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Liebe in der Warteschleife Roman Aus dem Englischen von Silvia Lutz
Verlagsgruppe Random House FSC® N001967 Das für dieses Buch verwendete FSC®-zertifizierte Papier Enso Classic 95 liefert Stora Enso, Finnland.
Das amerikanische Original erschien im Verlag Bethany House Publishers unter dem Titel „Love on the Line“. © 2011 by Pressing Matters Publishing Co., Inc. © 2014 der deutschen Ausgabe by Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 1. Auflage 2014 Bestell-Nr. 816709 ISBN 978-3-86591-709-6 Umschlaggestaltung: Michael Wenserit, Jennifer Parker Umschlagfoto: Kevin White Photography, Minneapolis Bearbeitung: Nicole Schol Satz: DTP Verlagsservice Apel, Wietze Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Kapitel 1
A
lle verlassen sofort den Zug!“ Während sie sich vorsichtig an dem Mann vorbeizudrängen versuchte, der eine Waffe auf die Zugfahrgäste gerichtet hielt, wurde Georgie Gail von aufgeregten Fahrgästen geschubst und angerempelt. Sie verdrehte sich fast den Hals, als sie versuchte, mehr zu erkennen, aber auf dem Mittelgang des Zuges herrschte ein zu dichtes Gedränge. Niemand sprach ein Wort, selbst die Kinder spürten, dass sie still sein mussten. Angesichts der vielen Menschen, die sich so eng nebeneinander drängten, bildete sich eine dünne Schweißschicht unter ihrem Reisekleid aus brauner Wolle. Der leichte Zimtgeruch ihres selbst gemischten Eau de Cologne vermischte sich mit den süßen Parfüms und dem Duft der Pomade ihrer Mitreisenden. Neben dem Zug standen zwei Mitglieder der Comer-Bande und bewachten den Ausgang. Die Februarsonne ging gerade hinter den Bäumen unter und überzog den Himmel mit rosa und roten Schattierungen. „Vorsicht beim Aussteigen, Miss!“ Der Hutrand eines Stetsons tauchte die Augen des Banditen in Schatten, während ein Halstuch die untere Hälfte seines Gesichts bedeckte. Er hielt in einer Hand eine Waffe und hob die andere, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Mit einem schweren Schlucken schob sie ihre Hand, die in einem dünnen Handschuh steckte, in die seine. Er stützte sie, als sie aus dem Zugwaggon auf die Erde sprang. 5
„Danke.“ Die Antwort kam unwillkürlich über ihre Lippen. „Gern geschehen, Ma’am. Und jetzt Hände hoch!“ Sie warf einen Blick auf ihn und hob die Hände, aber er hatte sich bereits abgewandt, um der nächsten Frau zu helfen. Ist das Frank Comer?, überlegte sie. Er war eindeutig höflich genug, um es sein zu können, aber sie hatte ihn sich größer vorgestellt. Breitschultriger. Überlebensgroß. Die Abendluft kühlte ihre Haut ab, obwohl die Wärme des Frühlingsanfangs die Kälte etwas abmilderte. Das Klirren von Pferdegeschirr lenkte ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Pferde, die ein paar Meter entfernt standen. Ein Palomino in der Farbe einer frisch geprägten Goldmünze schnaubte und schlug mit seinem hellen Schweif nach Fliegen. Sie warf einen kurzen Blick zum vorderen Teil des Zuges, konnte aber weder Schaffner noch Lokführer entdecken. Eine Mischung aus Rauch und Dampf wehte aus dem Schornstein. Ein Mitglied der Bande trat vor und betrachtete sie genau, bevor er sie zur Seite führte, wo drei Banditen mehr als fünfzig Fahrgäste mit ihren Gewehren in Schach hielten. Ein kleines Mädchen mit braunen Zöpfen stieß stolpernd von hinten gegen sie. „Vorsicht“, flüsterte Georgie, die sich bückte, um sie festzuhalten. „Wo ist denn deine Mutter?“ „Ich kann sie nicht finden.“ Die Unterlippe des Mädchens zitterte. „Ich habe meinen Hut verloren. Wenn Mama das merkt, bekomme ich Prügel.“ Georgie hockte sich vor das Mädchen und strich diesem eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nein, bestimmt nicht. Deine Mama versteht das und wird nicht schimpfen.“ Tränen traten in die Augen der Kleinen. „Sie hat gesagt, wenn ich wieder einen Hut verliere, gibt es Ärger. Und das heißt eine Tracht Prügel.“ 6
„Wie heißt du?“ „Rosella Platt.“ „Rosella, mein Name ist Miss Gail und ich bin Telefonistin.“ Die Augen des Mädchens wurden ganz groß. „Wirklich?“ „Ja. Und wenn das hier vorbei ist, helfe ich dir, deine Mutter zu finden. Ich werde sogar –“ „Gibt es ein Problem, Miss?“ Georgie schaute hoch, dann richtete sie sich langsam wieder auf und hob die Hände. Der maskierte, kräftig gebaute Mann trug eine schmutzige Weste. Sein breiter Revolvergürtel lag um den Bund seiner eng sitzenden Hose. „Rosella hat ihren Hut verloren“, sagte sie. „Wirklich?“ Nun wandte er sich dem Mädchen zu. „Ich glaube, im Waggon lag ein Hut. Ist es ein Strohhut mit einer hübschen braunen Schleife?“ „Ja, Sir“, flüsterte Rosella. „So sieht er aus.“ „Dann ist es wahrscheinlich dein Hut. Mach dir also keine Sorgen.“ Er war einen ganzen Kopf größer als Georgie und richtete seine Aufmerksamkeit jetzt auf sie. „Darf ich einen Blick in Ihre Handtasche werfen, Miss?“ Blau. Seine Augen waren eindeutig blau und von dichten Brauen überzogen. Sie nahm die Hände herab und schob das Retikül an ihr Handgelenk. „Sie ist Telefonistin“, verriet Rosella dem Banditen mit ehrfürchtiger Stimme. Der Mann schaute Georgie wieder an. „Wirklich? Sie arbeiten in einer Telefonvermittlung?“ „Ja.“ „Wo?“ „In Washington County.“ Er beugte sich nach hinten und neigte den Kopf zur Seite, um sie unter der breiten Krempe ihres Hutes besser sehen zu 7
können. „Ich glaube, ich habe noch nie eine echte Telefonistin gesehen.“ „Mir geht es ähnlich, Sir.“ Sie schob die Finger in die Öffnung ihres Handtäschchens und öffnete die Bänder. „Ich habe noch nie einen echten Banditen gesehen.“ Kleine Fältchen waren nun an seinen Augenwinkeln zu sehen. Dann warf er einen Blick in das Täschchen und hielt es ihr wieder hin. „Danke, Miss.“ „Aber … wollen Sie das Geld nicht?“ „Sie leben allein?“ „Ja.“ „Sie haben dieses Geld als Telefonistin verdient?“ „Ja.“ „Dann behalten Sie es.“ Ihre Schultern entspannten sich. „Danke.“ „Bitte.“ Er ging an der Reihe entlang, aber statt Handtaschen an sich zu nehmen oder Taschenuhren von den Ketten zu reißen, beruhigte er eine ältere Frau. Er ließ ihr ihre Handtasche und forderte sie auf, die Arme nach unten zu nehmen. „Ihre Arme sind inzwischen bestimmt schon ganz schwer.“ Ein paar Schritte weiter gab er einem dünnen, blassen Jungen ein paar Münzen, die er aus dem Waggon gestohlen hatte, in dem die Eisenbahngesellschaft Wertgegenstände transportierte. „Ist das Frank Comer?“, flüsterte Rosella. „Der echte Frank Comer?“ „Ich glaube schon“, antwortete Georgie aufgeregt. „Er mag Sie.“ Georgie bedeutete dem Mädchen mit einer Handbewegung zu schweigen. Sie versuchte, die Hitze aus ihren Wangen zu vertreiben, während sie einen weiteren Blick auf den berüchtigten Verbrecher warf. Comer klopfte einem Mann auf die Schulter und sagte etwas, woraufhin beide lachen mussten. Dann erregte eine 8
ewegung seine Aufmerksamkeit und er schaute rasch nach B links. „Wir müssen los, Männer!“ Die Bandenmitglieder rannten zu ihren Pferden. Die Taschen mit der Beute schlugen bei jedem Schritt an ihre Seiten. Einige sprangen auf ihre Pferde, ein paar hatten Mühe, ihre aufgeschreckten Pferde zu zügeln. In diesem Augenblick stürmte auf der anderen Seite des Zuges ein Mann auf einem Pferd durch ein lichtes Wäldchen. „Alle auf den Boden legen!“ Der Befehl donnerte über die Köpfe der Fahrgäste hinweg und duldete keinen Widerspruch. Wie Dominosteine sanken die Leute auf die Erde. Rosella bewegte unruhig die Beine und versuchte, so dicht wie möglich an Georgie heranzukriechen. „Still.“ Georgie strich beruhigend ihre Schulter. „Bleib ruhig liegen!“ Kugeln flogen über ihre Köpfe hinweg. Bei jedem lauten Knall zuckte Georgie zusammen. Die Versuchung, sich die Ohren zuzuhalten, war groß, aber sie wagte es nicht. Eine Frau in ihrer Nähe schrie und löste damit eine Kettenreaktion aus. Georgie kam es so vor, als stünde sie in einem Glockenturm, in dem alle Glocken gleichzeitig läuteten. Trotzdem fragte sie sich, ob einige Schreie vielleicht von verwundeten Mitgliedern der Verbrecherbande stammten. Hoffentlich nicht. Bitte, Herr, hilf Frank Comer und seinen Männern, sich in Sicherheit zu bringen. Wie die übrige Bevölkerung von Texas verfolgte auch sie die Geschichten von Comers Überfällen und seiner Mildtätigkeit gegenüber Alten, Schwachen und Armen ganz genau. Der Mann neben ihr bewegte sich. Staub stieg ihr in die Nase und in den Mund und klebte an ihren Zähnen. Sie hob den Kopf nur ein kleines bisschen und wischte sich mit dem Handschuh über die Lippen. Eine Kugel durchschnitt gefährlich dicht über ihr die Luft. 9
Sie drückte sich wieder flach nach unten und versuchte zu ignorieren, dass sich eine Hutnadel in ihre Kopfhaut bohrte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Poltern der Pferdehufe, das sie unter sich spürte, und staunte darüber, dass die Erde als Reaktion auf die flüchtenden Männer und Tiere erzitterte. Rosella begann zu wimmern. Georgie rollte sich zusammen, zog das Kind näher an sich heran und murmelte ein paar tröstende Worte. „Hab keine Angst, mein Kind, es ist gleich vorbei.“ Genauso schnell wie sie begonnen hatte, endete die Auseinandersetzung zwischen den Banditen und dem herbeistürmenden Gesetzesvertreter. Das Zittern der Erde, die Schüsse, die Rufe … alles verstummte plötzlich. Georgie blieb wie erstarrt auf der Erde liegen. Das rhythmische Zischen des Dampfes drang aus den Zylindern der Lokomotive. Der Geruch nach Kohle und Öl vermischte sich mit dem Geruch von Schießpulver. Es dauerte nicht lange, dann begann ihr Kopf an der Stelle zu pochen, an der die Haarnadel sie piekte. Ein Stein unter ihren Röcken bohrte sich in ihre Hüfte. Eine Stelle an ihrem linken Fuß juckte in ihrem Stiefel. Und der Staub kitzelte immer noch in ihrer Nase. „Können wir aufstehen?“, flüsterte Rosella. Die Männer erhoben sich bereits und halfen den Frauen und Kindern auf die Beine. „Rosella!“, schrie eine Frau. „Mama!“ Das Mädchen rappelte sich schnell auf die Beine. „Ich habe meinen Hut nicht verloren. Er ist noch im Zug.“ Die Antwort der Mutter verstand Georgie nicht, aber sie sah, wie die Frau ihre Tochter umarmte und die beiden sich dann aufgeregt miteinander sprechend fortbewegten. „Es ist vorbei, Miss. Sie können jetzt aufstehen.“ Die große, fleischige Hand eines Mitreisenden tauchte in Georgies Blickfeld auf. 10
Sie versuchte, sich daran festzuhalten, aber ihre Röcke hatten sich hoffnungslos um ihre Beine gewickelt, und sie konnte nicht aufstehen. „Entschuldigen Sie, Miss.“ Er packte sie an der Taille, schwang sie hoch und stellte sie auf die Beine. Sie schluckte einen überraschten Aufschrei hinunter. „Danke, Sir.“ Auch mit Hut war ihr untersetztes Gegenüber ungefähr fünf Zentimeter kleiner als sie. „Es besteht kein Grund zur Angst. Offenbar hat ein Texas Ranger von Comers Plänen Wind bekommen und ist zu unserer Rettung geeilt.“ Sie schüttelte ihre Röcke aus und warf einen Blick zur Lokomotive. Dort stand der Zugführer mit einem Mann, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte, da die Sonne inzwischen untergegangen und die Dämmerung aufgezogen war. Aber sie konnte seine Silhouette sehen. Groß. Breitschultrig. Muskulös. Und von sich eingenommen. „Wo sind die anderen?“ Die Stimme des Zugführers zitterte vor Wut. „Sie haben den Safe leergeräumt und dann die Reisenden aus den Personenwaggons geführt. Jetzt ist Comer längst über alle Berge. Ihr solltet in der ganzen Gegend auf Patrouille sein.“ „Das sind wir auch. Wir sind hier schon seit Wochen in der Gegend und haben uns entlang dieser Strecke aufgeteilt.“ „Aufgeteilt?“, rief der Zugführer entrüstet und wedelte mit den Armen. „Sie meinen, dass Sie allein sind? Ihr seid nicht in großen Gruppen zusammen? Das ist ja nicht zu glauben.“ „Natürlich nicht.“ „Sind Sie verrückt? Das war die Comer-Bande! Die hätten uns alle umbringen können!“ Georgie runzelte die Stirn. Comer war doch kein Mörder. Er war ein … ein freundlicher Dieb, der, laut den Zeitungen, mehr Menschen half als schadete. 11
Die Brust des Rangers blähte sich auf, als dieser tief einatmete. „Hören Sie zu, alter Mann. Ein Ranger reicht. Es wurde ja auch nur ein Zug ausgeraubt, oder?“ Georgie zog eine Braue in die Höhe. Vielleicht genügte ein einziger Ranger, um die Comer-Bande in die Flucht zu schlagen, aber es wären viel mehr nötig, um die Bande zu verhaften. Mit einer gewissen Genugtuung wanderte ihr Blick zum Wald. Sie erstarrte. Sechs Bandenmitglieder lagen gefesselt auf der Erde. Ihr stockte der Atem. Ein einziger Ranger hatte das alles gemacht? Ihr Blick glitt über die Männer mit den Tüchern vor den Gesichtern, aber im immer schwächer werdenden Licht konnte sie sie kaum erkennen. Comer war jedoch nicht darunter, wie sie aus den Worten des Zugführers schloss. „Vielleicht ist ein einziger Ranger ja genug“, er beugte sich vor, „solange nicht Sie dieser Ranger sind. Comer entwischt Ihnen doch immer wieder. So wie ich es sehe, ist die Chance, dass Sie Comer fassen, genauso groß wie die, dass ein Hase einen Kojoten fängt.“ Der Ranger ballte die Fäuste und spannte sich sichtlich an. Dann drehte er sich um und schritt auf die Fahrgäste zu. „Das muss Lucious Landrum sein“, flüsterte der untersetzte Mann vor Georgie seiner Frau zu. „Er ist seit fast einem Jahr hinter Comer her. Schau dir nur an, wie er angezogen ist! Ganz teure Sachen.“ Georgie betrachtete den Ranger, konnte aber angesichts der schlechten Lichtverhältnisse nicht erkennen, was er anhatte, geschweige denn, welche Qualität seine Kleidung hatte. Sie konnte nur einen Cowboyhut, eine Weste und einen Revolvergurt mit zwei Holstern sehen. „Lu-ci-ous“, wiederholte seine Frau und zog die Silben in die Länge. „Was für ein seltsamer Name. Und schau dir nur seinen Bart an. Ich dachte, er trägt einen ordentlich gestutzten Schnurrbart.“ 12
„Normalerweise schon. Aber du hast ihn ja gehört: Er ist seit Wochen unterwegs.“ Der Ranger blieb ein Stück von ihnen entfernt stehen und befragte zwei Männer, die vorne in der Reihe standen. Eine Frau in schwarzer Trauerkleidung begann, leise zu schluchzen. „Wir werden es bald wissen.“ Der untersetzte Mann senkte die Stimme noch weiter. „Wenn seine Revolver Elfenbeingriffe haben und in die rechte Pistole ein Junge und in die linke, die dicht bei seinem Herzen steckt, ein Mädchen eingeschnitzt sind, ist es Landrum.“ Der Schaffner tauchte mit einer Laterne aus dem Zug auf und brachte sie zu dem Ranger hinüber, der jetzt nur noch ein paar Meter von Georgie entfernt war. Sie konnte nun einen eleganten weißen Stetson erkennen. Einen buschigen Bart. Ein olivfarbenes Hemd. Eine schwarze Krawatte. Und einen Revolvergurt, der um seine Hüften geschlungen war. Eine massive Schnalle aus Gold und Silber hielt den Gürtel zusammen. Sie strengte ihre Augen an, konnte die Pistolengriffe aber nicht erkennen. „Und Sie haben nichts gesehen?“, fragte Landrum den kleinen Mann und seine Frau. „Nichts gehört? Überhaupt nichts?“ „Sie haben immer wieder gesagt: ‚Hände hoch!‘“, erwiderte die Frau. Landrum rieb sich die Augen. Da sein Hut einen Schatten warf und er einen Vollbart trug, war sein Gesicht genauso wenig zu erkennen wie das der Banditen. „Irgendein Erkennungsmerkmal, Ma’am? Ein entstelltes Auge, eine Narbe? Jede Kleinigkeit könnte uns weiterhelfen.“ Das Ehepaar wechselte einen Blick, als würde ihnen das helfen, sich an etwas Wichtiges zu erinnern. Aber Georgie wusste, dass der Ranger hier nur seine Zeit vergeudete. Frank Comer war in Texas eine Legende. Er ritt schnelle Pferde, raubte Züge aus, überlistete die Gesetzeshüter und 13
verteilte seinen neu erworbenen Reichtum unter den Menschen. Georgie hatte keine Zweifel, dass der Mann an jede Tür in diesem Bundesstaat klopfen könnte und mit offenen Armen aufgenommen werden würde und dass man ihm zu essen und Unterschlupf geben würde. Nein. Die Fahrgäste dieses Zuges würden selbst Berühmtheit erlangen und die Geschichten von Comer noch viele Monate weitererzählen. Es gelang den Umstehenden nicht, die weinende Frau zu trösten, die zunehmend hysterischer wurde. Ihr Schluchzen erinnerte an eine Säge, die durch Holz schneidet. Landrum schaute schließlich in ihre Richtung. „Ist sie verletzt oder hat sie bloß Angst?“ Angesichts seiner groben Worte richtete sich Georgie zu ihrer vollen Größe auf. Sie öffnete den Mund, um die Frau zu verteidigen, aber die Witwe antwortete ihm selbst. „Keines von beidem, Sir. Ich bin vor Dankbarkeit überwältigt. Als Mr Comer erfuhr, dass ich nach der Beerdigung meines Mannes Henry alles verloren hatte, hat er mir das hier gegeben.“ Sie zeigte ihm eine Handvoll Goldmünzen. „Er hat mir meine Waffe abgenommen“, rief ein Mann weiter hinten in der Reihe, „aber dann hat er nur die Patronen herausgenommen und sie mir wieder zurückgegeben.“ „Er hat mein Heft unterschrieben.“ Ein Junge mit Krawatte und kurzer Hose hielt sein Groschenheftchen in die Höhe. Georgie hatte ihn im Zug darin lesen sehen. Auf dem Umschlag war eine bunte Zeichnung zu sehen, die einen maskierten Mann mit freundlichen Augen darstellte. In dicken Lettern stand darüber: Die Legende von FRANK COMER. Ranger Landrum richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Witwe. „Dieses Geld gehört der ‚Texas & Pacific‘, Ma’am. Ich muss Sie auffordern, es zurückzugeben.“ Die Witwe zog die Hand zurück, dann kniff sie die Augen zusammen, öffnete den Kragen ihres Kleides und ließ die Münzen in ihr Mieder gleiten. 14
Landrum trat einen Schritt auf sie zu. „Das hätten Sie nicht tun sollen, Ma’am.“ Sie knöpfte ihren Kragen wieder zu und hielt dem Blick des Rangers stand, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich bin müde, Sir. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich kehre in den Zug zurück.“ Die Frau rauschte an ihm vorbei und forderte ihn mit ihrem Blick heraus, es ja nicht zu wagen, sie aufzuhalten. Georgie biss sich innen in die Wangen. Jede Unterstützung von Seiten der Zugreisenden, die Landrum vielleicht bekommen hätte, hatte er in dem Moment verspielt, in dem er die Witwe so unfreundlich behandelt hatte. Und sie hatte das Gefühl, dass er sich dessen auch bewusst war. Sein wütender Blick wanderte zu dem Jungen mit dem Romanheft. „Nein!“, schrie der Kleine und presste sich Hilfe suchend an seine Mutter. Sie schwang ihn auf die Arme, drückte ihn fest an sich und ging ebenfalls zum Zug zurück. Die übrigen Fahrgäste folgten ihrem Beispiel und machten einen weiten Bogen um Texas Ranger Lucious Landrum.
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