2020): Rechtsextremismus für die breite Gesellschaft? Der Wandel der AfD-Wählerschaft von 2014 bis 2020. In: Decker, Oliver/Brähler, Elmar [Hrsg.]: Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Leipziger Autoritarismus Studie: Leipzig, S. 149–175. Michelsen, Danny/Koch, Matthias/Miehlke, Marius/Dingfelder, Juliane/BeelDIE THÜRINGER AFD BEI DER BUNDESTAGSWAHL 2021
mann, Andreas (2020): Gefährdungen der demokratischen Kultur in Thüringen. Rechtsextremismus und politische Entfremdung. KomRex: Jena. Reiser, Marion/Küppers, Anne/Hebenstreit, Jörg/Salheiser, Axel/Vogel, Lars (2021 b): Demokratie in der Corona-Pandemie. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2021. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Jena Online: www.komrex.uni-jena.de/ komrexmedia/publikationen/tm2021.pdf [19.04.2022]. Salheiser, Axel/Richter, Christoph (2021): Die Bundestagswahl 2021 in Thüringen: Rechtsradikalismus und regionale politische Kultur. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft [Hrsg.]: Wissen schafft Demokratie, Band 10, Schwerpunkt Ursachen von Rechtsextremismus und Ungleichwertigkeitsideologien, S. 50–63. Online: www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/PDFS_WsD10/Beitrag_Axel_ Salheiser___Christoph_Richter.pdf [19.04.2022]. Steiner, Felix/Michelsen, Danny (2021): Die AfD in Thüringen. Völkischer Natio nalismus als Programm. In: ezra, MOBIT, KomRex, IDZ [Hrsg.]: Thüringer Zustände. Rechtsextremismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Freistaat Thüringen. Jena, S. 79–87. Thüringer Landesamt für Statistik (TLfS) (2021 a): Bevölkerung nach Alters gruppen und Kreisen in Thüringen. Online: www.statistik.thueringen.de/ datenbank/TabAnzeige.asp?tabel le=kr000103%7C%7C [24.02.2022]. Thüringer Landesamt für Statistik (TLfS) (2021 b): Bundestagswahl 2021 in
Thüringen – endgültiges Ergebnis. Online: www.wahlen.thueringen.de/ datenbank/wahl1/WAHL.asp?wahl art=BW&wJahr=2021 [24.02.2022].
84
CORONA-SKEPSIS UND RECHTSEXTREMISMUS — DER EINFLUSS DER CORONAPANDEMIE AUF DIE POLITISCHEN EINSTELLUNGEN IN THÜRINGEN Anne Küppers, Volker Brandy und Marion Reiser
In Thüringen haben sich in den ersten beiden Pandemiejahren – wie in Gesamtdeutschland – »Hygiene«- oder »Querdenker«-Proteste g egen die aus Sicht der Teilnehmenden ungerechtfertigten Corona-Maßnah men und die mit ihnen einhergehenden Einschränkungen der persön lichen Freiheitsrechte herausgebildet. Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Demonstrationen an Zulauf verlieren, die Radika lität der Anti-Corona-Bewegung jedoch zunimmt (Grande et al. 2021). Zugleich ist eine Vereinnahmung der Proteste durch Rechtsextreme zu beobachten, die vielfach als Organisator:innen sogenannter »CoronaSpaziergänge« in Erscheinung treten (Baumgartner und Müller 2022). Diese Überschneidung von Corona-Skeptiker:innen und Rechtsextre men ist nicht nur auf den Anti-Corona-Demonstrationen zu beobach ten. Studien weisen auf eine Überlappung von pandemieskeptischen und rechtsextremen Einstellungen hin (Reiser et al. 2021a: 97; Reiser et al. 2021b: 53; Küppers/Reiser 2021). Der folgende Beitrag untersucht das Auftreten rechtsextremer Einstellungen in der Thüringer Bevöl kerung im zweiten Jahr der Corona-Pandemie und stellt den Zusam menhang mit coronaskeptischen Einstellungen dar. Grundlage hierfür ist der Thüringen-Monitor 2021 (Reiser et al. 2021b). Der Thüringen-Monitor ist eine von der Thüringer Staatskanzlei beauf tragte und seit 2001 jährlich stattfindende repräsentative Bevölkerungs befragung zur politischen Kultur in Thüringen. In computergestützten 85
CORONA-SKEPSIS UND RECHTSEXTREMISMUS …
Telefoninterviews wurden 1110 zufällig ausgewählte, bei Bundestags wahlen wahlberechtigte Thüringer:innen zu ihren politischen Einstel lungen befragt. Die jährliche Erhebung rechtsextremer Einstellungen, der Demokratieakzeptanz und -zufriedenheit, des Institutionenver trauens, politischer Partizipation und politischer Radikalisierung der Thüringer:innen bietet dabei die Möglichkeit zur Beobachtung und Analyse langfristiger Entwicklungen. Das Schwerpunktthema des Thü ringen-Monitors wechselt jährlich und greift jeweils aktuelle politische und gesellschaftliche Themen auf. Der Thüringen-Monitor 2021 unter suchte, wie auch der vorjährige, Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die politische Kultur im Freistaat. Abgefragt wurden u. a. Einstel lungen gegenüber den Strategien zur Pandemiebewältigung sowie »Corona-Skepsis« und pandemiebezogenes Verschwörungsdenken. Im Folgenden wird zunächst erläutert, wie rechtsextreme Einstellun gen im Thüringen-Monitor definiert und untersucht werden und wie sich ihre Verbreitung in Thüringen entwickelt haben. In einem z weiten Schritt wird erläutert, inwiefern eine Überlappung von coronaskep tischen und rechtsextremen Einstellungen in Thüringen zu beobach ten ist.
Rechtsextremismus in Thüringen Die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen ist in Thüringen gegen über dem Vorjahr erneut gesunken. Rechtsextremismus gilt laut der sogenannten Konsensdefinition als die Überzeugung von der unter schiedlichen Wertigkeit von Menschen in Abhängigkeit von zugeschrie benen Merkmalen wie Nationalität, Hautfarbe oder ethnischer Her kunft sowie ein auf diesen Ungleichwertigkeitsvorstellungen aufbau endes Gesellschaftsbild (vgl. u. a. Kreis 2007: 13; Best/Salomo 2014: 7; Zick/Küpper 2021: 80). Untersucht werden rechtsextreme Einstellun gen im Thüringen-Monitor durch die Zustimmung zu zehn Aussagen, die dem Ethnozentrismus oder Neo-Nationalsozialismus zugeordnet werden können (vgl. Abb. 13). Als »rechtsextrem eingestellt« gelten Personen, die den zehn Aussagen im Durchschnitt eher zustimmen als sie abzulehnen. Das auf dieser Definition aufbauende und im Thüringen-Monitor be währte Messinstrument zeigt einen Rückgang der als rechtsextrem eingestuften Befragten von 17 Prozent im Jahr 2020 auf elf Prozent im Jahr 2021 (vgl. Abb. 14). Damit erreicht der Anteil der rechtsextrem Eingestellten in Thüringen den niedrigsten Wert seit Beginn der Mes sungen im Jahr 2001. 86
ETHNOZENTRISMUS
NEO-NATIONALSOZIALISMUS
Nationalismus und Chauvinismus
CORONA-SKEPSIS UND RECHTSEXTREMISMUS …
»Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durch setzen deutscher Interessen gegen über dem Ausland.« — »Andere Völker m ögen Wichtiges vollbracht haben, an deutsche Leistungen reicht das aber nicht heran.« Fremdenfeindlichkeit »Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährli chen Maße überfremdet.« — »Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.«
»Ausländer sollten grundsätzlich ihre Ehepartner unter den eigenen Landsleuten auswählen.« (Rassismus)
Sozialdarwinismus »Es gibt wertvolles und unwertes Leben.« — »Wie in der Natur sollte sich auch in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen.« Verharmlosung des Nationalsozialismus »Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten.« Antisemitismus »Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.« Unterstützung einer rechten Diktatur »Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.«
ABBILDUNG 13:
Aussagen zur Erfassung rechtsextremer Einstellungen
(Quelle: Thüringen-Monitor 2021 – Reiser et al. 2021 b: 79)
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ABBILDUNG 14: Verbreitung rechtsextremer Einstellungsmuster in Thüringen 2001–2021
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(Quelle: Thüringen-Monitor 2021 – Reiser et al. 2021 b: 80)
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n neo-nationalsozialistische Ideologie n Rechtsextremismus n Ethnozentrismus
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Corona-Skepsis, Verschwörungsdenken und Rechtsextremismus Ein zentraler Schwerpunkt der Thüringen-Monitore 2020 und 2021 lag in der Frage, inwiefern sich coronaskeptische und rechtsextreme Einstellungen überlappen. Als Corona-Skepsis werden Einstellungen bezeichnet, die die mit dem Corona-Virus verbundenen Gefahren leug nen, verharmlosen oder wissenschaftsfeindlich sind. Sie wurden im Thüringen-Monitor mit drei Aussagen erfasst (vgl. Abb. 15). Der coronaskeptischen Aussage, dass das Virus »eigentlich nicht schlimmer als eine Grippe« ist, stimmten im Sommer 2021 etwas mehr als ein Fünftel der Befragten zu. Damit ging die Zustimmung im Ver gleich zum Herbst 2020 um 13 Prozentpunkte zurück. Ursächlich hier für dürften u. a. die hohen Infektionszahlen im Freistaat während der zweiten und dritten Welle der Pandemie gewesen sein, durch die deut lich mehr Thüringer:innen nach eigener Auskunft direkt oder indirekt gesundheitlich durch das Corona-Virus betroffen waren. Auch die Zustimmung zur Aussage »Die Gefahr, die vom Corona-Virus ausgeht, wird von den Medien stark übertrieben« geht im Vorjahresvergleich um zehn Prozentpunkte zurück. Keine Veränderungen ergeben sich dagegen in Bezug auf die wissenschaftsskeptische Einstellung »Ich vertraue meinen Gefühlen mit Blick auf den Umgang mit Corona mehr als sogenannten Experten«. 44 Prozent der Befragten stimmen dieser Aussage »voll und ganz« bzw. »eher« zu (2020: 43%).
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Die stärksten Einflussfaktoren für Corona-Skepsis sind rechtsextreme Einstellungen, Verschwörungsdenken sowie ein geringes Vertrauen in das Robert-Koch-Institut (vgl. Reiser et al. 2021b: 52). Verschwörungs erzählungen, die im Zusammenhang mit der Pandemie große mediale Aufmerksamkeit erfahren haben, unterstellen einen geheimen Plan einer mächtigen Gruppe, um wichtige Ereignisse zu b eeinflussen und der Gesellschaft zu schaden. Insgesamt glauben 44 Prozent der Thü ringer:innen an mindestens eine pandemiebezogene Verschwörungs erzählung (vgl. dazu ausführlich Reiser et al. 2021b: 58–61). Wie bereits im Thüringen-Monitor 2020 festgestellt wurde (vgl. Reiser et al. 2021a: 76), sind Personen, die coronaskeptisch sind bzw. an CoronaVerschwörungserzählungen glauben, eher rechtsextrem eingestellt
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10 0 2020 ABBILDUNG 15:
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Zustimmung zu coronaskeptischen Aussagen 2020–2021
(Quelle: Thüringen-Monitor 2021 – Reiser et al. 2021 b: 51)
n lehne völlig ab n stimme überwiegend zu
n lehne überwiegend ab n stimme voll und ganz zu
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Damit sind coronaskeptische Einstellungen auch im zweiten Pande miejahr im Freistaat noch weit verbreitet. Rund 60 Prozent der Thü ringer:innen stimmen mindestens einer der genannten Aussagen zu. Gleichzeitig stimmt jedoch nur eine Minderheit von 16 Prozent der Befragten allen drei Aussagen zu, weitere 17 Prozent befürworten zwei Aussagen.
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(vgl. Abb. 16). Allerdings hat sich die Überlappung zwischen rechts extremen und pandemieskeptischen Einstellungen im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr deutlich abgeschwächt: Der Anteil der sowohl rechtsextrem als auch coronaskeptisch eingestellten Thüringer:innen ist von elf auf drei Prozent gesunken. Die breite Mehrheit der Thürin ger:innen ist damit – wie schon im Vorjahr – weder rechtsextrem noch coronaskeptisch eingestellt. Während im vergangenen Jahr knapp zwei Drittel der rechtsextrem eingestellten Befragten auch corona skeptisch eingestellt waren, ist es nun nur noch ein Drittel. Gleich zeitig sind 16 Prozent der Corona-Skeptiker:innen – und damit nur etwa halb so viele wie im ersten Pandemiejahr beobachtet wurden – rechtsextrem eingestellt (in der übrigen Thüringer Bevölkerung sind es nur 10%). Rechtsextremismus und Corona-Skepsis
ABBILDUNG 16:
(Quelle: Thüringen-Monitor 2021 – Reiser et al. 2021 b: 62)
Corona-Skepsis (»Das Virus ist eigentlich nicht schlimmer als eine Grippe«)
Rechtsextreme Einstellung nein
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Ablehnung
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Zustimmung
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Neben diesem Rückgang sind sowohl im Segment der rechtsextrem eingestellten Corona-Skeptiker:innen als auch unter den nicht rechts extremen Covid-19-Skeptiker:innen im Vergleich zum Vorjahr Radika lisierungstendenzen erkennbar. Beispielsweise stieg die Zustimmung zur Aussage »Es ist Zeit, Widerstand gegen die aktuelle Politik zu zei gen« in beiden Segmenten um knapp zehn Prozentpunkte (auf 73% bzw. 60%). Durch die Selbstinszenierung als »mutige Widerstands kämpfer:innen« überhöhen die Corona-Skeptiker:innen ihre eigene Rolle. Gleichzeitig werden in diesem Zuge – wenn der Staat, gegen den man sich im Widerstand wähnt, mit der NS-Herrschaft gleichgesetzt wird – die Verbrechen der NS-Diktatur relativiert. Insgesamt äußern zudem 41 Prozent der Thüringer:innen Angst vor dem Abgleiten in eine Corona-Diktatur. Diese Angst wird durch rechtsextreme Einstel lungen noch einmal verstärkt. Ähnlich wie das Widerstandsnarrativ dient die Charakterisierung des jetzigen politischen Systems als Dik tatur der Delegitimierung demokratischer Politik. Insgesamt zeigt sich somit ein erstaunlicher Rückgang der Überlap pung von rechtsextremen und coronaskeptischen Einstellungen (vgl. hierzu ausführlich Reiser et al. 2021b: 62–65). Dies zeigt, dass die u. a. 90
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auch von Medien und Wissenschaft festgestellte Radikalisierung der schrumpfenden Anti-Corona-Bewegung nicht in Richtung des klas sischen Rechtsextremismus stattgefunden hat. Damit spricht dieses Ergebnis dafür, dass es sich bei der Querdenker:innen-Szene um ein eigenständiges Problemfeld und eine neue Extremismuskategorie handelt, deren antidemokratische Einstellungen als Gefahr und Her ausforderung für die Demokratie weiterhin zu untersuchen sind.
Fazit Auf Basis des Thüringen-Monitors 2021 zeigt dieser Beitrag, dass die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Thüringen gegenüber dem Vorjahr erneut gesunken ist – von 17 auf elf Prozent. Damit erreicht der Anteil der rechtsextrem Eingestellten in Thüringen den niedrigsten Wert seit Beginn der Messungen im Jahr 2001. Gleichzei tig war im Jahr 2021 die Zustimmung zu coronaskeptischen Aussagen in der Thüringer Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr rückläufig. Dennoch sind Einstellungen, die Misstrauen gegenüber der liberalen Demokratie und ihren Institutionen ausdrücken, auch 2021 weit ver breitet. Insbesondere sind hier die im Thüringen-Monitor festgestell ten antidemokratischen Tendenzen innerhalb der Szene der CoronaSkeptiker:innen zu nennen. Die Daten des Thüringen-Monitors bestä tigen dabei die von Medien und Wissenschaft wahrgenommene Radi kalisierung der schrumpfenden Bewegung. Die abnehmende Über lappung rechtsextremer und coronaskeptischer Einstellungen spricht dafür, die Entwicklungen der Querdenker:innen-Szene als eigenes Problemfeld wahrzunehmen und ihr antidemokratische Potenzial weiterhin zu beobachten.
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LITERATUR Best, Heinrich/Salomo, Katja (2014): Güte und Reichweite der Messung des Rechtsextremismus im Thüringen-Monitor 2000 bis 2014. Expertise für die Thüringer Staatskanzlei. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Jena. Grande, Edgar/Hutter, Swen/Hunger, Sophia/Kanol, Eylem (2021): Alles Covi dioten? Politische Potenziale des Corona-Protests in Deutschland. WZB Working Paper: Berlin. Kreis, Joachim (2007): Zur Messung von rechtsextremer Einstellung: Probleme und Kontroversen am Beispiel zweier Studien. Arbeitshefte aus dem Otto-StammerZentrum, 12: Berlin. Küppers, Anne/Reiser, Marion (2021): ”It is not worse than a flu“ – COVID-19 Scepticism and the Role of Trust and Far-Right Attitudes in Germany. Online: www.osf.io/preprints/socarxiv/afnmz/ [22.03.2022]. Reiser, Marion/Küppers, Anne/Hebenstreit, Jörg/Salheiser, Axel/Vogel, Lars (2021 a): Die Corona-Pandemie in Thüringen. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2020. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Jena Online: www.landesregierung- thueringen.de/fileadmin/user_upload/Landesregierung/Landesregierung/ Thueringenmonitor/Thu_ringen_Monitor_bf_2020.pdf [22.03.2022]. Reiser, Marion/Küppers, Anne/Hebenstreit, Jörg/Salheiser, Axel/Vogel, Lars (2021 b): Demokratie in der Corona-Pandemie. Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2021. Friedrich-Schiller-Universität Jena: Jena Online: www.komrex.uni-jena.de/ komrexmedia/publikationen/tm2021.pdf [22.03.2022]. Zick, Andreas/Küpper, Beate (2021): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21. Dietz: Bonn.
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AUTOR:INNENINFORMATIONEN Ben-Yehoshua, Joël — ist Philosoph und wissenschaftlicher Referent für die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Thüringen (RIAS Thüringen) am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft. Nebenbei ist er Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der Philipps-Universität Marburg. Brandy, Volker — ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissen schaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied im Team des Thüringen-Monitors. Dieckmann, Janine, Dr. phil. — ist Sozialpsychologin und seit 2016 als wissen schaftliche Referentin im Forschungsschwerpunkt Diskriminierung am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ). Sie leitet den Bereich Vielfalt, Engagement und Diskriminierung. Geschke, Daniel, Dr. phil. — ist Sozialpsychologe und seit September 2016 wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesell schaft und dort u. a. verantwortlich für die Forschungsschwerpunkte Hasskriminalität und Hasssprache. Helwig, Marcello — ist Referent für Erwachsenenbildung im Queeren Zentrum Erfurt und studiert das Lehramt für politische Bildung und Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Jacobs, Lisa — ist wissenschaftliche Referentin für die Recherche- und Infor mationsstelle Antisemitismus in Thüringen (RIAS Thüringen) am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ). Kahlen, Rasmus — ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger und betreibt als Fachanwalt für Strafrecht eine Kanzlei in Göttingen. Er vertritt Betroffene rechter Gewalt, z. B. im Ballstädt-Verfahren in Erfurt oder im FretterodeVerfahren in Mühlhausen. Koch, Matthias — ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Rechts extremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
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Lauß, Theresa — ist Soziologin und arbeitet als Beraterin bei ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in T hüringen. Millius, Philipp — ist Soziologe und arbeitete von 2018 bis März 2022 als Berater und Bildungsreferent des Flüchtlingsrats Thüringen e.V. zu asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragestellungen u. a. von unbegleiteten Minder jährigen. Er beschäftigt sich zudem mit dem Themenfeld Antirassismus sowie mit Unterbringungsbedingungen und Grundrechtsverletzungen von Schutzsuchenden. Mohrmöller, Marie — ist studentische Assistentin am Zentrum für Rechtsextre mismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Möller, Cynthia, Dr. phil. — ist Geschäftsführerin des Zentrums für Rechtsextre mismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Pietrzyk, Kristin — ist Strafverteidigerin in Jena und Leipzig. Sie vertritt Betroffene rechter Gewalt, z. B. im Ballstädt-Verfahren, in den Verfahren zu den Attentaten in Hanau und Halle. Reiser, Marion, Prof. Dr. — ist Professorin für das politische System der Bundes republik Deutschland an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seit 2018 wissenschaftliche Leiterin des Thüringen-Monitors. Salheiser, Axel, Dr. phil. — ist Soziologe und seit 2012 Co-Autor des ThüringenMonitors. Seit 2019 arbeitet er als wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ). Seit Februar 2022 ist er kommissarischer wissenschaftlicher Leiter des IDZ. Schestak-Haase, Franziska — ist seit 2018 Beraterin bei ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen. Sie beschäftigt sich zudem mit der anstehenden wissenschaftlichen Überprüfung der Todesopfer rechter Gewalt in Thüringen seit 1990.
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AUTOR:INNEN-INFORMATIONEN
Küppers, Anne, Dr. phil. — Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für das politische System der Bundesrepublik Deutschland an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seit Mitte 2020 Koordinatorin des Thüringen-Monitors.
AUTOR:INNEN-INFORMATIONEN
Schulz, Marina — ist Projektkoordinatorin für das Queere Zentrum Erfurt beim Träger Vielfalt leben – QueerWeg Verein für Thüringen e.V. Thiele, Anja, Dr. phil. — ist Literaturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Referentin am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ). Seit 2020 leitet sie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in T hüringen (RIAS Thüringen). Sie forscht schwerpunktmäßig zu A ntisemitismus und deutscher Erinnerungskultur. Zobel, Franz — ist Projektkoordinator von ezra – Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen und hat Politik wissenschaften, Rechtswissenschaften und Neuere Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena studiert.
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IMPRESSUM Herausgeber:innen: ezra, MOBIT e.V., KomRex, IDZ Jena Redaktion: Dr. Axel Salheiser
MOBIT – Mobile Beratung in Thüringen – für Demokratie, gegen Rechtsextremismus e.V.
Schillerstraße 44, 99096 Erfurt
Lektorat: Susanne Haldrich
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Gestaltung und Satz: Uwe Adler
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ezra – Beratung für Betroffene
Redaktionsschluss: 1. Mai 2022
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bei den jeweiligen Autor:innen.
antisemitischer G ewalt in Thüringen
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KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung,
Demokratiebildung und
gesellschaftliche Integration Friedrich-Schiller-Universität Jena Humboldtstraße 11, 07743 Jena Gefördert vom Thüringer
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und Sport im Rahmen des Thüringer Landesprogramms
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für Demokratie, Toleranz
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DIE »THÜRINGER ZUSTÄNDE« BIETEN EINE KOMPAKTE, FAKTENBASIERTE DARSTELLUNG UND KRITISCHE EINORDNUNG der Situation des Rechtsextremismus, des A ntisemitismus und Rassismus, der Abwertung, Diskriminierung und Hassgewalt im Freistaat Thüringen im Jahr. Dazu werden in elf Einzel beiträgen wissenschaftliche Analysen sowie Einschätzungen auf Grundlage zivilgesellschaft licher Expertise und aus der Perspektive von Betroffenen vorgelegt. WWW.THUERINGER-ZUSTAENDE.DE
Aus dem Inhalt: Antidiskriminierungsarbeit und Diskriminierungsthemen in Thüringen » Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Thüringen » P olizeilich erfasste Hasskriminalität in Thüringen » Rechte, rassistische und anti semitische Gewalt in Thüringen » Die extreme Rechte in Thüringen » Der Mord an Mario K. in A ltenburg im Kontext LSBTIQA*-feindlicher Gewalt in Thüringen » Rassismus in Thüringen: Selbst organisation und Empowerment als Antwort » Blackbox Erstaufnahmeeinrichtung – Innenansich ten des Ankommens in Thüringen » Ballstädt – eine Tragödie in zwei Akten » Die Thüringer AfD bei der Bundestagswahl 2021 » Corona-Skepsis und Rechtsextremismus – Der Einfluss der Corona-Pandemie auf die politischen Einstellungen in Thüringen