Kamila Puchnarovรก
Formulierungsverfahren der Antworten in politischen Diskussionen
Kamila Puchnarovรก
Formulierungsverfahren der Antworten in politischen Diskussionen
Kamila PuchnarovĂĄ
Formulierungsverfahren der Antworten in politischen Diskussionen Am Beispiel der Fernsehtalkshow GĂźnther Jauch
Masaryk University Press Brno 2020
Das Buch basiert auf dem Text der Dissertation, die 2018 an diesen Universitäten verteidigt wurde: MASARYKOVA UNIVERZITA Filozofická fakulta, Ústav germanistiky, nordistiky a nederlandistiky und JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT, Philosophische Fakultät, Institut für deutsche Philologie
Rezensenten: Doc. PhDr. Gabriela Rykalová, Ph.D. Prof. Dr. Matthias Schulz
© 2020 Masaryk University Press, Kamila Puchnarová ISBN 978-80-210-9520-5 ISBN 978-80-210-9519-9 (Taschenbuch)
Danksagung
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich während der Arbeit an dieser Publikation unterstützt haben. Ich danke Frau Prof. PhDr. Iva Zündorf, Ph.D. aus der Masaryk-Universität aus dem Lehrstuhl für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik für ihre vierjährige Betreuung, weil sie mich während dieser Zeit vieles gelehrt hat. Aus der Julius-Maximilians Universität Würzburg aus dem Institut für deutsche Philologie danke ich Herrn PD Dr. Sven Staffeldt für seine Betreuung und seine fachlichen Empfehlungen, die für diese Publikation von entscheidender Wichtigkeit waren. Weiter danke ich Herrn Prof. Dr. Wolf Peter Klein, dass er mir durch die Studienbörse ermöglicht hat, an dieser Publikation in Würzburg zu arbeiten und gleichzeitig gehört mein großer Dank der Hermann-Niermann-Stiftung für das Stipendium, das die Arbeit an dieser Publikation sehr erleichtert hat. Ich danke Herrn Dr. Oliver Herbst für seinen fachlichen Vorschlag, der sich als sehr wichtig erwiesen hat. Ich danke Herrn Prof. Dr. Matthias Schulz für seine literarischen Hinweise und seine Hilfe bei ihrer Vermittlung. Ich danke meinen Kolleginnen und Kollegen, vor allem (in alphabetischer Reihenfolge) Vendy Beyerová, Blanka Datinská, Petr Kuthan und Markéta Valíčková für ihre freundliche Unterstützung. Und nicht zuletzt danke ich meiner Familie für alles, was sie für mich während des Studiums getan hat.
Pro Honzu, protože mi ukázal motivační video Rocky 4. Für Honza, weil er mir das Rocky 4 Motivationsvideo gezeigt hat.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 I. THEORETISCHER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1 Gesprochene Sprache. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.1 Gesprochene vs. geschriebene Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1.1.1 Spontan gegenüber geplant. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1.1.2 Geschwindigkeit der Mitteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1.1.3 Anwesenheit von Sprecher und Hörer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 1.2 Syntaktische Merkmale der gesprochenen Sprache . . . . . . . . . . . . . . . 19 1.2.1 Einfacher Satz vs. Gefügesatz, Satzlänge . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 1.2.2 Ellipsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 1.2.3 Anakoluth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 1.2.4 Verb. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 1.2.5 Pronomen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 1.2.6 Konjunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 1.3 Semantische Merkmale der gesprochenen Sprache . . . . . . . . . . . . . . . 30 1.3.1 Interjektionen, Gesprächspartikeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2 Formulierungsverfahren in gesprochener Sprache. . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1 Ankündigen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2 Antithese, Kontrast. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Formelhaftes Sprechen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.4 Wiederholung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.5 Aufzählung, Liste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.6 Paraphrase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.7 Fremdinitiierte Korrektur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.8 Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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3 Sprache der Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 3.1 Politischer Wortschatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.1.1 Institutionsvokabular. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.1.2 Ressortvokabular . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.1.3 Ideologievokabular . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3.1.4 Allgemeines Interaktionsvokabular. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.2 Schlagwörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 3.3 Politische Metaphern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 3.4 Begriffe besetzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.4.1 Neuprägung von Begriffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.4.2 Perspektivisches Bezeichnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.4.3 Umdeutung von Begriffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.4.4 Umwertung von Begriffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 3.4.5 Konnotatives Partizipieren an Begriffen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 3.5 Sprache der Politik und politische Fernsehdiskussionen . . . . . . . . . . . . . 52
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4 Pragmatik und Sprechakttheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 4.1 Frage und Antwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 4.1.1 Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 4.1.2 Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 II. PRAKTISCHER TEIL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 5 Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 5.1 Material und Untersuchungsmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 5.2 Echte Antworten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 5.2.1 Echte hyperinformative Antworten der Bestätigung nach geschlossener Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 5.2.2 Echte nicht-hyperinformative Antworten der Bestätigung nach geschlossener Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 5.2.3 Echte hyperinformative Antworten der Abweisung nach geschlossener Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 5.2.4 Echte nicht-hyperinformative Antworten der Abweisung nach geschlossener Frage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 5.2.5 Echte hyperinformative Antworten nach offener Frage . . . . . . . . . . . 122 5.2.6 Echte nicht-hyperinformative Antworten nach offener Frage . . . . . . . . 140 5.3 Unechte Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 5.3.1 Unechte Antworten nach geschlossener Frage – Ablenkungen. . . . . . . . 145 5.3.2 Unechte Antworten nach geschlossener Frage – Frage-Zurückweisung . . . 177 5.3.3 Unechte Antworten nach offener Frage – Ablenkungen . . . . . . . . . . . 181 5.3.4 Unechte Antworten nach offener Frage – Frage-Zurückweisung . . . . . . . 184 5.3.5 Unechte Antworten nach offener Frage – Rückfragen. . . . . . . . . . . . 189 Schlussfolgerungen und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Quellenverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Internetquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Anhang I: Transkript . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Anhang II: Transkriptionskonventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
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Einleitung
Diese Publikation beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit der gesprochenen deutschen Sprache und mit der Sprache der Politik. Zunächst bietet diese Publikation eine Einsicht in die allgemeine Theorie der gesprochenen Sprache, wobei die Charakteristik aus der Sicht der Unterschiede zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache beschrieben wird. Zu den typischen Unterschieden gehören die Spontaneität der gesprochenen Sprache, die Geschwindigkeit der Mitteilung und die Anwesenheit von Sprecher und Hörer. Diese Eigenschaften der gesprochenen Sprache werden in einzelne Kapitel eingeteilt, ebenso wie ihre weiteren Merkmale. Zu diesen typischen Merkmalen zählen syntaktische Merkmale, die sich mit der Satzlänge, Ellipsen und Anakoluthen beschäftigen. Als weitere Merkmale werden ausgewählte Wortarten, wie Verb, Pronomen und Konjunktionen, hinzugezogen. Diese werden auch aus der Sicht der gesprochenen Sprache beschrieben. Den syntaktischen Merkmalen folgen zusätzlich semantische Merkmale, die sich den typischen semantischen Prinzipien und auch den Interjektionen und Gesprächspartikeln widmen. Von großer Wichtigkeit sind jene Kapitel, die sich mit Formulierungsverfahren in gesprochener Sprache beschäftigen. Diese bilden einen der wesentlichsten Bereiche, nicht nur im theoretischen Teil, sondern auch im praktischen Teil. Unter den Formulierungsverfahren sind typische Formulierungen erwähnt, die in gesprochener Sprache auftreten. Es handelt sich um Ankündigungen, also Formulierungen, mit denen mündliche Mitteilungen beginnen. Darauf folgen Antithesen, die sich dem Thema widmen, wie in gesprochener Sprache mit Kontrasten gearbeitet wird. Ein weiteres Kapitel behandelt das formelhafte Sprechen, außerdem werden Wiederholungen thematisiert, die zu den häufigsten Formulierungsverfahren in gesprochener Sprache zählen. Mit Wiederholungen sind weiterhin Aufzählungen und auch Paraphrasen verbunden, die sich zu spezifischen Wiederholungsarten reihen. Thematisiert wird auch fremdinitiierte Korrektur, die zwar eher selten auftritt, aber dafür mit größeren Emotionen verbunden ist. Zum Abschluss der Typen der Formulierungsverfahren wird ein Resümee gezogen, das im Gegenteil zu der Ankündigung steht und das die mündliche Äußerung zusammenfast. Der weitere Raum des theoretischen Teils widmet sich der Sprache der Politik, also den typischen Zeichen, die mit der Sprache der Politik verbunden
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sind; der Charakterisierung des politischen Wortschatzes; politischen Schlagwörtern, die die typische Emotionalität der Sprache der Politik unterstützen oder auch bilden; politischen Metaphern, die sich an der Bildlichkeit und auch Vereinfachung der Sprache der Politik teilnehmen; dem Begriffe besetzen und den Merkmalen der Sprache der Politik in politischen Fernsehdiskussionen. In diesem letzten Kapitel werden auch die aktuellen politischen Talkshows beschrieben, die im Fernsehen in Deutschland und Tschechien im Jahre 2018 gesendet werden und die zum Vergleich mit der detailliert analysierten Talkshow Günther Jauch dienen können. Der letzte Abschnitt des theoretischen Teils enthält Informationen aus dem Bereich der Pragmatik und Sprechakttheorie. Hier wird die Hauptaufmerksamkeit auf die Problematik der Frage und Antwort gelegt. Konkret werden die Typen der Fragen und Antworten beschrieben, wie Fragesätze mit Fragewort, also offene Fragen und Fragesätze ohne Fragewort, also geschlossene Fragen. Weiter wird die Unterscheidung von echten und unechten Antworten nach einzelnen Linguisten beschrieben. Mit diesem Aspekt hängt auch das darauffolgende Kapitel, das sich mit hyperinformativen Antworten und weiteren Realisierungen von unechten Antworten befasst, wie Passen, Antwort verweigern, Frage zurückweisen ablenkende Antworten sowie Gegenfragen zusammen. Dem theoretischen Teil der Publikation folgt der praktische Teil, der sich mit der Analyse des authentischen Transkriptes der ausgewählten Fernsehtalkshow beschäftigt. Es handelt sich um die politische Diskussion Günther Jauch. Eine der letzten Folgen dieser Fernsehdiskussion wurde nach dem System GAT 2 transkribiert und anschließend nach theoretischen Kriterien untersucht, die die gesprochene Sprache und Sprache der Politik charakterisieren. Zu dieser Analyse gehört vor allem die Untersuchung der Formulierungsverfahren der Antworten sowie weiterer ausdruckvoller Eigenschaften der Antworten aus der Sicht der Pragmatik und Sprechakttheorie. Das Hauptziel dieser Analyse ist die Feststellung der typischen Merkmale der Antworten in politischen Fernsehdiskussionen. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass die Problematik der Antworten allgemein in der sprachwissenschaftlichen Literatur deutlich im Hintergrund steht. Im Vergleich mit der Problematik der Fragen wird den Antworten viel geringere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Analyse soll am Ende folgende Forschungsfragen beantworten: 1) Wie reagieren die Diskussionsteilnehmer auf Fragen? 2) Welche Formulierungsstrategien werden bei den Antworten in politischen Fernsehdiskussionen benutzt? 3) Mit welchen Sprachmitteln werden diese Formulierungsstrategien realisiert? 4) Geben die Antworten wirklich „Antworten“ auf die gestellten Fragen?
EINLEITUNG 
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Beim Suchen der Antworten auf diese Forschungsfragen werden authentische Beispiele aus dem Transkript detailliert mit Hilfe von Erkenntnissen aus dem theoretischen Teil untersucht. Am Ende soll diese Publikation einzigartige Ergebnisse liefern, die sich aus der kombinierten Forschung der gesprochenen Sprache, Sprache der Politik und Sprechakttheorie ergeben.
I. THEORETISCHER TEIL
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1 Gesprochene Sprache
Die Menschheit spricht schon seit ihrem Anfang und das ist viel länger im Vergleich damit, wann die Menschen zu schreiben begannen. Das gesprochene Wort ist und war schon immer für jeden, wobei das geschriebene Wort jahrhundertelang nur für die ausgewählte Elite geeignet war. „Die frühesten direkten Vorläufer von Schrift […] datieren höchstens ins XI. vorchristliche Jahrtausend. Zu diesem Zeitpunkt existieren längst soziale Organisationsformen mit Werkzeuggebrauch etc., die ohne (mündliche) Sprache nach allgemeiner Auffassung nicht denkbar sind.“ (Günther 1983, 17). Heute ist die Situation schon ganz anders. Dank der Ausbildung kann fast jeder schreiben. In manchen Ecken der Welt gibt es aber noch Menschen, die das Schreiben nicht beherrschen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit eher auf die geschriebene Sprache konzentriert hat und die gesprochene Sprache im Hintergrund stand. ,,Am 1. Oktober 1899 hielt Otto Behaghel vor der Hauptversammlung des Deutschen Sprachvereins in Zittau einen Vortrag über das Thema ,,Geschriebenes Deutsch und gesprochenes Deutsch‘.“ (Schwitalla 2006, 18). Es handelte sich um den ersten Sprachwissenschaftler, der die Unterschiede des gesprochenen zum geschriebenen Deutsch festgehalten hat. Erst ,,seit Mitte der 60er Jahre beschäftigen sich in Deutschland Sprachwissenschaftler mit gesprochener Sprache“ (Hennig 2006, 7). Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die gesprochene Sprache in der deutschen Linguistik lediglich unter den Gesichtspunkten der Phonologie, der Phonetik, der Intonation und der Artikulation untersucht. Intensiver haben sich diesem Gebiet nur die Dialektologie, die Sprechkunde bzw. die Sprecherziehung gewidmet (vgl. Engel 1975, 6). Selbst der Begriff gesprochene Sprache ist nicht ganz problemlos und eindeutig. Es können folgende Bedeutungen genannt werden: Gesamtheit des Sprechens und der mündlichen Verständigung; Qualität der Sprache als gesprochen; sprechsprachliche Realisierung einer Sprache; Sprach-/Regelsystem; Produkte mündlicher Sprachproduktion (vgl. Fiehler 2004, 13). Eine klare Definition ist an dieser Stelle immer noch deutlich schwierig. Was aber mit Sicherheit behauptet werden kann, ist, dass ,,gesprochene Sprache ein Oppositionsbegriff ist, der nicht unabhängig vom kontrastierenden zu bestimmen ist“ (Fiehler, 2004, 12). Und als Kontrast zu der gesprochenen Sprache bietet sich am häufigsten die geschriebene Sprache an. Deshalb wird sich das nachfolgende Kapitel dem Charakterisieren der gesprochenen Sprache insbesondere mit Hilfe der geschriebenen Sprache widmen.
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1.1 Gesprochene vs. geschriebene Sprache „Da zeigt denn schon ein flüchtiger Blick, dass zwischen den Voraussetzungen für das geschriebene Wort und denen für das gesprochene Wort tiefgreifende Unterschiede bestehen. Das eine hat auf das Auge zu wirken, das andere auf das Ohr; und so sind schon die Mittel andere, über die beide gebieten.“ (Behaghel 1927, 13) Zunächst ist es beim Terminus gesprochene Sprache sehr wichtig zu betonen, dass es sich im Vergleich mit der geschriebenen Sprache nicht um eine ganz andere Sprache als Sprachsystem (langue) handelt. Die gesprochene Sprache kann als eine abkürzende Redeweise oder Sprachverwendung verstanden werden (vgl. Schwitalla 2006, 19). Und wie Nerius betont, bei der gesprochenen und geschriebenen Sprache handelt es sich um „zwei Existenzformen einer Sprache“ (Nerius 2007, 22). Wie bereits erwähnt, war am Anfang die Sprache, dann kam die Schrift. Anders formuliert, aus historischer Hinsicht kam erst die gesprochene Sprache und dann die geschriebene. Nach John Lyons hat die gesprochene Sprache nicht nur historische, sondern auch funktionelle, strukturelle und biologische Priorität. Während diese Prioritäten gesprochener Sprache unbestreitbar sind, ,,ist die Schrift auf Grund ihrer fixierenden Eigenschaft dem flüchtigen gesprochenen Wort in anderen Punkten überlegen“ (Hennig, 2006, 18). Die Mündlichkeit und Schriftlichkeit sollten aber nicht gegeneinander ausgespielt werden. ,,Die Frage liegt also nicht darin, was als primär oder sekundär anzusehen ist, sondern vielmehr darin, wie das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu erklären ist und in welchem Verhältnis Sprache und Schrift zueinander stehen“ (Hennig, 2006, 16). Zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache sollte daher keine Beziehung der Rivalität gebildet werden. Die Unterschiede, die es zwischen ihnen gibt, sollten vielmehr besserer Spezifikation und Charakterisierung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit dienen. Dementsprechend kann nicht von einer Subordination gesprochen werden.
1.1.1 Spontan gegenüber geplant Ein Unterschied, der häufig in der Verbindung mit der gesprochenen und geschriebenen Sprache diskutiert wird, ist der Grad der Spontanität oder anders gesagt der Natürlichkeit der Mitteilung. Wobei die gesprochene Sprache im Vergleich mit der geschriebenen Sprache grundsätzlich als die spontanere und natürlichere bezeichnet wird. Die Frage, ob es sich um ,,echte und spontane“ oder ,,geplante und simulierte“ gesprochene Sprache handelt, ist für manche Sprachwissenschaftler von großer Wichtigkeit (vgl. Eggers 1974, 129). Es ist aber nicht eindeutig, wie hoch der Grad der Spontanität und der Natürlichkeit bei der gesprochenen Sprache sein muss. Damit hängt das
1 GESPROCHENE SPRACHE
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Problem der konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zusammen (vgl. Schwitalla 2006, 21). Eine sprachliche Mitteilung kann zuerst geschrieben werden, damit sie danach auch mündlich vorgetragen wird. Hier könnte man von einem sehr niedrigen Grad der Spontanität und Natürlichkeit sprechen. Die Situation kann aber auch umgekehrt sein und eine mündliche Mitteilung kann erst später eine schriftliche Form bekommen (vgl. Klug 2004, 4). In diesem Fall wird die Spontanität und Natürlichkeit der ursprünglichen mündlichen Äußerung viel größer. Es muss aber nicht immer ganz klar sein, ob eine mündliche Mitteilung zuerst gesprochen oder geschrieben wurde. Deshalb ist solch eine Unterscheidung zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache aufgrund des Grads der Spontanität und Natürlichkeit ziemlich schwierig.
1.1.2 Geschwindigkeit der Mitteilung Fast ohne Übertreibung könnte gesagt werden, dass man beim Schreiben und Lesen sozusagen ,,alle Zeit der Welt“ hat (vgl. Dittmar 2010, 8), was sicher nicht beim Sprechen und Hören gilt. Bei der Produktion und Rezeption einer schriftlichen und mündlichen Mitteilung gibt es aus dem Gesichtspunkt der Zeit riesige Unterschiede und das auch ohne Berücksichtigung, dass manche Menschen schneller sprechen, lesen oder schreiben als andere. Beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit kann zwischen zwei Sätzen durchaus eine halbe Stunde oder noch mehr Zeit vergehen, bis der Autor die treffenden Worte findet oder bis er mit seiner Äußerung endlich zufrieden ist. Beim Schreiben gibt es hier immer die Möglichkeit die schriftliche Mitteilung unzählige Mal zu korrigieren und zu verbessern. Ähnlich lange Zeit hat dann auch der Rezipient der schriftlichen Mitteilung zur Verfügung, der den Text immer wieder durchlesen kann, bis er wirklich jeden Satz versteht. Diese Situation ist beim Sprechen und Hören ganz anders denn die Zeit ist beträchtlich begrenzt. Damit die mündliche Mitteilung so homogen wie möglich wirkt, gibt es nur einen sehr kleinen oder fast gar keinen Raum für lange Pausen, in denen der Sprechende Zeit zum Überlegen und Nachdenken hätte. Dasselbe gilt auch bei Korrektionen und Verbesserungen der Mitteilung, weil zu viele Korrektionen zu Chaos und Unverständlichkeit der Mitteilung führen würden. Wenig Zeit hat auch der Hörer, falls es sich nicht um eine mündliche Mitteilung von einer Tonaufnahme handelt (vgl. Villis 2011, 3). Üblicherweise hat der Hörer die Möglichkeit die Mitteilung nur einmal hören. Wenn er Passagen nicht richtig hört, sich nicht ausreichend konzentriert oder den Sinn einiger Wörter oder Sätze nicht versteht, z.B. bei einer Vorlesung, kann er die Mitteilung nicht ein zweites Mal in derselben Form mit denselben Worten und derselben Intonation hören. Macht sich der Hörer etwa bei der Vorlesung noch Notizen, muss er seine Bemerkungen stark verkürzen: möchte er jedes
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Wort der Vorlesung aufschreiben, würde er mindestens dreimal so viel Zeit brauchen (vgl. Schwitalla 2006, 27). Mit den modernen Kommunikationstechnologien, wie Chat, kann es den Anschein erwecken, dass sich dieser Unterschied zwischen der Zeit der Produktion und Rezeption der gesprochenen und geschriebenen Sprache ausgleicht. Die Kommunikationspartner könnten im Chat ihre Nachrichten in Ruhe nach jedem Satz oder noch weniger absenden. Dadurch sieht es so aus, dass der Rezipient die Mitteilung des Chatpartners unmittelbar nach der Produktion auf dem Bildschirm sieht und die Kommunikation quasi synchron verläuft, so wie bei der mündlichen Kommunikation. Die Möglichkeit einer direkten Interaktion ist damit aber nicht gegeben und der Rezipient kann nicht jederzeit dem Produzenten ins Wort fallen und in den Produktionsprozess eingreifen. So bleibt die schriftliche Kommunikation immer asynchron (vgl. Dürscheid 2016, 28). Im Vergleich mit einer mündlichen Äußerung ist sie also aus der Sicht der Produktion und der Rezeption zeitlich sehr begrenzt und auch immer langsamer.
1.1.3 Anwesenheit von Sprecher und Hörer Bei der Anwesenheit von Sprecher und Hörer geht es vor allem um den unmittelbaren Kontakt zwischen dem Produzenten und Rezipienten der Mitteilung, der zu Wahrnehmungsunterschieden führt. Bei der gesprochenen Sprache stehen im Vergleich mit der geschriebenen Sprache zusätzlich noch Mimik, Gestik und Intonation zur Verfügung, die die Stimmung und Gefühle des Sprechers verraten. Der Hörer kann dann mit gleichen Mitteln auf die Mitteilung reagieren, woraus dem Sprecher angedeutet wird, ob der Hörer ihn versteht oder nicht (vgl. Puchnarová 2014, 29). Falls der Hörer etwas nicht verstanden hat, kann er vom Sprecher eine Wiederholung oder eine andere Formulierung der Mitteilung verlangen. Dies sollte bessere Kommunikation und Verständnis unterstützen, wobei die geschriebene Sprache solch einen Vorteil nicht anbieten kann. Deshalb ist die geschriebene Sprache unter höherem Druck in Bezug auf die Explizitheit der Mitteilung, um potenzielle Nachfragen zu vermeiden (vgl. Dürscheid 2016, 29). Der Leser einer schriftlichen Mitteilung kann meist nicht unmittelbar den Autor fragen, wie er seine Mitteilung gemeint hat, weil der Leser während des Schriftprozesses nicht anwesend ist. Zusätzlich bekommt der Leser vom Autor keine weiteren Informationen in Form von Mimik, Gestik und Intonation. Diese können zwar mit Hilfe von Interpunktion, Großschreibung von Buchstaben oder Buchstabenwiederholungen kompensiert werden, auch wenn diese Möglichkeiten nicht gleichwertig sind (vgl. Dürscheid 2016, 30). Die Anwesenheit von Sprecher und Hörer zeigt sich also eindeutig als ein positives Merkmal dank dessen die gesprochene Sprache gegenüber der geschriebenen Sprache ersichtlich im Vorteil ist.