Gespräch mit dem Regisseur Moderation: Nikola Radić, auf Englisch
Mi 1.4. 19
20:30 HONG SANGSOO
DAS ABC DES HONG SANGSOO
Gespräch mit Sulgi Lie, Filmwissenschaftler und Autor von «Hong Sangsoo. Das lächerliche Ernste», 30' Anschl. TALE OF CINEMA Hong Sangsoo, Frankreich/Südkorea 2005
Mi 8.4. 21
18:15 PREMIERE : HONG SANGSOO
WAS DIESE NATUR
DIR SAGT
Hong Sangsoo, Südkorea 2025 Einführung von Alan Mattli, Redaktor « Filmbulletin», 10'
Do 9.4. 13
18:15 SUSO CECCHI D’AMICO IL GATTOPARDO: ZWISCHEN FILMGESCHICHTE UND THEATERGEGENWART
Pınar Karabulut im Gespräch mit Andrea Štaka, 70' Eintritt frei
Fr 10.4. 23 ab 18:30 GAME ON SCREEN RESIDENT EVIL DOUBLE FEATURE IN 3D Präsentation der neuen «Filmbulletin»-Ausgabe und Einführung der Redaktion, ca. 15 ' Mo 13.4. 23 18:30 FILM IN WORTEN «RICHARD DINDO, ERINNERUNGSARBEITER»
Buchpräsentation mit Autor Martin Walder, 10' Anschl. MAX HAUFLER, «DER STUMME» Richard Dindo, Schweiz 1983
Do 16.4. 9 19:30 JOE DANTE
JOE DANTE ZU GAST!
Gespräch auf Englisch im Anschluss an MATINEE Joe Dante, USA 1993
Sa 18.4. 8
ab 18:30 JOE DANTE GREMLINS 1 + 2 35 mm DOUBLE FEATURE
Do 30.4. 24
18:30 MUSEUM STRAUHOF ZU GAST TSCHORNOBYL –ALLTAG UND BESATZUNG
SPECIAL OPERATION Oleksiy Radynski, Ukraine/Litauen 2025
Anschl. Online-Gespräch mit Oleksiy Radynski auf Englisch, 30' PRIPYAT
Nikolaus Geyrhalter, Österreich 1999
Mo 4.5. 26
18:00 PINK APPLE
EHRENPREIS GOLDEN APPLE 2026
FÜR MONIKA TREUT Im Anschluss an GENDERNAUTS Monika Treut, Deutschland 1999 mit Apéro im Foyer
Mi 6.5. 27
19:00 PINK APPLE
FILMTALK MIT MONIKA TREUT
Gespräch ca. 60'
JOE DANTE
SUBVERSION FRISST MAINSTREAM 6
DREHBUCHAUTORIN, HANDWERKERIN, KOMPLIZIN 10
HONG SANGSOO
CHOREOGRAFIEN DES ALLTÄGLICHEN 14
HONG SANGSOO 21
JOE DANTE AUF DEM SET VON THE HOWLING (1981)
JOE DANTE
SUBVERSION FRISST MAINSTREAM
Mit ihrer Mischung aus Humor und Horror, bissiger politischer Satire und liebevoller Hommage an B-Movies sind Joe Dantes Filme eine wilde Achterbahnfahrt durch die amerikanische Popkultur und Filmgeschichte. Sein Handwerk lernte der Genre-Auteur bei Roger Corman, und wenn ihn das Studiosystem auch eher misstrauisch beäugte, so ist der Regisseur von Kultfilmen wie Gremlins oder The Howling zweifellos einer der grossen Filmemacher des Hollywood-Kinos des 20. Jahrhunderts. Ein Autor, der furchtlos und mit wilder Originalität persönliche wie politische Filme für ein breites Publikum produzierte und damit Generationen von Zuschauer:innen in ihren Bann gezogen und verzaubert hat. Es ist uns eine grosse Ehre, Joe Dante am 16. April im Filmpodium begrüssen zu dürfen und mit ihm in Anschluss an eines seiner Schlüsselwerke Matinee über seine Filme und seine Liebe zum Kino zu sprechen.
Essay von Christoph Huber
Joe Dante hat einmal festgestellt, dass «es in Hollywood schwierig ist, Filme mit persönlicher Note zu machen. Aber wenn man keine Filme macht, die man selber mag, dann kann man auch nicht erwarten, dass andere sie mögen.» Diese Argumentation scheint mir grundvernünftig, und zwar erst recht, weil mich alle Dante-Filme begeistert haben. Dabei haben wenige Regisseure in den letzten 50 Jahren persönlichere und originellere Hollywoodfilme gemacht, ohne dafür die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten. Dantes wohl bekanntester Film Gremlins (1984) beginnt mit einem ironischen visuellen Gag: Am Anfang des Vorspanns steht der grosse Produzenten-Credit «Steven Spielberg presents» ganz oben im Bild … am Ende ist die Regienennung von Dante unter dem Bankschalter am Arbeitsplatz des Protagonisten versteckt. Aber diese Zurückhaltung war vielleicht auch eine Überlebensstrategie, denn Dantes Dilemma ist nicht neu: Als starke Regiepersönlichkeit in einem System, das anonyme Fliessbandarbeit bevorzugt, konnte er so
seine Anliegen in die Traumfabrik schmuggeln. Auch wenn die Studios Dante öfter Schwierigkeiten machten, ist sein Werk konsistent lustig, interessant und aussagekräftig geblieben. So wurde das Ende seiner genialen Satire The ’ Burbs (1989) mehrfach umgeschrieben, weil es als zu finster für die StarPersona von Tom Hanks schien. Aber das änderte nichts an der komischen Meisterschaft, mit der zuvor gezeigt wurde, wie fremdenfeindliche Hysterie nach der Ankunft neuer Nachbarn im Viertel nachgerade apokalyptisch entgleist. Die brillante Orchestrierung von Dante’schem Chaos ist ein Markenzeichen, das keine kommerziellen Kompromisse zerstören können.
Apokalyptisches Vergnügen
Seine gewaltigste Apokalypse bastelte Dante schon als Student, zusammen mit dem späteren Produzenten Jon Davison. Für The Movie Orgy (1968) setzen die beiden Cinephilen aus ihrer Sammlung von beknackten Billigfilmen, unfassbaren TV-Shows und noch dementeren Werbespots eine Art Trashkino-Zeitgeistbarometer-Frankenstein-Kreatur zusammen, die gleichermassen betrunkener Mitternachtsspass wie Avantgardefilm war und als derangiertes US-Zeitbild die Blaupause für Dantes folgende Regiearbeiten lieferte. (Viele der lustigen Filmausschnitte und Werbeclips, die später bei Dante auf Leinwänden oder Bildschirmen zu sehen sind, tauchen hier schon auf.) In roher Form zeigt sich bereits Dantes Kunst, durch Montage komplexe, sogar widersprüchliche Bedeutungen und Gefühle zu erzeugen: eine schier endlose Gegenüberstellung von Bildern, Ideen, Klischees, Stilen, Figuren, Musikeinsätzen (die Liste liesse sich in Dante-Manier beliebig erweitern), in denen die Wirkung der Popkultur spürbar wird, und zwar sowohl als Vergnügen wie als gewalttätige Kraft, wobei sich beides verzwickt verzahnt. Der junge B-Film-Liebhaber Dante war vom unabhängigen Produzenten und Filmemacher Roger Corman begeistert, bei dem sich angehende New-Hollywood-Regiestars wie Scorsese und Coppola die Sporen verdienten. Als waschechter Fan wurde Dante Anfang der 1970er mit Allan Arkush bei Cormans New World Pictures zum Schnittmeister befördert, bald gelang der Sprung vom «Trailer Squad»-Team in den Regiestuhl. Die Arbeit an subversiven Perlen wie Piranha (1978) schien zunächst überfordernd, weshalb Dante (ein verzeihlicher Irrtum) The Howling (1981) als «meinen ersten wirklich guten Film» bezeichnete. Dantes Beschäftigung mit Popkultur tritt hier in den Vordergrund: eine Meditation über den Werwolf-Mythos im Medienzeitalter, wobei die Genre-Regeln Publikum und Charakteren in klassischer DanteManier durch den Klassiker The Wolf Man (1941) erklärt werden, der bei der Hauptfigur Kate über den Fernseher flimmert. The Howling offenbart das Nahverhältnis von Horror zu Komödie im Herzen von Dantes Projekt. In einer Schlüsselszene erklärt der Werwolf (gespielt von Robert Picardo, wie Dick Miller ein unverzichtbarer Eckpfeiler in Dantes StammEnsemble von Charakterköpfen): «I want to give you a piece of my mind.» Dann greift er in sein Gehirn und macht genau das.
Sympathie für die Schurken
Der Erfolgsfilm Gremlins kombiniert die Genres auf populärere, aber nicht weniger verblüffende Weise. Spielberg hatte in Dante jenes Talent erkannt, das er in seinem ComedyEpos 19 4 1 (1979) vergeblich anstrebte: das Arrangieren von überbordenden Tableaus voller Gags und Details im Stil des «MAD»Satiremagazins, ein zentraler Einfluss für Dantes Generation. Wo Spielbergs eigene Filme oft kitschig blieben, sprengte Dante in Gremlins ein US-Weihnachtsidyll à la Frank Capra mit anarchischen Tendenzen auf. Die (physisch und allegorisch) mutierenden Titelfiguren verkörperten zudem den Geist der von Dante geliebten Kino-Cartoons: Die Looney Tunes mit Bugs Bunny, Daffy Duck usw. haben sein Werk am stärksten geprägt.
Bei Dante stehlen animierte Kreaturen den menschlichen Helden die Schau; Letztere sind zwar sympathisch, aber weniger interessant als die Schurken, die mit amüsierter Faszination ausgemalt werden, wodurch die satirischen Widerhaken sich (nur) scheinbar in Wohlwollen auflösen. Dantes Protagonisten sind eher wie die dem Untergang geweihte WeihnachtsgebäckFamilie aus Gremlins: wiedererkennbar, aber nicht individuell. Die Charaktereigenschaften werden mehr durch popkulturelle Einflüsse definiert – wie in Chuck Jones’ Cartoon-Klassiker Bugs’ Bonnets (1956), wo Elmer und Bugs ihr Verhalten buchstäblich wie Hüte wechseln. Dantes vergnügliches Science-Fiction-Abenteuer Innerspace (1987) scheint übrigens eine Art spielfilmlanger Tribut an die Animationsfilme. Nicht zufällig hat Chuck Jones darin einen Cameo (wie schon in Gremlins ): Dantes persönlicher Held unter den Warner-Brothers-Animationsgenies wäre auch im Zentrum seines unrealisierten Traumprojekts Termite Terrace gestanden, einer Hommage an die Animationskünstler:innen aus Hollywoods goldener Ära.
Immerhin konnte Dante für Anfang und Ende von Gremlins 2: The New Batch (1990) Bugs und Daffy von Jones animieren lassen. Bei dieser Fortsetzung hatte Dante ausnahmsweise absolute Freiheit, und er nutzte sie, um so viele verrückte Ideen wie nur möglich auf jedem Quadratzentimeter Leinwand unterzubringen. Gremlins 2 steht in der ruhmreichen Tradition der wenigen Spielfilme, deren Irrsinn an die Gag-Kaskaden der Looney Tunes heranreichen – die Non-Sequitur-Orgie Hellzapoppin’ (1941) und die besten Filme von Jerry Lewis und Frank Tashlin (der als Animationsfilmer begann). Das wie nebenbei servierte, aber zentrale Thema der kulturellen Isolierung in einer PR- und von Merchandising gesteuerten Welt ist seit dem Erscheinen des Films nur aktueller geworden. Selbiges gilt für die Reihe von Dante-Meisterwerken, die folgten: In Matinee (1993) gehen Kriegsbegeisterung und Kinofieber eine Allianz vor dem Hintergrund der Kubakrise ein, dazu gibt es mit dem perfekten Pastiche MANT! den wohl besten Film-imFilm aller Zeiten. Monsterfilmer John Goodman (modelliert nach dem für seine Werbe-Gimmicks berühmten William Castle, aber mit einem Schuss Roger Corman) zelebriert majestätisch die Magie des Kinos und die Trickbetrügerei des Showbusiness, bevor er in den Sonnenuntergang fährt, aus dem ein Helikopter zu den einlullenden Klängen von «The Lion Sleeps Tonight» auftaucht – Vietnam ist nicht fern.
In der HBO-Produktion The Second Civil War (1997) resultiert die titelgebende Katastrophe aus sich überschneidenden politischen Aktionen, die durch die unvermeidlichen Missverständnisse in der modernen Medienwelt fatal deformiert werden – ein technologischer Turm von Babel. («If I know anything, I know what PR is, and it is what runs this country!») Small Soldiers , der Abschluss von Dantes «Kriegs-Trilogie», zu der auch Matinee zählt, ist trotz Studio-Eingriffen ein Opus magnum, in dem die satirischen Fluchtlinien der vorigen Filme zusammenlaufen, während durch militärische Technologie «verbessertes» Spielzeug in den Krieg zieht. «World War II was my favorite war», sagt ein zufriedener Phil Hartman vor seinem grossen neuen Fernseher: ein Satz, der täuschend gutmütig klingt, aber Dantes Ideen über das Verhältnis von Gewalt und Popkultur noch mal auf den Punkt bringt.
Christoph Huber ist Kurator im Österreichischen Filmmuseum und besitzt eine von Joe Dante signierte DVD von Frankenstein Meets the Wolf Man
Für die schöne Kooperation danken wir
THE MOVIE ORGY
Mo 20.4. 18:00
USA 1968, Farbe + sw, DCP, E, 276' (mit Pause) REGIE und SCHNITT Joe Dante.
« The Movie Orgy ist ein legendäres FoundFootage-Feuerwerk von Joe Dante – einem der bedeutendsten Genies des Genrekinos. Im Jahr 1968 nahm sich der Regisseur einer enormen Menge von 16-mm-Filmen an und schuf mithilfe des Produzenten Jon Davison und mit grosser Detailliebe den wahrscheinlich weltweit ersten Found-Footage-Megamix. The Movie Orgy besteht aus Werbespots, Wochenschauen, Filmausschnitten, TV-Pannen und vielem mehr und ist ein prominentes kulturelles Artefakt sowie ein psychedelischer Strudel aus zusammengemischter Grossartigkeit.» (americangenrefilm.com)
«Waren die ersten Inkarnationen noch nachtfüllend, dauerten spätere manchmal bloss drei Stunden; zudem fand über die Jahre stets neues Material Eingang in die Montagen wie etwa John Waynes Anti-Counter-CultureAxiom The Green Berets . In den 2000ern begann Dante mit der Arbeit an einer nunmehr rund viereinhalbstündigen Fassung letzter Hand, die den politisch hellwachen Geist dieses anarchistischen Collage-Projekts weiterreicht. Zu entdecken gilt es hier: einen Pilotberg des Weltkinos.» (R.H., Österreichisches Filmmuseum, Sep 2013)
THE HOWLING
So 12.4. 20:30 Do 23.4. 18:30
USA 1981, Farbe, 35 mm, E/d/f, 91' REGIE Joe Dante DREHBUCH John Sayles, Terence H. Winkless, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Gary Brandner KAMERA John Hora MUSIK Pino Donaggio SCHNITT Joe Dante, Mark Goldblatt MIT Dee Wallace, Patrick Macnee, Dennis Dugan, Christopher Stone, Belinda Balaski, Elisabeth Brooks, Robert Picardo.
« The Howling entstand 1981, als der WerwolfFilm eine kurze Blütezeit erlebte, und mehr noch als John Landis’ An American Werewolf in London ist Joe Dantes Film wohl die Quintessenz des ganzen Subgenres. Die Story dreht sich um eine Fernsehreporterin, die sich nach der traumatischen Begegnung mit einem Serienmörder in eine abgelegene New-AgeKolonie zurückzieht, deren Mitglieder die Rückbesinnung auf die Ursprünge aber sehr eigenwillig auffassen. Dass der Film sowohl als schräge Satire auf den Esoterik-Boom wie auch als handfester Horrorfilm funktioniert, verdankt er neben Dantes sicherer Regie und den immer noch erstklassigen Effekten von Rob Bottin vor allem auch dem Drehbuch von John Sayles. (…) Neben gestandenen Genregrössen (Kevin McCarthy, Kenneth Tobey, John Carradine) in Nebenrollen gibt es eine Fülle von Cameo-Auftritten zu entdecken (Roger Corman, Forrest Ackerman und Sayles selbst als Leichenbeschauer). (…) Kaum jemand hat sich in den letzten Jahrzehnten so um das Erbe des klassischen Horror- und Monsterfilms verdient gemacht wie Dante, und so überrascht es kaum, dass The Howling auch heute noch Fanherzen höherschlagen lassen kann.» (Florian Prasser, traumathek.de)
GREMLINS
Sa 4.4. 20:45 Sa 18.4. 18:30
USA 1984, Farbe, 35 mm, E/d/f, 106 REGIE Joe Dante DREHBUCH Chris Columbus, Charlie Haas KAMERA John Hora MUSIK Jerry Goldsmith
SCHNITT Tina Hirsch, Kent Beyda MIT Zach Galligan, Phoebe Cates, Hoyt Axton, Francis Lee McCain, Polly Holliday, Dick Miller, Judge Reinhold, John Louie, Keye Luke, Scott Brady.
«Joe Dantes urkomische, überdrehte Horrorkomödie lässt in einer gemütlichen Vorstadtkulisse Mensch und Tier munter gegeneinander antreten. Zach Galligan spielt den unglücklichen Teenager, der zu Weihnachten den ach so liebenswerten Mogwai Gizmo geschenkt bekommt, die Anweisungen, ihn nicht nass zu machen oder nach Mitternacht zu füttern, völlig missachtet und zusammen mit seiner Freundin Phoebe Cates zusieht, wie sich das Chaos entfaltet, als der süsse Kerl mit den Kulleraugen daraufhin böse Kobolde gebiert. (…) Dantes Satire über Kreaturen, die in einer verschneiten Spielberg-Vorstadt Amok laufen, nimmt das weihnachtliche Milieu von Capras It’s a Wonderful Life und tränkt es mit cartoonhaftem Gemetzel, anarchischer Komik und einem Mass an fröhlicher Subversion, die niemandem verborgen bleibt.»
INNERSPACE
Sa 4.4. 15:00 Sa 2.5. 18:15
USA 1987, Farbe, 35 mm, E/d/f, 120 REGIE Joe Dante DREHBUCH
«Dem Supermarktangestellten Jack wird unbemerkt eine Injektion verpasst – die allerdings ursprünglich für einen Hasen vorgesehen war –, in der sich ein bis auf mikroskopische Grösse verkleinerter Navy-Kapitän samt miniaturisiertem U-Boot befindet, mit dem dieser nun durch die Blutbahn seines Wirts reist. Fortan teilen sich also zwei Menschen einen Körper. Über ein in seinem Trommelfell installiertes Aussenbordmikro (…) kann Jack mit dem geschrumpften Soldaten Tuck kommunizieren, der ihm als Personal Trainer Ratschläge erteilt, wie seine Häscher auszuschalten sind, denn die Miniaturisierungstechnik ist auf dem Schwarzmarkt heiss begehrt.» (Sassan Niasseri, rollingstone.de, Aug 2025) «Zwei in einem, fast so, als wäre Hyde im Körper von Jekyll gefangen oder eher Dean Martin im Körper von Jerry Lewis. Umso mehr, als hier, als zusätzliche und unwiderstehliche komische Wendung, der Körper, der als Wirt für das Experiment dient, der eines scheinbar unheilbaren Hypochonders ist. Das Ergebnis ist ein doppelt starker BurlesqueEffekt über den gesamten Film sowie eine ebenfalls doppelte und synchrone Handlung zwischen aussen und innen und die typisch amerikanische Ansicht: Jedes psychische Problem findet seine Lösung in Physischen.» (Bernard Benoliel, Cinémathèque française, Mrz 2017)
35 mm GREMLINS 1+2 DOUBLE FEATURE!
Sa 18.4.
18:30 GREMLINS
Joe Dante, USA 1984
20:45 GREMLINS 2: THE NEW BATCH
Joe Dante, USA 1990
Vergünstigte Double Feature-Tickets sind nur an der Kinokasse erhältlich. In Zusammenarbeit mit
«Steven Spielberg, der den Film produziert hat, demontiert die Idylle, die er bei seinen eigenen Filmen nicht antasten würde – eine solche Anarchie wie in den Gremlins wäre bei E.T. the Extra-Terrestrial nicht denkbar.»
(C. Hartung, christophhartung.de)
Goldsmith
SCHNITT Kent Beyda, Michael S. Moore MIT Dennis Quaid, Martin Short, Meg Ryan, Kevin McCarthy, Fiona Lewis, Vernon Wells, Robert Picardo, Wendy Schaal, Harold Sylvester, William Schallert, Henry Gibson, John Hora.
THE HOWLING
GREMLINS
THE ’ BURBS
Di 28.4. 21:00 Mi 13.5. 15:00 USA 1988, Farbe, DCP, E/d*, 102
REGIE Joe Dante DREHBUCH Dana Olsen KAMERA
Robert Stevens MUSIK Jerry Goldsmith SCHNITT Marshall Harvey MIT Tom Hanks, Bruce Dern, Carrie Fisher, Rick Ducommun, Corey Feldman, Wendy Schaal, Henry Gibson, Brother Theodore, Courtney Gains, Gale Gordon, Dick Miller, Cory Danziger.
In einer beschaulichen Vorstadt-Sackgasse werden Ray Peterson (Tom Hanks) und seine Nachbarn misstrauisch gegenüber der neu zugezogenen Familie Klopek. Aus deren Keller dringen unheimliche Geräusche, und nachts graben sie im Garten und entsorgen heimlich verdächtig grosse Müllsäcke. Als Rays älterer Nachbar Walter spurlos verschwindet, wächst der Verdacht, die Klopeks könnten ihn ermordet haben (tb)
«Dem Studio schwebte seinerzeit eine Parodie zu Hitchcocks Rear Window vor. Doch Dante sah das anders: ‹Für mich war es mehr eine Verhaltenskomödie über Menschen unter Stress›, erläutert der Regisseur. (…) Und so zeigt er Tom Hanks am Rande des Nervenzusammenbruchs, getrieben von einer Mischung aus Langeweile und Hysterie. Die wahren Monster sind nicht die vermeintlich teuflischen Klopeks, sondern deren ach so brave Nachbarn. Die Vorstadt als Vorhölle. Doch Dante wäre nicht Dante, wenn er es bei dieser Binsenweisheit beliesse. Und so bricht am Ende das wahre Inferno los.» (Falk Straub, Kino-Zeit, Mai 2025)
GREMLINS 2 THE NEW BATCH
Sa 11.4. 20:45 Sa 18.4. 20:45 USA 1990, Farbe, 35 mm, E/d/f, 106 ' REGIE Joe Dante DREHBUCH Charlie Haas, nach den Figuren von Chris Columbus KAMERA John Hora MUSIK Jerry Goldsmith SCHNITT Kent Beyda MIT Zach Galligan, Phoebe Cates, John Glover, Robert Prosky, Robert Picardo, Christopher Lee, Haviland Morris, Dick Miller, Jackie Joseph, Keye Luke, Gedde Watanabe, Don Stanton.
Sechs Jahre sind ins Land gegangen, seit die Gremlins Kingston Falls in Schutt und Asche gelegt haben. Billy und Kate leben inzwischen in New York und arbeiten im Hightech-Wolkenkratzer des Medienmoguls Clamp. Dort stösst Billy auf den liebenswerten Mogwai Gizmo, der unter fragwürdigen Laborbedingungen festgehalten wird. Als Gizmo entkommt und durch einen unglücklichen Zufall mit Wasser in Berührung kommt, ist das Unheil vorprogrammiert: Eine neue Generation Gremlins entsteht –verrückter, frecher und unberechenbarer als je zuvor. Die Plagegeister übernehmen den Gebäudekomplex und nutzen modernste Technik für ihren anarchischen Spass. Goodbye New York! Joe Dantes Fortsetzung steigert den Wahnsinn mit bissiger Satire, Meta-Gags und Musical-Einlagen zu einem grellen Angriff auf Lachmuskeln und Medienwelt zugleich. (Filmpodium)
MATINEE
Do 16.4. 19:30
Do 30.4. 15:00 Sa 9.5. 18:30
USA 1993, Farbe, 35 mm, E/d*, 99
REGIE Joe Dante DREHBUCH Charlie Haas
KAMERA John Hora MUSIK Jerry Goldsmith
SCHNITT Marshall Harvey MIT John Goodman, Cathy Moriarty, Simon Fenton, Omri Katz, Lisa Jakub, Kellie Martin, Jesse Lee, Lucinda Jenney, James Villemaire, Robert Picardo, Jesse White, John Sayles.
«Während der spannungsgeladenen zwei Wochen der Kubakrise im Oktober 1962 sind die Brüder Gene und Dennis begeistert, als sie erfahren, dass nicht nur ein neuer Horrorfilm im lokalen Kino gezeigt wird, sondern dass auch der aussergewöhnliche Showman Lawrence Woolsey anwesend sein wird, um seine neueste Attraktion ‹Atomo Vision› zu testen. Woolsey ist ein zweitklassiger Produzent von drittklassigen Filmen, der seine Ware mithilfe von Gimmicks verkauft, und er stattet das Kino mit allerlei elektronischer Zauberei aus, um das Erlebnis zu optimieren, sehr zum Leidwesen seines unbeeindruckten Managers. Doch als der Abend der grossen Show näher rückt, spitzt sich die Gefahr einer nuklearen Vernichtung zu ...» (Tim Greaves, cinemaretro.com)
«Mit der Figur Woolsey würdigt Dante den ‹Gimmick-Regisseur› William Castle. Als Erfinder verrückter pseudotechnischer Verfahren (…), die eher Werbegags als technologische Fortschritte waren, ist William Castle ein Idol von John Waters oder Robert Zemeckis – er verkörpert ein unabhängiges, publikumswirksames Kino, das mit einem Augenzwinkern eine Komplizenschaft mit den Zuschauer:innen eingeht. Der Film ist zugleich Hommage an diese Art von Unschuld, an ein scheinbar argloses Amerika, an eine goldene Ära, deren Ende die Kubakrise, in der der Film spielt, einläutete.» (Olivier Gonord, Cinémathèque française, Mrz 2017)
MATINEE MIT JOE DANTE
Do 16.4. 19:30
Joe Dante im Gespräch, auf Englisch Joe Dante zählt zu den filmkundigsten und verspieltesten Regisseur:innen des amerikanischen Kinos. Von frühen Arbeiten wie dem Found-Footage-Spektakel THE MOVIE ORGY über die anarchisch-selbstreferenziellen GREMLINS -Filme bis hin zu der beissenden Satire SMALL SOLDIERS reflektiert sein Werk stets unsere Beziehung zum Kino wie zur Populärkultur.
Dantes Komödie MATINEE aus dem Jahr 1993 ist in dieser Hinsicht möglicherweise sein grösster und persönlichster Film, eine Meditation über die Rolle, die Horrorfilme in unserem Leben spielen, und eine Hommage an seine eigene Kindheit mit all den aufsehenerregenden B-Movies der 1950er-, 1960er-Jahre. Am 16. April ist der Meister im Anschluss an MATINEE im Filmpodium zu Gast und spricht über seine Filme und sein Leben.
Online-Vorverkauf: ab 23.3. 11:00 Kinokasse ab 1.4. 14:30
THE SECOND CIVIL WAR
Mi
«So kommt es, wenn die repräsentative Demokratie durch Lobbyisten und andere Cliquenwirtschaftler missbraucht wird: Irgendwann ist die Nation nicht mehr regierbar. Die United States dieser sehr nahen Zukunft sind dabei, in Dutzende von Kleinstaaten zu zerfallen – und damit wieder auf dem Weg zurück in jene Zustände, die man seit dem 18. Jahrhundert überwinden wollte. Als ein Bundesstaat, Idaho, seine Grenzen schliesst, um nach einer Katastrophe in Pakistan nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen zu müssen, zeichnet sich ein neuer Krieg zwischen den Staaten ab. Joe Dantes Brandrede zur Lage der Welt – denn nur der engstirnigste Provinzler kann glauben, hier ginge es allein um The Home of the Brave, wenn etwa zur gleichen Zeit Bruderkriege im Balkan tobten oder der Kommunalismus immer tiefere Gräben durch Indien zog. The Second Civil War : ein politisches Lehrstück von zeitloser Relevanz –und eine der grossen Satiren der Gegenwart.» (R.H., Österreichisches Filmmuseum, Sep 2013)
SMALL SOLDIERS
Sa 25.4. 15:00 Do 7.5. 18:30 USA 1998, Farbe, 35 mm, E/d*, 108 REGIE Joe Dante DREHBUCH Gavin Scott, Adam Rifkin, Ted Elliott, Terry Rossio KAMERA Jamie Anderson MUSIK Jerry Goldsmith SCHNITT Marshall Harvey, Michael Thau MIT Gregory Smith, Kirsten Dunst, David Cross, Jay Mohr, Phil Hartman, Kevin Dunn, Tommy Lee Jones, Frank Langella.
« Small Soldiers ist kein Kinder-, sondern ein humorvoller Actionfilm. Es geht um ein paar Plastiksoldaten, die sich plötzlich selbstständig machen und Krieg gegen andere Puppen und schliesslich auch gegen Menschen führen. Und das erstaunlich effektiv. Grund: Ihnen wurde ein Hightech-Computer-Chip eingepflanzt, der ursprünglich aus der Rüstungsindustrie stammt. (…) Small Soldiers ist, kein Zweifel, ein B-Movie, aber ein guter, weil er auf Zuschauererwartungen und Political Correctness keine Rücksicht nimmt. Eine Satire für Erwachsene und ein Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Der Film berührt mit alldem etwas Fundamentales, zum Teil Unbewusstes. Wovon unter der Oberfläche auch erzählt wird, ist, wie die Kulturindustrie Krieg führt gegen alte Werte, wie die alten Pionierideale Amerikas und die Tugenden des zweiten Roms in der Rambowelt versagen (…), wie Barbies und Terminators das Mainstream-Small-Town-Amerika erobern.» (Rüdiger Suchsland, artechock.de)
Joe Dante DREHBUCH
Martyn Burke KAMERA Mac Ahlberg MUSIK Hummie Mann SCHNITT Marshall
Harvey MIT Beau Bridges, Joanna Cassidy, Phil Hartman, James Earl Jones, James Coburn, Dan Hedaya.
DREHBUCHAUTORIN, HANDWERKERIN, KOMPLIZIN
Ein viel zu unbekannter Name zieht sich wie ein roter Faden durch die italienische Nachkriegs-Filmgeschichte: Suso Cecchi D’Amico, Drehbuchautorin einer Nation. Vom Neorealismus-Klassiker Ladri di biciclette bis zu I soliti ignoti, der die Commedia all’Italiana einläuten sollte, von Viscontis opulenten Historiendramen bis zu Rosis politischer Schärfe – fast jedem Genre, fast jeder italienischen Regiegrösse lieh Cecchi D’Amico im Laufe ihrer sechzigjährigen Karriere ihr herausragendes erzählerisches Gespür. Wie nebenbei krempelte sie eine Männerdomäne um und schrieb Filmdiven wie Anna Magnani oder Sophia Loren einige ihrer ikonischsten Figuren auf den Leib. Ihre Stoffe fand sie bei Dostojewski und Casanova genauso wie in den Strassen Roms; sie sprach mit Arbeiter:innen und Gefängnisinsass:innen, wühlte sich durch Gerichtsakten und trotzte der staatlichen Zensur, wo sie nur konnte. Mit derselben Furchtlosigkeit wagte sie sich an solch epochale Werke wie Lampedusas Roman «Il Gattopardo» –und kürzte dabei auch mal radikal das Ende weg. Anlässlich unserer Retrospektive spricht Schauspielhaus-Co-Intendantin Pınar Karabulut am 9. April mit der Filmemacherin Andrea Štaka über ihre eigene gefeierte Adaption von «Il gattopardo» und würdigt Suso Cecchis D’Amicos Arbeit für den grossen italienischen Filmklassiker.
«Signora D’Amico, wie würden Sie selbst ihre Arbeit als Drehbuchautorin beschreiben?», eröffneten Stefan Grissemann und Michael Omasta einst ihr Interview mit Suso Cecchi D’Amico. Ihre Antwort findet sich im Titel eines Dokumentarfilms von Enzo Monteleone aus dem Jahr 2001: «Sono solo un artigiano» –«Ich bin nur ein Handwerker». Eine bescheidene Auskunft, die, neben Cecchi D’Amicos beispiellosem Werk, auch wiederholt zu Nachfragen anstiftete. Welche Geheimnisse könne man ‹la signora del cinema italiano› wohl entlocken? Das Ergebnis: Konkretes und Vages zugleich. Und immer wieder ist der Name der US-amerikanischen Stummfilmschauspielerin und Autorin Jeanie MacPherson zu vernehmen, die eine enge Zusammenarbeit mit Cecil B. DeMille verband. MacPherson zufolge habe jede Szene drei Momente zu vereinen: Sie muss ein Thema abschliessen, ein eigenes etablieren und ein nächstes eröffnen. «It’s a lesson I have always treasured», resümiert Cecchi D’Amico, die sich die Kunst des Drehbuchschreibens selbst erschlossen hat, in einem Gespräch mit dem New Yorker Filmmagazin CINÉASTE.
Der Besuch des Regisseurs und Drehbuchautors Enzo Monteleone bei Cecchi D’Amico in Rom gewährt derweil Einblicke
in die Werkstatt jener Handwerkerin samt ihren Werkzeugen. Zu sehen: ihre schwarze 1938 Olivetti, Geburtsstätte aller Drehbücher, sowie zahlreiche Romane – vor allem Dostojewski und Tolstoi. Eine gewichtige Funktion nehmen auch die Sitzgelegenheiten ein, zentral und doch unscheinbar arrangiert um einen Tisch mit einem mächtigen Aschenbecher. Es ist der Ort, an dem sich Autorenschaft und Regie versammelten, um über Wochen und Monate an Dialogen und Szenen zu feilen. Visconti etwa liebte seinen eigenen Platz, währenddessen Assistenten wechselten und wanderten. «Every film has its story», sagt Cecchi D’Amico. Und eigene Erfordernisse. Galt es für Rocco e i suoi fratelli (1960) nach Monaten des Schreibens den süditalienischen Zungenschlag mittels zusätzlicher Autoren zu kreieren, fiel die Sprache in Nella città l'inferno (1959) mit Cecchi D’Amicos enger Freundin Anna Magnani der Zensur zum Opfer: Kein Fluchen, kein Kraftausdruck durfte aus dem römischen Frauengefängnis dringen. Dennoch vermitteln sich Umgangston, Befindlichkeiten und Konflikte unzweifelhaft.
Gespür für Gegenwart und Geschichte
Die Drehbücher Suso Cecchi D’Amicos sind minutiös ausgearbeitet und doch stets nur als Basis gedacht für die Bilder, die aus ihnen entstehen sollen: «The screenwriter has to create the best circumstances for the director, to put him in the position of doing his best work and not create difficulties for him.» Dazu setzt sie seit jeher auf Kollaboration. Beispielhaft hierfür steht einer von Cecchi D’Amicos ersten und auch erfolgreichsten Filmen: Ladri di biciclette (1948) von Vittorio De Sica. Nach monatelangen Vorbereitungen begaben sich Cecchi D’Amico und ihre Freunde («We were fanatics») mit von den Amerikanern abgekauftem Filmmaterial auf Streifzüge durch die Strassen des zerstörten Roms. Von Luigi Bartolinis Roman, auf dem der Film lose basiert, blieb lediglich die Idee eines gestohlenen Fahrrads. Konstruktion, Spannungsbogen, Ende – sie alle stammen von Cecchi D’Amico. Situationen wie die des Diebs, der zwischen Häusern und umringt von Nachbarn, einen epileptischen Anfall erlebt oder simuliert, gehen auf Beobachtungen zurück. Alle Schauspieler sind Laien, die weniger spielen, als dass sie an ihrem Leben und ihrer Persona teilhaben lassen. Ladri di biciclette zeichnet das Bild verzweifelter, doch ungebrochener Menschen. Im Verweben alltäglicher Bilder mit einer psychologisch fein ausgearbeiteten Erzählung – in dessen Mittelpunkt hier die Beziehung eines Vaters zu seinem Sohn steht – zeigt sich die Qualität der Bücher Suso Cecchi D’Amicos: ein Gespür für die Gegenwart, die sich auf Figuren niederschlägt und diese gleichzeitig hervorbringt. Jenes Gespür äussert sich gleichsam im Umgang mit historischen Stoffen. In Senso (1954) von Luchino Visconti, mit dem sie bis auf zwei Ausnahmen all seine Drehbücher schrieb, entwickelt sie das Psychogramm der Contessa Livia Serpieri (Alida Valli), einer so unglücklich wie leidenschaftlich Verliebten. Angesiedelt im Venedig zur Zeit des Risorgimento, ist Serpieri – wie ganz Italien – einem inneren Umbruch unterworfen: zerrieben zwischen Besatzung und Unabhängigkeit, zwischen einer obsessiven Hingabe an den österreichischen Offizier Franz Mahler (Farley Granger) und der Bewunderung für ihren für die Nation kämpfenden Cousin. In einer Szene, die laut Cecchi D’Amico nicht realisiert werden konnte, quert die Contessa im Liebesrausch das Schlachtfeld als Ausdruck ihres fatalen, konfliktbehafteten Begehrens. Senso treibt seine Protagonistin bis zum Äussersten –und gibt ihr doch ihr Schicksal in die Hand.
Zwischen Drama und Komödie Solch Hingabe prägt ebenfalls Roberta (Eleonora Rossi Drago) in Valerio Zurlinis eleganterotischem Estate Violenta (1959). Zunächst zögerlich, doch bald umso heftiger lässt sie
sich auf eine Romanze mit dem jüngeren Carlo (Jean-Louis Trintignant) ein, dabei stets um die Grenzüberschreitung in ihrer Rolle als Mutter und Witwe wissend. Zurlini inszeniert Bilder von de-Chirico-hafter Intensität: kontrastreich und von einer Tiefe, die gleichzeitig wesentliche Elemente drapiert und ineinanderschiebt, Beziehungen und Konflikte sichtbar macht, ohne viele Worte zu gebrauchen. In Mario Monicellis Caro Michele (1976) beweist Cecchi D’Amico ihr komödiantisches Talent. Tatsächlich benennt sie die Komödie als ihr liebstes Genre sowie Monicelli als einen ihrer liebsten Regisseure. Der Film adaptiert Natalia Ginzburgs gleichnamige Erzählung, die in Teilen die Struktur eines Briefromans aufgreift. Emsigste Verfasserin ist Mara (Mariangela Melato), die, möglicherweise, gerade das Baby des Empfängers aufzieht. Dabei rasselt sie von einer Misere in die nächste, hält es nirgendwo lange aus und strapaziert ebenso die Nerven aller, die ihren Weg kreuzen. Mara plant weder Zukunft noch reflektiert sie Gewesenes. Caro Michele handelt von einem permanentem Jetzt, in dem zu vieles gleichzeitig geschieht, was in endlose Missgeschicke und Missverständnisse mündet. Der Witz entsteht aus Rhythmus und Geschwindigkeit, gegenläufigen Tempi oder grotesken Parallelen. Sowie: im Team. Zu mehreren kommen die Scherze laut Cecchi D’Amico besser zu Papier – und können auch direkt getestet werden.
Einem für Humor unbegabten Regisseur nützt jedoch auch die beste Vorlage nichts. Mit Michelangelo Antonioni schrieb sie La signora senza camelie (1953) als Komödie und zeigte sich vom ganz und gar ernsthaften Ergebnis schockiert. Die folgende Kooperation – Le amiche (1955) nach Cesare Pavese über eine bourgeoise, distanziert-bewegte Verflechtung Turiner Frauen – beendete die Zusammenarbeit. Antonionis unverwechselbare Bildsprache entwickelte sich erst später.
Radikale Wirklichkeitskonstruktion
Manch neue, radikale Form prägte Suso Cecchi D’Amico entscheidend mit. Ihre Begabung, «mit den Augen zu schreiben» und diese gleichzeitig mit einem traditionellen, linken politischen Engagement zu verknüpfen, demonstrierte sie bereits zu Zeiten des Neorealismus, dem nicht zuletzt eine journalistische Dringlichkeit zugrunde lag: «At that time, there were no papers – had there been newspapers or magazines, maybe many of us would have become journalists.» Dieselbe investigative Verve brachte sie in ihre zahlreichen Zusammenarbeiten mit Francesco Rosi ein. In Salvatore Giuliano (1962) rekonstruiert sie die Fakten um den einst in Sizilien verehrten Volkshelden, dessen enge Beziehungen mit der Mafia sich erst posthum offenbarten. In einer Mischung aus Gerichtsdrama, dokumentarisch anmutender Recherche und Krimi wechselt der Film wiederholt die Zeitebenen, operiert mutig, innovativ und anspruchsvoll. Grundlage war eine Einsicht der Akten, auf die sich Salvatore Giuliano akribisch bezieht.
Auch hier speist sich Cecchi D’Amicos Arbeit aus Beobachtung, der Auseinandersetzung mit Sprache sowie einem Schöpfen aus einem reichhaltigen Reservoir literarischer Gestalten. «Read, because that’s your all. Read, read, read», entgegnete sie in CINÉASTE auf die Frage, was sie jungen Drehbuchautoren raten würde. In einem anderen Interview wurde sie konkreter: «I’ve always said stealing from literature is important. Take Dostoevsky for example. We have stolen so much from him.»
Carolin Weidner ist freie Filmjournalistin und Gremiumsmitglied (Berlinale Forum, DOK Leipzig). Gelegentlich leitet sie Schreibworkshops und gestaltet historische Filmprogramme. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln.
Essay von Carolin Weidner
ANNA MAGNANI UND SUSO CECCHI D AMICO
L’ONOREVOLE ANGELINA
Do 2.4. 20:45 Mo 20.4. 15:00
So 26.4. 18:30
Italien 1947, sw, 35 mm, I/e, 92 ' REGIE Luigi Zampa DREHBUCH Piero Tellini, Suso Cecchi D’Amico, Luigi Zampa KAMERA Mario Craveri MUSIK Enzo Masetti SCHNITT Eraldo Da Roma MIT Anna Magnani, Nando Bruno, Ave Ninchi, Agnese Dubbini, Ernesto Almirante, Franco Zeffirelli. «Magnani liefert in diesem mitreissenden, volksnahen Stück Neorealismus eine grossartige Leistung ab. Sie spielt eine Mutter von fünf Kindern in der römischen Borgata Pietralata, die erstmals auffällt, als sie mit einer Gruppe von Frauen gegen einen Schwarzmarkthändler vorgeht, der Lebensmittelrationen vorenthält. Von dort aus wird sie zur Anführerin einer von Frauen getragenen politischen Revolution.» (Film at Lincoln Center) « L’onorevole Angelina ist der erste und einzige Film, bei dem Magnani als Co-Drehbuchautorin genannt wird, obwohl sie auch bei einer Reihe anderer Filme Änderungen am Drehbuch bewirkte. Es war auch ihre erste Zusammenarbeit mit der prominentesten Drehbuchautorin des italienischen Nachkriegskinos, Suso Cecchi D’Amico, die (…) zu einer langjährigen beruflichen Weggefährtin und engen Freundin Magnanis werden sollte.» (Tony Mitchell, Film Criticism)
REGIE Vittorio De Sica DREHBUCH Cesare Zavattini, Oreste Biancoli, Suso Cecchi D ’ Amico, nach dem Roman von Luigi Bartolini KAMERA Carlo Montuori MUSIK Alessandro Cicognini SCHNITT Eraldo Da Roma MIT Lamberto Maggiorani, Enzo Staiola, Lianella Carell, Gino Saltamerenda, Vittorio Antonucci. Rom, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg: Der arbeitslose Antonio Ricci findet endlich einen Job als Plakatkleber. Kaum hat er die ersten Plakate geklebt, wird das für den Broterwerb unerlässliche Fahrrad gestohlen. Verzweifelt zieht Ricci gemeinsam mit seinem Sohn Bruno durch Rom, um sein Fahrrad zu finden. (Filmpodium)
«Die Arbeit am Drehbuch fand auf Streifzügen durch Rom mit Zavattini und De Sica statt, auf der Suche nach Motiven, die das Elend der Nachkriegszeit greifbar machten. Cecchi D’Amico war sofort der Meinung, dass das Ende des Films unvollständig sei (…) und brachte die Idee auf, dass der bestohlene Mann in seiner Verzweiflung selbst zum Dieb wird.» (Antonio Farisi, L’osservatore romano, 31.7.2020)
ROMAN HOLIDAY
Fr 3.4. 15:00 Fr 17.4. 18:15 Fr 15.5. 15:00
USA 1953, sw, 35 mm, E/d/f, 118
REGIE William Wyler DREHBUCH Ian McLellan Hunter, John Dighton, Suso Cecchi D’Amico, Ennio Flaiano, nach einem Script von Dalton Trumbo KAMERA Franz F. Planer, Henri Alekan MUSIK Georges Auric SCHNITT Robert Swink MIT Gregory Peck, Audrey Hepburn, Eddie Albert, Hartley Power, Laura Solari, Harcourt Williams, Margaret Rawlings, Tullio Carminati, Paolo Carlini, Claudio Ermelli, Heinz Hindrich, Paola Borboni.
«Hepburn spielt (in ihrer ersten und sogleich Oscar-ausgezeichneten Hauptrolle) eine Prinzessin, die vor lauter formellen und diplomatischen Pflichten kreuzunglücklich ist und sich so während eines Staatsbesuchs in Rom kurzerhand aus dem Staub macht. Dabei begegnet sie ausgerechnet dem amerikanischen Journalisten Joe Bradley. Als dem klar wird, wen er da angetroffen hat, wittert er die grosse Story: Den Ahnungslosen spielend, begibt er sich mit der Prinzessin auf einen ereignisreichen Tagesausflug quer durch die Stadt, bei dem schliesslich – trotz aller Professionalität – gewisse romantische Gefühle nicht ausbleiben.» (filmszene.de)
Cecchi D’Amicos Handwerkskunst zog bereits früh internationale Aufmerksamkeit auf sich. Sie und Ennio Flaiano wurden von Hollywoodregisseur William Wyler für eine Überarbeitung des Drehbuchs engagiert, um Roman Holiday das notwendige italienische Flair und eine authentischere Darstellung der Stimmung im Rom der 1950er-Jahre zu verleihen. Unter anderem soll die ikonische Vespa-Fahrt Flaianos und Cecchi D’Amicos Feder entstammen – namentlich genannt wurden sie jedoch nur in der italienischen Fassung des Films. (lf)
PECCATO CHE SIA UNA CANAGLIA
So 5.4. 15:00 Fr 1.5. 20:45
Italien 1954, sw, DCP, I/d*, 95 ' REGIE Alessandro Blasetti DREHBUCH Alessandro Continenza, Suso Cecchi D’Amico, Ennio Flaiano, Sandro Continenza, nach der Geschichte «Il fanatico» von Alberto Moravia KAMERA Aldo Giordani MUSIK Alessandro Cicognini SCHNITT Mario Serandrei MIT Marcello Mastroianni, Sophia Loren, Vittorio De Sica, Giorgio Sanna, Michael Simone, Umberto Melnati, Margherita Bagni, Wanda Benedetti.
«Paolo, ein Taxifahrer, kann den Diebstahl seines Autos gerade noch verhindern. Und einen der Täter hat er sogar am Schlafittchen: die schöne Lina. Die wird ihm auf dem Weg zur Polizei zwar entwischen, geht ihm danach aber nicht mehr aus dem Kopf. So ist er denn auch froh, als er sie erneut trifft (…) und sie ihn ihrer Familie vorstellt: ein Klan, dessen Mitglieder alle von Gaunereien leben, was dem gutherzigen Burschen zuerst nicht so recht klar werden will.» (Olaf Möller, Österreichisches Filmmuseum)
«Wir mussten um Sophia Loren kämpfen. (…) Ennio Flaiano und ich hatten eine Geschichte geschrieben, die unseren Produzenten sehr gefiel, Peccato che sia una canaglia , aber sie wollten Lollobrigida und wir wollten Loren. Wir hatten sie in einer kleinen Rolle in einem Film von Bolognini gesehen. Niemand glaubte an sie. Aber wir setzten uns durch. Wir drohten, ihnen die Geschichte sonst nicht zu verkaufen.»
(Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
Cecchi D’Amico hatte auch die Idee, Loren gemeinsam mit Marcello Mastroianni zu besetzen, der ebenfalls kurz vor seinem grossen Durchbruch stand. Damit begann die Zusammenarbeit des Trios De Sica/Loren/Mastroianni – eines der bekanntesten und erfolgreichsten Gespanne der italienischen Filmgeschichte. (nr)
SENSO
Fr 3.4. 20:45 So 19.4. 15:00
Do 14.5. 15:00
Italien 1954, Farbe, 35 mm, I/d, 114 Technicolor-Vintage-Kopie der Kinemathek Le Bon Film REGIE Luchino Visconti DREHBUCH Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Tennessee Williams, Paul Bowles, nach der Erzählung von Camillo Boito KAMERA G. R. Aldo, Robert Krasker MUSIK Anton Bruckner (7. Sinfonie) SCHNITT Mario Serandrei MIT Alida Valli, Farley Granger, Massimo Girotti, Heinz Moog, Rina Morelli, Tonio Selwart, Marcella Mariani, Christian Marquand, Sergio Fantoni.
«Während des italienischen Befreiungskriegs verrät eine italienische Gräfin aus Liebe zu einem österreichischen Offizier ihre nationale Überzeugung und geht an diesem Konflikt zugrunde. Viscontis erster Farbfilm ist grosses Historiengemälde, filmische Oper und intensives Melodram. In Farbdramaturgie, Musik und Kameraführung ebenso wie in seiner psychologischen Charakterisierungskunst (…) gelingt ihm eine bruchlose Verbindung von individuellem Schicksal und historischpolitischem Hintergrund.» (filmdienst.de)
Cecchi D’Amico hat sich in ihrer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Visconti als Meisterin der Literaturadaption bewiesen, wobei gerade Frauenfiguren in ihrer Hand oft an Komplexität gewannen: «Bei Boito war die Gräfin viel abscheulicher, wirklich unausstehlich. Wir haben einiges geändert, ohne dabei ihren Rachewunsch zu rechtfertigen (…). Abgesehen von ihrer Figur gefiel uns die Geschichte sehr. Der Krieg, die Partisan:innen –all das spiegelte unsere damalige Zeit sehr genau wider, obwohl die Handlung im 19. Jahrhundert spielt.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
Die Parallelen zur jüngeren italienischen Geschichte und die kritische Darstellung der Armee blieben der Zensur nicht verborgen, sodass der Film stark gekürzt wurde.
LE AMICHE
Do 2.4. 15:00 Mi 29.4. 18:15 Fr 8.5. 20:30
Italien 1955, sw, DCP, I/e, 105 REGIE Michelangelo Antonioni DREHBUCH Michelangelo Antonioni, Suso Cecchi D’Amico, Alba De Cespedes, nach der Erzählung «Tra donne sole» von Cesare Pavese KAMERA Gianni Di Venanzo MUSIK Giovanni Fusco SCHNITT Eraldo Da Roma MIT Eleonora Rossi Drago, Gabriele Ferzetti, Franco Fabrizi, Valentina Cortese, Yvonne Furneaux, Madeleine Fischer, Anna Maria Pancani, Luciano Volpato, Maria Gambarelli, Ettore Manni.
«Eine Gruppe karrierebewusster Frauen der Turiner High Society in Turin hinterfragt ihr Leben und ihre Beziehungen, nachdem eine von ihnen einen Selbstmordversuch unternommen hat. Der von Cecchi D’Amico und Antonioni meisterhaft nach einer Novelle von Cesare Pavese adaptierte, straff inszenierte und schauspielerisch überzeugende Film nutzt ausdrucksstarke Kamerabewegungen und eine meisterhaft gestaltete Mise en Scène, um die existenziellen Spannungen hervorzuheben, die das moderne Frausein der Figuren prägen.» (ACMI)
«Man fährt zu Vernissagen, zum Essen oder ans Meer, und das Rad der Eitelkeiten, Intrigen und Affären dreht sich immer weiter. Antonionis existenzieller Weltschmerz lauert zwar auch hier schon hinter jeder Ecke, wird aber vom heiteren Treiben an die Wand gespielt. Le amiche zeigt Antonioni von einer wenig bekannten, aber äusserst sehenswerten Seite: So schlagfertig und schnell war der Meister später nimmer mehr.» (Reto Bühler, Xenix, Nov 2016)
ROMAN HOLIDAY
PECCATO CHE SIA UNA CANAGLIA
LADRI DI BICICLETTE
Do 16.4. 15:00 Mo 11.5. 18:30
Italien, Frankreich 1957, sw, DCP, I/e, 90 ' REGIE Luigi Comencini DREHBUCH Suso Cecchi D’Amico, Luigi Comencini, Luciano Martino KAMERA Armando Nannuzzi MUSIK Alessandro Cicognini SCHNITT Nino Baragli MIT Gastone Renzelli, Pierre Trabaud, Giancarlo Damiani, Giulia Rubini.
« La finestra sul Luna Park ist eines der verborgenen Meisterwerke des italienischen Kinos der 1950er-Jahre und der persönlichste Film, den Comencini in diesem Jahrzehnt gedreht hat. Aldo, ein im Ausland arbeitender Mechaniker, kehrt nach dem Unfalltod seiner Frau nach Hause zurück und versucht, die Beziehung zu seinem Sohn Mario wiederaufzubauen. Dieser hat während seiner Abwesenheit im sanftmütigen Tagelöhner Righetto, dem kompletten Gegenteil von Aldo, einen Ersatzvater gefunden.» (Emiliano Morreale, Il cinema ritrovato)
«Comencini schildert die Dramatik der Emigration in Italien, Ursache für so viele Gefühle der Verlassenheit. Der Wohlstand, der sich kurz darauf im ganzen Land ausbreiten wird, wird diese unüberbrückbare Kluft niemals schliessen können. Die Kamera fängt im Blick Marios eine Leere ein, die nicht von seiner kargen Umgebung herrührt, sondern von seinem Gefühl, von den Erwachsenen nicht gesehen zu werden. Das Happy End auf dem Jahrmarkt, samt Karussellfahrt und Zuckerwatte, mag vielleicht die Väter trösten, doch ganz sicher nicht die Kinder.» (Luigi Gensabella, Cinefilia ritrovata, 24.6.2025)
NELLA CITTÀ
L’INFERNO
Di 7.4. 18:30 Do 23.4. 15:00 Sa 9.5. 20:45
Italien 1958, sw, 35 mm, I/e, 105 REGIE Renato Castellani DREHBUCH Suso Cecchi D’Amico, Renato Castellani, nach einem Roman von Isa Mari KAMERA Leonida Barboni MUSIK Roman Vlad SCHNITT Jolanda Benvenuti MIT Anna Magnani, Giulietta Masina, Myriam Bru, Cristina Gaioni, Anita Durante, Renato Salvatori, Alberto Sordi, Saro Urzì.
«Dieser Film, der auf dem autobiografischen Roman ‹Via delle Mantellate› von Isa Mari sowie den akribischen Recherchen der Drehbuchautorin Suso Cecchi D’Amico basiert, ist Castellanis Vorstoss in den harten Realismus. Er folgt einer Gruppe von Frauenfiguren in einem römischen Gefängnis: Egle (Anna Magnani), eine abgebrühte Prostituierte; Lina (Giulietta Masina), ein zu Unrecht verurteiltes, verängstigtes Dienstmädchen; und Marietta (Cristina Gajoni), reumütig und unglücklich verliebt in einen jungen Mann, den sie vom Fenster ihrer Zelle aus gesehen hat. Unter Egles Anleitung wird die naive Lina zu einer gerissenen Kriminellen, doch auch Mariettas Einfluss hinterlässt seine Spuren.» (Emiliano Morreale, Il cinema ritrovato)
«Anna Magnani und ich waren sehr enge Freundinnen (…). Sie war für mich wie ein offenes Buch. Ich durfte keine Fehler machen, wenn ich für sie schrieb, das kam nicht infrage. Die Filme, die ich für sie schrieb, waren massgeschneidert.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
«Für Nella città l’inferno habe ich viel Zeit mit Diebinnen verbracht, und sie waren nett, ganz anders als die Diebe heute, wahre Handwerker:innen (…). Ich suchte Gefängnisse auf, sprach mit den Insassinnen und verbrachte viel Zeit mit ihnen.» (Suso Cecchi D’Amico, in: Scrivere il cinema)
ESTATE VIOLENTA
Sa 11.4. 18:30 So 19.4. 20:30
Fr 15.5. 18:30
Italien/Frankreich 1959, sw, DCP, I/e, 100 REGIE Valerio Zurlini DREHBUCH Valerio Zurlini, Suso Cecchi D’Amico, Giorgio Prosperi KAMERA Tino Santoni MUSIK Mario Nascimbene SCHNITT Mario Serandrei MIT Eleonora Rossi-Drago, Jean-Louis Trintignant, Jacqueline Sassard, Raffaele Mattioli, Federica Ranchi.
«Sommer 1943 – während das Kriegsgeschehen immer näher heranrückt, hat sich am Strandleben von Riccione noch nicht viel verändert. Carlo, Sohn eines faschistischen Parteibosses, der sich in der Schweiz vor dem Kriegsdienst gedrückt hatte, kehrt nach längerer Zeit wieder nach Hause zurück und wird von seinen –wie immer Party feiernden – Freunden begeistert empfangen. (…) Als eines Vormittags ein Kampfflugzeug tief über den Strand fliegt, lernt Carlo inmitten des Tumults Roberta kennen, die Witwe eines Kriegshelden – und um die beiden ist es geschehen.» (Udo Rotenberg, Die Online-Filmdatenbank)
«Der ‹klassische› italienische Kriegsfilm neigt dazu, Frauen auf den Status von Opfern zu reduzieren (…). Nicht so Eleonora Rossi Drago in Estate violenta . Ihr Verhängnis ist ihre eigene zwiespältige Loyalität, ihre eigene zügellose Libido. Als Ikone der weiblichen sexuellen Selbstermächtigung steht sie auf einer Stufe mit Cecchi D’Amicos anderer denkwürdiger Schöpfung, der erotisch gequälten Gräfin Serpieri in Senso . Das ist so skandalös – und so selbstbestimmt –, wie es eine Frau auf der Leinwand nur sein kann.»
(David Melville, Senses of Cinema)
RISATE DI GIOIA
Sa 4.4. 18:30 Mi 15.4. 15:00
Sa 2.5. 20:45
Italien 1960, sw, 35 mm, I/e, 106 REGIE Mario Monicelli DREHBUCH Suso Cecchi
D’Amico, Furio Scarpelli, Agenore Incrocci, Mario Monicelli, basierend auf den Erzählungen «Risate di Gioia» und «Ladri in chiesa» von Alberto Moravia
KAMERA Leonida Barboni MUSIK Lelio Luttazzi
SCHNITT Adriana Novelli MIT Anna Magnani, Totò, Ben Gazzara.
«Silvester in Rom. Filmkomparsin Tortorella will mit ihrem Kollegen Umberto feiern. Der hat aber versprochen, Taschendieb Lello zur Hand zu gehen. Um nicht allein zu sein, nimmt Tortorella einen Abend zu dritt in Kauf und verliebt sich Hals über Kopf in den smarten Langfinger.» (cinema.de)
«Risate di gioia ist eine federleichte Gaunerkomödie mit makelloser Besetzung, in der eine ikonische Oscarpreisträgerin, eine internationale Comedy-Legende und ein zukünftiger Weggefährte von Cassavetes für einen ausgelassenen nächtlichen Streifzug durch die Ewige Stadt zusammenkommen. Ein wiederentdecktes Juwel voller schillernden Lebens, Lust und Humor.» (Oklahoma City Museum of Art)
«Cecchi D’Amico arbeitete mit den ComedyLegenden Age & Scarpelli zusammen, um zwei Erzählungen von Alberto Moravia zu Risate di gioia zu adaptieren. (…) Cecchi D’Amicos Talent für Struktur kommt hier voll zur Geltung, sodass die schwungvolle Komödie trotz ihrer rasanten Geschwindigkeit nie ins Schleudern kommt. Magnani, die ihre Kabarettkarriere an der Seite von Totò begann, kehrt triumphierend zu ihren komödiantischen Wurzeln zurück.» (ACMI)
ROCCO E I SUOI
FRATELLI
So 12.4. 15:00 Fr 24.4. 15:00 Mi 13.5. 20:45
Italien/Frankreich 1960, sw, DCP, I/e, 177 REGIE Luchino Visconti DREHBUCH Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, Vasco Pratolini, nach dem Roman «Il ponte della Ghisolfa» von Giovanni Testori KAMERA Giuseppe Rotunno MUSIK Nino Rota SCHNITT Mario Serandrei MIT Alain Delon, Renato Salvatori, Annie Girardot, Katina Paxinou, Roger Hanin, Claudia Cardinale, Paolo
«Die Witwe Rosaria folgt mit ihrer Familie dem ältesten Sohn Rocco von Sizilien in die Industriestadt Mailand, wo sie bessere Lebensbedingungen erwartet. Die Begegnung mit der modernen italienischen Gesellschaft führt jedoch zum Zerfall der Gemeinschaft; die fünf Brüder gehen unterschiedliche Wege, Simone wird zum Gewalttäter und treibt auch den idealistischen Rocco in den gemeinsamen Untergang.» (filmdienst.de)
«Erst dachten wir daran, Rocco in Turin zu drehen, weil dort die Immigration aus dem Süden, die das Italien der 1950er so veränderte, sehr präsent war. Wir gingen nach Turin und sprachen mit den Immigrant:innen dort (…). Ihnen war immer unglaublich kalt, also gingen sie in die Boxstudios, um sich aufzuwärmen und einige Lire zu verdienen –niemand von ihnen hatte eine Zentralheizung. So kamen wir auf die Idee mit dem Boxen (…) . Wir haben auch etwas aus der Literatur gestohlen. Die Figur der Nadia beispielsweise ist von Nastassja Filippowna aus Dostojewskis ‹Der Idiot› inspiriert. Sie ist eine komplexe, wunderschöne Figur. Sie begegnet ihrem Schicksal mit viel Würde und Tapferkeit.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
SALVATORE GIULIANO
Mo 13.4. 20:45 So 3.5. 15:00 Italien 1962, sw, DCP, I/d*, 122 ' REGIE Francesco Rosi DREHBUCH Francesco Rosi, Suso Cecchi D’Amico, Franco Solinas, Enzo Provenzale KAMERA Gianni Di Venanzo MUSIK Piero Piccioni SCHNITT Mario Serandrei MIT Frank Wolff, Salvo Randone, Pietro Cammarata, Sennuccio Benelli, Bruno Ukmar, Max Cartier, Cosimo Torino.
Salvatore Giuliano liegt von Kugeln zerfetzt im Dreck eines Hinterhofs. Wer erschoss Siziliens seinerzeit berühmtesten Briganten? In Rückblenden wird die Geschichte von Giuliano erzählt. «Mit Salvatore Giuliano schuf Rosi einen semidokumentarischen Film, der an die Tradition des Neorealismus anknüpft, in der formalen Gestaltung und in der politischen Brisanz des Stoffs jedoch eigenständig ist (…). Salvatore Giuliano ist schon, was alle seine Filme sein werden: politische Aufklärung im besten Sinne.» (Bernd Kiefer, Reclam Filmklassiker)
«Wir hatten die historischen Entwicklungen um Giulianos Ermordung sehr genau verfolgt, lange bevor die Idee entstand, einen Film darüber zu drehen. Vor Produktionsstart liessen wir uns von einem renommierten Anwalt bezüglich Vorsichtsmassnahmen beraten, um uns rechtlich zu schützen, da es sich nach wie vor um brisanten Stoff handelte. Er sagte uns, dass alle Szenen, sogar die gesprochenen Dialoge, anhand der Gerichtsprotokolle belegbar sein sollten. Also studierten wir diese Akten im Detail. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie gewaltig diese Aktenberge waren.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
Stoppa.
NELLA CITTÀ L’INFERNO
ESTATE VIOLENTA
IL GATTOPARDO
Do 9.4. 19:45 Sa 25.4. 19:00
So 10.5. 15:00
Italien/Frankreich 1963, Farbe, 35 mm, I/d, 185 REGIE Luchino Visconti DREHBUCH Luchino Visconti, Suso Cecchi D’Amico, Pasquale Festa Campanile, nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa KAMERA Giuseppe Rotunno MUSIK Nino Rota; Walzer: Giuseppe Verdi SCHNITT Mario Serandrei MIT Burt Lancaster, Claudia Cardinale, Alain Delon, Serge Reggiani, Rina Morelli, Ottavia Piccolo, Pierre Clémenti, Terence Hill.
«Zur Zeit der Einigungsbestrebungen Garibaldis in Italien um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein alter Fürst arrangiert sich oberflächlich mit den aufstrebenden bürgerlich-liberalen Kräften, indem er seinen Neffen mit der Tochter des opportunistischen Bürgermeisters verheiratet. Gleichzeitig aber verweigert er seine Mitarbeit am neuen Königreich Italien. Bei einem Ball begegnen sich schliesslich alte und neue Gesellschaft zu einem grandiosen Totentanz. Ein bewegendes historisches und gesellschaftliches Panoramabild von faszinierender Schönheit und analytischer Schärfe.» (filmdienst.de)
«In Il Gattopardo (…), haben wir es geschafft, Lampedusas literarischen Stil, seine Ironie in der Filmsprache wiederzugeben. Dann wird man manchmal mutig. Wir wagten es, die Vorlage zu verraten, obwohl wir dem Roman eigentlich vollkommen treu bleiben wollten. Wir haben die beiden letzten Szenen gestrichen. Der Film endet nicht mit dem Tod des Prinzen – er deutet ihn nur an. Aber ich denke, damit wurde er dem Charakter des Buches, seiner spezifischen Atmosphäre umso treuer.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit CINÉASTE )
INFANZIA, VOCAZIONE E PRIME ESPERIENZE DI GIACOMO CASANOVA, VENEZIANO
Mi 6.5. 15:00 Di 12.5. 20:45 Italien 1969, Farbe, 35 mm, I/d/f, 123 REGIE Luigi Comencini DREHBUCH Suso Cecchi D’Amico, Luigi Comencini KAMERA Aiace Parolin MUSIK Fiorenzo Carpi SCHNITT Nino Baragli MIT Leonard Whiting, Maria Grazia Buccella, Lionel Stander, Raoul Grassilli, Senta Berger.
«Der Titel sagt schon alles: Zu sehen sind Bilder aus eineinhalb Dekaden im turbulenten Leben eines noch jungen Mannes und einer rasch alternden Stadt, Venedig. Eine Zeit, in der Casanova seinen Weg findet, schliesslich erkennt, dass nicht die Güter der Herren und ihre Himmel das Seine sind, sondern das Fleisch und die Erde. Wobei Luigi Comencini weniger von als vielmehr durch Casanova erzählt, denn: ‹Das wahre Thema des Films sind die Lebensbedingungen, die Sitten, die sozialen Verhältnisse im Venedig des 18. Jahrhunderts.› Natürlich ist der Film in alldem auch ein bittersüsser Kommentar zu den Verhältnissen der späten 1960er-Jahre, und Comencini findet sich, eigentlich ganz selbstverständlich, auf der Seite der Jugend und der Lust, des Aufbruchs.» (Olaf Möller, Österreichisches Filmmuseum)
«Die Idee, diese Memoiren zu verfilmen, wurde zu einer Obsession für mich ... Während ich mit Comencini an einem anderen Projekt arbeitete (Carlo Castellanetas Notti e nebbie), erschien der letzte Band der französischen Ausgabe von Casanovas Memoiren, und wir konnten über nichts anderes mehr reden. Also gingen wir zum Produzenten Santalucia und sagten: ‹Hören Sie, lassen Sie uns dieses Buch adaptieren und mit dem anderen Projekt sonst jemanden beauftragen.› So entstand dieser Film.» (Suso Cecchi D’Amico, in: Scrivere il cinema)
IL GATTOPARDO: ZWISCHEN FILMGESCHICHTE UND THEATERGEGENWART
Do 9.4. 18:15
Pınar Karabulut im Gespräch mit Andrea Štaka, 70', Eintritt frei
Mit ihrer Adaption von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman «Il Gattopardo» ist der Schauspielhaus-Co-Intendantin Pınar Karabulut ein Coup gelungen: Publikum und Kritik sind begeistert, und die Inszenierung wurde als eine der zehn wichtigsten Produktionen des Jahres zum Berliner Theatertreffen 2026 eingeladen. Wie aber adaptiert man einen solch epochalen Roman fürs Heute und für die Bühne? Welche Rolle spielten Luchino Viscontis Film und die Arbeit der Drehbuchautorin Suso Cecchi D’Amico dabei? Im Gespräch mit Pınar Karabulut geht die Filmemacherin und Drehbuchautorin Andrea Štaka diesen Fragen nach – und öffnet den Blick auf einen vielschichtigen Prozess der Übersetzung, Transformation und künstlerischen Entscheidung.
Vergünstigte Kombitickets für Film und Theater sind an der Kino- bzw. Theaterkasse erhältlich.
Detaillierte Infos finden Sie online.
CARO MICHELE
Do 9.4. 15:00 Mo 27.4. 18:30
Italien 1976, Farbe, 35 mm, I/e, 103 ' REGIE Mario Monicelli DREHBUCH Suso Cecchi
D’Amico, Tonino Guerra, nach dem gleichnamigen Roman von Natalia Ginzburg KAMERA Tonino Delli Colli MUSIK Nino Rota SCHNITT Ruggero Mastroianni MIT Mariangela Melato, Delphine Seyrig, Aurore Clément, Lou Castel, Fabio Carpi, Marcella Michelangeli, Isa Danieli.
Beim titelgebenden, nie gesehenen Michele handelt es sich um den jüngsten Sohn einer bürgerlichen Familie, der aufgrund seiner Verwicklung in die 68er-Bewegung aus Rom flieht. Mit Familie und Freunden bleibt er in regem Briefkontakt und bittet sie, sich seiner Ex-Freundin Mara anzunehmen, mit der er ein gemeinsames Kind zu haben glaubt –und für die Micheles biedere Familie gleichzeitig Feindbild und Überlebensgrundlage darstellt. (lf)
«Die radikalisiert-bewaffnete Linke war zu einem nicht geringen Teil im Bürgertum, der Mittel- und Oberschicht verwurzelt. Natalia Ginzburgs Briefroman ‹Caro Michele› gilt als das erste bedeutende Werk der italienischen Literatur, das sich mit diesem Phänomen beschäftigte. Monicelli scheint eine starke Nähe zu Ginzburg gespürt zu haben – zumindest wurde Caro Michele zu einem der einfühlsamsten wie zerbrechlichsten Werke seines Schaffens.» (Olaf Möller, Österreichisches Filmmuseum)
«Ich liebe ‹Caro Michele›. Wann immer Leute mich fragten, ob ich einen Roman schreiben möchte, antwortete ich: ‹Ginzburg schreibt ihn bereits für mich.›» (Suso Cecchi D’Amico, in: Scrivere con gli occhi. Il cinema di Suso Cecchi D’Amico)
Gabriel Beristain MUSIK Simon Fisher-Turner SCHNITT
George Akers MIT Nigel Terry, Tilda Swinton, Sean Bean, Dexter Fletcher, Michael Gough, Nigel Davenport, Spencer Leigh, Garry Cooper, Robbie Coltrane, Vernon Dobtcheff.
«Das Obst seiner Stillleben war überreif, die Engel auf seinen Bildern verboten verführerisch. Der queere italienische Barockmaler Michelangelo Merisi, nach seinem Herkunftsort Caravaggio genannt, übertrat in seiner Kunst, im Leben und in der Liebe Grenzen. Mit einer glänzenden Besetzung und einem Minibudget von 475’000 Pfund umriss der britische Regieavantgardist Derek Jarman Leben und Leid des seinerzeit als Mörder gesuchten Künstlers. (…) Jarman verzichtete auf historische Genauigkeit; seine Geschichte der Gefühle ist zeitlos.» (cinema.de)
Caravaggio wurde aufgrund von Finanzierungsproblemen, unzähliger Drehbuchüberarbeitungen und anderer Projekte Jarmans jahrelang immer wieder auf Eis gelegt. «Externe Unterstützung kam auf Drängen von Koproduzent Ward-Jackson und in Gestalt der renommierten Drehbuchautorin Suso Cecchi D’Amico (…). Sie sagte Jarman, dass Caravaggio kraftvoller, das Drehbuch brutaler und der Mord an Ranuccio im Zentrum der Geschichte sein müsse. Jarman fühlte sich vor den Kopf gestossen, aber vielleicht war genau das nötig (…). Während der folgenden Wochen half Cecchi D’Amico ihm, alles über Bord zu werfen, was einer Verdichtung der Geschichte und Figuren zu einem abgerundeten Ganzen im Wege stand.» (Tony Peake, in: Derek Jarman. A Biography)
IL MIO VIAGGIO IN ITALIA
Mo 6.4. 14:30
USA/Italien 1999, Farbe + sw, 35 mm, E/i+I/e, 246' REGIE Martin Scorsese DREHBUCH Martin Scorsese, Suso Cecchi D’Amico, Raffaele Donato, Kent Jones KAMERA Phil Abraham, William Rexer SCHNITT Thelma Schoonmaker.
«Vier Jahre nach seiner Reise durch den amerikanischen Film untersuchte Martin Scorsese seine zweiten filmischen Wurzeln, nämlich die im italienischen Kino. (…) Persönliche Erlebnisse und Filmgeschichte vermengen sich in dieser Doku, der man vier Stunden lang gerne folgt (…). Mit wunderbaren Filmausschnitten und Anekdoten, in denen sich Scorsese eben nicht nur als Regisseur, sondern auch als filmbegeisterter Cineast ausdrückt.» (traumathek.de)
Mit über 80 Jahren schrieb Cecchi D’Amico für den befreundeten Martin Scorcese einen Drehbuchentwurf für seine Anthologie italienischer Filme – von denen sie an vielen selbst beteiligt gewesen war. «Vor Jahren war Scorsese hier in Rom und erzählte Fellini und mir, wie das italienische Kino ihn während seiner Kindheit in New York geprägt hat. Fellini schlug ihm vor, einen Film darüber zu drehen, und wir haben gemeinsam daran gearbeitet. Dieser Film ist inzwischen zu etwas viel Grösserem herangereift – aus einer Stunde sind drei geworden.» (Suso Cecchi D’Amico im Interview mit Mikael Colville-Andersen)
IL GATTOPARDO
CARO MICHELE
HONG SANGSOO
CHOREOGRAFIEN DES ALLTÄGLICHEN
Es gibt viele Möglichkeiten sein Leben durcheinanderzubringen: Mal verliebt man sich Hals über Kopf, mal strandet man in einer fremden Stadt, mal trinkt man schlicht und einfach zu viel. Willkommen in der Welt von Hong Sangsoo! Im Mittelpunkt seiner Filme stehen Regisseur:innen, Schauspieler:innen und Dichter:innen, die sich mit kleineren und grösseren Krisen konfrontiert sehen. Was erwartet man vom Leben? Wo soll es hingehen? Über diese Fragen sprechen und streiten Hongs Figuren mit grossem Ernst wie absurd-herrlicher Komik. Die einzelnen Filme mögen sich im ersten Moment ähnlich anhören, doch seit seinem Debüt 1996 variiert und spiegelt Hong seine Geschichten auf überaus lustvolle und überraschende Weise. Dabei kann er auf eine treue Truppe von Schauspieler:innen setzen, zu denen nicht zuletzt auch Isabelle Huppert gehört. Anlässlich des Kinostarts von Was diese Natur dir sagt (ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären der Berlinale 2025) widmet das Filmpodium Hong Sangsoo zum ersten Mal in Zürich eine Retrospektive und lädt zum Entdecken dieses aussergewöhnlichen Filmemachers ein.
Der englische Titel des bislang letzten der 33 Filme von Hong Sangsoo – What Does that Nature Say to You (2025, dt. Was diese Natur dir sagt) – über einen Jungschriftsteller, der zum ersten Mal die Eltern seiner Freundin besucht, scheint eine Frage zu stellen. Beim Lesen fällt jedoch auf, dass das Fragezeichen am Ende fehlt. Der Entzug des Fragezeichens lässt uns im Unklaren darüber, ob es sich bei der vermeintlichen Frage überhaupt um eine Frage handelt. Sie lässt uns eine Frage befragen, die vielleicht doch eher eine Feststellung in Form einer Frage ist, auf die es keine Antwort geben kann, da sie durch das fehlende Fragezeichen eben keine richtige Frage ist. Und trotzdem ist der Fragecharakter des Titels damit nicht neutralisiert, sondern insistiert als rätselhafte Formel fort. Man könnte auch sagen, dass es sich bei diesem schrägen Titel, der so typisch für die sehr spezielle Ironie der Filme von Hong Sangsoo ist, nicht um eine Nicht-Frage handelt. Der Titel stellt eine grosse Frage nach dem Sprachcharakter der Natur, ohne explizit zu fragen. Die Hoffnung der Zuschauer:innen, der Film werde diese Frage beantworten, wird jedoch enttäuscht. Zwar gibt es eine beeindruckende
Szene, in der der schwer verkaterte und kurz zuvor von seinen Schwiegereltern gedemütigte Jungschriftsteller nachts im Garten die Blüten eines Blumenstrauchs mit seiner Handytaschenlampe betrachtet. Doch dieser Moment ist, wie so oft bei Hong, so beiläufig und Signifikanz-entbehrend in verrauschter LowFi-Textur inszeniert, dass von einem epiphanischen Augenblick, in dem sich das Buch der Natur dem jungen Dichter romantisch offenbart, nicht die Rede sein kann. Anstatt existenzielle Sinnstiftung durch die Natur in einem prekären Moment lebensweltlicher Irritation zu erfahren, wird der junge Dichter mit dem Scheitern des Sinns konfrontiert.
Auf die Frage der Nicht-Frage folgt eine NichtAntwort. Die Natur verweigert ihm einen Ausdruck, weil er selbst nicht weiss, was er vom Leben, von der Welt und von der Natur will. Will er sich wirklich als Poet versuchen oder will er mit seinen 30 Jahren eigentlich nichts tun? Ist sein nichtsnutziges Slackertum Zeichen einer ethischen Haltung oder ist es reiner Desorientierung geschuldet?
Unterschwellige Irritationen Auf diese Fragen wird man in What Does that Nature Say to You ebenso wenig eine Antwort finden wie in allen anderen Filmen von Hong Sangsoo. So alltäglich und unaufdringlich seine Filme mit ihren immer wiederkehrenden profanen Ritualen des Redens, Essens und Trinkens auch daherkommen, so ist ihnen eine radikale Sinnverweigerung eigen, bei der sich eine Kluft zwischen Sprechen und Handeln, Signifikant und Signifikat öffnet. «Ich liebe dich» – auf Koreanisch «Saranghae» – wird dabei so oft zwischen Hongs Männern und Frauen geäussert, dass es zum trügerischsten aller Sprechakte wird. Die Authentizität des Gefühls wird durch die ironischen Wiederholungsschleifen sowie durch die illusionistische Wirkungsweise des in grossen Mengen konsumierten Alkohols in Zweifel gezogen. Bei Hong ist jedes Versprechen ein Ver sprechen, ein linguistischer Lapsus. Diese Sinnzusammenbrüche durchziehen nicht nur das gesprochene Koreanisch mit seinen fehlenden Interpunktionen, abgebrochenen Sätzen, gestammelten Liebeserklärungen und gelallten Ausrufen, sondern kontaminieren auch die Form der Filme selbst: Unmotivierte Zooms, Kameraschwenks auf nebensächliche Objekte, abrupt einsetzende Voice-overs und in den späteren Filmen ab Introduction (2021) eine bis zur völligen Verschwommenheit reichende Unschärfe sorgen für eine permanente unterschwellige Irritation. Diese amateurhaften Interventionen lassen sich jedoch nicht einer kohärenten, autorenhaften Intention zuordnen. Fragt man Hong Sangsoo etwa nach dem Grund der Zooms, die mit Tale of Cinema (2005) in seine Filme einziehen, so erhält man oft nur die Nicht-Antwort, dass er plötzlich den Impuls verspürte zu zoomen, ohne zu wissen, warum. Die Zooms sind auf gewisse Weise bedeutsam, ohne eine bestimmte Bedeutung zu vermitteln. Sie sind so asignifikant signifikant wie formlos formalistisch.
Imaginäre Filme
Als totaler Autorenfilmer, der seine Filme nicht nur selbst schreibt und produziert, sondern seit Introduction auch für Kamera, Schnitt und Musik verantwortlich zeichnet, ist Hong Sangsoo ein Autor, der nicht nur nicht weiss, warum er zoomt, sondern der seine eigenen Filme im Voraus nicht kennt. Er beginnt den Dreh nämlich schon lange ohne fertiges Drehbuch und nur mit einer kurzen Skizze – eine Produktionsmethode, die in ihrer radikalen Unbestimmtheit eine Ausnahmestellung gegenüber der Dominanz des drehbuchbasierten Filmemachens einnimmt. Diese eigentümliche Simultanität von Schreiben und Filmen, Projekt und Prozess, Idee und Ausführung prägt den jüngeren Filmen eine zufällige Flüchtigkeit auf, die von uns Zuschauer:innen in weitere imaginäre Filme fortgesponnen werden kann. Hongs Tendenz zum Skizzenhaften, Unfertigen und Vorläufigen sowie seine Weigerung, den Sinn
von Wörtern und Bildern zu fixieren, machen auch die Zuschauer:innen zu mentalen Filmemacher:innen. Aus den offenen Fragmenten von Hongs unbeantwortbaren (Nicht-)Fragen setzen sie ihre eigenen Filme zusammen. Darin liegt das unvergleichliche Vergnügen am Sehen und Hören von Hongs Filmen, deren Figuren und Formen ins Scheitern verliebt sind, die aber dennoch bei uns keine Frustration, sondern eine Lust an der Erfindung eigener (Hong-) Filme erzeugen. Beim Verlassen eines HongFilms lässt sich oft beobachten, dass die Zuschauer:innen die gesehenen Szenen völlig unterschiedlich deuten. Ist die letzte Szene von In Our Day (2023), in der sich der alternde Dichter entgegen strikten ärztlichen Verboten wieder von zwei jüngeren Fans zu Alkohol und Zigaretten verführen lässt, nun als tragischer Niedergang oder als komische Lebensbejahung zu verstehen? Beides schliesst sich gegenseitig aus, doch bei Hong sind Ernst und Lächerlichkeit oft ununterscheidbar.
Lösen Hongs Filme bei den Zuschauer:innen einen veritablen Deutungszwang aus, so hat dies nicht einfach mit der Pluralität verschiedener Interpretationsmöglichkeiten zu tun, sondern mit der antihermeneutischen Sinnverweigerung der Filme. Dadurch bringen sie eine Wucherung von Sinnzuschreibungen in Gang. Bei einem Werkensemble, das sich weniger durch die formale Geschlossenheit der einzelnen Filme auszeichnet als vielmehr durch einen unabschliessbaren Wiederholungsprozess, in dem jeder Film die vorangegangenen minimal variiert und umschreibt, entsteht durch jede Auswahl (wie jetzt in Zürich) eine neue Kombinatorik aus Filmen, Szenen und Momenten –ein Hong-spezifisches Déjà-vu. Da Hong Sangsoo mit einem verschworenen Team von Stammschauspieler:innen arbeitet, die in ähnlichen Rollen und Konstellationen wiederkehren, stellt sich oftmals der leicht halluzinatorische Eindruck ein, eine Szene schon in früheren Filmen gesehen zu haben, sie aber in der Zwischenzeit vergessen zu haben und sie durch die Wiederholung wieder zu erinnern. Während die erinnernde Wiederholung dem Vergessen entgegensteht, gibt es bei Hong aber auch den Modus einer Wiederholung, die durch das Vergessen in Gang gebracht wird. In Tale of Cinema , der nicht nur durch seine Film-im-Film-Struktur in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselstellung in Hongs Filmografie einnimmt, wird der Film wiederholt, weil die Erinnerung an den Film vielleicht schon vergessen ist. Das mag bei einem Regisseur nicht überraschen, bei dem Alkoholrausch und die dadurch bedingte Amnesie im Zentrum der alltäglichen Praxis stehen. Figuren wiederholen frühere Ereignisse in dem Bewusstsein ihrer Neuartigkeit, da sie sich aufgrund des Filmrisses schlicht nicht mehr an das Vergangene erinnern können. «Ich kann mich nicht erinnern» ist ein Satz, der in Hong-Filmen häufig fällt. Manchmal scheint es sich wie etwa in The Day He Arrives (2011) so zu verhalten, dass der Film sich quasi selbst vergisst und daher immer wieder in einem Loop in derselben Bar landet. Die Frage, ob es sich dabei um eine lineare Abfolge von Barbesuchen handelt oder um verschiedene Versionen einer virtuellen Situation, lässt sich natürlich nicht eindeutig beantworten. Einer Antwort können wir uns jedoch sicher sein: Der nächste Film von Hong Sangsoo wird wiederkehren. Sein jüngster Film, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, trägt den bezeichnenden Titel The Day She Returns (2026).
Sulgi Lie ist Filmwissenschaftler an der Bauhaus-Universität Weimar und Autor von «Hong Sangsoo. Das lächerliche Ernste» (Wien 2022).
Essay von Sulgi Lie
HONG SANGSOO, BERLINALE 2026
3
1. APR — 15. MAI 2026
JOE DANTE
SUBVERSION FRISST MAINSTREAM
SUSO CECCHI D ’AMICO
DREHBUCHAUTORIN, HANDWERKERIN, KOMPLIZIN HONG SANGSOO
CHOREOGRAFIEN DES ALLTÄGLICHEN
Premiere
In Anwesenheit von Cast/Crew
35-mm-Film-Kopie
3D-Film
X/x Gesprochene Sprache/Untertitel
x* Elektronische Untertitel vom Filmpodium erstellt
OV Mehrere Originalsprachen
6 (8) Freigegeben ab 6 Jahren, empfohlen ab 8 Jahren
18:15 HONG SANGSOO RIGHT NOW, WRONG THEN Hong Sangsoo, Südkorea 2015, DCP, Kor/d, 121 '
20:45 SUSO CECCHI D AMICO L’ONOREVOLE ANGELINA
Luigi Zampa, Italien 1947, 35 mm, I/e, 92
Fr 3
15:00 SUSO CECCHI D AMICO ROMAN HOLIDAY
William Wyler, USA 1953, 35 mm, E/d/f, 118
18:30 HONG SANGSOO ON THE BEACH AT NIGHT ALONE
Hong Sangsoo, Südkorea/Deutschland 2017, DCP, Kor/d, 101
20:45 SUSO CECCHI D AMICO SENSO
Luchino Visconti, Italien 1954, 35 mm, I/d, 114 '
Sa 4
15:00 JOE DANTE INNERSPACE
Joe Dante, USA 1987, 35 mm, E/d/f, 120
18:30 SUSO CECCHI D AMICO
RISATE DI GIOIA
Mario Monicelli, Italien 1960, 35 mm, I/e, 106
20:45 JOE DANTE
GREMLINS
Joe Dante, USA 1984, 35 mm, E/d/f, 106 '
So 5
15:00 SUSO CECCHI D AMICO
PECCATO CHE SIA UNA
CANAGLIA
Alessandro Blasetti, Italien 1954, DCP, I/d*, 95
18:15 CLASSICS
MAYA MIRIGA
Nirad N. Mohapatra, Indien 1984, DCP, Odia/e, 120 '
20:45 HONG SANGSOO ON THE OCCASION OF REMEMBERING
THE TURNING GATE
Hong Sangsoo, Südkorea 2002, Digital HD, Kor/e*, 116
Mo 6
14:30 SUSO CECCHI D AMICO
IL MIO VIAGGIO IN ITALIA
Martin Scorsese, USA/Italien 1999, 35 mm, E/ i+I/e, 246
19:00 HONG SANGSOO
CLAIRE ’ S CAMERA
Hong Sangsoo, Südkorea/Frankreich 2017, DCP, Kor/e, 68
20:45 SÉLECTION LUMIÈRE
CHIMES AT MIDNIGHT
Orson Welles, Spanien/Schweiz 1966, DCP, E, 116 '
Di 7
18:30 SUSO CECCHI D ’AMICO NELLA CITTÀ L’ INFERNO
Renato Castellani, Italien 1958, 35 mm, I/e, 105
20:45 HONG SANGSOO
THE DAY A PIG FELL INTO THE WELL
Hong Sangsoo, Südkorea 1996, DCP, Kor/e*, 117
Mi 8
14:00 KINDERFILMCLUB DIE ZAUBERLATERNE
Vorstellungen für Mitglieder (6- bis 12-Jährige)
16:00 KINDERFILMCLUB DIE ZAUBERLATERNE
Vorstellungen für Mitglieder (6- bis 12-Jährige)
18:15 PREMIERE WAS DIESE NATUR DIR SAGT
Hong Sangsoo, Südkorea 2025, DCP, Kor/d, 108' Einführung von Alan Mattli, Redaktor Filmbulletin, 10'
20:45 JOE DANTE THE SECOND CIVIL WAR Joe Dante, USA 1997, 35 mm, E/d, 97
Do 9
15:00 SUSO CECCHI D ’AMICO CARO MICHELE
Mario Monicelli, Italien 1976, 35 mm, I/e, 103
18:15 SUSO CECCHI D AMICO IL GATTOPARDO: ZWISCHEN FILM GE SCHICHTE UND THEATERGEGENWART
Pınar Karabulut im Gespräch mit Andrea Štaka, 70' Eintritt frei
19:45 SUSO CECCHI D AMICO IL GATTOPARDO
Luchino Visconti, Italien/Frankreich 1963, 35 mm, I/d, 185'
Fr 10
15:00 HONG SANGSOO THE NOVELIST ’ S FILM
Hong Sangsoo, Südkorea 2021, DCP, Kor/d, 92
GAME ON SCREEN
RESIDENT EVIL
DOUBLE FEATURE IN 3D
Präsentation der neuen «Filmbulletin»Ausgabe und Einführung von der «Filmbulletin»-Redaktion, ca. 15'
18:30 GAME ON SCREEN
RESIDENT EVIL: AFTERLIFE
Paul W. S. Anderson, Deutschland/Kanada/ USA 2010, DCP 3D, E, 97'
20:45 GAME ON SCREEN RESIDENT EVIL: RETRIBUTION
Paul W. S. Anderson, Deutschland/Kanada/ USA 2012, DCP 3D, E, 95' Vergünstigte Double Feature-Tickets sind an der Kinokasse erhältlich.
Sa 11
15:00 FAMILIENFILM MEIN NACHBAR TOTORO Hayao Miyazaki, Japan 1988, Digital HD, D (Synchronfassung), 86', 6 (8) Anschl. WORKSHOP FÜR KINDER mit Stefanie Schlüter, Filmvermitterlin, 30'
Südkorea 1996, Farbe, DCP, Kor/e*, 117' REGIE Hong Sangsoo DREHBUCH Hong Sangsoo, Koo Hyoseo, Suh Shinhye KAMERA Cho Dongkwan MUSIK Ok Kilsung SCHNITT Park Gokji MIT Kim Uisung, Jo Eunsook, Lee Eungkyung, Park Jinsung.
«Weder ein Schwein noch ein Brunnen tauchen in irgendeiner Weise in Hong Sangsoos Debütfilm auf, und doch gibt der allegorische Titel das narrative Bewegungsmuster vor: ein Fall in den Abgrund, ein Sturz ins Bodenlose. Vier Episoden im anonymen Grossstadtmoloch von Seoul, die sich nur lose ineinander verfransen, aber in letzter Konsequenz allen Figuren den Boden unter den Fü ssen entziehen. Ohne je der kalkulierten Schicksalsmechanik von Filmen wie L.A. Crash oder Babel aufzusitzen, gelingt es Hong auf brillante Weise, Zufall und Notwendigkeit, Detail und Totale miteinander in Beziehung zu setzen. Der erfolglose Schriftsteller Hyosup ist Hongs erster Prototyp des erbärmlichen, egomanischen männlichen Intellektuellen, dessen Malaise nicht zuletzt eine neue, postpolitische Subjektivität nach der militanten südkoreanischen Demokratiebewegung der 1980er-Jahre zum Ausdruck bringt.» (Sulgi Lie, Österreichisches Filmmuseum)
ON THE OCCASION OF REMEMBERING THE TURNING GATE
SAENGHWALUI
BALGYEON
So 5.4. 20:45 Mo 11.5. 20:45 Südkorea 2002, Farbe, Digital HD, Kor/e*, 116' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo KAMERA Choi Yeongtaek MUSIK Il Won SCHNITT Hahm Sungwon MIT Kim Sangkyung, Chu Sangmi, Ye Jiwon, Kim Haksun.
«Gyungsoo (Kim Sangkyung) hat ein Mantra: ‹Auch wenn es schwer ist, ein Mensch zu sein, lasst uns nicht zu Monstern werden.› In Hong Sangsoos viertem Spielfilm sind die Grenzen zwischen Spielerei und Wahrheit, Treue und Betrug durchlässig. Eine Reise der Selbst(wieder)entdeckung führt einen erfolglosen Schauspieler von Seoul zum buddhistischen Tempel Cheongpyeongsa im Norden des Landes, wo ihm die Legende einer hinreissenden Prinzessin und ihres wiedergeborenen Liebhabers aus dem einfachen Volk erzählt wird. Von dort aus entfaltet Turning Gate eine episodische Verkettung von Affären, Auseinandersetzungen und schalen erotischen Eskapaden.» (Harvard Film Archive, Sep 2025)
«Die Wiederholungen sind eher wie Echos, und sowohl im Text als auch im Titel des Films selbst wird ein mysteriöser auslösender Vorfall erwähnt, die Geschichte vom Turning Gate. Hong verzichtet auf die teils beissende Grausamkeit seiner früheren Filme und filmt scheinbar beiläufige Kompositionen in lebhaften Farben mit sehr wenig Schnitt oder Kamerabewegungen. So findet er einen neuen Tonfall voller Wehmut und bittersüsser Melancholie.» (Sean Gilman, thechinesecinema.com, Jan 2018)
DAS ABC DES HONG SANGSOO
Mi 1.4. 20:30
Gespräch mit Sulgi Lie, 30' Anschl. TALE OF CINEMA Hong Sangsoo drehte in den vergangenen drei Jahrzehnten über 30 Filme, die mal verspielt, mal ernsthaft, jedoch stets mit grosser Freude an formalen Experimenten im aktuellen Kino eine einzigartige Stellung einnehmen. Doch was macht seine Arbeit so aussergewöhnlich? Wie schafft er es, bis zu drei Filme pro Jahr zu drehen? Und warum trinken seine Figuren immer Unmengen an Alkohol?
Ausgehend von Tale of Cinema (2005), einem seiner Schlüsselwerke, wird in einem Gespräch mit Sulgi Lie, Filmwissenschaftler und Autor der ersten deutschsprachigen Monografie über Hong, über das fulminante Universum dieses Filmemachers diskutiert.
TALE OF CINEMA
GEUK JANG JEON
Mi 1.4. 20:30 So 19.4. 18:30
Mi 29.4. 15:00
Frankreich/Südkorea 2005, 35 mm, Farbe, Kor/f/d*, 89' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo KAMERA Kim Hyungkoo, Kim Youngrho MUSIK Jeong Yongjin SCHNITT Hahm Sungwon MIT Kim Sangkyung, Lee Kiwoo, Uhm Jiwon.
«Auch wenn es sich angesichts der modularen Offenheit von Hongs Filmen eigentlich verbietet, von einem Schlüsselwerk zu sprechen, gebührt doch Tale of Cinema ein besonderer Status, nicht zuletzt, weil erstmalig die Strategie der Doppelung als Film-im-Film gerahmt wird: Ein junger Mann trifft zufällig seine Ex-Freundin wieder und versucht verzweifelt, ihr Verhältnis wieder aufleben zu lassen. Ein Regisseur entwickelt nach dem Besuch eines Kurzfilms eine Obsession mit der Hauptdarstellerin, als er sie zufällig nach der Vorstellung trifft. Die Spiralbewegung des Films führt vom Kino ins Leben und wieder zurück ins Kino: Tale of Cinema ist Hongs Version von Hitchcocks Vertigo . Mit unmotivierten Zooms und einem tagebuchartigen Voice-over ziehen zwei neuartige Elemente in Hongs Metakino ein. Und es fällt ein wichtiger Satz: ‹Ich glaube, Sie haben den Film nicht richtig verstanden›, wird Youngshil, die Frau, zu Dongsoo sagen, der sich hoffnungslos im Imaginären des Kinos verstrickt hat.» (Sulgi Lie, Österreichisches Filmmuseum)
OKI’S MOVIE
OK-HUI-UI YEONGHWA
So 12.4. 18:30 Do 7.5. 20:45
Südkorea 2010, Farbe, DCP, Kor/e, 81' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo KAMERA Park Hongyeol MUSIK Jeong Yongjin SCHNITT Hahm Sungwon MIT Lee Sunkyun, Jung Yumi, Moon Sungkeun.
«Dieses tiefgründige Werk von Hong, das zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion hin- und herwechselt, erzählt die amourösen und künstlerischen Abenteuer eines talentierten jungen Regisseurs, von dessen Filmdozenten mittleren Alters und von einer Filmstudentin (der titelgebenden Oki), die beide Männer liebt. Der aus vier Episoden bestehende Oki’s Movie ist ein entscheidender Film für Hong, der eine Wende in seinem Werk hin zur Betonung und Erforschung einer weiblichen Perspektive markiert – eine Entwicklung, die im vierten und letzten Teil des Films gipfelt, in dem wir endlich Okis Film sehen, der ihre Beziehung zu beiden Männern dramatisiert.» (Film at Lincoln Center, Mai 2022)
«Episode vier ist ein Film-im-Film der Studentin Oki. Sie versucht, ihre Beziehung zum Professor und die zum Filmstudenten direkt miteinander zu vergleichen. Sie geht mit ihnen auf einen Berg und zeigt, was der ‹alte Mann› gemacht und gesagt hat, und gleichzeitig, wie der ‹junge Mann› sich verhalten hat. Darin stecken so viel unaufdringliche Lebensweisheit und Poesie wie in 100 anderen Filmen. Mein Gott, schöner kann Kino nicht sein.»
(Rudolph Thome, Tagesspiegel)
RIGHT NOW, WRONG THEN JI-GEUM-EUN-MAT-GOGEU-DDAE-NEUN-TEULLI-DA
Do 2.4. 18:15 Fr 17.4. 20:45 Mi 22.4. 15:00
Südkorea 2015, Farbe, DCP, Kor/d, 121' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo KAMERA Park Hongyeol MUSIK Jeong Yongjin MIT Jung Jaeyoung, Kim Minhee, Youn Yuhjung, Gi Jubong.
«‹Es hat nicht sollen sein.› Was retrospektiv über viele Beziehungen gesagt wird, die scheitern, bevor sie richtig begonnen haben, trifft auch auf das Verhältnis von Ham Chunsu und Yoon Heejung zu. Er ist Regisseur und wegen einer Filmvorführung in Suwon. Dummerweise reist er einen Tag zu früh an und lernt zufällig Heejung, eine Künstlerin, kennen. Die beiden verbringen den Tag zusammen, besuchen ihr Atelier, essen Sushi, trinken Soju und gehen am Abend mit ihren Freundinnen aus. So kommen sie einander näher, und doch geht am Ende alles schief. Doch was genau läuft verkehrt? Dieser Frage geht Regisseur Hong Sangsoo in seiner verspielten, humorvollen Romanze nach – und lässt sie mitten im Film einfach noch einmal beginnen, unter leicht veränderten Voraussetzungen …» (Grandfilm)
Right Now, Wrong Then markierte Hongs erste Zusammenarbeit mit Kim Minhee, die in der Folge in fast allen seinen Filmen zu sehen war. Entstanden ist eine romantische Komödie, die am Filmfestival von Locarno 2015 mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet worden ist und heute zu den zentralen Werken des Regisseurs zählt. (hb)
ON THE OCCASION OF REMEMBERING THE TURNING GATE
TALE OF CINEMA
RIGHT NOW, WRONG THEN
CLAIRE’S CAMERA
Mo 6.4. 19:00
So 26.4. 20:30 Südkorea/Frankreich 2017, Farbe, DCP, Kor/e, 68' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo MIT Isabelle Huppert, Kim Minhee, Chan Mihee, Jung Jinyoung.
«Hongs 20. Spielfilm – und einer seiner drei, die 2017 Premiere hatten – ist ein leichtes, sonniges Vergnügen, das Hong spontan während der Filmfestspiele von Cannes im Jahr zuvor drehte. Weit entfernt vom Pomp des roten Teppichs erzählt Claire’s Camera die Geschichte von Manhee (Kim Minhee), die für eine Filmverleiherin arbeitet, dann jedoch während des Festivals wegen ihrer ‹Unredlichkeit› entlassen wird – was sich als Codewort dafür herausstellt, dass sie mit einem Regisseur geschlafen hat, der auch mit ihrer Chefin liiert ist. Die Geschehnisse kommen mithilfe einer französischen Touristin namens Claire (Isabelle Huppert) ans Licht, einer Art Detektivin, die anderen hilft, ihre Situation klarer zu sehen. Kim und Huppert bilden ein grossartiges Paar inmitten einer interkulturellen Komödie.» (Film at Lincoln Center, Mrz 2018) «Tatsächlich ist das Thema des Films das Bild, und Hong schreibt eine Philosophie der Bildgestaltung in den Text des Films. Die entscheidende Erkenntnis wird von Claire vermittelt, die Manhee erklärt, warum sie fotografiert: ‹Weil man Dinge nur verändern kann, wenn man alles noch einmal ganz langsam betrachtet.›» (Richard Brody, The New Yorker, 8.3.2018)
ON THE BEACH AT NIGHT ALONE BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA
Fr 3.4. 18:30 Fr 24.4. 18:30
Südkorea/Deutschland 2017, Farbe, DCP, Kor/d, 101' REGIE und DREHBUCH Hong Sangsoo KAMERA Park Hongyeol, Kim Hyungkoo SCHNITT Hahm Sungwon MIT Kim Minhee, Seo Younghwa, Jung Jaeyoung, Moon Sungkeun, Kwon Haehyo.
«Hongs Filme haben schon immer zu autobiografischen Interpretationen eingeladen, und sein 19. Spielfilm ist vielleicht sein persönlichster, eine klarsichtige Antwort auf den Boulevardrummel, der in Südkorea wegen seiner Beziehung zur Schauspielerin Kim Minhee ausgebrochen war. Der Film beginnt in Hamburg, wo sich die Schauspielerin Younghee (gespielt von Kim selbst, die für diese Rolle in Berlin den Preis als beste Darstellerin gewann) versteckt, nachdem ihre Affäre mit einem verheirateten Filmemacher bekannt geworden ist. Zurück in Korea gibt eine Reihe von Begegnungen Aufschluss über Younghees labilen Zustand, während sie zwischen melancholischen Reflexionen und Träumen hin- und hergleitet. Mit Kims überaus eindrücklicher Darstellung im Mittelpunkt ist On the Beach at Night Alone das Werk eines Meisters, der neue emotionale Tiefen erschliesst.» (Film at Lincoln Center, Nov 2017)
«Tatsächlich sind Hongs Filme wie musikalische Kompositionen, die man immer wieder anhören möchte. Hong Sangsoo geht es um den Wechsel von Tonlage und Rhythmus, um Wiederholung und Variation.» (Katja Nicodemus, Die Zeit, 24.1.2018)
INTRODUCTION INTEURODEOKSYEON
Do 16.4. 18:00 So 10.5. 19:00 Südkorea 2021, sw, DCP, Kor/d, 66' REGIE, DREHBUCH, KAMERA, MUSIK und SCHNITT Hong Sangsoo MIT Shin Seokho, Park Miso, Kim Youngho, Cho Yunhee, Seo Younghwa, Kim Minhee, Ki Joobong, Ha Seongguk.
«Youngho (Shin Seokho) besucht seinen Vater, der einen berühmten Patienten behandelt. Dann überrascht er seine Freundin Juwon (Park Miso) in Berlin, wo sie Modedesign studiert. Und er fährt in ein Hotel am Meer, um seine Mutter zu treffen, und nimmt seinen Freund Jeongsoo (Ha Seongguk) mit. Bei jeder dieser Episoden erwartet er zwar ein wichtiges Gespräch, doch manchmal kann ein geteilter Blick oder eine gemeinsam gerauchte Zigarette genauso viel bedeuten wie das, was wir unseren Nächsten sagen könnten. Hong Sangsoo erzählt in seinem 25. Spielfilm (ausgezeichnet an der Berlinale 2021 mit dem Preis für das beste Drehbuch) eine Geschichte über junge Menschen am Rande des Erwachsenwerdens. Introduction bringt das Wesen unseres Menschseins auf den Punkt wie eine unerwartete Umarmung an einem Wintertag.» (Cinema Guild)
«Es geht um die fragile Phase zwischen Schule und Studium, in der die Abkoppelung von den Eltern ansteht und die Wahl des Studiums den künftigen Lebensweg ebnen soll. Der Film zeigt mit bestechender Sensibilität das latente Unbehagen und die schleichende Entfremdung zwischen den Generationen.» (Sulgi Lie, Österreichisches Filmmuseum)
THE NOVELIST’S FILM SO-SEOL-GA-UI
YEONG-HWA
Fr 10.4. 15:00 Do 23.4. 20:45 Do 14.5. 20:45
Südkorea 2021, sw, DCP, Kor/d, 92' REGIE, DREHBUCH, KAMERA, MUSIK, SCHNITT Hong Sangsoo MIT Kim Minhee, Lee Hyeyoung, Seo Younghwa, Park Miso, Kwon Haehyo, Cho Yunhee.
«‹Das ist ein guter Tag, um zu trinken›, sagt die Schriftstellerin Junhee. Es ist auch ein guter Tag, um eine alte Bekannte in ihrem Buchladen in einem Vorort von Seoul zu besuchen, einem Regisseur die Meinung zu sagen, eine Ramen-Suppe zu essen und bei einem Spaziergang den Frühling zu geniessen. Auch in seinem neuen Spielfilm The Novelist’s Film (Silberner Bär, Preis der Jury der Berlinale 2022) spürt Hong Sangsoo dem Rhythmus des Unvorhersehbaren nach. Junhee hat eine Schreibblockade. Womöglich ist sie gerade deshalb so offen für Ablenkungen, für den Zauber des Moments. Zufällig wird sie einer berühmten jungen Schauspielerin begegnen, die nicht mehr spielen will. Schreib- und Spielblockade ziehen einander an. Wie wäre es, gemeinsam einen Film zu drehen? (…) In silbrigen Schwarzweissbildern lassen sich Hongs Figuren treiben und wir uns mit ihnen. (…) Irgendwann schaut sich die Schauspielerin den Film an, den die Schriftstellerin mit ihr gedreht hat. Wir sehen nur eine Szene, zwei Frauen beim Spaziergang in der Natur. Kurz wird das Bild farbig. Womöglich wieder ein guter Tag, um zu trinken. Oder sich dem Zauber eines Hong-Sangsoo-Films hinzugeben.»
(Katja Nicodemus, Die Zeit, 21.11.2022)
IN OUR DAY URIUI HARU
Mi 15.4. 18:30 Fr 8.5. 15:00
Südkorea 2023, Farbe, DCP, Kor/d, 84' REGIE, DREHBUCH, KAMERA, MUSIK und SCHNITT
«Auch dieses Werk des Meisters verführt sehr zur Reflexion über die Frage, ob Hong eigentlich (bekennender) Buddhist ist. Es gibt zwei Orte und zwei Personen-Konstellationen, sie werden jeweils durch Texttafeln eingeführt: Ex-Schauspielerin Sangwon (Kim Minhee) ist bei einer Freundin untergekommen und denkt über ihre weitere Karriere nach, Schriftsteller Uiju (Ki Joobong) hat Besuch von einer Filmstudentin, die eine Doku über ihn dreht. In beiden Settings treten weitere junge Schauspieler:innen auf den Plan, die grundsätzliche Fragen über die Kunst und das Leben stellen. Die Antworten sind schlicht und eben deshalb ungemein ergreifend.» (Viennale, Katja Wiederspahn)
« In Our Day ist ein Haiku, das uns einlädt, nach dem zu suchen, was uns wichtig ist, nämlich dem Salz in der Suppe unseres Lebens.» (Filmgarten)
IN WATER
Di 21.4. 20:45 So 10.5. 20:30
Südkorea 2023, Farbe, DCP, Kor/d, 61' REGIE, DREHBUCH, KAMERA, MUSIK und SCHNITT Hong Sangsoo MIT Shin Seokho, Ha Seongguk, Kim Seungyun.
«Drei junge Leute auf der Insel Jeju. Mit jeder Einstellung der wie ein impressionistischer Pinsel geführten Kamera entfalten sich gemächlich die Details der Erzählung: Ein Schauspieler möchte seinen ersten eigenen Film drehen und sucht mit Kameramann und Hauptdarstellerin im Schlepptau nach einer Eingebung. Am zugigen Strand riecht es nach Meer, Verklemmtheit und Langeweile, da entdeckt der Regisseur in spe zwischen den Felsen eine Müllsammlerin: Die Idee ist geboren und der nun folgende Film-im-Film in seiner – wie könnte es anders sein – radikalen Schlichtheit eine zutiefst bewegende Erfahrung. Danke, Meister Hong, danke!» (Katja Wiederspahn, Viennale)
«War Hong Sangsoo zuvor bereits für seinen besonderen Einsatz des Zooms bekannt, den er in seinen narrativen Spielen zu perfektionieren wusste, ist hier nun fast der gesamte Film, mit Ausnahme einer Szene, unscharf. Eine Entscheidung, die er selbst in letzter Minute getroffen hat.» (Vanja Milena, Indie Lisboa 2023)
Hong Sangsoo MIT Ki Joobong, Kim Minhee, Song Sunmi, Park Miso, Ha Seongguk, Kim Seungyun.
CLAIRE’S CAMERA
THE NOVELIST’S FILM
ON THE BEACH AT NIGHT ALONE
PREMIERE: HONG SANGSOO
Neues Kino – exklusiv im Filmpodium
WAS DIESE NATUR DIR SAGT GEU JAYEONI NEGE MWORAGO HANI
Mi 8.4. 18:15 Mo 27.4. 20:45 Mi 13.5. 18:30
Südkorea 2025, Farbe, DCP, Kor/d, 108' REGIE, DREHBUCH, KAMERA, MUSIK und SCHNITT Hong Sangsoo MIT Ha Seongguk, Kwon Haehyo, Cho Yunhee, Kang Soyi, Park Miso.
Mi 8.4. 18:15
Einführung von Alan Mattli, Redaktor Filmbulletin, 10'
«Im Laufe eines langen Tages besucht der rund dreissigjährige Dichter Donghwa (Ha Seongguk) das Haus seiner Freundin Junhee (Kang Soyi) in einem ländlichen Ort und lernt dort ihre Eltern (Kwon Haehyo und Cho Yunhee) sowie ihre Schwester (Park Miso)
PREMIERE
Neues Kino – exklusiv im Filmpodium
kennen. Beeindruckt von der Grösse des Hauses und der Schönheit der ländlichen Umgebung, freundet sich der in Seoul lebende Donghwa mit der Familie an, insbesondere mit dem gutmütigen Patriarchen, für den Familie, Tradition und kindliche Pietät an erster Stelle stehen. Doch im Laufe der Stunden – und natürlich des Makgeolli-Konsums – kommen Donghwas Ängste allmählich zum Vorschein. Hong Sangsoos neuester Film verbindet die ungezwungene Vertrautheit eines ‹Meet-the-Parents›-Szenarios mit den lo-fi-visuellen Experimenten seiner jüngsten Werke wie In Water und offenbart immer neue emotionale Ebenen. Am Ende stellt Was diese Natur dir sagt eine facettenreiche Auseinandersetzung mit finanzieller Unsicherheit und zeitgenössischer Entfremdung dar.» (New York Film Festival, 2025)
WHERE TO LAND
Mi 15.4. 20:45 Fr 1.5. 15:00 Fr 8.5. 18:30
USA 2025, Farbe, DCP, E/d*, 74' REGIE, DREHBUCH und MUSIK Hal Hartley KAMERA Sarah Cawley SCHNITT Kyle Gilman MIT Bill Sage, Kim Taff, Katelyn Sparks, Robert John Burke, Edie Falco, Kathleen Chalfant, Joe Perrino, Gia Crovatin, Jeremy Hendrik, Jay Lenox, Lorraine Farris, King Mustafa Obafemi, George Feaster, Aida Johannes.
«Die selbstreflexive Komödie des New Yorker Filmemachers Hal Hartley über das Altern und die Pensionierung beginnt, als Verwandte, Freund:innen und die Exfrau des berühmten Filmregisseurs Joe Fulton erfahren, dass dieser ein Testament aufsetzt und eine Anstellung als Friedhofsgärtner sucht. Hartleys erstes Spielfilmprojekt seit mehr als zehn Jahren vereint eine Reihe seiner Lieblings-
darsteller:innen in dem, was – wie er sagte –sein letzter Film sein könnte; es wurde für die ‹Räume, durch die ich jeden Tag gehe›, sein Quartier und seine Wohnung, geschrieben. Joes Begegnungen mit der Gemeinschaft, süss-schrulligen Figuren, die sich um ihn scharen, formen Hartleys liebenswürdige Satire über generationstypische Haltungen, exzessives Grübeln und überspitzte Bewunderung. Where to Land beobachtet stoisch, wie Glaubenssätze und tiefsinnige Überlegungen in das Alltägliche des Lebens einsickern.» (MoMa, Dez 2025)
RE:VISION
Vortragsreihe mit Thomas Binotto
Genau hinschauen, erneut hinschauen, anders hinschauen eröffnet unerwartete Perspektiven. In Kooperation mit der Volkshochschule und dem Publizisten Thomas Binotto lädt das Filmpodium bereits zur achten Staffel der Vorlesungsserie «Re:vision».
RE:VISION 8/01
Mi 22.4. 18:30
Online sind Tickets zu Film und Vorlesung separat erhältlich; vergünstigte Kombitickets gibt es nur an der Kinokasse.
Vittorio De Sicas Ladri di biciclette ist ein Klassiker der Klassiker. Einer der einflussreichsten Filme der Filmgeschichte, immer wieder als Referenz herbeigezogen und durchbuchstabiert. Heisst das, dass es deshalb auch nichts Neues mehr in diesem Film zu entdecken gibt? Keinesfalls! Thomas Binottos «Re:vision» animiert zum unverbrauchten Blick, zum lustvollen Entdecken eines scheinbar längst enthüllten Meisterwerks.
LADRI DI BICICLETTE
Mi 1.4. 15:00 Mi 22.4. 20:15
Vittorio De Sica, Italien 1948, DCP, I/d*, 93'
Nächste «Re:vision»: Mi 24.6 und Mi 19.8.2026
Eine Kooperation von Filmpodium und Volkshochschule Zürich.
SÉLECTION LUMIÈRE
Der Wunschfilm unseres Fördervereins
CHIMES AT MIDNIGHT
Mo 6.4. 20:45 Fr 17.4. 15:00
Do 14.5. 18:15
Spanien/Schweiz 1966, DCP, E, 116' REGIE und DREHBUCH Orson Welles, nach Motiven aus Stücken von William Shakespeare KAMERA Edmond Richard MUSIK Angelo Francesco Lavagnino SCHNITT Fritz Mueller MIT Orson Welles, Keith Baxter, John Gielgud, Jeanne Moreau, Margaret Rutherford, Norman Rodway, Marina Vlady, Alan Webb, Tony Beckley, Walter Chiari, Fernando Rey, Michael Aldridge.
«Als krönender Abschluss von Orson Welles’ aussergewöhnlicher Filmkarriere war Chimes at Midnight der Höhepunkt der lebenslangen Faszination des Filmemachers für Shakespeares ultimativen Lebemann und Tunichtgut Sir John Falstaff. Falstaff, normalerweise eine komische Nebenfigur, der treue, oft betrun-
kene Freund von Prinz Hal, dem eigensinnigen Sohn von König Heinrich IV., steht hier im Mittelpunkt: ein robust-komischer und letztlich tragischer Antiheld, gespielt von Welles mit bedrohlicher, rumpelnder Anmut. Welles integrierte Elemente aus den beiden ‹Heinrich IV.›-Stücken sowie aus ‹Richard II.›, ‹Heinrich V.› und ‹Die lustigen Weiber von Windsor› und schuf einen düsteren und unorthodoxen Shakespeare-Film, der, wie er sagte, ‹eine Klage über den Tod des fröhlichen England› sei. Poetisch, philosophisch und eindringlich – mit einer dynamischen Kampfszene als Kernstück, die es mit jedem anderen Werk des Regisseurs aufnehmen kann – ist Chimes at Midnight ebenso monumental wie die Figur, die im Mittelpunkt steht.» (Criterion Collection, Aug 2016)
CLASSICS
Restaurierungen und rare Filmkopien
MAYA MIRIGA
So 5.4. 18:15 Sa 18.4. 15:00 Fr 15.5. 20:45
Indien 1984, Farbe, DCP, Odia/e, 120' REGIE und DREHBUCH Nirad N. Mohapatra KAMERA Raj Gopal Mishra MUSIK Bhaskar Chandavarkar SCHNITT Bibekanand Satpathy MIT Kishori Devi, Bansidhar Satpathy, Manimala, Binod Mishra, Manaswini Mangaraj, Sampad Mohapatra, Sujata Mohapatra.
« Maya Miriga erzählt die Geschichte einer Grossfamilie, die durch Ehrgeiz, Chancen, schwelenden Groll und ganz einfach durch den Wandel der Zeit auseinanderbricht. Raj Kishore Babu, ein strenger, aber ehrlicher Schulleiter kurz vor seiner Pensionierung, lebt in einem geräumigen Haus mit seiner betagten Mutter, seiner Frau und fünf Kindern: dem langweiligen, aber zuverlässigen Hochschuldozenten Tuku, dem nationalen Verwaltungsdienstanwärter Tutu, dem selbstzweifelnden Bulu, dem rebellischen, cricketbegeisterten Tulu und der einzigen Tochter Tikina. Während die Männer über Akten brüten oder auf der Terrasse herumhängen, tragen Prabha, Tukus Frau, und die Tochter die Last der Haushaltsführung. Die Familienstabilität bricht zu-
sammen, als Tutu die Beamtenprüfung besteht und eine junge Frau aus der Oberschicht heiratet, die – entgegen der Tradition – während des Studiums ihres Mannes lieber bei ihrer eigenen Familie als bei den Schwiegereltern lebt.» (Srikanth Srinivasan, livemint.com, Jun 2024) « Maya Miriga , Nirad Mohapatras einziger Spielfilm (…), ist das gefeiertste Werk des Odia-Kinos und verhalf diesem wenig bekannten regionalen Kino zu internationaler Anerkennung. Mit seiner beobachtenden Kameraführung, der eindringlichen Musik und mit bemerkenswerten Laiendarstellern erzählt der Film subtil vom allmählichen Zerfall einer Mittelschicht-Familie. (…) Der Film geriet jedoch weitgehend in Vergessenheit. Die renommierte Filmkritikerin Maithili Rao nannte das Verschwinden von Mohapatra aus der Filmszene nach einem so ‹exquisit elegischen, ungemein bewegenden ersten Film› eine der grössten unbeantworteten Fragen des indischen Kinos. Diese sorgfältige Restaurierung durch die Film Heritage Foundation (…) bringt ein wichtiges Werk zurück auf die Leinwand.» (Shivendra Singh Dungarpur, Il cinema ritrovato, Jun 2024) Courtesy: Film Heritage Foundation
FAMILIENFILM
Vergnügen für Gross und Klein
MEIN NACHBAR TOTORO TONARI NO TOTORO
Sa 11.4. 15:00 Sa 9.5. 15:00 Japan 1988, Farbe, Digital HD, D (Synchronfassung), 86', 6 (8)
REGIE und DREHBUCH Hayao Miyazaki KAMERA Hisao Shirai MUSIK Joe Hisaishi SCHNITT Takeshi Seyama STIMMEN Maresa Sedlmair, Paulina Rümmelein, Gerhard Jilka, Philipp Brammer, Christine Stichler, Moritz Günther, Monika John.
Mit Mein Nachbar Totoro, diesem grossartigen japanischen Animeklassiker, entführt uns Hayao Miyazaki in seine verrückt-verwunschenen, liebevoll von Hand gezeichneten Bildwelten. Detailreiche Hintergründe zeigen märchenhafte Landschaften aus dem Japan der 1950er-Jahre: lauschige Gärten, endlose
WORKSHOP FÜR KINDER
Sa 11.4. und 9.5. ca. 30', gratis, ohne Voranmeldung Leitung: Stefanie Schlüter, Filmvermittlerin
Im Anschluss an die beiden Vorstellungen bietet das Filmpodium einen Film-Workshop f ü r Kinder an. Die Kinder werden auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache mitgenommen und an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.
Reisfelder und verwunschene Wälder. Inmitten dieser Natur entdecken die unternehmungslustigen Schwestern Satsuki und Mei, die mit ihrem Vater in ein altes Bauernhaus gezogen sind, eine Welt voller Magie: Auf abenteuerlichen Erkundungstouren begegnen sie frechen Russkobolden, einem verrückten Katzenbus und dem gutmütigen Waldgeist Totoro. Zwischen den Schwestern und ihrem grossen Nachbarn Totoro entsteht eine tiefe Verbundenheit, die Grenzen zwischen Menschen und Natur, Realität und Fantasie überwindet. (lf)
GAME ON SCREEN
Resident Evil Double Feature
RESIDENT EVIL
DOUBLE FEATURE
Fr 10.4. 18:30 und 20:45
Vergünstigte Double Feature-Tickets sind an der Kinokasse erhältlich.
RESIDENT EVIL AFTERLIFE
Fr 10.4. 18:30
Deutschland/Kanada/USA 2010, Farbe, DCP 3D, E, 97' REGIE und DREHBUCH Paul W. S. Anderson KAMERA Glen MacPherson MUSIK tomandandy SCHNITT Niven Howie MIT Milla Jovovich, Ali Larter, Wentworth Miller, Sienna Guillory, Shawn Roberts, Spencer Locke, Boris Kodjoe, Kim Coates, Sergio Peris-Mencheta.
«Nahezu die gesamte Menschheit wurde ausradiert. Schuld daran ist der habgierige Umbrella-Konzern, dessen Virus-Experimente ausser Kontrolle geraten sind und eine ZombieEpidemie ausgelöst haben. Bloss Alice, die den Virus überlebt und seitdem Superkräfte
FILM IN WORTEN
Neue Bücher zum Kino
MAX HAUFLER, «DER STUMME»
Mo 13.4. 18:30
Schweiz 1983, Farbe + sw, DCP, Dialekt, 90' REGIE Richard Dindo DREHBUCH Richard Dindo, Otto F. Walter KAMERA Rainer Trinkler SCHNITT Richard Dindo, Rainer Trinkler.
«Max Haufler war Maler, Filmregisseur und – obwohl er die Schauspielerei hasste – als Schauspieler sehr erfolgreich. Er prägte den Schweizer Film der 1940er- und 1950er-Jahre und spielte in Werken von Kurt Früh, Franz Schnyder, Leopold Lindtberg und sogar in Orson Welles’ Der Prozess mit. Sein Traum war es, eigene Spielfilme zu drehen. Doch nach seinem Zirkusfilm Menschen die vorüberziehen (1942) konnte er nie wieder einen Film in eigener Regie realisieren. Mit Otto F. Walters Roman ‹Der Stumme› glaubte er 1960, einen geeigneten Stoff gefunden zu haben. Vergeblich suchte Haufler nach einer Finanzierung, 1965 nahm er sich das
hat, stellt sich in diesem vierten Teil dem Konzernchef Albert Wesker noch entgegen.» (filmstarts.de)
«Mit Resident Evil: Afterlife kommt die Serie zu ihrer vollen Entfaltung (…). Je tiefer sich Anderson in Alices bruchstückhafte Erinnerungen vorwagt, desto radikaler werden konventionelle Story-Elemente auf ein Minimum reduziert. Afterlife ist ein Quantensprung, da Anderson bewusst die Handlung da hinlaufen lässt, wo Alice sie hinführen will (…), und alles in spektakuläre Kinematik und visuelle Eleganz investiert.» (Christoph Huber, Cinema Scope Magazine, 21.3.2017)
RESIDENT EVIL RETRIBUTION
Fr 10.4. 20:45
Deutschland/Kanada/USA 2012, Farbe, DCP 3D, E, 95' REGIE und DREHBUCH Paul W. S. Anderson KAMERA Glen MacPherson MUSIK tomandandy SCHNITT Niven Howie MIT Milla Jovovich, Sienna Guillory, Michelle Rodriguez, Li Bingbing, Aryana Engineer, Boris Kodjoe, Johann Urb,
Kevin Durand.
«Der tödliche T-Virus der Umbrella Corporation verwüstet weiterhin die Erde und verwandelt die menschliche Bevölkerung in fleischfressende Untote. Alice, der Menschheit letzte Hoffnung, erwacht im Herzen von Umbrellas geheimster Operationsanlage und enthüllt mehr von ihrer mysteriösen Vergangenheit, während sie den Komplex erforscht.» (cineimage.ch)
«Wo amerikanische Blockbuster neueren Produktionsdatums Hektik mit Dynamik verwechseln, orientiert sich Anderson am analytischen asiatischen Bewegungskino. In Resident Evil: Retribution kann man, wie in einem guten Kung-Fu-Film, stets Einstellung für Einstellung, Bewegung für Bewegung
nachvollziehen, wie Alice die zahllosen Monster, die ihr entgegengeworfen werden, ausschaltet. Paul W. S. Anderson ist ein unzeitgemässer Regisseur, der versteckt, inmitten des ansonsten immer amorpher werdenden Franchise-Fantasy-Spektakelkinos, eine eigensinnige Autorenposition verfolgt; der sich nicht dafür schämt, Genrefilme zu machen, die sich selbst genug sind und die in ästhetischer Hinsicht den Materialschlachten der Konkurrenz fast diametral entgegenstehen.» (Lukas Foerster, perlentaucher.de, 19.9.2012)
«FILMBULLETIN»VERNISSAGE: VIDEOGAMES
Fr 10.4. 18:30
ca. 15', anschl. RESIDENT EVIL DOUBLE- FEATURE
In seiner neuen Ausgabe widmet sich das Film- und Streaming-Magazin «Filmbulletin» den Überschneidungen von Kino und Videospielen: Wie beeinflussen sich die beiden Medien gegenseitig? Welchen kulturellen und kommerziellen Stellenwert haben filmische Adaptionen von Games? Und was kann uns die RESIDENT EVIL-Reihe über die Möglichkeiten der digitalen Filmästhetik verraten? Die «Filmbulletin»-Redaktion stellt ihr neues Heft vor und führt ins poppig- actiongeladene 3D-Double Feature von GameVerfilmungsmeister Paul W. S. Anderson ein. (am)
UND AUSSERDEM
Leben. Richard Dindo machte sich 18 Jahre später diese Geschichte zu eigen und führte eine doppelte Ermittlung durch: Er filmte die Tochter Janet Haufler auf der Suche nach Spuren ihres Vaters und findet ihn in seinen Filmrollen. Und er inszenierte Fragmente des Romans, in denen Janet Haufler die Rolle des stummen Sohnes spielt. Vielen gilt Max Haufler, ‹Der Stumme› als Dindos schönster Film. Martin Schlappner schrieb anlässlich der Premiere in der NZZ: ‹Formal ist dieser Film ein Meisterstück. Die filmische Lektüre des Stummen bringt Bilder bei, die dem Text als Erweiterung dienen und dem Zuschauer einen Freiraum für die Entfaltung eigener Gefühle schaffen.›» (Kinok)
BUCHPRÄSENTATION
« RICHARD DINDO, ERINNERUNGSARBEITER»
Mo 13.4. 18:30 ca. 10', anschl. MAX HAUFLER, «DER STUMME» Richard Dindo (1944–2025) war ein herausragender Exponent des Schweizer Dokumentarfilms. Mit seinen Filmen hat er immer wieder aufgerüttelt und tief auf das helvetische Selbstverständnis eingewirkt. Ausgehend von der Prämisse, dass Nichterinnerung Selbstzerstörung ist, begibt sich Martin Walder in seinem neuen Buch «Richard Dindo. Erinnerungsarbeiter» auf einen Streifzug durch das Werk, in dem die Erinnerung an Widerständige, an Rebellen und Träumer im Zentrum steht. Im Anschluss an die Buchpräsentation folgt Dindos Film Max Haufler, «Der Stumme» , die mehrfache Evokation einer Suche nach dem Vater, die in Dindos Enquêten immer wieder aufscheint.
KARAOKE IN DER FILMPODIUM-LOUNGE
Sa 11.4. 21:00 Eintritt frei
Vom dunklen Kinosaal direkt in die funkelnde Welt des Karaoke? Gemeinsam mit Freund:innen Lieblingssongs zum Besten geben? Am 11. April schmeisst das Filmpodium die Karaokeanlage an und lädt ein, bis tief in die Nacht zu singen und zu tanzen. Ob legendäre Filmsongs oder kultige 80erHits: Unsere Playlist hat für jeden Musikgeschmack etwas auf Lager. Für Verpflegung sorgt unsere Bar Clemens – im Foyer.
Oded Fehr, Colin Salmon, Shawn Roberts,
TSCHORNOBYL – ALLTAG UND BESATZUNG
Museum Strauhof zu Gast
Anlässlich des 40. Jahrestags der Reaktorkatastrophe von Tschornobyl (russ. Tschernobyl) zeigt das Museum Strauhof eine Ausstellung zur belarussischen Autorin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihrem Buch «Tschernobyl. Chronik der Zukunft». In Kooperation mit dem Strauhof zeigen wir zwei Filme über diese Katastrophe; die Ausstellung an der Augustinergasse 9 in Zürich läuft vom 17. April – 24. Mai.
PRIPYAT
Do 30.4. 20:45
Österreich 1999, DCP, Ukr+Russ/d, 100 REGIE und KAMERA Nikolaus Geyrhalter DREHBUCH Nikolaus Geyrhalter, Wolfgang Widerhofer SCHNITT Wolfgang Widerhofer.
«1986 machte der Brand im Kernkraftwerk Tschornobyl in der damaligen Sowjetunion die umliegenden Gebiete, darunter auch die Arbeiterstadt Pripyat, unbewohnbar. Zwölf Jahre später erzählt ein lebensfrohes älteres Ehepaar dem Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter, dass es sich an die Strahlung ‹gewöhnt› habe und deshalb geblieben sei, um dort glücklich Schweine zu züchten und Pilze zu sammeln. Schwarzweissaufnahmen von endlosen Betonflächen, die von widerstandsfähiger Vegetation überwuchert sind, prägen Pripyats Begegnungen mit hartnäckigen Einheimischen und neuen Arbeitern im, ja, wiedereröffneten Kraftwerk. Die zufälligen Porträts zeugen von einem tiefen Pathos, das zwischen einer stolzen Verbundenheit mit dem Land (und seinen Gewohnheiten) und einem Fatalismus schwankt, der so stark ist wie die Strahlung selbst.» (Nicolas Rapold, Film Comment, Sep–Okt 2005)
Der Filmemacher und Kameramann Ivan Marković präsentiert drei Filme über Gebäude des jugoslawischen Modernismus. Sorgfältig beobachtet und akribisch ins Bild gesetzt, erkunden die Filme ideologisch aufgeladene Räume.
Das Programm wird von Nikola Radić im Rahmen des vom SNF finanzierten Forschungsprojekts «Paranational Cinema – Legacies and Practices» kuratiert und organisiert.
Am 2. April findet ein Workshop mit Ivan Marković statt. Anmeldung unter: nikola.radic@fiwi.uzh.ch.
«Als russische Truppen das ukrainische Atomkraftwerk Tschornobyl am 24. Februar 2022, in den ersten Stunden der allumfassenden Invasion der Ukraine, besetzten, wurde ihre Aktion von Überwachungskameras aufgezeichnet. Im Zuge des Versuchs, die nur hundert Kilometer entfernte ukrainische Hauptstadt Kyjiw einzunehmen, verwandelten sie das Gelände des Atomkraftwerks in eine Militärbasis. Die meisten ihrer kriminellen
IVAN MARKOVI Ć
Das architektonische Erbe des jugoslawischen Modernismus
INVENTORY
Mi 1.4. 18:00
Serbien 2025, Farbe, DCP, OV/e, 21' REGIE und KAMERA Ivan Marković SCHNITT Ivan Marković, Sara Gregoric. Stück für Stück wurden die Innenausstattungselemente, die seit den 1970er-Jahren das Sava Centar schmückten, entfernt. Nenad ist, wie viele der Arbeiter:innen, zum ersten Mal im Kongresszentrum, das von seiner Vergangenheit und der Gesellschaft, die es erbaut hat, losgelöst ist.
Do 30.4. 18:30
Im Anschluss an SPECIAL OPERATION
Moderation: Philine Bickhardt, Kuratorin der Ausstellung und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Slavischen Seminar der Universität Zürich.
Aktivitäten während der fünf Wochen, die sie in dem radioaktiven Gebiet festsassen, wurden vom Überwachungssystem des Atommeilers aufgezeichnet. Special Operation basiert auf diesen Aufnahmen, die am Ort der verheerendsten Nuklearkatastrophe der Geschichte entstanden sind, und entwirft eine nahezu entkörperlichte Untersuchung militärischer Logik. Jede Einstellung ist ein Beweisstück für das Kriegsverbrechen des nuklearen Terrors.» (Berlinale, Feb 2025)
SIMILAR TO OURSELVES
Serbien 2024, Farbe, DCP, ohne Dialog/e, 13' REGIE und KAMERA Ivan Marković.
Ein Tresorraum, in dem Geschenke und Spuren aus fernen Ländern aufbewahrt werden, ein Raum, der metaphorisch weit entfernte Orte miteinander verbindet – der Hauptsitz des ehemaligen jugoslawischen Unternehmens Energoprojekt verkörperte die Ideen der Bewegung der Blockfreien Staaten. Unter seinem Glasdach wachsen noch immer zahlreiche Pflanzen und Bäume, die vor 50 Jahren aus fernen Ländern hierhergebracht wurden.
CENTAR
Serbien/Deutschland 2018, Farbe, DCP, ohne Dialog, 48' REGIE und KAMERA
Während die Architektur des Sava Centar noch immer eine vergangene Vorstellung der Zukunft widerspiegelt, offenbart jede Oberfläche ihren baufälligen Zustand. Durch unermüdlichen Einsatz wird versucht, dieses jugoslawische Kongressgebäude wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Mi 1.4. 18:00
Moderation: Nikola Radić, auf Englisch
Ivan Marković SCHNITT Ivan Marković, Jelena Maksimovic.
KINO DENKEN – ANSÄTZE DER MODERNEN FILMTHEORIE
Vorlesungsreihe des Seminars für Filmwissenschaft, Universität Zürich
Die Vorlesung «Ansätze der modernen Filmtheorie» am Seminar für Filmwissenschaft (Universität Zürich) findet in diesem Jahr wieder als öffentliche Veranstaltung im Filmpodium statt. Linda Waack, Oberassistentin am Seminar, behandelt von Februar bis Mai jeweils am Dienstagnachmittag Filmtheorien von den 1960er-Jahren bis heute und stellt unterschiedliche Denkstile und Konjunkturen vor.
Di 14.4. 16:15
Crip-Film-Theorie
gefolgt von BEHINDERTE LIEBE
Vorlesung von Miloš Lazović (Zürich) und Dr. Linda Waack
Di 21.4. 16:15
Filmphilosophie
gefolgt von LES PLAGES D’AGNÈS
Vorlesung von Dr. Linda Waack
Di 28.4. 16:15
Körper, Leib, Haptic Visuality gefolgt von LADY CHATTERLEY
Vorlesung von Dr. Linda Waack
Di 5.5. 16:15
Neoformalismus und Kognitivismus gefolgt von SPÄTER FRÜHLING
Vorlesung von Dr. Linda Waack
Di 12.5. 16:15
Digitalität und Postkinematografie gefolgt von CONCEIVING ADA
Vorlesung von Babylonia Constantinides
SPÄTER FRÜHLING BANSHUN
So 26.4. 15:00 Di 5.5. 18:15
Japan 1949, sw, 35 mm, Jap/d/f, 108' REGIE Yasujiro Ozu DREHBUCH Kogo Noda, Yasujiro Ozu, nach dem Roman «Chichi to musume» von Kazuo Hirotsu KAMERA Yuharu Atsuta MUSIK Senji Ito SCHNITT Yoshiyasu Hamamura MIT Chishu Ryu, Setsuko Hara, Yumeji Tsukioka, Haruko Sugimura, Hohi Aoki, Jun Usami, Kuniko Miyake, Masao Mishima, Yoshiko Tsubouchi, Yoko Katsuragi, Toyo Takahashi.
Noriko ist eine etwa 30-jährige Frau, die nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater Shukichi zusammenlebt. Die beiden teilen einen ruhigen, bescheidenen Alltag, der jedoch durch die gesellschaftliche Erwartung, dass Noriko heiraten sollte, herausgefordert wird. Durch subtile Hinweise von Verwandten wird Noriko schliesslich zur Heirat und zum Auszug ermutigt. Am Ende akzeptieren Vater und Tochter, dass das Loslassen unvermeidlich ist. Der Film schliesst mit einer melancholischen Akzeptanz der unausweichlichen Veränderungen des Lebens. Ozus zurückhaltendpoetischer Stil lädt die Zuschauer:innen im Horizont der kognitivistischen Filmtheorie dazu ein, subtile filmische Codes wahrzunehmen und zu interpretieren. (lwa)
BEHINDERTE LIEBE
Di 14.4. 18:15
Schweiz 1979, Farbe, DCP, Dialekt, 120' REGIE und DREHBUCH Marlies Graf Dätwyler KAMERA Werner Zuber SCHNITT Marlies Graf Dätwyler.
Eine Gruppe körperlich behinderter Schweizer:innen trifft sich von 1974 bis 1976 regelmässig in einem Ferienlager im Emmental und dreht über mehrere Jahre gemeinsam einen Film. Die Kamera begleitet vier Protagonist:innen (Jules Burgener, Christoph und Ursula Eggli und Therese Zemp) bei ihren Diskussionen, alltäglichen bzw. künstlerischen Aktivitäten sowohl im Ferienlager als auch in den Wohnheimen bzw. Wohngemeinschaften, wo sie leben. Die Porträts folgen jeweils der gleichen narrativen Struktur: Sie beginnen mit einer Aussage über die Sexualität im Ferienlager, gefolgt von längeren Interviews mit den Protagonist:innen, Alltagsszenen im Ferienlager und in den Heimen. Diese zeigen sowohl die Pflegearbeit als auch die kreative Arbeit und schliesslich das Scheitern bzw. das Gelingen der Gemeinschaftsbildung. (ml/ lwa)
CONCEIVING ADA
Di 12.5. 18:30
USA 1997, Farbe, 35 mm, E/d, 85' REGIE Lynn Hershman-Leeson DREHBUCH Lynn Hershman-Leeson, Eileen Jones KAMERA Bill Zarchy MUSIK The Residents SCHNITT Robert Dalva MIT Tilda Swinton, Francesca Faridany, Timothy Leary, Karen Black, John O’Keefe, Owen Murphy, Esther Mulligan, John Perry Barlow.
Die Informatikerin Emmy Coer interessiert sich für die historische Figur Ada Lovelace, eine britische Mathematikerin und Pionierin der Computerprogrammierung, die im 19. Jahrhundert gelebt hat. Emmy entwickelt eine Informationstechnologie, mit deren Hilfe sie mit Ada in der Vergangenheit kommunizieren kann. Dabei erfährt sie mehr über Adas Kämpfe, insbesondere über die gesellschaftlichen Beschränkungen, denen sie als Frau in der viktorianischen Zeit ausgesetzt war. Im Verlauf des Films verschmelzen die Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart: Emmy erwägt, Ada in die heutige Zeit zu befördern. Am Ende ist Emmys ungeborene Tochter mit Aspekten von Adas Bewusstsein verbunden, worauf sich der doppeldeutige Titel bezieht. Conceiving Ada kann als Reflexion digitaler Technologie gelesen werden. (lwa)
LADY CHATTERLEY
Di 28.4. 18:00
Frankreich 2006, Farbe, 35 mm, F/d, 168' REGIE Pascale Ferran DREHBUCH Pierre Trividic, Roger Bohbot KAMERA Julien Hirsch MUSIK Béatrice Thiriet SCHNITT Mathilde Muyard, Yann Dedet MIT Marina Hands, Jean-Louis Coulloc’h, Hippolyte Girardot, Hélène Alexandridis, Hélène Fillières, Bernard Verley, Sava Lolov.
Auf einem abgelegenen Landgut im Nachkriegsengland lebt Constance Chatterley mit ihrem Mann Clifford, der aus dem Krieg körperlich gelähmt zurückgekehrt ist. Die Ehe ist emotional und physisch leer – Constance vereinsamt zunehmend. Dann beginnt sie eine körperlich intensive Liebesbeziehung mit dem Wildhüter des Guts. Der Film erkundet Körper, Begehren und Natur in ruhigen, sinnlichen Bildern. Mit Vivian Sobchacks Filmphänomenologie lässt sich Lady Chatterley als Kino der Verkörperung verstehen, in dem Begehren nicht dargestellt, sondern erfahrbar gemacht wird. Der Film erzeugt Bedeutung nicht durch Symbolik oder Narration, sondern durch die sinnliche Kopräsenz von Film und Zuschauer:in: kein Objekt, das wir ansehen, sondern ein verkörpertes Wahrnehmungsgeschehen. (lwa)
LES PLAGES D’AGNÈS
Di 21.4. 18:30 So 3.5. 18:15 Frankreich 2008, Farbe, 35 mm, F/d, 110' REGIE und DREHBUCH Agnès Varda KAMERA Julia Fabry, Hélène Louvart, Arlene Nelson, Alain Sakot, Agnès Varda MUSIK Joanna Bruzdowicz, Stéphane Vilar SCHNITT Baptiste Filloux, Jean-Baptiste Morin, Agnès Varda.
Der Film nutzt Strände als Metaphern für Erinnerungen: Varda blickt auf ihre Kindheit, ihre Karriere als Filmemacherin, ihre Ehe mit Jacques Demy und ihre künstlerischen Experimente zurück. Dabei mischt sie Archivmaterial, Filmszenen, Fotografien und inszenierte Bilder. Der Film erzählt nicht chronologisch, sondern assoziativ und spielerisch, mit viel Humor und Selbstironie. Varda zeigt Erinnerung als etwas Veränderliches und Fragmentarisches. Die Strände fungieren in diesem Sinne als Orte des Übergangs und der Bewegung: Sie stehen für Wandel und Offenheit. Den Film strukturieren sie weniger über eine klare Erzählung, vielmehr bilden sie bewegliche Passagen zwischen den Episoden. (lwa)
29. PINK APPLE – QUEERES FILMFESTIVAL
Monika Treut – Vielseitige Pionierin des New Queer Cinema
Seit den 1980er-Jahren prägen die Spiel- und Dokumentarfilme der deutschen Regisseurin, Autorin und Filmproduzentin Monika Treut das queerfeministische Kino. Ihr filmisches Werk ist nicht nur genre-, sondern auch länderübergreifend; während der Coming-of-Age-Film Von Mädchen und Pferden (2014) auf einen Hof in Nordfriesland führt, begleiten die Dokumentarfilme Gendernauts (1999) und Genderation (2021) Protagonist:innen aus der trans Community in San Francisco. Ihr neuster Film, Cooking Up Democracy (2026), gibt Einblick in die aktivistische Szene in Taiwan. Für dieses beeindruckende Lebenswerk verleiht ihr das Pink Apple am 4. Mai den «Golden Apple 2026». Begleitend zeigt das Festival im Filmpodium ausgewählte Filme der Preisträgerin. Wie in den vergangenen Jahren werden zudem zwei Kinopremieren präsentiert, deren Titel erst kurz vor der Aufführung bekannt gegeben werden.
Einleitung von Emilia Maier
Das Pink Apple Filmfestival ehrt mit Monika Treut eine Vorreiterin des New Queer Cinema. 1954 in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) geboren, studierte Monika Treut Germanistik und Politikwissenschaft in Marburg. Bereits während ihres Studiums verfolgte sie ihre Leidenschaft für Video und Film, so arbeitete sie in mehreren Medienzentren, bevor sie 1979 nach Hamburg zog und das feministische Medienzentrum Frauenmedienladen Bildwechsel mitgründete. 1984 startete sie gemeinsam mit der Regisseurin und Kamerafrau Elfi Mikesch die unabhängige Produktionsfirma Hyäne I/II (heute Hyena Films). Die beiden produzierten gemeinsam eine Reihe von Spielfilmen mit Mikesch hinter der Kamera, darunter Treuts ersten Spielfilm, Verführung: Die grausame Frau (1985).
Monika Treuts Filme scheinen ihrer Zeit oftmals voraus; sie handeln auf radikale Weise von Frauen, die ihre Sexualität und ihr queeres Begehren selbstbewusst ausleben. Die unverhüllten Darstellungen von Sexualität und BDSM-Erotik in Verführung lösten nach Erscheinen starke Reaktionen in der deutschen Filmszene aus. Monika Treut liess sich davon nicht beirren – 1989 zog sie in die USA, wo ihre Filme grosse Resonanz fanden und wo sie über die Jahre an verschiedenen amerikanischen Colleges unterrichtete. Hier traf sie die Protagonist:innen ihrer Dokumentationen wie die Performancekünstlerin Annie Sprinkle oder die einflussreiche GenderTheoretikerin Susan Stryker. Der 1999 erschienene und mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm Gendernauts – eine Reise durch die Geschlechter gilt als Meilenstein und bietet einen faszinierenden und verspielten Einblick in die trans Szene im San Francisco der 90er-Jahre. Unter anderem erhielt Gendernauts 1999 an der Berlinale den Teddy Award als bester Dokumentarfilm. Als Dokumentar-Regisseurin zeichnet sich
Alle Filmvorführungen in Anwesenheit von Regisseurin Monika Treut.
FEMALE MISBEHAVIOR
So 3.5. 20:30
Deutschland 1992, Farbe, DCP, E/d, 80
In vier Kurzfilmen werden drei Frauen und ein trans Mann porträtiert und deren vielfältige Beziehungen zu Sexualität und Geschlecht erforscht. In Bondage gibt die Protagonistin Carol Einblick in die lesbische Lederszene und in die Lust und Freude am Sadomasochismus. Annie begleitet Performancekünstlerin Annie Sprinkle bei der Vorbereitung auf eine ihrer erotischen Shows. Im Mittelpunkt von Dr. Paglia steht die antifeministische Feministin und Provokateurin Camille Paglia. Der Kurzfilm Max porträtiert Max Wolf Valerio, der von seiner Transition und seinen Erfahrungen mit Testosteron berichtet. Die unverblümten Erzählungen der vier Protagonist:innen rücken Selbstbestimmung und körperliche Autonomie ins Zentrum. (em)
GENDERNAUTS –EINE REISE DURCH DIE GESCHLECHTER
Monika Treut durch die enge Bindung zu ihren Protagonist:innen aus; oftmals entstehen aus den Drehs lebenslange Freundschaften. Aus diesen Beziehungen entwickelte sich dann über zwanzig Jahre nach Gendernauts auch die Fortsetzung Genderation 2017 wurde Monika Treut an der Berlinale mit dem Teddy Special Award für ihr Lebenswerk ausgezeichnet – dieses ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Als Mitglied der Deutschen Filmakademie, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und des Vereins ProQuote Film, der sich für die Erhöhung des Frauenanteils in der Filmproduktion einsetzt, prägt sie weiterhin die deutsche Filmszene und macht nach wie vor Filme, die Tabuthemen ansprechen und queere Stimmen ins Zentrum rücken. So schenkt ihr neuster Dokumentarfilm, Cooking Up Democracy , einen Einblick in die facettenreiche queere und aktivistische Szene Taiwans.
Mo 4.5. 18:00
Deutschland 1999, Farbe, DCP, E/d, 86' REGIE und DREHBUCH Monika Treut KAMERA Elfi Mikesch MUSIK Georg Kajanus SCHNITT Eric Schefter. Angesiedelt im San Francisco zur Jahrtausendwende dokumentiert Gendernauts den Alltag einer Gruppe von trans Künstler:innen. Die «Gendernauten» nehmen uns mit auf eine Reise durch vielfältige Möglichkeiten, Geschlecht und Sexualität zu leben. Dabei eröffnen die Protagonist:innen auf verspielte Weise komplexe Perspektiven auf Geschlechteridentität und das utopische Potenzial von Lebensentwürfen jenseits, aber auch zwischen binären Geschlechterverständnissen. Durch die Darstellung zentraler Orte wie dem Tom Waddell Health Center, einer der ersten US-amerikanischen Gesundheitskliniken für trans Personen, sowie durch Einblicke in diverse künstlerische Praktiken zeichnet der Film ein lebendiges Porträt einer Stadt und einer Community. (em)
EHRENPREIS
GOLDEN APPLE 2026 FÜR MONIKA TREUT
Mo 4.5. 18:00
Anschliessend an das Screening des mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilms GENDERNAUTS wird Monika Treut an der Preisverleihung den Golden Apple persönlich entgegennehmen. Im Anschluss gibt es einen Apéro, zu dem alle eingeladen sind.
Emilia Maier, Literaturwissenschaftler:in und Mitglied des «Fokus & Events»-Team am Pink-Apple-Filmfestival.
' REGIE und DREHBUCH Monika Treut KAMERA Elfi Mikesch, Steve Brown SCHNITT Steve Brown, Renate Merck.
Mo 4.5. 20:45
Deutschland 2021, Farbe, DCP, E/d, 88' REGIE und DREHBUCH Monika Treut KAMERA Elfi Mikesch, Robert Falckenberg MUSIK Pearl Harbour, Annette Humpe, Mona Mur SCHNITT Angela Christlieb, Margot Neubert-Maric.
Über zwanzig Jahre nach Gendernauts besucht Monika Treut die Protagonist:innen erneut und dokumentiert auf einfühlsame Weise die Entwicklungen in deren Leben seit dem Erscheinen des Films. Genderation zeigt, wie sich Beziehungen, Identitäten und Aktivismus für die trans Protagonist:innen in den letzten Jahrzehnten entfaltet und verändert haben. Neben dem Älterwerden setzt sich die Dokumentation mit der massiven Gentrifizierung in San Francisco auseinander, welche das Stadtbild verändert und viele queere Künstler:innen verdrängt hat. Von Performancekünstlerin Annie Sprinkle als «the clitoris of the United States» beschrieben, entsteht so ein Bild eines sich wandelnden San Francisco und einer Community, die weiterhin kreativen Widerstand leistet. (em)
VON MÄDCHEN UND PFERDEN
Di 5.5. 20:30
Deutschland 2014, Farbe, DCP, D/e, 82' REGIE und DREHBUCH Monika Treut KAMERA Birgit
Möller MUSIK Masha Qrella SCHNITT Madeleine
Dewald MIT Ceci Chuh, Alissa Wilms, Vanida Karun, Ellen Grell.
Es ist die letzte Chance für Alex: Auf einem Pferdehof in der Nähe der Nordsee soll die 16-jährige Schulabbrecherin endlich feste Strukturen erlernen. Die tägliche Arbeit auf dem Hof, das frühe Aufstehen und das Gefühl, von ihrer Adoptivmutter abgeschoben worden zu sein – erst mal stösst das Praktikum bei Alex auf wenig Begeisterung. Doch durch den sorgfältigen Umgang mit den Tieren und die Fürsorge der Reitlehrerin Nina öffnet sich Alex langsam wieder dem Leben. Als dann die gleichaltrige Kathy als Feriengast mit ihrem eigenen Pferd auf dem Hof erscheint, entsteht zögerlich eine sanfte Freundschaft zwischen den beiden Mädchen. Ein idyllischer Coming-of-Age-Film für Pferdemädchen und alle, die es noch werden möchten. (em)
VON MÄDCHEN UND PFERDEN
GENDERATION
GENDERNAUTS – EINE REISE DURCH DIE GESCHLECHTER
FILMTALK MIT MONIKA TREUT
Mi 6.5. 19:00
Gespräch ca. 60'
Monika Treut gibt in einem persönlichen Gespräch Einblick in ihr jahrzehntelanges Schaffen und die Entwicklungen im queeren Film, die sie nicht nur in ihrem Werk reflektiert, sondern vor allem auch massgeblich beeinflusst hat. Anschliessend folgt eine Film vorführung.
SURPRISE SCREENING
Mi 6.5. 20:30
Im Anschluss an das Filmgespräch mit Monika Treut wird ein Film der Regisseurin gezeigt. Der Filmtitel wird kurz vor dem Festival preisgegeben.
PETER JACKSON DIGNA SINKE ALFRED HITCHCOCK PART 2
WHY LOOK AT ANIMALS?
American Genre Film Archive, Austin; Arsenal – Institut für Film und Videokunst, Berlin; Artedis, Paris; Cinecittà Intl., Rom; Ciné Tamaris, Paris; Cineteca di Bologna; CJ Entertainment, Seoul; Compass Film, Rom; Constantin Film, München; Cristaldifilm, Rom; Dong A Export, Seoul; Film Heritage Foundation, Mumbai; Österreichisches Filmmuseum, Wien; filmo, Solothurn; Filmoteca española, Madrid; Finecut, Seoul; Frenetic Films, Zürich; Geyrhalter Film, Wien; Grandfilm, Nürnberg; Hotwire Productions, London; Intramovies, Rom; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Kino Rebelde, Lissabon; Korean Film Archive, Seoul; Ivan Marković, Berlin; MK2, Paris; Park Circus, Glasgow; Playtime Films, Forest; Possible Films, New York; Oleksiy Radynski, Kyjiw; R.T.I., Cologno Monzese; Salzgeber Medien, Berlin; Sister Distribution, Genf; Studiocanal, Berlin; Surf Film, Rom; Titanus, Rom; trigon film, Ennetbaden; UCLA Film & Television Archive, Santa Clarita.
BILDNACHWEIS
Cover und Backcover: ESTATE VIOLENTA, Valerio Zurlini, 1959; Quelle: Österreichisches Filmmuseum, Wien
S. 6: PictureLux
S. 7: TCD/Prod.DB
S. 26: Monika Treut in DAS KINO SIND WIR (2023); Quelle: Filmdisposition Wessel, DFF
FILMTEXTE: Till Brockmann (tb), Hannes Brühwiler (hb), Lee Fischer (lf), Emilia Maier (em), Alan Mattli (am), Nicole Reinhard (nr), Linda Waack (lwa)
DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich
GESTALTUNG UND ART DIRECTION Elektrosmog, Zürich, Marco Walser, Nathan Meyer, Natalie Rickert