REGINA JENNINGS
Das vorwitzige
Frauenzimmer Roman
Aus dem Englischen von Eva Weyandt
FĂźr Bob und Glenda Jennings. Ihr habt tolle Arbeit geleistet.
Kapitel 1
Oktober 1885 Pine Gap, Missouri Nur ein überschaubares Fleckchen dieser Erde war Teil von Texas. Nicht dass er den Rest der Welt verachtete, aber es gab da eben einen gewissen Unterschied. Deputy Joel Puckett stellte seine Satteltaschen auf dem Bahnsteig ab und ließ seinen Blick über die Berge gleiten, die das Tal wie eine Mauer umgaben. Natürlich war er weit davon entfernt, ganz Texas zu kennen. Es würde län ger als die vierundzwanzig Jahre dauern, die er schon auf dieser Erde lebte, um jede Stadt in diesem Bundesstaat zu besuchen – vom Ödland von El Paso bis zu den Sümpfen von Beaumont. Aber erst jetzt erkannte er, dass ein gebür tiger Texaner es schmerzlich spürte, wenn er von seiner Heimat getrennt war. Die Lok hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, und ihr Stampfen wurde von den Bergen zurückgeworfen, aber noch immer war niemand aus dem Depot getreten, um ihn zu begrüßen. Ein Windstoß vom Berg trieb die tro ckenen Herbstblätter über die mit Steinen übersäte Fläche vor dem Bahnhof. Die ersten Sterne waren über dem Berg zu sehen und es wurde merklich kühler. Joel nahm seinen Stetson ab und strich sich durch die Haare. Gouverneur Marmaduke hatte ihm erklärt, die Stadtbewohner wür den verzweifelt auf Hilfe warten, ja, sie bettelten förmlich um Schutz vor den Banditen, die ihre Farmen überfielen. 5
Aber wenn sie seine Ankunft so dringend erwarteten, wo steckten sie dann? Seine Schritte hallten in der Stille wider, als er den Bahn steig überquerte, zum Depot ging und an der Eingangstür rüttelte. Verschlossen. Seine Hutkrempe stieß gegen die Scheibe, als er durch das einzige Fenster spähte. Aber es war niemand zu sehen. Hier war keine Hilfe zu erwarten. Joel blickte suchend zum dunklen Wald, konnte aber in der Dämmerung nichts erkennen. Er holte seine Sat teltaschen und sah die Straße hinab, die an den Schienen entlangführte. Als er beschlossen hatte, den Zug zu neh men, hatte er nicht bedacht, dass er bei seiner Ankunft kein Fortbewegungsmittel hätte. Er hätte darauf beste hen sollen, sein Pferd mitzunehmen. Wer wusste schon, was für ein Tier man ihm zur Verfügung stellen würde? Jetzt musste er eben zu Fuß gehen. Sollte er bergauf oder bergab marschieren? Welcher Weg führte ihn am schnells ten in die Zivilisation? Die abend lichen Geräusche veränderten sich. Wie erstarrt blieb Joel stehen, als Lärm an seine Ohren drang. Jahre auf der Jagd nach Verbrechern hatten seine Sinne geschärft, sodass er auf jede Veränderung sehr wachsam reagierte. Ein Reitertrupp kam auf ihn zu, und zwar mit hoher Geschwindigkeit. Hufe donnerten über die Steine. Viele Hufe. Laute Stim men, die miteinander redeten, nicht wütend, sondern aus gelassen und übermütig. Sie kamen über die Bergkuppe. Die meisten Männer hätten sich in den Schutz der Dun kelheit zurückgezogen, bis sie wussten, was sie erwartete, doch ein solcher Gedanke wäre Joel nie gekommen. Seine Hand lag an seinem Revolvergürtel, und er brauchte gar nicht zu überprüfen, ob sein sechsschüssiger Revolver da war, wo er hingehörte. Breitbeinig stand er da, in einer klassischen Schießposition. Was wäre, wenn sie ihn ein fach über den Haufen ritten? Hatte er vielleicht einen 6
Fehler gemacht? Die Pferde brachen aus dem Schutz der Bäume hervor, und jetzt war es zu spät, seine Entschei dung zu hinterfragen. Beim Anblick des ersten Reiters stockte ihm der Atem. Die Gestalt schien direkt aus der Hölle zu kommen. Sie hielt eine Fackel in der Hand und hatte ein entstelltes, geschwärztes Gesicht und Hörner. Während mehr Gestal ten aus dem Wald drängten, erkannte Joel, dass sie Mas ken aus Jutesäcke trugen. Um etwas sehen zu können, hatten die Männer Löcher in den Stoff geschnitten und diese mit weißer Farbe umrahmt, was ausgesprochen Furcht einflößend wirkte. An den Seiten war etwas befes tigt worden, das an Hörner erinnerte, und Quasten flat terten an ihren spitzen Enden. Johlend und schreiend galoppierten die Reiter auf die Lichtung und damit geradewegs auf ihn zu. Wer waren sie? Wenn sie Böses im Sinn hatten, war er ihnen hoff nungslos unterlegen. Die Männer trugen ihre Mäntel auf links gedreht und hatten Socken über ihre Stiefel gezo gen. Man könnte sie höchstens an ihren Pferden erken nen, doch selbst die waren mit Asche eingerieben wor den. Dutzende von diesen Reitern drängten herbei, einige schwenkten statt der Fackeln Reisigbündel. Sie galoppier ten am Depot vorbei, schenkten ihm aber keinerlei Beach tung, als wäre er genauso unbedeutend wie die Eich hörnchen, die am Fuße der Bäume herumwuselten und Eicheln suchten. Joel war darüber jedoch nicht etwa erleichtert, sondern äußerst aufgebracht. Er war es nicht gewöhnt, ignoriert zu werden. Während die Männer wieder zwischen den Bäumen verschwanden und ihrer gespenstigen Mission folgten, legte er die Hände an den Mund und schrie ihnen hinterher. „Hey! Habt ihr mich nicht gesehen, oder habt ihr Angst, Halt zu machen?“ 7
Wenn er ehrlich war, war er auch zutiefst beleidigt dar über, dass keiner von diesen Männern Anstalten machte innezuhalten. Außer einem. Kurz bevor das Pferd aus seinem Blickfeld entschwand, zog ein Mann die Zügel hart nach links. Steine spritzten auf, als das Tier seinem Befehl gehorchte und zurück zur Lichtung galoppierte. Der Mann war sehr groß und der lose über seinem Kopf hängende Sack konnte sein massi ges Gesicht nicht verbergen. Eines der Hörner hatte sich gelöst und deutete nach unten wie das Horn eines zorni gen Bullen. Sein Pferd senkte den Kopf; es wollte zu den anderen zurück, doch der maskierte Mann lenkte es mit unnachgiebiger Hand geradewegs auf Joel zu. Aufgrund der Verkleidung war von dem Mann nicht viel zu erkennen, abgesehen von seiner Größe und Hal tung. Ein Anführer – kein Zweifel. Furchtlos und arro gant. Jemand, mit dem er früher oder später aneinander geraten würde. Vermutlich eher früher als später. Joel trat an den Rand des Bahnsteigs und blickte auf den Reiter herab. Jeder Nerv war angespannt. Alle seine Sinne geschärft. Der Reiter beugte sich nach vorn, und noch bevor Joel einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte er selbst schon den kalten Griff seines Revolvers in der Hand. Der Mann hatte jedoch nicht nach seiner Waffe gegriffen. Viel mehr warf er Joel ein Reisigbündel vor die Füße. Nachdem ihm ein flüchtiger Blick verraten hatte, dass keine Gefahr davon ausging, richtete Joel seine Augen wieder auf den Reiter. Das Pferd des Mannes begann unruhig zu tänzeln, als der Hufschlag der anderen Reiter im Wald verklang. „Ein Reisigbündel?“, fragte Joel. „Was hat das zu be deuten? Wer sind Sie?“ 8
Der weiße Kreis um den Mund des Maskierten verzog sich. „Ich bin hier das Gesetz.“ Mit diesen Worten wendete er sein Pferd, und schon schossen Reiter und Tier davon, ihren Gefährten hinter her. Sie galoppierten über die Lichtung und verschwan den an der Stelle, an der die Straße in den Wald führte, aus Joels Blickfeld. Joel atmete tief durch und steckte seinen Revolver wie der in sein Holster, und erst jetzt gestattete er sich den Gedanken, was alles hätte passieren können. Man hatte ihn gewarnt, dass die Berge gefährlich waren. Doch er war lieber dieses Risiko eingegangen, als sich dem Schick sal zu fügen, das ihn zu Hause erwartete. Jetzt war er sich allerdings nicht mehr so sicher, ob seine Entscheidung klug gewesen war. Was immer er hier erwartet hatte, vermummte Reiter hatte er ganz bestimmt nicht auf der Rechnung gehabt. Nein. Er war definitiv nicht länger in Texas.
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Kapitel 2
Auch wenn wir der Meinung sind, dass Ihre schriftstellerischen Bemühungen durchaus vielversprechend sind, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass unsere Leser kein Interesse an Berichten über einen Gesetzeshüter aus dem Hinterland haben, der vergeblich versucht, kriminelle Elemente zur Strecke zu bringen. Sollten Sie jedoch einmal über ein Thema schreiben, das von größerem Interesse für unsere Leser ist, können Sie sich gern wieder an uns wenden … Betsy Huckabee faltete den Brief wieder zusammen. Nun hatte sie es schwarz auf weiß: Sie konnte zwar eine Geschichte erzählen, aber in Pine Gap gab es nach Ansicht der Zeitungsleute aus Kansas City nichts, dass es wert war, erzählt zu werden. Aber wieso interessierten denn die Zusammenstöße zwischen der Bürgerwehr und den Banditen die Leser in Kansas City nicht? Die Redakteure behaupteten, ihre Leser hätten keinen Bezug zu den Zwi schenfällen. Obwohl sie im selben Staat lebten, waren die Bergbewohner für die Stadtbevölkerung nur von nachge ordnetem Interesse. Wenn sie eine erfolgreiche Reporterin werden wollte, musste sie also einen anderen Aufhänger finden. Nachdem sie den Brief zum hundertsten Mal in ihrer Rocktasche verstaut hatte, nahm Betsy den Holzlöffel zur Hand, rührte in ihrem Topf und löste, was sich in der Zwischenzeit auf dem Boden festgesetzt hatte. Im Topf 10
schmorten mehr Zwiebeln als Eichhörnchenfleisch. Auch wenn die Zwiebeln die Hütte mit einem angenehmen Duft erfüllten, würden sie sie nicht wirklich satt machen, und ihr Magen würde die ganze Nacht knurren. In der Räucherkammer hingen zwar die Schinken sowie die Schulter- und Mittelstücke des kürzlich geschlachteten Schweins, aber die mussten die Familie über den ganzen Frühling bringen, und offensichtlich machte sich Sissy bereits Sorgen, dass es nicht reichen könnte. Betsy nahm ein Holzscheit, warf es in den Ofen und rührte weiter. Wie wäre es, wenn sie eine sentimentale Geschichte für die Damenseite schreiben würde – eine fiktive Geschichte, die ihren Namen in die Zeitung und etwas Geld in ihre Börse bringen würde? Vielleicht sollte sie es einmal damit probieren. Sie musste sich etwas einfallen lassen, denn sie wollte endlich auf eigenen Beinen stehen. Die gegen wärtige Situation war ihrem Wohlbefinden nicht gerade dienlich. Draußen ertönte ein schriller Pfiff. War das der Zug? Betsy blickte auf die Uhr, die auf dem Kaminsims stand. Es war acht. Erneut ertönte ein Pfiff. Vermutlich wollte der Lokführer der Stadt verkünden, dass eine arme Seele verlassen am Bahnhof stand. Entschlossen stellte sie den Topf auf den Tisch und trocknete ihre Hände an dem karierten Geschirrtuch ab. Natürlich hatte sie Hunger, aber wie konnte sie in dem Eintopf rühren, wenn da drau ßen ein Geheimnis darauf wartete, ergründet zu werden? „Onkel Fred? Hast du den Zug gehört?“ Als sie die Tür zum Zeitungsbüro aufstieß, stand er über die Drucker presse gebeugt und machte sich am Setzkasten zu schaf fen. Er strich sich über die Stirn. Sein verschmutzter Ärmel schützer hinterließ einen Streifen Druckerschwärze auf seinem Gesicht. „Der Zug? Er hat Verspätung, so viel ist sicher.“ 11
Die Außentür flog auf und Betsys fünfzehnjähriger Vet ter Scott platzte herein. „Das war der Zug, Pa.“ Er eilte auf Onkel Fred zu und hätte dabei beinahe den Setzkas ten auf den Boden geworfen. „Ob der neue Deputy wohl im Zug war?“ Seinem Vater gelang es gerade noch, den Setzkasten festzuhalten. „Geh zu Sissy und sag ihr, dass wir jetzt zum Abendessen rüberkommen. Du wirst nicht rüberlau fen und nachschauen, ob jemand im Zug war.“ Betsy wartete, bis ihr Vetter mit schmollend vorgescho bener Lippe in die Hütte getrottet war. Sobald sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wandte sie sich zu ihrem Onkel um. „Und was ist mit mir? Kann ich nachsehen, ob ein Fremder am Bahnhof steht?“ Onkel Fred legte den Befestigungsstein in die Rille, um den Text zu sichern, bevor er einen Schritt zurücktrat. „Ich bin schrecklich neugierig auf diesen neuen Deputy aus Texas.“ Er strahlte sie an und deutete dann mit seiner mit Druckerschwärze übersäten Hand zur Küche. Die Familie saß bereits am Tisch. Sissy – oder Tante Sissy, wie sie jetzt genannt werden wollte – hatte Baby Eloise gefüttert und teilte gerade den Zwiebeleintopf mit Eichhörnchenfleisch aus. Scott hielt seine zweite Halbschwester Amelia auf den Knien und spielte mit ihr „Hoppe, hoppe, Reiter“, was ihr Freudenjauchzer ent lockte. Nachdem er nun fast erwachsen war und seine Stiefmutter sich um ihn kümmerte, brauchte Scott seine ältere Base Betsy nicht mehr. Obwohl sie sich im Zeitungs büro nützlich machte, war ihre Anwesenheit mittlerweile eine Belastung für die stetig wachsende Familie – obwohl niemand dies jemals sagen würde. Betsy nahm Sissy einen Teller ab und begann zu essen. „Setz dich doch an den Tisch und iss wenigstens ein Mal mit uns, Betsy.“ Sissy war nicht viel älter als Betsy, aber sie versuchte, durch Strenge älter zu wirken, als 12
sie war. „Du bist den ganzen Tag auf den Beinen gewe sen.“ Betsy ignorierte die Aufforderung, sich zu setzen, und schaufelte sich noch einige Bissen in den Mund. Mittler weile war es dunkel geworden, und das war die Zeit, zu der es in den Bergen interessant wurde. Hier am Tisch mit Onkel Fred und Tante Sissy gab es nichts Aufregendes zu erleben. Sie war zu Größerem bestimmt. In aller Eile stellte Betsy ihren Teller ins Spülbecken und drückte im Vorbeigehen Amelia einen Kuss auf die Wange. Sie verstand nicht genau, was Sissy ihr nachrief, aber sie winkte ab, bevor sie das Büro betrat, und erwi derte: „Ja, ich werde vorsichtig sein!“ Beim Hinausgehen schnappte sie sich den Mantel ihrer Base vom Haken und streifte ihn über ihr Baumwollkleid. Der Himmel war an diesem Abend wolkenlos; auch ohne Laterne würde sie sich recht gut orientieren können. Ihr Schreibtisch wackelte, als sie die Schublade aufzog. Vor sichtig nahm sie den Brief aus ihrer Tasche, legte ihn zu den anderen Absagen, die sie mittlerweile bekommen hatte, und schob die Schublade wieder zu. Dann löschte sie die Lampe und borgte sich noch einen Hut ihres Onkels aus, bevor sie ins Freie trat. Als sie vor dem Haus stehen blieb, vernahm sie Sissys Worte durch das geöffnete Fenster. „Ich weiß ja, dass sie immer ohne Begleitung unterwegs ist, aber es schickt sich nicht. Sie ist schließlich eine junge Dame –“ Betsy schnaubte. Das stimmte nicht. Eine junge Dame war sie sicher nicht mehr. Sie hatte mittlerweile die schwierige Zeit erfolgreich hinter sich gebracht, in der jeder – von der Frau des Postmeisters bis hin zum Auk tionator – versucht hatte, sie zu verkuppeln. Irgendwann hatten sie schließlich aufgegeben, und jetzt durfte Betsy das Leben führen, das sie wollte. Frei von jedem Zwang, ihre Entscheidungen vor jedem Hinz und Kunz rechtfer 13
tigen zu müssen, der meinte, etwas zu diesem Thema zu sagen zu haben. Sie hatte jeden Mann zurückgewiesen, der Interesse an ihr gezeigt hatte, und da es hier sonst keinen geeigneten Kandidaten mehr gab, konnte sie ganz beruhigt ihr Leben leben. Als sie donnernden Hufschlag vernahm, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie ritten an diesem Abend. Wo sie wohl hinwollten? Hatten sie Miles Bullard gefunden? Wie sehr wünschte sie, sie könnte sich ihnen anschließen und alles aus erster Hand miterleben. Betsy rannte zum Marktplatz, wo der Trupp vorbeirei ten würde. In Gedanken zählte sie die Männer auf, von denen sie bereits wusste, dass sie zur Gruppe gehörten, und die, von denen sie es nur vermutete. Postmeister Finley klappte gerade die Fensterläden seiner Wohnung zu, die über dem Postamt lag. Sie hatte auch nicht erwar tet, dass dieser zwielichtige Mensch dazugehörte, zumal einige seiner Angehörigen oft auf der falschen Seite des Gesetzes standen. Und Doc Hopkins? Er war eben in der Stadt gewesen. Hätte er Zeit gehabt, seine Verkleidung anzulegen? Da kamen sie schon angaloppiert, johlend und grö lend, und einige schwenkten ihre Reisigbündel über den Köpfen. Sie sahen wirklich furchterregend aus, aber Betsy hatte keine Angst vor ihnen. Es waren Männer aus dem Ort, die meisten von ihnen ziemlich anständige Mitmen schen, und sie hatten das Gesetz befolgt, bis das Gesetz sie im Stich gelassen hatte. Auch wenn sie Sheriff Taney mochte, er hatte sie enttäuscht. Wenn er die Situation nicht in den Griff bekam, dann konnten die Leute doch froh sein, dass jemand bereit war, ihm beizuspringen. Betsy beobachtete, wie die Reiter vorbeigaloppierten, und versuchte, sich die verschiedenen Masken und Ver kleidungen einzuprägen. Clive Fowler war unschwer zu erkennen. Ein Jutesack konnte seine Körperfülle nicht ver 14
bergen. Aber wer sich hinter den übrigen Gestalten ver barg, konnte sie nicht mit Sicherheit ausmachen. Johlend galoppierten die Männer durch die Stadt, und obwohl alle Verkleidungen trugen, wirkte einer von ihnen weni ger fröhlich. Er saß auf einem prächtigen Pferd, das ganz augenscheinlich aus der Calhoun-Zucht stammte. Aber es war nicht Jeremiah … „Hallo, Mr Pritchard“, rief sie. Es war ein Schuss ins Blaue, aber er traf sein Ziel. Der Maskierte wandte sich um. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie natürlich nicht erkennen, aber die langen Haare, die unter seiner Kapuze hervorlugten, erkannte sie sofort. Ja, und damit hatte sie einen weiteren „Bald Knobber“ identifiziert. Er hob seine Reisigzweige und schwenkte sie in ihre Richtung. Es war eine Warnung, aber Betsy lächelte nur. Sie wollte ihm nicht schaden, das wusste Pritchard. Einem Geheimnis konnte sie aber nun mal nicht widerstehen. Sie musste es unter allen Umständen lösen. Blätter wirbelten auf, als die Reiter den Platz überquer ten und in Richtung Fluss ritten. Betsy vergrub die Hände in den Taschen und mar schierte den Berg hinauf zum Bahnhof. Selbst sie war nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gern außerhalb der Stadt unterwegs, zumindest nicht auf der offiziellen Straße. Es bestand immer die Gefahr, dass man Zeuge einer Auseinandersetzung wurde, wenn man in einem ungünstigen Augenblick um die Ecke kam. Oder man begegnete jemandem, der nach einer durchzechten Nacht volltrunken nach Hause torkelte. Aber schlimmer noch, man traf vielleicht auf einen Menschen, der Böses im Sinn hatte. Obwohl Betsy selbst keine Feinde hatte, boten die dicht bewaldeten Berge Verbrechern hervorragende Ver stecke, sowohl für sich selbst als auch für ihre Beute. Und es gab hier auch ausreichend Nahrung … oder sie lebten 15
von dem, was sie den Stadtbewohnern stahlen. Solchen Gestalten ging man besser aus dem Weg. Selbst der She riff fand es sicherer, die Nacht im Gefängnis oder in seiner Hütte zu verbringen. Betsy jedoch nicht. Sobald sie die Stadt, die ihr einen gewissen Schutz bot, verlassen hatte, würde sie sich ins Dickicht schlagen. Außerdem waren die „Bald Knobbers“ in dieser Nacht unterwegs. Sie hatten schon viel getan, um die kriminellen Machenschaften in der Gegend einzu dämmen. Auch wenn ihre Methoden fragwürdig waren, hatten sich die Zustände in Pine Gap doch sehr verbessert. Betsy hatte die Kreuzung am Bergkamm erreicht. Wenn sie geradeaus weiterging, käme sie zum Depot. Links führte die Straße zum Auktionshaus. Doch sie verwarf beide Möglichkeiten, verließ die Straße und folgte einem kleinen Pfad. Tante Sissy hielt es für gefährlich, doch sobald Betsy im Dickicht verschwunden war, wäre sie sicher. Aber sie hatte das Dickicht noch nicht erreicht, als ein Fremder auf sie zukam. Der Mann trug einen zerknitterten Anzug, billige Schuhe, die nicht für einen Fußmarsch geeignet waren, und einen Hut, der so groß war, dass man ein Schwein darin baden konnte. Seine Nase stach aus seinem Gesicht hervor, doch sein Kinn war sehr schmal. Ungelenk kam er den Berg herunter, als würden ihm seine Knie bei jedem Schritt den Dienst versagen. Beim Näherkommen musterte er sie abschätzend. Betsy wartete ruhig. Falls dies der neue Deputy aus Texas war, wollte sie ihren Mitbürgern keine Schande machen, indem sie ihn unhöflich anstarrte. Zurückhaltend, wie sie es von ihrer Freundin Abi gail Calhoun gelernt hatte, schob sie ihr Kinn vor und bemühte sich darum, gelassen zu wirken. „Guten Abend, Sir.“ 16
Er gönnte ihr keinen zweiten Blick. „Ich hoffe doch, dass das der richtige Weg zu Mrs Sanders’ Haus ist.“ So ein unhöflicher Zeitgenosse! Allerdings war er ver mutlich der neue Deputy. Wenn sie sich seine Sympathie sichern könnte, würde das ihrer Karriere bestimmt nicht schaden. „Die Witwe Sanders wohnt gleich dort hinten an der Ecke. Werden Sie dort wohnen?“ Der Mann ignorierte sie und setzte seinen Weg fort zu der kleinen Hütte, auf die sie gedeutet hatte. Kein Garten in der Stadt war so schön wie der der Witwe Sanders. Es gab keinen Winkel, in dem nicht die unterschiedlichsten Blumen gediehen. Aber der Deputy durchpflügte ihn, als ginge er durch ein Nesselfeld. Betsy zögerte. Die Witwe Sanders wusste doch bestimmt, dass er kam. Sie bot Pensionsgästen oft eine Unterkunft. Betsy nahm also an, dass sie auf sein Kom men vorbereitet war. Und doch erschien es ihr nicht ange messen, dass eine Frau allein einem Fremden gegenüber trat. Betsy musste sich eine Ausrede einfallen lassen, um an dem Gespräch teilzunehmen. Der Deputy hatte die vordere Veranda erreicht, doch er klopfte nicht an die Haustür, wie es sich gehörte, sondern trat sofort ein. Betsy schnappte empört nach Luft. Was dachte er sich nur dabei? Es war schon später Abend und er betrat ohne anzuklopfen das Haus einer unverheirateten Frau? War dies in Texas so üblich? Sie wich ein paar Schritte zurück und verbarg sich hinter einer Zeder. Vielleicht sollte sie einfach eine Weile hier sitzen bleiben und warten. Wenn alles in Ordnung war, konnte sie immer noch – In diesem Augenblick drang ein markerschütternder Schrei aus dem Haus. Betsy erstarrte. Sie musste Hilfe holen. Sie musste – Betsy rannte los, doch bevor sie das Grundstück der Witwe erreicht hatte, prallte sie gegen einen anderen 17
Mann. Sie verlor das Gleichgewicht, doch er hielt sie am Arm fest, bevor sie der Länge nach hinschlug. „Was ist das nur für ein Ort, wo Männer ihre Kleidung links herum tragen und Frauen aus den Bäumen fallen“, sagte er. Das Erste, was ihr auffiel, war seine etwas schleppende Sprechweise. Das Zweite, wie spitz seine Stiefel waren. War er etwa ein Cowboy? Bevor sie sich eine Meinung bilden konnte, zog er sie auf die Beine und nahm ihr den Hut ab. „Zumindest denke ich, dass Sie eine Frau sind. Sie könnten natürlich auch einer von diesen verkleideten Aufwieglern sein.“ Endlich konnte sie einen Blick auf sein Gesicht erha schen und zum ersten Mal in ihrem Leben verschlug es Betsy die Sprache. Er sah unglaublich gut aus. Nicht süß, nicht anbetungswürdig, sondern unglaublich attraktiv, und in seinem Blick lag so viel Kraft, dass ein ihr unbe kanntes Kribbeln über ihren Rücken lief. Er sagte etwas. Deutete auf das Haus der Witwe San ders. Sie beobachtete, wie seine Lippen sich bewegten. Ein ordentlich getrimmter Bart bedeckte seine Wangen und sein Kinn, und diese Augen – welche Farbe hatten sie? Er rüttelte sie sanft. „Bei allen –“ Er ließ ihren Arm los, drückte ihr den Hut wieder auf den Kopf und rannte zum Haus. Jetzt konnte sie auch den Rest seines Körpers begut achten. Er war um einiges größer als sie und gut gebaut, trug Reisekleidung, ein rotes Kavalleriehemd unter seiner Lederweste und seiner Jacke. Wo war er hergekommen? Dass er mitten aus dem Nichts einfach so hier auftauchte – Erneut ertönte ein Schrei. Betsy blinzelte. Wie gut, dass dieser Fremde die Witwe Sanders nicht vergessen hatte, denn in Betsys Kopf hatte sich eine große Leere ausge breitet. Schnell riss sie sich zusammen und folgte ihm. 18
„Witwe Sanders!“, rief Betsy durch die offene Tür. „Witwe Sanders!“ Der Cowboy blieb an der Tür stehen und drehte sich zu ihr um. „Kennen Sie den Mann, der gerade hier hineinge gangen ist?“ „Das ist der neue Deputy“, erwiderte Betsy. Er runzelte die Stirn, was sein gutes Aussehen noch hervorhob. „Hier stimmt doch irgendetwas nicht.“ „Betsy? Bist du das?“ Die Witwe Sanders erschien in der Tür. In der zitternden Hand hielt sie eine Kerze. Sie war leichenblass. Der Deputy trat hinter sie. Er hatte Betsy zuvor ignoriert, doch jetzt grinste er, als wäre sie seine beste Freundin. „Betsy? Doch nicht etwa Betsy Huckabee, oder? Du warst noch ein Baby, als ich weggegangen bin.“ „Wer sind Sie?!“, fragte sie. „Ich bin Mr Sanders und endlich wieder zu Hause.“ Betsys Blick wanderte zur Witwe Sanders, die norma lerweise ein Fels in der Brandung war. Doch an diesem Abend stand sie in sich zusammengesunken an der Tür. „Mr Sanders? Ich dachte, Sie wären tot.“ Die Augen der Witwe Sanders weiteten sich. „Das habe ich nie behauptet. Ich habe nie gesagt, er sei gestorben. Er war nur einfach fort … für sehr lange Zeit.“ Betsy hätte gern nachgehakt, doch die Furcht in den Augen der Frau ließ sie innehalten. „Sie waren aber nicht im Zug“, merkte der Cowboy an. „Wie sind Sie hierhergekommen?“ Immer noch verwirrt von der Erkenntnis, dass Sanders gar nicht tot und jetzt zurückgekommen war, stellte sich Betsy die Frage, wer dann wohl dieser gut aussehende Mann war. Wo kam er her? „Ich bin aus dem Indianer-Territorium hergelaufen“, erwiderte Sanders. „Aber wenn Sie uns jetzt bitte ent schuldigen würden, es ist schon spät, und meine Frau und 19
ich haben uns viel zu erzählen.“ Er trat vor und zwang sie dadurch, einen Schritt zurückzuweichen. Die Kiefermuskeln des Cowboys spannten sich. Sein Blick suchte den der Witwe Sanders. Betsy erschauderte angesichts dieser geballten Kraft. „Nur wenn es Ihnen gut geht, Mrs Sanders. Ich kann auch bleiben, wenn Ihnen das lieber ist.“ Betsy starrte ihn verblüfft an. Dieser Mann war gerade erst aus den Sträuchern getreten und tat so, als sei es seine Aufgabe, die Witwe oder vielmehr Mrs Sanders zu beschützen. Er hatte wirklich Nerven. Die ehemalige Witwe Mrs Sanders musterte ihren Mann mit wachsamem Blick und nickte schließlich. „Ich komme schon klar.“ Die Worte waren kaum über ihre Lippen, als die Tür auch schon ins Schloss fiel und Betsy und der Fremde im Dunkeln zurückblieben. Die beiden starrten die geschlossene Tür an. Betsy überlegte, was sie Onkel Fred erzählen würde. Stell dir vor, die Witwe Sanders hat doch einen Ehemann! Aber vielleicht wusste Onkel Fred das bereits. Gehörte dies zu den Dingen, über die Erwachsene nicht vor Kindern sprachen und die sie dann vergaßen, ihnen zu erzählen, sobald sie erwachsen waren? „Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen, dass er der Deputy ist?“, erkundigte sich der Cowboy, der sich von den äußerst wichtigen Gedankengängen in Betsys Kopf offenbar nicht beeindrucken ließ. Sie musterte ihn erneut. Erst jetzt bemerkte sie die Revolver an seinem Waffengürtel. Ein Blick auf seinen Cowboyhut und seine hochwertigen Stiefel, und eine Idee schlüpfte aus ihrem Unterbewusstsein nach oben … ein Deputy aus Texas. Ein gut aussehender junger Deputy aus Texas. Da war sie, die Inspiration für ihre Geschichte. 20