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Buchauszug: "Reaktanz - Blindwiderstand erkennen und umnutzen" von Carmen Thomas

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PROLOG

EIN FELDVERSUCH IN SACHEN REAKTANZ Von Karoline Kuhn, Programmleiterin des adeo-Verlags Während ich mit Carmen Thomas an dem vorliegenden Buch arbeitete, bereitete das adeo-Verlagsteam eine extrem schwierige Pressekonferenz vor. Der Autor, dessen Buch in der Pressekonferenz vorgestellt werden sollte, ist sehr umstritten. Bei der Pressekonferenz war daher zu erwarten, dass ihm von Seiten der Journalist-inn-en eine feindselige Stimmung entgegenschlagen würde. Ebenso erwartbar: unfaire Fragen und nachfolgend eine von Vorurteilen gefärbte Berichterstattung. Das Team fragte sich: Wie lässt sich diese Pressekonferenz so gestalten, dass der Autor zumindest eine faire Chance erhält? Da uns schon ein wenig über die Macht der Reaktanz und die Möglichkeiten zum Umnutzen bekannt war, wurde Carmen Thomas um Rat gebeten. Die Beteiligten bekamen Herausforderndes zu hören: „Die Sitzordnung ändern: kein


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Podium, einfach drei normale Stühle. Barrierefrei und ohne Abgrenzung, um die Reaktanz zu senken. Autor und adeo-Team von Anfang an mit den Medienleuten auf Augenhöhe. Die Stühle für die Presse halbkreisförmig anordnen statt in geraden Reihen. Ohne lange Vorreden loslegen und vor allem ohne den Versuch, die Journalist-inn-en mit gefakt-vorbereiteten Antworten zu steuern oder zu manipulieren. Das macht nur reaktant. Stattdessen gleich zu Anfang alle Anwesenden bitten, sich in einer kurzen Runde mit Namen und Funktion vorzustellen und eine erste Frage an den Autor zu nennen. Die Fragen nacheinander beantworten. So entsteht ein ernstnehmendes Klima auf beiden Seiten. Und wer nicht anonym im Raum ist, verhält sich anders, inklusive Beißhemmung.“ „Ach du Schreck“, dachte das Team. „Kann das funktionieren – bei 60, 70 Leuten? Das dauert doch viel zu lange! Und was, wenn das Ganze völlig aus dem Ruder läuft?“ Doch dann geschah Verblüffendes: Alle Journalist-inn-en spielten nach kurzem Erstaunen bereitwillig mit, und es war spürbar, wie sich die Stimmung im Raum dank des ungewöhnlichen Settings positiv veränderte. Es gab viele kluge Fragen und keine einzige gemeine. Eher entspann sich ein


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von Respekt und Offenheit geprägter Dialog zwischen Autor und Journalisten. Die vorab befürchteten Reaktanz-Reaktionen blieben einfach aus. Noch positiver überrascht als der Autor und das adeoTeam waren manche Journalisten. Von denen spiegelten hinterher mehrere „altgediente Recken“ beeindruckt, dass sie so eine Pressekonferenz ja noch nie erlebt hätten. Wer vorher noch nicht 100 % überzeugt von Carmen Thomas‘ Erkenntnissen rund um die Kraft der Reaktanz und vom handfesten Nutzen ihrer praxiserprobten Werkzeuge für ein besseres Miteinander war, wurde hier auf äußerst beeindruckende Weise eines Besseren belehrt.

EINFÜHRUNG

REAKTANZ, WAS IST DENN DAS? Dieses Buch handelt von einer großen Entdeckung für mein persönliches und berufliches Leben: von der Kraft der Reaktanz.


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„Wie bitte?“, fragen Sie jetzt vielleicht: „Ach näää, Reaktanz, was soll das denn schon wieder sein?“ Und echt schlimm ist ja, dass das gerade mir passiert: mich in ein Phänomen zu verlieben, das auf ein so befremdliches Fachwort hört. Denn zu meinen Markenzeichen im Radio gehörte stets, dass ich Expertinnen und Experten konsequent fragte: „Können Sie das auch auf Deutsch sagen?“, wenn sie solche Fremdwörter benutzten. Seit ich die Reaktanz für mich entdeckte, habe ich immer wieder festgestellt, wie lange es allein schon braucht, sich einfach nur das fremde Wort zu merken. Und die deutsche Übersetzung „Blindwiderstand“ ist kaum besser. Widerstand – okay. Aber was soll das „Blind“ denn dabei? Wenn das beides schon so bescheuert-abstrakt heißt, wer kriegt da schon Lust, hinter dieses Phänomen zu schauen? Das Blöde ist allerdings, dass wirklich neue Dinge, die es bisher noch nicht gab, leider auch neue Begriffe brauchen. Also gibt es ein Problem. Nein. Ein Hoteldirektor brachte mir mal bei: „Probleme? Gibt es hier nicht. Hier existieren nur Lösungsbedarfe.“ Okay. Wie sagte dieser Lehrer im Film „Die Feuerzangenbowle“ doch so schön? „Da stelle mer uns ma janz dumm!“ ... und fangen „janz vorne“ an.


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WER HAT SICH DIE REAKTANZ ÜBERHAUPT AUSGEDACHT? Den Begriff der Reaktanz gibt es als ‚Blindwiderstand‘ sowohl in der Elektrotechnik als auch in der Psychologie. Unter der psychologischen Seite „versteht man eine komplexe Abwehrreaktion, die als Widerstand gegen äußere oder innere Einschränkungen aufgefasst werden kann. Reaktanz wird in der Regel durch psychischen Druck (emotionale Argumentation, Nötigung, Drohungen,) oder die Einschränkung von Freiheits-Spielräumen (Verbote, Zensur) ausgelöst. Als Reaktanz im eigentlichen Sinne bezeichnet man dabei nicht das ausgelöste Verhalten, sondern die zugrunde liegende Motivation oder Einstellung.“ Das heißt, dass die Reaktanz, also der „innere Blindwiderstand“, psychologisch dann entsteht, wenn ein Mensch die eigene Entscheidungsfreiheit gefährdet sieht. Inklusive der Tendenz, gegen diese Bedrohung zu rebellieren, ergibt sich daraus eine innere Abwehrhaltung, ein unklarer, also blinder Widerstand gegen Beeinflussungsversuche bis hin zu blockierenden Trotzreaktionen.


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DIE REAKTANZ, ALSO DER „INNERE BLIND­ WIDERSTAND“, ENTSTEHT DANN, WENN EIN MENSCH DIE EIGENE ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT GEFÄHRDET SIEHT.

Und das legen Menschen buchstäblich ja bereits seit Adam und Eva an den Tag: „Dann legte Gott, der Herr, einen Garten an und brachte den Menschen dorthin. (…) Dann schärfte er ihm ein: ‚Von allen Bäumen im Garten darfst du essen, nur nicht von dem Baum, der dich Gut und Böse erkennen lässt‘“, so heißt es in 1. Mose 2,8-9; 16-17. Und vermutlich ist den meisten noch in Erinnerung, was diese winzige Einschränkung in der Entscheidungsfreiheit und die darauf folgende Reaktanz alles ausgelöst hat. Irre, dass das bis heute unverändert genau so weiterläuft! Und das von klein auf. Kürzlich traf ich den TV-Moderator und Arzt Eckart von Hirschhausen. Er war der Erste, der auf Anhieb etwas Konkretes zum psychologischen Teil des Themas beizutragen hatte: „Den Begriff Reaktanz kenne ich von meiner Frau. Die ist Psychologin. Sie hat mir auch ein illustrierendes Beispiel erzählt: Wenn ein Kind 20 Buntstifte bekommt und ihm


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jemand sagt: ‚Du darfst mit allen 19 Stiften malen, nur nicht mit dem gelben‘, dann will das Kind natürlich unbedingt mit dem gelben malen.“ Ein anderes, vermutlich gut bekanntes Beispiel ist der Gedanke: „Vor dem Urlaub muss ich unbedingt drei Kilo abnehmen! Ab sofort gibt´s FdH-Diät!“ Und schwups – schon folgt eine Fressattacke nach der anderen, die die Bikini- beziehungsweise Tarzan-Figur aufs Tragischste boykottiert. Diesen „Jetzt erst recht“-Effekt, der zu den Reaktanz-Reaktionen gehört, nutzt auch die Werbung für sich, indem sie mit Schlagwörtern wie „Nur so lange der Vorrat reicht“ oder „Nur noch fünf Stück auf Lager!“ eine Knappheit suggeriert, die das Angebotene besonders begehrenswert macht.

GRÜSSE AUS DEM NEANDERTHAL Mich hat die Einsicht fasziniert, dass die Reaktanz als Blindwiderstand ganz unbewusst aufkommt. Denn klar: Wem etwas gegen den Strich geht, das er oder sie begrün-


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determaßen als scheußlich oder schlecht empfindet, der oder die stellt sich meist offen dagegen und rebelliert. So erleben die meisten Menschen den normalen, erkennbaren inneren Widerstand. Bei der Reaktanz dagegen spricht interessanterweise als erstes der Körper unwillkürlich mit. Es ist eine deutlich spürbare, aber verdeckte Sprache: Der berühmte „dicke Hals“ schwillt an, der Bauch wird hart oder es entsteht Druck irgendwo anders im Körper. Der Grund dafür ist nicht sofort transparent. Er ist „blind“. Ein Mensch versteht sich dann plötzlich selbst nicht mehr: „Ich bin dagegen, ich weiß aber gar nicht, warum.“ Dieser innere Blindwiderstand kann komplizierenderweise sogar dafür sorgen, dass ein Mensch nicht mehr seiner eigenen Meinung ist und anders empfindet als sonst, ohne das recht einordnen zu können. BEI DER REAKTANZ SPRICHT ALS ERSTES DER KÖRPER UNWILLKÜRLICH MIT: DER BERÜHMTE „DICKE HALS“ SCHWILLT AN, DER BAUCH WIRD HART ODER ES ENTSTEHT DRUCK IRGENDWO ANDERS IM KÖRPER.


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Es passiert ständig und unterschwellig überall. Sowohl im Umgang mit sich selbst als auch im Verhalten mit anderen: in der Familie, im Job, in Gruppen, in der Freizeit, im Internet. Shitstorms mit komplett unbekannten Menschen können Beispiele für Widerstand und für Blindwiderstand sein. Den „Shittys“ ist ja oft selbst nicht wirklich klar, weshalb sie sich gerade diesen Menschen zum Anscheißen herauspicken. Ich nenne diesen körperlich spürbaren Impuls gern spaßeshalber „Grüße aus dem Neanderthal“. Denn die instinkthafte Reaktanz gab es ja schon in der Steinzeit. Da war sie für die frühen Menschen unter Umständen überlebenswichtig. Schließlich mussten die Urvorfahren erst mal schmerzlich lernen: „Alles ist essbar. Aber manches nur einmal.“ Deshalb konnte sich scheinbar grundlose Spontan-Abwehr als lebensrettend erweisen. Unbekanntes verursacht zuverlässig bis heute diese blockierende Fremdel-Angst. Und im nächsten Schritt provozierte das „neanderthalerische Keulen-Gen“ den Impuls, auf das Undurchschaubare, Fremde, Verunsichernde sicherheitshalber erst mal draufzuhauen. Auch diese Reaktion ist eigentlich bis heute ganz ursprünglich, von der Reaktanz


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getriggert, in den meisten Menschen erhalten geblieben – nur die Form der Keulen hat sich geändert . Das ist täglich erlebbar. Beispiel: Jemand stellt voller Begeisterung ein neues Projekt in der Firma oder einen tollen Urlaubsplan in der Familie vor. Zwei typische Basis-Reaktionen – je nach Beziehung und Hierarchie – laufen so ab: Entweder erklingt spontanes Maulen: „Och nööö!“, „Kenn ich schon“ (einer der beliebtesten Totschläger) oder „Find‘ ich langweilig“... Oder die ersten paar Kollegen beziehungsweise Familienmitglieder reagieren noch wunschgemäß erfreut auf die Ideen. Und dann greift das ungeschriebene Reaktanz-Gesetz: „Ab dem/der Fünften kippt‘s“: Es ist fest damit zu rechnen, dass spätestens ab der fünften Meinungsäußerung das gesetzmäßig reaktante Dagegenhalten eintritt. Je nach Charakter von Nr. 5 oder sogar 6 kann es auch mal bis zum siebten oder achten Rundenmitglied dauern, bis es passiert. Aber dann widerspricht unvermeidlich jemand dem allgemeinen Tenor – oft ohne selbst zu wissen, weshalb, und manchmal sogar gegen die eigentliche persönliche Überzeugung. Das geschieht bei zu glamourösen Schilderungen, bei allzu großer Einigkeit


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oder bei dem Gefühl, nicht auf der „Schleimspur von Nettigkeit“ der Vorherredenden ausglitschen zu wollen. Ist das emotionale Gleichgewicht gestört, dann will die Balance einfach wiederhergestellt werden. In meinen Coachings und Trainings demonstriere ich das gern an einem Beispiel: Ich hole ein neutrales Gläschen mit Pfefferminzbonbons hervor und sage mit übertrieben begeistertem Tonfall: „Ich habe hier suuu¬perleckere Pfefferminze. Wirklich ganz außergewöhnlich lecker. Bestimmt haben Sie noch nie so wohlschmeckendes Pfefferminz gegessen“ Manchmal unterschreite ich dann auch noch die körperliche Individualdistanz und drängele: „Hier, probieren Sie mal!“ Und dann frage ich provokant: „Und? Wie schmeckt es?“ Erfahrungsgemäß antwortet die erste Person meist mit schal-höflichem Unterton: „Gut.“ „Na ja, halt wie Pfefferminz“, sagt die zweite Person schon einen Hauch gereizter. „Normal“, echot die Dritte noch einen Hauch abweisender. „Schmeckt wie TicTac“, sagt die Vierte dann schon leicht patzig.


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Und voll aufgestauter Reaktanz bricht Nr. 5 in offene Aggression aus: „Total langweilig!“ Oder angewidert: „Die schmecken irgendwie komisch!“ Die Reaktanz sorgt dafür, dass jede Art der Bevormundung, jede Aufdringlichkeit, jede Unterdrückung zur entgegengesetzten Instabilität führt. Also: Zu viel Schwärmen lässt mechanisch in Abwehr kippen. Zu viel Maulen ins Zustimmende. Besonders faszinierend ist, dass es tatsächlich in beide Richtungen funktioniert: Wenn ich die Bonbons mit den Worten präsentiere: „Bitte probieren Sie mal, die schmecken doch irgendwie komisch?“, führt das gesetzmäßig dazu, dass das Gegenteil der emotionalen Bevormundung eintritt und die Nächsten die Bonbons plötzlich besonders lecker finden. Dieser Ablauf passiert so sicher wie das Amen in der Kirche. Einmal hatte ich die Bonbons nicht dabei und tat kurzerhand nur so, als hätte ich Pfefferminzbonbons. Und Bingo!, selbst bei den rein imaginären Bonbons sagte Teilnehmerin Nr. 5 wie auf Bestellung: „Die sind bestimmt vergiftet!“ Herrlich – das ist Reaktanz in Reinkultur. Das Spannende daran ist, dass das auch dann geschieht,


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wenn diese Person eigentlich ganz anders denkt. Der Blindwiderstand hat dafür gesorgt, dass die Person nicht mehr ihrer eigenen Meinung ist. In diesem Beispiel liegt die Chance, die Gruppendynamik so durchschauen zu lernen, dass die Gesetzmäßigkeit aktiv umnutzbar wird. Die Einsicht um das Kippen des fünften Menschen half nicht nur mir. Kürzlich erzählte mir ein bekannter Wirtschaftsboss: „Früher bin ich, sobald mein Hals schwoll, immer sofort reingegangen und hab draufgehauen, nach dem Motto: ‚Wehret den Anfängen‘. Jetzt lehne ich mich in allen Gremien zurück, zähle gemütlich bis fünf, höre hin, verstehe meistens sofort, oder frage freundlich nach. Ich sehe, dass mich alle erstaunt anschauen und sich fragen: ‚Was nimmt er wohl seit einiger Zeit?‘“

WAS REAKTANZ KANN Auch ich kann heute viel gelassener reagieren. Denn ich begreife reaktante Äußerungen und Verhaltensweisen nicht mehr als individuelle Fiesheiten, sondern als ungeplanten Hinweis darauf, dass die innere oder äußere


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(Entscheidungs-)Freiheit bedroht wird. Die Auslöser sind oft ganz filigran: ein reaktanziger Tonfall kann ausreichen, und schon wird das Gegenüber verwunderlich-reizbar und blockierend. Wer an das Zusammenleben mit pubertierenden Teenagern denkt, merkt: Das kann ein einziges Reaktanz-Minenfeld. sein. Reaktanz ist einer der Hauptgründe, weshalb Menschen und Gruppen neue Ideen oder Anregungen nicht sofort begeistert begrüßen und annehmen können, sondern gerade Innovatives standardmäßig ablehnen. Das ist an sich ja eher lästig und verkomplizierend. Auf jeden Fall wirkt es auf den ersten Blick nicht sonderlich nützlich oder hilfreich. In über 50 Jahren als Radio-, TV- und Veranstaltungs-Moderatorin, als Trainerin und Coach für Gruppen jeder Art und Größe ist mir die Reaktanz in all ihren Ausdrucksformen und Möglichkeiten vieltausendfach begegnet. Mit der Zeit erfuhr ich immer mehr, dass sie nicht nur eine tumbe neanderthalermäßige Bockigkeits-Reaktion ist. Vielmehr lernte ich den Blindwiderstand immer mehr als eine bedeutsame Hilfe zur Veränderung zu schätzen. Im Laufe der Zeit zeichneten sich aus vielen herausfordernden Situationen vier Reaktanz-Bereiche ab:


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1. Ein Frühwarnsystem aus der Steinzeit, eine Art „Fremdel-Gen“, das seine Berechtigung hat. Die Reaktanz-Gefühle heißen: Vorsicht, kann potenziell gefährlich sein. Ein weiser Grund, weshalb Menschen allem Neuen und Fremden erst mal widerständig begegnen (Beispiel: Ekel vor mit Lebensmittelfarbe grün gefärbter Milch oder vor Protein-Riegeln aus Grillen). 2. Ein Gerechtigkeitssensor. Menschen reagieren ablehnend, wenn ihr „Paritäts-Bedürfnis“ gestört wird: das „Balance-Gen“ möchte quasi magnetisch für die Wiederherstellung des Gleichgewichts sorgen (Beispiel: Mitleid mit einem drangsalierten, politisch komplett Andersdenkenden, der eigentlich unter „unsympathisch“ rangiert). 3. Ein Autonomie-Gespür, das mit reaktanten Verwerfungen darauf reagiert, wenn jemand in seiner Entscheidungsfreiheit beschnitten oder beraubt wird. Das „Freiheits-Gen“ will sowohl die horizontale wie auch die vertikale Balance von unten nach oben wahren. (Beispiel: innerer Widerstand bei emotionalen Bevormundungen wie: „Der Film ist der Beste, den ich je gesehen habe. Der wird dir mega gefallen!!!“) Und horizontal


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passiert das auch, wenn die Einschränkungs-Gefühle „nur“ emotional und vielleicht sogar unberechtigt sind. (Beispiel: Widerwillen beim durchaus sinnvollen Einweisen durch Parkwächter-innen). 4. Ein angeborenes Harmonie-Streben, das „Friedens-Gen“, das Menschen bei Streit, Mobbing und Gewalt trotz Angst zum Eingreifen bewegen und mutig machen kann. Reaktante Gefühle zeigen an, wenn Harmonie und Freiheit so gestört werden, dass eine Änderung nötig ist (Beispiel: Einschreit-Impuls als Zeuge oder Zeugin bei unfairen oder rassistischen Äußerungen in der Bahn). ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein bringt es auf den Punkt: „Reaktanz ist gut, weil sie eine Einheitsgesellschaft mit Einheitsmeinungen verhindert. Reaktanz ist der Beweis dafür, dass wir zur Freiheit geboren sind. (...) Ohne Reaktanz würden wir uns alle nach und nach in Gemüse verwandeln. Ohne Reaktanz läuft ‚Demokratie‘ auf eine massenpsychologische Zwangsherrschaft des Einheitsdenkens hinaus. Reaktanz ist die Kraft, die dafür sorgt, dass ein Meinungspendel nach einer gewissen Zeit wieder zurück-


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schwingt. (…) Reaktanz ist politisch. Reaktanz führt dazu, dass Verbote sich, langfristig gesehen, nicht lohnen.“ REAKTANZ IST DER BEWEIS DAFÜR, DASS WIR ZUR FREIHEIT GEBOREN SIND.

Je mehr ich mich mit ihr befasse, desto mehr staune ich darüber, was die Reaktanz für eine starke und unterstützende Kraft ist. Wie eine Art emotionales Trüffelschwein, das ja auch „blind“ schon über der Oberfläche die Trüffel schnüffeln kann, erspürt sie treffsicher, wenn das innere Gleichgewicht, die Balance und die Harmonie in einer Angelegenheit, in einer Beziehung oder in Gruppen bedroht sind. Mit der Reaktanz als Gerechtigkeitssensor lässt sich ein inneres Gespür für das richtige Maß und für die Wahrung der Freiheit finden. Wer reaktantes Verhalten als hilfreichen Impuls begreift und Methoden zum Vermindern hat, kann knifflige Situationen, den Umgang miteinander, das Betriebsklima in der Tiefe verbessern. Früher konnte ich Menschen, die sich reaktant verhielten, nicht besonders leiden. Sie störten mich richtig. Verwundert dachte ich: „Der/die war doch bisher ganz ver-


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nünftig. Und jetzt schießt er/sie auf einmal so quer! Wenn der oder die doch bloß nicht in der Gruppe wäre!“ Das vorhin geschilderte gelassene Bis-fünf-Zählen ist heute mein erster Schritt. Es lohnt sich auch zu beobachten, ob diese Person die Balance selbst wiederherstellt oder ob sie’s noch eins weitergibt. Und hin- und dahinter zu hören, mit welchen Argumenten sie es tut. Denn die Reaktanz berät mich immer treffsicher dort, wo ein emotionaler Reibungspunkt von mir oder anderen übersehen wurde. Reaktantes Verhalten zeigt stets an, wo in einem Gespräch oder in einer Gruppe unbewusst eine emotionale Hürde entstanden ist, durch die das Gleichgewicht zu kippen droht. Und da der Blindwiderstand so gesetzmäßig auftritt, ist er auch so überraschend leicht kalkulierbar. Wer Reaktanz bei sich selbst und anderen zu erkennen weiß, kann sie umnutzen lernen, um so das Gleichgewicht auf produktive und entstressende Weise wiederherzustellen. Das wurde im Laufe der Jahre immer mehr zu meiner Leidenschaft: die Klugheit und Kreativität von Einzelnen und von Gruppen aktivieren und Haupt-Reaktanz-Auslösern methodisch begegnen – mit entstressenden Spielregeln, mit feingeschliffenen Code-Sätzen und mit handfesten Tools.


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Und je besser ich lernte, den Blindwiderstand umzunutzen, desto mehr erwies sich die Reaktanz als ein segensreiches Instrument. Was mir daran besonders gefällt: Ein kluger Umgang mit Reaktanz kann dabei helfen, mehr Fairness, mehr Gerechtigkeit und mehr Friedfertigkeit in Gruppen und überhaupt in alle Begegnungen von Menschen zu bringen. Und das gehört für mich zu den Zielen. Denn gerade in dieser aktuellen Zeit passieren so viele reaktant-machende Dinge: Verunsicherung wegen des Klimas, der Technologisierung, den vielen Fremden, die nicht mehr in Terror und Armut leben wollen. Wann, wenn nicht jetzt, wäre es wünschenswert, die Gesellschaft positiv zu verändern? An die Stelle von instinktivem „Dagegen-sein“ könnte eine hilfreichere und friedfertigere, eine wertschätzendere und kompetenzsteigernde Umgangs-Kultur etabliert werden, die zugleich Grenzen konsequenter klärt und umsetzt. Wie ich dazu kam und wie die Entdeckungsphasen verliefen, welche unterstützenden Sätze, Tools und Methoden beim Weiterentwickeln halfen, das möchte ich in diesem Buch an vielen Beispielen von prägenden Erlebnissen und verändernden Erfahrungen anbieten.


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TOOL 8: KRÄNKUNGSFREI FEEDBACK GEBEN UND ERHALTEN Feedback und Kritik zu unterscheiden lohnt sich: Feedback ist wie ein Apfel, in dem die Kernbotschaften saftig und zum Anbeißen lecker verpackt sind. Kritik ist wie eine Zitrone, die sauer aufstößt. Auch die braucht es für viele wohlschmeckende Gerichte. Allerdings dosiert. Beides gekonnt geben und annehmen zu lernen, ist ein wichtiger Baustein zum Weiterentwickeln – und zugleich eine besonders heikle Sache. Denn darauf nicht reaktant zu reagieren, will gelernt sein. Sowohl von den Gebenden wie von den Nehmenden. Dabei ist klar: Ohne Außenspiegel ist Besserwerden schwer, da niemand die eigene Wirkung selbst erkennen kann. Eine optimierende Reflektions-Kultur bewirkt, dass Feedback zum fruchtbaren Ritual werden kann und Kritik leichter angenommen werden kann – ohne einen „dicken Hals“ oder „harten Bauch“ zu bekommen. Zum Beispiel, indem die Kritik nicht in „Was war gut, was war schlecht?“ unterteilt wird, sondern in konstruktivere


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„Rubriken“. Zum Beispiel in „Was hat mir gefallen, welche Anregungen habe ich?“ Oder, wenn es etwas detaillierter sein soll: das WOSE-Feedback-Fenster. Links oben steht, Rot wie das Herz: W für Wichtiges. Rechts oben in Weiß wie das Brautkleid (weil die Braut ja noch nichts weiß J): O ffene Fragen / Fehlendes. Rechts unten in Grau wie ein Gewitter: S tolpersteiniges / Schwieriges Links unten in Grün wie der Baum: E rfreuliches / Schönes. Dabei sind die oberen Fensterscheiben (wichtig und offen / fehlend) fürs Hirn und die unteren (stolpersteinig / schwierig und erfreulich) fürs Herz bzw. für den Bauch. So lässt sich auch lernen, den wesentlichen Unterschied zwischen Kognitivem und Emotionalem zu differenzieren. Das WOSE-Feedback in der Abfolge der WOSE-Buchstaben gegeben. Denn die Reaktanz senkende Wirkung liegt auch in der Reihenfolge: Zuerst das Herz öffnen mit „Wichtig“ – stets nur mit positiver Substanz, die ja in allem existiert. Dann kommt das, was fehlt. Und dann das, was in der Seele quietscht und erst nach viel Übung nicht mehr


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reaktant, sondern dankbar macht. Und dann wertschätzend und versöhnlich schließen mit dem Erfreulichen, was Spaß gemacht hat. Wichtige Spielregel: stets gleich viele Punkte pro Fenster nennen. Nicht nur, weil das den Blindwiderstand senkt, sondern auch, weil die Betroffenen meist selbst mehr über Verbesserungswürdiges und Störendes wissen. Deshalb ist es besonders hilfreich, auch Qualitäts-Kriterien genau zu benennen. Und: Nicht in „Kartons“ reden, also in Allgemeinplätzen, bei denen niemand weiß, was wirklich drin ist, wenn nur „ Kleidung“ oder „Bücher“ draufsteht. Wirkungsvoller ist, in „roten Tubendeckeln“, also in kleinteiligen Beispielen zu sprechen. Also statt „Das Interview war ...“ lieber: „Mir hat die Frage xy besonders gefallen, weil …“ Das verhindert reaktantes Dagegensein und hilft beim Verändern.


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WICHTITGES

OFFENES

W

O

E

S

ERFREULICHES STOLPERSTEINIGES


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