Wir werden so lange unseren Leuten ins Gewissen reden, bis die Familie in Südtirol nicht am Rande, sondern im Mittelpunkt der politischen Tätigkeit steht.
Dr. Franz Waldner, Präsident des KFS Aus der ersten Nummer der „FiS – Familie in Südtirol“, 1975
Sondernummer zur FiS – Die Familie in Südtirol Nr. 6. Dezember 2025 – 48. JG Erscheint sechsmal im Jahr – Poste Italiane s.p.a. – Spedizione in Abbonamento Postale D.L. 353/2003 (convertito in Legge 27/02/2004 n° 46) art. 1, comma 1 – DCB Bolzano
2026 ist ein besonderes Jahr: Der Katholische Familienverband Südtirol feiert sein 60-jähriges Bestehen – und gleichzeitig wird unsere Zeitschrift „FiS – Familie in Südtirol“ 50 Jahre alt. Zwei Jubiläen, die zeigen, wie viel Engagement, Herz und Weitblick unzählige Menschen in all diesen Jahren eingebracht haben.
Dieses Heft erzählt von den Anfängen des Verbandes, an die sich Gertraud Nössing Oberrauch erinnert; vom Wandel der Rollenbilder, den Johanna Brunner in ihrem Essay nachzeichnet; vom „Haus der Familie“, das heute ein lebendiger Ort für Bildung und Begegnung ist; und von den vielen stillen Kräften, die Familien stärken. Berührend sind auch die geistlichen Impulse von Toni Fiung und die Rückschau von Vanessa Macchia, die zeigt, wie offen und mutig die FiS über Jahrzehnte Themen aufgegriffen hat.
All diese Geschichten wären ohne das Ehrenamt nicht denkbar. Ohne jene Menschen, die Zeit schenken, zuhören, begleiten, organisieren, Verantwortung übernehmen. Sie tragen den Verband – in den Zweigstellen, in den Bezirken, bei Aktionen vor Ort und in Momenten, in denen Familien Unterstützung brauchen. Ihnen gilt unser tiefster Dank.
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Familien in ganz Südtirol!
Der KFS-Vorstand der Legislaturperiode
2025–2029 (v. l. n. r.):
Dieses Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Blick zurück, sondern ein Versprechen nach vorne: Familien weiterhin zu stärken, ihnen eine Stimme zu geben und Räume der Begegnung zu schaffen.
Herzlichst, eure
Evelyn Oberarzbacher, Astrid Hochgruber, Ingrid Agreiter, Norbert Kofler, Priska Theiner, Julian Stuefer (KFS-Vizepräsident), Angelika Mitterrutzner (KFS-Vizepräsidentin), Sieglinde Aberham (KFS-Präsidentin), Lisa Huber, Manuela Unterthiner Mitterrutzner (Geistliche Assistentin im KFS), Margareth Engl, Vanessa Macchia, Maria Luise Tratter. Auf dem Foto fehlen Edith Regele und Rosmarie Trenkwalder. 3
Sieglinde Aberham Präsidentin
Angelika Mitterrutzner Vizepräsidentin
Wie die Zeit vergeht!
Und wie sich Gesellschaft und Ästhetik weiterentwickeln. Im Kontext der Verbandgeschichte nimmt die „FiS –Familie in Südtirol“ einen zentralen Platz ein. Der Blick zurück zeigt, wie sich das Heft entwickelt hat.
25.11.1975
An diesem Tag wird die neue Verbandszeitschrift „Familie in Südtirol“ beim Gericht registriert. Im Dezember erscheint die 8-seitige Nullnummer, verantwortlicher Redakteur ist Luis Nothdurfter.
1975
Wilhelm Rotter wird Geistlicher Assistent.
1968
Josef Moroder wird Geistlicher Assistent.
27.05.1966
Gründung des KFS im Hotel Post in Bozen, Ecke Goethestraße und Leonardo-da-Vinci-Straße.
Franz Waldner wird erster Präsident, Pius Holzknecht erster Geistlicher Assistent.
Erster presserechtlich Verantwortlicher der FiS war Luis Nothdurfter.
1980
Ab der Jänner-Ausgabe ist Alfons Gruber presserechtlich verantwortlich und bleibt es bis heute. Damals schrieb er: „Kopfzerbrechen bereiten vor allem die Kosten der Zeitschrift, die einen erheblichen Teil der verfügbaren Geldmittel beanspruchen.“ Die FiS wird wieder auf 8 Seiten reduziert.
1986
Gründung der Initiative „Frauen helfen Frauen“ im Rahmen des 20-jährigen Bestehens.
1983
1979
Hans Kopfsguter wird KFS-Präsident.
1989
Das „Haus der geschützten Wohnungen“ wird eröffnet.
Herbert Denicolò übernimmt die KFS-Präsidentschaft.
Der Verein „Familie in Not“ nimmt seine Arbeit auf. Einen Notstandfonds gab es bereits zuvor, Spendenaufrufe finden sich seit der ersten Ausgabe der FiS.
Helmuth Falkensteiner übernimmt die KFS-Präsidentschaft.
1976
Die FiS erscheint ab Jänner monatlich im Umfang von 12 Seiten – im praktischen A4-Format, sparsam in Schwarz gedruckt, aber mit einem roten Titelkopf. Dieser änderte in der Folge jährlich die Farbe.
07.09.1984
Gründung des Vereins Haus der Familie.
1985
Erich Daum wird KFS-Präsident.
20.09.1986
Einweihung des Hauses der Familie in Lichtenstern.
Heft 9, 1986. Im Bild KFS-Gründungsmitglied Benedikt Gramm und Bischof Wilhelm Egger bei der Einweihung.
1989
Zum ersten Mal erscheint eine eigene Kinderseite. In den letzten Jahren hat sich der Umfang der FiS auf 12 bis 16 Seiten erhöht.
Das Posthotel Erzherzog Heinrich in Bozen um 1910.
Nullnummer 1975
Heft
Christine von Stefenelli wird erste weibliche KFS-Präsidentin.
Christine von Stefenelli bei einer Tagung 1996.
2003
Doris Seebacher wird KFS-Präsidentin.
2010
Familie braucht Beratung. Was 1980 mit dem Telefonberatungsdienst begann, dann aber eingestellt wurde, wird mit der Rubrik „Familien fragen“ wieder aufgegriffen.
2025
Sieglinde Aberham wird
KFS-Präsidentin.
2011
2009
2000
Toni Fiung wird Geistlicher Assistent.
Utta Brugger übernimmt die KFS-Präsidentschaft.
1996
Anlässlich des 30-jährigen Bestehens des KFS wird die FiS rundum erneuert. Ab nun ist das Format quadratisch (21,5 x 21,5 cm), die Erscheinungsweise zweimonatlich, der Umfang auf 24 Seiten erhöht und das gesamte Heft in den zwei KFS-Farben Blau und Orange gedruckt.
Heft 4, 2005
2005
Die FiS bekommt ein neues grafisches Kleid. Zum 30-Jahr-Jubiläum der Zeitschrift wird das Format wieder auf ein übliches Zeitschriftenformat vergrößert, sie wird bunter und die Gestaltung übersichtlicher. Ein durchgehender Farbdruck setzt sich nur langsam durch.
Mitbegründung der „Allianz für Familie“.
Das heute noch aktuelle KFS-Logo wird eingeführt.
2021
Manuela Unterthiner Mitterrutzner übernimmt als erste Laiin das Amt der Geistlichen Assistentin.
Nähe schafft Vertrauen.
2018
2013
Angelika Mitterrutzner wird
KFS-Präsidentin.
Die FiS bekommt als Zeitungskopf ein eigenes Logo sowie eine zeitgemäße grafische Gestaltung: auf 24 Seiten Umfang angewachsen, durchgehend bunt, mit einem großen Coverbild.
„Familie ist das Wichtigste“
Gertraud Nössing Oberrauch, als Einzelkind am 17. Februar 1931 in Innsbruck geboren, hat 1954 den Unternehmer Heinrich Oberrauch geheiratet und ist nach Bozen gezogen. Sie und ihr Mann gehören zu den Gründungsmitgliedern des Katholischen Familienverbands
Südtirol. Die Mutter von drei Kindern erinnert sich an die Anfänge des Verbands.
Interview: Beatrix Unterhofer
Frau Oberrauch, nehmen Sie uns mit in das Südtirol der 1960erJahre. Wie kam es damals zur Gründung des KFS? Bereits vor der Gründung des KFS gab es die sogenannten Familienrunden: Das war ein monatlicher Treffpunkt von sechs bis acht Ehepaaren, die gemeinsam mit einem Geistlichen aktuelle Themen, beispielsweise die damals aufkommende Antibabypille und Erziehungsfragen, diskutierten. An Sonntagnachmittagen haben mein Mann und ich außerdem in den größeren Pfarreien Vorträge gehalten, auch draußen am Land, wo wir gewusst haben, dass es etwas lebendigere Pfarrgemeinden gab. Inhaltlich ging es auch um heikle Themen wie die Sexualerziehung in der Schule. Unser Anliegen war es auch, die gesamte Familie in den Mittelpunkt zu stellen, was teilweise dem traditionellen Ständedenken in den Pfarreien widersprach, wo Frauen und Männer in den Kirchenbänken noch getrennt saßen. Angekommen ist das unterschiedlich, offen für die Themen waren die Pfarrgemeinden allerdings nirgends. Die Stimmung war immer sehr kritisch und somit war jeder Vortrag eine besondere Herausforderung für uns.
Der KFS wurde am 27. Mai 1966 in Bozen gegründet, „weil die Entwicklung der modernen pluralistischen Gesellschaft die Errichtung eines eigenen Verbandes immer dringender macht“, wie es im
Gründungsakt steht. Was war Ihre persönliche Motivation, sich für den Verband zu engagieren?
Mir war das Thema Bildung und Weiterbildung besonders wichtig. Der gesamte Bereich der deutschsprachigen Schule war damals erst im Aufbau, es gab kaum qualifiziertes Personal. Die Volksschule war den meisten Familien sicher, aber dann wusste man nicht, wie es weitergeht.
„Unser Anliegen war es, die gesamte Familie in den Mittelpunkt zu stellen, was teilweise dem traditionellen Ständedenken widersprach.“
Welche Themen waren den Gründungsmitgliedern damals besonders wichtig?
Uns waren weniger Themen wichtig, wir wollten, dass von der Kirche Impulse kommen, um die Familien zu erreichen. Die Kirche hat zu der Zeit ja gar nichts getan, um die Familien abzuholen.
Sie selbst waren über Jahrzehnte hinweg engagiert – in der Familie und im Ehrenamt. Wie haben Sie beides miteinander vereinbaren können? Erstens ist mein Mann immer hinter mir gestanden,
Ehrung der Gründungsmitglieder Gertraud und Heinrich Oberrauch 1996.
zweitens waren meine Eltern immer für uns da und haben uns bei der Betreuung der Kinder unterstützt. Der tägliche gemeinsame Mittagstisch in der Familie war mir immer sehr wichtig. Auch später noch, als dann die Kinder ihre eigenen Familien hatten, war der Mittwoch über Jahre hinweg ein Fixtermin. Da gab es bei uns weiterhin als Familienritual das gemeinsame Mittagessen, zu dem möglichst alle Familienmitglieder kamen und alle möglichen Themen besprochen wurden.
Sie waren die erste Vizepräsidentin des KFS. Wurden Frauen in der Leitung des Verbandes von Anfang an als gleichwertige Stimme wahrgenommen?
Ja, würde ich schon sagen. Vor allem der Gründungspräsident Dr. Franz Waldner und seine Frau sowie die Familien Gramm und Mumelter waren zusammen mit uns sehr engagiert, Frauen und Männer gleichermaßen. Am Sonntag hat Melitta Waldner, die Frau von Franz Waldner, der ja eine private Klinik in Bozen/Gries gegründet hat, zuerst in der Klinik für die Patienten Mittagessen gekocht. Anschließend ist sie mit uns hinaus in die Pfarreien zu den Vorträgen gefahren.
Worin liegt für Sie die besondere Stärke eines Verbandes wie dem KFS?
Der Familienverband ist für mich nicht mehr wegzudenken. Es ist unglaublich, wie er sich entwickelt hat. Der KFS ist offen für viele und für so vieles. Dabei steht der Glaube noch immer als fester Pfeiler im Mittelpunkt und ist die Voraussetzung für das Gelingen von Familie. Es ist sehr wohl ein Umdenken in der Gesellschaft spürbar, auch, dass die Frauen eine wichtige Rolle haben – nicht nur in der Familie.
Stichwort „Familie im Wandel der Zeit“: Gab es ein Thema, das Sie über die Jahrzehnte immer wieder beschäftigt hat?
Ja, dass man den Kindern den Glauben auf moderne Art vermitteln und ihnen diesen auch im täglichen Leben näherbringen kann.
Wie würden Sie den Satz beenden: Familie ist für mich … … das Wichtigste, das es gibt! Unsere Kinder leben heute in anderen Verhältnissen als wir damals. Ich nehme an ihrem Familienleben teil und erlebe so, was sie aktuell beschäftigt. So gehe ich mit der Zeit. ●
Engagiert von Anfang an: Mit Gertraud Nössing Oberrauch übernahm erstmals eine Frau die Vizepräsidentschaft des KFS.
Vom Ernährer und der Hüterin des Heims –
Wenn wir heute über Elternrollen, Gleichstellung und Familienbilder sprechen, dann tun wir das vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen: Was uns heute selbstverständlich erscheint – etwa, dass Frauen berufstätig sein können, dass Männer Elternzeit nehmen oder dass Paare Verantwortung partnerschaftlich teilen –war vor 60 Jahren in Südtirol noch kaum denkbar.
Johanna Brunner ist seit 2017 Leiterin des Amtes für Ehe und Familie in der Diözese Bozen-Brixen und damit eine der wenigen Frauen in leitender Position innerhalb der Kirche Südtirols. Sie studierte Sozialarbeit, Theologie und Philosophie und leitete zuvor unter anderem das Mädchen-, Tages- und Schülerheim der Ursulinen in Bruneck. Sie bringt Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Familie, Sexualität und Inklusion in kirchliche Diskurse ein und arbeitet mit an einer Kirche, in der Menschen sich unabhängig von ihrer Lebensrealität zugehörig fühlen können.
und dem Kunststück, Familie immer wieder neu auszuhandeln.
Ein Blick zurück ins Jahr 1966, das Gründungsjahr des Katholischen Familienverbands in Südtirol, zeigt eine Gesellschaft, die stark von Tradition, Kirche und klaren Hierarchien geprägt war. Die politischen Spannungen des Südtirolkonflikts bestimmten das öffentliche Leben. Im Privaten dominierten patriarchale Strukturen: Der Mann galt als Oberhaupt, als Ernährer und Entscheidungsträger, die Frau als Mutter, Hausfrau und moralische Stütze der Familie. Erwerbsarbeit von Frauen war möglich, aber meist auf bestimmte Tätigkeiten beschränkt – in der Regel typische „Frauenberufe“ wie Lehrerin, Verkäuferin oder Krankenschwester. Auf dem Land waren Frauen auf den Höfen unentbehrlich, doch gesellschaftliche Anerkennung bekamen sie vor allem über Ehe und Mutterschaft. In den Jahren der Babyboomer lag die Zahl der Kinder pro Frau bei über drei, wobei in vielen Familien, gerade auf dem Land, fünf oder sechs Kinder ganz normal waren – und auch zehn Kinder keine Seltenheit. Diese Geschlechterordnung war nicht zufällig, sondern tief verwoben mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Das italienische Familienrecht stellte den Ehemann bis in die 1970er-Jahre hinein klar über die Ehefrau. Die katholische Kirche prägte Werte und Normen, während Großfamilien und Dorfgemein-
In ihrem Essay spricht sie über Elternrollen, Gleichstellung und Familienbilder und blickt auf sechs Jahrzehnte tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderung zurück –von der Nachkriegsordnung, in der Väter als Ernährer und Mütter als Hüterinnen des Heims galten, bis zu einer Gegenwart, in der Partnerschaftlichkeit, Erwerbstätigkeit und Fürsorge neu ausgehandelt werden.
schaften für soziale Kontrolle sorgten. „Vater“ und „Mutter“ waren damit nicht nur Rollen innerhalb einer Familie, sondern zugleich Ausdruck eines ganzen Systems von Erwartungen, Pflichten, Einschränkungen und sozialen Vorgaben.
Doch schon Mitte der 1960er-Jahre begannen sich auch in Südtirol erste Risse in diesem festen Gefüge abzuzeichnen. Mit den zunehmenden Bildungschancen für Frauen, den neuen Medien, den Jugendkulturen sowie feministischen und emanzipatorischen Bewegungen kam frischer Wind ins Land. Zwar erfolgte das mit Verzögerung im Vergleich zum deutschsprachigen Ausland, insbesondere zu den urbanen Gebieten, doch trotz manchem Widerstand bahnte sich ein Wandel unausweichlich an – ein Wandel, der in den folgenden Jahrzehnten das Verständnis von Mutterschaft und Vaterschaft tiefgreifend verändern sollte.
Wie irritierend solche Entwicklungen für die damalige Zeit waren, lässt sich auch im Gründungsstatut des KFS ablesen, in dem als ein Vereinszweck der „Schutz der Ehe und Familie vor zersetzenden Einflüssen in allen Lebensbereichen, insbesondere in Literatur, Presse, Funk, Fernsehen, Film, Theater usw.“ genannt wird. Gerade mit Blick auf das Familiengefüge, die Funktion und Organisationsweise von Familien und damit verbunden auch die Geschlechterrollen setzte ein Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung ein, der zwar bis heute nicht ganz abgeschlossen ist, aber vieles bereits auf den Weg brachte und prägend ist für die Gestalt heutiger Familien.
Vom traditionellen Rollenbild zur geteilten Verantwortung
Häufig, auch heute noch, existiert in den Köpfen der Menschen die Vorstellung, Familie entstehe automatisch – spätestens in dem Moment, in dem ein Paar ein Kind bekommt. Doch Familie ist nicht „einfach da“. Sie wird in alltäglichen Handlungen, in Fürsorge, Ritualen und Aushandlungen immer wieder neu gestaltet. Noch vor einigen Jahrzehnten war diese Dynamik stark durch soziale Vorgaben und Rollenerwartungen geprägt, die festlegten, was Familie ist, wie sie gebildet wird, wie sie zu funktionieren und sich zu organisieren hat. Ein zentrales Merkmal von Familie in der Nachkriegszeit war beispielsweise die klare Aufteilung von Care- und Erwerbsarbeit entlang der Geschlechterrollen: Der Vater als „Ernährer“ ging – sofern die Familie nicht auf einem Bauernhof lebte – tagsüber einer abhängigen oder selbstständigen Arbeit
außerhalb des Hauses nach und sorgte mit seinem Einkommen für das finanzielle Auskommen der Familie. Die Frau dagegen war als Hausfrau und Mutter zuständig für die häusliche Arbeit, die Erziehung der Kinder und die Sorgearbeit im weiteren Sinn. Dieses Arrangement wurde durch Recht, Kirche und Tradition gestützt.
Doch mit den Reformen der 1970erJahre, der rechtlichen Gleichstellung in der Ehe, dem Scheidungsrecht und dem Zugang von Frauen zu höherer Bildung verschob sich das Gefüge. Frauen traten stärker in den Arbeitsmarkt ein, Mädchen studierten, und Familien mussten ihre Routinen neu aushandeln. „Mutter“ und „Vater“ sind demnach keine naturgegebenen Rollen, sondern Ausdruck sozialer Erwartungen, die sich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern.
Die Veränderungen erfolgten – wie so oft – nicht linear. In den 1980er- und 1990er-Jahren zeigte sich die Spannung zwischen Tradition und Moderne besonders deutlich: Mütter waren zunehmend erwerbstätig, trugen aber weiterhin die Hauptlast der Haus- und Erziehungsarbeit, sodass es besonders für Frauen häufig zu einer Doppelbelastung kam. Themen wie Gender Pay Gap oder die daraus resultierende Altersarmut durch Teilzeitbeschäftigung und fehlende Pensionsbeiträge verschärften das Problem – und sind bis heute noch aktuell. Erst allmählich entstand das Ideal des „engagierten Vaters“, das Vaterschaft nicht
mehr nur mit materieller Versorgung, sondern auch mit emotionaler Fürsorge verband. Auch für Männer erwiesen sich die traditionellen Rollenvorgaben als starre Korsette, die selbst jenen, die Veränderung wollten, einen starken „Sog des Alten“ entgegensetzten.
„Das italienische Familienrecht stellte den Ehemann bis in die 1970er-Jahre hinein klar über die Ehefrau.“
Heute ist die Realität komplexer: Ökonomische Zwänge machen es nahezu unumgänglich, dass beide Eltern berufstätig sind. Zugleich sind Partnerschaftlichkeit und geteilte Verantwortung zum Leitbild geworden. Doch der Weg ist noch nicht zu Ende: Nach wie vor übernehmen Frauen den Löwenanteil der Care-Arbeit. Statistiken zeigen, dass Frauen in Südtirol im Schnitt täglich fast doppelt so viel unbezahlte Haus- und Pflegearbeit leisten wie Männer. Diese mangelnde Verteilungsgerechtigkeit führt dazu, dass Rollenvorstellungen in Konflikt geraten: Frauen sind beruflich aktiv, sollen aber zugleich die Hauptlast im Privaten tragen, während Männer
zwar zunehmend präsent sind, gesellschaftlich aber oft noch auf ihre Rolle als „Ernährer“ reduziert werden. Care-Arbeit selbst bleibt zudem gesellschaftlich geringgeschätzt – sie gilt als selbstverständlich, wird schlecht oder gar nicht bezahlt und selten öffentlich anerkannt.
Familien zwischen Wandel und Werten
Gerade diese Entwicklungen zeigen, dass Familie heute mehr denn je bedeutet, komplexe, herausfordernde und manchmal auch widersprüchliche Aushandlungsprozesse zu führen: Wer trägt Verantwortung? Wie organisieren sich Paare? Wie gelingt ein Zusammenleben, das nicht eine Seite überfordert? Wie kann Zeit so eingeteilt werden, dass allen Notwendigkeiten Rechnung getragen wird? Zugleich wird in diesem Aushandeln deutlich: Nicht nur organisatorische Fragen, sondern auch die Aushandlung von Werten – zum Beispiel in der Frage der Geschlechterrollen, aber nicht nur – muss in jeder Familie auf ganz eigene Art und Wiese je neu erfolgen. Die Anforderungen an Familien sind hoch. Aus diesem Grund braucht Familie heute vielleicht mehr denn je engagierte Lobbyarbeit – eine, die sich dafür einsetzt, dass Familien politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen vorfinden, welche sie in den herausfordernden Aushandlungsprozessen wirksam unterstützen. Die Familien, insbesondere jene, die stark belastet sind, muss in einem Sozialstaat wie dem unseren das soziale Netz tragen, aber auch die solidarische Nähe der Gesellschaft. Bei alledem kann auch heute noch der Schatz christlicher Traditionen eine Ressource sein. Die Betonung der Würde jedes Menschen, die Orientierung an Solidarität, Fürsorge und Gerechtigkeit können dazu beitragen, Transformationsprozesse konstruktiv zu begleiten. Ziel bleibt, Familien so zu stärken, dass ein Leben in Würde für jede und jeden möglich wird. Oder wie es das aktuelle Statut des KFS formuliert: „familiengerechte Lebensbedingungen (…), die es den Familien ermöglichen, Grundlage für eine ganzheitliche Entwicklung aller Familienmitglieder zu sein“ (Statut, Art. 4). In diesem Sinne ein herzlicher Dank für alles Geleistete – und: Ad multos annos, lieber KFS! ●
Johanna Brunner
Programmangebot
Haus der Familie, Heft 8, 1989
Heft 5, 1989
Heft 7, 1989
Werbung 1976
Heft 6, 1984
15.000
Mitgliedsfamilien = ca. 45.000 Mitglieder
91 % Frauen 9 %
Männer
ORGANISATION
122
Zweigstellen in 10
Bezirken
EHRENAMT
Bezirke mit den stärksten Mitgliederzahlen:
Vinschgau: 1.922
Ahrntal: 1.422
Die beim KFS eingetragenen Familien haben durchschnittlich 2,2 Kinder
dokumentierte Stunden
ehrenamtlicher Arbeit im Jahr 2024, das entspricht einem Gegenwert von 1,59 Mio. Euro (bei 20 €/h)
Bozen: 1.466
Vier Felder, ein Auftrag Der KFS
Der Katholische Familienverband Südtirol steht auf vier starken Bereichen: Bildung, Freizeit und Generationen, Familienpastoral, Familie in Not und Familienpolitik. Diese Bereiche spiegeln wider, was Familien stärkt: im Alltag, im Glauben, in Zeiten der Belastung und in der Gesellschaft. Jede Säule trägt auf ihre Weise dazu bei, dass Familien in Südtirol gute Rahmenbedingungen finden:
Bildung, Freizeit und Generationen
durch Bildungs und Freizeitangebote, die Gemeinschaft fördern,
1.000 2003 1941 79.325
Jahrgang der ältesten Ehrenamtlichen
ehrenamtliche Mitarbeitende
durch seelsorgliche Begleitung und spirituelle Impulse, und durch politisches Engagement für gerechte Strukturen.
Familienpastoral
Familie in Not
Familienpolitik
durch konkrete Hilfe, wenn das Leben ins Wanken gerät,
Jahrgang der jüngsten Ehrenamtlichen
Der Fachausschuss für Öffentlichkeitsarbeit wirkt dabei als verbindendes Element über alle Bereiche hinweg – er sorgt dafür, dass das Engagement des KFS sichtbar wird und Familien eine starke Stimme haben.
Ein Ort der Begegnung
Mit Engagement und Weitblick gelang es dem Katholischen Familienverband Südtirol in den 1980er-Jahren, das Haus der Familie in Lichtenstern am Ritten zu schaffen, einen bis heute lebendigen Ort, an dem Familien lernen, spielen oder einfach Zeit miteinander verbringen – und an dem Bildung zum Erlebnis wird.
Text: Edith Runer
Idyllisch gelegen und vorbildlich geführt: das Haus der Familie – im Bild das Haupthaus (links) und das Wiesenhaus.
Verdächtig ruhig ist es an diesem Sommernachmittag vor dem Haus der Familie. Es scheint, als hätte die Hitze alles, was sich hier sonst tummelt, in die Flucht geschlagen. Auch drinnen in den kühleren Gängen: gähnende Leere. Nur etwa 30 Paar Kinderschuhe liegen, fantasievoll verteilt, vor einem großen, freundlich wirkenden Saal, in dem offensichtlich noch vor Kurzem ausgiebig gemalt wurde. Außer Gläsern mit trübem Pinselwasser, verklebten Farbtuben, ein paar verrutschten Sitzkissen und frischen Klecksen auf den Tischen ist hier nichts und niemand zu sehen. Dann, wie aus dem Nichts, ein durchdringender Jauchzer. Ein sattes „Platsch“. Wildes Kindergelächter.
„Unsere Wasserrutsche – das Highlight an Tagen wie diesen“, sagt eine Stimme im Hintergrund. Gernot Psenner, der
Direktor des Hauses, steht im Türrahmen und erklärt mit einem Schmunzeln, was draußen vor sich geht. Die Kinder haben das Gelände hinter dem Haupthaus erobert und der Hitze damit ein Schnippchen geschlagen.
„Es ist schon ein kleines Paradies hier oben“, sagt Psenner, der freundschaftlich das Du anbietet. Das „kleine Paradies“ liegt auf einer Meereshöhe von 1.300 Metern, an einem idyllischen Platz am Waldrand, abseits jeglichen Verkehrs. Doch nicht nur die Lage ist paradiesisch: Vor allem meint er auch die positive Atmosphäre, die zwischen den Mauern des Hauses spürbar wird, wenn Menschen jeden Alters und mit
Das Familienfestival – einer der Höhepunkte im Jahreslauf.
unterschiedlichsten Erwartungen aufeinandertreffen und gemeinsam neue Erfahrungen machen.
Klare Ausrichtung
„Wo Bildung zum Erlebnis wird“ – so lautet seit Anbeginn das Motto des Hauses. Und die Zahlen belegen eindrucksvoll, dass das Weiterbildungskonzept des Hauses die Bedürfnisse der Menschen anspricht. Rund 550.000 Gäste gingen hier in den vergangenen 41 Jahren ein und aus – etwa so viele wie Südtirol Einwohner zählt. Allein
„Freitag bis Sonntagabend haben wir hier von Herbst bis Sommeranfang durchgehend volles Haus.“
im Jubiläumsjahr 2024 – es wurde das 40-jährige Bestehen gefeiert – nahmen mehr als 13.000 Personen an rund 680 Veranstaltungen teil. 26.000 Nächtigungen wurden verzeichnet. Und die Tendenz ist weiter steigend.
Das ist nicht selbstverständlich. Bildungshäuser haben es angesichts des riesigen Angebotes in Südtirol nicht leicht. „Unser Pluspunkt ist die klare Ausrichtung auf Familien in all ihren Facetten“, erklärt Psenner, während wir durch das Gelände mit seinen drei Häusern, der schmucken kleinen Waldkirche und dem vielen Grün schlendern. Diesem Auftrag werde das Haus auf zwei Ebenen gerecht: „Zum einen bieten wir Familien, Paaren, Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen Angebote der Weiterbildung, der Erholung, zur Persönlichkeitsentwicklung, und wir laden sie zu speziellen Themen ein. Der andere Schwerpunkt ist die berufliche Weiterbildung, insbesondere für Mitarbeitende im Gesundheits-, Jugend-, Bildungs- und Sozialbereich.“
Volles Programm
„Freitag bis Sonntagabend haben wir hier von Herbst bis Sommeranfang durchgehend volles Haus“, bestätigt Psenner. Für die internen Veranstaltungen sucht das Team Referentinnen und Referenten, die zum Teil schon über Jahre dabei sind. Während der Woche finden im Winterhalbjahr hauptsächlich berufliche Weiterbildungsseminare und Gastveranstaltungen statt, denn auch die Möglichkeit des Anmietens bietet das
Haus der Familie an, etwa für Unternehmen, Verbände und andere Interessierte. Im Sommer dreht sich die Situation um. Da läuft das Kinder- und Familienprogramm von Sonntagnachmittag bis Samstagmorgen durch. Nur ein einziger Tag bleibt dann zum „Wieder-flott-Machen“ des Dampfers, um die nächsten Gruppen aufzunehmen. Meistens finden mehrere Veranstaltungen parallel statt. „Das verlangt im Team eine gute Abstimmung“, erklärt der Direktor des Hauses und räumt ein, dass die Personalsuche zu seinen aktuellen Herausforderungen zählt. Genauso wie die Finanzierbarkeit der Einrichtung. „Zum Glück habe ich da wertvolle Unterstützung“, fügt er hinzu und klopft einem freundlichen Herrn auf die Schulter, der gerade vorbeikommt und sich vorstellt: Harald Mengin ist Vizepräsident und an diesem Nachmittag im Haus. Zusammen mit dem Präsidenten Heiner Oberrauch und den übrigen Vorstandsmitgliedern kümmert er sich mit viel Geschick um die Belange des Hauses.
Sozialer Aspekt
Gemeinsam gehen wir ins Untergeschoss des Haupthauses. Dort befinden sich unter anderem die Speisesäle – und die neueste Investition:
(LESEN SIE WEITER AUF SEITE 21)
26.155 Nächtigungen
81.124 Essen
BEZUGSJAHR 2024
Vom Gasthof zum Bildungsort: Die Geschichte von Lichtenstern
Das heutige Haus der Familie blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Schon vor dem Ersten Weltkrieg lockte die damalige „Waldschenke“ als Ausflugsgasthof Besucher nach Lichtenstern, später wurde der Betrieb als Pension geführt. Nach 1947 organisierten dort engagierte Priester erste Fortbildungskurse. Anfang der 1950er-Jahre erwarb die Diözese Bozen-Brixen das Gelände und übergab die Leitung den Caritas-SocialisSchwestern. In den folgenden Jahrzehnten erlebte das Bildungshaus in Lichtenstern regen Zulauf – etwa mit Werkwochen, Ehevorbereitungskursen oder Exerzitien. 1973 musste das Haus allerdings schließen. Der Grund: Es hätte von Grund auf saniert werden müssen, war aber gleichzeitig einer sinkenden Nachfrage ausgesetzt, da in Südtirol weitere Bildungshäuser entstanden. Nur vereinzelt wurden im Sommer noch Kurse und Erholungswochen angeboten.
Die Wende kam 1983, als die Diözese den Katholischen Familienverband Südtirol damit beauftragte, in Lichtenstern ein neues Bildungs- und Begegnungszentrum für Familien aufzubauen. Da dem Verband die Schaffung einer solchen Einrichtung rechtlich nicht möglich war, wurde ein Jahr später der Verein Haus der Familie gegründet. Treibende Kraft war Willi Rotter (1930–2009), damals Geistlicher Assistent im KFS, der vor allem vom Gründungspräsidenten Benedikt Gramm unterstützt wurde. Mit einem neuen Haupthaus sowie sanierten Gebäuden nahm die Bildungstätigkeit wieder Fahrt auf.
Von 2012 bis 2017 leitete Hugo Endrizzi den Verein, auf ihn folgte Heiner Oberrauch. Heute verfügt das Haus der Familie über vier Strukturen und insgesamt weit über 120 Betten und neun Seminarräume. Aus der einstigen Waldschenke ist ein lebendiger Bildungsort geworden – der sich seiner Wurzeln bewusst, aber immer offen für neue Bedürfnisse ist.
Mit dem Waldhaus, einst Waldschenke, hat alles begonnen.
KOMMENTAR
WAS JUNGE MENSCHEN WIRKLICH BRAUCHEN
Klaus Nothdurfter leitete das Amt für Jugendarbeit als Direktor und ist Mitglied des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste (AGJD). Er bringt in seinem Beitrag seine langjährige Erfahrung ein und reflektiert über die Chancen und Herausforderungen junger Menschen in einer sich verändernden Lebenswelt.
Jugend im Wandel oder eher: die Welt im Wandel. Gerne wird ein Vergleich zu früher angedacht. Wobei gerne das Früher idealisiert und das Morgen mit großer Sorge gesehen wird. Wichtiger ist es, beides mit einem kritischen Blick zu sehen.
Immer wenn Jugendliche Zeichen von Schwierigkeiten aussenden, dann werden nicht die Probleme diskutiert, die sie haben, sondern die Jugend zum Problem gemacht. Das ist eines der verschiedenen dissonanten Signale der heutigen Zeit. Fast scheint es so zu sein, dass „die Jugend“ dafür bestraft werden müsste, jung zu sein.
Der Aufwand, der heute betrieben wird, zu definieren, wie die heutige Jugend ist, wie sie lebt und was sie denkt, ist enorm. Aber hilft es uns, zu verstehen, was junge Menschen brauchen?
Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther hat es prägnant auf den Punkt gebracht: Eigentlich braucht jedes Kind drei Dinge: Es braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann, es braucht Vorbilder, an denen es sich orientieren kann, und es braucht Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.
Oft steckt hinter schwierigen Situationen ein Bündel von individuellen und sozialen Defiziten, Problemen, Sorgen, Ängsten, Überforderungen, Hilflosigkeit oder Stress. Da ist dann anzusetzen mit der Erarbeitung von Lösungen, die das Ziel haben, Probleme zu reduzieren und Handlungsspielräume zu erweitern. Es geht auch darum, Kinder und Jugendliche zu ermächtigen, ihr Leben gut zu meistern. Es geht darum, zu schauen, dass sie gut miteinander in solidarischen Gemeinschaften ihren Weg in ihre Zukunft finden können. Es geht darum, dass wir eine Gesellschaft gestalten, in der es weniger um Mehr und Stärke geht, weniger um Leistung und Geld, aber mehr um Solidarität und Kooperation. Zu vergessen ist auch nicht, dass wir heute in einer Zeit leben, die Angst macht und von Unsicherheiten geprägt ist. Wenn ich an die vielen Konfliktfelder in Europa und der Welt denke oder an die Brücke zwischen realer und digitaler Welt, dann ist es mehr als verständlich, dass das vor allem jungen Menschen zu schaffen macht. Dies sollte man bedenken, wenn grob verallgemeinert über Jugendliche negativ geredet wird oder Vorurteile zementiert werden. Wir sollten jungen Menschen, die sich mit kreativen Ideen, sozialem und ehrenamtlichem Engagement dafür einsetzen, dass das Leben Sinn und Spaß macht, nicht Prügel in den Weg legen. Wir sollten sie dann bestärken und ihnen jedwede Unterstützung anbieten.
Jugendliche wollen mitreden, mitgestalten und mitverantworten, sie brauchen das Gefühl, gemocht und gebraucht zu werden. Aber in unserem Land fehlt ein von einem breiten Konsens getragenes Leitbild, eine Vision, eine Vorstellung dessen, was Südtirol in Zukunft sein will oder soll. Dies anzugehen bzw. daran zu arbeiten, wäre eine spannende und herausfordernde Aufgabe für uns alle, vor allem aber für junge Menschen. ●
Klaus Nothdurfter
die Benedikt-Gramm-Lounge, ein ebenso gemütlicher wie praktischer Speiseund Vortragsraum, benannt nach dem ersten Präsidenten des 1984 gegründeten Vereins Haus der Familie. Harald Mengin zeigt einige der baulichen Veränderungen, erklärt, warum es wichtig ist, laufend Anpassungen vorzunehmen, und wie sich das Haus wirtschaftlich trägt. Ein besonders heikler Punkt, denn das Bildungshaus soll ein sozialer Treffpunkt für alle sein. „Wir wollen unser Angebot nicht auf Familien beschränken, die es sich leisten können“, betont er. Deshalb werde versucht, die Teilnahmegebühren so gerecht wie möglich zu halten. „Es gibt für interne Angebote jeweils einen Normalpreis, einen etwas höheren sogenannten Solidaritätspreis und einen Mindestpreis für bedürftige Familien.“ Letztere profitieren vom Solidaritätspreis der anderen, aber auch vom neu geschaffenen Hilfsfonds „Bildung in Not“.
„Wir wollen unser Angebot nicht auf Familien beschränken, die es sich leisten können.“
treuen Mitarbeiters. Gar einige NichtSüdtiroler sind im 26-köpfigen Mitarbeiterteam des Hauses. Sie zeigen, wie bunt und international das Haus heute ist – ein Spiegelbild der vielen Veränderungen der letzten vier Jahrzehnte. Auch das Bildungsangebot an diese Veränderungen anzupassen, bleibt eine der größten Aufgaben für Vorstand und Team. „Das, was auf der übergeordneten Ebene passiert, spiegelt sich stets im Alltag wider“, erklärt der Direktor, der viele Jahre im Jugendbereich tätig war und seit Oktober 2024 hier arbeitet. Die Digitalisierung, die Migration, Veränderungen der Arbeitswelt, die Inflation, der Glaubensverlust – all das präge auch die Familien: „Sie sind nicht nur in ihrer Konstellation vielfältiger geworden. Es ist auch Tatsache, dass Kleinkinder früher Betreuungsplätze brauchen, Kinder und Jugendliche in der fast grenzenlosen Welt bessere Entscheidungskompetenzen, Eltern wiederum klare Haltungen im Umgang mit digitalen Möglichkeiten …“ Das Haus der Familie wolle hier eine Oase des Nachdenkens, des Zuhörens, der Entwicklung sein: „Es geht darum, leistbare Momente des An- und Innehaltens zu schaffen.“
Offener Begriff
VERBUNDEN VON ANFANG AN
Der Katholische Familienverband Südtirol war von Beginn an entscheidend für die Wiederbelebung von Lichtenstern. Ihm übertrug die Diözese 1983 die Verantwortung, aus dem stillgelegten Bildungshaus wieder einen lebendigen Ort für Familien zu machen. Bis heute arbeiten KFS und Haus der Familie eng zusammen, etwa mit Angeboten wie „Familienrat“, „Frauenpower: weil ich es mir wert bin!“ oder Paarseminaren.
Akrobatikkurse, Theaterworkshops, Abenteuerwochenenden: Im Haus der Familie wird Kindern und Jugendlichen viel geboten. 472
Freilich sei es nicht immer einfach, Bedürftigkeit festzustellen, zumal mitunter aus Scham lieber auf eine Teilnahme verzichtet wird, als um eine Vergünstigung zu bitten. „Da ist es dann wichtig, vor Ort ein gutes Netzwerk zu haben und den Leuten klarzumachen, dass Bildung auch ein Recht ist und dass auch Kinder ein Recht darauf haben“, sagt Mengin. Als Unternehmer weiß er zudem, wie bei Investitionen oder bei Einkäufen verhandelt wird. „Im Grunde arbeiten auch wir wie ein Unternehmen – mit dem Unterschied, dass wir keinen Gewinn machen müssen und wollen.“ Ohne Unterstützung durch die öffentliche Hand gehe die Rechnung dennoch nicht auf. Das Landesamt für Weiterbildung gibt Beiträge für Teilnehmertage und für Weiterbildungsstunden. Zudem werden Investitionen im Schnitt mit 70 Prozent gefördert.
Neue Wege
Auf dem Weg zurück ins Freie begegnen wir einer Servicekraft. „Das ist Huda Shamsul. Er stammt aus Bangladesch und arbeitet schon seit über 20 Jahren hier“, sagt Psenner mit einem freundschaftlichen Gruß in Richtung seines
Draußen ist wieder das Kinderlachen zu hören. Da und dort flitzt ein Knirps übers Gelände, eine Mitarbeitende befreit die Glastüren von Handabdrücken, zwei Referentinnen beraten sich im Schatten eines Baumes. Irgendwie drängt sich noch die Frage auf: Was oder wer ist im Haus der Familie eigentlich Familie? „Wir alle“, antwortet Psenner. „Größe, Zusammensetzung, Herkunft, Sprache oder Religion – danach fragen wir nicht.“
„Die Digitalisierung, die Migration, Veränderungen der Arbeitswelt, die Inflation, der Glaubensverlust –all das prägt auch die Familien.“
Dabei war das Haus, den damaligen Zeiten angemessen, für die deutschund ladinischsprachige Bevölkerung konzipiert. Deutsch – in einzelnen Veranstaltungen Ladinisch – ist zwar nach
Eigenveranstaltungen 199
Gastveranstaltungen
13.550
Teilnehmende
Ein Zeichen der Verbundenheit: Im Coronajahr 2021 und anlässlich des 55-Jahr-Jubiläums des KFS pflanzen KFS-Präsidentin Angelika Mitterrutzner (2. v. l.) und Familienlandesrätin Waltraud Deeg (1. v. l.) gemeinsam ein Bäumchen im Lärchenwald vor dem Haupthaus in Lichtenstern.
ERINNERUNGEN AN EINEN
GROSSEN TAG:
WALTRAUD DEEG BLICKT ZURÜCK
Waltraud Deeg, langjährige Landesrätin für Familie, Senioren, Soziales und Wohnbau, erinnert sich an die Eröffnungsfeier des Hauses der Familie: „Eine beeindruckende Menschenmenge hatte sich auf dem Platz versammelt, die Stimmung war toll – so wie immer. Ich kann mich an den Bischof erinnern und an Willi Rotter, den ich von meiner Zeit in der Sommerkolonie der Caritas kannte.“
„Die Familienkonstellationen haben sich geändert.“
Seit 2017 ist Heiner Oberrauch Präsident des Vereins Haus der Familie. Schon sein Vater Heinrich (1930–2017), Gründungsmitglied des Katholischen Familienverbands Südtirol, hatte sich für die Errichtung der Einrichtung stark gemacht. Die Zeiten haben sich aber geändert, wie auch Heiner Oberrauch feststellt.
im Angebot als auch in der Struktur stetig gewachsen. Zusätzliche Tagungsräume wurden eingerichtet, und das Waldhaus, das älteste Bildungshaus Südtirols, kann seit der Sanierung vor sechs Jahren auch als Selbstversorgerhaus gebucht werden.
Welche Themen beschäftigen Sie als Präsident derzeit am stärksten?
Der demografische Wandel. Wir arbeiten deshalb daran, unser Angebot auch auf Familien der „neuen Südtiroler“ auszudehnen.
wie vor die gebräuchliche Sprache, doch mit etwas Teamgeist und Entgegenkommen fühlen sich auch anderssprachige Gäste wohl. Genauso wie Menschen, die nicht die traditionelle Vorstellung von Familie repräsentieren und wie jene mit Migrationsgeschichte. Klar sei Migration ein wichtiges Thema geworden, „weil Familien mit anderer Muttersprache und anderen kulturellen Wurzeln unser Angebot nicht sofort für sich entdecken.“ Aber auch da helfe das Netzwerken und das klare Bekenntnis zur Wir-Gesellschaft.
Blick nach draußen
Der Rundgang endet in einem Gebäude, das als eines der ersten hier stand: in der Waldkirche zum heiligen Josef. Im Sommer 2025 wurde ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert, übrigens gleichzeitig mit dem 70. Geburtstag des Geistlichen
Leiters im Haus der Familie, Toni Fiung. „Seit genau 20 Jahren erfüllt Toni seine Aufgabe hier mit großem Engagement und viel Herz“, wie Psenner betont. Das Team sei sehr froh, den Familienseelsorger im Haus zu haben. „Ohne ihn würde etwas Wesentliches fehlen.“
Die kleine Waldkirche – sie wurde 2016 und 2017 von Grund auf erneuert – ist ein wahres Schmuckstück mit einer von Architekten und Künstlern geschaffenen einzigartigen Symbolik. Hier hält Toni Fiung regelmäßig Gottesdienste und gibt spirituelle Impulse. Die Betenden haben dabei mit dem Blick zum Altar auch den Blick hinaus in die Natur. Irgendwo dort draußen – es ist deutlich zu hören – erfreuen sich Kinder nach wie vor an der Wasserrutsche. Sie werden diesen Spaß in Erinnerung behalten und wohl noch als Erwachsene darüber lachen können. ●
Es war der 20. September 1986, Waltraud Deeg war damals 14 Jahre alt und begleitete ihre Mutter Waltraud Gebert Deeg, amtierende Landesrätin und eine der prägenden Persönlichkeiten der Südtiroler Sozialpolitik der 1970er- und 1980er-Jahre. „Ich bin immer noch ein Riesenfan vom Haus der Familie. Es ist ein Kraftort, der positive Energie spendet: Die Sorgen lässt man im Tal und man verbringt eine schöne Zeit in einer guten Gemeinschaft. Gerade in diesen hektischen Zeiten, in denen viel Negatives auf Kinder, Jugendliche und Familien einprasselt, ist es ein Ort, an dem man zur Ruhe kommt und sich geborgen fühlt.“
Interview: Edith Runer
Herr Präsident, welches Gefühl kommt in Ihnen auf, wenn Sie das Haus der Familie betreten?
Heiner Oberrauch: Ein Geborgenheitsgefühl, Freude und Unbeschwertheit in der Gemeinschaft.
Der Verein Haus der Familie wurde 1984 mit dem Ziel gegründet, ein Bildungs und Begegnungszentrum für Familien zu schaffen. Wie sehr ist dieses ursprüngliche Ziel noch spürbar?
Das Ziel ist unverändert: „Wo Bildung zum Erlebnis wird“. Aber die Familienkonstellationen haben sich geändert. Wir versuchen jedoch weiterhin, alle Familienformen in allen Lebenslagen zu unterstützen.
Was musste verändert werden?
Das Kursprogramm wurde den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst, und das Haus ist sowohl
Was wünschen Sie sich für die kommenden Generationen?
Dass wir in unserer Gesellschaft ein kinderfreundliches Umfeld schaffen. Ich mag Hunde, aber ich habe den Eindruck, dass diese manchmal mehr Platz in unserer Gesellschaft haben als Kinder. Außerdem ist ein enkeltaugliches Wirtschaften ein zentrales Thema, um den großen Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden. ●
Getragen sein Halt finden im Miteinander
Halt finden im Anhalten
„Nur wer anhält, kann halten und gehalten werden.“
Unser Alltag ist schnell. Oft zu schnell. Halt beginnt, wo wir anhalten. Vielleicht für drei tiefe Atemzüge am Morgen, für ein herzliches „Guten Morgen!“, für mich, für dich, für einen wohlwollender Blick in die Augen eines geliebten Menschen.
Toni Fiung, von 2000 bis 2021 Geistlicher Assistent des Katholischen Familienverbands Südtirol und Familienseelsorger der Diözese Bozen-Brixen, begleitet seit Jahrzehnten Menschen in Fragen von Ehe, Familie und Lebenssinn. In seinem Beitrag lädt er dazu ein, im oft schnellen und fordernden Alltag innezuhalten und neu zu entdecken, was wirklich trägt: Beziehung, Achtsamkeit, Dankbarkeit und Vertrauen. Es ist ein Text über die leisen Kräfte, die Halt geben – in der Familie, im Glauben und im Leben.
Es gibt Tage, an denen der Boden unter den Füßen wankt.
Wenn Sorgen schwerer sind als Worte, wenn Müdigkeit sich breitmacht, und wir nicht wissen, woran wir uns festhalten können.
Dann spüren wir, wie sehr wir Halt brauchen: in uns selbst, in Beziehungen, in kleinen Ritualen, die uns erinnern: Wir sind getragen und geliebt. Familie in all ihren Formen kann zu solch einem Halt-Ort werden. Er entsteht in der Achtsamkeit des Alltags, in Fürsorge, Wertschätzung und Liebe, die wir einander schenken.
Halt in der Dankbarkeit
„Dankbarkeit verbindet uns mit der Wirklichkeit.“
Manchmal sehen wir vor allem, was fehlt. Was nicht klappt. Was noch zu tun ist. Doch wer dankbar hinschaut, findet Halt im Vorhandenen.
Dankbarkeit geschieht im Hier und Jetzt. Sie ist etwas sehr Konkretes. Sie zeigt sich in den kleinen Momenten in einem vertrauten Blick, einem stillen Augenblick, in dem wir spüren: Ich lebe.
Tiefe Dankbarkeit für das eigene Leben entsteht aus vielen kleinen Bildern, aus Erinnerungen, Begegnungen, aus dem, was uns berührt hat.
Wie eine Sammlung von leuchtenden Schnappschüssen fügen sich diese Erfahrungen zu einem stillen Wissen: Es ist gut, dass ich lebe.
Aus dieser Haltung wächst Lebenszufriedenheit, weil wir das Geschenk des Lebens bewusst wahrnehmen:
Danke für dieses Leben.
Halt im Vertrauen
„Es ist, wie es ist – und es darf gut werden.“
Vertrauen hat mit Mut zu tun und ist ein Wagnis.
Es trägt uns durch das, was wir nicht kontrollieren können.
In jeder Familie gibt es Unsicherheit: Kinder gehen eigene Wege, Pläne verändern sich, Zukunft bleibt offen. Halt entsteht, wenn wir uns trotzdem anvertrauen.
Wenn Eltern sagen: „Ich weiß es gerade auch nicht, aber wir finden einen Weg.“
Wenn Paare sich eingestehen dürfen, dass sie verletzlich sind und trotzdem verbunden bleiben.
Vertrauen wächst, wo wir nicht urteilen, sondern bleiben.
Halt in gelebter
Spiritualität
Ein kleines Ritual kann guttun: eine brennende Kerze am Frühstückstisch, ein gemeinsames, dankbares „In Gottes Namen“ mit zugewandter Aufmerksamkeit.
So wird der Tag nicht einfach begonnen, sondern begrüßt.
Halt in der Verbundenheit
„Zuhören ist die zärtlichste Form der Nähe.“
Nichts trägt so sehr wie tiefe Verbundenheit.
Nicht das Funktionieren, sondern das Füreinanderdasein. Wenn Eltern und Kindern einander zuhören, ohne zu bewerten, schenken sie sich einen Raum der Geborgenheit. Wenn Paare sich abends fünf Minuten Zeit nehmen, einander erzählen, was ihr Herz bewegt – das Schöne und das Schwere, wird Beziehung spürbar.
Solche Momente schaffen Tiefe und geben Halt.
Halt geben – und selbst gehalten sein
„Wer Halt schenkt, wird selbst getragen.“
Halt entsteht, wo Menschen füreinander da sind.
Eine herzliche Umarmung, ein interessiertes „Wie geht es dir?“ Und dann zuhören, ohne sofort Lösungen anzubieten. Das füreinander Dasein ist das Netz, das trägt.
„Halt finden wir, weil wir uns berühren lassen.“
Familie kann ein Ort sein, in dem wir Halt bekommen und geben, in der Liebe, im Zuhören, in Vertrauen, in Achtung und Respekt, im Glauben an einen liebenden Gott.
Toni Fiung
Es kann guttun, am Ende des Tages drei Dinge zu notieren, für die man dankbar ist: ein Erlebnis in der Schule oder bei der Arbeit, ein nette Begegnung, ein gelöstes Problem.
In einer Familie kann dieses Ritual geteilt werden: beim Abendessen oder vor dem Schlafengehen.
Kinder lernen so, das Wertvolle im Leben dankbar zu sehen, auch wenn es unvollkommen ist.
„Das Heilige zeigt sich im Alltäglichen.“
Spiritualität ist kein separates Lebensthema.
Spiritualität bedeutet, das Heilige im Profanen zu entdecken.
Sie geschieht mitten im Alltag, beim Kochen in der Küche, beim Zähneputzen, im Kinderlachen.
Eine Kerze anzünden, einen Segen sprechen, ein Spaziergang in der Stille, ein klärendes Gespräch, Versöhnung nach einem Streit, das sind Formen von gelebter Achtsamkeit.
Solche Zeichen öffnen Räume, in denen wir spüren: Wir sind Teil eines größeren Ganzen.
Warum unser „K“ so wertvoll und wichtig ist
Manuela Unterthiner Mitterrutzner ist seit September 2021 die Geistliche Assistentin im Katholischen Familienverband Südtirol. Sie folgte auf Toni Fiung, der das Amt 21 Jahre innehatte. Die 1979 in Brixen geborene Religionslehrerin bringt ihre langjährige Erfahrung in Schule, Beratung und Seelsorge in die Aufgabe ein. Ob als Lehrerin, Praktikumsbegleiterin, Notfallseelsorgerin oder in der Trauerarbeit mit Kindern – stets steht für sie der Mensch im Mittelpunkt. Mit ihrer Ausbildung zur systemisch-lösungsorientierten Beraterin verbindet sie Glauben und Lebenshilfe. Familien möchte sie begleiten und im Vertrauen auf den Glauben stärken.
Warum das „K“ im KFS das Fundament bildet, auf dem Familien sicher durch die Stürme des Lebens geleitet werden.
Es gibt Menschen, die fragen uns manchmal: „Braucht es dieses K noch im Namen? Ist katholisch nicht längst überholt? Könnte man nicht einfach Familienverband sagen?“ Doch genau im K liegt ein Schatz verborgen, den wir neu entdecken dürfen. Das kleine „K“ steht nicht für Abgrenzung, sondern für einen weiten Horizont. Der Begriff „katholisch“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet dort: allumfassend. Es erinnert uns daran, dass unser Blick nicht klein und eng sein
darf, sondern weit und offen – für alle Familien, in all ihren Formen und Herausforderungen. Katholisch meint nicht: nur für die einen. Es meint: für alle, die dazugehören möchten. Das K erinnert uns an unsere Wurzeln. An eine Haltung, die aus dem Evangelium schöpft: Familien sind Orte der Liebe, des Miteinanders, des gegenseitigen Tragens. In der Familie wird Glaube gelebt –im Lachen und Streiten, im Verzeihen und im Festhalten. Die Werte, die uns tragen – Vertrauen, Solidarität, Hoffnung, Würde, – sind zutiefst christlich und doch sprechen sie jeden Menschen an. Unser K gibt uns Kraft. Es schenkt uns einen klaren Grund: Wir sind mehr
als ein Verein, wir sind eine Gemeinschaft, die ihre Motivation aus der Botschaft Jesu schöpft. Er hat Menschen gestärkt, aufgerichtet, begleitet – und genau das wollen auch wir für Familien tun. Unser K ist ein Zeichen. Es macht uns erkennbar, erinnert uns an unsere Aufgabe und ruft uns immer wieder zur Mitte zurück: zur Liebe Gottes, die größer ist als alles. Darum ist unser K nicht ein Buchstabe zu viel, sondern ein Schatz, der uns trägt, inspiriert und verbindet. Ein kleines Zeichen mit großer Bedeutung – für uns, für unsere Familien, für unser Land. ●
Manuela Unterthiner Mitterrutzner
NACHRUF
WILHELM ROTTER: EINE PRÄGENDE STIMME IM KFS
Wilhelm „Willi“ Rotter (1930–2009) prägte den Katholischen Familienverband Südtirol über Jahrzehnte – als Geistlicher Assistent von 1975 bis 2000 und als Autor in der „Familie in Südtirol“. In seinem „monatlichen Brief“ verband er Glauben und Lebenshilfe und wurde zu einer wichtigen Stimme für Familien, mit denen er stets den persönlichen Kontakt suchte. Angelika Mitterrutzner, Vizepräsidentin des KFS, erinnert sich an ihn als engagierten, gebildeten und fröhlichen Menschen, „echt und glaubwürdig, Feuer und Flamme für den KFS“. Auch Erich Mussner, sein Wegbegleiter im KFS, würdigte ihn: „Für Willi war sein Einsatz für den Familienverband ein Herzensanliegen. Jede Veranstaltung sollte etwas Tragendes mitgeben – für Herz und Hirn.“ Rotters großer Einsatz galt dem Haus der Familie in Lichtenstern. Unter seiner Leitung wurde eine große Spendenaktion gestartet, die den Neubau des Haupthauses ermöglichte. Dort begleitete er unzählige Glaubenswochen – mit Humor, Tiefe und Herzenswärme.
Sein Lachen bleibt vielen unvergessen. Auf einer KFS-Reise nach Wien 1997 brachte er mit seinen Witzen die ganze Gruppe zum Lachen – „bis uns am nächsten Tag der Bauch wehtat“, erinnert sich Angelika Mitterrutzner. Willi Rotter hinterließ Spuren des Glaubens, der Freude und der Gemeinschaft. ●
Die Kraft der gelebten Solidarität
Ein Brand zerstört das Zuhause von Daniela Barone und ihrer Familie in Leifers – Möbel, Erinnerungen, alles ist verloren. Doch was bleibt, ist stärker als die Flammen: die Hilfsbereitschaft einer ganzen Nachbarschaft, die Anteilnahme von Freunden und Fremden, die Unterstützung durch den Fonds „Familie in Not“. Eine Geschichte über Verlust, Zusammenhalt und darüber, wie im Dunkel plötzlich so viel Licht sein kann.
Text: Matthias Mayr
Daniela Barone auf jener Terrasse, von der der Brand ausging – die Ursache bleibt ungeklärt.
Am 19. März 2025 blieb für Daniela Barone, ihren Mann Belisario Chiango und die Kinder Nicolas, Manuel und Bianca die Zeit stehen. Ein Feuer zerstört ihre neue Dachgeschosswohnung in Leifers bei Bozen, die Hitze vernichtet Möbel, Bilder und Erinnerungen, alles, was sie sich aufgebaut hatten. Im Mehrfamilienhaus wohnen auch Danielas Schwester und ihre Eltern, deren Wohnungen nahezu unversehrt blieben.
Einige Monate später sitzt Daniela Barone am Küchentisch ihrer Eltern, die im Erdgeschoss des Hauses leben und die Familie aufgenommen haben. Daniela blickt auf die schlimme Zeit zurück. Dennoch richtet sie den Blick eher auf die Momente, die ihr Kraft gegeben haben, als auf jene, die dunkel waren. Wie kann das sein?
An jenem 19. März sind Daniela und Belisario bei der Arbeit, die Kinder in der Schule und im Kindergarten. Gegen Mittag beginnt es auf der Terrasse zu brennen. Der Brand greift bald auf das Dach über. Nachbarn bemerken die Flammen, sie alarmieren die Feuerwehr und benachrichtigen die Familie.
Daniela ist in Bozen im Büro, als ihr Vater sie anruft. Sofort fährt sie ein Kollege heim. Schon von Weitem sehen sie den Rauch. Als sie beim Haus ankommen, ist schon die Feuerwehr da.
Hilfe, die sofort da ist
Nach diesen Stunden voller Fassungslosigkeit beginnt der schöne Teil, die gelebte Solidarität. Mehrmals klingelt es an diesem Abend an der Tür der Wohnung ihrer Eltern. Freunde bringen Kleider, Shampoo, Zahnbürsten, Jausesäckchen für die Kinder. Der Fischhändler aus dem Laden ums Eck bringt der Familie
Während sie zuschaut, wie ihr Hab und Gut verbrennt, kommt ein Anruf aus der Schule. Ein Freund der Kinder hatte ihnen ein Video vom Brand auf seinem Telefon gezeigt. Die Kinder sind verstört und beruhigen sich erst, als die Mutter sie abholt und sie sehen, dass es ihr gut geht. Viereinhalb Stunden dauert der Einsatz der Feuerwehren von Leifers und Bozen, zurück bleibt eine Ruine. Dann der erste Abend nach dem Brand. „Ich war total neben mir“, erzählt Daniela. „Ich habe mich gefragt, wie es weitergehen soll. Ich wusste ja nicht mal, was ich meinen Kindern am nächsten Tag anziehen soll!“
Abendessen, in der Bäckerei nebenan wird eine Spendenbox aufgestellt. Schon untertags hatte die Bäckerei den Feuerwehrleuten zu essen und zu trinken gebracht. Biancas Kindergarten sammelt Spenden und in der Schule von Nicolas und Manuel organisieren die Mütter und die Lehrerinnen einen Tortenverkauf. Die Kirche sammelt Spenden und ein Angestellter einer Kellerei bekommt von seinem Arbeitgeber Wein und Sekt geschenkt, den er nach der Messe verkauft. Der Erlös kommt der Familie zugute.
„Silvia Di Panfilo vom KFS hat angerufen und mir alles erklärt. Dann ging es sehr schnell.“
„Ich habe mehr vor Rührung wegen der vielen Hilfe geweint als um die verlorene Wohnung“, sagt Daniela. Auch ihre Mutter Anna ist gerührt: „Die Menschen waren wunderbar. Das wärmt dir das Herz.“
Der Fonds als erste Entlastung
Die Spenden helfen über die erste Zeit. Aber der Schaden ist immens. Eine Kollegin von Daniela, ein Vereinsmitglied des Katholischen Familienverbands
Südtirol, kontaktiert den Hilfsfonds „Familie in Not“. „Silvia Di Panfilo vom KFS hat angerufen und mir alles erklärt. Dann ging es sehr schnell“, erinnert sich Daniela. Woran sie sich nicht erinnert, ist, ob sie Dokumente ausfüllen musste. Aber natürlich war da auch Bürokratie, schnell findet sie am Handy alle Unterlagen: Antrag, ISEE-Erklärung, Modell 730, Bankauszüge und Lohnstreifen der vergangenen drei Monate. Die Unterlagen sind notwendig, die Gelder müssen ordentlich verwaltet werden.
Am 3. April schickt Daniela die Dokumentation an den KFS, am 14. April geht das Geld auf dem Konto ein. Nur ein kleiner Teil des entstandenen Schadens, aber eine wertvolle Hilfe.
Die Familie ist 2023 aus dem Nachbarort Branzoll nach Leifers gezogen. Die zwei Buben besuchen die Grundschule in Leifers, die Kleinste ist noch im Kindergarten. Sie kaufen das Haus und renovieren es Stück für Stück, Daniela, ihre Schwester und ihre Eltern. Ende 2023 ist das Dachgeschoss an der Reihe, Danielas zukünftiges Zuhause. Anfang 2024 zieht die Familie ein. Ein Jahr später die Tragödie, die dank „Familie in Not“ ein wenig gelindert wird. Jeder kann direkt an den Fonds spenden, viele der 122 KFS-Zweigstellen im Land überweisen Spenden und Einnahmen aus ihren Veranstaltungen dorthin. Ein ehrenamtlich besetzter Fachausschuss trifft sich einmal pro Monat und entscheidet über die Verteilung der Gelder. Sie gehen an Familien, die von Krankheits- und
„Wir müssen lächeln, was sollen wir tun? Hier sind nur Sachen verbrannt", sagt Daniela Barone.
In den Fonds „Familie in Not" eingegangene Spenden
96.561,95 € im Jahr 2023
156.057,38 € im Jahr 2024 + 61 %
Vom Fonds „Familie in Not“ unterstützte
Familien
34 im Jahr 2023
37 im Jahr 2024
Worte, die Mut machen: Die drei Kinder von Daniela Baron und ihrem Mann Belisario Chiango mit den Plakaten, die ihre Freundinnen und Freunde für sie gestaltet haben.
Am Küchentisch: Daniela Barone mit dem Autor Matthias Mayr und ihrer Mutter Anna, gemeinsam lassen sie die vergangenen Monate Revue passieren.
ist.“ Ein Lieferant der Bäckerei bringt Reis, die von der Papierwarenhandlung Hefte, Farben, Spiele, sogar ein Fahrrad bekommt die Familie geschenkt.
„Was, wenn es nachts gebrannt hätte?
Dann hätten wir wohl nichts gemerkt.“
Todesfällen getroffen werden oder eben mit Schicksalsschlägen wie Unfällen und Bränden kämpfen müssen. Der Fonds greift aber auch, wenn eine Familie mit dem Einkommen nicht mehr über die Runden kommt, ohne besondere Vorkommnisse. „Die Gelder gehen auch an Alleinstehende, katholisch müssen die Spendenempfänger nicht sein“, stellt Di Panfilo klar. In besonders schweren Fällen handeln Caritas, Vinzenzgemeinschaft und Sozialdienste auch gemeinsam.
zielle Situation offenzulegen, falle vielen Menschen schwer.
Im Juni 2025 wird das Dachgeschoss der Wohnung in Leifers von einer Spezialfirma abgetragen. So lange muss die Familie warten, bis der Sachverständige der Versicherung kommt und den Unglücksort freigibt. Die Mauern werden geputzt, das neue Dach aufgesetzt, als wir zu Besuch sind, verkleiden die Gipser die Wände, an denen noch Brandspuren zu sehen sind. Elektriker und Fliesenleger werden folgen, im Dezember soll die Wohnung bezugsfertig sein.
waren super. Toll, was die so uneigennützig leisten. Sie haben sogar das Löschwasser aufgewischt, das über die Stiegen floss.“ Nach dem Brand wurde das offene Dach mit einer großen Plane abgedeckt. Ein paar Tage später verweht der Wind die Plane. „Es war Samstag, der Dachdecker konnte nicht kommen. Wenn rufst du da? Wieder die Feuerwehr. Sie ist sofort gekommen und hat sich darum gekümmert.“
„Wir sind jung, wir werden halt noch einen Kredit aufnehmen“, sagt Daniela Barone zwischen Resignation und Trotz.
„Schwieriger, als an Spenden zu kommen, ist es, die Menschen dazu zu bewegen, sich in einer Notsituation an uns zu wenden.“
Silvia Di Panfilo arbeitet beim KFS und verwaltet den Fonds, zu den Kriterien der Spendenverteilung sagt sie: „Der Fokus liegt auf den Kindern, sie sollen nicht unter einer Situation leiden, für die sie nichts können.“ 2024 konnte der Fonds Spenden von über 156.057 Euro verzeichnen, damit wurden 37 Familien unterstützt. „Schwieriger, als an Spenden zu kommen, ist es, die Menschen dazu zu bewegen, sich in einer Notsituation an uns zu wenden“, sagt Di Panfilo. „Viele wissen nichts vom Fonds, andere schämen sich, zu fragen.“ Ihre finan-
Retter auch nach dem Brand
Wir stehen auf der Terrasse der Dachgeschosswohnung, auf der der Brand ausbrach. Erklärung dafür gibt es immer noch keine, wird es wohl nie eine geben: Die Ermittlungen wurden ohne Ergebnis eingestellt.
Im Innenraum hat es gar nicht gebrannt, erklärt Daniela. Dennoch ist nichts heil geblieben: „Die Feuerwehr sagte uns, dass es in der Wohnung 750 Grad heiß wurde. Die Hitze hat alles zerstört“, erzählt sie. Als sie nach dem Brand die Wohnung betreten, findet Daniela die verkohlten Reste des Abendessens, das sie vorbereitet hatte: „Es war ja Vatertag, da sollte es etwas Besonderes geben.“ Noch weiß die Familie nicht, ob die Versicherung überhaupt zahlen wird. Und wenn, wird es sicher nicht reichen. Trotzdem schaut Daniela Barone immer auf die helle Seite. „Der Feuerwehrleute
Dass die Familie Glück im Unglück hatte, hält sich Daniela immer wieder vor Augen: „Was, wenn es nachts gebrannt hätte? Die Feuerwehr meinte, wir hätten wohl nichts gemerkt. Dann atmest du den Rauch ein und wachst nicht mehr auf.“ Beeindruckend, wie ruhig sie bleibt. Dabei habe ich schon vom Zuhören einen Kloß im Hals. „Wir müssen lächeln, was sollen wir tun? Ich war früher lange im Krankenhaus, da habe ich schlimme Dinge gesehen. Hier sind nur Sachen verbrannt.“
Wie Gemeinschaft ein Zuhause ersetzt
Danielas Eltern helfen, wo sie können. Auch die Hilfe von Freunden und Nachbarn hört nicht auf.
„Eines Abends kam ein Herr. Ich sah nur das Licht im Garten, ich bin rausgegangen, vor der Tür lagen Einkäufe mit Sachen für die Kinder. Er war schon beim Gehen, er hat nicht gesagt, wer er
„Ich sage den Kindern oft, schaut, was für ein großes Glück wir haben, schaut, wie sie uns alle helfen. Dabei sind wir nicht mal von hier.“ Die Unterbergstraße, sagt sie, sei wie ein kleines Dorf. Man schaut aufeinander: „Il bello nel brutto“, bringt Daniela es auf den Punkt und meint damit: Selbst dort, wo alles dunkel wirkt, kann Licht entstehen. Sie schaut von der Terrasse hinunter in den Garten, der nach Brand und Bauarbeiten komplett zerstört ist. Die Feuerwehr trug das Dach ab, das Gebälk musste sie in den Garten werfen. Ihre Schwester, die in der mittleren Etage wohnt, konnte mit ihrer Familie eine Weile ins Altersheim ziehen, in dem sie arbeitet. Heute lebt sie wieder in der Wohnung. Danielas Familie konnte zwar bei ihren Eltern unterkommen, wofür sie sehr dankbar ist, allerdings hat sie die Ruine ihres Heims ständig vor Augen. „Und immer dieser beißende Rauchgestank. Eines der Kinder konnte lange nicht schlafen.“
Wenn die Renovierungsarbeiten fertig sind, soll das Haus „Villa Magda“ heißen, nach der Oma, die den Hauskauf mitfinanzierte. „Es war immer ihr Wunsch, dass wir alle gemeinsam in einem Haus leben, die ganze Familie. Leider hat sie es nicht mehr erlebt, aber so lebt ihr Traum weiter.“ Ein klein wenig dazu beigetragen hat auch der Hilfsfonds des KFS, der zwar nicht den gesamten Schaden tilgen, aber der Familie eine Verschnaufpause bescheren konnte. Wie es sein kann, dass Daniela Barone angesichts des Verlustes, den sie und ihre Familie hinnehmen mussten, nicht die Hoffnung verliert, hatte ich mich zu Beginn unseres Gesprächs gefragt. Weil im Moment der größten Hilflosigkeit eine Welle von Zuwendung über sie kam, von Nachbarn, Freunden, Fremden, und dass all das, was wirklich zählt, nicht in Wänden und Möbeln steckt, sondern in den Menschen, die bleiben, wenn alles andere verloren ist. ●
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Spendenkonto
IT71N0808111600000300010014
Die Spenden sind steuerlich absetzbar.
KFS–Familie in Not ist Träger des Spendensiegels „SICHER SPENDEN“ Diese Zertifizierung ist ein Garant für Glaub- und Spendenwürdigkeit.
Familie in Not – Hilfe, die bleibt
Als der Katholische Familienverband Südtirol 1975 seine Verbandszeitung gründete, war darin bereits vom „Notstandsfond“ die Rede. Damit begann die Geschichte eines Hilfsfonds, der bis heute vielen Familien beisteht, wenn das Leben aus der Bahn gerät. Krankheit, Unfall, Tod, Brand oder finanzielle Engpässe – seit fünf Jahrzehnten hilft der Fonds „Familie in Not“ unbürokratisch und unmittelbar.
Die Idee war von Anfang an einfach und wirksam: Familien helfen Familien. Zahlreiche Zweigstellen des KFS sammeln Spenden, oft bei Veranstaltungen oder Benefizaktionen. Der Fonds wird ehrenamtlich verwaltet, ein Fachausschuss entscheidet monatlich über die Vergabe der Gelder. In den 1990er-Jahren berichtete die „FiSFamilie in Südtirol“ regelmäßig über Spenden und Einzelfälle – etwa von Alleinerziehenden oder Familien, die durch Krankheit oder Schulden in Not geraten waren.
„Familie in Not“ ist damit zu einer beständigen Säule der Solidarität geworden. Was in den 1970er-Jahren als kleiner Notstandsfonds begann, ist heute ein Zeichen gelebter Nächstenliebe – getragen von vielen, die an die Kraft der Gemeinschaft glauben.
Stundenlang kämpften die Teams der Feuerwehren Leifers und Bozen gegen die Flammen. Im Innenraum hat die große Hitze das meiste Hab und Gut in Schutt und Asche gelegt.
„Ohne Familie kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren.“
60 Jahre KFS, 50 Jahre FiS, das steht auch für ein gutes halbes Jahrhundert Familienpolitik in Südtirol. Frau Pamer, zumindest einen Teil dieser Jahrzehnte haben Sie aktiv miterlebt – als Lehrerin, Mutter, aber auch Familienreferentin und Bürgermeisterin in St. Martin. Was hat sich verändert, worüber sind Sie heute als Familienlandesrätin froh?
Rosmarie Pamer: Es hat sich extrem viel verändert. Allein die Definition von Familie, wie Familie gelebt wird, aber auch wie wir darauf blicken. In 30 Jahren Gemeindepolitik habe ich das hautnah miterlebt. Wenn ich daran denke, welch heftige Diskussionen wir noch vor rund 20 Jahren hatten, als wir in St. Martin eine Kita einrichten wollten. Da gab es viel Widerstand und harte Fronten. Heute ist es selbstverständlich, dass jede Gemeinde ihre eigene Kindertagesstätte hat. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren haben wir in Südtirol stark aufgeholt, auf 134 Kitas und einen Betreuungsindex von 40 Prozent.
Das heißt, 40 Prozent der Kinder von 0 bis 3 Jahre werden außerfamiliär betreut?
Genau. Damit sind wir schon nahe am BarcelonaZiel von 45 Prozent. Ein weiterer wichtiger Erfolg war rückblickend, dass Familie zur eigenen politischen Agenda wurde, statt unter dem Sozialen oder anderen Ressorts mitzulaufen. Auf Landesebene hatten wir 2008 mit Sabina Kasslatter Mur die erste Familienlandesrätin. Der ganz große Meilenstein war dann das Familiengesetz von 2013, mit
Gründung der Familienagentur, des Familienbeirats und den bis heute geltenden drei Säulen der Familienpolitik – also Familienbildung, finanzielle Unterstützung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Fünf Jahrzehnte „FiS – Familie in Südtirol“ spiegeln auch fünf Jahrzehnte Wandel in Südtirols Familienpolitik. Familienlandesrätin
Rosmarie Pamer, Gewerkschafter Tony Tschenett und KFS-Vertreter Valentin Mair blicken zurück auf Meilensteine, auf Streitpunkte, auf das, was gelungen ist – und auf das, was Familien heute wirklich brauchen.
Interview: Susanne Pitro
Fotos: Othmar Seehauser
ROSMARIE PAMER
Sie trafen sich im Zentrum der kirchlichen Kinderund Jugendarbeit „Josef Mayr-Nusser", in dem unter anderem die Katholische Jungschar untergebracht ist: (v. l. n. r.): Rosmarie Pamer, Familienlandesrätin, Tony Tschenett, Vorsitzender des Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbundes (ASGB) und Valentin Mair, von 2009 bis 2025 Leiter des Fachausschusses Familienpolitik im KFS, im Gespräch mit der Journalistin Susanne Pitro.
Valentin Mair: Erfolge haben immer viele Väter. Doch ich denke schon, dass wir als KFS mit unseren Forderungen und Vorschlägen in Südtirols Familienpolitik einiges bewegen konnten. Vor allem bei unseren wichtigsten Anliegen: das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen, die Wahlfreiheit von Familien und auch die Gleichbehandlung der Eltern in der inner- und außerfamiliären Betreuung. Da konnte mit dem Familiengesetz vieles „Das Bewusstsein für Familienfreundlichkeit hat in der Privatwirtschaft deutlich zugenommen.“
Herr Mair, Sie haben sich seit den 1990erJahren im KFS engagiert, in der Zweigstelle Algund, aber auch in den Landesgremien des Verbandes sowie als langjähriger Leiter des Fachausschusses Familienpolitik. Wie stark haben Sie und all die anderen Ehrenamtlichen des Verbands im ganzen Land zu diesen Fortschritten beigetragen?
„Italien hat bei der Familienpolitik versagt –und versagt weiterhin“, sagt Gewerkschafter Tschenett.
Kitas gibt es in Südirol + 100
Betriebe haben das Audit Familie und Beruf absolviert
erreicht werden, und wir haben konkret daran mitgearbeitet. Auch was die Förderungen betrifft, also das Familiengeld und das Landeskindergeld. Natürlich gäbe es auch hier immer noch Optimierungsbedarf, vor allem in Richtung Vereinfachung.
Herr Tschenett, auch für die Gewerkschaften ist Familienpolitik ein Dauerbrenner. Worin sehen Sie die größten Errungenschaften der Vergangenheit? Tony Tschenett: Unser Fokus war es immer, die Vereinbarkeit Beruf und Familie in den Kollektivverträgen zu verankern. Ein erster Meilenstein gelang 1988 im öffentlichen Dienst mit dem unbezahlten Wartestand, also dem Recht, maximal 31 Monate bei voller Einzahlung der Pensionsbeiträge zu Hause zu bleiben; ein weiterer mit der Elternzeit bis zum 12. Lebensjahr. Mittlerweile zieht auch die Privatwirtschaft nach, vor allem größere Betriebe, die nach der Elternzeit die Möglichkeit eines unbezahlten Wartestands anbieten.
Allerdings ohne Fortzahlung der Rentenbeiträge … Tschenett: Wird ein Antrag auf freiwillige Weiterversicherung vonseiten der Arbeitnehmerin gestellt, gibt es sehr wohl öffentliche Zuschüsse. Da hat sich vieles gebessert.
Pamer: Das Bewusstsein für Familienfreundlichkeit hat auch in der Privatwirtschaft deutlich zugenom-
men. Nicht zuletzt, weil es einen Wettbewerbsvorteil bringt, der angesichts des Arbeitskräftemangels immer wichtiger wird. Es gibt bereits mehr als 100 Betriebe, die das Audit Familie und Beruf gemacht haben.
Herr Mair, Sie haben das Thema Wahlfreiheit für Familien bereits auf den Tisch gebracht. Wie gerecht ist die öffentliche Unterstützung zwischen inner und außerfamiliärer Betreuung verteilt?
Mair: Auch hier konnten große Fortschritte erzielt werden. Wir hatten als KFS lange kritisiert, dass viel mehr in die außerfamiliäre Betreuung investiert wird. Doch seit den Neuerungen zur rentenmäßigen Absicherung von Erziehungs- und Pflegezeiten durch das Familiengesetz gibt es auch für die innerfamiliäre Betreuung eine große Unterstützung.
Mit bis zu 18.000 Euro für die freiwillige Rentenabsicherung …
Tschenett: Dieser Betrag ist allerdings seit 2013 unverändert geblieben. Und vor allem müssen Familien das Geld bei der freiwilligen Weiterversicherung vorstrecken, also erst beim INPS einzahlen, bevor sie bei der Provinz einen Antrag auf Rückerstattung stellen können. Und dafür ist das Geld oft nicht da.
Ist eine finanzielle Gerechtigkeit zwischen innerund außerfamiliärer Betreuung überhaupt ein Anspruch einer Familienlandesrätin?
Pamer: Die rentenrechtliche Anerkennung von Erziehungszeiten ist Kompetenz des Staates. Als Land unterstützten wir dennoch Personen, die sich dafür entscheiden, für diesen Zeitraum freiwillige Beiträge in die Rentenkasse einzuzahlen. Wir prüfen aktuell die Erhöhung dieser Unterstützung, genauso wie wir uns schon länger um eine Direktauszahlung über das INPS bemühen. Wahlfreiheit ist für mich ein großes Anliegen, doch das bedeutet nicht, dass Eltern, die zu Hause bleiben, dieselben Summen erhalten, die eine Kita kosten würde. Und als Familienlandesrätin muss ich zur Kenntnis nehmen, dass viele junge Leute ihre Entscheidung, Kinder zu bekommen, stark von der Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen abhängig machen.
„Wir brauchen auch Zeit und Freiraum für Familie.“
VALENTIN MAIR
Und weniger von staatlichen Boni?
Pamer: Staatliche Einmalzahlungen werden den Rückgang unserer Geburtenraten sicher nicht bremsen. Betreuungsmöglichkeiten sind weit effizienter. Wir brauchen natürlich auch Frauen am Arbeitsmarkt. Das ist also immer eine Gratwanderung, aber mein Fokus liegt ganz klar auf der Vereinbarkeit Familie und Beruf.
Mair: Das hat sich in den letzten Jahrzehnten auch stark geändert. Meine Kinder haben heute eine völlig andere Einstellung, als wir sie noch hatten. Deswegen ist Betreuung sicher wichtig, doch wir brauchen auch Zeit und Freiraum für Familie.
Tschenett: Es gibt eine Zahl, die uns wirklich zu denken geben sollte: Jährlich kündigen an die 800 bis 900 Mütter im ersten Lebensjahr ihres Kindes. Wieso? Einige haben keine Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, doch der Großteil möchte einfach noch beim Kind bleiben.
… und hat auch den Anreiz, zwei Jahre Arbeitslosenzulage zu beziehen.
Tschenett: Genau, doch das ist ein falscher Anreiz. Stattdessen wäre es weit besser, in möglichst allen Kollektivverträgen die Möglichkeit zu bieten, ein Jahr in unbezahlten Wartestand zu gehen. Dann könnten Eltern einen Antrag für die freiwillige Absicherung der Rentenzeit stellen und Mütter könnten später wieder in den Beruf einsteigen, statt aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen. Dafür müsste sich aber Rom bewegen und sagen: Statt Arbeitslosengeld zahlen wir lieber Rentenbeiträge.
Wie zufrieden sind Sie generell mit der finanziellen Unterstützung für Familien?
Pamer: Vor allem bei einem ISEE-Wert von bis zu 40.000 oder 46.000 kommt einiges zusammen: mit Landesfamiliengeld, Landeskindergeld, eventuell auch Landesfamiliengeld plus und all den Boni auf stattlicher Ebene. Mit dem Bonus „asilo nido“ können sich viele Eltern die Kleinkindbetreuung zahlen.
Tschenett: Statt den einen und den anderen Bonus auszuschütten, bräuchte es auf staatlicher Ebene endlich ein langfristiges Konzept. Da muss man einfach ehrlich sagen: Italien hat bei der Familienpolitik versagt, und versagt weiterhin.
Pamer: Das sehe ich genauso.
Frau Landesrätin, wie schwierig ist es generell, angesichts der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessensvertretungen gute Familienpolitik zu gestalten?
Pamer: Ich bin froh über so viele Stimmen, die sich mit Vorschlägen in die Familienpolitik einbringen. Das ist auch der große Gewinn des Familienbeirats, in dem alle mitreden können. Was meine Arbeit dagegen schwierig macht, sind die unterschiedlichen Zuständigkeiten bei der Gestaltung von Familienpolitik.
Sie meinen, zwischen Gemeinden und Land?
Pamer: Ja. Ein wichtiges Thema unseres aktuellen Regierungsprogramms und auch des Familienbeirats ist die Vereinheitlichung der Betreuungs- und Bildungszeiten. Dafür haben wir das nordische Modell als Vorbild, doch in diesen Ländern liegen alle Zuständigkeiten beim Staat. Bei uns ist die Kleinkinderbetreuung Gemeindekompetenz, der Kindergarten Landeskompetenz, die Sommerbetreuung und Mensadienst machen die Gemeinden, und Schulen sind staatlich oder beim Land, aber autonom. Das macht es schwierig, ein Gesamtkonzept zu erstellen. Mein Wunsch ist es, flächendeckend in Südtirol einheitliche Betreuungs- und Bildungszeiten sowie eine Abstimmung auf das ganze Jahr zu erreichen. Tschenett: Das Problem ist, dass bei all diesen Maßnahmen vergessen wird, dass es nicht das nötige Personal dafür gibt. Weder für den Kindergarten noch für die Schule, noch für die Betreuung in Mensen. Wir wollen in Südtirol immer mehr, mehr, mehr, aber ignorieren dabei den demografischen Wandel.
„Statt den einen und den anderen Bonus auszuschütten, bräuchte es auf staatlicher Ebene endlich ein langfristiges Konzept.“
TONY TSCHENETT
Wo ist der Ausweg?
Mair: Der demografische Wandel ist tatsächlich eine große Herausforderung, und wir müssen sicher in viele Richtungen denken, um auf seine Folgen zu reagieren. Angefangen bei Maßnahmen gegen die Abwanderungen junger Leute ins Ausland über eine noch stärkere Einbeziehung von Vätern in die Familienarbeit bis hin zur Nachbarschaftshilfe, wo wir als KFS an einem Zeitbankmodell arbeiten. Wir
brauchen viele neue Ideen und Familien, die sich noch stärker untereinander organisieren.
Pamer: Es braucht sicherlich kreative Lösungen; mit Motivation und Wertschätzung finden sich dort, wo Personal fehlt, auch Freiwillige.
Welche Lösungen könnten Unternehmen beisteuern?
Tschenett: Es gibt viele familienfreundliche Unternehmen, bei manchen können die Kinder sogar in der Betriebsmensa essen. Die großen Schwierigkeiten haben wir vor allem bei Kleinbetrieben. Hier können wir über die bilateralen Körperschaften einiges an Unterstützung geben, zum Beispiel für Väter in Elternzeit. Eine gewisse Unterstützung bringt seit Covid auch das Smart Working, das wird heute auch von vielen Kleinbetrieben angeboten.
Nicht zuletzt angesichts des demografischen Wandel gilt es heute umso mehr, Lust auf Familie zu machen. Herr Mair, Sie haben sich jahrzehntelang ehrenamtlich für Familien eingesetzt. Was begeistert sie so am Thema Familie?
Mair: Ohne Familie sind wir nichts. Familie ist das Um und Auf, ohne sie kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Daher müssen wir für Familie begeistern und Lust darauf machen.
Welche politischen Hebel gibt es, um Lust auf Familie zu machen?
Pamer: Dafür braucht es alle drei Säulen der Familienpolitik, aber ganz besonders die Familienbildung. Dafür war der KFS nicht nur Vorreiter, sondern ist bis heute ein ganz starker Partner. Familien im Familiensein zu unterstützen, in all ihrer Vielfalt. Hier hat vor allem die FiS in den letzten 50 Jahren viel wertvolle Arbeit geleistet.
Die Zeitung ist trotz ihrer katholischen Grundausrichtung mit dem gesellschaftlichen Wandel mitgegangen, Herr Mair?
Mair: Absolut. Diese Offenheit war immer Teil des KFS. Und wir haben auch heute noch keine Probleme, unsere Zweigstellen mit Leben zu füllen. Es gibt ganz viele junge Leute auf Gemeindeebene, die sich beim KFS engagieren und offensichtlich das Bedürfnis haben, dort eine Stütze und Anlaufstelle zu haben. Deshalb bin ich immer wieder dankbar über die gute Zusammenarbeit und den reichen Austausch – aber ja, auch unsere Wünsche werden nicht aufhören. ●
Walter Weiss, ehemaliger KFS-Bezirksleiter im Burggrafenamt.
KFS-Präsidentin
Sieglinde Aberham unterschreibt die Gründungsurkunde von „Stiftung Wohnen Südtirol“.
KOMMENTAR
JAHRZEHNTELANGER EINSATZ FÜR LEISTBARES WOHNEN
Als 1975 die erste Ausgabe der „FiS – Familie in Südtirol“ erschien, wurde gleich auf den ersten Seiten ein Anliegen hervorgehoben, das „immer seine Gültigkeit haben“ werde: der Einsatz für familiengerechte und finanziell tragbare Wohnungen. Schon dieser frühe Grundsatz zeigt, wie zentral die Wohnfrage für den KFS von Beginn an war – und wie eng Wohnen und Familiengerechtigkeit zusammen gedacht wurden.
Nur wenige Jahre später, 1977, kritisierte die Zeitschrift die Ablehnung des Familiengründungsförderungsgesetzes und beanstandete, dass offenbar Geld für Straßen, aber nicht für Familien vorhanden sei. In derselben Zeit zeigte sich, dass viele sozialpolitische Entscheidungen direkt in die Lebensrealität junger Paare hineinwirkten – und gerade dort fehlte Unterstützung. In den 1980er-Jahren wurde die Wohnungsfrage zum drängenden sozialen Problem. Die Ausgabe vom Mai 1980 titelte unmissverständlich: „Wohnungsnot gefährdet die Familie“. Die Analyse war klar: Junge Ehepaare, kinderreiche Familien, aber auch Lehrpersonen, Pflegekräfte und öffentliche Angestellte fanden kaum noch bezahlbare Wohnungen. Lange Wartelisten, steigende Bodenpreise und eine wachsende Zahl leer stehender Zweitwohnungen verschärften die Lage. Über fünf Jahrzehnte hinweg zieht sich diese Grundhaltung durch das Verbandsblatt wie ein roter Faden: Wohnen ist Familienpolitik. Immer wieder forderte der KFS faire Chancen für junge Menschen, sozial ausgewogene Vergaberegeln, Mut im geförderten Wohnbau und klare politische Verantwortlichkeiten. Dass das Thema weiter an Brisanz gewonnen hat, bestätigt auch Walter Weiss, langjähriger Bürgermeister von Naturns und ehemaliger KFS-Bezirksleiter im Burggrafenamt. Er sieht die Rolle der öffentlichen Hand im Bereich leistbares Wohnen zwar als wichtig, aber begrenzt. „Die öffentliche Hand kann nicht alle Probleme lösen“, betont er. „Der Familienverband hat sich immer wesentlich für den Gemeinschaftsgedanken eingesetzt, dass junge Familien beim Start unterstützt werden – auch beim Bau oder Kauf einer Wohnung.“
Heute, 50 Jahre nach der ersten Ausgabe der FiS, ist leistbares Wohnen aktueller denn je. Die stark steigenden Immobilienpreise und die zunehmende Belastung für junge Familien bestätigen vieles, was die Zeitschrift seit ihren ersten Ausgaben kritisch begleitet hat. Und wie damals bleibt der KFS nicht Beobachter, sondern gestaltender Akteur: Mit der Gründung der „Stiftung Wohnen Südtirol“ beteiligt sich der Verband an einem neuen Modell von gemeinnützigem Wohnbau und setzt gemeinsam mit starken Partnern ein deutliches Zeichen. Die neu gegründete und gemeinnützige Stiftung hat das Ziel, in ganz Südtirol leistbaren Mietwohnraum für die Bevölkerung zu schaffen. KFS-Präsidentin Sieglinde Aberham Signori betonte bei der Unterzeichnung: Dieses Projekt solle jungen Menschen „eine Chance geben, sich eine Zukunft im Lande aufzubauen“.
So schließt sich ein Kreis: Was 1975 als dringende Warnung begann, wird heute zu einem aktiven, gemeinsamen Handlungsauftrag. Leistbares Wohnen bleibt ein zentraler Auftrag des Familienverbandes – damals wie heute. ●
Silvia Oberrauch
„Manches klingt, als wäre es erst gestern geschrieben worden“
Vanessa Macchia ist Professorin für Inklusive Bildung an der Freien Universität Bozen und leitet dort Forschungs- und Ausbildungsprogramme im Bereich frühe Kindheit, Didaktik und Inklusionspädagogik. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit engagiert sie sich im Katholischen Familienverband Südtirol als Bezirksleiterin Überetsch/Unterland und Leiterin der Zweigstelle Girlan.
Für die Jubiläumsausgabe der „FiS – Familie in Südtirol" hat sie alle Hefte seit 1975 durchgesehen und analysiert. Im Gespräch erzählt sie, welche Themen damals wichtig waren – und heute noch aktuell sind –, wo sich Rollenbilder verschoben haben und welche Ratschläge von einst heute noch ihre Gültigkeit haben.
Interview: Silvia Oberrauch
Frau Macchia, Sie haben sich durch viele Jahrgänge der FiS gearbeitet. Wie war diese Zeitreise für Sie?
Ein bisschen von beidem – Forschungsarbeit und Zeitreise. Es war anspruchsvoll, aber auch sehr schön. Ich hatte viele Aha-Momente. Man meint ja oft, gewisse Themen wären erst heute aktuell. Dann blättert man zurück und sieht: Das wurde schon vor 30 oder 40 Jahren in der FiS diskutiert.
Welche Themen haben Sie besonders überrascht?
Zum Beispiel, dass es schon vor 45 Jahren MutterKind-Wochen gab. 1980 fand in Tramin eine Familienbildungswoche statt, in der Erziehungsthemen im Mittelpunkt standen – das erinnert stark an den
heutigen Familienkongress. Beeindruckend war auch, wie selbstverständlich und mit einem gewissen Nachdruck damals schon die Väter angesprochen wurden. In den ersten Ausgaben findet sich immer wieder die Aufforderung an Väter, sich aktiv in die Familie einzubringen. Das war für die damalige Zeit sehr fortschrittlich.
Gleichzeitig blieb die Erziehungsarbeit doch meist bei der Mutter?
Das stimmt. Man merkt, dass das Familienleben nach wie vor stark um die Mutter kreiste. Es ging oft um ihre Rolle, ihre Belastung, um die Frage, was eine „gute Mutter“ ausmacht. Gleichzeitig aber erkannte man schon damals den Wert dieser Arbeit an – die Hausfrau und Mutter, die unermüdlich leistet und wenig gesellschaftliche Anerkennung bekommt.
Spannend ist: Schon in den 1970er-Jahren finden sich Beiträge über alleinstehende Frauen oder Mütter, über Erholungstage und Therapieangebote für sie. In den 1980er-Jahren wurde das noch ausgebaut: Müttererholung, Gesprächspsychotherapie, Bildungsprogramme für Frauen. Das war modern und in seiner Offenheit bemerkenswert.
Heft 4, 2000
Die frühen Ausgaben wirkten oft auch politisch engagiert.
Ja, absolut. Die FiS liest sich wie ein politisches Manifest. Sie war das Sprachrohr des KFS – mit klaren Positionen und dem erklärten Ziel, Familieninteressen in die Politik zu tragen. Viele Artikel waren Appelle an die Gesellschaft und an die Politik, die Familie ins Zentrum zu stellen. So wurde unter anderem zum aktiven Mitspracherecht der Eltern in Schulgremien aufgerufen.
„Einerseits patriarchale Strukturen, andererseits sehr moderne Themen. Es ist diese Ambivalenz, die die Zeitschrift so interessant macht.“
Diese Mischung aus Tradition und Fortschritt zieht sich durch viele Jahrgänge.
Ja, die FiS spiegelt genau diesen gesellschaftlichen Übergang wider: das Ende der 1970er-Jahre mit der Frauenbewegung, den beginnenden Rollenwandel. Einerseits patriarchale Strukturen, andererseits sehr moderne Themen. Es ist diese Ambivalenz, die die Zeitschrift so interessant macht.
Gab es etwas, das Sie besonders berührt hat?
Ja, die Artikel über Gewalt und sexuellen Missbrauch in den 1990er-Jahren. Ich war damals selbst Jugendliche und erinnere mich, dass solche Themen kaum öffentlich besprochen wurden. Umso bemerkenswerter fand ich, wie klar die FiS sie damals aufgriff – mit Beiträgen über Selbsthilfegruppen wie Silberband oder Initiativen wie Frauen helfen Frauen. Das zeigt, dass der Verband früh gesellschaftliche Verantwortung übernommen hat.
Und etwas, das Sie zum Schmunzeln gebracht hat?
Ein Text mit dem Titel „Fröhlich sein kann man lernen“. Dort stand, dass Kinder fröhlich sind, wenn die Eltern es sind – und dass man sich notfalls zum Fröhlichsein zwingen müsse. Das war schön altmodisch, aber irgendwie auch liebevoll.
Haben sich die Kernthemen über die Jahrzehnte verändert?
Eigentlich nicht. Die Sprache, das Layout, der Stil – das alles hat sich modernisiert. Aber die Grundthemen sind geblieben: Erziehung, Beziehung, Rollenbilder, Bildung, Vereinbarkeit. Es sind zeitlose Themen, weil sie mit unserem Menschsein zu tun haben. Familie bleibt der Ursprung, aus dem Gesellschaft entsteht – egal in welcher Form.
Gab es Themen, die Ihnen gefehlt haben?
Ja, das Thema psychische Gesundheit. Über Belastung, Erschöpfung oder Depression wurde kaum geschrieben. Man sprach von Überforderung, aber selten über innere Zustände oder Prävention. Heute würden wir von „Wellbeing“ oder psychischer Hygiene sprechen. Das war damals noch kein Begriff, und es wäre spannend, das heute stärker aufzugreifen. ●
Wie war der Blick auf das Kind?
Erstaunlich modern. Schon Ende der 1970er-Jahre stand das Kind im Mittelpunkt. In einem Artikel hieß es sinngemäß: Das Kind muss gesehen werden – es braucht einen achtsamen Umgang. 1975 erschien der Beitrag „Achtung, das Kind hört mit“, in dem Eltern aufgefordert wurden, sich ihrer Vorbildrolle bewusst zu sein – in Streitkultur, Sprache, Umgang. Das ist genau der Blick, den wir heute als „kindzentriert“ bezeichnen würden. Die Themen Schule und Kindergarten ziehen sich durch alle Jahrgänge: Übergänge, Konzentrationsschwierigkeiten, Lernmotivation. Alles Themen, die man auch in heutigen Elternseminaren wiederfindet.
Die FiS geht sehr offen mit Themen um, die lange als Tabu galten: Coming-out (Heft 2, 2023) wird als wichtiger Schritt zu einem selbstbestimmten Leben beschrieben, unterstützt von Familie, Schule und Umfeld. Regenbogenfamilien (Heft 6, 2024) werden als vielfältige, stabile Familienformen vorgestellt, die denselben Alltag meistern wie andere. Die FiS zeigt damit klar Haltung: Sie ist offen für alle Familien und scheut nicht davor zurück, sensible Themen sichtbar zu machen.
Heft 5, 1976
Heft 6, 1978
Heft 5, 1996
Die FiS: Brücke zwischen
Verband und Mitgliedsfamilien
Seit 1980 prägt Alfons Gruber die „FiS – Familie in Südtirol“ als presserechtlich Verantwortlicher, Autor und Stimme des Verbandes. Im Gespräch erinnert sich der Historiker an die Anfangsjahre, an bleibende Themen – und an das, was für ihn die Familie im Kern ausmacht.
Beatrix Unterhofer
Herr Gruber, wie kam es 1980 dazu, dass Sie die presserechtliche Verantwortung für die FiS übernommen haben?
Ich habe Dr. Hans Kopfsguter, den damals aktuellen KFS-Präsidenten, durch meine Tätigkeit in der Schule schon gut gekannt. Wir haben öfters über Probleme der Schule gesprochen und da ist auch die Idee aufgetaucht, dass ich die Verantwortung für die FiS übernehme. Ich war damals junger Vater von drei Töchtern und somit an Problemen von Familie und Schule interessiert und involviert. So habe ich auf die Anfrage von Dr. Kopfsguter ziemlich rasch mit Ja geantwortet. Und die presserechtliche Verantwortung ist mir bis heute geblieben.
Welche Themen aus den Anfangsjahren sind Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben?
Wenn ich die Familie von damals mit denen heute vergleiche, dann stelle ich fest, dass sich die grundsätzlichen Probleme kaum verändert haben. Es geht immer um den Wert der Familie im privaten Bereich, in der Gesellschaft und in der Politik. Die Politik ist allerdings sensibler, was die Familie betrifft. Auch das Bewusstsein für die Belange der Familie ist heute in der Gesellschaft ausgeprägter als noch vor Jahren oder Jahrzehnten. Das heißt aber nicht, dass die Probleme, mit denen sich Familien heute auseinandersetzen müssen, geringer als früher wären.
Wie hat sich die FiS im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Die FiS hat sich in den 50 Jahren wesentlich verändert – sowohl im äußeren Erscheinungsbild als auch inhaltlich. Die Zeitschrift wurde damals ausschließlich in Schwarz-Weiß gedruckt. Das war damals bei allen Zeitungen so üblich. Heute präsentiert sie
sich als modernes, farbiges Medium, das sehr ansprechend gestaltet ist. Man nimmt die FiS gerne zur Hand und erfreut sich an den attraktiv aufbereiteten Beiträgen, die die ganze Palette der Probleme der Familien in Südtirol und die reiche Tätigkeit des Verbandes widerspiegeln.
Welche Rolle spielt die FiS heute im Vergleich zu früher?
Die Zeitschrift ist früher wie heute ein wichtiges Sprachrohr des Familienverbandes. Viele praktische Informationen wie auch Beiträge zu grundsätzlichen Themen können über die FiS an die Mitglieder und damit an die Öffentlichkeit getragen werden. Sie ist damals wie heute eine sehr wichtige Brücke zwischen den Organen des Verbandes und den Mitgliedern des KFS.
„Ich bin stolz, mich für die Familien in Südtirol engagieren zu können.“
Worauf sind Sie stolz?
Es ist einerseits eine Herausforderung und gleichzeitig auch eine Genugtuung, für den Familienverband zu arbeiten. Insofern bin ich stolz, mich für die Familien in Südtirol engagieren zu können. Wie schon gesagt: Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. Wenn es der Familie gutgeht, dann geht es auch der Gesellschaft gut. Und wenn in der Familie die Dinge im Argen liegen, dann geht es der Gesellschaft nicht gut. Insofern kann ich sagen: Die gesunde Familie ist für mich das Um und Auf, damit Gemeinschaft, Land und Staat funktionieren können. ●
60 Jahre KFS –ein Jahr voller Höhepunkte
2026 steht ganz im Zeichen des Jubiläums: Seit 60 Jahren begleitet der Katholische Familienverband Südtirol Familien durchs Leben. Das Jubiläumsjahr bringt besondere Momente, Begegnungen und Feste im ganzen Land – es ist ein Jahr, das Gemeinschaft sichtbar macht.
06. März 2026
AUFTAKT-
VERANSTALTUNG
Bruneck, NOI Techpark Pustertal Konzert mit Frisch gstrichen, Umtrunk und Flying Service der Landeshotelfachschule Bruneck. Reinerlös zugunsten „Familie in Not“.
16. Mai 2026
LANDESVERSAMMLUNG
Bozen, Salewa 60 Jahre KFS: Feiern. Danken. Weitertragen. Jahrestreffen von Mitgliedern, Funktionsträgern und Partnern mit Rück- und Ausblick.
31. Mai 2026
JUBILÄUMSFEIER FÜR
ALLE FAMILIEN
Brixen, Vinzentinum, 10 bis 17 Uhr Großes Familienfest mit offiziellem Festakt, Programm für Klein und Groß und Gästen aus Kirche, Politik und Ehrenamt.
Herbst 2026
KINOTAG FÜR
EHRENAMTLICHE
Bozen & Algund, Cineplexx Ein gemeinsamer Kinonachmittag als Dank für das ehrenamtliche Engagement.
2026
AKTIONSTAGE IN BEZIRKEN UND ZWEIGSTELLEN
In den Gemeinden Südtirols Offene Veranstaltungen mit Familienprogramm, Vorträgen, Erlebnisstationen und Gesprächsrunden zu aktuellen Themen.
24. Oktober 2026
ABSCHLUSSVERANSTALTUNG
Latsch, CulturForum Latsch Kabarettabend als feierlicher Ausklang des Jubiläumsjahres. Spenden zugunsten „Familie in Not“.
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