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„Nur Versöhnung kann uns retten“ - Angela Krumpen

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Für Bischof Simon Ntamwana und die Menschen im Versöhnungswerk Vie Nouvelle pour la réconciliation. Möge ihre Versöhnungsarbeit ihnen und allen Menschen in Burundi ein neues Leben schenken. Und für alle Menschen, die niemals aufgeben. Mögen sie, mit Václav Havel, immer die Gewissheit haben, dass das, was sie tun, Sinn macht. Auch wenn sie nicht wissen können, ob es gut ausgeht.


Inhalt 1. Anflug auf Ruanda: das erste Mal nach Afrika . . . . . . . .

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2. Ein Haus voller Geschichten: von so viel Hass und Gewalt, von so viel Mut und Liebe . . . . . . . . . . . . . . 17 3. Afrikanische Kindheit: behütet in den Hügeln . . . . . . . . 29 4. Eine wunderbare neue Welt: Rom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 5. Aus der Ferne ohnmächtig zuschauen: der „erste“ große Völkermord . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 6. Heimreise in die große Leere: weiterleben, obwohl alle verschwunden sind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 7. Als Landpfarrer auf der Suche nach neuem Leben: keine Versöhnung ohne Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 8. Als Hauptstadtbischof im Widerstand für das Leben: der „zweite“ große Völkermord . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 9. Als Erzbischof immer in Lebensgefahr: von Attentaten und Lebensrettern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 10. Ein Jahrzehnt Hoffnung auf Frieden: Versöhnung ist immer ein Risiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149

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11. Mehr Hass, mehr Gewalt, mehr Angst: Burundi auf dem Weg in die Diktatur . . . . . . . . . . . . . . . 191 12. Rückflug aus Burundi: Hoffnung im Herzen von Afrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199

„Urakose Cane“ heißt „Vielen Dank“ auf Kirundi . . . . . . . . . 203 Zurate gezogene Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Unterstützung für die Versöhnungsarbeit in Burundi . . . . . 207

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1. Anflug auf Ruanda: das erste Mal nach Afrika „Zwei einfache Wahrheiten: Es gibt nichts, was nicht vergeben werden könnte. Und es gibt niemanden, der keine Vergebung verdient hätte.“1 DESMOND TUTU

„Bitte nehmen Sie wieder Ihre Plätze ein und schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus. In Kürze erreichen wir Kigali, Ruanda.“ Die Stimme des holländischen Piloten in der KLM-Maschine lässt meinen Puls in die Höhe schnellen. 9. September, 19.10 Uhr, KigaliAirport. So lautet meine Verabredung. Es ist das allererste Mal, dass ich nach Afrika reise. Und ich weiß nicht mal, wo ich übernachten, wen ich treffen und ob ich überhaupt abgeholt werde. Eigentlich will ich gar nicht nach Ruanda. Eigentlich möchte ich nach Burundi. In dieses so winzige, wie von der Weltöffentlichkeit achtlos übersehene afrikanische Land. Obwohl der Welthungerindex regelmäßig in die Welt ruft, dass Burundi zu den drei ärmsten Ländern gehört, interessiert das niemanden. Vielleicht denken wir ja alle, unbewusst und vielleicht auch aus Angst um das eigene gute Leben, dass, wenn es denn schon ein

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Desmond und Mpho Tutu: Das Buch des Vergebens, Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit, Allegria Verlag, 2014, S. 12.

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Welthunger-Ranking gibt, auch irgendwer die letzten drei Plätze belegen muss. Kein Ranking ohne letzte Plätze. In einer Fußballligatabelle ist das schließlich auch nicht anders. Aber es gibt mehr, was man über Burundi wissen sollte: Es ist das am dichtesten besiedelte Land Afrikas, mehr als 300 Menschen leben auf einem Quadratkilometer. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Aber die Menschen in Burundi sind nicht nur jung und arm und hungern. Sie leben auch in Angst und Schrecken. Vor ihrer eigenen Regierung. Ich reise im September 2016. Von Reisen nach Burundi wird dringend abgeraten, verlautbart das Auswärtige Amt auf seiner Webseite. Deutschen in Burundi wird dringend empfohlen auszureisen. „Komm jetzt nicht“, warnt mich Erzbischof Simon Ntamwana aus Gitega, einer Stadt in Burundi, „es ist zu gefährlich, es herrscht viel zu viel Gewalt hier“. Erzbischof Ntamwana ist eine in Afrika sehr respektierte Stimme, viele Jahre war er Vorsitzender der zentralafrikanischen Bischofskonferenz. Seit April 2015, als in Burundi eine neue Krise ausbrach, ist es schon das dritte Mal, dass er mir absagt. Drei Mal schon haben wir eine Recherchereise nach Burundi geplant, drei Mal hat Bischof Simon mich kurz vor Reiseantritt traurig vertröstet: im Herbst 2015, im Februar und jetzt auch im Spätsommer 2016. Wie aber soll ich ein Buch über Burundi schreiben, wenn ich nie dort war, nicht mit den Menschen reden kann? Also schmieden wir einen Plan B: „Komm nach Kigali. Wir kommen von Burundi aus auch nach Ruanda und treffen uns einfach in Kigali“, schlägt Bischof Simon schließlich vor. Kigali also. Kigali, die Hauptstadt von Ruanda. Aber außer dem, was alle über den Völkermord in Ruanda wissen, weiß ich rein gar nichts 10


über dieses Land. Gerade, dass es das Land der 1000 Hügel genannt wird, weiß ich noch. Als ein befreundeter Journalist von meinen Reiseplänen erfährt, schreibt er in einer E-mail: „Denk dran, keine Plastiktüten mitzunehmen, aber das weißt du ja sicher.“ Ähm, nein, das weiß ich nicht. Und denke zunächst verunsichert, er erlaube sich einen seltsamen Scherz. Dr. Google belehrt mich rasch eines Besseren: Ruanda ist tatsächlich das einzige Land der Welt, in dem jede Form von Plastiktüten verboten ist (und in dem die Menschen tatsächlich ihre Einkäufe in braunen Papiertüten umhertragen, wie ich bald erfahren werde). Ich mache mich auf die Suche nach erfahrenen Ruandareisenden. Alle beruhigen mich, Ruanda sei ein sicheres Land. Darüber bricht schließlich der 9. September an. Obschon unsere Reisewege so unterschiedlich lang sind, zehntausend Flugkilometer hier, kaum dreihundert Fahrtkilometer dort, brechen wir fast zur selben Zeit auf. Eine Gruppe Burunder, oder Barundi, wie die Burunder sich selbst nennen, fährt in Gitega los, ich mache mich von Deutschland auf den Weg. Abends sind wir am Ausgang des Kigali-Airport verabredet. Doch Bischof Simon hat mir nicht verschwiegen, dass die Beziehung zwischen Ruanda und Burundi durch die Krise in Burundi und durch Hunderttausende Flüchtlinge aus Burundi nach Ruanda angespannt ist. Nicht jeder Burunder wird ins Land gelassen. Wer in einem Bus anreist, noch einmal weniger. Die kleine Gruppe, die ich treffen soll, kommt aber in einem Bus. Ich kann also nicht wissen, ob ich abends abgeholt werde. Losfliegen, auf den Weg machen, muss ich mich natürlich dennoch.2

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„Le courage d’espérer construit et élève“, schreibt Bischof Simon später an den Rand des Manuskripts: Der Mut der Hoffnung baue uns auf und mache stark, würde ich das frei übersetzen. Und denke: Was für ein schönes Bild.

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Der Flug von Düsseldorf nach Kigali, über Amsterdam und mit einer Zwischenlandung in Entebbe, Uganda, verläuft ohne Probleme. Auf diesem stundenlangen Flug ins „Vielleicht-Nichts“ fragt mich mein Verstand: Warum tust du dir das an? Mutest dir Impffieber zu, quetschst in deinen vollen Terminkalender eine Reise, für die du eigentlich gar keine Zeit hast? Warum willst du ein Buch schreiben über ein Land, in dem du noch nie warst und in das sich auch sonst nur selten ein Europäer verirrt? Eine allererste Reise in einen dir auch noch vollständig unbekannten Kontinent, in dem du, statt Interviewpartner zu treffen, vielleicht verwaist vor dem Flughafen zurückbleibst? So viele dringliche, wahrscheinlich berechtigte Fragen stellt mein Hirn. Aber mein Herz hatte sie, entschlossen und sicher, schon vorher alle beiseitegewischt: Ich weiß genau, warum ich diese Reise antrete! Ich reise, weil die Menschen, die ich kennenlernen werde, ganz normale, ganz einfache Menschen sind. So normal wie ich. Und doch große Dinge tun. So groß, dass ich um die halbe Welt reisen und sie erforschen will. Diese Menschen leben Versöhnung. Trotz Völkermords. Ich werde Menschen treffen, die jene Gräuel erlebt haben, die uns schon bei der leisesten Andeutung schaudern und zurückweichen lassen. Menschen, denen ihre Babys aus den Armen gerissen wurden oder die schon fast totgeschlagen im Massengrab lagen. Einer von ihnen hat mit seiner Machete selbst gemordet. Sie alle gehen, die Opfer zu den Tätern, die Täter zu den Opfern, und bieten Versöhnung an. Das gelingt nur wenigen Menschen. Es ist schon schwierig genug, miteinander in Frieden zu leben, also „einfach nur“ leben und leben zu lassen. Ungleich schwieriger wird es schon, den Nachbarn, der die Tochter, den Lehrer, der die Mutter ermordet hat, in Frieden leben zu lassen. 12


Aber als Opfer den Tätern aktiv Versöhnung anbieten? Oder als Täter, als jemand, der gemordet hat, die Angehörigen der Opfer um Verzeihung bitten? Das ist groß. Die Menschen, die ich kennenlernen will, tun genau das. Sie sagen Dinge wie: „Als Opfer tragen wir nur die Folgen der Tat. Der Täter aber trägt die Verantwortung. Das ist so viel gravierender. Für uns ist es viel leichter, den ersten Schritt zu tun. Deswegen gehen wir ihn.“ Die Menschen, die ich interviewen will, gehören alle zu dem Werk „Vie nouvelle pour la réconcilitation“, „Neues Leben durch Versöhnung“, das Erzbischof Simon Ntamwana gegründet hat. Bischof Simon weiß, wovon er spricht: Mehr als 100 Menschen aus seiner eigenen Familie sind über die Jahrzehnte im Völkermord umgebracht worden. Er hat den Mördern seines Vaters Versöhnung angeboten, den Mördern seines Bruders verziehen. Erzbischof Simon lebt in ständiger Gefahr, hat Attentate überlebt. Die Familie seines jüngsten Bruders, samt schwangerer Frau und vier Kindern, ist ermordet worden, um ihn einzuschüchtern und mundtot zu machen. Aber ganz egal, was in 45 Jahren Bürgerkrieg passiert ist, ganz egal, was noch passieren mag, aus Burundi wegzugehen, kommt für den Bischof nicht infrage. „Wenn ich sterben soll, dann sterbe ich. Aber solange ich lebe, kämpfe ich dafür, dass die Herzen der Menschen weniger schmerzen, dass die Menschen ein neues Leben bekommen. Der einzige Weg dorthin ist die Versöhnung.“ Starke Worte. Mit der natürlichen Autorität eines Menschen gesprochen, der sagt, was er tut. Und tut, was er sagt. Ein Visionär. Der so viele andere Menschen dazu bewegt, es ihm nachzutun. Zusammen haben die Menschen aus dem Versöhnungswerk viele zehntausend Menschen durch Versöhnungsprozesse begleitet. Ich wiederhole mich, aber das ist groß. 13


Das ist der Grund, warum mein Herz nicht zögerte, als der Erzbischof mich eines Tages fragte, ob ich mit ihm arbeiten, über sein Versöhnungswerk ein Buch schreiben wollen würde. Der Bischof hatte andere Bücher von mir gelesen, irgendwas daran hat ihn glauben lassen, ich könne auch seine Geschichte erzählen. Mein Herz willigte zwar rasch ein, aber es stellte eine Bedingung: Gerne würde es seine Geschichte erzählen, aber keinesfalls nur seine, die eines Visionärs und Gründers. Auf jeden Fall müsste ich auch jene Menschen befragen können, die sich dem Bischof anschließen, die seine Aufgabe bereitwillig zu der ihren machen. Mir war sofort klar, warum mein Herz so dringlich diese eine Bedingung stellte: Es fürchtete, eine Biografie des Bischofs (für die es zur Not ja auch ausgereicht hätte, ihn einfach in Europa zu treffen) würde zwar Leser finden, die des Bischofs Mut und seine Hingabe bewunderten. Ja. Aber würden sie seine Botschaft auch für ihr eigenes Leben in Erwägung ziehen? Mein Herz sah die Gefahr, dass die Leser Bischof Simons Botschaft weit von sich weisen würden, mit dem Hinweis, es sei ja großartig, was Visionäre, Ausnahmepersönlichkeiten wie er erreichen könnten. Aber normale Menschen seien nun mal nicht in der Lage, solche Gräuel zu vergeben. Doch, wenn es stimmt, was mir der Bischof erzählte, dann können sie genau das. Dann können Menschen, denen schier unaussprechliche Dinge widerfahren sind, ihren Peinigern verzeihen. Einen, wenn auch äußerst schmerzlichen Weg der Versöhnung gehen, an dessen Ende Täter und Opfer die Wunden geheilt haben und mit den immer bleibenden Narben ein neues Leben leben. Ein lebensfrohes, eines voller Liebe noch dazu! Das ist es, was mein Herz herausfinden wollte: Wie machen diese Menschen das? Welche inneren Schritte auf diesem Weg braucht ihre Seele, um dazu fähig zu werden? Welche äußeren Schritte braucht der Prozess zwischen zwei Menschen, die durch 14


eine Tat so tief verbunden sind, dass sie zu Täter und Opfer wurden, damit sie wieder zwei eigenständige Menschen werden können, die ihren eigenen Lebensweg gehen? Diese Fragen stellte mein Herz, als Bischof Simon mir die Bitte eines Buches über sein Werk antrug. Es gab noch einen Grund, warum ich nicht zögerte. Andauernd lassen wir uns in allen möglichen, vor allem aber den visuellen Medien vor Augen führen, zu welchen Abgründen wir Menschen fähig sind. Das ist wichtig. Und richtig. Weil wir sonst vergessen, es schier nicht für möglich halten, zu welchen Grausamkeiten wir in der Lage sind. Aber so sehr Menschen hassen können, so sehr können sie lieben, bin ich schon lange überzeugt. „Nein, noch mehr“, korrigiert Bischof Simon mich, „sie können sogar noch mehr lieben als hassen“. Der Liebe nachzugehen, nicht nur dem Hass, das will ich schon mein ganzes Leben lang. Davon handeln alle meine Bücher. Mir ist es, warum auch immer, ein geradezu körperliches Bedürfnis, diesen Liebesgeschichten zu folgen. Ihnen zuzuhören und aufzuschreiben, was ich davon verstehen kann. Wie sollen wir Menschen unsere wahre Größe kennen, wenn wir nicht hinschauen, wie Menschen sich von der Liebe leiten lassen und dadurch zu wahrer Größe wachsen? Wie sollen wir wissen, dass Menschen wirklich Großes tun können, wenn wir uns diese Geschichten nicht erzählen? Wenn ich für eine solche Liebesgeschichte in das Herz von Afrika reisen muss, dann soll es so sein. Ob meine Interviewpartner, die mein Herz so dringlich kennenlernen möchte, es über die Grenze geschafft haben oder ob mein erster Flug nach Afrika mich am Flughafen ausspuckt und dort verwaist zurücklässt? Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in meinem Sitz zurückzulehnen und abzuwarten. 15


2. Ein Haus voller Geschichten: von so viel Hass und Gewalt, von so viel Mut und Liebe „Der Mensch wird erst intelligent, wenn er auf allen Gebieten den Anteil der Größe von seiner Kleinheit zu unterscheiden weiß. Der Mensch, der sich einzig den Anteil der menschlichen Kleinheit zu eigen macht, verliert nach und nach seine eigentliche Größe.“3 MICHEL KAYOYA

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Michel Kayoya: Auf den Spuren meines Vaters, Jugenddienst Verlag, 1973, S. 117. Michel Kayoya war ein burundischer Priester, Schriftsteller, Dichter und Intellektueller. Er reiste durch Europa, um auf die Not in Burundi aufmerksam zu machen und Unterstützung zu finden. Er reiste auch nach Moskau, um herauszufinden, ob der Kommunismus für die Menschen in Afrika ein Weg nach dem Ende des Kolonialismus sein könnte. Michel Kayoya wurde am 15. Mai 1972 erschossen. Seine Gedichte, Erzählungen, Berichte und Reflexionen gelten als poetische Zeitzeugnisse. Ich entdeckte ihn, weil ich einer meiner Tanten von meinem Buchprojekt in Afrika erzählte. Sie und ihr Mann haben den Nachlass einer alleinstehenden Nachbarin geordnet. Das Buch sollte nach ihrem Tod weggeworfen werden, da haben die beiden es an sich genommen. Die Verstorbene lebte in meinem Heimatdorf im Rheinland, finanzierte das Studium von Michel Kayoya mit, unterstützte seine Projekte, und, wie erstaunlich: Als alleinstehendes „Fräulein“, wie man damals sagte, reiste sie schon in den 70er-Jahren selbst nach Burundi! Als Bischof Simon in meinem fertigen Manuskript auf das erste Zitat von Michel Kayoya stieß, wurde er ganz aufgeregt: „Michel Kayoya! Wie hast du den denn gefunden? Ich verehre ihn und will ihn zur Seligsprechung vorschlagen.” Nein, nicht ich habe Michel Kayoya gefunden, ich glaube, Michel Kayoya hat unser Buchprojekt gefunden.

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„Wie immer, wenn wirkliches Wachstum stattfindet, erwies sich der Prozess als zutiefst schmerzhaft und wunderschön zugleich.“4 DESMOND TUTU

Zwei Stunden ist es nun her, dass ich in Kigali gelandet bin. Es dauert ein bisschen. Strenge Sicherheitskontrollen, lange Schlangen an den Schaltern des Zolls und der Bearbeitung der Einreisevisa warten auf alle Passagiere der Maschine. Und nachdem das überstanden ist, muss das Gepäck aus dem Flugzeugbauch seine Besitzer wiederfinden. Allen Mitreisenden gelingt es irgendwann, die richtige Tasche, das richtige Kofferungetüm vom Gepäckband zu hieven. Ich stehe immer noch am Band, als es plötzlich stoppt. Meine Tasche hat es nicht befördert. Ratlos starre ich auf die geschlossene Luke, die eben noch Gepäck ausspuckte. Die Halle leert sich, auch die letzten Passagiere schieben ihre Gepäckwagen zum Ausgang. In der Tasche ist mein Aufnahmegerät, das ich absichtlich, um bohrende Fragen zu vermeiden, nicht im Handgepäck transportiert hatte. Ohne das Gerät wird der Aufenthalt sinnlos. Schließlich, ich laufe etwas ziellos in der Halle umher, finde ich meine Tasche auf einem anderen Band mit Koffern aus einem anderen Land. Egal, geschafft, endlich kann ich den Flughafen in Kigali verlassen. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich auf den Ausgang zugehe: Was, besser, wer erwartet mich? Kaum trete ich aus dem Flughafen, laufe ich geradewegs in eine kleine Menschentraube. In ihrer Mitte: Bischof Simon. Beifall brandet auf, Menschen umarmen und küssen mich. So

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Desmond und Mpho Tutu: Das Buch des Vergebens, Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit, Allegria Verlag, 2014, S. 10.

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erleichtert wie verwundert lasse ich mich herzen. Fühle mich wie eine Fremde, die empfangen wird, als wäre sie ein enges Familienmitglied, das nach langer Reise heimkommt. Irgendwann werde ich zu einem kleinen Bus auf dem Flughafenparkplatz geführt und geheißen einzusteigen. Gerade will ich mich wundern, wie denn die anderen nach Hause kommen, es können ja schier unmöglich alle in diesen kleinen Bus passen, da klettert zu meinem großen Erstaunen einer nach dem anderen hinterher. Pickepacke bis unters Dach beladen, fahren wir durch die dunkle Nacht. Von meinem Fensterplatz aus versuche ich, erste Eindrücke aus Ruandas Hauptstadt zu erhaschen. Außer viel Gewusel und Gehupe von Autos und Motorrädern auf den Straßen, zwischen hochbeladenen Fahrrädern und Strömen von Menschen am Straßenrand, kann ich nicht viel erkennen. Schließlich werden die Menschen auf den Straßen weniger, wir fahren über eine große Ausfallstraße aus der Stadt heraus auf eine Anhöhe, biegen in unbefestigte kleinere Straßen ab, bis wir schließlich im Schritttempo durch riesige Schlaglöcher schaukeln und vor einem Metalltor hupend zum Stehen kommen. Alsbald kommt ein junger Mann gelaufen, um beflissen das Tor zu öffnen. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkenne ich die Umrisse eines beeindruckend großen zweistöckigen Hauses. Sein Giebel ruht auf Säulen, zu denen hohe Treppen führen. Hier werden wir also die nächste Woche über zusammen wohnen. Auch der Erzbischof. Es ist, erzählen mir die anderen aus der Gruppe später, in ihrer langen gemeinsamen Geschichte überhaupt das erste Mal, dass der Erzbischof mit ihnen zusammenlebt. Dabei wünschen die Menschen im Werk es sich sehr, warten schon darauf. In Gitega gibt es in einem der Häuser des Werkes eine fertig eingerichtete Wohnung, die nur auf den Einzug des Erzbischofs wartet. Sobald er nicht mehr als 19


Erzbischof gebraucht wird, wird er in diese Wohnung ziehen. Hier in Kigali also können alle in Vorfreude schon mal Erfahrungen in der Wohngemeinschaft sammeln. Es war gar nicht so einfach, ein passendes Haus für unser kleines Begegnungsabenteuer zu finden: abgelegen musste es sein, ungestört mussten wir miteinander reden können. Wenn die Menschen mir ihre Geschichten wirklich erzählen sollten, dann mussten wir unter uns sein können. In einem Staat wie Ruanda, in dem Kritik an der Politik und an Offiziellen verboten ist und der über ein ausgedehntes Geheimdienstwesen kontrolliert wird, haben die Wände Ohren. Auch in Gästehäusern oder kirchlichen Häusern. Wir mussten also abseits und alleine wohnen. Außerdem brauchten wir ein einfaches Haus. Das Leben in Ruanda ist viel entwickelter – und viel teurer als das im so viel ärmeren Nachbarland Burundi. Eine sowohl bezahlbare als auch geeignete Unterkunft in einem fremden Ort in einem anderen Land zu finden, wobei einige aus der Gruppe nie zuvor Burundi verlassen hatten, war für meine Gastgeber vom Versöhnungswerk keine leichte Aufgabe. Mithilfe einer in Ruanda lebenden Tochter eines Mitgliedes der Gruppe fanden sie dieses abgelegene Haus auf einem der Hügel, die das Tal, in dem Kigali liegt, bilden. Auch wenn es von außen gewaltig und herrschaftlich aussieht, ist das Leben im Haus einfach: Es gibt zwar Strom, aber die Leitungen sind altersschwach und wackelig. Mehrmals am Tag, vor allem abends, dann, wenn wir das Licht brauchen, fällt der Strom für längere Zeit aus und wir essen im Dunkeln. Die Duschen sind verrostet, die Wasserhähne verbogen, doch wir haben – wenn auch nicht immer – fließendes Wasser. Ich werde angehalten, das Wasser nicht zu trinken. Zum Kochen gibt es hinter dem 20


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„Nur Versöhnung kann uns retten“ - Angela Krumpen by SCM Verlagsgruppe - Issuu