Peter Ballnik Vaterseelenallein
F체r alle Menschen, denen der Vater fehlt, und f체r alle M채nner, die sich ihrer v채terlichen Bedeutung nicht bewusst sind.
Peter Ballnik Peter Ballnik Peter PeterBallnik Ballnik
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Warum Kinder einen Vater brauchen und wohin es f端hrt, wenn er fehlt
Warum Kinder einen Vater brauchen und wohin es f端hrt, wenn er fehlt
Inhaltsverzeichnis Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Teil 1: Scherbensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Kapitel 1 „Ich nehm mir, was ich kriegen kann.“ Warum Menschen kriminell werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Kapitel 2 „Mir doch egal!“ Die Wurzeln der Gewalt gegen Umwelt und Menschen . . . . 32 Kapitel 3 „Wenn ich aufs Klo muss, pinkle ich in die Cola-Flasche.“ Warum Menschen der Mediensucht verfallen . . . . . . . . . . . . 45 Kapitel 4 „Kinder kommen später.“ Warum wir aussterben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Kapitel 5 „Lieber tot für Gott als lebendig für die Menschen.“ Woher kommt der Terror? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Kapitel 6 „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“ Welche emotionalen Defizite führen zu Amokläufen? . . . . . 74 4
Teil 2: Abgrundverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Kapitel 7 Das Kreuz mit der Aggression „Papa, rauf mit mir!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Kapitel 8 Übergangslos „Wo geht es hier zur Männlichkeit?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Kapitel 9 Kein Platz für Männer „Wo stelle ich meinen Ergometer hin?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Kapitel 10 Vorurteil „Klarer Fall, der Täter ist männlich.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Kapitel 11 Entwurzelt „Wenn ich zuschlage, spüre ich die Ohnmacht nicht.“ . . . . . . 143 Teil 3: Leidpsyche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Kapitel 12 „Papa, ich hasse dich, bitte halt mich fest!“ Warum Paul keinen Halt fand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Kapitel 13 „Papa, was ist fair?“ Was Entenfüttern mit Anstand zu tun hat . . . . . . . . . . . . . . . 164 Kapitel 14 „Wenn ich allein bin, läuft die Glotze.“ Warum Franz nicht zur Schule ging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Kapitel 15 „Wenn Papa mich nur anrufen würde!“ Wie Markus seinen Amoklauf plante . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 5
Kapitel 16 „Wer zeigt mir, wo es langgeht?“ Wie Abd Allah den Dschihad erlebte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Kapitel 17 „Ich hätte eh keine Zeit.“ Wie Hans kinderlos blieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Teil 4: Verlustkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Kapitel 18 Rückkehr zum Anfang Wie der Vater erfunden wurde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Kapitel 19 Lang lebe die Revolution Wie der Niedergang begann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Kapitel 20 Krieg Wie die Väter nicht mehr wiederkamen . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Kapitel 21 1968 Als die Welt weiblich wurde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Kapitel 22 Femokratismus Wie die Macht der Frauen die Väter entmannte . . . . . . . . . . 255 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274 Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Links . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
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Prolog Sind wir noch zu retten? Kinder und Jugendliche werden kontinuierlich verhaltensauffälliger. Schon seit Langem laufen angesichts dieser Entwicklung Psychologen und Pädagogen Sturm. Immer mehr Kinder sind nicht gemeinschaftsfähig, sie haben nie gelernt, mit zwei Menschen gleichzeitig zu kommunizieren, und kommen aus ihrer symbiotischen Mutterabhängigkeit nicht heraus. Kinder also, die lernen sollten, in eine Gemeinschaft hineinzuwachsen, aber immer noch narzisstische Bedürfnisse eines Säuglings haben und leben. Sich einzufügen, fällt ihnen schwer bzw. ist ihnen kaum möglich. Woran liegt das? Stimmt irgendetwas nicht mehr? Was fehlt ihnen? Könnte es womöglich daran liegen, dass ihnen eine klare Richtungsweisung fehlt, was gut und böse ist, was Mein und Dein, was richtig und was falsch ist? In der Tierwelt regelt dieses Maß der Instinkt. Wenn ein Löwe jagt, dann nur, um zu überleben. Er frisst, bis er satt ist, dann hört er auf. Die anderen Tiere, die sich noch einen Teil der Beute holen, Hyänen und Geier zum Beispiel, laben sich auch nur so lange, bis sie genug haben. Im Grunde verhalten sich alle Tiere so. Der Instinkt sagt ihnen, wann genug ist. Er regelt dies. 7
Von den Tieren unterscheiden wir Menschen uns dadurch, dass wir uns unserer selbst bewusst sind. Instinkte bestimmen uns nicht. Vielmehr sagt uns eine innere Stimme: Stopp! Es ist genug! Hier ist eine Grenze! Es reicht! Diese innere Stimme des Genug-Habens ist nicht a ngeboren, wir erwerben sie im Laufe unserer Kindheit. Allerdings sieht es ganz danach aus, dass heute viel zu vielen Menschen diese innere Stimme fehlt. Denn ein Blick auf die großen Probleme unserer Welt offenbart, dass Menschen bestimmt werden von Gier, Haben-Wollen, Raffen, Rauben, Scheffeln – und dem mehr, mehr, mehr! Bis jemand oder etwas Mächtigeres ihnen Grenzen setzt. Wenn diese Grenzen ihr Recht einfordern, dann nennen wir das: Wirtschaftskrise, Börsenblase, Umweltkatastrophe, Kriminalität, Raub, Vergewaltigung, Krieg, Mord, Totschlag usw. Fehlt Menschen diese innere, richtungsweisende Stimme – nennen wir sie ruhig „Gewissen“ –, die ihnen sagt, was gut und böse ist, was Mein und Dein ist, was richtig und falsch ist, dann entwickeln sich starke negative, Unheil bringende Emotionen wie Neid, Eifersucht, Rache und Hass. Sicher, das klingt jetzt ein wenig pastoral, nur es ändert nichts daran, dass diese innere Stimme, die dämpft, mäßigt und uns zur Vernunft ruft, eine Voraussetzung für uns Menschen ist, überhaupt ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Denn ohne sich einander zugehörig zu fühlen und zu begreifen, verliert die Gesellschaft ihre Vertrauensbasis und fällt früher oder später auseinander. Der Kitt jeder Gemeinschaft ist letztlich das Gewissen. Diese innere Stimme, die Orientierung schenkt und Menschen maßregelt, ist immer leiser geworden oder auch schon ganz verstummt – bei sehr vielen Menschen. Wie es dazu kommen kann, was die Ursache für das Verstummen des Gewissens ist, darum geht es in diesem Buch. 8
Für mich hat das relativ einfach und offensichtlich mit der zunehmenden Vaterlosigkeit in unseren Familien wie unserer Gesellschaft zu tun. In meiner täglichen Arbeit als Psychotherapeut, der besonders Probleme mit der Rolle des Vaters fokussiert, kommen zu mir Angehörige von Familien, deren Vaterbild beschädigt oder verschwunden ist. Manchmal sind es die Männer selbst, die als Vater ihre Rolle suchen bzw. keine mehr spielen. Manchmal Frauen, die ohne einen väterlichen Mann an ihrer Seite im Alltag alleine kämpfen. Häufig sind es aber Kinder, die ohne Vaterfigur aufwachsen müssen. Und was ich in diesen Familien sehe und erlebe, verschlägt mir oft die Sprache. Vaterlosigkeit wird im Allgemeinen völlig unterschätzt. Viel zu viele Menschen leben vaterseelenallein. Insbesondere scheint niemand die fatalen Auswirkungen zu sehen, die sich in einer solchen Gesellschaft niederschlagen. Es existiert diesbezüglich in der öffentlichen Diskussion eine partielle Blindheit. Es handelt sich wohl um ein Tabu, über das man in unserer Gesellschaft weder reden noch schreiben darf, ohne sofort missverstanden zu werden, absichtlich oder unabsichtlich. Ein Tabu, das auch verhindert, sich mit Themen wie Wirtschaftskrisen, Kriminalität, Amokläufen und Terroranschlägen wirklich gründlich auseinanderzusetzen. So erstarrt zum Beispiel nach einem Amoklauf die ganze mediale Welt in publizierter Fassungslosigkeit. Und die auf der politischen Bühne Agierenden nutzen den Anlass für öffentliche Empörung und Betroffenheit, während die Frage nach dem „Warum?“ nur ein rhetorisches Stilmittel bleibt, um die Schwere der Tat zu betonen. Weder ist sie ernst gemeint noch fordert sie eine Antwort. Dementsprechend bemüht sich auch niemand, diese Frage zu beantworten. Denn würde jemand nach einer Antwort suchen wollen, müsste er zunächst dafür Sorge tragen, dass sich 9
das Lamento und die Empörung einstellen, sodass stattdessen nach dem familiären Hintergrund des Täters gefragt werden kann, nach seiner Sozialisation, nach den Umständen vor der Tat. Das ist erstens mühsam und zweitens verfänglich, denn wenn dabei herauskäme, dass die Vaterlosigkeit des Täters etwas mit seinem Werdegang zum Täter zu tun haben könnte, würde man damit ein riesiges Fass aufmachen: Wie halten wir es in unserer Gesellschaft mit den Männern? Insbesondere mit den Vätern? – Und diese Debatte will keiner! Außerdem würde jeder, der diese Frage stellt, automatisch Angriffsfläche bieten: Willst du die schreckliche Tat etwa rechtfertigen? – Natürlich nicht. Aber bei der ernsthaften Suche nach den Ursachen von Leid und Gewalt kommt ja vielleicht zum Vorschein, dass es tatsächlich nicht nur den einen Schuldigen gibt, den man so bequem öffentlich verurteilen kann. Und sofort befindet man sich öffentlich auf vermintem Terrain. Man hält also den Mund und stimmt in die Klagen ein: „Warum nur musste das geschehen? Wie schrecklich!“ – Nach einer gewissen Zeit wächst Gras über die Sache und beim nächsten Amoklauf, beim nächsten Terrorakt passiert das Ganze wieder von vorne. Die politischen Entscheidungsträger verschanzen sich bei diesen Themen hinter einer Mauer der totalen Unabänderlichkeit. Dieses Wegsehen und diese Empörungs-Shows habe ich satt. Daher stelle ich die Frage: Könnte das gewaltige Ausmaß zerstörerischer Tendenzen in unserer heutigen Welt etwas mit der veränderten, schwindenden Rolle der Väter zu tun haben? Das Problem dieses Tabus ist, dass es unter der Ebene der Wahrnehmungsschwelle liegt. Ein unbewusstes Tabu also. Erzähle ich beispielsweise Menschen davon, dass ich Bücher schreibe, erkundigen sie sich meist zuerst nach den Themen. Wenn ich dann sage: „Ich schreibe für und über Väter“, 10
schauen sie mich sehr oft ungläubig an. Wozu ein Buch über so etwas Marginales schreiben wie Väter? Bei meinen Erklärungen muss ich meist zuerst das Bild der Mutter einführen, damit die Leute zu verstehen beginnen, dass es doch auch immer – zumindest einen biologischen – Vater geben muss. Ist diese Tatsache bei meinen Gesprächspartnern angekommen, schauen sie mich oft etwas ungläubig an oder murmeln etwas von „Ach, wie interessant“. In ihren Gesichtern steht geschrieben, dass es wahrlich Wichtigeres gibt als Väter, Vaterschaft oder Väterlichkeit. Kein Zweifel: Während Frauen und Mütter in der Champions League der öffentlichen Aufmerksamkeit spielen, sind die Väter offenbar in die Kreisliga abgestiegen. Spielt der Vater also überhaupt keine Rolle mehr in den Fami lien, in der Arbeitsstelle und in der Gesellschaft? Und sollte er das? Wie kam es zu diesem Tabu? Vielleicht durch die Abwendung vom Patriarchat. Ich finde es wie die meisten vernünftigen Menschen sehr gut, dass diese totale Macht, wie sie der Mann in unserer Gesellschaft einst hatte, in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gebrochen worden ist. Für mich ist es sehr wichtig, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Frauen und Männer sollten einander auf Augenhöhe begegnen und sich in ihrem Anderssein respektieren. Was ich aber sehe, ist, dass Männer in der Arbeitswelt noch immer dominieren, während sie dafür im häuslichen Umfeld quasi ausradiert worden sind. Fakt ist: Die entscheidende Rolle, die Väter in den Familien neben den Müttern spielen sollten, wird zum Teil zurückgedrängt, verdrängt oder gar tabuisiert. Dass Väter außer als Erzeuger in Familien irgendetwas zu melden haben, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Im Gegenteil: Wer Vätern, also 11
Männern, eine wichtige, tragende, unverzichtbare Rolle für intakte Familien bescheinigt, gerät sofort in den Generalverdacht, ein rückwärtsgewandter, reaktionärer Trottel und verkappter Chauvinist zu sein. Ist diese überzogene Form des Kampfs der Frauen gegen die Unterdrückung der Frau aber nicht auch selbst eine Form der Unterdrückung? In diesem Buch erfahren Sie, ob es diesen Zusammenhang zwischen den vergessenen Vätern und den Problemen dieser Welt wirklich gibt. Und warum Väter so wichtig sind.
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Teil 1: Scherbensystem
Kapitel 1
„Ich nehm mir, was ich kriegen kann.“ Warum Menschen kriminell werden
Die Unterlagen von Paul liegen vor mir. Der Satz am Ende meiner Notizen von der letzten Sitzung mit dem Sechzehnjährigen lautet: „Paul zeigt immer noch keine Reue.“ Es läutet. Da ist er. Leicht außer Atem und wieder einmal ein wenig verspätet. Ich reiche ihm die Hand. Mittlerweile muss ich schon ziemlich aufschauen, um in sein Gesicht zu sehen. Paul ist guter Dinge, frohgemut und setzt sich auf die Couch. Er macht es sich gerne bequem. Bis er seine richtige Sitzposition gefunden hat, dauert es eine Weile. Wie oft in letzter Zeit kann er sich einen leichten Seitenhieb auf meine Kleidung nicht ersparen: „Hey, diese weiße Cordhose stammt ja wohl noch aus den Achtzigern …“ „Stimmt“, antworte ich, „wenn nicht sogar aus den Siebzigern. Aber du siehst heute gut aus.“ „Ja, alles neu“, erzählt Paul stolz und schaut an sich herunter. „Die schwarze Jeans“, die wie jede Hose an ihm weit unten hängt, „ist von Fishbone. Aber vor allem der Gürtel“, dabei zeigt er auf das weiße Prachtstück mit einer überdimensionierten grauen Metallschnalle, die wie eine kleine Ziegelmauer aussieht, „die ist von Jeans only, der letzte Schrei.“ 15
Ich stutze. Der letzte Schrei – das ist doch ein Ausdruck aus den Siebzigern. So redet doch heute kein Jugendlicher! Stellt sich dieser Junge etwa so gut auf mich ein? Will er auch mich so manipulieren, wie er es mit allen Menschen in seiner Umgebung macht? Einen Moment lang fühle ich mich düpiert, aber dann sage ich mir selbst: Warum sollte gerade ich eine Ausnahme sein? Paul schaut mich kurz etwas irritiert an und fährt dann fort: „Mein Hemd“, ebenfalls schwarz und im Militärlook, „ist auch von Fishbone, war nicht billig!“ Stolz zeigt Paul dann noch sein schwarzes Superman-Leibchen. In diesem Moment sehe ich vor mir das Bild, wie Paul als Erwachsener, im Maßanzug und perfekt gestylt, gestandene Wirtschaftsmanager über den Tisch zieht. „Aber die Socken“, dabei zeige ich schmunzelnd auf seine alten, leicht zerfledderten hellgrauen Frotteesocken, „das ist ja ein richtiger Stilbruch. Sind die von Aldi?“ „Ich hatte es eilig“, antwortet Paul auffallend ruhig. Dann kontert er spielerisch aufgebracht mit einem schelmischen Lächeln: „Du hast es nötig, du mit deiner weißen Hose!“ Lachend beschließen wir unser Eingangsritual. „Letzte Woche hatte ich riesiges Glück“, sagt Paul. „Wie zeigte sich denn dein Glück?“, frage ich nach. „Also, ich habe dir doch erzählt, dass ich ein Sparbuch gefunden habe. Das gehört einem alten Bauern im Altersheim. Der liegt im Koma und stirbt wahrscheinlich in den nächsten Tagen.“ „Ich dachte, du wolltest das Sparbuch zurückgeben“, setze ich nach. „Wieso, der hat doch keine Erben und er selber kann damit nichts mehr anfangen.“ „Ja, aber ohne Passwort hast du keine Chance.“ 16
„Mein Lehrer, der war mal Rechtspfleger und meint, dass in so einem Fall ein Totenschein ausreicht, damit die 12 534 Euro mir gehören.“ Die Summe schockiert mich, die Höhe war mir neu. „Was du machst, ist nicht in Ordnung, das ist nicht legal“, beziehe ich Stellung. „Ja, ja“, meint Paul, „aber ich tue doch niemandem weh, ich schade niemandem.“ „Und den Erben? Du kannst nicht sicher sein, dass es keine gibt.“ „Um den Mann hat sich doch niemand gekümmert, also gehört das Geld mir. – Aber das ist nur ein Teil meines Glücks“, fährt Paul fort. „Mein Opa war letztes Wochenende mit seinem Fahrrad am Kirchenflohmarkt und dort hat man ihm sein Rad gestohlen. Weil er so an seinem Rad hängt, ein Erbstück von seinem verstorbenen Bruder, hat er mir eine Belohnung von 150 Euro versprochen, wenn ich das Rad wieder auftreibe. Ich habe dann im Pfarramt angerufen. Sein Rad war gar nicht gestohlen worden. Ich habe es einfach abgeholt, aber das habe ich ihm natürlich nicht gesagt. Hundert Euro habe ich schon gekriegt, die restlichen 50 bekomme ich morgen, dann gibt es wieder neue Klamotten.“ Bevor ich ihn auf das moralische Dilemma aufmerksam machen kann, setzt Paul fort: „Ach ja, und sehr wahrscheinlich habe ich jetzt eine Lehrstelle.“ Das erstaunt mich jetzt wirklich. Paul, der laut Arbeitsmarktservice so gut wie keine Chancen auf eine Lehrstelle hatte, schon seines miserablen Schulabschlusszeugnisses wegen. Spontan stehe ich auf, reiche Paul die Hand und gratuliere. „Erzähl!“, fordere ich ihn auf. „Ja, ich war im Baumarkt, da musste ich mit 25 anderen einen Test machen. Stell dir vor, ich habe den zweitbesten Test 17
geschrieben. Von 102 Fragen habe ich 98 richtig. Die schulischen Noten sagen gar nichts aus, ich bin eben doch ein Genie. Die nehmen nur drei Lehrlinge. Mit dem Juniorchef habe ich auch gesprochen, der war richtig begeistert von mir, von meiner ‚Ausstrahlung‘ hat er gesagt. Die Lehrstelle habe ich.“ Wir freuen uns eine Zeit lang gemeinsam. Dann frage ich ihn: „Wird dir deine Vorstrafe diese Lehrstelle nicht vermasseln?“ „Das ist doch Quatsch“, sagt Paul leicht aufgebracht, „es steht noch nicht fest, wann die Verhandlung ist. Jetzt kann ich noch ein positives Leumundszeugnis vorlegen und wenn ich dann die Lehrstelle habe, können die mich nicht mehr hinauswerfen. Im ersten Lehrjahr verdiene ich zwar wenig, aber mit dem zweiten wird das schon ganz gut“, lenkt Paul das Gespräch wieder auf das Geld, auf das für ihn wesentliche Thema. „Eigentlich schön blöd von dir, wegen 200 Euro 35 Zeitungskassen aufzuknacken“, stelle ich in den Raum. „Ja, ja, das habe ich bei den Bullen so gesagt. In Wirklichkeit waren es 800 Euro und so an die 70 Zeitungskassen.“ Dabei grinst er mich an und seine blauen Augen strahlen mit seinen Zähnen um die Wette. Nichts kann heute sein Glück trüben.
Adel schützt vor Schande nicht Paul stiehlt und lügt schon sehr lange. Bereits in der Schule steckte er wahllos Buntstifte, Füllfederhalter, Radiergummis und Comichefte der Mitschüler ein. Nichts war vor ihm sicher. Nicht einmal die Geldtasche seiner freundlichen und schon etwas betagten Nachbarin, die ihn dann doch anzeigte. Für diesen Diebstahl musste Paul im Rahmen eines außergerichtlichen Tatausgleichs soziale Dienste in einem Kinderheim 18
leisten. Dafür hat er der alten Frau das Blumenbeet verwüstet, was zu einer weiteren Strafanzeige führte. Paul kennt keine Reue. Vom Verstand her weiß er sehr wohl, was legal und was illegal ist, was Mein und Dein ist. Aber es schert ihn nicht die Bohne. Obwohl er in den Momenten, in denen er seinen reichlich vorhandenen Intellekt gebraucht, ganz klar einschätzen kann, welche Konsequenzen sein Verhalten für ihn selbst und für andere haben kann, gelingt es ihm nicht, auf der richtigen Seite des Gesetzes und des Anstands zu bleiben. Er priorisiert seinen eigenen kurzfristigen Vorteil gegenüber dem Wohlergehen aller anderen Menschen und auch gegenüber seinem eigenen langfristigen Wohlergehen. Ich mache mir keine Illusionen: Auch mich würde er betrügen, wenn er dazu die Gelegenheit bekäme. Und von seiner Seite aus würde so etwas unser Verhältnis nicht einmal trüben, geschweige denn zerstören, denn so etwas steht für ihn auf einem ganz anderen Blatt. Was geht in so einem Menschen vor? Es scheint, als würde in seiner Persönlichkeit eine Lücke klaffen, als würde ein komplettes Stück vom Ich fehlen. Ein Stück, das wir Menschen brauchen, um friedlich zusammenleben zu können, und das dafür sorgt, dass wir ehrlich bleiben. Warum hat Paul diese Instanz in seinem Innern nicht, die ihm sagt, wie er urteilen soll, die ihm zuflüstert, wie er handeln soll? Was hat ihn daran gehindert, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erlernen? Welche Faktoren gaben dafür den Ausschlag? Sein Elternhaus? Ist es ein Problem der sozialen Schicht? Wäre es anders geworden, wenn er in geordneten Verhältnissen und Wohlstand aufgewachsen wäre? Dass Letzteres nicht ausreicht, ein ehrlicher Mensch zu werden, führte uns der deutsche Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von und zu Guttenberg eindrucksvoll vor. Er kommt aus einer altehrwürdigen, einflussreichen Familie, ist 19
wohlhabend, gebildet, hat studiert, legte eine Traumkarriere hin und ist mit einer bildhübschen und ebenfalls adeligen Frau und zwei nett aussehenden und gesunden Töchtern gesegnet. Karl-Theodor hat alles, wovon ein Mann nur träumen kann. Und doch: Seine Dissertation hat er schlicht und einfach geklaut. Wie die Universität Bayreuth in ihrem Gutachten vom 6. Mai 2011 schrieb, besteht die Doktorarbeit des Freiherrn von und zu Guttenberg zu circa 65 Prozent aus Plagiaten. Hat er je öffentlich aufrichtig Entschuldigung gesagt? Von wegen. Genau das sagte Karl-Theodor nicht! Und darin liegt für mich das eigentliche Armutszeugnis der Persönlichkeit dieses geistigen Diebes. Er, eigentlich ein gestandener Mann, hatte gelogen. Wie ein Schulkind, das eine schlechte Note verschweigt. Nachdem der Vorwurf im Raum stand, steckte er den Kopf in den Sand und frettete sich von Tag zu Tag. Obwohl ganz klar war, dass irgendwann alles in vollem Ausmaß ans Tageslicht kommen sollte. Wie eine Schlange wand sich der windige Freiherr. Obwohl er ganz genau wusste, was er getan hatte, sah er nicht ein, dass er damit Schuld auf sich geladen hatte. Diese merkwürdige Diskrepanz zwischen der Realität der Tat einerseits und dem fehlenden Eingeständnis der Schuld andererseits, diese unreife Uneinsichtigkeit, ist für mich das Bemerkenswerte an diesem Fall. Wider besseren Wissens und völlig gegen seinen gesellschaftlichen Status hielt er sich an das, was Kleinganoven ihren Kollegen raten, wenn sie erwischt werden, und an das, was untreue Ehemännern anderen untreuen Ehemännern raten, selbst wenn sie von ihrer Ehefrau in flagranti ertappt werden: leugnen, leugnen, leugnen. Und so gab Karl-Theodor zu Guttenberg immer nur so viel zu, wie er nicht mehr abstreiten konnte. Deswegen zog sich diese unheilvolle Affäre vom 16. Februar 2011, an dem die ersten Plagiatsvorwürfe auftauchten, über 20
qualvolle zwei Wochen, bis er als Verteidigungsminister zurücktrat. Mit seinem Rücktritt stellte sich allerdings nicht etwa das Unrechtsbewusstsein einer reifen Persönlichkeit ein, vielmehr verabschiedete sich Karl-Theodor aus der Politik mit den Worten: „Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann.“ Junge, du hast geklaut! Das hat nichts mit Ansprüchen an sich selbst zu tun, es ist ein juristischer Tatbestand. In NordrheinWestfalen und in Baden-Württemberg wurden von den Staatsanwaltschaften in ähnlichen Fällen Strafbefehle verhängt, in Höhe von 9000 Euro oder 90 Tagessätzen. Mehr noch, es ist auch ein ethischer Tatbestand. Guttenberg hat nicht nur die Urheber, sondern uns alle betrogen. Er hat Deutschland in die Irre geführt, Europa und die ganze Welt. Und das als Verteidigungsminister. Was für eine Schande, was für ein Schmierentheater! So wie es Paul völlig kaltlässt, wenn er eine alte, wehrlose Frau beraubt, so lassen die moralisch-ethischen Ansprüche der Öffentlichkeit Karl-Theodor kalt, der sich nur leidend fragt, ob er den Ansprüchen an sich selbst noch gerecht wird. Hier paart sich also kriminelle Energie mit Narzissmus. Wenn sich also unabhängig von der sozialen Schicht, unabhängig davon, ob die Verhältnisse in der Herkunftsfamilie nun geordnet sind oder nicht, die Neigung zu Diebstahl und Lügen ausbilden kann, so wie bei Paul und bei Guttenberg, bleibt die Frage offen, was bei uns Menschen dafür sorgt, dass wir ein Gefühl für Mein und Dein und ein aufrechtes Unrechtsbewusstsein ausbilden. 21