KEVIN BURNS
HENRI NOUWEN LIEBE MACHT DEN
UNTERSCHIED
Aus dem Englischen übersetzt von Jokim Schnöbbe
Wir kennen unser Herz kaum oder 체berhaupt nicht. Wir bleiben zu ihm auf Distanz, als h채tten wir Angst vor ihm. Was am intimsten ist, schreckt uns auch am meisten ab. Gerade dort, wo wir am intensivsten wir selbst sind, stehen wir uns wie Fremde gegen체ber. Das ist der Schmerz unseres Menschsein. Wir kennen unsere eigene Verborgenheit nicht und leben und sterben deshalb oft, ohne jemals wirklich zu erfahren, wer wir eigentlich sind. Wenn wir uns fragen: Warum denke ich so, warum f체hle ich, handele ich so, bleiben wir oft die Antwort schuldig. Dann zeigt es sich, dass wir Fremde in unserem eigenen Haus sind. Henri J. M. Nouwen1
Zum Andenken an Pater James Francis Webb (1935–2013), den Kaplan meiner Highschool, der seligen (inzwischen heiligen) Richard Gwyn School in Flint, Nordwales. Er stammte aus der Arbeiterklasse des rauen Nordostens von Britannien. Mit viel Mühe hat er sich einen Weg zur Universität von Cambridge und zur Ordination erarbeitet. Fünf denkwürdige Jahre lang trichterte er mir eine bohrende Neugier und den Glauben ein, dass denen, die es sich erarbeiten, alles möglich ist. Er war der erste Priester, mit dem ich ein tiefer gehendes Gespräch führte. Damals war ich noch zu jung, um mir dessen bewusst zu sein, doch heute sehe ich in ihm einen Mentor, der mich in die Richtung lenkte, die Jahrzehnte später dieses Projekt möglich gemacht hat.
Und natĂźrlich fĂźr die geliebte B. Immer.
INHALT
EINLEITUNG
Über Biografien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
KAPITEL 1
Gewissheit (1932–1968) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
KAPITEL 2
Fokusveränderung (1968–1978) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
44
KAPITEL 3
Innerer Frieden? (1978–1985) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
KAPITEL 4
Zuflucht in der Arche (1985–1991) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88
KAPITEL 5
Ein unvollendetes Buch (1991–1995) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
KAPITEL 6
Der verlorene Sohn kommt nach Hause (1995–1996) . . . . 113 KAPITEL 7
Der verwundete Heiler (1996–heute) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 NACHWORT
Wo Biografie und Autobiografie sich überschneiden . . . . . 145 DANK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 ÜBER DEN AUTOR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 QUELLENNACHWEISE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 ANMERKUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 BIBLIOGRAFIE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
KAPITEL 1
GEWISSHEIT 1932–1968 „Ich bin von woanders hergekommen und ich gehe woanders hin.“1
Wie jedes Jahr war 1932 ein besonderes Jahr. Inmitten einer finsteren Wirtschaftskrise, die einen vertrauensvernichtenden Schatten über Europa und Nordamerika warf, kamen einige Neugeborene auf die Welt, die zu gegebener Zeit aus ihren notleidenden Umgebungen ausbrechen und die Welt mit einer unauslöschlichen Prägung versehen sollten. In dem Jahr, als der 77-jährige John Philip Sousa starb, erblickten andere das Licht der Welt: der italienische Schriftsteller Umberto Eco, der mystische russische Filmemacher Andrei Tarkovsky und sein weltgewandterer französischer Kollege François Truffaut, die gequälte amerikanische Dichterin Sylvia Plath und zwei zukünftige Kardinäle, Francis Arinze und Edward Egan. Ein neues Mitglied trat dem Kennedy-Clan bei, Edward alias „Ted“, und Patsy Cline und Johnny Cash machten sich bereit, Nashville zu stürmen. Mit einigen Monaten Abstand erblickten Glenn Gould und Henri Nouwen das Licht der Welt – Henri am 24. Januar im niederländischen Nijkerk, Glenn Gould am 25. September in Toronto. 25
Nach dem heftigen niederländischen Winter von 1932 rüstete sich der kleine Henri Jozef Machiel Nouwen für seine ersten Schritte unter den Augen seiner stolzen und ausgesprochen katholischen Eltern, Maria (Ramselaar) und Laurent (senior), die im Jahr zuvor geheiratet hatten. Die Beschreibungen der Familie Nouwen schildern meistens eine fürsorgliche, liebende Mutter (eine von acht Geschwistern), die kreativ, ausdrucksvoll und zutiefst religiös war, und einen leicht distanzierten und kritischen Vater (einer von elf Geschwistern), der als erfolgreicher Steuerrechtsexperte arbeitete und hohe Ansprüche stellte. Zusammen zogen sie vier Kinder groß: Henri, gefolgt von Paul (1934), dann Laurent (1944) und, ein Jahr später, ihre Tochter Laurien. Die Äußerungen von Henris Bruder Laurent über ihren Vater deuten darauf hin, dass die typische Darstellung des Vaters zu stark vereinfacht ist. „Er war sehr intelligent, beruflich äußerst zielbewusst, ein sehr sachlicher Mann. Vielleicht fühlte er sich ein bisschen von der emotionalen Beziehung ausgegrenzt, die meine Mutter zu Henri hatte.“ Ereignisse außerhalb ihres engen Familienverbands bedrohten ihre gesamte Zukunft. Ein Jahr nach Henris Geburt wurde Hitler deutscher Kanzler. 1940 schlief das niederländische Volk, laut ihrer eigenen Königin, „auf dem Kissen der Neutralität“.2 Viele deutsche Juden hatten die Grenze überquert, um in die blockfreien Niederlande zu flüchten. Innerhalb weniger Stunden, nachdem der Ministerpräsident Dirk Jan de Geer in einer Radioansprache der Bevölkerung versichert hatte, dass es keine Invasion geben würde, fielen deutsche Bomben auf Rotterdam. Vier Tage später lag die Stadt in Trümmern und das Land kapitulierte. 26
Unter der Besatzung wurden den Niederlanden dieselben Maßnahmen auferlegt, die Deutschland zerrissen hatten. Essen wurde rationiert, und wer nicht zum Militär gehörte, konnte gezwungen werden, für das Reich zu arbeiten – überall. „Kein Gesellschaftsbereich blieb von den Nazis unberührt“, schreiben die Schwestern Kristen den Hartog und Tracy Kasaboski in ihrer Rekonstruktion ihrer Familienerlebnisse unter der Besatzung. Das Unheil schildernd, fügen sie hinzu: „Für jeden Akt der Rebellion schlugen die Deutschen zurück, häufig mithilfe der Niederländer, die sich ihnen angeschlossen hatten.“3 Die jüdische Gemeinschaft mit ungefähr 140 000 Personen musste sich registrieren lassen, „angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit, obwohl die Daten darüber, wer sie waren und wo sie zu finden waren, in Wirklichkeit ihrem Verderben dienten“.4 Nouwens Eltern waren auf der Hut und zogen während der Besatzung mehrfach mit ihren Kindern um, von Nijkerk nach Venlo, dann nach Bossum, weiter nach Scheveningen und schließlich nach Den Haag, wo Henri das Aloysius-Kolleg besuchte. Trotz der Unsicherheit des Lebens unter der Besatzung zeigen die Familienfotos der Nouwens aus dieser Zeit einen liebevollen, herzlichen, kinderfreundlichen und generationsübergreifenden Familien- und Freundeskreis. Die Nouwen-Kinder waren stets feierlich und elegant gekleidet, selbst beim Fahrradfahren. Die Entbehrungen der Kriegsbesetzung wurden von der Kamera ferngehalten, aber sie hatten trotzdem eine große Auswirkung auf den Alltag der Familie. „Die letzten Kriegsjahre waren äußerst schwierig für die Familie, wegen der Hungersnot“, erklärt Laurent. „Henri und Paul mussten zu Bauernhöfen gehen, um nach Essen zu suchen, was ziemlich abenteuerlich sein 27
konnte.“ Als Henri vierzig Jahre später auf diese Periode seiner Kindheit zurückschaut, gibt er auch einen Hinweis darauf, wie für ihn das Leben unter der Besatzung war. „Ich weiß noch, wie es in diesem Hungerwinter war und dann im Mai 1945 endlich die Kanadier kamen. Jedenfalls habe ich den Unterschied zwischen ‚besetzt‘ und ‚frei‘ gut erfahren können, und deshalb weiß ich jetzt auch, wie viel Vorrechte ich seit 1945 genieße.“5 Andere Einzelheiten seiner Kindheit behält er für sich. „Ich bin erstaunt, an wie wenig ich mich erinnere“, sagt er, bevor er einige Erinnerungsbruchstücke hervorholt: „Ein netter Mitschüler in der ersten Klasse, der mir eine Geschichte von Missionaren in Nordafrika erzählt hat; ein strenger Lehrer in der sechsten Klasse, der eines Tages alle seine Schüler zu sich nach Hause eingeladen hat; Klassenkameraden, die mich ausgelacht haben, weil ich schielte; meine Erstkommunion, der Kriegsausbruch und meine weinenden Eltern, der Tod meiner Großmutter und ihr Begräbnis, Indianerspiele und Cowboy-Kämpfe – aber, abgesehen von diesen Erinnerungsblitzen, lange leere Zeiträume.“6 Walter stellte eine seltene Ausnahme in seinen Erinnerungen dar. Als Henri 13 Jahre alt war, gab sein Vater ihm eine Ziege namens Walter, um die er sich kümmern sollte. „Ich liebte meine Ziege und sammelte für sie stundenlang Eicheln in den nahe gelegenen Wäldern. Ich sprach mit ihr, wenn ich sie auf lange Spaziergänge an einer Leine mitnahm, packte sie an ihren Hörnern und spielte mit ihr Boxen. […] Ja, meine Ziege Walter und ich waren wirklich die besten Freunde.“7 Eines Tages fand Henri Walters Pferch leer vor. Jemand hatte die Ziege gestohlen. In den letzten Kriegstagen waren die Lebensmittel sehr knapp. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals so laut und so lange geweint zu haben. 28
Mein Vater und meine Mutter konnten mich kaum trösten. Es war das erste Mal, daß ich erfuhr, was Liebe und Verlust bedeuten.“8 Inmitten dieser sonst großen Erinnerungslücken seiner Kindheit gab es einen glasklaren Moment der Gewissheit. Henri sagte, er habe mit sechs Jahren bereits gewusst, dass das Priesteramt seine Lebensaufgabe sein würde, und er spielte diese Rolle viele Male, wobei er kindergroße Ornate trug, die extra für ihn gemacht wurden. Der Bruder seiner Mutter übte in dieser Hinsicht einen beträchtlichen Einfluss aus. Henri kannte ihn als „Onkel Toon“, doch ansonsten war er als Monsignor Anton Ramselaar bekannt, der Vorsitzende des Knabenseminars in Apeldoorn, wo Henri schließlich seine offizielle Priesterausbildung begann. Später, nach dem Krieg, spielte Onkel Toon auch eine wichtige Rolle in den jüdisch-christlichen Beziehungen in den Niederlanden, „eine bittere Notwendigkeit angesichts der Rolle der Kirche während des Holocausts der Juden“, wie Jurjen Beumer bemerkt.9 Als Henri in der Grundschule war, lebten Anne Frank und ihre Familie versteckt in ihrem „geheimen Annex“ im Obergeschoss eines Geschäftsgebäudes in der Prinsengracht 263 in Amsterdam und Etty Hillesum war 150 Kilometer entfernt im Durchgangslager Westerbork. Beide versuchten durchs Schreiben ihre Erlebnisse zu verstehen. „Seit ich hier bin, habe ich mich die ganze Zeit unbewusst – und manchmal auch bewusst – nach Vertrauen, Liebe und körperlicher Zärtlichkeit gesehnt“, schrieb die 14-jährige Anne Frank zwei Tage vor Henris zwölftem Geburtstag am 22. Januar 1944. „Diese Sehnsucht schwankt in der Intensität, aber sie ist immer da.“10 29
Auch Henri würde schließlich lernen, mit dieser ungestillten Sehnsucht zu leben. Monate später, in Westerbork interniert, von wo aus sie schon bald mit dem Zug nach Auschwitz und in ihren Tod gebracht werden würde, betete die damals 28-jährige Etty Hillesum: „Gott, schenke mir die große und mächtige Ruhe, welche die ganze Natur erfüllt. Wenn es dein Wunsch ist, dass ich leide, dann lass es ein einziges großes, alles verzehrendes Leiden sein, nicht die tausend kleinen Sorgen, die einen Menschen brechen können. Schenke mir Frieden und Zuversicht. Lass jeden Tag mehr sein als tausend Alltagssorgen. All diese Sorgen über Essen, über Kleidung, über die Kälte, über unsere Gesundheit – wirst du dadurch nicht geleugnet, mein Gott?“11 Henri sollte sich schließlich dazu hingezogen fühlen, mit Menschen zu leben und zu arbeiten, die wegen ihrer Beschränkungen und Sorgen gebrochen waren. Während er vom Priesteramt träumte, umgeben von Zuneigung und geschützt vor einem Großteil der Kriegsschrecken außerhalb der Familienhäuser und Klassenzimmer, hungerte Henri trotzdem nach Bestätigung. „Als Kind fragte ich oft: ‚Mutter, hast du mich lieb? Vater, hast du mich lieb?‘ Ich stellte diese Frage so häufig und so hartnäckig, daß ich meine Eltern damit schier zur Verzweiflung brachte.“12 Sein Bruder Laurent erinnert sich, dass das noch lange nach Henris Kindheit anhielt. „Henri fragte sich sein ganzes Leben lang, ob er geliebt war. Er hatte große Zweifel.“ Dieser existenzielle Zweifel ist die Quelle von Henris Genialität, meint der Jesuit Bill Clarke, geistlicher Leiter und ehemaliger Kaplan von L’Arche. Im Laufe der Jahre, in denen beide 30
in verschiedenen Bereichen von L’Arche arbeiteten, sollten sich ihre Wege mehrfach kreuzen. Rückblickend sagt Clarke, dass dieser nagende Zweifel in Wirklichkeit ein tiefes Gefühl der Verwundbarkeit in Henri war, die Folge seines Gefühls, dass er irgendetwas von seinen Eltern nicht bekam. „Natürlich ist das bei uns allen so“, sagt Clarke, „auch wenn einige von uns ein bisschen mehr bekommen als Henri. Er gibt seinen Eltern nicht die Schuld, aber Henri war einfach immer schon auf der Suche danach, wer er wirklich ist und wohin er gehört. Ich glaube, seine Weisheit und seine Gabe sind auf diese Suche zurückzuführen.“ Als Henri im Teenageralter deutlich machte, dass er es mit der Entscheidung, die er als Sechsjähriger getroffen hatte, ernst meinte, stellte sein Vater einige Bedingungen. „‚Du bist noch nicht so weit, um dich für das Priestertum zu entscheiden‘, gab mir mein Vater zu bedenken. ‚Warte noch, bis du achtzehn bist!‘ “, schreibt Henri.13 Pflichtbewusst fügte er sich. Dann, am 27. Juli 1957, als er seine Schulausbildung am Seminar in Rijsenburg beendet hatte, wurde er vom Kardinal Erzbischof der Niederlande, Bernard Alfrink, der eine bedeutende Rolle in Henris priesterlicher Laufbahn spielen sollte, im Priesteramt willkommen geheißen. Henri feierte seine erste Messe mit einem goldenen Kelch, den Onkel Toon als Geschenk an ihn weitergereicht hatte. Würde er in einer großen städtischen Gemeinde arbeiten? Würde er der typischen akademischen und geistlichen Laufbahn einer gehobenen theologischen Ausbildung folgen, um an Priesterseminaren zu lehren und schließlich Bischöfe und Kardinäle zu beraten? Vielleicht Schulkaplan werden?
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Inmitten des Prunks und der Umstände des klerikalen katholischen Lebens in den Jahren vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte Henri eine überraschende, jedoch sinnvoll klingende Vorstellung von der Art von Priesterdienst, die er anstrebte. Angesichts des tiefen Misstrauens gegenüber Studiengängen außerhalb der traditionellen Grenzen klassischer Theologie traf er für die damalige Zeit eine äußerst mutige Entscheidung. „Vermutlich ließ ich die Aufwärts-Stimme sehr schnell die Oberhand gewinnen, zumal ich der älteste Sohn einer sehr ehrgeizigen Familie war. Am Anfang wollte ich der Welt tatsächlich zeigen, dass ich es drauf hatte, und so wurde ich Priester und Psychologe. Es reichte mir nicht, Priester zu sein, ich wollte auch Psychologe sein. Wenn jemand dann etwas gegen Priester hatte, mochte er ja vielleicht Psychologen.“14 Sein Kardinal Erzbischof mag andere Pläne für ihn gehabt haben, doch – und das ist erstaunlich für diese Zeit – er unterstützte Henris Streben nach dieser nicht traditionellen Kombination, die sechs weitere Studienjahre an der relativ neuen, 1923 gegründeten Katholischen Universität von Nijmegen erforderte. Ein Mitstudent, der ein lebenslanger Freund wurde, war Peter Naus. Peter lernte den gerade erst ordinierten Henri 1957 kennen und ihre beruflichen und persönlichen Laufbahnen kreuzten sich viele Mal bis zu Henris Tod.15 „Henri studierte vom ersten Tag an Psychologie im Hauptfach“, erinnert Peter sich. Wir studierten phänomenologische Psychologie. Das heißt, statt menschliches Verhalten von außen zu betrachten – was typisch ist und in der Zeit, in der Henri und ich Studenten waren, das Psychologiestudium beherrschte –, betrachtet man es von innen. Von 32
der Erfahrung her. Man versucht, dort hineinzuschauen und es so gut es geht zu beschreiben. Während dieser innovativen Studien als Priester, die er in den Niederlanden begann und in den Vereinigten Staaten fortsetzen sollte, lernte Henri die Arbeit von Anton Boisen kennen, der die Geschichte der Klinischen Seelsorgeausbildung in den USA maßgeblich geprägt hat. Henri setzte sich ausführlich mit dem Gedankengut dieses Mannes und den daraus resultierenden Praktiken auseinander. Boisen war ein weiterer Geistlicher mit Bindestrich. Er war ein Fachmann in einer Klinik für psychisch Kranke, gleichzeitig aber auch Pastor. Mit der Zeit entdeckte Henri, dass Boisen trotz seines offensichtlichen beruflichen Einflusses ein zutiefst geschädigter Mensch war. Boisen hatte in seinem Erwachsenenleben fünf große Zusammenbrüche erlitten und geraume Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbracht – nicht als Kaplan oder Seelsorger, sondern als Patient. In Anton Boisen entdeckte Henri einen Archetyp: jemand, der sich der Heilung anderer verschrieben hatte, während er selbst am Aufräumen einer Vielzahl innerer Unordnungen war. Dieses Konzept des verwundeten Heilers wurde zum Thema seiner Dissertation. Dr. Christopher De Bono ist ein Medizinethiker und Mitglied der Gemeinsamen Forschungsstelle für Bioethik an der Universität von Toronto und ein Experte für die Arbeit von Anton Boisen und dessen Einfluss auf Henri Nouwen. Er legt die grundlegenden Fakten dar, wobei er Boisens Lebenslauf skizziert: 1876 in Indiana geboren, studierte Boisen Forstwirtschaft an der Universität Yale. Nach nur drei Jahren Tätigkeit in diesem Bereich fühlte er sich 1908 in den geistlichen Dienst berufen und schrieb 33
sich beim Union Seminary in New York ein. Er wurde 1912 zum presbyterianischen Pfarrer ordiniert. Schon früh in seinem Dienst hatte er seinen ersten Zusammenbruch, was als katatonische Schizophrenie behandelt wurde. Während er sich erholte, mühte er sich damit, das Erlebte zu verstehen. Er stellte Verbindungen zwischen seinen religiösen Erfahrungen und seiner psychischen Gesundheitskrise her, hob gleichzeitig aber auch Unterschiede hervor. Ihm ging auf, dass man das eine nicht ohne das andere betrachten kann, ganz gleich, worauf man die Betonung legen will. Von 1925 bis zu seinem Ruhestand 1954 wurde er zu einer zentralen Figur in der Entwicklung Klinischer Seelsorgeausbildung in den Vereinigten Staaten. Auch als Rentner schrieb er noch und hielt Vorträge, bis sein Verstand nicht mehr mitmachte. Er starb 1965. In seiner 1960 veröffentlichten Autobiografie Out of the Depths schrieb Boisen über seine psychische Krise: Ich habe mich bewusst entschieden, diese Sache durchzuziehen. Ich bin einem Pfad gefolgt, der mich durch teilweise sehr gefährliches Gelände geführt hat. Aber ich glaube, es hat sich gelohnt, und ich würde dieselbe Entscheidung wieder treffen. Selbst diese Erfahrung, so schmerzhaft sie auch war, kann ein Abenteuer sein, das sich als nützlich erweist.16 De Bono zeigt den Einfluss, den Anton Boisen auf den jungen Henri Nouwen hatte: „Henri Nouwen versuchte, die Fallmethode und ihre Rolle in der Klinischen Seelsorgeausbildung in den Vereinigten Staaten zu verstehen.“ In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fing man gerade an, psychiatrische Behandlungen nicht einfach als Vormundschaft zu sehen, sondern zu erkennen, dass man 34
mehr tun kann, wodurch dann andere Fächer eingeführt wurden. Es ist bahnbrechend, in einer Person, die als „geistig krank“ gilt, jemanden zu sehen, der innerlich vielleicht gerade eine Lebenskrise bewältigt. Boisen wollte das herausfinden, weil er selbst ein derartiges problemlösendes Erlebnis durchgemacht hatte. Er hatte diese Krise durchlebt und sah darin keinen Fluch, sondern sogar einen Segen. Somit ist er fraglos ein Kliniker. Aber er ist genauso ein Pädagoge. Ein von den Forschungen vernachlässigter Teil Anton Boisens ist auch, dass er Pfarrer war. Boisen verbreitete die Vorstellung, dass man den Menschen, den man betreut, wie ein vielseitiges, lebendiges, menschliches Dokument untersuchen sollte: „Das ist ein Satz, der in der Klinischen Seelsorge viele Bedeutungen hat“, erklärt De Bono. Was er meinte, war, dass wir die Wissenschaft nicht nur herausfordern sollen, die religiösen Vorstellungen von Patienten ernst zu nehmen, sondern dass wir auch die Kirche herausfordern sollen, dass wir, die wir als Geistliche in Nervenkliniken tätig sind, den Leuten nicht unsere Theologie „bringen“. Das, was wir in ihnen entdecken, kann nämlich ein Stück der Offenbarung Gottes sein, ein Stück der Suche nach Gott. Solche konzeptuellen Entdeckungen reichten Henri jedoch nicht. Er wollte sich selbst ein Bild machen. Das wurde ein sich wiederholendes Muster in Henris Leben und Werk. Er suchte den direkten, persönlichen Kontakt mit Experten. Seine Ausbildung in phänomenologischer Psychologie schulte ihn, alles von innen her zu betrachten, Auge in Auge zu arbeiten. De Bono erzählt, was sich ereignete, als Henri sich aufmachte, um diesen berühmten Pionier des Konzepts vom „lebendigen menschlichen Dokument“, der nun selbst für Henri zu einem lebendigen 35
menschlichen Dokument geworden war, kennenzulernen. Es war August 1964 und Boisen hatte nur noch wenige Monate zu leben. Henri war in den Vereinigten Staaten und beschloss, das Elgin-Landeskrankenhaus in Illinois zu besuchen, um ein Gespräch mit dem berühmten griesgrämigen Kliniker, Pädagogen und Kaplan zu führen. Wen er vorfand, war „ein äußerst verstörter älterer Mann, zerbrechlich, eindeutig an periodischen Sinnestäuschungen leidend“. Verwirrt und allein starb Anton Boisen 1965 im Krankenhausbett. De Bono zieht eine Verbindung zwischen Henris Begegnung mit diesem „gebrochenen Mann am Ende seines Lebens“ und Henris Einsicht, „wie er darin die Verwundung sieht, die Licht spendet“. Henri sollte später dieses Bild in einem Buch vertiefen. In Geheilt durch seine Wunden, 1972 veröffentlicht, schlägt Henri nicht mehr so einen klinischen, sondern eher einen pastoralen Ton an, wenn er bemerkt, dass „die Wunde der Einsamkeit wie der Grand Canyon“ sei, „ein tiefer Einschnitt in der Oberfläche unserer Existenz, der zu einer unerschöpflichen Quelle der Schönheit und des Sichverstehens geworden ist“.17 Der Grand Canyon. Stellen Sie sich vor, was für einen Eindruck er auf Henri gemacht haben muss – auf Henri, der in einem Land aufgewachsen war, das so flach ist, dass es jahrhundertelang nur einen schadhaften Deich davon entfernt war, von den rollenden Wellen der Nordsee überschwemmt zu werden. „Der Umstand, dass Henri Nouwen diese persönliche Begegnung mit Anton Boisen suchte, gibt viel zu denken. Er las nicht nur über ihn. Er wollte ihn mit eigenen Augen sehen“, fügt De Bono hinzu.
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Wie jeder Forscher weiß, reicht eine einzige Frage aus, um bereits nach kurzer Zeit in alle Richtungen geschoben und gezogen zu werden, bis man in einem vertrackten Netz von neuen Untersuchungsfäden und endlosen Verbindungen gefangen ist. So war es auch mit Henris Recherchen über Boisen. Um Boisen besser zu verstehen, knüpfte er eine Verbindung zum amerikanischen Psychologen Gordon Allport, der umfangreich im Bereich der Persönlichkeitstheorie arbeitete. Es war Allport, der Henri auf das Programm in Religion und Psychologie der Menninger Stiftung in Topeka, Kansas aufmerksam machte. Und es war dort, wo Henri auf Seward Hiltner, einen Seelsorgespezialisten, und Paul Pruyser stieß, dessen Forschungen sich auf Psychologie und Spiritualität konzentrierten. Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens schien es fast so, als würde aus Henri, dem Priester-Psychologen, ein Psychologen-Priester werden. 1964 schrieb Henri sich bei der Menninger Stiftung in Topeka in Kansas ein und verbrachte die nächsten beiden Jahre in einem Fellows-Programm für Spiritualität und Psychologie. Nach dieser intensiven Bildungsphase sollte er zum Erzbistum Utrecht zurückkehren, doch zunächst befand er sich in der ungeheuren Größe des Mittleren Westens, viel größer und weiter als alles, was er in den Niederlanden gesehen hatte. Mit seinem eindrucksvollen Glockenturm wirkte das Hauptgebäude der Stiftung von außen wie ein getürmtes Gebäude einer typischen Universität oder medizinischen Institution aus dem 19. Jahrhundert. Der Hauptunterschied lag darin, dass sich dieser Campus über mehrere Morgen hügeligen Graslands erstreckte, mit Bäumen und Fußwegen zu kleineren Gebäuden, in denen die verschiedenen psychiatrischen Programme stattfanden. 37