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Maya und Domenico - Liebe heilt viele Wunden - 9783038480013

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Susanne Wittpennig Maya und Domenico: Liebe heilt viele Wunden

www.fontis-verlag.com


Dieses letzte Buch von Maya und Domenico widme ich meiner Oma (1914–2013), die immer geglaubt hat, dass aus mir mal eine Schriftstellerin werden wu wurde, ¨ rde, wenn ich groß bin.

«Liebe «Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht verbissen, sie prahlt nicht und schaut nicht auf andere herab. Liebe verletzt nicht [...] und sucht nicht den eigenen Vorteil, Vorteil, sie la lasst ¨ sst sich nicht reizen und ist nicht nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Liebe ist immer bereit zu verzeihen, stets vertraut sie, sie verliert nie die Hoffnung und ha halt ¨ lt durch bis zum Ende.» Ende.» 1. Korinther 13,4–7 (Die Bibel, «Hoffnung fu fur ¨ r alle»)


Susanne Wittpennig

Maya und Domenico: Liebe heilt viele Wunden Wunden


Infos uuber ¨ ber die Autorin und uuber ¨ ber «Maya und Domenico» gibt es auf: www.schreibegern.ch

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

2014 by `fontis – Brunnen Basel Umschlag: Susanne Wittpennig, Basel Satz: Innoset AG, Justin Messmer, Basel Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-03848-001-3


Inhalt Die Autorin..................................................................

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1. Wiedersehen in Norwegen..................................... 2. Typisch Hendrik .................................................... 3. Eislaufen, Ribbe und eine Menge Socken .............. 4. Eisschicht .............................................................. 5. Die schwarzen Wikinger ........................................ 6. Aussprache ............................................................ 7. Ein bisschen viel Abschied auf einmal................... 8. Eulensalat und Bananen........................................ 9. Let the Party begin ................................................ 10. Suleikas Entschuldigung........................................ 11. Nachricht von Nicki............................................... 12. Love Talk ............................................................... 13. Suche nach Carrie ................................................. 14. Die erste Entdeckung ............................................ 15. Die zweite Entdeckung .......................................... 16. Zum letzten Mal .................................................... 17. Klassentreffen........................................................ 18. Anruf aus weiter Ferne .......................................... 19. Das Geheimnis der Liebe ...................................... 20. Zur체ck auf Sizilien.................................................

7 21 44 57 64 88 118 125 136 151 165 170 175 203 217 228 244 264 280 293

Epilog .......................................................................... 357 Dank ........................................................................... 376 Weiterhin erh채ltliche B체cher ....................................... 377

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Die Autorin

Susanne Wittpennig, geboren 1972 in Basel, schreibt seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gern Geschichten, die sie selber illustriert. Ihr erstes Büchlein schrieb sie mit ungefähr fünf Jahren, den ersten Roman mit zehn – das war zu dem Zeitpunkt, als ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Matthias durch einen Autounfall ums Leben kam. Die ersten Aufzeichnungen von Maya und Domenico machte sie bereits mit elf Jahren. Nach ihrer Ausbildung als Drogistin und diversen anderen Berufserfahrungen (Flughafen, Labor) arbeitete sie neben dem Schreiben mehrere Jahre als Webdesignerin und Grafikerin. Schließlich packte sie ihre Sachen und zog in ihr Traumland Norwegen, um dort eine dreijährige Ausbildung an einer norwegischen Filmakademie zu absolvieren. Zurzeit lebt und arbeitet Susanne Wittpennig in der norwegischen Hauptstadt Oslo und genießt Land, Leben und Leute.

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1. Wiedersehen Wiedersehen in Norwegen Kalt war es. Klirrend kalt. Auch wenn Morten mir mit den Koffern half, hatte ich doch meine Mühe, über den eisglatten Weg zum Auto zu gehen. Derart gefrorene Straßen war ich kaum gewohnt. «Tja, so eisig kalt ist es nicht jedes Jahr um die Weihnachtszeit», meinte Morten. «Aber heute Früh hat das Thermometer minus siebzehn Grad angezeigt.» «Brrrr», machte ich. «Daran muss man sich wohl echt gewçhnen.» «Ach, so schlimm ist es nicht. Es ist eine ganz andere Kälte als in Deutschland. Das Einzige, was wirklich schlimm ist, ist, dass Kjetil und Solvej wieder eine Entschuldigung für ihre dauernde Stubenhockerei haben.» Wir waren beim Auto angelangt. Morten çffnete den Kofferraum und hievte mein Gepäck hinein. «Ich weiß echt nicht, von wem sie das haben», brummte er mehr zu sich selbst. «Von Liv und mir jedenfalls nicht.» Ich lächelte verlegen, weil ich nicht genau wusste, was ich dazu sagen sollte. Außerdem war ich zu sehr damit beschäftigt, mich darüber zu wundern, dass bereits um vier Uhr tiefschwarze Nacht herrschte. Das war das andere Extrem zum Sommer, wo es gar nicht mehr richtig hatte dunkel werden wollen. Morten çffnete mir die Beifahrertür, und ich setzte mich ins Auto auf den eiskalten Sitz. Ich krümmte mich zu einem Päckchen zusammen und rieb die Hände aneinander. Die Handschuhe waren natürlich im Koffer. «Es wird gleich warm», versprach Morten und startete den Motor. «Und sonst? Gut gereist?» «Ja, danke.» Wir hatten auf dem Weg von der Ankunftshalle bis hierher noch nicht viel miteinander geredet. Vor allen Dingen hatte ich mich noch nicht getraut, die Frage aller Fragen zu stellen. Da der Flughafen außerhalb von Oslo lag, hatten wir gemäß Mortens Aussage ungefähr eine Dreiviertelstunde

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bis Nittedal zu fahren. Genügend Zeit also, um gewisse Dinge eingehender zu besprechen. Doch auch Morten schien das heiße Eisen zu umgehen und beschränkte sich fast eine halbe Stunde lang auf Smalltalk oder Schweigen. Er war von Natur aus nicht der gesprächigste Mensch auf Erden. Doch je näher wir dem Ziel kamen, umso dringender wurde diese Frage. Ich musste ja letztendlich wissen, was mich nun erwarten würde. «Ist … Domenico jetzt zu Hause?» Schon nur seinen Namen auszusprechen, verursachte mir Herzklopfen. Kein freudig erregtes Herzklopfen allerdings, sondern ein unangenehmes, gepaart mit einem vor Nervosität zugeschnürten Hals. «Er ist mit Hendrik auf einem Konzert.» Mortens Stimme klang so, als hätte er diese Frage bereits erwartet und als wäre dies sogar absichtlich so einkalkuliert worden, um mich erst einmal in Ruhe ankommen zu lassen. «Hendrik konnte ihn endlich überreden, sich ein paar Stunden von Manuel zu trennen. Die kommen nicht vor Mitternacht heim.» «Mhmm.» Mir war sofort klar, dass Nicki sich nur deswegen von Hendrik hatte überreden lassen, damit auch er die Begegnung mit mir noch um ein paar Stunden hinauszçgern konnte. «Wie … wie geht es ihm denn? Also … ich meine, Nicki?» Meine Brust schnürte sich bei dieser ultimativen Frage noch mehr zusammen. Jetzt war es an Morten, «mhmm» zu murmeln. Er scheute sich eindeutig davor, mir die Wahrheit zu sagen. «Also … ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass es so schlimm um ihn steht», brachte er nach einer längeren Denkpause hervor. Nittedal war nun bereits ausgeschildert. Viel Zeit hatten wir nicht mehr. «Ich wusste ein bisschen was von Hendrik», sagte Morten. «Mit mir hat Nicki ja nie groß über seine Probleme geredet. Aber Hendrik ist ja auch besser in psychologischen Sachen.» Er verstummte wieder und bremste ab, weil vor uns ein Auto mit unerträglicher Gemütlichkeit über die Autobahn schlich.

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«Menschenskind, ich weiß ja, dass man besonders vorsichtig fahren muss, wenn alles so vereist ist, aber so dermaßen zu schleichen geht gar nicht», knurrte er. Ich sah Morten von der Seite an. Im wechselnden Lichterspiel der Autobahn stellte ich wieder mal fest, wie sehr sein Profil dem von Domenico ähnelte. Und ich spürte, dass Morten sehr bedrückt war, es aber nicht zeigen wollte. Der Schleicher vor uns war eindeutig eine willkommene Ablenkung. «Ich wusste nicht, dass er so starke Medikamente nehmen muss. Antidepressiva und Psychopharmaka und all das Zeug», nahm er das Gespräch schließlich doch wieder auf. «Er war vçllig am Boden zerstçrt. Er hat mich richtig angefleht, ihm zu helfen.» «Ja …», seufzte ich. Ich hatte das «Problem Domenico» die letzten Wochen von vorne bis hinten und umgekehrt zergrübelt. Auch ich hatte nie so richtig gewusst, was Nicki alles für Pillen genommen hatte, da er jedes Mal was anderes behauptet hatte. Aber das war eigentlich nicht mal das grçßte Problem … «Hat … hat Nicki dir erzählt, was passiert ist?», fragte ich sehr vorsichtig. «Zwischen uns, meine ich?» Morten schüttelte den Kopf. «Hendrik hat es mir erzählt», meinte er. «Es tut mir so leid für dich …» «Ist schon gut. Ich …» «Sorry, ich weiß im Moment nicht, was ich sagen soll», gestand Morten. «All das Psychologische muss ich Rick überlassen. Der kennt sich damit ja bestens aus. Ich hab darin sozusagen zwei linke Hände, fürchte ich. Ich werde mich in erster Linie um seine Gesundheit kümmern. Ich war letzte Woche mit ihm beim Arzt wegen seiner Lunge und dem Herzstechen, das ihn da seit längerer Zeit plagt. Und zum Zahnarzt werden wir auch noch gehen.» Diese Neuigkeit überraschte mich allerdings. «Im Ernst? Nicki ist ohne Weiteres mit zum Arzt gekommen?» Ich hatte es nie geschafft, ihn dazu zu bewegen, sich endlich mal untersuchen zu lassen. «Er wollte freiwillig gehen. Er hat mich darum gebeten,

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ihm einen Termin zu vereinbaren.» Morten bog in die Einfahrt ab, die nach Nittedal hinaufführte. «Freiwillig?» Das war noch unglaublicher. Aber das bedeutete auch, dass Domenico wirklich zutiefst verzweifelt war. «Und was hat der Arzt gemeint?» Ich musste das letzte bisschen Wegstrecke unbedingt noch ausnutzen, um die wichtigsten Infos zu kriegen. «Das lässt sich nicht so leicht beurteilen. Er hat ihn jetzt mal zu mehreren Untersuchungen im Krankenhaus angemeldet. Allerdings kann er erst im Januar hin.» «Was denn für Untersuchungen?» «Na ja, MRI, Computertomografie und so Sachen. Sehen, ob organische Schäden vorliegen. Ich nehme an, da kennst du dich besser aus.» Ich nickte stumm. Ja, ich war mit diesen Begriffen wohlvertraut, weil mein Vater Arzt war. Außerdem hatte ich durch die Krankheit meiner Mutter noch einiges dazugelernt. «Hoffen wir das Beste», sagte Morten. «Ich habe mit ihm nun viel Atemtechnik trainiert. Das hat schon einiges geholfen. Wir haben zwei vorsichtige Badminton-Matches in der Tennishalle gespielt.» «Und das ging gut?» «Ja. Ich glaube, er ist dabei, seine Angst wieder zu verlieren. Es war ein Schock für ihn, als er damals kollabiert ist. Für mich ja auch. Das Beste, was man tun kann, ist, dieser Angst zu begegnen. Sportpsychologie. Faktisch das Einzige, was ich von Psychologie verstehe.» «Ich bin froh, das zu hçren», sagte ich leise. «Ich glaube, er hat ziemlich darunter gelitten, dass er keinen Sport mehr machen konnte.» «Ja, kein Wunder, er ist fast durchgedreht. Irgendwo muss er mit seiner überschüssigen Energie ja hin. Man kann einen Tiger nun mal nicht einsperren.» «Tiger …», murmelte ich. «Aber das werden wir wieder hinkriegen, Maya», versprach Morten, während wir die letzten Meter zurücklegten. «Er wird wieder Sport machen kçnnen. Das garantier ich dir.

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Keinen Hochleistungssport, aber genug, um sich auszutoben.» «Das wäre so gut», murmelte ich, während ich die verschneite Landschaft betrachtete. Dieses Mal würde ich jedenfalls eine weiße Weihnacht erleben … «Ich glaube, Sport würde ihm enorm helfen, aus seinen ganzen Problemen rauszukommen», redete Morten weiter. «Was habe ich nur falsch gemacht mit meinen Kindern? Na gut, bei Domenico hab ich ja alles vergeigt. Aber was ist mit Solvej und Kjetil? Ich fürchte, wir haben zu viel verlangt und gleichzeitig zu wenig Grenzen gesetzt …» Morten erzählte das alles mehr dem Handschuhfach als mir, und ich hçrte darin die vielen Stunden, die er mit Nachdenken zugebracht hatte. «Wieso? Ist etwas passiert mit Solvej und Kjetil?», erkundigte ich mich vorsichtig. «Nein, nein.» Morten schüttelte rasch den Kopf. «Ich denke nur rückblickend. Irgendwie haben die beiden sich ja enorm gemacht in den letzten anderthalb Jahren.» Wir waren angekommen. Ich erkannte das kleine rote Holzhaus mitten in einem schneebedeckten Garten und umgeben von Tannen auf Anhieb wieder. Kleine Laternchen an den Hauswänden und neben der Tür hießen Besucher mit ihrem heimeligen Licht willkommen, und auch die Fenster waren mit kleinen elektrischen Kerzen geschmückt. Obwohl ich erst das zweite Mal hier war, fühlte sich alles irgendwie vertraut an. «Ein richtiges Winterwunderland», sagte ich, als ich aus dem Auto stieg. «Das kannst du laut sagen. Wenn du zum x-ten Mal auf dem Allerwertesten gelandet bist, weil du auf der vereisten Straße zum Lebensmittelladen rüberdackeln willst, dann weißt du, was ein Winterwunderland ist.» Morten çffnete den Kofferraum und holte mein Gepäck raus. «Pass auf, wenn du zum Haus gehst.» «Also ich find’s schçn hier», sagte ich. «Ist es ja auch. Ich will jedenfalls nicht mehr weg.» Ich folgte Morten vorsichtig über den vereisten Weg zur

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Haustür. Durch das kleine Fenster an der Tür sah ich im Flur Licht brennen. Ich war froh, endlich ins Warme zu gelangen. Fast der ganze Eingangsbereich war mit Zeitungspapier ausgelegt, auf dem die Schuhe sich in wilden Haufen türmten. «Ja, wir sind eine chaotische Familie», sagte Morten. «Ich hab’s leider versäumt, meinen Kindern Ordnung beizubringen. Und Nicki macht da auch keine Ausnahme. Wieso auch? Ich hab meine Gene ja fleißig weitervererbt.» «Macht doch nichts.» Ich musste über Mortens trockenen Humor schmunzeln. Es war richtig schçn, wieder hier zu sein. Fast, als würde ich nach Hause kommen. Solvej kam angerannt und fiel mir ohne Vorwarnung stürmisch um den Hals. «Endlich!», rief sie. «Das war lange her!» «Ja, ich weiß», bestätigte ich. «Wir hätten viel früher mal kommen sollen. Aber es war so viel los …» Mir wurde schnell klar, dass es gut war, das Wesentliche vorher im Auto mit Morten besprochen zu haben. So schnell würden wir hier keine Ruhe haben. Solvej strahlte mich an. Sie war gewachsen und etwas stämmiger geworden, so wie ihre Mutter Liv. Obwohl sie drei Jahre jünger war als ich, war sie grçßer. Ansonsten hatte sie sich nicht so sehr verändert. Nur, dass sie ihre zwei Lippenpiercings nicht mehr trug. «Morten!» Liv erschien mit einem gestressten Gesichtsausdruck und zerzaustem Haar. Auf dem Arm hielt sie den heulenden Manuel. «Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich mit dem Kind machen soll. Er heult nonstop.» Obwohl sie fast perfekt Deutsch sprach, war ihr norwegischer Akzent unüberhçrbar. «Ist Kjetil nicht da?» Morten warf einen Blick ins Wohnzimmer. Doch da lagen nur die zwei Katzen auf der Couch und dçsten vor sich hin. «Er sitzt mit Gustav in seinem Raum.» Liv ließ Manuel runter und strich sich ihre feinen, blonden Strähnen aus dem Gesicht. «Sie spielen Data.» «Dann schick Gustav heim und sag Kjet, er soll seine

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Datenmaschine aus dem Fenster schmeißen und runterkommen», sagte Morten streng. Liv kniff die Lippen zusammen und ging die Treppe hoch. Ich beugte mich zu Manuel hinunter, der mit verheulten Augen zu mir hochsah. «Hi Piccolo», sagte ich. «Ich bin da. Kennst du mich nicht mehr?» Der kleine zweieinhalbjährige Junge starrte mich mit jetzt weit aufgerissenen Augen an, die denen von Domenico so ähnlich sahen. Sein süßes Näschen und die knuffigen Bäckchen mit den Grübchen verlockten mich, ihn in den Arm zu nehmen und so richtig zu knuddeln, doch Manuel war nicht ganz einverstanden damit und entzog sich mir. So begnügte ich mich damit, sein kupferrotes Haar zu berühren, das ihm in engelsgleichen Ringellocken fast bis auf die Schultern fiel. Offenbar wollte Nicki es ihm nicht schneiden. Er würde zweifelsohne mal ein sehr hübscher Jüngling werden – ganz wie sein Onkel. «Das geht fast die ganze Zeit so, wenn Nicki mal nur ein paar Minuten weg ist», seufzte Morten. «Manuel hängt so fest an ihm, dass wir anderen kaum an ihn rankommen.» «Ich weiß. Nicht mal seine eigene Mutter schafft es, ihn zu beruhigen», erklärte ich. «Er hat einzig und allein Zutrauen zu Nicki.» «Hmm.» Morten schien über was Bestimmtes nachzudenken. Doch er sprach es nicht aus und fragte stattdessen: «Mçchtest du was essen?» «Nun ja … vielleicht eine Kleinigkeit. Doch, gern.» Ich war tatsächlich hungrig. Ich richtete mich wieder auf, doch da fing Manuel schon wieder an zu quengeln. «Irgendwas fehlt dem Kind einfach», meinte Morten kopfschüttelnd. «Ich hole Kjet», sagte Solvej, lçste vorsichtig Manuels Händchen von ihrem Hosenbein und machte auf dem Absatz kehrt. «Gute Idee», stimmte Morten zu. Er ging voraus in die Küche, und ich nahm Manuel an der Hand und folgte ihm.

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Die beiden Katzen stürmten wie der Blitz heran. Offenbar glaubten sie, es gäbe was zu fressen. «Nix da, Sçckchen!» Morten packte die schwarze Katze, die stinkfrech auf den Tisch gesprungen war, und stellte sie zurück auf den Boden. Sie saß klagend da und starrte uns mit ihren gelben Augen an. Sie hieß Sçckchen, weil ihre Füße im Gegensatz zum restlichen Fell ganz weiß waren und aussahen, als trüge sie weiße Socken. Solvej und Liv kamen endlich mit den Jungs hinunter in die Küche. Ich hätte Kjetil auf den ersten Blick kaum mehr wiedererkannt! Als ich ihn das letzte Mal vor etwa anderthalb Jahren gesehen hatte, hatte er eine ziemlich krasse Phase gehabt und war mit Irokesenschnitt und Punkklamotten rumgelaufen. Nun hatte er diese Phase offenbar hinter sich und trug ganz normale, schlampige Jeans und ein T-Shirt. Wie Solvej hatte auch er seine Lippenpiercings rausgenommen. Aber was mir eigentlich am meisten auffiel, war, wie ähnlich er Domenico sah mit dem neuen Hairstyle! Die rotblonden Haare waren etwa so lang wie die von Nicki und fielen ihm in ähnlicher Formation über die Augen – die Augen, welche wiederum genau dieselbe mandelartige Form und blaugraue Farbe hatten wie die von Nicki. Kjetil wirkte in der Tat beinahe wie eine Kopie von Domenico. Oder sogar wie ein Zwillingsbruder … Der markanteste Unterschied war, dass er um einiges grçßer war als Domenico mit seinen italienischen Genen. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich von diesem Anblick zu erholen. Kjetils Kumpel Gustav trug ein paar ausgeleierte Jogginghosen und ein kariertes Hemd und hatte sein hellblondes Haar breitflächig mit Haargel verklebt. Beide Jungs nahmen nicht im Geringsten von mir Notiz und setzten sich an den Küchentisch. Sie holten ihre Smartphones hervor und begannen darauf rumzuspielen. «Ja-ja, Kjetil ist immer noch schwierig», murmelte Morten gerade so laut, dass Kjetil es nicht hçren konnte. «Der Rotzbengel kommt einfach nicht aus dem Trotzalter raus.

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