manu theobald
stille ist
EINE HOMMAGE AN DIE STILLE ULRICH WALTER, Astronaut und Physiker; HAZEL BARTON, Mikrobiologin und Höhlenforscherin; SUSANNA ROTH, Hebamme; PAUL IVIĆ, Koch; MARTIN BIENERTH, Fotograf und Senner; VANDANA SHIVA, Physikerin und Umweltaktivistin; WOLF SINGER, Neurowissenschaftler; HERBERT NITSCH, Freitauchweltmeister; ANDY HOLZER, blinder Extrembergsteiger; ALEXANDER SCHULZ, Slackline-Weltmeister; MONICA GAGLIANO, Pflanzenforscherin; MARTIN SCHLESKE, Geigenbauer; PETRA & MICHAEL MAYER, Mayersche Hofkunstanstalt; POPPY SZKILER, Geschäftsführerin von Quiet Mark; PETER ZUMTHOR, Architekt; NINA KRAVIZ, DJ, Künstlerin und Produzentin; EVELYN GLENNIE, gehörlose Percussionistin; YASUHISA TOYOTA, Akustikingenieur für Konzertsäle; PETER GÜLKE, Musikwissenschaftler und Dirigent; OHAD NAHARIN, Choreograph; SABERA MACHAT, Wüstenexpertin; MIKE BOXHALL, Cranio-Sakral-Therapeut; HEDY SCHLEIFER, Paartherapeutin; KRIS TOMPKINS, Naturschützerin; FRANK OSTASESKI, Sterbebegleiter
... beschreiben in diesem Buch, was Stille für sie ist. Jede/r teilt eine intensive Lebenserfahrung, begleitet von einfühlsamen Portraitaufnahmen. Eine Hommage an das Innehalten und Lauschen und eine Einladung, sich mit allen Sinnen für das Wunder Leben zu öffnen.
STILLE IST EINKLANG Die ganze Welt wimmelt auf tausenderlei Arten. Die Großstadt wimmelt, im Fernseher, im Internet wimmelt alles. In der Wüste fällt all das weg. Die Weite und das Fehlen von Gewimmel sind das, was mich an der Wüste so anzieht. Stille erlebe ich am stärksten über den weiten blauen Himmel tagsüber und nachts unter dem Sternenhimmel. Stille ist Einklang. Alles ist stimmig. Was auch immer passiert, du weißt, was zu tun ist und wann es zu tun ist. Wenn Gäste zu mir in die Wüste kommen, dauert es immer ein paar Tage, bis sie zu sich finden, bis der innere Kommentator stiller wird und sie anfangen, einfach zu sein. Es gibt hier nichts zu tun. Man muss niemand sein, und so werden sie von „human doings“ zu „human beings“. Sie kommen zur Ruhe und allmählich finden sie mehr und mehr zum Einklang mit sich selbst, mit dem, was ist, und mit dem, was sie umgibt. Plötzlich werden sie empfänglich für etwas, was sie sonst im Gewimmel gar nicht erreichen kann. Das ist für viele Gäste ein so
starkes Erlebnis, dass sie verändert nach Hause kommen. Sie fangen neue Jobs an, ziehen um, räumen ihre Wohnungen auf, ersetzen Sofas durch Teppiche mit Sitzkissen. Ich wüsste nicht mehr, wie ich ohne die Wüste leben könnte. Hier, zwischen dem Geröll und dem Sand und den weiblichen Formen der Sandsteinhöhlen, sind Vergänglichkeit und Geburt so gegenwärtig, dass all die Konzepte, wer ich sein oder wie ich leben sollte, von mir abfielen und sich einfach in große Dankbarkeit und Freude über meine Existenz wandelten. Es fühlte sich an wie nach Hause kommen. Herauszufinden, wie ich in dieser kraftvollen Umgebung, inmitten von Sandstürmen, Hitze und Kälte, allein überleben kann, war und ist eine wunderbare Aufgabe. Einmal erlebte ich ein Erdbeben. Es dauerte wahrscheinlich weniger als eine Minute – unglaubliche Kräfte waren am Werk. Kräfte, die gigantische Felsblöcke zerbrechen und herumpurzeln ließen. Wenn irgendwo auf der Welt ein Erdbeben stattfindet, ist die Folge Verwüstung. Hier in der Wüste spielt das keine Rolle, weil es nichts aufzuräumen gibt.
Im Moment werden elektrische Leitungen durch die Wüste verlegt. Es macht mich traurig zu wissen, wie sehr sich das Leben der Menschen mit dem Fernsehen und den darin angepriesenen Waren verändern wird. Wie viel die Menschen verlieren werden und wie wenig sie dafür bekommen. Die alten Beduinen kennen die Stille der Wüste noch sehr gut und können mit ihr umgehen. Für sie ist es normal, tagelang allein mit einem Kamel unterwegs zu sein. Die jungen Beduinen dagegen haben Angst vor der Stille und verstehen nicht, dass die Menschen aus lauten, hektischen Städten kommen, um in der Wüste die Stille zu suchen. Das ist das Kostbarste, was ich hier für mich gefunden habe – die Stille. In der Wüste ist es so still, dass man den Klang der Erde hört.
SABERA MACHAT WÜSTENEXPERTIN
„Stille kann als beruhigend oder beglückend, aber auch als bedrückend oder beängstigend empfunden werden. Nur wer in sich ruhen kann, wird Stille als kostbare Empfindung genießen können.“
KRIS TOMPKINS
WOLF SINGER „Stille ist nicht nur die Abwesenheit von Lärm, sondern auch die Absicht, sie in diesem zu finden. Dann ist es, als ob man einen Teil von sich selbst findet, der sonst vom Alltagslärm gedämpft ist.“
„Das Eintauchen in die Sinne meiner Haut, meiner Muskeln und Knochen war mein Weg, meinen Gehörverlust mit neuen Werkzeugen zum Wahrnehmen der Schwingungen zu ersetzen.“
EVELYN GLENNIE
„Stille ist ein seelischer Vorgang. Jeder Mensch hat die Aufgabe, seine Seele zu stillen. Zu sagen: Ich bin da, ich bin empfänglich. Ihr tiefstes Wesen ist Vertrauen, ein tiefes Aufgehobensein.“
MARTIN SCHLESKE
„Stille ist eine Null, kein Amplitudenausschlag, ein neutraler Hintergrund für Musik, auf dem sie erscheinen kann. Die Qualität eines jeden Tons ist nur so schön wie die Stille, die ihn umgibt.“
POPPY SZKILER
YASUHISA TOYOTA
„Wir nehmen die Klangschichten technischer Geräusche, die uns ständig umgeben, oft nur unterbewusst wahr. Dennoch strengen sie uns an. Stille füllt uns wieder auf, senkt den Blutdruck und stabilisiert die Herzfrequenz.“
ÜBER DIE AUTORIN Manu Theobald war zunächst Mode- und Werbefotografin, wechselte dann aber zur Reisedokumentation und Portrait-Fotografie, angetrieben von dem Wunsch, Geschichten über Menschen zu erzählen. Ihre Aufträge für Magazine wie ADAC-Reisemagazin, Abenteuer&Reisen, AD, Brigitte, Elle, Merian oder Vogue führten sie nach Afrika, Asien und durch weite Teile Europas, in das Leben bekannter Persönlichkeiten genauso wie scheinbar vergessener Menschen. Die Münchnerin fotografiert inzwischen für Stiftungen aus den Bereichen Kultur, Innovation und Wissenschaft.
manu theobald st ille ist Nr. 835271, € 20, — (€ [A] 20,60 / CHF 30,80*) Gebunden · Leineneinband durchgehend farbig mit vielen Fotos 16 x 21,5 cm · ca. 192 Seiten ISBN 978-3-86334-271-5 w w w. adeo-v er lag.de