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Bis auf den letzten Schritt (Iris Lieser) - 9783863340414

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Inhalt I Panik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heiligabend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alles Gute! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Krisenselbstgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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II Schockstarre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Du Idiot! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fremde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frühlingsbeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein zäher Tag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterstützung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wechselbad der Gefühle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kinderwahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwei vergeudete Stunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trotz allem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

30 32 38 43 48 52 57 66 76 86 95

III Hoffnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Familienfrühstück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hoffnung und Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Zwiespalt mit Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Am Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein vages Gefühl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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IV Akzeptanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sommerferien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Gewitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Fehlversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Besuch in Wien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Adventskalender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

152 154 162 170 178 190

V Niemandsland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Pflaster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schritte im Keller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Engel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alles hat seinen Sinn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weihnachten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Besuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Schmerzpumpe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das hält Gott aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die letzte Liebeserklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Danke, dass du mich gehen lässt“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

200 202 212 219 229 237 247 252 259 267 276

Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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I

Panik


Es passiert aus heiterem Himmel. Ich friere ganz plötzlich, wie ich nie zuvor gefroren habe. Meine Hände sind aus Eis, eine Gänsehaut kriecht vom Nacken den Rücken hinunter. Kalter Schweiß bricht aus allen Poren. Die Geräusche um mich herum scheinen weit weg. Ich höre sie wie durch Watte, habe nur ein hartes, schnelles Hämmern in meinem Kopf – meinen eigenen, plötzlich beschleunigten Herzschlag. Ein Schleier schiebt sich vor meine Augen, meine Umgebung verschwindet im Nebel. Dann überfällt mich die Angst. Irgendetwas scheint nach mir zu greifen, bedrohlich, grausam, gnadenlos, schnürt mir buchstäblich die Kehle zu und macht das Atmen zu einer körperlichen Anstrengung. Und auf einmal, ebenso unvorbereitet und im selben Takt, in dem mein Herz rast, dröhnt in meinem Kopf nur ein einziges Wort: Peter.


Heiligabend Die Kirche war brechend voll an diesem Nachmittag des 24. Dezember. Wir waren heilfroh, dass meine Mutter uns Plätze frei gehalten hatte. „Endlich sitzen!“, stöhnte mein Mann und streckte beide Beine von sich. „Tut das gut.“ Auch mir erschien in diesem Moment die hölzerne Kirchenbank der Inbegriff aller Bequemlichkeit zu sein. „Peter!“, zischte meine Mutter, „setz’ dich vernünftig hin. Du bist hier nicht zu Hause.“ Mit einem breiten Grinsen zog er die Beine wieder an, beugte sich zu mir und raunte mir zu: „Wenn sie wüsste, wie fertig wir sind. Aber eines sage ich dir: Im nächsten Jahr …“ „… machen wir alles anders“, fiel ich in sein Flüstern ein. Wir mussten kichern. Diesen guten Vorsatz fassten wir jedes Jahr aufs Neue, um ihn dann doch nicht einzuhalten … Bereits Ende November hatten wir der üblichen Hektik der Vorjahre den Kampf angesagt und einen Plan geschmiedet, der uns eine besinnliche Adventszeit und ein gut vorbereitetes Weihnachtsfest bescheren sollte. Doch wie so oft hatten wir uns durch unzählige Dinge ablenken lassen. Die Zeit rannte, sodass wir es trotz aller guten Vorsätze nicht vermeiden konnten, noch am Morgen des Heiligen Abends eine Vielzahl an Dingen erledigen zu müssen. Seit Tagen stand die Tanne vernachlässigt im Netzgewand auf der Terrasse, zahllose Geschenke wollten verpackt werden, und ich hatte beim gestrigen Einkauf die zuvor erstellte Liste auf dem Tisch liegen gelassen und somit prompt einige der benötigten Zutaten für das abendliche Festessen vergessen. Ganz abgesehen davon, dass dieses noch vorbereitet und gekocht werden musste. 8


„Augen zu und durch, wir schaffen das schon“, sagte Peter optimistisch beim schnellen Frühstück. „Ich stecke die Kinder in die Wanne, dann kannst du …“ Er brach ab, da unsere Sprösslinge aufmerksam zuhörten, und wies mit dem Kinn nach oben. Ich verstand seine Andeutung und wickelte in den nächsten beiden Stunden im Akkord buntes Papier um all das, was Stunden später die Augen unseres Nachwuchses zum Leuchten bringen sollte. Zumindest die dreijährige Sophie glaubte noch an das Christkind. Wir wollten ihr den Zauber dieses Glaubens so lange wie möglich erhalten. Zwischendurch ertönte lautes Gebrüll. Ich unterbrach meine Arbeit und flog die Treppe hinunter. Neben dem halb geschmückten Tannenbaum stand David und hielt mir mit kläglichem Gesicht seine Hand entgegen. Ein Tröpfchen Blut sickerte aus seinem Zeigefinger. Auf dem Boden lagen die Scherben einiger Baumkugeln. „Der übliche Kampf der Minititanen. Das musste ja passieren“, kommentierte Peter lakonisch die schwere Verletzung unseres Sohnes. „Wo sind die Pflaster?“ Die standen auf der Einkaufsliste. In den Tiefen meiner Tasche fand ich noch eine kleine Dose, in der ein letztes Pflaster mit ganz und gar unmännlichen Pferdemotiven auf seinen Einsatz wartete. „Nee, damit gehe ich nicht nach draußen! Das ist ja total uncool!“ Mit seinen neun Jahren konnte David schon ziemlich stur sein. Zum Glück fiel mir der Erste-Hilfe-Kasten im Auto ein, dessen Inhalt den weiteren Verlauf des Tages rettete. „Ich gehe jetzt eben einkaufen und nehme die Kinder mit. Der Baum ist fertig“, rief mein Mann eine halbe Stunde später. Der Berg der unverpackten Geschenke hatte sichtlich abgenommen, sodass ich die Abwesenheit meiner Familie nutzen konnte, um schnell aufzuräumen und den Staubsauger durch das Haus, insbesondere durchs Wohnzimmer, zu schieben. Es dauerte fast anderthalb Stunden, bis die vier wieder ins Haus polterten. 9


„Du wolltest doch nur eben einkaufen.“ Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. „Hör auf “, winkte Peter entnervt ab. „Das war die Hölle. Der Laden war rappelvoll. Anscheinend bist du nicht die Einzige, die die Hälfte vergessen hat.“ „Ich habe Hunger“, maulte David. „Wir auch!“, jammerten seine Schwestern im Chor. „Wie lange müssen wir noch warten? Wann ist es endlich so weit?“ Diese Fragen sollten wir noch öfter hören, als wir ein improvisiertes Mittagessen zubereiteten, kleinere Streitereien schlichteten, mit den Vorbereitungen für das abendliche Festmahl begannen, mehrere Anrufer nach möglichst kurzer Zeit abwimmelten, Berge von Geschenken ins Wohnzimmer schleppten, unter die Dusche sprangen und nebenbei noch tausend andere Kleinigkeiten erledigten. Unerbittlich tickte die Uhr. ❦

An solchen Tagen bewunderte ich meinen Mann zutiefst für seine unerschütterliche Geduld, dank der er solch stressige Situationen entzerrte. Ohne ihn wäre ich schon vormittags ein nervliches Wrack gewesen und hätte das „Fest der Liebe“ in ein „Fest des Familienkrachs“ verwandelt. Wenn mir die Arbeit über den Kopf zu wachsen drohte, reagierte ich oft planlos und vergrößerte das Chaos eher noch. Peter war das genaue Gegenteil von mir; er behielt die Gelassenheit, die Übersicht und meistens sogar sein Lächeln, was in der Regel maßgeblich dazu beitrug, dass sich auch die Menschen in seiner Umgebung in angespannten Situationen ruhig verhielten. Dieser glückliche Umstand kam ihm auch in seinem Beruf als Facharzt für Anästhesie fast täglich zugute. Oft habe ich staunend beobachtet, wie er souverän und konzentriert die Erstversorgung eines lebensbedrohlich verletzten Unfallopfers regelte. Bei aller gebotenen Eile saß jeder Handgriff, und es reichten knappe Bemerkungen aus, um mithilfe seines Teams den Zustand des Patienten zu stabilisieren. 10


Das Wissen, dass jede Sekunde zählte, schien ihn nicht unter Druck zu setzen. Wie vielen Menschen er auf diese Weise das Leben gerettet oder sie vor schweren Unfallfolgen bewahrt hat, kann ich nicht beurteilen. Doch in jedem Fall dämmte seine sichere Kompetenz, mit der er agierte, die Hektik der anderen Mitarbeiter ein, die bei solchen Notfällen immer zu entstehen droht. Es gab nur wenige Momente, in denen seine Ausgeglichenheit im Bruchteil einer Sekunde von ihm abfiel. Der Satz „Schatz, ich habe Wehen!“ beispielsweise ließ ihn schlagartig all sein medizinisches Wissen vergessen. Dann war er nicht mehr Arzt, sondern nur noch werdender Vater, reagierte planlos und hektisch und war extrem erstaunt, dass ausnahmsweise mal ich diejenige war, die ruhig den Überblick behielt. Leider ergab sich da irgendwann Routine: Als ich ihn weckte, weil unser drittes Kind geboren zu werden wünschte, drehte er sich knurrend im Bett um und murmelte: „Ja ja! Später!“ – und war in Sekundenschnelle wieder eingeschlafen. Alles andere als souverän reagierte er auch dann, wenn eines der Kinder verletzt war. In solchen Momenten tauschten wir regelmäßig die Rollen: Ich behielt den klaren Kopf, organisierte, was zu tun war, telefonierte und fuhr das Auto, während er tröstete, die Tränen trocknete und ermutigte. Wir waren in den zehn Jahren unserer Ehe zu einem wunderbaren Team zusammengewachsen, kannten die Stärken und Schwächen des anderen bis ins Detail und ergänzten uns nahezu perfekt. ❦

So war es uns auch an diesem Tag gemeinsam gelungen, gerade noch pünktlich das Haus zu verlassen, um drei Minuten vor Beginn der Messe in die Kirchenbank zu huschen. Zum ersten Mal seit Jahren sahen wir einem entspannten Kindergottesdienst entgegen, denn jedes unserer Kinder hatte einen Anteil daran. David durfte erstmalig als Messdiener dem Pfarrer assistieren. Kristin, mit ihren sieben Jahren ein angehendes Kommunionkind, 11


sollte eine Fürbitte verlesen und hatte ihren Platz mit ihrer Gruppe in einer der vordersten Reihen. Und Nesthäkchen Sophie besuchte seit September den Kindergarten, der alljährlich in der Messe das Krippenspiel aufführte. So saß auch sie erstmalig nicht mehr, wie in den Vorjahren, zwischen Peter und mir, sondern ebenfalls vorn in der Kirche. Mit Freude gaben wir die anstrengende Aufgabe, unsere unternehmungslustige Tochter zu beaufsichtigen, an die Erzieherinnen ab. Vor uns lag eine Stunde der Ruhe, die wir uns redlich verdient hatten. Peter griff nach meiner Hand, als die Glocken den Beginn der Messe einläuteten. Es war eine Gewohnheit, gleichzeitig aber eine ganz bewusste Handlung, jeden Augenblick zu nutzen, um die Nähe des anderen zu spüren. Hand in Hand erlebten wir nicht nur, wie unser aufgeregter Sohn eine Kerze in den Altarraum trug, sondern hörten auch die Predigt des Pfarrers und sangen Weihnachtslieder. Als Kristin ans Mikrofon trat, um mit klarer Stimme ihre Sätze zu verlesen, verstärkten wir ganz synchron unseren Händedruck. Geteilter Stolz ist eben doppelter Stolz. Doppelt amüsant ist aber auch geteiltes Lachen: Sophie presste bei ihrem Auftritt zur Belustigung aller ihre Lippen zusammen und gab keinen Ton von sich. Da sich auch noch einige andere Kinder entschieden hatten, entweder falsch oder überhaupt nicht zu singen, fiel die akustische Darbietung des Krippenspiels ziemlich dürftig aus. Der Unterhaltungswert dagegen war hoch und wurde nur dadurch überboten, dass „Josef “ über seinen Umhang stolperte und seiner „Maria“, die gerade unter vielen Qualen ihre Babypuppe geboren hatte, zu Füßen lag. Mittlerweile liefen nicht nur mir vor Lachen die Tränen übers Gesicht. Beim Abschlusslied passierte es dann. Gerade noch zwischen Belustigung und Rührung schwankend, überkam mich die Panik vollkommen unvorbereitet. Die erste Zeile des Liedes „Stille Nacht“ sang ich noch mit, dann war ich nicht mehr imstande, einen Ton hervorzubringen. 12


Stattdessen überrollte mich förmlich eine Welle aus Kälte und Angst. Ich klammerte mich an die Rückenlehne der vorderen Bank, um mich auf den Beinen zu halten. Noch nie hatte ich so etwas erlebt. Die Welt um mich herum verschwand im Nebel. Ich wusste nicht mehr, wo ich war, fühlte nur noch Gefahr und Bedrohung und dachte immer nur dieses eine Wort: Peter. Langsam löste sich der Nebel auf und die Worte der dritten Strophe des Weihnachtsliedes drangen wieder an meine Ohren. Wie aus einem Traum kehrte ich in die Realität der Kirche zurück, vollkommen gefangen in dem, was ich gerade erlebt hatte. Vorsichtig löste ich meine verkrampften Finger und warf einen Blick auf meinen Mann, der mit leuchtenden Augen, voller Inbrunst, aber schrecklich schief die letzten Zeilen sang: „Christ, der Retter, ist da!“ Noch immer schien ein Filter zwischen mir und meiner Umgebung zu sein. Aus der Unschärfe stach allein der Mann hervor, mit dem ich so glücklich war. Wie hypnotisiert starrte ich auf sein Gesicht, das fröhlich und vollkommen entspannt wirkte. Als der Organist das Lied ausklingen ließ, kamen mir die Tränen. Ich wusste, dass die Messe zu Ende war, dass ich die Kirche verlassen und draußen auf die Kinder warten musste. Doch ich konnte mich nicht mehr bewegen, mein Körper schien seine Aufgaben nicht mehr zu kennen. Unaufhaltsam strömten Tränen aus meinen Augen. „Was ist denn mit dir los?“ Peter stupste mich vergnügt in die Seite. „So sentimental? Das kenne ich ja gar nicht von dir. Komm, wir müssen hier raus.“ Er hatte offensichtlich nichts von dem bemerkt, was in den letzten Minuten mit mir geschehen war. Mit Mühe trat ich aus der Bank, dann schüttelte ich mich innerlich und warf dieses befremdliche Szenario ab. Was auch immer es gewesen war, es war vorbei und mit Sicherheit unbegründet. Weder Peter noch sonst jemand schwebte in Gefahr, alles war in bester Ordnung. Das Fest der Liebe wartete auf uns. Und dieses blöde Geheule musste jetzt endlich aufhören. 13


Ich straffte die Schultern, fand mein Körpergefühl wieder und ging mit sicherer werdenden Schritten Richtung Ausgang. Irgendwo in meinem Hinterkopf blieb allerdings der Rest eines dumpfen Gefühls, schlummerte eine vage Angst. Für einen Moment hatte ich in Abgründe blicken müssen, von denen ich bislang nie etwas geahnt hatte. Nie wieder wollte ich in diese Abgründe schauen. Vergessen oder Verdrängen – alles war doch in bester Ordnung!

Alles Gute! „Hast du wirklich genügend Bier gekauft?“ Peter stellte diese Frage bereits zum dritten Mal. Er wusste nicht mehr genau, wie viele Freunde er zur Feier seines 38. Geburtstages eingeladen hatte, und machte sich offenbar Sorgen, dass unsere Gäste verdursten könnten. „Aber ja, mein Schatz“, antwortete ich leicht ungeduldig, „auch Cola, Wasser, Saft, Kaffee und Klopapier.“ Er grinste. Ich grinste zurück. Es war mir tatsächlich gelungen, den Vorfall von Heiligabend komplett zu verdrängen. Nur gelegentlich hatte mich die Erinnerung daran gestreift – ein latent bedrohliches Gefühl, das ich ignorierte und das mir im selben Augenblick auch wieder entschlüpfte. Ende Januar verlief unser Leben weitgehend harmonisch und unspektakulär, sofern man den Alltag mit drei aufgeweckten Kindern überhaupt so bezeichnen kann. Mit unserem Nachwuchs hatten wir viel Glück. Etwas, dessen wir uns bewusst und für das wir dem Schicksal dankbar waren. Alle drei Kinder waren gesund und wissbegierig, sie stritten und vertrugen sich, nervten uns als Eltern immer dann ganz besonders, wenn wir beschäftigt oder müde waren, und hatten ihrerseits immer unaufschiebbare Hausaufgaben oder aus anderen, wichtigen Gründen keine Zeit, wenn sie irgendwo mithelfen sollten. 14


Die geschwisterliche Rivalität hielt sich in Grenzen, auch wenn die drei sich über den Inhalt einer winzigen Tüte Gummibärchen dermaßen in die Haare geraten konnten, dass ich bereits in Gedanken Blut fließen sah. Peter lachte nur darüber, denn er war mit vier älteren Brüdern aufgewachsen, während ich als Einzelkind nie lernen musste zu teilen. Mein Status als Prinzessin, in dem ich groß geworden war, zeigte sich vermutlich auch darin, dass ich es lange als selbstverständlich ansah, einen Mann wie Peter geheiratet zu haben. Weder verstand ich den Neid, den meine Freundinnen mal versteckt, mal ganz unverblümt äußerten, noch den Satz meiner Mutter: „Weißt du eigentlich, was du für einen Hauptgewinn gezogen hast?“ Nein, über viele Jahre war mir das nicht bewusst. Selbst wenn ich darauf hingewiesen wurde, zuckte ich nur mit den Schultern. Dass all meine Wünsche erfüllt wurden, war irgendwie normal für mich. Für mich bitte immer nur das Beste! Ich kannte es aus meiner Kindheit und Jugend nicht anders. Selbst in Bereichen, die meine Eltern nicht beeinflussen konnten, fiel mir alles fast spielerisch zu, das recht gute Abitur beispielsweise, für das ich zwar gelernt, mich aber nicht überarbeitet hatte. Die einzige Bewerbung meines Lebens schrieb ich an die staatliche Schule für medizinisch-technische Assistenten. Daran gezweifelt, nicht eine der zwanzig Auserwählten aus über vierhundert Bewerbern zu sein, hätte ich nie. Und meine Zusage, kurz vor dem Examen, auf die Frage des damaligen Chefs der radiologischen Abteilung, ob ich nach den Prüfungen gerne die freie Stelle haben wolle, war sozusagen eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte nie gelernt, um irgendetwas wirklich kämpfen zu müssen. Selbst im Reitsport, meinem langjährigen Hobby, hatte ich über einen langen Zeitraum eine vierbeinige Partnerin, die alles gab, um mir auf den Turnieren zum Sieg oder zumindest zu einer guten Platzierung zu verhelfen. Besonders arrogant war ich dennoch nicht. Für mich war es wie ein Naturgesetz, dass mir die Dinge quasi in den Schoß fielen. 15


Anders bei Peter. Als jüngster von fünf Söhnen war er weit weniger verwöhnt. Die Aufmerksamkeit seiner Mutter verteilte sich auf alle Kinder. Die väterliche bestand hauptsächlich – wie so oft in dieser Generation – aus gelegentlichen Ohrfeigen oder Tadeln, wenn die schulischen Leistungen nicht den Erwartungen entsprachen. Peter rivalisierte folglich mit den Brüdern um die Beachtung durch seine Eltern. Sein Zimmer hatte er sich mit dem zwei Jahre älteren Thorsten zu teilen und oftmals die Kleidung der Älteren aufzutragen. Sich Dinge zu erarbeiten, hatte er also schon früh gelernt. Während seines Medizinstudiums ermöglichte ihm das Gehalt für unzählige Nachtwachen auf der Intensivstation erstmalig den Luxus, sich einfach einmal das kaufen zu können, was er sich wünschte. Dabei blieben seine Ansprüche bescheiden: Während seine Kommilitonen von Autos träumten, freute er sich wie ein Kind über einen neuen Pullover. ❦

Es war also kein Wunder, dass Peter weitaus erwachsener und reifer war als ich, als wir uns sieben Jahre nach Ende unserer gemeinsamen Schulzeit im Krankenhaus wieder trafen. Peter absolvierte sein praktisches Jahr, das letzte Jahr des Studiums, das mit dem dritten Staatsexamen und der Approbation als Arzt enden sollte. Der junge Mann, der mir einen Patienten zum Röntgen brachte, kam mir sofort bekannt vor. Und auch er wusste offensichtlich, dass – und wo – wir uns bereits über den Weg gelaufen waren. Dennoch mussten wir beide kurz überlegen, bevor uns der Name des jeweils anderen wieder einfiel. In den neun Jahren, in denen wir gemeinsam das Gymnasium besuchten, hatten wir kein einziges Mal privat Kontakt. Auch in unseren Freundeskreisen gab es keinerlei Überschneidungen. „Sollen wir mal ein Bier trinken gehen?“, fragte er, nachdem wir uns ein paar Minuten unterhalten hatten. Ich freute mich über seine Frage. 16


„Gern. Wann?“ „Meinetwegen schon heute. Um acht im Café Abendblatt?“ Ich nickte. In meinem Bauch kribbelte es zart. Amor verschoss seine Pfeile noch am selben Abend. Mitten in zwei Herzen, die anscheinend nur darauf gewartet hatten. Bereits nach ein paar Wochen sprachen wir davon, in spätestens zwei Jahren heiraten zu wollen. Dann hätte Peter das praktische Jahr und die damals noch unumgängliche Zeit als AIP hinter sich. „Arzt im Praktikum“ bedeutete achtzehn Monate ärztlicher Tätigkeit bei voller Leistung, aber extrem schlechter Bezahlung. Erst danach winkte ein einigermaßen gutes Einkommen. Seinerzeit wollte Peter auf gar keinen Fall auf Kosten seiner Frau leben. Doch erfahrungsgemäß lässt sich nicht alles planen: Nur zehn Monate nach den gezielten Schüssen des kleinen Liebesgottes stand ich heulend vor dem positiven Ergebnis des Schwangerschaftstestes. Ein Kurzurlaub an der holländischen Nordseeküste sowie ein Rechenfehler hatten den Grundstein für unser erstes Kind gelegt. Peter lachte. Über mein entsetztes Gesicht und vor lauter Freude. Dann riss er die schwangere Heulsuse in seine Arme. „Dann heiraten wir eben früher. Irgendwie wird es gehen. Wir schaffen das schon!“ Also standen wir vier Monate später, an einem kalten, aber strahlend schönen Oktobertag, in einer kleinen Klosterkirche vor einem der nettesten Geistlichen, den wir je kennengelernt hatten. Zwei Tage zuvor hatten wir die standesamtliche Hochzeit im kleinen familiären Kreis gefeiert, doch der kirchliche Segen hatte für uns beide eine wesentlich größere Bedeutung. Nach dem Gottesdienst wollten wir mit all unseren Verwandten und Freunden feiern. In mehreren Vorgesprächen hatten wir mit dem Pfarrer über das Trauversprechen diskutiert. Der Klassiker „bis dass der Tod euch scheidet“ behagte weder Peter noch mir. Wir waren jung, wir 17


waren verliebt und wir planten fünfzig bis sechzig gemeinsame Jahre. Gedanken an den Tod zu verlieren, passte unserer Meinung nach nicht zu einer Eheschließung, die Zukunft und Leben versprach. Verständnisvoll bot der Pfarrer uns eine Alternative: „… solange ich lebe.“ Sinngemäß zwar das Gleiche, entsprach dieses Versprechen aber viel eher dem, was wir uns von der Zukunft erhofften: Leben. Lebendig sein. Lange. Und als Peter dann während der Hochzeit voller Inbrunst „Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe“ sagte, jagte er mir eine Gänsehaut über den Rücken. Eine preiswerte Altbauwohnung, kaum Geld und bald ein Baby – wir waren die glücklichsten Menschen der Welt. David kam Mitte März zur Welt, einen Tag nach dem Geburtstag meiner Mutter und drei Tage vor meinem eigenen Ehrentag. Letzterer sollte künftig ziemlich untergehen. Die Familie hatte man in den letzten Tagen bereits oft genug gesehen, und niemand hatte noch Lust, schon wieder Kuchen zu essen und über Neuigkeiten zu sprechen, die nach zwei Familienfesten eigentlich keine Neuigkeiten mehr waren. Unser Sohn war aus unserer Sicht das schönste und klügste Baby der Welt. Ansonsten empfand ich ihn eher als langweilig. Er bestätigte nicht eines der Horrorszenarien, von denen mir andere Mütter während meiner Schwangerschaft erzählt hatten. Er war vollkommen unkompliziert, schlief viel, schrie hin und wieder, bis ich ihn stillte, und lag danach zufrieden auf seiner Decke oder im Kinderwagen. Irgendwann schlief er weniger, begann zu krabbeln und kurz nach seinem ersten Geburtstag zu laufen. Alles verlief wunschgemäß und unspektakulär. Wieder einmal hatte mir das Leben ein Geschenk gemacht. Peter ging in seiner Vaterrolle völlig auf. Es fiel ihm schwer, sich von David zu trennen und zur Arbeit zu fahren. Insgeheim beneidete ich ihn darum. Ich liebte mein Kind von ganzem Herzen. 18


Dennoch fehlte mir zuweilen mein Beruf mit seinen Anforderungen sowie der Austausch mit den Kollegen. Ein gutes Jahr nach Davids Geburt hatte sich unsere finanzielle Situation endlich gebessert, da für Peter die Zeit als Arzt im Praktikum zu Ende war. „Wir könnten mal über ein zweites Kind nachdenken. Würdest du dich nicht auch über ein Mädchen freuen?“ Peters Frage überraschte mich nicht, denn ich hatte insgeheim auch schon von einer kleinen Tochter geträumt. Obwohl ich selbst alle Vorteile, ein Einzelkind gewesen zu sein, genossen hatte, empfand ich es als Erwachsene oft als bedauerlich, keine Geschwister zu haben, mit denen ich mich austauschen konnte. So war für mich klar, dass David einen Bruder oder – besser noch – eine Schwester bekommen sollte. „Und du garantierst mir, dass es ein Mädchen wird? Was machen wir im Fall eines weiteren Jungen?“, neckte ich ihn. Peter blickte ernst, doch der Schalk funkelte in seinen Augen: „Den tauschen wir einfach um. Aber bei unserem Glück wird das nicht nötig sein.“ Wir kicherten bei dieser abwegigen Vorstellung und „dachten“ noch am selben Abend an ein weiteres Kind. Drei Wochen später wussten wir bereits, dass David sich in knapp acht Monaten als „großer Bruder“ bezeichnen durfte. Wie erhofft bekamen wir eine Tochter. Kristin sollte der krönende Abschluss unserer Familienplanung sein. Fortuna schien uns dermaßen wohlgesonnen, dass wir es kaum fassen konnten. ❦

Die Türklingel riss mich aus der Erinnerung. Die ersten Gäste kamen. Kurz darauf schallte das Gelächter unserer Freunde durchs Haus. Etwa zwanzig Menschen ließen Peter hochleben und tranken auf ein glückliches und gesundes neues Lebensjahr. „Was ist denn mit Peter los?“, fragte mich Tatjana am Ende des Abends leise. 19


„Warum?“ „Er ist so blass. Ist er krank?“ Denselben Gedanken hatte auch ich am Morgen gehabt, und dieselbe Frage hatte auch Peters Mutter gestellt, als sie zum Kaffee kam. „Blödsinn! Ich bin nicht blasser als sonst im Winter“, hatte mein Mann ziemlich unhöflich erwidert. In der folgenden Nacht wurde ich gegen vier Uhr wach. Erneut hatte mich die Panik fest im Griff, auch wenn ich ihre Symptome bereits kannte: Ich zitterte vor Kälte unter der warmen Decke, spürte mein Herz rasen und wurde von derselben Angst ergriffen wie im Dezember. Doch in diesem Fall erkannte ich es noch eindeutiger: Die lauernde Gefahr hing ausschließlich mit Peter zusammen! In mein lautloses Weinen hinein, das auch jetzt auf die Panikattacke folgte, hörte ich neben mir sein leises, rhythmisches Schnarchen. Ich schmiegte mich an ihn und begriff – nichts!

Krisenselbstgespräch „Mama! Mit wem redest du da?“ Kristin hatte schulfrei und konnte ausschlafen. Nun stand sie in der Tür zur Küche, sah mich fragend an und rümpfte die Nase: „Hier stinkt’s!“ Kein Wunder! Seit mindestens einer Stunde saß ich am Küchentisch, trank literweise Kaffee und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Dabei führte ich ein stummes Zwiegespräch mit mir selbst – mein Versuch, das Geschehen der vergangenen Nacht zu verstehen. Dabei musste ich wohl laut gedacht haben, sonst hätte meine Tochter keine Stimmen gehört. Die Panik hatte mich kaum noch schlafen lassen. Immer wieder schreckte ich hoch. Selbst Peters Nähe übte nicht die gewohnte, 20


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