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Ganz weit draußen von Maria Anna Leenen - 9783863340872

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2 Tessa wachte auf. Für ein paar Minuten lag sie unbeweglich und verwirrt und starrte nach oben. Seit wann war die Decke in ihrem Schlafzimmer aus Holz? Und wieso hörte sie kein Motorengeräusch, keinen Laut, absolut nichts? Dann kam die Erinnerung. Richtig.


Sie war gestern aufgebrochen, zu Fuß und mit Rucksack, um sich bei dieser Marie für ein paar Tage zurückzuziehen. „Ah, und mein Fuß?“ Vorsichtig bewegte sie unter der Bettdecke den verletzten Knöchel. Schien besser zu sein, viel besser. Beruhigt schloss sie die Augen. „Ich brauche einfach nur ein paar Tage Ruhe, dann wird alles wieder in Ordnung kommen“, murmelte sie, drehte sich auf die Seite und schlief sofort wieder ein. Den Busfahrer kannte sie irgendwie. War das nicht Darius? Aber seine Stimme klang anders als sonst. War das überhaupt der richtige Bus? Nein, es war ein anderer Fahrer, was für eine schreckliche Stimme, so laut und scharf. Nein, ich weiß nicht, wohin ich fahren muss. Aber ich kann bezahlen. Sie suchte das Fahrgeld, es musste doch in irgendeiner Tasche sein. War es nicht immer in der linken Tasche ihrer Jeans? Oder doch in der rechten? Wieso konnte sie nicht in ihre Taschen greifen? Sie versuchte es, aber es ging nicht, es ging einfach nicht. Und sie wollte doch bezahlen. Die Stimme des Busfahrers wurde immer lauter. Sie müssen bezahlen, Sie müssen bezahlen! Aber sie kam doch nicht an das Geld in ihren Taschen heran. Sie versuchte ihre Finger hineinzuzwängen und riss am Stoff der Jeans. Aber die Taschen waren zugenäht. Der Busfahrer hob beide Hände und schrie: Keine Chance! Keine Chance! Ohne Geld dürfen Sie nicht mitfahren! Dann stieß er sie durch die Bustür auf die Straße. Mit einem lauten Schrei wachte Tessa auf und lag vor dem Bett auf dem kühlen Holzboden.

* Marie verteilte den Rest des Strohs mit der Forke auf dem Stallboden. Sorgsam bis in jede Ecke hinein war alles verstreut und die 34


obere Strohschicht nun wieder trocken. Es duftete ein wenig wie nach einem Sommertag, obwohl ein später Winterregen gegen die Fenster prasselte. Marie stützte sich auf die Forke und blickte durch eines der kleinen Stallfenster nach draußen. Im Hof waren vereinzelt ein paar mickrige Grasbüscheln zu sehen zwischen den Schlammpfützen der ausgewaschenen Fahrspuren. Ein wirklich strenger Frost war in diesem Winter ausgeblieben. Ein matschgrauer Überzug mit wenigen grünen Inselchen bedeckte den ganzen Hof und ließ den Wunsch nach einem sonnigen Frühling laut werden. Hinter ihr rupften die Ziegen gemächlich Heu aus den Raufen. Marie spürte eine warme Flanke an ihrem Knie und strich der Zwergziege über den Rücken. „Lasst es euch schmecken!“ Mit eiligen Schritten, die Winterjacke über dem Kopf, lief sie zum Haupthaus hinüber und schüttelte im Flur die Regentropfen von Jacke und Haaren ab. In der Küche setzte sie eine weitere Kanne Kaffee auf. Ihr neuer Gast würde sicher bald kommen und vielleicht freute sich die junge Frau über eine Tasse dampfenden, schwarzen, aromatischen Kaffee. Sie goss sich selber eine halbe Tasse ein, füllte sie mit heißer Milch auf und ließ einen Löffel Honig hineinlaufen. Mit geschlossenen Augen sog sie den Duft ein und trank den Milchkaffee langsam in kleinen, genießerischen Schlucken. Aus dem Küchenfenster konnte sie die Gästeklause sehen. Hoffentlich hatte die junge Frau gut geschlafen. Gestern Abend hatte sie so fertig ausgesehen, dass Marie überlegt hatte, sie im Haus übernachten zu lassen. Die Gästeklause war extrem einfach und in so einer schlichten Holzhütte zu übernachten nicht jedermanns Sache. Eine Nacht in der Gästeklause hatte in der Vergangenheit für manche Menschen eine unerwartet heftige Konfrontation mit den eigenen Ängsten bedeutet. Nun gut, die junge Frau würde sich schon melden. Marie stellte die 35


Thermoskanne mit dem Kaffee in die Mitte des Küchentisches, dazu Milchkännchen, Zucker und eine große, bauchige Tasse, und lehnte eine Postkarte daran. Dann ging sie eine Tür weiter und setzte sich in die Stille.

* Tessa fand die Kanne und schenkte sich dankbar eine Tasse ein. Schwarz, heiß und mit viel Zucker, so mochte sie die erste Tasse Kaffee am Morgen am liebsten. Ihren seltsamen Traum hatte sie nach dem ersten Schluck vergessen. „Hübsch!“ Tessa nahm die Postkarte hoch und bewunderte die zarte Landschaft, die in Aquarelltechnik mit sehr feinem Pinsel auf die Karte gemalt worden war. Sie drehte die Karte um und sah das Gedicht, das hinten aufgedruckt war.

Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten. Hilde Domin

„Na ja“, Tessa zog spöttisch die Mundwinkel nach unten. Dann zuckte sie mit den Schultern und legte die Karte auf den Tisch. „Ich muss noch klären, wie das hier läuft“, dachte sie. „Ich bin gestern so reingeplatzt, nachher ist die Übernachtung so teuer, dass ich nur kurz bleiben kann. Bin ja nicht Rockefeller. Manche nehmen für so einen Abenteuerurlaub richtig viel Kohle. Na, mal sehen. Mehr als eine Woche bleibe ich sowieso nicht.“ 36


Ihr Blick wanderte zum Fenster, aus dem man auf den Garten schauen konnte. Ein Teil war als Gemüsegarten angelegt. Zurzeit ragten aber nur ein paar einsame Porreestangen aus dem hinteren Beet und unter den Tannenzweigen in der Mitte wartete wahrscheinlich Feldsalat darauf, als leckere Wintervitaminspritze gepflückt zu werden. Die Tür klappte leise und Marie betrat die Küche. Sie lächelte Tessa zu. „Guten Morgen. Sie sehen heute sehr viel besser aus als gestern. Gott sei Dank! Dann haben Sie gut geschlafen?“ Tessa nickte. „Ja, danke.“ Marie wies mit einer Hand auf die Stühle. „Setzen Sie sich doch. Wie geht es Ihrem Fuß?“ Tessa rutschte auf die Eckbank, ohne die Tasse abzustellen. Der Raum war für eine Küche nicht besonders warm und die heiße Tasse bot eine willkommene Wärmequelle für ihre ewig kalten Hände. Sie räusperte sich. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich gestern so überraschend aufgetaucht bin. Ich bin ganz spontan losgegangen, hatte aber leider keinerlei Kontaktdaten von Ihnen. Es war also eigentlich ein Überfall.“ Marie winkte ab. „Das ist hier kein Problem!“ Tessa zögerte. Ein wenig verlegen nippte sie am Kaffee, gab sich dann aber einen Ruck. „Darf ich danach fragen, was Sie für eine Übernachtung mit Frühstück nehmen? Oder bieten Sie nur Vollpension?“ Marie blickte sie überrascht an und lachte leise. „Was ich für eine Übernachtung nehme?“ Sie schüttelte den Kopf und das Lächeln wurde noch eine Spur herzlicher. „Ich nehme nichts.“ „Wie bitte?“ 37


„Es kostet Sie nichts, hier zu sein. Ich schenke Ihnen meine Gastfreundschaft, wenn Sie eine Zeit der Ruhe und Besinnung brauchen.“ „Ach, äh, aber.“ Tessa saß ein paar Augenblicke stumm da, bis sie merkte, dass ihr Mund offen stand. Verlegen klappte sie ihn zu und stellte die Tasse auf den Tisch. „Aber, ich meine, wie können Sie einfach fremde Menschen so in Ihr Haus aufnehmen? Ich meine, das kostet doch was und Arbeit haben Sie auch noch. Wer weiß schon, wen man da reinlässt. Nachher klauen die Ihnen alles, was nur irgendeinen Wert hat.“ Marie lehnte sich zurück. „Gedenken Sie hier etwas zu stehlen, Tessa?“ „Ich? Natürlich nicht!“ „Sehen Sie. Wenn ich richtig informiert bin, hat Ihnen Schorsch auf der Rückfahrt von Ihrem verunglückten Fahrradausflug erzählt, dass ich Einsiedlerin bin. Dieses Haus ist eine Einsiedelei, keine Pension oder gar ein Hotel. Einsiedler haben in allen Jahrhunderten Menschen Zuflucht gewährt. In dieser Tradition stehe ich auch. Genießen Sie die Zeit, die Ihnen hier geschenkt wird. Kommen Sie zur Ruhe. Und wenn Sie Fragen haben, werde ich versuchen sie zu beantworten. Was meinen Sie: Können Sie sich darauf einlassen?“ Tessa stotterte leicht. Was war das denn für eine Ansage? Hielt Marie sie für eine Schnorrerin? Oder für jemanden, der nicht bezahlen konnte? Andersherum, wenn das Angebot wirklich ernst gemeint war, o. k., wenn Marie kein Geld von ihr forderte, dann eben nicht. Sie zuckte mit den Schultern. „Gut, wenn Sie das so wollen, meinetwegen. Ich bin einverstanden. Aber wenn Sie genug haben von mir, schmeißen Sie mich einfach raus. Könnten Sie sich darauf einlassen?“ 38


So ganz konnte sie einen spöttischen Unterton nicht vermeiden. Sie versuchte Marie dabei anzuschauen, musste aber den Blick abwenden. Diese Augen waren irgendwie irritierend. Als sähen sie mehr, als man preisgeben wollte. Unangenehm und höchst verwirrend! Marie nickte bedächtig. „Ja, damit bin ich einverstanden. Ich schlage vor, Sie schauen sich heute alles in Ruhe an. Tun Sie, was Sie möchten. Ich esse ungefähr um 12 Uhr zu Mittag. Sie sind natürlich eingeladen, müssen aber nicht kommen. Brot“, sie wies mit einer Hand auf einen großen Korb an der Wand, „Brot finden Sie dort oben und im Kühlschrank sind Margarine und Käse. Teebeutel und Kaffeepulver stehen auf dem Regal neben dem Brotkorb.“ Sie stand auf und stellte ihre Tasse auf einen kleinen Tisch am Fenster. „Kommen Sie in Ruhe an diesem Ort an. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“ Dann verschwand sie durch eine Tür, die mit einem kleinen Schild gekennzeichnet war. Darauf war in nüchternen schwarzen Buchstaben das Wort „Klausur“ aufgedruckt.

* Maries Haus stand völlig allein. Die Felder ringsherum lagen brach, auf einem konnte man noch erkennen, dass darauf Pflanzen gestanden hatten, die als Gründüngung gedacht waren. In einiger Entfernung ragte die dunkle Masse eines winterkahlen Eichenwaldes hoch. Sie wirkte wie die Theaterkulisse eines Strindbergdramas. Andere Häuser waren nicht zu sehen; nur die ausgefahrenen Spuren des Feldwegs, auf dem Tessa gekommen war, ließen ahnen, dass die Gebäude nicht in einer menschenleeren Parallelwelt aufgebaut worden waren. Tessa holte ihre Winterjacke aus der Gästeklause und schlenderte über das Gelände. 39


Haupthaus und Scheune waren zum Teil aus Fachwerk gebaut und alt, ein Dach schlug malerische Wellen. Die verschiedenen Ziegelsteine in den Gefachen erzählten von den Versuchen, die Mauern zu erhalten. Dornige Stängel einer Kletterrose, Spalierobst und ein blattloser Strauch, den Tessa nicht identifizieren konnte, standen an die Mauern gelehnt. Der Wind pfiff scharf über den Hof und Tessa fröstelte. Hier leben zu müssen konnte nur entsetzlich langweilig sein! Sie bog um die Rückwand der Scheune und stand vor einem kleinen Stall, um dessen weitere Grenze ein hoher Zaun gespannt war. Mehrere Findlinge, ein alter Eichenstamm und ein aufgeschichteter Haufen Gestrüpp lagen inmitten des umzäunten Geländes. „Hm, Hühner vielleicht“, vermutete Tessa. Sie zog den Kragen der Jacke vor dem Hals enger zusammen. „Oder Schweine?“ Eine Öffnung in der Stallmauer war mit dicken, breiten Plastikstreifen behängt, die Tür fehlte. Tessa versuchte hindurchzuschauen, aber die Streifen waren blind vor Alter. Plötzlich stieß von innen ein Kopf dagegen, das Plastik teilte sich und mit neugierigen Augen schaute ein schwarzer Kopf mit mächtigen Hörnern zu Tessa hin. „Ziegen!“ Tessa lachte. „Tatsächlich Ziegen? Wer hat die denn heute noch als Nutztier? Also ehrlich, so was Verrücktes!“ Sie ging den Zaun entlang zu einer Eiche, die mächtig ausladend und mit tief hängenden Zweigen an einer der äußersten Ecken des Geländes stand. Tessa versuchte mit beiden Armen den Stamm zu umfassen, kam aber gerade mal bis zur Hälfte. Auf der dem Haus abgewandten Seite stand eine Minibank, wie von Kinderhänden gebastelt, aus alten Ästen und Restholz. Tessa drückte auf den rissigen Sitz. „Scheint noch zu halten“, dachte sie und setzte sich vorsichtig darauf. Ihren Rücken lehnte sie an den Stamm, der Blick konnte so weit über die Landschaft wandern. 40


Die Äste, jetzt noch kahl, würden im Sommer sicher wie ein Zeltdach jeden verstecken, der hier saß. „Geheimplatz“, sie lächelte ein wenig. Die Erinnerung war sofort da. Mit Marion, ihrer besten Freundin, ebenfalls acht Jahre und mit Tessa zusammen in der 2. Klasse, hatte sie damals einen Geheimplatz im Park gebaut: hinter Rhododendronbüschen, für die Kinderaugen so hoch wie ein Haus, mit Stöcken, Kartons und einer geklauten Palette. Ein Palast, ein Versteck für ihre Schätze und ein Zufluchtsort vor der Situation zu Hause. Sie zog die Jacke enger und verschränkte die Arme. Der Wind drängte von hinten an den Eichenstamm, der die kalte Luft aber zum größten Teil an Tessa vorbeilenkte. „Die letzten Tage waren wirklich ätzend.“ Sie schüttelte sich. Sie waren wie der Höhepunkt einer langsam ansteigenden Spirale von Schwierigkeiten, Querschüssen, Hindernissen und Ärger gewesen. Tessa konnte sich nicht genau erinnern, wann sie angefangen hatten, die ständigen Streitereien mit Timo, die immer größere Unzufriedenheit im Briefzentrum. In der Regel waren es Situationen, die sie aggressiv machten, missmutig und das miese Gefühl hinterließen, sie habe versagt. „Und nun bin ich bei einer Einsiedlerin, eigentlich ein Witz!“ Dieser Ort war seltsam und die Frau war es auch. Einsiedlerin, dass es so etwas heute noch gab. Wenn sie zusammenzählen sollte, was ihr zum Begriff Einsiedler einfiel, kamen ein paar verschwommene Informationen über Antonios den Großen und die sogenannten Wüstenväter zusammen und ein Bild von Spitzweg. Sie grinste. Mit dem kleinen dicken Mönch in der Felsenschlucht, der zwei Hühnchen über dem offenen Feuer am Spieß brät, konnte man Marie wirklich nicht vergleichen. Wo Spitzweg das Motiv für sein Ölbild wohl herhatte? Sie würde Marie fragen. Auf deren Erklärungen zum Thema Einsiedler und ihrem Alltag 41


war sie wirklich gespannt. Wer weiß, wo und wann sie mit solchen Informationen aus erster Hand würde glänzen können.

* Marie schaltete den Laptop aus und klappte den Deckel zu. Aufatmend reckte sie die Arme hoch und dehnte Schultern und Nacken. Gut, dass sie den Text endlich komplett digitalisiert hatte. Morgen würde sie die Datei noch einmal Korrektur lesen und dann abschicken. Sie knipste das Licht aus und verließ das Arbeitszimmer. In der Kapelle brannte die große Osterkerze schon seit dem frühen Morgen. Marie kürzte den Docht und bog die Wachsränder der Kerze sorgfältig nach innen, bis sie eine ebene Fläche mit dem flüssigen Wachs bildeten. Vom Fensterbrett holte sie ein kleines Buch und setzte sich auf das dicke schwarze Kissen an der Wand genau dem Wandkreuz gegenüber. Langsam las sie den gleichen Abschnitt wie gestern noch einmal.

Das kontemplative Leben muss einen Raum vorsehen, einen Freiraum, Stille, in der neue Möglichkeiten auftauchen können und neue Entscheidungen – neben den Routineentscheidungen – manifest werden können. Das sollte ein neues Zeiterlebnis schaffen, nicht als Unterbrechung, Stillstand, sondern als „temps vierge“ – nicht als freie Fläche, die gefüllt werden muss oder ein unberührtes Land, das erobert und verletzt werden soll, sondern ein Raum, der sich seiner eigenen Möglichkeiten und Hoffnungen erfreuen kann – und seines Fürsich-selbst-Daseins. Thomas Merton

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Sie ließ das Buch sinken, legte die Hände zusammen wie eine Schale und schloss die Augen. Entspannt atmete sie ein und aus, spürte den Herzschlag an ihrem Hals, spürte, wie er langsamer und intensiver wurde, und ließ sich allmählich in die innere Ruhe sinken. Die Osterkerze knisterte und flackerte ab und zu. Gedämpft war ein Spatzenstreit durch das Kapellenfenster zu hören. Laute, die die Stille nicht störten, sondern sie eher noch vertieften. Nach einer Weile atmete Marie ein paar Mal tief ein, verneigte sich und stand auf. Still blieb sie noch für einen Augenblick stehen. Dann nahm sie eines der Teelichter, die auf dem Fensterbrett gestapelt waren, und zündete es an der Osterkerze an. Leise sagte sie: „Für meinen Gast“, und stellte die kleine Flamme zu Füßen des Tabernakels. Noch eine tiefe Verneigung folgte, dann ging sie in die Küche.

* Tessa wurde es kalt. Der Wind blies immer noch unvermindert stark und der riesige Eichenstamm im Rücken hielt die eisige Luft nicht wirksam genug ab. Sie stand auf und hüpfte ein paar Mal auf der Stelle. „Brrr, ich hoffe, die ehrwürdige Einsiedlerin hat eine heiße Suppe gekocht!“ Was gab es nach so einer Kälte draußen Besseres als eine heiße Suppe drinnen? In der Vorfreude auf die warme Küche und das Mittagessen beeilte sich Tessa und bog auf den schmalen Pfad ein, der zwischen Ziegenstall und Scheune zum Haupteingang führte. Er war dick mit Rindenmulch bedeckt und an den Seiten trotzte eine buschige Buchsbaumhecke mit kräftig grünen Blättern dem eisigen Matschwetter. Überrascht blieb sie stehen. Ein kleines graues Auto stand auf dem Hof und ein Stockschirm 43


lehnte neben dem Eingang an der Wand. Tessa zögerte. Wenn Marie heute Besuch hatte, durfte sie dann stören? Aber wer besuchte eine Einsiedlerin? Oder war es noch ein Gast? Neugierig schob sich Tessa zum Küchenfenster hin und lugte hinein. Eine ältere Frau saß Marie gegenüber, die schräg zum Fenster auf der Eckbank lehnte. Die Frau hatte ihre Handtasche auf dem Schoß und knetete die Henkel durch, als wären sie Brotteig. Ihr Gesicht war mit Tränen überströmt und sie schien unentwegt zu reden. Jacke, Hut, sogar der Schal der Frau und ihr Gesicht waren von einem derart farblosen Grauton, dass es schien, in nur wenigen Augenblicken würde die Frau unsichtbar werden. „Wie ein Stummfilm“, murmelte Tessa spöttisch. Sie ging mit dem Kopf näher an die Scheibe, um vielleicht auch Maries Gesicht zu sehen, da kratzte der Reißverschluss ihrer Jacke am Glas und sie zuckte zurück. „Peinlich, peinlich!“ Ärgerlich wandte sie sich um und ging hastig zur Gästeklause. Auf das Mittagessen verzichtete sie jetzt lieber, vielleicht konnte sie sich später einen Kaffee und eine Scheibe Brot holen. Als sie aber nach einer Stunde mit knurrendem Magen in die Küche kam, stand auf einer der beiden Herdplatten neben dem Holzofen ein kleiner Topf mit einem Zettel auf dem Deckel. „Wenn Sie mögen: Hier ist eine große Portion Eintopf. Guten Appetit!“ Ein Teller, Besteck und zwei Scheiben Brot lagen auf dem Küchentisch bereit. Etwas beschämt wärmte sich Tessa die Suppe auf und aß sie dankbar und mit Heißhunger.

* „Schlafen oder nicht schlafen?“ Tessa überlegte nicht lange. Wann hatte sie schon die Gelegenheit, einen richtigen Mittagsschlaf zu halten? Sie stellte den Wecker des Handys und kuschelte sich 44


genussvoll ins Bett. Nach einer Stunde erholsamer Ruhezeit und einer Tasse Tee in der Küche zog sie sich erneut unternehmungslustig die Winterjacke an. Der neu entdeckte Geheimplatz unter der alten Eiche lockte sie für heute nicht mehr. „Einmal durchfrieren lassen pro Tag reicht“, meinte sie und folgte neugierig einem Fußweg, der Richtung Eichenwald führte. Er war fast zugewachsen und Tessa hatte Mühe vorwärtszukommen. Der Wald schien riesig zu sein, er wirkte fast unendlich. Die alten Eichen waren nackt, nur vereinzelt hing ein vertrocknetes Blatt und vibrierte im Wind, als versuche es verzweifelt loszukommen von diesem wintertoten Stamm. Moose und Flechten bedeckten die Rinde vieler Bäume, in manchem Riss klammerte sich erfrorener Efeu. Kahl und kalt ragten die Äste empor wie die nackten Arme versteinerter Riesen. Ein Ende des Waldes konnte Tessa nicht erkennen, auch schien es keine Wege hindurch zu geben. „Nicht gerade ein touristenfreundliches Naherholungsgebiet!“, dachte sie. Langsam tastete sie sich von Stamm zu Stamm. Es war den ganzen Tag noch nicht richtig hell gewesen, jetzt aber schien sich allmählich auch das letzte Licht zurückzuziehen. Je weiter Tessa ging, umso dämmeriger und dann dunkler wurde es. „Nee, das wird kein Spaziergang mehr. Ich gehe lieber zurück.“ Tessa versuchte das unbehagliche Gefühl zu ignorieren, das sich heimlich in ihrer Magengrube einzunisten schien. Sie suchte die Spuren, die ihr verrieten, von wo sie hergekommen war. Aber entweder war es schon zu dunkel und sie konnte ihre eigenen Abdrücke nicht mehr erkennen oder … ja was, oder? „So ein Mist, wo bin ich denn langgegangen?“, schimpfte sie mit sich selbst. Ihre Füße verfingen sich in trockenen Brombeerranken, die, obwohl abgestorben, dennoch harte Dornen trugen. Sie spürte immer wieder, wie etwas nadelspitz durch ihre Jeans 45


stach. Irgendwann ging sie tief gebückt mit angestrengt suchenden Blicken von Baum zu Baum und ihr Rücken fing heftig an zu schmerzen. „Das gibt es doch gar nicht, wo zum Teufel …“ Sie richtete sich leise stöhnend auf – und stand am Waldrand, nur knappe zwei Meter entfernt von dem kleinen, überwachsenen Fußweg. Sie lachte verlegen und schüttelte den Kopf. „Mann, bin ich blöd!“ Sie beeilte sich, zur Einsiedelei zurückzukommen, und versuchte das unbehagliche Gefühl zu ignorieren, dass der Wald spöttisch hinter ihr herblickte.

* Das Abendessen sei so gegen halb sieben, hatte Marie gesagt. Also fand sich Tessa pünktlich in der Küche ein, denn der Teller Eintopf hatte nicht lange vorgehalten und sie hatte Hunger. Marie stand am Herd mit offener Klappe und schob geschickt ein Holzstück nach dem anderen hinein. „Mögen Sie Spiegeleier?“ „Oh ja“, entgegnete Tessa und lächelte erfreut. „Sehr sogar! Ich bin keine gute Köchin und Spiegeleier sind darum fester Bestandteil meiner bescheidenen Rezeptsammlung.“ Marie wies auf den Küchenschrank. „Würden Sie bitte den Tisch decken? Ich bin gleich so weit.“ Tessa nahm Teller und Besteck aus dem Schrank, stellte Teetassen auf den Tisch, holte Margarine, Käse und Senf aus dem Kühlschrank und eine Dose Bärlauchsalz vom Gewürzregal. „Reichen Ihnen zwei?“, fragte Marie. Sie tickte das erste Ei auf den Pfannenrand und ließ es in das zischende Fett gleiten. „Ja, danke.“

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Wenig später duftete ein Kräutertee auf einem Stövchen und Tessa ließ sich die Spiegeleier schmecken. Der Ofen bullerte jetzt eine gemütliche Hitze in den Raum und Tessa spürte, wie gut ihr der Tag getan hatte: den ganzen Tag keinen Streit mit Timo, keine Hektik, keinen Stress. Sie fand, es war eine super Idee gewesen, zu Marie zu kommen! Die nächsten Minuten aßen die Frauen schweigend. Dann fragte Marie: „Sie sehen erholt aus. Konnten Sie den Tag genießen?“ Tessa nickte. „Ich habe sogar einen Mittagsschlaf gemacht, ein seltenes Vergnügen.“ Marie lächelte. „Gut!“ Sie nahm die Teekanne hoch. „Noch einen Tee? Die Kräuter kommen übrigens alle aus meinem Garten.“ Tessa nickte wieder und hob ihre Tasse. „Danke!“ Sie zögerte einen Moment. „Darf ich Sie einmal etwas fragen?“ Marie blickte sie an mit einem seltsamen Ausdruck in den grauen Augen. Tessa fand ihn nicht unfreundlich, aber irgendwie so forschend und verwirrend, dass sie ihre Frage fast nicht mehr stellen wollte. Dann gab sie sich einen Ruck. „Was sind Einsiedler eigentlich? Ich meine, wozu sind sie gut, was tun sie, oder besser: Was für eine Aufgabe haben Sie als Einsiedlerin?“ Marie stellte die Teekanne zurück auf den Tisch. „Gute Frage! Bevor ich Ihnen meine persönliche Antwort darauf gebe, möchte ich zurückfragen: Was wissen Sie von Einsiedlern?“ Tessa räusperte sich „Nun ja, ich habe vor langer Zeit einmal die Vita des heiligen Antonios gelesen und etwas über die Wüstenväter.“ Sie fing an zu grinsen. „Und mir fällt bei dem Thema sofort ein Bild von Spitzweg ein.“ Sie erzählte, was ihr zu der Darstellung des kleinen, dicken Mönchs eingefallen war, und auch Marie lachte. „Also, Fleisch, auch Hühnerfleisch, gibt es hier 47


selten und dann brate ich es auf dem Herd im Topf und nicht am Spieß über offenem Feuer vor der Haustür.“ Tessa schmunzelte. „O. k., das dachte ich mir schon.“ Marie fuhr fort: „Antonios, der Einsiedler, oder Antonios, der Mönchsvater, von dem Sie die Lebensbeschreibung gelesen haben, ist einer der ersten Einsiedler, von dem wir historisch nachprüfbare Beweise haben. Er zog sich um 250 n. Chr. in die ägyptische Wüste zurück, um seinen christlichen Glauben so radikal wie möglich zu leben.“ „Was heißt das?“ „Nun, er wollte das, was das Evangelium von Jesus erzählt, seine Botschaft und die Herausforderungen, die damit verbunden sind, so gut wie möglich verstehen und leben.“ Tessa zog ein skeptisches Gesicht. „Das ist sehr schwer!“ Marie nickte. „Natürlich ist es nicht leicht. Das behauptet auch niemand, ich jedenfalls nicht. Aber wer den alles entscheidenden Impuls hat, kann sich ohne Sorgen dieser Aufgabe stellen.“ Tessa hob die Hand. „Ah, genau, das wollte ich wissen. Was für eine Aufgabe haben Sie denn als Einsiedlerin?“ Marie richtete ihre Augen auf Tessa und wieder irritierte sie dieser Blick enorm. „Meine Aufgabe besteht im Grunde genommen nur darin, diesen Impuls wahrzunehmen und ihn groß, mächtig und mein Leben bestimmend werden zu lassen.“ Tessa stutzte. „Mehr nicht?“ Marie lächelte verhalten. „Mehr nicht.“ „Und was ist das für ein Impuls?“ „Ganz einfach. Es ist die Sehnsucht nach Gott. Nach einem Leben mit ihm und in ihm und für ihn.“

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Schon am frühen Abend waren tief hängende, schwarze Wolken über der Einsiedelei aufgezogen, die den blassen Vollmond fast völlig verdeckt hatten, und jetzt ballten sie sich zu immer dichteren Gebirgen zusammen. Tessa saß am Fenster der Gästeklause und konnte nicht schlafen. In eine warme Wolldecke gewickelt starrte sie hinaus und wartete auf das Gewitter. Das Gespräch mit Marie war wie ein heftiger Stich ins Herz gewesen und bald danach hatte sie sich unter dem Vorwand, sie sei sehr müde, zurückgezogen. Aber schlafen konnte sie nicht, obwohl die Behauptung nicht gelogen war. Sehnsucht nach Gott – dieser Satz hatte sie wie ein Dolch aus Eis ins Innerste getroffen. Und er rief Erinnerungen wach, von denen sie glaubte, sie längst vergessen zu haben. Sie war so jung gewesen damals und so voller Elan. Gerade 19 Jahre alt geworden und dann den begehrten Studienplatz an der Wunschuni bekommen, alles schien perfekt zu sein. Tessa verzog ihr Gesicht zu einem bitteren Lächeln. Sie hatte sich so gefreut auf Philosophie und Theologie. Jahre vorher schon hatte diese Vorfreude begonnen und dann so eine Enttäuschung. Hunger nach Leben, nach einem eigenständigen Leben ohne den Ballast, der zu Hause wie eine Bleikette auf ihr gelastet hatte. Das war die erste und wichtigste Motivation gewesen, dieses Studium zu beginnen. Die Erinnerungen schmerzten immer noch. Im Studium war alles so streng geregelt gewesen, so starr und verkopft. Es war nichts zu spüren gewesen von der sogenannten Freiheit eines Christenmenschen, die für sie eine Verheißung bedeutet hatte, Gott näherzukommen und ihn besser verstehen zu können. Es war eine herbe Täuschung gewesen. Die Kommilitonen waren ihr fremd geblieben, einen Menschen, mit dem sie ihre Probleme hätte besprechen können, fand sie nicht. Am Ende des zweiten Semesters brach sie das Studium ab, mit blutendem Her49


zen. Was war das für ein Theater gewesen, das zu Hause losbrach, als sie ihren Eltern davon erzählte. Tessa schüttelte es jetzt noch, wenn sie daran dachte. „Unfähige Tochter, Versagerin!“ waren noch die mildesten Beschimpfungen, mit der ihr Vater sie damals bezeichnet hatte. Und dann kam der Job in dieser Agentur. Ein Glücksfall, dachte sie damals. Leichter Job, gutes Geld und weit weg von der schmerzlichen Vergangenheit. Die Werbeagentur Burmaster legte höchsten Wert auf kreative Effizienz. Nichts war wichtiger, wobei der Schwerpunkt auf der Effizienz lag, nicht auf der Kreativität! Und Effizienz bedeutete Profit! Der Wahlspruch von Gründer und Chef Kevin Burmaster ließ an Deutlichkeit keine andere Interpretation zu: „Was wir anschieben, hat zu laufen!“ Die unbedingte Effizienz spiegelte sich bis ins Detail im Großraumbüro der Agentur wider: eierschalenfarbene Wände, kirschrote Designermöbel, viel, viel Glas, alles komplett ausgeleuchtet mit superhellen LED-Lampen. Gemütliche Ecken für eine Pause waren nicht vorhanden. Auch die wenigen Grünpflanzen ließen keine Rückzugsmöglichkeiten zu. Sie waren so platziert, dass sich dahinter niemand hätte verstecken können. Der gute alte Büroklatsch musste sich auf die Raucherpausen an der Hintertür beschränken, vom Schreibtischnickerchen gar nicht zu reden. Alles strahlte Funktionalität aus und den Willen zu Profit und zu ständig zu optimierendem Erfolg. Nach einiger Zeit spürte sie, dass auch hier keine Träume wahr werden konnten, zumal sie mit Kevin – alle nannten sich beim Vornamen, eine Masche, die nur schwach den autoritären Führungsstil des Chefs verschleiern konnte – nicht klarkam. Aber die Bezahlung war gut. Außerdem hatte sie gerade mit Timo zusammen eine Wohnung bezogen, die nicht billig war, und sie brauchte das Geld. Also blieb sie. Bis zu dem Tag, an dem sie zum ersten Mal zu spät kam und auch mit 50


einer Arbeit in Verzug geraten war. Eine Seltenheit, die ihr fast nie passierte und die nun wirklich keinen Beinbruch darstellte. Für Burmaster aber war es eine Todsünde. Tessa war vom Bus bis zu ihrem Schreibtisch in rekordverdächtigem Tempo gerannt, wo ihre türkische Kollegin mit sorgenvoller Miene wartete. Sie konnte sich noch an alles erinnern. Hoffnungsvoll hatte sie geflüstert: „Shirin, Burmaster ist noch nicht da, oder?“ Ihre Kollegin hatte bedauernd den Mund verzogen. „Leider doch und er will dich sofort sehen!“ Was folgte, war eine Mischung aus Bußpredigt und evaluierender Klatsche. „Tessa, ich bin enttäuscht!“ Burmaster saß hinter seinem Monsterschreibtisch – 2,30 m x 1,00 m Edelstahl sandgestrahlt – und fixierte Tessa von Kopf bis Fuß. „Bis Mittwoch sollten Sie die Unterlagen der neuen Kampagne zusammengestellt und komplett digitalisiert haben. Heute ist Freitag. Also?“ Tessa räusperte sich. „Sicher, Kevin, aber ich habe mir die Inhalte angeschaut und mir gedacht …“ „Sie sind weder verantwortlich für die Marktanalysen noch für die Entwicklung. Ihre Aufgabe ist ausschließlich die Zusammenstellung und die Herstellung druckfertiger Dateien. Dafür brauchen Sie nicht zu denken. Also?“ Tessa nickte. „Natürlich. Ich setze mich sofort dran. Sie haben die Dateien bis heute Mittag.“ Burmaster erhob sich und Tessa seufzte innerlich. Sie wusste, was jetzt kam. Burmaster nahm seinen Kugelschreiber wie ein Dirigent seinen Stab. „Ich darf Sie daran erinnern, Tessa, dass wir alle hier an einem Strang ziehen müssen! Nur so können wir unsere modernen und authentischen Marketingkonzepte entwickeln. Starke Konzepte brauchen starke Teams! Wir können keine ausgereifte Markenkommunikation für unsere Kunden ausarbeiten, 51


wenn nicht jeder an seinem Platz sein Bestes gibt! Nehmen Sie sich das zu Herzen!“ Tessa nickte erneut. „Natürlich, Kevin. Ich werde mich bemühen.“ Burmaster tippte mehrmals mit dem Kugelschreiber auf seine Schreibtischunterlage – feinstes Kalbsleder, genarbt und kirschrot eingefärbt. Er wurde lauter. „Bemühen reicht nicht! Sie müssen es wollen! Von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft! Verstanden?“ Tessa nickte schwach. „Ja, Kevin.“ Burmeister deutete ein schmales Lächeln an und seine Stimme wurde noch eine Nuance schärfer. „Ich habe nicht das Gefühl, dass Sie alles geben, Tessa! Wer in meiner Agentur zum Team gehören will, der setzt die Ziele der Agentur an die erste Stelle seiner Prioritätenliste! Wenn Sie das wollen, dann strengen Sie sich an, jeden Tag etwas mehr! Jeden Tag!! Und: Beweisen Sie es jetzt und machen Sie die Präsentation perfekt!“ Sie hatte damals diese blöde Präsentation fertiggestellt und zum nächsten Ersten gekündigt. Nur ein paar Wochen später fing sie im Briefzentrum an.

* Tessa zuckte zusammen. Sie war eingeschlafen. Ihr Kopf war schmerzhaft nach vorn gesackt und gegen das hölzerne Fensterkreuz geprallt. Draußen knallte der erste Blitz und in seinem Licht tauchte für einen Moment am Horizont der Eichenwald auf, in greller Beleuchtung. „Ich sags ja, Theaterkulisse“, murmelte Tessa und rieb sich die Stirn. In diesem Licht wirkten die kahlen Bäume bedrohlich. Der Regen schoss plötzlich auf das Fenster zu und die Tropfen trommelten so hart, dass Tessa unwillkürlich zurückzuckte. „Ich bin im Moment auch wie dieser Wald“, 52


dachte sie plötzlich, „kalt und kahl.“ Zumindest fühlte sie sich so. Sie gähnte und die Müdigkeit, die schlagartig aufstieg, zog sie wie mit Seilen zum Bett. Sie ließ sich einfach in die Kissen hineinfallen und die Wolldecke rutschte neben dem Bett auf den Boden. Kurz bevor sie einschlief, entfaltete sich wie ein Traumbild das Gesicht eines Professors aus dem Studium vor ihrem inneren Auge. Er war einer der freundlichen gewesen. Seinen Namen hatte sie vergessen. Seinen Standardspruch nicht. „Es gibt einen Tisch der Sehnsucht und dieser Tisch wird niemals leer.“ Wie in einen dunklen See stürzte sie in den Schlaf und nahm den Spruch mit tief hinein in alle ihre Träume.

* Als sie wieder aufwachte, hatte sich das Gewitter verzogen und der Vollmond schickte sein Licht hell durch das Fenster bis vor ihr Bett. Der Blick aufs Handy sagte: „4.30 Uhr.“ Sie schaltete das Handy wieder aus und lehnte sich zurück. „Normalerweise hätte ich noch eine Stunde, bis ich aufstehen muss, normalerweise …“ Sie drehte sich auf die Seite, aber alle Müdigkeit war verflogen und sie konnte nicht wieder einschlafen. Draußen war es taghell. Ein-, zweimal drehte sie sich im Bett von einer Seite auf die andere, dann stand sie auf. Sie würde einen kleinen Gang über das Gelände machen und dann einfach noch ein paar Stunden schlafen. Eine Verpflichtung zum frühen Aufstehen gab es für die Gäste der Einsiedelei ja hoffentlich nicht. Schließlich hatte sie Urlaub. Sie zog sich an und verließ leise die Gästeklause. Einen Moment blieb sie vor der Tür stehen. Ein bisschen abenteuerlich war das schon, so früh durch die Landschaft zu laufen. Sie schreckte kurz zusammen, als ein kleines graues Tier an ihr vorbeilief, und kicherte verlegen, als sie Miez, die Katze der Einsiedelei, erkannte. Alles war 53


ungewohnt still, nichts, aber auch gar nichts war zu hören. Und der Himmel über ihr wölbte sich seltsam nah. Keine Straßenbeleuchtung, kein Licht nirgendwo. Wo gab es das denn sonst noch, außer in den Bergen oder auf dem offenen Meer? Ein schwacher Wind kam auf und schob die Wolken auseinander. Tessa erkannte einzelne Sterne, sie schienen so nah zu sein, so unglaublich nah, als könne sie sie mit den erhobenen Händen erreichen. Träumerisch wanderte sie zwischen den einzelnen Gebäuden auf und ab. Wie schön war es nachts, warum hatte sie das noch nie ausprobiert? Im Ziegenstall hörte sie, wie die Tiere sich im Stroh bewegten. Ein paar Meter weiter kam aus einem viereckig ausgesägten Loch im Dachgiebel ein weißer Vogel. Tessa zuckte zusammen, bis sie die Eule erkannte. Völlig lautlos schwebte das Tier wie ein Märchenvogel unerwartet groß in Augenhöhe vorbei. Sie ging weiter in Richtung Gemüsegarten. Es war eine unwirkliche Landschaft, so anders als am Tag. Aus einem Fenster an der Ostseite kam ein flackernder Lichtschein. Neugierig ging Tessa näher und erschrak. Feuer? Mit zwei Schritten war sie mit der Nase am Glas der Scheibe und schaute hinein, die Hand am Handy, um sofort die Feuerwehr rufen zu können. Während sie in den Raum schaute, dachte sie zugleich: „Bis die Feuerwehr hier ist, brennt alles lichterloh. Können die überhaupt in dieser einsamen Gegend einen Wasseranschluss finden?“ Dann sah sie: Es war kein Feuer, es waren Kerzen. Eine große auf einem schlichten Holzständer und mehrere kleine, darunter auch Teelichter. Auf der großen Kerze war ein Kreuz in Rot-Gold aufgebracht, ebenso eine Jahreszahl und zwei Zeichen, die Tessa kannte, aber deren Bedeutung sie vergessen hatte. Die kleinen Kerzen trugen keinen Schmuck. Ruhig und warm brannten die Lichter und warfen den Schein bis in die letzte Ecke. Die 54


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Ganz weit draußen von Maria Anna Leenen - 9783863340872 by SCM Verlagsgruppe - Issuu