FĂźr Leyna, meine Enkelin
Inhalt Reich oder arm? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Nichts wie weg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 Irgendwie geheimnisvoll . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Ich will eine Carmen sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Eine von sechs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Wilder Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Meine erste Platte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Stufen ins Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Les und die Liebe auf den ersten Blick . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Hochzeit mit Les . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Bergfahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Leben und Sterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Gespräche mit dem Berg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Nicht für 100 000 Mark . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Herzklopfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Mike, mein Mann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Krieg in meiner Heimat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Vater und Sohn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Tara . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Das grĂśĂ&#x;te Geschenk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Ich liebe das Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Vita . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
Reich oder arm?
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anny ist mein Ein und Alles. Er ist ein Kind der Liebe. Sein Vater heißt John Lesley Humphreys, von allen Les genannt. Und ich bin Dannys Mutter. Wir wohnen in einer 18-Zimmer-Villa mit Sauna und Swimmingpool in der besten Hamburger Gegend. Ein Abend im Frühjahr 1975 wird alles verändern. Danny ist noch ein Baby. Knapp zwei Jahre nach einer traumhaften Hochzeit 1972 mit mehr als 1000 Gästen aus Prominenz und Politik ist er auf die Welt gekommen. Les ist ein Star, ein Popmusiker. Mit den Les Humphries Singers wird er Anfang der Siebzigerjahre bekannt und verkauft bis 1976 mehr als 48 Millionen Tonträger. Die Gruppe mischt die Charts auf mit Hits wie „Mama Loo“ und „Mexico“. Sie sind in so ziemlich jeder internationalen Unterhaltungs- und Musikfernsehsendung zu sehen. Einen Samstagabend im deutschen Fernsehen ohne Musik von den Les Humphries Singers gibt es eigentlich nicht. Entweder treten sie selbst auf oder die von ihnen gespielte Titelmelodie der Krimiserie Derrick dudelt aus dem Fernseher. Les hat sie komponiert. Ich gelte in der Musik- und Fernsehwelt mit meinen dunklen Haaren als rassige und etwas geheimnisvolle Schönheit und als diejenige Sängerin und Schauspielerin, die einen der begehrtesten Junggesellen der Siebzigerjahre abbekommen hat. Es ist eine glamouröse Welt, in der wir uns bewegen, eine 9
Welt, über die die Boulevardblätter gerne berichten: Wie wir uns kennengelernt haben, unsere Hochzeit, wie wir umgezogen sind aus der kleinen Wohnung in Eppendorf in die Luxusvilla mit Park am Elbestrand von Blankenese. Und wie wir dort leben. Wir verkörpern die perfekte Familie, schön, reich, berühmt, begehrt, immer strahlend – ein wahr gewordener Traum. In diesem Traum sitzt Les abends auf dem großen cremefarbenen Sofa, schwenkt Whiskey in einem Glas, lehnt sich zurück und entspannt sich nach einer stressigen Arbeitswoche, die er vor Kameras und auf Bühnen verbracht hat. Danny schlummert in seinem Bettchen. Und ich sitze bei ihm, in diesem kleinen Kinderzimmer, neben der Wickelkommode, auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Die Tür habe ich abgeschlossen. Bis eben hat Les dagegengehämmert und mich aufgefordert herauszukommen. Jetzt ist es still. Les hat sich verzogen. Er ist betrunken, wie an jedem Abend. Immer wieder trinkt er, und an jedem Morgen beteuert er, dass er damit sofort aufhören wird. Dann tut er es doch wieder. Der Hausarzt hat gesagt, wenn Les trinke, dann solle ich ihn in Ruhe lassen, weil er sonst aggressiv werde. Das tue ich. Aber Les lässt mich nicht in Ruhe. Ich schließe mich ein und warte. Wenn Les betrunken ist, verliert er jede Kontrolle, und ich kann ihm nichts recht machen. Kleinste Bemerkungen bringen ihn auf die Palme. Wenn ich ihn bitte, das Glas wegzustellen und es gut sein zu lassen, dann erwidert er genervt: „Darf ich bitte austrinken?“ Und dann ist das Glas einen Moment später aufs Neue gefüllt. Ich lerne bald, dass ich dazu besser 10
nichts sage. Denn es bewirkt nichts und bringt mich nur in Gefahr, wie sich eines Abends zeigte. „Jetzt ist das Glas ja schon wieder voll. Du hast doch gesagt, du willst nur noch austrinken. Warum schenkst du denn jetzt nochmal ein?“, rede ich auf ihn ein, stehe auf und nehme ihm die Whiskeyflasche weg. Les dreht durch. Ehe ich mich versehe, fliegt das schwere Kristallglas, in dem er eben noch den Whiskey schwenkte, in meine Richtung, trifft den Wangenknochen. Die Wucht des Aufpralls ist so groß, dass das Glas in meinem Gesicht zerspringt. Am nächsten Tag, bei der Fernsehaufzeichnung für Ilja Richters „Disco“, habe ich eine dicke Wange. Sie ist nicht zu übersehen und nicht wegzuschminken. Ich erzähle irgendetwas von Zahnschmerzen. Dann kommt die Wiedergutmachung: Les gibt seiner Assistentin Astrid ein paar Scheine in die Hand, sie soll losgehen und mir als Entschuldigung ein schönes Schmuckstück kaufen. Sie sucht einen Brillantring aus. Mit der Zeit wird meine Schmuckschatulle immer voller. Les denkt, er kann seine aggressiven Ausfälle, seine Übergriffe, seine Alkoholexzesse und meine Verletzungen mit Schmuck und anderen teuren Geschenken wiedergutmachen. Aber nichts ist gut. Seitdem mir das Glas ins Gesicht geflogen ist, wage ich es auch nicht mehr, ihn zurechtzuweisen. Dennoch reichen die vielen unschönen Szenen für mich nicht, die Ehe wirklich infrage zu stellen und ihn zu verlassen. Ich hoffe immer noch, dass Les sich besinnt, dass er wieder der wird, den ich glaubte, in ihm gefunden zu haben – in den ich mich verliebt hatte. 11
Les hat, wie er mir erzählt, nie eine richtige Familie gehabt. Ich will, dass wir zusammenbleiben, denn Danny soll nicht ohne Vater aufwachsen. Trennung, das war in den Siebzigerjahren anders als heute. Bei einer Scheidung wurde damals ein Schuldiger bestimmt. Und ich stellte mir die Frage, wie es als alleinerziehende Mutter wäre. Über sie wurde in der Gesellschaft die Nase gerümpft. Es gab sie quasi nicht, und auch keine weitreichenden Regelungen für sie. Es ist die Zeit, in der Frauen von ihren Männern noch eine Erlaubnis brauchen, wenn sie einer Arbeit nachgehen wollen. Und Männer können über ihre Frauen bestimmen, können für sie bei ihrem Arbeitgeber kündigen, ohne sie zu fragen – so steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Erst im Jahr 1977 wird dieses Gesetz abgeschafft. Nein, Frauen bleiben bei ihren Männern, so ist das eben, so ist es vorgesehen. Außerdem: Die paar Missstimmungen könne man doch aushalten, erst recht dann, wenn man dank des Mannes so ein luxuriöses Leben führen kann wie ich. Menschen, die ich um Rat frage, die ich in meine Überlegungen einbeziehe, Les vielleicht doch verlassen zu wollen, reagieren mit Unverständnis. Eines Abends rufe ich den Konzertveranstalter Fritz Rau an, der mich nach Deutschland geholt hat, und teile meine Enttäuschung mit ihm: „Ich habe immer mehr den Eindruck, dass die Riesenhochzeit nur ein Spektakel für die Presse war. Alles ist eine große Inszenierung“, erzähle ich ihm. „Les nimmt Danny seit einiger Zeit nur noch für Pressefotos auf den Arm. Ansonsten interessiert er sich anscheinend nicht für ihn – und auch nicht für mich. Es ist alles eine große Show, es ist unerträglich. Ich habe Angst, wenn Les abends 12
nach Hause kommt, ich habe Angst um mich, und noch mehr um das Kind“, klage ich. Aber Fritz Rau versucht, mich zu beschwichtigen und zu beruhigen. Was würde die Presse aus unserer Trennung machen? Er ist nicht der Einzige, der mir zuredet zu bleiben: „Ach, Mädchen, es wird schon nicht so schlimm sein.“ Dass Männern gegenüber ihren Ehefrauen mal die Hand ausrutsche, das sei doch normal, erklärt er mir. Ich verstehe das nicht. Man schlägt weder die Frauen noch die Kinder. Aber Fritz sieht das anders. Dass Stars Affären mit ihren Groupies haben, das sei schließlich auch normal. Les sagt zwar immer, er mache sich nichts aus Groupies, aber ich weiß es besser. Woher ich das weiß? Die Singers aus seiner Band erzählen es mir. Groupies geben den Portiers in den Hotels ein paar Mark, damit sie sie in die Zimmer der Stars lassen. Und wenn diese dann aufs Zimmer kommen, liegen die jungen Mädchen schon nackt bereit. Ich bekomme Anrufe und Briefe von fremden Frauen: „Glaub nicht, dass dein Mann dir treu ist. Ich habe eben mit ihm geschlafen.“ Und das Armband mit der Namensgravur „Barbara“ auf Les’ Nachtisch, das habe angeblich sein Pressechef dort vergessen, erklärt Les, nachdem ich es gefunden habe. Der Pressechef … hat etwas neben unserem Ehebett liegengelassen … auf dem Nachtisch von Les, mit Barbara … Natürlich. Aber ich hoffe immer noch, dass alles wieder gut wird. So wird meine größte Aufgabe, meinen Sohn Danny zu beschützen. Manchmal hämmert und schreit Les so lange an die Tür, bis ich öffne. Heute Abend ist er überhaupt nicht mehr zu 13
beruhigen. Er ist zurückgekommen und er lässt nicht von mir ab: „Dunja, mach die Scheißtür auf!“, brüllt er und rüttelt an der Klinke. Ich fürchte, er wird nicht aufhören, vor der Tür zu toben, bis ich rauskomme. Immer noch sitze ich auf dem Teppichboden, halte mir die Ohren zu. Danny ist in seinem Bettchen wach geworden und weint. Er ist erst zwei Jahre alt. Ich stehe auf, gehe zu ihm, streiche ihm über die Wange, auf der eine kleine Träne entlanggelaufen ist. Danny verstummt, er blickt mich aus seinen Kulleraugen an, und sein Gesicht hellt sich sofort auf. Er strampelt die Decke ein wenig weg und rudert mit den Armen. Les poltert erneut gegen die Tür. „Mach auf “, schreit er. „Ach, du kleiner Junge, hast ja keine Ahnung – schlaf “, sage ich leise, gehe zur Tür, drehe den Schlüssel herum und drücke die Klinke herunter. Les steht vor mir, wutschnaubend. Er schimpft irgendetwas Unverständliches, geht zum Kinderbettchen, beugt sich hinab und greift nach Danny. „Lass den Jungen, lass ihn schlafen!“, sage ich, aber das interessiert Les nicht. Nicht, dass ich denke, dass er Danny etwas tun wird, aber der Kleine soll schlafen. Mein Mann nimmt Danny dennoch auf den Arm und wankt an mir vorbei in Richtung Küche. Ich habe keine Ahnung, was Les mit dem Baby dort will. Vermutlich weiß er es selbst nicht. Ich gehe schnell hinterher, will den nächsten Moment abpassen, um ihm das Kind abzunehmen und es zurück ins Bett zu bringen. Les schwankt, und es beginnt einer der längsten, ohnmächtigsten und schrecklichsten Momente in meinem Leben. Ich sehe, wie mein betrunkener Mann stolpert, wie er mit den Händen nach links und rechts greift, um sich abzufangen. Das Bündel, eben noch in seinem Arm, hängt für einen Augenblick förmlich in der Luft. Ich sehe, wie Danny fällt, und kann nichts 14
tun. Les fängt sich ab, aber nicht das Baby. Es sind schreckliche Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen. Danny schlägt hart auf dem Marmorboden auf. Mein Herz bleibt stehen. Totenstille. Sekundenlang. Dann schreit das Kind. „Was hast du getan?“, rufe ich. „Danny, Danny!“ Ich renne zu meinem Baby, falle auf die Knie, greife nach ihm, hebe es vom Boden auf. Les starrt verwirrt in unsere Richtung. „Was hast du denn? Wird schon nichts sein“, lallt er. Danny weint fürchterlich. Ich rufe nach Astrid, die sofort den Arzt verständigt, während ich mich um das Kind kümmere. Les lallt und lallt, es werde schon nichts sein, ich solle mich nicht so anstellen. „Dem Kind ist doch gar nichts passiert. Du immer mit deiner Angst, du mit deiner heilen Welt“, stammelt Les und schenkt sich erneut etwas ein. Wenig später, nach bangen Minuten, trifft der Kinderarzt ein. Während er Danny abtastet, trinkt Les ungerührt weiter. Astrid steht stumm dabei. Sie ist bei uns Mädchen für alles, wohnt im kleinen Nebenhaus der Villa. Und sie weiß natürlich längst, was bei uns los ist. Ich fühle mein Herz immer noch heftig klopfen. Les hängt auf dem Sofa, glotzt vor sich hin und lallt wirres Zeug. Der Kinderarzt knöpft Dannys Strampler nach der Untersuchung zu: „Da haben sie noch mal Glück gehabt“, höre ich ihn sagen. Wie durch ein Wunder sei nichts passiert. „Kinder haben weiche Knochen, das hätte aber auch ins Auge gehen können.“ Ich nicke stumm, bin immer noch unter Schock. Astrid begleitet den Arzt zur Haustür. Er weiß, dass niemand erfahren darf, was er gesehen hat. 15
Astrid schließt die Tür, dreht sich um, wir schauen uns an. Jetzt ist es klar. Mein Entschluss steht fest: „Kannst du mir helfen?“, sage ich leise zu Astrid. „Kannst du mir helfen, dass ich hier wegkomme?“
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Liebe Leyna, Du darfst nicht schlecht über Deinen Großvater denken, nachdem Du das hier gelesen hast. Man darf niemanden für sein Verhalten einfach so verurteilen. Ja, Dein Großvater hat sich Deinem Papa und mir gegenüber nicht gut verhalten. Aber es gibt immer Gründe, warum Menschen so sind, wie sie sind. Für Deinen Großvater ist wohl alles zu viel geworden, die viele Arbeit, der Druck – und dann kam der Alkohol ins Spiel. Es entschuldigt nichts, aber es erklärt vieles. Les ist so geworden. Er konnte alledem nicht standhalten und er konnte sich nicht gegen die bösen Einflüsse wehren. Und ich habe es nicht vermocht, ihm mit meiner Liebe zu helfen. Deshalb musste ich gehen. Aber glaube mir: Im Kern war Dein Großvater ein guter Mensch, der nur vom Weg abgekommen ist. Kein Mensch ist von Natur aus böse.
Nichts wie weg
A
strid Kirchherr ist die rechte Hand von Les. Und ich kann mich ihr anvertrauen. Sie ist seit Jahren im Musikgeschäft, steht aber meist im Hintergrund. Im Alter von 17 Jahren war sie schon in Hamburger Musiklokalen unterwegs. Im Kaiserkeller auf der Hamburger Reeperbahn sah sie als Anfang-zwanzig-Jährige die Beatles und fotografierte sie. Damals waren sie noch zu fünft und hatten noch keine Pilzköpfe. Der Bassist der Gruppe, Stuart Sutcliffe, und Astrid werden ein Paar, bis er im April 1962 an einer Hirnblutung stirbt – in ihren Armen. Astrid ist es, die den Beatles die unverwechselbaren Frisuren geschnitten hat. Später wird Astrid die Assistentin von Les. Sie hat unser Haus eingerichtet, den mauve-farbenen Teppichboden ausgesucht und den Marmorboden für die Küche; auch das Sofa und die Möbel – alles sehr geschmackvoll. Sie hat ein gutes Auge für die schönen Dinge. Nachdem wir in die Hamburger Villa einziehen, bewohnt sie mit ihrem Freund Gregor das kleine Nebengebäude. Tag und Nacht steht sie Les als Assistentin zur Verfügung, kümmert sich um das Büro, kauft ein, macht Frühstück, regelt, was zu regeln ist. Sie besorgt auch die Wiedergutmachungsgeschenke, wenn Les wieder mal durchgedreht ist. Nach einer Weile hat Les aufgehört, sich persönlich bei mir zu entschuldigen. Astrid macht das jetzt für ihn, überreicht mir stumm die Schmuckstücke der Entschuldigung 19
und übt sich in Diskretion. Astrid bekommt natürlich stets hautnah mit, was sich in unserem Haus abspielt. Sie weiß auch von dem Verhältnis, das Les mit einer Moderatorin hat – wer weiß es nicht? Es stand ja schon in der Zeitung. Astrid ist klug genug, um sich zu alledem nicht ungefragt zu äußern. Aber sie tröstet mich und versucht immer wieder zwischen uns beiden zu vermitteln. Auch Uwe, der Fahrer von Les, kennt die ganze Wahrheit. Er könnte etliche Geschichten erzählen, die ein gefundenes Fressen für die Presse wären. Und er zieht Les ständig aus dem Schlamassel. Uwe ist immer dabei und hat stets ein Bündel Geld in der Tasche, für den Fall, dass etwas geregelt werden muss. Er steht auch neben uns, als wir in Zürich im Hotel Baur Au Lac beim Nachtportier die Zimmerschlüssel abholen. Les hat nach seinem Auftritt in einem Club schon wieder eine gehörige Portion Alkohol getankt. Vor dem Auftritt trinkt er, weil er Lampenfieber hat, dann zwischendurch während des Konzerts und auch danach. Jetzt ist er voll. Les schwankt, er redet viel zu laut, benimmt sich ungehobelt, herrscht den Portier an. Mir ist das peinlich. Ein elegant gekleideter Herr steht hinter uns und lässt sich nichts anmerken. Ich stehe ein wenig beklommen neben Les an der Rezeption, als mir mein Pelz von den Schultern rutscht und zu Boden fällt. Der Unbekannte ist mir sofort behilflich. „Darf ich?“, fragt er, bückt sich, hebt den Pelz auf und reicht ihn mir. Im nächsten Moment hat er die Faust von Les im Gesicht: „Lassen Sie meine Frau in Ruhe!“ Der Unbekannte kippt um, schlägt hart auf dem Boden auf und bleibt ohnmächtig liegen. Les ist im Begriff, sich auf ihn zu stürzen. Uwe greift ihn an den Schultern, reißt ihn zurück: „Lass das, Les! Hör auf!“ Uwe schiebt Les und mich weg: „Los, geht aufs Zimmer. Ich mache das klar.“ 20