Skip to main content

FALTER Beilage: Wiener Festwochen 2025

Page 1


Nr. 19a/25

FESTWOCHEN

Entgeltliche Beilage des Falter Verlags

VERANSTALTUNGEN UND TERMINE

REPUBLIK DER LIEBE

Szenenfoto aus „Kitty“ von Satoko Ichihara. Foto: Toshiaki Nakatani

Miet Warlop und Lia Rodrigues Stoff und Tanz | Carolina Bianchi „The Brotherhood“ | Akademie Zweite Moderne | „Wiener Kongresse“ Deba e als Bühnenereignis | Séverine Chavrier, Christopher Rüping und Tiago Rodrigues im Interview

Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschri en GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

Vorwort

Wollten Sie immer schon eine Trennungsparty feiern? Bei den Wiener Festwochen können Sie in diesem Jahr Ihrem Beziehungsende einen feierlichen Rahmen setzen. Die Festival-Band Caravan of LUV gestaltet einen Abend für Sie. Von 16. Mai bis 22. Juni rufen die Wiener Festwochen die Republik der Liebe aus. „V is for loVe“ lautet das Leitmotiv des diesjährigen Festivals, das sich mit Theater, Tanz, Gesprächen, Kongressen, Partys und Konzerten in Fürsorge übt.

Am Theater geht es immer auch um Emotionen. Und nicht selten um Liebe. Liebe gibt es aber nicht nur im romantischen Sinne, sie bedeutet ebenso die Auseinandersetzung mit Politik, Gesellscha oder Kunst. Die Festwochen thematisieren mit ihrem Programm auch die Reibungsflächen. Viele Stücke spannen den Bogen von persönlichen Beziehungen zu gesellscha lichen Fragen. Kann die Liebe politische Differenzen überwinden, fragt etwa Julian Hetzels „Three Times Le is Right“. „Centroamérica“ zeichnet ein politisches wie persönliches Fresko Mittelamerikas. Und in „Inselliebe“ geht es um die Zuneigung der Wiener:innen zur Donauinsel. Über 40 Projekte bietet das Festival, davon elf Weltpremieren und zehn Eigenproduktionen. Erstaunlich viele Klassikerbearbeitungen werfen in diesem Jahr neue Blicke auf alte Stoffe (Seite 12). Auch Trauer ist ein zentrales Thema, etwa in „No Yogurt for the Dead“, „Goodbye, Lindita“ oder „The Grief of Red Granny“. Besonders freuen wir uns über die zahlreichen Interviews in diesem He . Gespräche gibt es mit Tiago Rodrigues, Séverine Chavrier und Christopher Rüping. Außerdem dur en wir mit einem ganz speziellen Fachpublikum sprechen: Eine Zürcher Schulklasse hat uns ihre Meinung zum diesjährigen Familienstück „Robin Hood“ mitgeteilt. Erfahren Sie auf Seite 22, warum die Eichhörnchen zu viel schu en. Übrigens können Sie sich beim Festival auch das Jawort geben. Willkommen in der Republik der Liebe!

SARA SCHAUSBERGER

Impressum

Inhalt

What is Love? Die Republik der Liebe und ihre Stücke, Diskursformate und Lagerfeuer 4

„Man weiß o nicht, ob man lachen soll oder nicht“ Séverine Chavrier inszeniert Thomas Bernhard 6

Sechs Engel und zwei rote Omas im surrealen Garten Eden Gorges Ocloos „The Grief of Red Granny“ 7

Ta oo und Tribunal Die Deba enreihe „Revolutionary Love“, „Eine Rede an Europa“ und die „Wiener Kongresse“ 8

„Herr Rodrigues, wer war Ihr Vater?“ Tiago Rodrigues schreibt das Werk seines Vaters fort 10

Der Stoff, der Träume tanzen lässt Textilien in den Choreografien von Miet Warlop und Lia Rodrigues 11

Classy Neue Blicke auf alte Stoffe: Ein Streifzug durch die Jahrhunderte mit der Reihe „Brand New Classics“ 12

Von der Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen Die Akademie Zweite Moderne und ihre Komponistinnen* 15

„Jedes Erdbeben hat die Möglichkeit zu verändern“ Interview mit Christopher Rüping über die Liebe 16

Donauinsel-Doppelgänger Die Stücke „Inselliebe“ und „Ein gefräßiger Scha en“ 17

Scheiß auf Katharsis! Toxische Rollenbilder bei Carolina Bianchi, Satoko Ichihara und Pia Hierzegger 18

Die Wunden unserer Mü er Heimat, Klimaschutz und Politik in Süd- und Zentralamerika 20

Alles walzert mit Ivo Dimchev Festwochen-Debütant Ivo Dimchev bringt das Publikum mit Strauss in Schwung 21

Auf in die Altersheim-Simulation SIGNAS immersives Stück „Das letzte Jahr“ 22

Mu er Courage und der Love-Effekt Weiblicher Zyklus und Krieg in Lisaboa Houbrechts’ „Moeder Courage“ 22

„Die Eichhörnchen müssen zu viel schu en“ Kinder erklären Wu Tsangs Familienstück „Robin Hood“ 22

Helmut Gutbrunner, Regina Danek; Geschä sführung: Siegmar Schlager; Leitung Sales: Ramona Metzler (kar.), Sheila Martel, Christian Fabi; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Im Au rag der Wiener Festwochen. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter-verlag ständig abru ar.

Von der Vaterlandsliebe zur Mu erliebe, vom Politischen ins Private: Die Wiener Festwochen erklären heuer Wien zur Republik der Liebe. Aber was ist Liebe überhaupt? Und wie schlägt sie sich in den Stücken, Diskursformaten und Lagerfeuern beim Festival nieder?

LOVE? What is

Kann lesbische Liebe Leben re en? Sandra Calderan und Rébecca Chaillon in ihrer Performance „La Gouineraie“ (ganz oben); V steht für das diesjährige Mo o „V is for loVe“ (oben); Festwochen-Band Caravan of LUV wohnt und arbeitet im Garten des Haus der Republik (rechts)

LOVE?

Die Liebe ist wie ein Lagerfeuer. Sie spendet Wärme und schenkt Geborgenheit. Manchmal lodert sie wild und ungezähmt. Im Dunkeln gibt sie Licht. Aber sie kann auch gefährlich sein: Sie kann verglimmen, wenn man nicht auf sie aufpasst, wild um sich schlagen oder alles verbrennen, was ihr nahe kommt. Wenn das Feuer erlischt, bleibt eine Glut.

Bei den diesjährigen Wiener Festwochen wird dieses Bild wörtlich genommen: Jeden Sonntagabend lodert im Garten des Hauses der Republik ein echtes Lagerfeuer – samt Gesprächen, Musik, Stockbrot und Wein. Eine Art schamanistisches Ritual, offen für Künstler:innen, Aktivist:innen, Theorie-Ikonen, Nachtschwärmer:innen und alle, die dabei sein wollen. Die amerikanische Performance-Künstlerin und Musikerin Laurie Anderson wird etwa eines der „Campfires“ gestalten.

Das ehemalige Funkhaus in der Argentinierstraße dient heuer als Zentrum des Festivals. Dort finden Gespräche, Partys, Konzerte, Theatervorstellungen und LateNight-Shows statt. Dramaturgie, Presse, Marketing, künstlerische Leitung arbeiten vor Ort mit offenen Türen. Die Idee: Nähe schaffen, Austausch ermöglichen, Gemeinscha erleben, auch abseits des Bühnenraums.

Das Lagerfeuer liefert ein starkes Symbol: Wie wollen wir heute miteinander leben? Zusammen am Feuer zu verweilen hat einen gemeinscha ssti enden Effekt. Schnell fallen die Hemmungen und es entsteht ein warmes Gefühl des Miteinander. Vielleicht mehr als auf den engen Stuhlreihen im Theater, wo das Publikum aufgereiht nebeneinander sitzt.

Unter dem Motto „V is for loVe“ rufen die Wiener Festwochen in diesem Jahr die „Republik der Liebe“ aus. „Wir wollen ein positives Zeichen setzen“, sagt Festwochen-Dramaturgin Carmen Hornbostel.

Nach einem politisch aktivistischen Vorjahr steht heuer das Private im Fokus –allerdings nicht losgelöst vom Politischen. Liebe wird beim Festival in all ihren Widersprüchen verhandelt: als Zuneigung, als Verantwortung, als Machtbeziehung.

Erst einmal ist Liebe ein positiver Begriff, mit dem wir vor allem Schönes verbinden: Gemeinscha , Halt, Intimität. Sie wird aber auch o idealisiert. Die Festwochen thematisieren mit ihrem Programm auch die Reibungsflächen: Das Private ist politisch. Harmonie ist nicht selbstverständlich, auch Missbrauch, Hass und Trauer sind Teil von Beziehungen. „Reibung gehört zu jeder Gruppe, zu jedem Paar, zu jeder Familie“, sagt Hornbostel. „Uns ist bewusst, dass es in jeder Gesellscha immer Konflikte geben wird.“

Dennoch wollen die Festwochen in ihrer Republik der Liebe mit Projekten wie dem wöchentlichen „Campfire“ ein gemeinscha liches Gefühl erzeugen. Aber was bedeutet Gemeinscha in einer fragmentierten Gesellscha ? Wie kommen wir wieder ins Gespräch? Und wie gestalten wir unser Miteinander? „Wir alle haben ja eigentlich das Bedürfnis, harmonisch zusammenzuleben“, meint Hornbostel.

Club der Republik

17.5. bis 21.6., 22 Uhr, Funkhaus

Caravan of LUV jeden Donnerstag

Konzerte jeden Freitag

Partys jeden Samstag

Campfi re jeden Sonntag

Die amerikanische Autorin und Philosophin bell hooks definiert in ihrem berühmten Werk „All About Love“ Liebe als bewusste Entscheidung. Sie sei nicht einfach ein Gefühl, sondern Handlung, die auf Fürsorge, Respekt, Vertrauen und Engagement basiert. hooks argumentiert, dass wir Verantwortung für unsere Liebeshandlungen übernehmen müssen, da diese Konsequenzen haben und unsere Beziehungen formen.

Christopher Rüpings Stück „All About Earthquakes“ bezieht sich auf diese Theorien und bringt sie mit Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben von Chili“ zusammen (siehe auch S. 16). Der Abend denkt Liebe vor allem im politischen Sinne und schafft eine Utopie des gemeinscha lichen Zusammenlebens.

tionieren kann. „Three Times Le is Right“ handelt von einem realen Wiener Paar: Sie ist Vertreterin der Neuen Rechten, er kommunistischer Kulturwissenscha ler. Sprache wird hier zum politischen Machtkampf. Missbrauch, ob körperlich oder strukturell, zieht sich als weiteres Thema durch das Programm. Im Diskursformat „Wiener Kongresse“ geht es unter anderem um Missbrauch in der Kunst (siehe auch S. 8, 9). Und auch mehrere Produktionen nehmen sich des Themas an: Carolina Bianchi untersucht in „The Brotherhood“ sexualisierte Gewalt in männerbündischen Strukturen, in „The Second Woman“ spielt eine Performerin 24 Stunden lang die gleiche Szene mit immer neuen Männern (siehe auch S. 18, 19). Ein radikales Experiment zu Machtverhältnissen und struktureller Gewalt. Krieg, o als Gegensatz zur Liebe verstanden, spielt ebenso eine Rolle: Itay Tirans „Richard III“, kurz vor dem 7. Oktober 2023 uraufgeführt, wird als Allegorie auf Netanjahus Politik gelesen. Für sein Stück „Perzen“ arbeitet der flämische Theatermacher Chokri Ben Chikha mit einem Cast aus israelischen und palästinensischen Tänzer:innen und Performer:innen. Ausgehend von Aischylos’ „Die Perser“ untersucht er, was Mitgefühl in verhärteten Konflikten bewirken kann. Und auch „Moeder Courage“ von Lisaboa Houbrechts thematisiert Krieg und die Rolle der Frau darin (siehe auch S. 12–14).

Wir alle haben ja eigentlich das Bedürfnis, harmonisch zusammenzuleben

CARMEN HORNBOSTEL

Das Festival fragt: Welche Formen von Liebe prägen unser Zusammenleben? Zwischen Freundscha , Familie, Stadtliebe und Fürsorge entfaltet sich ein vielstimmiges Panorama. Liebe kann empowern, verbinden, aber auch vereinnahmen. „Fürsorge ist ein anderes Wort für Liebe“, so Hornbostel. „Und auch sie kann kippen, paternalistisch oder politisch werden.“ Viele Arbeiten spannen den Bogen von persönlichen Beziehungen zu gesellscha lichen Fragen. Etliche Stücke widmen sich der Trauer, diesem fast unerträglichen Gefühl, das man nicht haben möchte. Aber will man auf die Liebe verzichten, um nicht trauern zu müssen? In „No Yogurt for the Dead“ verabschiedet sich Tiago Rodrigues in poetischen Szenen von seinem Vater – und schafft dabei einen kollektiven Raum für Traurigkeit (siehe auch S. 10). Auch der junge albanische Regie-Shooting-Star Mario Banushi setzt sich in „Goodbye, Lindita“ mit dem Tod eines Familienmitglieds auseinander. Sehr bildstark und ohne Text geht es um das Sterben seiner Stiefmutter. Gorges Ocloo wiederum verbindet in seiner AfrOpera „The Grief of Red Granny“ afrikanische Rituale mit westlicher Trauermusik (siehe auch S. 7).

So wie Trauer und Liebe liegen auch Liebe und Hass nah beieinander. Julian Hetzel untersucht in seiner Performance, wie das Zusammenleben mit radikal gegensätzlichen Ideologien und Vorstellungen funk-

Dabei geht es auch immer um die Frage, was bedeutet Krieg für zwischenmenschliche Beziehungen? „Begriffe wie Liebe, Fürsorge, Gemeinscha bedeuten je nach Perspektive etwas völlig anderes“, sagt Hornbostel. „Wir als Gesellscha müssen klären, wie wir sie definieren – und wie wir mit Unterschieden umgehen.“

Die Liebe erscheint als Bindung zwischen Freund:innen, in Familien, in urbanen Räumen. Communitys werden eingeladen, sich zu vernetzen anstatt zu konkurrieren. Bei der Akademie der Zweiten Moderne schließen sich zehn Komponistinnen* zu einem feministischen Netzwerk zusammen. Das Stationentheater „Inselliebe“ ist eine Ode an die Donauinsel. Sandra Calderan und Rébecca Chaillon fragen in „La Gouineraie“, ob lesbische Liebe die Welt verändern kann. Und Liebe in allen Varianten gibt es auch in der One-on-One-Performance „Intimacies“, einer Art Escort-Service für intime performative Begegnungen.

Dann ist da noch die diesjährige Festwochen-Band Caravan of LUV. Sie wohnen als Kommune während des Festivals im Garten des Hauses der Republik. Jeden Donnerstag geben sie ein Konzert und versprechen nichts weniger als universelle Heilung. Sie gestalten Trennungsabende für Paare, die ihre Beziehung in einem schönen Rahmen beenden wollen. Oder aber man heiratet vor Ort. Denn wo ließe sich besser „Ja“ sagen als mitten in der Republik der Liebe? Wir sehen uns am Lagerfeuer. F

„Man weiß oft nicht, ob man

lachen

soll oder nicht“

INTERVIEW: KARIN CERNY

Thomas Bernhards 1970 erschienener Roman „Kalkwerk“ beschreibt den Zerfall einer Ehe: Konrad möchte einen bahnbrechenden Essay über das Gehör schreiben, dri et aber zunehmend in eine Paranoia ab. Séverine Chavriers gefeierte Inszenierung gewinnt dem Romanstoff erstaunlich theatralische Qualitäten ab. Wie ein Psychothriller läu das Geschehen ab, die Dor ewohner tratschen aus der Ferne über den wahnsinnigen Wissenscha ler und seine Frau. Das Kalkwerk wird selbst zum unheimlichen Darsteller.

Falter: Was fasziniert Sie am Werk von Thomas Bernhard?

Séverine Chavrier: Mein erstes Buch, das ich von ihm gelesen habe, war „Der Untergeher“, ein autobiografisches Werk über den Werdegang von drei angehenden Konzertpianisten. Mich hat begeistert, wie Bernhard die komplexe Beziehung von Kunst und Tod ins Visier nimmt. Alles wird lächerlich im Angesicht des Todes, wie Bernhard einmal gesagt hat. Dieses Paradoxon von Kreativität und Scheitern zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. Auch in seinem frühen Roman „Kalkwerk“ sehen wir einen Mann, der eine wissenscha liche Abhandlung schreiben möchte. Alles ist in seinem Kopf eingeschlossen, er weiß nicht, wie er es zu Papier bringen soll.

Eigentlich keine sonderlich theatralische Situation?

Chavrier: Absolut, aber gerade das hat mich gereizt. Bernhard war zu Beginn seiner Karriere stark vom Werk von Samuel Beckett beeinflusst, da passiert auch wenig an äußerer Handlung. Im „Kalkwerk“ sitzt die Frau im Rollstuhl, wir haben auf den Proben viel darüber gesprochen, wie die Beziehung der beiden aussieht. Man weiß nie, wer der Stärkere ist. Sie quälen sich gegenseitig. In meiner Inszenierung sind die beiden Akteure aus anderen Generationen. Das ist biografisch, Bernhard hat auch immer von seinem deutlich älteren Lebensmenschen Hedwig Stavianicek gesprochen.

Ihr Titel lautet „Ils nous ont oubliés“ (Sie haben uns vergessen): Warum wurde das Ehepaar vergessen?

Séverine Chavrier inszeniert Thomas Bernhards Roman „Kalkwerk“ als Psychothriller unter dem Titel „Ils nous ont oubliés“ Ils nous ont oubliés 5. bis 7.6., 19 Uhr, Museumsquartier, Halle E

ja auch über eine Postkarten-Natur schreibt, die aber voller Abgründe ist. Sigmund Freuds Abhandlung „Das Unheimliche“ hat mich diesbezüglich auch beschä igt.

In Kritiken steht, das Setting würde an den Horrorfilm „The Shining“ erinnern.

Chavrier: Das war zwar nicht meine Referenz, aber die Nähe ist offensichtlich: Auch da gibt es einen Mann, der schreiben möchte. Es ist kalt und es liegt Schnee. Und am Ende tötet er seine Frau. Ich habe viel mehr an „Rashomon“ von Akira Kurosawa denken müssen, bei dem man nicht weiß, wer den Mord begangen hat. Ich wollte in meiner Inszenierung auch, dass diese Frage offenbleibt. Man soll versuchen, genau das herauszufinden.

Bei Bernhard weiß man o nicht: Ist es komisch oder todtraurig? Wie gehen Sie damit um?

Chavrier: In meiner Inszenierung gibt es viel zu lachen, aber es ist ein sehr dunkler, abgründiger Humor. Es ist eine sehr gewalttätige Beziehung, in der die beiden Hauptfiguren gefangen sind. Man weiß also o nicht, ob man jetzt lachen soll oder nicht.

Sie haben einen Schlagzeuger auf der Bühne, der live spielt. Warum?

Chavrier: Er hat viel improvisiert, ich finde, es ist ein gefährlicher MetalSound geworden, der viel von den Spannungen zuspitzt, die auf der Bühne herrschen. Er erzählt aber auch über die industrielle Vergangenheit des Kalkwerks, das bei uns zu einer Art eigenem Charakter geworden ist. Deshalb haben wir das Kalkwerk als kleines Modell nachgebaut. Eine LiveKamera wird eingesetzt, um diesen unheimlichen Ort zu erkunden, der wie ein Labyrinth ist. Aber auch um die entsetzten Gesichter der Schauspieler:innen zu zeigen.

Was erwarten Sie vom Wiener Publikum, das Thomas Bernhard sehr gut kennt?

Chavrier: Er wollte isoliert sein, um sein Werk zu schaffen. Aber die Komik der Geschichte beruht darauf, dass sie andauernd gestört werden. Zugleich ist das Kalkwerk kalt und einsam, fast wie ein Geisterschloss. Diese unheimliche Ebene wollte ich verstärken. Bernhards Roman ist thematisch in der Nähe von Elfriede Jelinek, die

Die französische Star-Regisseurin Séverine Chavrier zeigt erstmals ein Stück in Österreich Ein wahnsinniger Wissenscha ler und seine Frau im Rollstuhl ziehen ins düstere Kalkwerk

Chavrier: Das ist eine große Herausforderung, aber ich bin gespannt auf die Reaktionen. Ich zeige eine sehr freie Version des Texts, die überall anders wahrgenommen wird. Als wir in der Schweiz zu Gast waren, ging es viel um die Angst vor Fremden und Fremdheit. Und um europäische Dekadenz. Außerdem erzählt der Stoff viel über das Verhältnis von Krankheit und Widerstand. Wir wissen nicht, warum die Frau im Rollstuhl sitzt und von ihrem Mann abhängig ist. Gleichzeitig genießt sie es, ihn bei seiner Arbeit zu stören. F

Verschlungene Gedanken über das Verhältnis zwischen Kunst und Leben füllen ganze Bibliotheksregale, und doch wird es immer wieder aufs Neue thematisiert. Geht es in der Kunst nicht immer letztlich, so fragte Friedrich Nietzsche, um „den Sinn der Kunst, das Leben“? Oder wäre die Frage umgekehrt zu stellen? Müsste also – wie der „Erfinder“ des Gesamtkunstwerks, Richard Wagner, meinte – „das Leben in die Kunst dringen, aus sich heraus die ihm allein entsprechende Kunst erzeugen“?

Als Wagner 1840 eine Rezension über ein zeitgenössisches Arrangement von Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ für großes Orchester und Chor verfasste, diskutierte er noch verhältnismäßig einfachere Themen, hielt dabei jedoch auch fest, was für ihn grundsätzlich als zeitgemäß erschien: Das „alte Meisterwerk“ des „großen Komponisten“ aus dem „goldenen Zeitalter der Musik“, ursprünglich geschrieben für zwei Solostimmen, Streicher und Basso continuo, rechtfertige eine aktualisierende Bearbeitung, um seinen Sinn in der – damaligen – Gegenwart neu erschließbar zu machen.

Eine Aktualisierung von Pergolesis Musik ist auch das Ansinnen von Gorges Ocloo: Geboren 1988 in Koforidua (Ghana), zielt der am Brüsseler RITCS (Royal Institute for Theatre, Cinema & Sound) ausgebildete Künstler auf eine Verbindung theatraler Formen zwischen Musik, modernem Tanz, Performance, Community Art, bildender Kunst und sämtlichen sich daraus ergebenden Genremixturen. Aus der Verschmelzung des Voo-

Sechs Engel und zwei

rote Omas im surrealen

Garten Eden

„Stabat Mater“ in der Voodoo-Kirche: Gorges

Ocloos „The Grief of Red Granny“ zeigt Trauerund Besta ungsrituale aus aller Welt

TEXT: DANIEL ENDER

doo – der Kultur seiner Vorfahren –mit weltweiten Einflüssen entwickelt er bildstarke, dynamische, klangvolle Welten, die als „multidisziplinär und magisch“ erlebt werden können.

Dem aktuellen Projekt näherte sich Ocloo, wie er erzählt, indem er sich selbst eine lange Zeit wie in einem magischen Ritual auf die Klänge des barocken geistlichen Werks eingroovte: „Eineinhalb Jahre lang lief Pergolesis ,Stabat Mater‘ in Dauerschleife. Auf meinem Handy. Zu Hause. Stundenlang hörte ich mir eine Nummer nach der anderen an. ,Was fühle ich?‘, fragte ich mich immer wieder. Dann setzte ich mich an meine Instrumente und schrieb seine Partitur für sechs südafrikanische Musiker:innen um. In Europa werden wir mit dem Fahrrad geboren, in Südafrika mit dem Singen. Was sie mit ihrer Stimme anstellen können, ist erstaunlich.“

Pergolesi schrieb seine Vertonung des mittelalterlichen Gedichts „Stabat Mater“ nur kurze Zeit vor seinem frühen Tod 1736, gerade einmal 26-jährig. Die Perspektive der Schmerzensmutter – Maria, die den Tod Jesu betrauert – überblendet Ocloo mit einer in Belgien bis heute präsenten Figur: Königin Elisabeth, der Frau von König Albert I., Förderin der Künste und insbesondere der Musik, Liebhaberin der Werke Richard Wagners, Unterstützerin des Roten Kreuzes und Pazifistin, die als Gegnerin von Atomwaffen sowohl den Papst aufsuchte als auch Kontakt zu kommunistischen Ländern hielt, was ihr die Bezeichnung „Reine rouge“ („Rote Königin“) einbrachte. Der Titel der AfrOpera „The Grief of Red Granny“ spielt auf diesen Namen

Das Barockwerk „Stabat Mater“ handelt vom Schmerz der Mu er um ihren gekreuzigten Sohn

Was bedeutet es, wenn uns der Abschied von einer geliebten Person verwehrt bleibt?

GORGES OCLOO

an – sowie vor allem auf den dramatischen Tod ihres Mannes, der 1934 auf dem markanten Felsen Rocher du Bon Dieu in Marche-les-Dames tödlich verunglückte.

Dass Königin Elisabeth aus protokollarischen Gründen nicht einmal an der Beerdigung ihres eigenen Mannes teilnehmen dur e, führte Ocloo zur Frage: Wie geht es Menschen, die keine Möglichkeit haben, „sich persönlich von ihren Lieben zu verabschieden: den Eltern vermisster Kinder, den Opfern von Kriegen, Pandemien, Terroranschlägen?“ Und: „Wohin mit der Trauer, wenn es weder Zeit noch Raum für sie gibt? Was bedeutet es, wenn uns der Abschied von einer geliebten Person verwehrt bleibt?“

Das Stück ist Teil eins einer zweiteiligen Arbeit über individuelle und kollektive Verlusterfahrungen. „The Grief of Red Granny“ verbindet das alte europäische Kirchenmusikwerk mit afrikanischen Traditionen: Ocloo lässt neben Königin Elisabeth auch seine eigene Großmutter – für ihn zwei „Red Grannys“ („Rote Großmütter“) – zu Wort kommen. Repräsentiert durch die Schauspielerin Tine Joustra wird ihrer unausgesprochenen Trauer Raum gegeben.

Während Pergolesis Musik nicht nur in der Originalsprache Latein, sondern auch auf Xhosa und Zulu erklingt, führen drei klassische Sänger:innen und drei Instrumentalist:innen aus Südafrika in einem surrealen „Garten Eden“ durch Trauer- und Bestattungsrituale aus der ganzen Welt. Oder wie es Gorges Ocloo ausdrückt: „Ich bringe Pergolesi in meine Voodoo-Kirche.“ F

Grief of Red Granny 19. bis 21.6., 20 Uhr, Odeon

Die Wiener Festwochen lieben ihre Revolutionen und ihre Diskurse. Während das Festival im letzten Jahr unter dem Motto „Wir schulden der Welt eine Revolution“ lief, lautet es heuer „V is for loVe“. Mit der Reihe „Revolutionary Love“ öffnet das Festival erneut Räume für hitzige Debatten, zärtliche Utopien und radikale Gegenwartsanalysen.

Im Zentrum der diskursiven Formate stehen die „Wiener Kongresse“. Während im vergangenen Jahr die „Wiener Prozesse“ mit realen Anwält:innen und Zeug:innen pandemiepolitische und gesellscha liche Streitfragen aufgriffen, bewegen sich die Kongresse nun irgendwo zwischen Tribunal, Theater und künstlerischer Intervention. Die behandelten Fälle sind echt. Die Protagonist:innen ebenso. Es geht nicht um Verurteilung, sondern um ein kollektives Nachdenken über Macht, Verantwortung und Grauzonen im Kunst- und Kulturbereich.

„Der wesentliche Unterschied zu einer herkömmlichen Diskussionsrunde liegt im strukturierten, juristischen Setting“, erklärt Natalie Assmann. Die Schauspielerin und Theatermacherin ist zusammen mit dem Journalisten und Autor Robert Misik Teil des dramaturgischen Teams der „Wiener Kongresse“. „Wir gehen in eine ganz strenge Form der Befragung: Es gibt Anfangsreden, Schlussreden und Statements dazwischen. Niemand kann sich mehr Redezeit nehmen als andere, ähnlich wie bei einem Tribunal.“

Das erste Kongress-Wochenende läu unter dem Titel „Kulturkriege“. Es widmet sich den verschiedensten Aspekten der heiß diskutierten Cancel Culture. Gibt es eine linke Gesinnungskultur? Wer darf eingeladen werden? Und was darf man heute überhaupt noch sagen? Die Zerwürfnisse um den Gaza-Krieg, die Forderungen, kontroverse Positionen auszuladen, sowie die Aushöhlung der Kunst- und Kulturszene in Österreichs Nachbarländern Ungarn, Slowakei und Deutschland werden im Tribunal-Setting verhandelt.

Beim zweiten Kongress „Die Kunst des Missbrauchs“ spielen drei exemplarische Fälle der Kunstszene die Hauptrolle: Der österreichische Schauspieler Florian Teichtmeister wird Thema sein. 2023 wurde er wegen Besitzes und Herstellung von Material, das sexuelle Gewalt an Kindern zeigt, zu zwei Jahren Ha auf Bewährung verurteilt. Teichtmeister war Ensemblemitglied am Burgtheater. Hätte das Haus früher auf den Verdacht reagieren müssen? Welche Erwartungen stellt unsere Gesellscha an unsere Künstler:innen? Und wo werden die Op-

fer in all diesen Diskursen wirklich gehört? Auch um Rammstein wird es gehen: Trotz der vielen Vorwürfe rund um den Frontmann Till Lindemann fährt die Band weiterhin auf Tour.

Der dritte Fall betrifft Otto Muehl, den berühmten Wiener Aktionskünstler, der innerhalb seiner selbstgegründeten Kommune Minderjährige missbrauchte und dafür im Gefängnis landete. Muehls Kunst und die Frage, wie mit ihr umgegangen werden soll, sind so heikel, weil viele seiner Werke in direktem Zusammenhang mit den Missbrauchshandlungen stehen: Wem gehört diese Kunst? Ist es moralisch vertretbar, gewisse Bilder noch auszustellen? Und wer profitiert davon?

„Es ist mutig, welche Themen die Kongresse aufgreifen“, betont Maria Windhager. „Damit begeben sich die Festwochen durchaus auf dünnes Eis.“ Die Wiener Medien-Anwältin wird bei den Kongressen in der Causa Teichtmeister als Zeugin au reten. Sie war auch schon im Vorjahr bei den „Wiener Prozessen“ dabei.

Es ist nicht das erste Mal, dass FestwochenIntendant Milo Rau die Grenzen zwischen Realität und Kunst auflöst. Für ihn ist Theater eine gesellscha liche Praxis, die Verantwortung übernimmt, Wirklichkeit reflektiert und sogar Realitäten schaffen kann. Rau hat schon mehrmals Verhandlungen mit realen Personen inszeniert, etwa im Kongo oder in Moskau. Bei den „Wiener Prozessen“ wurden realpolitische Themen wie die Pandemie und der Rechtspopulismus juristisch untersucht.

Heuer wird sich eine vierköpfige Jury die Reden anhören, Fragen stellen und zum Schluss ihre Ergebnisse teilen. Beim ersten Kongress setzt sie sich aus der Kulturwissenscha lerin und Autorin Elisabeth Bronfen, der Journalistin und Co-Chefredakteurin beim feministischen Missy Magazine Amina Aziz, dem Focus-Journalisten Jan Fleischhauer sowie einer Person aus dem Rat der Republik zusammen.

Ein Ratsmitglied ist auch am zweiten Kongress-Wochenende Teil der Jury, die außerdem aus Svenja Flaßpöhler, ChefRedakteurin des Philosophie Magazins, der Künstlerin Sophia Süßmilch und dem ZeitKolumnisten Harald Martenstein besteht.

Zwei Mal die Woche tagte der Rat während der Festwochen 2024. Er besteht aus prominenten Ehrenmitgliedern und 80 Bürger:innen Wiens. Vergleichbar mit einem Bürger:innenrat oder einem Parlament stellte der Rat Anträge, stimmte darüber ab und erarbeitete zum Schluss eine eigene Verfassung: die Wiener Erklärung. Zehn Re-

Die Deba enreihen „Revolutionary Love“, „Eine Rede an Europa“ und die „Wiener Kongresse“: Die Wiener Festwochen schaffen Bühnen für Diskurse. Was darf – und was muss – Kunst? Wie lässt sie sich demokratischer gestalten? Und wer sticht die Ta oos?

Mit den Themen bei den „Wiener Kongressen“ begibt sich das Festival durchaus auf dünnes Eis

TATTOO TRIBUNAL und

geln legte er darin fest und hinterfragte zentrale Aspekte, wie: In wessen Händen liegt die Kuratierung des Programms? Braucht es Quoten – und wenn ja, welche? Und wie kann sich das Festival noch mehr zur Stadt und zur Welt öffnen? Auch heuer wird der Rat tagen und die Demokratisierung des Kunstereignisses vorantreiben.

Ehrenmitglied des Rats ist neben Elfriede Jelinek, Carola Rackete oder Kirill Serebrennikow auch Lea Ypi. Die albanisch-britische Politikwissenscha lerin und Philosophin, die mit ihrem Memoir „Frei“ international bekannt wurde, wird in diesem Jahr die „Rede an Europa“ am Judenplatz halten. Seit 2019 gibt es dieses Format, bei dem jedes Jahr eine Persönlichkeit aus Politik, Kultur, Wissenscha oder Gesellscha eingeladen wird, Überlegungen zur Gegenwart und Zukun Europas anzustellen.

Die Verknüpfung von künstlerischer Form, politischer Analyse und öffentlicher Begegnung verleiht den Festwochen ihren besonderen Charakter. Auch die Reihe „Revolutionary Love“ im Haus der Republik vereint unterschiedliche Positionen und Formate – von Gesprächen und Workshops über Ausstellungen bis hin zu einem Symposium. So diskutieren etwa die Schristellerinnen Adania Shibli und Eva Menasse über „Liebe und Sprache in Zeiten des Aufruhrs“. Unter dem Titel „Zeitenwende –Zerstörung ohne Ausweg?“ sprechen KarlHeinz Dellwo, ehemaliges Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF), und Gabriele Rollnik, einst Teil der linksextremen Bewegung 2. Juni, über politische Radikalisierung und ihre Folgen. Und die im Irak geborene österreichische Regisseurin Kurdwin Ayub trifft auf die iranische Filmemacherin Farahnaz Sharifi, Filmscreening inklusive.

Den Abschluss von „Revolutionary Love“ bildet ein zweitägiges Symposium über das revolutionäre Potenzial der Liebe. Mit dabei sind internationale Vordenker:innen wie die Soziologin Eva Illouz, der Philosoph und Aktivist Srećko Horvat sowie die Journalistin Ece Temelkuran.

Gespräche sollen im Haus der Republik aber nicht nur in den klassischen diskursiven Formaten entstehen, sondern ebenso in Workshops oder im performativen Nagelstudio, das von Studierenden der Universität für angewandte Kunst gestaltet wird. Und auch der Nachwuchs hat was zu sagen: In der Kinderrepublik darf er seine eigenen Perspektiven einbringen. Volljährige Besucher:innen können sich sogar ein Tattoo stechen lassen – die Motive stammen von den Kindern. Revolutionäre Liebe kann viele Formen annehmen. F

Love and Language in Times of Turmoil

25.5., 19.30 Uhr, Funkhaus

Zeitenwende –Zerstörung ohne Ausweg?

28.5., 20 Uhr, Funkhaus

Kulturkriege. Die Wiener Kongresse I

30.5. bis 1.6. Theater Akzent

Planets of Love and Revolutions 11.6., 17 Uhr, Funkhaus

Die Kunst des Missbrauchs. Die Wiener Kongresse II 13. bis 15.6. Odeon

Symposium: Revolutionary Love 20. und 21.6. AK Wien Bildungsgebäude

„Herr Rodrigues, wer war Ihr

Vater?“

Mit seinem neuen Stück schreibt der portugiesische Theatermacher Tiago Rodrigues das Werk seines Vaters fort

INTERVIEW: MARTIN PESL

G

erade hat Tiago Rodrigues das Programm des diesjährigen Avignon-Festivals vorgestellt, das er seit 2022 leitet. Es ist daher „stressig, aber normal stressig“. Perfekt für ein Telefonat über Rodrigues’ neue Produktion „No Yogurt for the Dead“.

Falter: Herr Rodrigues, wer war Ihr Vater, von dem Ihr Stück handelt?

Tiago Rodrigues: Mein Vater wuchs im Norden Portugals auf, studierte Literatur und arbeitete erst als Lehrer, dann als Journalist. Während der Diktatur musste er wegen seiner antifaschistischen Haltung kurzzeitig ins französische Exil. Als die Demokratie kam, arbeitete er dann wieder in Portugal zu Gesellscha s- und hauptsächlich Politikthemen.

Als er tödlich erkrankte, machte Ihr Vater im Krankenhaus jeden Tag Notizen. Später entdeckten Sie, dass das Notizbuch fast nur Kritzeleien enthielt. Waren Sie enttäuscht?

Rodrigues: In seinem Namen, ja. Denn er war ein stiller Charakter, mehr Leser als Redner, und kommunizierte zeitlebens vor allem über sein Schreiben. Also war klar, dass er in seinen letzten Wochen noch einen Artikel schreiben, sein Werk vollenden wollte. Mit den Mitteln des Theaters habe ich versucht, etwas fertigzustellen, was der Tod unterbrach

Ihr Vater starb 2019. Warum gibt es dieses Stück über ihn erst über fünf Jahre später?

Rodrigues: Normalerweise betrachte ich mein ganzes Leben durch die Künstlerlinse. O denke ich, noch bevor ein Erlebnis vorbei ist, über die Umsetzung nach. Bei meinem Vater war das anders, vielleicht,

Der Schauspieler, Regisseur und Autor Tiago Rodrigues leitet zurzeit das Festival d’Avignon

weil ich weiß, dass er nicht gern Hauptfigur eines Stückes wäre. Erst, als mich Milo Rau kürzlich einlud, einen Beitrag zur Reihe „Histoire(s) du Théâtre“ am NTGent zu machen, beschloss ich, seine letzte Reportage für ihn fertigzustellen. Ich fand, es sei genug Zeit vergangen und ich könne ihn jetzt ein wenig ärgern.

Was hat es mit dem Titel „No Yogurt for the Dead“ auf sich?

Rodrigues: Der einzige richtige Satz in dem He lautete: „Wer tot ist, kann keinen Joghurt essen.“ Er hatte immer gefunden, Joghurt sei lächerlich und kindisch. Im Spital bekam er ihn serviert und, siehe da, fand ihn richtig gut, wollte immer mehr davon. Es war witzig und tragisch zugleich, denn er behielt recht: Er wurde wieder zum Kind. Mich rührte zu sehen, dass jemand am Lebensende noch eine neue Leidenscha entwickeln kann.

„No Yogurt for the Dead“ ist eine sehr persönliche Geschichte, ähnlich wie „By Heart“ (Festwochen 2016). Damals standen Sie selbst auf der Bühne. Warum diesmal nicht?

Rodrigues: Weil ich als Figur drin vorkomme, ebenso wie mein Vater. Er kann sich nicht selber spielen, also wäre es unfair gewesen, wenn ich es tue.

Kannten denn die Schauspieler:innen Ihren Vater?

No Yogurt for the Dead 28. bis 31.5., 20 Uhr, und 1.6., 17 Uhr Akademietheater

Variationen zum Thema Abschied: Tiago Rodrigues’ Stück über seinen verstorbenen Vater

Rodrigues: Höchstens flüchtig. Er war zwar sehr stolz auf meine Karriere, kam aber nicht o zuschauen. Egal: Zu Beginn des Stückes wird gesagt, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelt, inspiriert von wahren Begebenheiten. Das nimmt den Spieler:innen den Druck, jemanden repräsentieren zu müssen. Ironischerweise kom-

men sie der Wahrheit dadurch recht nahe. Anderes Rezept, gleicher Geschmack.

Ihr erster Au ritt als Schauspieler bei den Wiener Festwochen war 2003. Können Sie sich daran noch erinnern?

Rodrigues: Ja, weil das mein erster Besuch in Wien überhaupt war. Das Belvedere hat mich massiv beeindruckt. Und als passionierter Kaffeehausbesucher war ich am richtigen Ort.

2015 übernahmen Sie die Leitung des Nationaltheaters Lissabon, 2022 die des Festival d’Avignon. In dieser Funktion traten Sie letztes Jahr vor den Wahlen in Frankreich entschieden gegen den Rechtsruck auf. Liegt Ihnen das Politische?

Rodrigues: Intendant zu sein ist nicht so anders, als einen Text zu inszenieren: Man spielt eine Partitur, in diesem Fall einen öffentlichen Au rag, und man hat gewisse Freiheiten in der Interpretation. Hier erforderte die Rolle, die historische Verantwortung eines nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten, republikanischen und demokratischen Festivals wahrzunehmen.

Wünschen Sie sich manchmal, wieder ein unabhängiger Künstler zu sein, der einfach nur Theater macht?

Rodrigues: Meine Mutter ist Spitalsärztin, das ist wirklich hart. Ich kann einfach aufhören, wenn ich nicht mehr Intendant sein will. Derweil sehe ich es als Privileg. Außerdem ist doch alles das Gleiche. Wozu kompartmentalisieren? Es ist derselbe Mensch, der morgens seinen Joghurt isst, dann zum Budgetmeeting geht, später probt, am Nachmittag ein Interview mit einem österreichischen Journalisten führt und jetzt gleich mit seinem Hund rausgeht und seinen Garten pflegt. F

Der Sto , der

Träume

Miet Warlops Choreografie ist für sechs Performer:innen und anderthalb

Rodrigues öffnet mit ihrer Companhia de Danças in „Borda“ einen Koffer voller Stoffe

tanzen lässt

Miet Warlop und Lia Rodrigues zeigen je eine Choreografie: In beiden Stücken spielen Textilien eine tragende Rolle

TEXT:

DITTA RUDLE

Heuer widmen sich die Wiener Festwochen den großen Gefühlen. Und die werden, positiv wie negativ, auf jeden Fall jedoch authentisch und glaubwürdig vom tanzenden Körper sichtbar, vielleicht sogar spürbar, gemacht. Ergo: Beim Festival muss getanzt werden.

Die Brasilianerin Lia Rodrigues und ihre flämische Kollegin Miet Warlop kommen nach Wien, eine jede mit einem Koffer voll Magie. Es sind die Stoffe, aus denen die Träume sind, und die sind Materie: sichtbar, grei ar und auch magisch. Textilien aus der Weberei, der Näherei oder der Spinnstube. Sie werden auf dem Boden ausgebreitet, umhüllen die Körper, schweben und segeln über die Köpfe der Tänzer:innen – und vielleicht sogar der Zuschauer:innen. Kein billiger Trick. Die Magie der bunten Stoffe ist ein wesentlicher Teil der jüngsten Choreografien der beiden Künstlerinnen. Wie die freche Miet Warlop ist auch die sozial engagierte Lia Rodrigues dem Wiener Publikum wohlvertraut. Dass beide Künstlerinnen das Festivalpublikum in aller Welt von den Hockern reißen, muss nicht betont werden.

Ihre Choreografie für sechs Performer:innen und anderthalb Kilometer Stoff nennt Miet Warlop „INHALE DELIRIUM EXHALE“. Lia Rodrigues kommt ebenfalls nicht allein: Begleitet von ihrer Companhia de Danças mit neun Tänzer:innen, bringt auch sie bunte Textilien aus ihrer Heimat mit. „Borda“ heißt das neue Stück, das nur wenige Tage nach der Uraufführung in Brüssel im Museumsquartier gezeigt wird.

Das portugiesische Vokabel „Borda“ steht für „Grenze“, „Barriere“ oder „Schwelle“, aber auch für „Saum“, „Rand“, „Bordüre“. Das Verb „bordar“ bedeutet „sticken“ und auch „schmücken“, „verschönern“. Lia Rodrigues dos Santos, geboren 1956, hat klassisches Ballett und Geschichtswissenscha en studiert und nach ihrem Abschluss zwei Jahre in Frankreich in der Compagnie von Maguy Marin getanzt. Danach hat sie sich in Rio de Janeiro niedergelassen und in Maré – eine der größten Favelas von Rio – vor 35 Jahren ihre eigene Compagnie gegründet, mit der sie durch die Welt reist.

2019 wühlte sie mit dem Ballett „Fúria“ (Wut) das Publikum der Wiener Festwochen auf und bezauberte es 2022 mit der emotionalen, bilderreichen Choreografie „Encantado“ („Verwunschen“). „Fúria“ sehen und niemals vergessen: Rodrigues hat ein Tanztheater über Gewalt und Macht geschaffen, das heute noch aktueller scheint als im Entstehungsjahr. Wut über die herrschenden Zustände verjährt nicht.

Doch das Publikum will nicht nur trauern und sich ängstigen, deshalb erzählt Rodrigues in „Encantado“ am Ende der Pandemie von Nähe und Gemeinscha , die helfen, die Ängste zu besiegen. Zum Schluss scheinen die sieben Tänzer:innen von der Tanzwut befallen zu sein, drehen sich zur hämmernden Musik bis zur Erschöpfung. Auch in „Borda“ arbeitet Lia Rodrigues mit Bildern und Metaphern – und ihren bunten Tüchern. Emsige Sticker:innen sind jedoch nicht zu erwarten.

Zaubern kann auch Miet Warlop und tut dies mit Witz und Charme. Zuletzt hat sie in Wien mit einer einzigen Melodie das Publikum elektrisiert. In „One Song“ wieder-

INHALE DELIRIUM

EXHALE

14. bis 16.6., 19.30 Uhr, Museumsquartier, Halle E

Borda

20. und 21.6., 19.30 Uhr, Museumsquartier, Halle E

holten sportliche Musiker:innen und eine musikalische Turnerin eine Stunde lang ein einziges Lied. Das Publikum vibrierte im Takt der Live-Rhythmen.

Die 1978 in Belgien geborene Choreografin hat ihr Studium an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Gent mit einem Master in 3D-Kunst abgeschlossen. 2026 wird sie für die Kunstbiennale von Venedig den belgischen Pavillon gestalten.

Miet Warlop, aberwitzig, aufregend und hinreißend, ist immer für Überraschungen gut. Mit sechs Performer:innen im Delirium wird sie im Juni das Publikum, wie sie sagt, mit „einer Welle des Staunens und des Vergnügens“ berauschen. Wie „Borda“ feiert auch diese „Ode an die Fantasie“ beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel Weltpremiere. Mit jedem neuen Werk schüttet Warlop vor ihren Zuschauer:innen einen prall mit Überraschungen gefüllten Geschenkkorb aus und lässt das Publikum mit den Wellen der Freude surfen. Die Wellen sind diesmal sichtbar, stofflich und bunt. Sie decken Ängste zu und geben sie wieder frei, deuten Geheimnisse an und enthüllen sie nicht. Performer:innen und Sto ahnen sind in ständiger Bewegung, ringen um Ruhe und geraten in plötzliche Verwirrung.

Die mit den Sto ahnen Tanzenden auf der Bühne erinnern an den Zustand der Welt: Menschen sind gemeinsam in einem Raum, versammeln sich auf einem Platz, doch sie treffen nicht wirklich zusammen, die wechselseitige Begegnung findet nicht statt. In all ihren o ziemlich bizarren Arbeiten entsteht durch die überbordende Energie der Choreografin Miet Warlop und ihres Teams ein Sog, der das Publikum in begeisterten Taumel versetzt. F

Kilometer Stoff
Lia

CLASSY

Im Uhrzeigersinn: In „Perzen. Triomf van Empathie“ von Chokri Ben Chikha treten palästinensische und israelische Performer:innen gemeinsam auf; das erste Bühnenstück der Filmregisseurin Kurdwin Ayub „Weiße Witwe“ erzählt von einer Frau, die für ihre Leidenscha über Leichen geht; Elfriede Jelineks „Burgtheater“ ist erstmals am titelgebenden Burgtheater zu sehen; in „Gaviota“ („Die Möwe“) sitzt das Publikum zusammen mit dem Ensemble an einem Tisch; William Shakespeares Königsdrama „Richard III“ hat Itay Tiran in Tel Aviv zur Aufführung gebracht

CLASSY

Neue Blicke auf alte Stoffe: Mit einer Reihe von „Brand New Classics“ streifen die Wiener Festwochen 2025 durch die Jahrhunderte –von „Die Seherin“ über „Richard III“ und „Die Möwe“ bis hin zu „Burgtheater“, „Mu er Courage“ sowie „Tausend und eine Nacht“

ÜBERBLICK: MARTIN PESL

I n Johann Nestroys Posse „Einen Jux will er sich machen“ nervt der Hausknecht Melchior mit immer dem gleichen Ausruf: „Des is klassisch!“, sagt er, wann immer er etwas interessant und/oder legendär findet. Nestroys „Jux“ gilt freilich selbst als Bühnenklassiker, zumindest nach der gängigen Ausdrucksweise. Ursprünglich waren die „Classics“ im Theaterkontext vor allem Stücke aus der griechischen und römischen Antike. Heute neigen wir dazu, all das so zu nennen, was sich schon länger bewährt. Also alles Interessante und Legendäre. Im Theater ziehen „die Klassiker“ in der Regel das meiste Publikum an: Texte, die im Deutschunterricht besprochen werden, Titel, die „man kennt“ (oder kennen zu müssen meint), Stoffe, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Was sich stark verändert, ist die Art und Weise, wie diese Stoffe auf die Bühne gebracht werden. Nur noch selten erlebt das Publikum heute Inszenierungen, die es erlauben, im Reclam-He Zeile für Zeile mitzulesen, oder Römertragödien in der Toga. Auch die Menschen, die diesen nachtrauern, sterben allmählich aus. Zumindest ist die These zulässig, dass es sich bei ihnen nicht um das, haha, klassische Festivalpublikum handelt.

Die Wiener Festwochen zählen gleich zwölf Produktionen ihrer diesjährigen Ausgabe zu den „Brand New Classics“, allesamt gegenwärtige Blicke auf Bekanntes. Intendant Milo Rau steuert selbst zwei Exemplare bei, deren eines zwar Klassiker, aber auch Debütant ist: Das Theaterstück „Burgtheater“, in dem die spätere Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek die Verwicklung der österreichischen Schauspieldynastie Wessely/Hörbiger in die NS-Propagandamaschinerie thematisiert, wird am titelgebenden Ort in einer Fassung von Rau und dem Ensemble zu sehen sein.

Nach der Fertigstellung des Textes 1981 schürte die Kronen Zeitung einen Skandal. Die Autorin, die damals ihr Image als Nestbeschmutzerin erwarb, verbot Aufführungen in Österreich, erst 2005 erhielt das Grazer Theater im Bahnhof die Rechte. „Burgtheater“ im Burgtheater ist eines der gespanntest erwarteten Schauspielereignisse des Jahres. Ausgehend von dem 44 Jahre alten Text möchte Milo Rau das Verhältnis des heutigen Österreichs zum Faschismus beleuchten.

Bemerkenswert ist, dass mit Mavie Hörbiger eine Angehörige der im Text vorkommenden Familie mitwirkt. Hörbiger hatte in der Vergangenheit die undifferenzierte Verurteilung auch ihres Onkels Paul, der sich offen von den Nazis abgewandt hatte, in Jelineks bissigem Text kritisiert.

Raus zweiter Beitrag betrifft einen wirklichen, antiken Klassiker. „Die Seherin“, die neue Produktion der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, die bei den Festwochen im Odeon ihre Weltpremiere feiert, ist von Sophokles’ Tragödie „Philoktet“ inspiriert. Der Gefährte des mythologischen Odysseus wurde aufgrund einer Fußverletzung auf einer Insel ausgesetzt und schwor Rache. Bei Rau entspricht Philoktet einer Kriegsfotografin, gespielt von Ursina Lardi, die selbst Opfer der Gewalt wird, die sie sonst immer nur dokumentiert. Der Autor und Regisseur webt Begegnungen mit Kriegsfotograf:innen und Iraker:innen wie einem Lehrer, dem der Islamische Staat eine Hand abgetrennt hat, in sein Stück ein.

Fortsetzung nächste Seite

Fortsetzung von Seite 13

Noch weiter zurück schaut „Perzen. Triomf van Empathie“ von Chokri Ben Chikha. Der flämische Theatermacher Chokri Ben Chikha ist auch Historiker und lässt in diesem Gastspiel des NTGent Menschen aus Israel und Palästina gemeinsam die Frage nach Empathie im Angesicht des Krieges stellen. Ihr Ausgangspunkt: das älteste erhaltene Drama der Welt (472 v. Chr.), „Die Perser“ von Aischylos.

Nicht vollständig erhalten, aber o zitiert sind die Erzählungen aus „Tausendundeine Nacht“. Die erotischen Geschichten, mit denen die raffinierte Scheherazade einen misogynen König davon abhält, sie zu ermorden, nimmt die österreichische Filmeund nun erstmals auch Theatermacherin Kurdwin Ayub zur Grundlage ihres ersten Bühnenstücks: „Weiße Witwe“ spielt 2666, die Geschlechterverhältnisse sind umgedreht. Die Rapperin addeN spielt die männerfressende Königin, der österreichische Schauspieler Georg Friedrich ihr Opfer. Künstlerin und Regisseurin Wu Tsang bereitet die 500 Jahre alte Folklore von Robin Hood, der den Reichen nahm und den Armen gab, für Kinder ab zehn Jahren auf (siehe S. 22), und Gorges Ocloo fischt im Barock nach Giovanni Pergolesis musikalischem Werk „Stabat mater“, um es mit afrikanischen Kompositionen zu seiner „AfrOpera“ des Titels „The Grief of Red Granny“ zu verschmelzen (siehe S. 7).

Während Lisaboa Houbrechts’ Inszenierung Bertolt Brechts „Moeder Courage“ vor allem ästhetisch modernisiert (siehe S. 22), lässt Christopher Rüping in seinem Abend „All About Earthquakes“ zwei sehr unterschiedliche Klassiker in einen Dialog treten: Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ (1806) und die feministische Schri „All About Love“ (2000) der USamerikanischen Autorin bell hooks (siehe S. 16).

Einen Monat vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und 400 Jahre nach der Uraufführung hat Burgschauspieler und Regisseur Itay Tiran im Gesher Theatre in Tel Aviv William Shakespeares Königsdrama „Richard III“ zur Premiere gebracht. In der ergreifenden Arbeit brilliert die Schauspielerin Evgenia Dodina in der (neueren Forschungen entsprechend zu Unrecht) zum Schurken hochstilisierten Titelrolle.

Kurz bevor die Klassikerabgrasung im 20. Jahrhundert ankommt, macht sie noch bei Anton Tschechow und seiner 1895 verfassten Tragikomödie „Die Möwe“ (spanisch: „Gaviota“) Halt. In dem argentinischen Gastspiel nimmt das Publikum zusammen mit den fünf Schauspielerinnen ganz intim an einem Tisch Platz. Wein und Chips inklusive. Das Setting mag ungewöhnlich sein, aber Regisseur Guillermo Cacace ist für filigrane Figurenpsychologie bekannt. Stimmungstechnisch o mit Tschechow verglichen wurde der Österreicher Thomas Bernhard, einer von Elfriede Jelineks „Nest-

„Musée Duras“ von Julien Gosselin bringt Texte von Marguerite Duras in die Gegenwart (oben); Milo Raus „Die Seherin“ nach Sophokles fragt, was bleibt, wenn Krieg und Terror die uns bekannte Welt zerstören

beschmutzer“-Kollegen. Bernhards 1970 erschienener Ehe-Roman „Das Kalkwerk“ war schon einige Male Grundlage für Dramatisierungen. Besonders musikalisch verspricht die Version der in Frankreich gefeierten Regisseurin Séverine Chavrier zu werden. Titel: „Ils nous ont oubliés“, sie haben uns vergessen.

Und apropos Frankreich: Von dort kommt der Theater-Monumentalist Julien Gosselin nach 2023 („Extinction“) wieder. Diesmal baut er seiner Landsfrau, der Schri stellerin Marguerite Duras (1914–1996), ein „Musée Duras“. Über fünf Blöcke und zehn Stunden verteilt inszeniert Gosselin zwölf ihrer Texte in elf kurzen Stücken am letzten Festivalwochenende. Das wird ausufernd, aber auch intensiv, leidenscha lich und schmerzha . Wie Gosselin umfassend durch das Gesamtwerk Duras’ strei , rasen die diesjährigen Wiener Festwochen in fünf Wochen theatral durch die Jahrtausende – stets mit einem Bein in der Gegenwart. F

Burgtheater

18.5., 19 Uhr, 20. und 23.5., 1., 9., 14. und 20.6., 19.30 Uhr, Burgtheater

Moeder Courage

18. und 19.5., 19.30 Uhr, Museumsquartier, Halle E

Richard III

21. bis 23.5., 19.30 Uhr, Theater Akzent

All About Earthquakes

24. bis 27.5., 19.30 Uhr, Volkstheater

Perzen. Triomf van Empathie

1. bis 3.6., 20.30 Uhr, Museumsquartier, Halle G

Ils nous ont oubliés

5. bis 7.6., 19 Uhr, Museumsquartier, Halle E

Die Seherin

5. bis 7.6., 20 Uhr, 8.6., 15 und 20 Uhr, Odeon

Weiße Witwe 6. und 8.6., 19.30 Uhr, 7.6., 13 und 19.30 Uhr, Volkstheater

Gaviota

10.6., 20 Uhr, 11., 12. und 13.6., 16 und 20 Uhr, Theater Nestroyhof Hamakom

Musée Duras 21. und 22.6., 12, 14, 16, 18 und 20 Uhr, Volkstheater

D as Sichtbarmachen derer, die bisher unzureichend vertreten waren, ist ein wichtiger und logischer Schritt im Zuge einer Neuverteilung. Bei der Akademie Zweite Moderne, die heuer von den Wiener Festwochen zum zweiten Mal durchgeführt wird, sind es Komponistinnen*, die sich und ihre Arbeit vorstellen.

Passend zum ausgerufenen Thema „stories that matter“ sind die künstlerischen Zugänge der vom Klangforum Wien unter der Leitung der Dirigentin Irene DelgadoJiménez in zwei Konzerten präsentierten Werke bestechend persönlich.

Kuratiert von Jana Beckmann und Lisa Schmalz als Abbild unserer heutigen globalisierten Gegenwart dreht sich das angeschlossene diskursive Gipfeltreffen mit den zehn Komponistinnen* und zahlreichen Szenevertreterinnen* ums „Storytelling“: Beispiele aus der Praxis, Keynotes renommierter Expert:innen und Roundtables sind Grundlage der Diskussionen, denen konkrete Handlungsempfehlungen im Sinne der Nachhaltigkeit folgen sollen. Dabei wird auch darüber nachgedacht, wie ein explizit feministisches Marketing aussehen könnte.

Die Akademie Zweite Moderne ist vorerst auf fünf Jahre angelegt, an einer Struktur und Finanzierung unabhängig von den Wiener Festwochen wird bereits gearbeitet. Das in unzähligen Stunden diskutierte Ergebnis der ersten Konferenz wurde als „Manifest“ präsentiert. Alle Veranstalter, die sich diesem anschließen, verpflichten sich, dem üblichen Überhang an Komponisten aktiv etwas zu entgegen: mit Programmen, die – ohne Scheu vor ästhetischer Öffnung –die ganze Vielfalt zeitgenössischen Musikschaffens von Komponistinnen* im Sinne einer gendergerechten Musikkultur zeigen.

Konsequent also, dass die beiden Konzerte im Radiokulturhaus in Wien wieder mit dem Slogan „No More Excuses!“ überschrieben sind – es gelten keine Ausreden mehr, Konzertprogramme nicht ausreichend divers zu gestalten.

Am ersten Abend erzählen die Kompositionen Geschichten von Identität, Krieg und Freiheit. Die Zugänge sind immer sehr persönlich, wie etwa jener der Komponistin, Klangkünstlerin und künstlerischen Forscherin Nyokabi Kariũki. Sie will mit ihrer Musik dazu beitragen, die afrikanische, im Speziellen die kenianische Kultur zu erhalten, und versucht mit ihrem autobiografischen Stück „A Walk Through My Cũcũ’s Farm“, die akustischen Eindrücke der Farm ihrer Großmutter vor dem Vergessen zu bewahren: „Wir gingen über die Farm – genau wie immer, wenn wir zu Besuch sind –, aber diesmal fiel es mir auf, dass ich mehr achtgab: auf den Boden, unsere Sprachen Kiswahili und Kikuyu, die Bäume und Früchte. Es fühlte sich an, als würden die Dinge um uns herum mir leise etwas beibringen.“

Mit dokumentarischem Audiomaterial arbeitet die armenisch-amerikanische Komponistin Mary Kouyoumdjian. Für „Bombs of Beirut” schuf sie ein Denkmal für die Stadt im Libanon, wohin ihre Familie vor dem armenischen Genozid fliehen musste. Mit Aufnahmen von Bombeneinschlägen und Gewehrsalven, die zwischen 1976 und 1978 vom Balkon einer Wohnung in Beirut gemacht worden waren, skizzierte sie ein akustisches Bild der Stadt im Nahen Osten, brutal und ungeschönt.

Niloufar Nourbakhsh komponierte die Oper „We the Innumerable“. Darin erzählt sie die Geschichte einer Iranerin, für die

Die Akademie Zweite Moderne geht in die zweite Runde mit Musik voller „stories that ma er“ von Komponistinnen*

TEXT:

MARIE-THERESE

RUDOLPH

Wahrheit und Freiheit das höchste Maß sind, selbst unter Todesgefahr und unter Androhung von Gewalt. Auch dieser Plot beruht auf wahren historischen Ereignissen, der iranweiten Protestbewegung, die 2009 in Teheran nach den Präsidentscha swahlen ausgebrochen war. Unzählige Menschen wurden festgenommen, viele davon ermordet. Die junge Komponistin lebt in den USA, wo sie die Iranian Female Composers Association gegründet hat und sich als deren Leiterin für Chancengleichheit einsetzt.

Die Konzepte des zweiten Konzertabends beschä igen sich mit Perspektiven des Miteinanders: Chaya Czernowin, aus Israel gebürtige Komponistin, erforscht im dritten Teil ihrer Trilogie „Fast Darkness

III: Moonwords“ das Unbekannte und dessen Klangkosmos. Die österreichische Schlagwerkerin Katharina Ernst setzt die zunehmende Spaltung unserer Gesellscha mit Einstimmigkeit versus Dissonanz um.

Die Italienerin Lucia Ronche i sucht die Stille, ausgehend von Claude Debussys nie komponiertem Stück „Le Palais du silence“. Dem Meister der Klangfarben nachspürend scheut sie sich nicht, Fragen nach unserem gesellscha lichen Umgang mit Abwesenheit und Vergänglichkeit zu stellen.

Die Zweite Wiener Moderne soll künstlerische wie theoretische Auseinandersetzung gleichermaßen bieten, in jedem Fall erzählt sie „stories that matter“, die sich tief in unser Gedächtnis eingraben. F

Von der Notwendigkeit,

Geschichten zu erzählen

Nyokabi Kariũki will mit ihrer Musik dazu beitragen, die kenianische Kultur zu erhalten

Gipfeltreffen 2025 7. und 8.6.,11 Uhr, Radiokulturhaus

No More Excuses I 8.6.,19.30 Uhr, Radiokulturhaus

No More Excuses II 9.6.,19.30 Uhr, Radiokulturhaus

„Jedes Erdbeben hat die Möglichkeit zu verändern“

Liebe als Prämisse: Christopher Rüping bringt Heinrich von Kleist und bell hooks für ein Stück über die Liebe zusammen

INTERVIEW:

LINA WÖLFEL

V or drei Jahren war der deutsche Regisseur Christopher Rüping mit seiner eigenen, durchaus utopischen Version von „Der Ring des Nibelungen“ bei den Festwochen. Nun kommt er mit einer Uraufführung zum Festival.

Falter: „All About Earthquakes“ –worum geht’s da?

Christopher Rüping: Na ja, um Erdbeben. Der Stücktitel ist eine Kombination von „All About Love“ der Autorin bell hooks und „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist. Wenn man „All About Earthquakes“ liest, hat man natürlich erstmal die Erwartung, an unserem Abend etwas über Erdbeben zu erfahren. Und genau so fangen wir auch an: Es geht um Erdbeben im mehrfachen Sinne – um innere wie äußere, um natürliche wie menschgemachte. Und es geht um die Geschichten, die wir über uns erzählen, wenn wir von den Beben sprechen. Von diesen Geschichten aus finden wir dann mit bell hooks zur Liebe – dem Thema der diesjährigen Ausgabe der Festwochen. Gemeint ist hier nicht die Liebe im romantischen, sondern im politischen Sinne – als Kra , die Gesellscha formen und Kommunikation strukturieren kann.

Wie passen da Heinrich von Kleist und bell hooks zusammen?

Rüping: Heinrich von Kleist erzählt in seiner Novelle von einem Erdbeben in Santiago de Chile, das die halbe Stadt in Schutt und Asche legt. Die Einwohner:innen flüchten sich vor die Tore der Stadt in ein – von Kleist selbst als Garten Eden bezeichnetes – Paradies. Für 24 Stunden ist hier die soziale Hierarchie, nach der die Stadtbevölkerung vor dem Beben aufgebaut war, außer Kra gesetzt. Man erlebt eine skandalös solidarische Gemeinscha jenseits von Patriarchat und Kapitalismus. Es herrscht kein Wettbewerb, keine Angst. Niemand will sein Gegenüber dominieren. Diese Gemeinscha ist sehr nah an dem, was bell hooks in „All About Love“ beschwört.

Und darüber erzeugt sich dann die Verbindung der beiden Texte?

Rüping: Das von Kleist beschriebene Paradies ist nicht nur die fiktionale Behauptung irgendeines Autors, sondern eine historische Beobachtung: Im Angesicht von Katastrophen konstituieren Gesellscha en sich anders, als sie es im Alltag tun. bell hooks argumentiert, dass die Solidarität, die sich in solchen Momenten beobachten lässt, eigentlich keine flüchtige Ausnahme, sondern unsere Normalität sein müsste. Ich glaube, auch Kleist wünscht sich das insgeheim, erschrickt vor der Sprengkra dieses Traums aber so sehr, dass er sein Paradies sofort mit äußerster Brutalität niederschlägt. Er lässt die Utopie nur ganz

Regisseur Christopher Rüping: „Der ernstha e Versuch, nach Prinzipien der Liebe zu leben, würde radikale Veränderung bedeuten.“

flüchtig im Angesicht der Katastrophe erstehen. bell hooks liefert einen Wegweiser, wie aus ihr ein neuer Normalzustand wachsen könnte.

Wenn man davon ausgeht, dass Theater eine Wirklichkeit auf Zeit ist, was bedeutet das dann für diese Utopie über die Aufführungszeit hinaus?

Rüping: Die Besonderheit unseres Vorhabens liegt in der Größe des Ensembles: 14 Schauspieler:innen, das größte Ensemble, mit dem ich je gearbeitet habe. Gleichzeitig soll die Inszenierung keine Überlänge haben, wir gehen von zwei Stunden Stückdauer aus. Das Ensemble ist also viel zu groß für die Dauer unseres Abends. Tänzer:innen können parallel zueinander tanzen, Chorsänger:innen können mehrstimmig gemeinsam singen. Beim Schauspiel ist es ungleich schwerer: Wenn 14 Leute gleichzeitig sprechen, entsteht ein babylonisches Stimmen-

mehrere Grundpfeiler unserer Gesellscha ins Wanken bringen. Er würde radikale Veränderung bedeuten. Kein Wunder, dass Kleist da Angst bekommt und sein Paradies sofort wieder abfackelt. Dabei ist die Gattung Mensch doch eigentlich ganz gut im Umgang mit radikalen Veränderungen: Rad, Feuer, Buchdruck, Internet – alles Veränderungen, mit denen wir bisher einigermaßen zurechtkommen. Warum machen unsere Anpassungsfähigkeit und unsere Neugier ausgerechnet beim Versuch Halt, die Liebe als strukturierende Kra unseres Miteinanders zu entdecken?

Wird die Liebe zur strukturierenden Kra des Abends?

Rüping: Ja. Aber nicht nur. Es geht uns nicht darum, einfach irgendeinen paradiesischen Zustand auf die Bühne zu zaubern: Alle streicheln sich, fertig, Applaus. Es geht auch um das, was die Liebe bedroht. Was ihr im Weg steht. Jedes Erdbeben hat die Möglichkeit, eine Gesellscha zu verändern, ihre Regeln für einen Moment außer Kra zu setzen. Aber jedes Beben bringt auch immer Leid, Tod und Zerstörung.

Und was bleibt nach der Zerstörung? Rüping: Spuren hoffentlich. Selbst die explizite Orgie der Gewalt, mit der Kleist sein Paradies zerschlägt, schafft es nicht, alle Spuren der Utopie auszulöschen. Etwas bleibt immer. Von bell hooks bleibt am Ende vielleicht die ganz einfache Erkenntnis, Liebe nicht nur als romantisches Gefühl, sondern auch als soziale Praxis zu begreifen.

Es gibt den schönen Kettcar-Song „Rettung“, in dem es heißt: Es ist nicht das, was man empfindet, Liebe ist das, was man tut.

gewirr, mehr nicht. Allein schon in unserer Grundannahme ist also die zentrale Frage enthalten: Wie verteilt man knappe Ressourcen? Nach welchen Prinzipien? Wie schafft man ein zärtliches, respektvolles Miteinander und Füreinander? Das beschä igt uns nicht nur während der Aufführung, sondern auch ganz real während der Proben – und sicherlich noch über die letzte Vorstellung hinaus.

Ist Zärtlichkeit die Lösung für die Krisen unserer Zeit?

Rüping: Ja, irgendwie schon, oder? Die Frage ist doch eher: Ist Zärtlichkeit angesichts der Voraussetzungen unserer Zeit überhaupt möglich? bell hooks sagt: Da, wo einer den anderen dominieren, besiegen, im Wettstreit überwinden will, kann keine Liebe sein. Wo finde ich sie also bloß im Zeitalter des Kapitalismus, die Liebe? Der ernstha e Versuch, nach Prinzipien der Liebe zu leben, würde gleich

Rüping: Und es gibt den schönen 90erJahre-Eurodance-Hit „What is Love“ von Haddaway. Der stellt sie ja, die große Frage: Was ist Liebe? Und antwortet ganz im Sinne von bell hooks: Baby, don’t hurt me. Da, wo Gewalt ist, ist keine Liebe.

Es gibt einen Live-Musiker auf der Bühne. Welche Rolle kommt der Musik zu?

Rüping: Eine große, aber ich will nicht zu viel spoilern. Man wird nicht nur einen Live-Musiker auf der Bühne erleben, sondern phasenweise sogar 14. Ein mehrstimmig singender Chor ist doch irgendwie immer ein einfaches und klares Bild für die Art von Gemeinscha , von der hooks und Kleist träumen: Es formt sich ein gemeinsamer Klang, der nicht aus der Auflösung der eigenen beziehungsweise einzelnen Stimme besteht, sondern aus deren Kombination. Jeder behält seine/ihre eigene Stimme. Und geht doch gleichberechtigt und mehr oder weniger harmonisch im Ganzen auf. F

All About Earthquakes 24. bis 27. Mai., 19.30 Uhr, Volkstheater

Donauinsel-Doppelgänger

Raus

ins Theater:

TEXT:

SThomas Verstraetens Stück „Inselliebe“ inszeniert die Donauinsel mit einer

zur „Inselliebe“ per Bahn und mit dem Volksstück „Ein gefräßiger Scha en“ auf Kle ertour durch die Bezirke

ind wir nicht alle reif für die Insel?

Thomas Verstraeten ist es definitiv. Für sein neues Stück erkundete der belgische Theatermacher nämlich die seligste aller Inseln: die Donauinsel. Nach ausgiebigen Recherchen im liebsten Naherholungsgebiet der Wiener:innen lädt er nun in „Inselliebe“ zur Expedition im Bummelzug: Per Bahn und zu Fuß geht es zu Stationen, an denen Verstraeten das Inselleben in bewegten Tableaus komprimiert.

Damit der Trip nicht zur Sozialreportage-Safari wird, arbeitet Verstraeten mit den unterschiedlichsten Gemeinscha en zusammen, die die Donauinsel in Beschlag nehmen. Mit Mitgliedern dieser Communitys als Laiendarsteller:innen setzt er typische Szenen um, choreografiert Bewegungsabläufe, die in Loops immer wieder von Neuem beginnen: Alltag wird zu Theater, Privates öffentlich, Freizeitvergnügen zur Selbstdarstellung.

Wer sind denn nun die Insulaner:innen, denen Verstraeten bei seinen Feldstudien begegnet ist? Da ist die ThaiCommunity, die auf Decken picknickt, plaudert und Karten spielt. FitnessFans nutzen die Freilu sportstätten, die wie überdimensionale orange Klettergerüste aussehen, zur ostentativen Kultivierung der Muskelkra . Zum Training nutzt das Areal aber auch ein Verein für historischen Schwertkampf.

Weiter geht es ans andere Ufer. Die dunkle Seite der Insel klammert Verstraeten nicht aus: Schließlich dienen die Waldstücke der Insel obdachlosen Menschen, einer besonders verletzlichen Community, als Rückzugsgebiet.

ertrip

Inselliebe 7. und 8.6., 17 und 20 Uhr, Donauinsel

Ein gefräßiger Scha en von 16.5. bis 22.6., auf Bezirketour

Abseits des Trubels widmen sich Fischer ihrer Leidenscha , vollkommene Entschleunigung mit High-Tech-Gear. Spätestens hier wird deutlich, dass der öffentliche Raum des Freizeitparadieses tendenziell männlich dominiert ist.

Letzter Stopp: ein Rave. Den Abschluss der Expedition bildet ein überhöhtes Wimmelbild der hedonistischen Inselseite. Eine Grillerei am Wasser ist Insel-Feeling als Reindestillat. Da sieht man gleich doppelt: Riesige, illusionistische Malereien des Kulissenmalers Bob van Tricht kopieren das „Bühnenbild Donauinsel“, vervielfältigen die Blickwinkel in Richtung Hyperrealität.

Genau wie die Insel selbst − ein künstlich aufgeschütteter, menschengemachter Landstreifen − flackert „Inselliebe“ zwischen Natur und Kultur, Realität und Fiktion. Nicht zuletzt wird das Publikum selbst zum Teil der Show. Der Bummelzug zieht die Blicke auf sich, Kinder winken, Rennradfahrer können dem Überholversuch kaum widerstehen. Come along for the ride!

Das Doppelgänger-Motiv vor Wiener Kulisse entdecken wir auch im diesjährigen Volksstück, „Ein gefräßiger Schatten“ von Mariano Pensotti (Text & Regie). Der Argentinier inszeniert als Teil der Grupo Marea zusammen mit Mariana Tirantte (Bühne & Kostüm) und Diego Vainer (Musik) o für den öffentlichen Raum. Bei den Festwochen war Pensotti schon des Ö eren zu Gast, etwa 2023 mit dem Stück im Stück „La Obra“ oder dem Theatermarathon „Diamante“ über eine fiktive Stadt im Dschungel.

Das aktuelle Stück über einen Alpinisten und einen Schauspieler trekkt durch 15 Gemeindebezirke und transportiert Theater an Orte, wo man nicht

damit rechnet: etwa ins Gänsehäufel oder zu einem Fußballverein. Die minimale Bühne ist leichtes Gepäck: eine drehbare Wand, die beklettert werden kann; eine Seite schneeweiß, die andere verspiegelt. Zwei Lau änder ermöglichen es, leichtfüßigen Fortschritt auf engstem Raum vorzugaukeln. In „Ein gefräßiger Schatten“ überkommt einen professionellen Bergsteiger die Torschlusspanik. Bald wird er körperlich nicht mehr in der Lage sein, die fatale Expedition seines Vaters auf den Annapurna in Nepal selbst in Angriff zu nehmen. Der Einfall lässt ihn nicht los. Er will die Solo-Besteigung bis ins letzte Detail nachahmen, als Double des Vaters die exakt gleiche Route nehmen. Das stellt sich nicht nur aufgrund von Klimawandel und Massentourismus im Himalaya schwerer heraus als gedacht. Jahre nach dem schicksalha en Trip wird seine Geschichte verfilmt. Wie geht man mit dem Mann um, der einen in einem Biopic spielt? Wie spielt ein nicht gerade erfolgsverwöhnter Schauspieler einen realen Menschen? Wie zum Spiegelbild eines Lebens werden? Sebastian Klein und Manuel Harder übernehmen in der deutschsprachigen Erstaufführung die Rollen des ZweiPersonen-Stücks; erstmals wurde es im Vorjahr in Avignon präsentiert. Immer wieder verdoppeln sich an dem Abend die Erzählungen, dri en auseinander, schieben sich die Metaebenen von Gebirgstour und Filmdreh übereinander wie geologische Schichten. Glorifizierte Gipfel, abwesende Väter, ein bisschen Kapitalismuskritik − Pensotti montiert das Spiel zwischen Sein und Schein flott und mit ironischem Augenzwinkern: ein cleveres Theatervergnügen. F

Bahnfahrt
Mariano Penso is Volksstück erzählt von einem schicksalha en Kle

Radikale Performerinnen wie Carolina Bianchi, Satoko Ichihara und Pia Hierzegger nehmen toxische Rollenbilder unter die Lupe. Das geht unter die Haut, kann aber auch ziemlich komisch sein

Scheiß auf

Ist es möglich, mittels Kunst gesellschaliche Wunden zu schließen? Diskurse, die früher in eine Eso-Ecke gerückt wurden, feiern gerade in der bildenden Kunst, aber auch in der Performance eine Auferstehung. Begriffe wie #healing und #care beschreiben eine neue Sehnsucht nach kollektiver Genesung – und kippen dabei nicht selten in Kitsch. Die Extrem-Performerin Carolina Bianchi kann damit wenig anfangen. Oberflächliche Versöhnung ist ihr suspekt, sowohl im Leben als auch auf der Bühne. Das hat sie bereits mit ihrer radikalen Performance „Die Braut und Goodnight Cinderella“ unter Beweis gestellt, die einer der Höhepunkte der Wiener Festwochen im Vorjahr gewesen ist.

Bianchi stand selbst auf der Bühne und mixte K.O.-Tropfen in ihren Drink. In ihrer Heimat Brasilien heißt diese Vergewaltigungsdroge „Gute Nacht, Aschenputtel“. Auch Bianchi schlief ein. Dann begann der eigentliche Albtraum: Die Bühne wurde zum Friedhof ermordeter Frauen.

In einer Szene wurde ihr bewusstloser, halbnackter Körper auf der Motorhaube eines Autos auf die Bühne gerollt. Auf dem Nummernschild stand: „FUCK CATHARSIS“. Emotionale Reinigung durch Kunst? Fehlanzeige!

Erlebte sexuelle Gewalt lässt sich nicht so einfach heilen, davon ist die Theatermacherin überzeugt. „Diese Art von Trauma der sexuellen Gewalt kann nicht gelöst werden“, sagt sie im Newsletter der britischen Journalistin Natasha Tripney. Sie beschreibt das Trauma als eine Art von Wunde, die „sich selbst verwandeln kann, sodass sie nicht immer dieselbe Form hat. Sie verändert sich. Sie kann sich bewegen.“

Man kann allerdings patriarchale Strukturen aufzeigen, die nicht nur in ihrer Hei-

KA THAR SIS!

Warum sollen Frauen süß, unschuldig und kindlich, wie Japans Exportschlager Ki y, sein, fragt das Stück „Ki y“ der japanischen Regisseurin und Autorin Satoko Ichihara
TEXT: KARIN CERNY

mat Brasilien zu einer unfassbar hohen Anzahl an Femiziden führen.

Nun ist der zweite Teil ihrer „Cadela Força“-Trilogie zu sehen: In „The Brotherhood“ geht es um Codes und Verbindungen zwischen Männern und darum, welche Rolle sexuelle Gewalt dabei spielt. Der Abend soll weniger Performance, mehr Theater sein, verspricht Bianchi. Diesmal wird die Täterseite beleuchtet, aber Antworten wird man erneut vergeblich suchen. Auch auf der Bühne herrschen Chaos und maximale Verstörung. Aber man sieht, wie männlicher Gruppendruck, Mitläufertum, Unterdrückung und Frauenverachtung Methode haben.

Auch die japanische Regisseurin und Autorin Satoko Ichihara ist keine Unbekannte hierzulande. 2022 war im Rahmen der Wiener Festwochen ihre freie Version der berühmten Puccini-Oper „Madama Butterfly“ zu sehen. Es ging um asiatische Fremd- und Selbstbilder, um Exotisierung und Schönheitsideale, die vom Westen geprägt sind. Sogar die japanische Comic-Figur Sailor Moon sei weiß gewesen, erzählt Ichihara da. Der Abend schlug überraschende Haken und ging harte Themen so pointiert an, dass man sehr viel lachen konnte. Auch „Kitty“, das jüngste Stück von Ichihara, das in diesem Jahr bei den Festwochen zu Gast sein wird, verspricht ein schräges Highlight zu werden. Es geht um Frauenbilder sowie um Sexarbeit und Vegetarismus. Es stellt die Frage, warum Frauen süß, unschuldig, kindlich sein sollen. Und warum Männer mit diesen regressiven Fantasien durchkommen.

Keine Frage, es gibt unterschiedliche Werte, nach denen Männer und Frauen beurteilt werden. In einem Interview mit dem „Performing Arts Network Japan“ erzählt sie von einer Jugenderinnerung, die sie geprägt hat. In der High School hatte

sie eine Freundin, die von der Schule verwiesen wurde, weil sie eine Dating-Website genutzt hatte, um Männer zu finden, denen sie ihre Socken verkau e. „Damals fand ich heraus, dass der Mann, der ihre Socken gekau hatte, überhaupt nicht bestra wurde, und damit begann ich, die Schule, die Gesellscha und Männer im Allgemeinen zu hassen“, erzählt sie. „Ich dachte: Warum wurde nur meine Freundin bestra ? Sie wollte einfach nur Geld und hat etwas verkau , mit dem sie Geld verdienen konnte. Warum wird sie dafür von der Schule geworfen? Ist der Mann, der es gekau hat, nicht genauso schlimm?“

Viele dieser ungerechten hierarchischen Strukturen bleiben unsichtbar, sie werden als „natürlich“ hingenommen. Wie kann man sie als künstliche Konstrukte erfahrbar machen, an denen sowohl Frauen als auch Männer leiden?

Wiederholung ist eine spannende Form, weil sie weg vom Einzelfall geht. In „The Second Woman“ spielt Pia Hierzegger 24 Stunden lang immer wieder die gleiche Szene durch: Eine Frau trifft auf 100 Männer. Jedes Mal steht ihr ein unbekannter Partner gegenüber. Ein Laie, der zwar Text bekommen hat, aber keine Anweisungen, wie er ihn zu interpretieren hat. Es kann zärtlich, lustig, beklemmend, aber auch brutal werden.

Wie bereitet man sich auf eine solche Extrem-Performance vor? „Ich habe Höhenangst, ich mag Geschwindigkeit nicht und gehe auch nicht gern in den Prater, um extreme Dinge auszuprobieren. Deshalb hatte ich Lust auf diesen Kick“, sagt die Grazer Schauspielerin, die von den australischen Regisseurinnen Nat Randall und Anna Breckon gecastet wurde. „Die Proben beginnen erst, aber ich habe fast 30 Jahre Erfahrung

Ki y 25. bis 27.5., 20.30 Uhr, Museumsquartier, Halle G

The Second Woman 28. auf 29.5., 18 bis 18 Uhr, Museumsquartier, Halle E

The Brotherhood 1. und 2.6., 19 Uhr, Volkstheater

Wann ist ein Mann ein Mann? Im 24-StundenStück „The Second Woman“spielt Pia Hierzegger mit 100 verschiedenen Männern immer wieder die gleiche Szene durch

mit Improvisationstheater. Ich werde mich auf meinen Instinkt verlassen.“ Für sie wird spannend werden, wie sehr sie sich verändert, wenn sie müde wird. „Vielleicht werde ich dann besonders grantig – oder anlehnungsbedür ig. Ich kann mich da selbst nicht einschätzen.“

Die improvisierte Szene ist simpel und doch raffiniert: Der Mann kommt ins Wohnzimmer der Frau mit Essen zum Mitnehmen und einer Entschuldigung dafür, „so grob“ gewesen zu sein. Was sich daraus entwickelt, ist ein intimes Kammerspiel, das an den Film „Opening Night“ (1977) von John Cassavetes erinnert, der als Inspiration diente. Neben dem Live-Setting zeigt eine riesige Leinwand die Interaktion der beiden in Großaufnahme, um die subtilen Veränderungen zu zeigen.

In Carolina Bianchis „The Brotherhood“ geht es um Codes und Verbindungen zwischen Männern und welche Rolle sexuelle Gewalt dabei spielt

Der Guardian war begeistert von dem Format, das mit unterschiedlichen Protagonistinnen bereits in mehreren Städten zu sehen gewesen ist. Auch davon, wie viel Spielraum der Text lässt. Die Kritikerin der Londoner Version fand ernüchternd, auf welche patriarchalen Rollenbilder sich die meisten Männer zurückzogen, sobald sie die eigene Macht spürten und die Mitspielerin sich bedür ig zeigte. „Diejenigen, die sich einem solchen Moment mit Zärtlichkeit und Verständnis nähern, sind rar gesät. Trotz unzähliger Variationen in Charakter und Absicht gibt es einen fast einheitlichen Rückzug auf männliche Grausamkeit im Angesicht von Verletzlichkeit“, so das Fazit im Guardian Werden die Wiener Männer ähnlich grausam sein, wenn die Protagonistin in ihrer Frustration um sich schlägt? Es bleibt ein spannendes Experiment, das gleichzeitig viel über unsere Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit erzählt. F

Die WundenunsererMütter

Die Stücke „Centroamérica“ und „Tapajós“ öffnen den Blick auf Heimat, Klimaschutz und Politik in Süd- und Zentralamerika

TEXT: LINA WÖLFEL

Die Bühne sieht eigentlich aus wie ein Paradies – eine Schwimmbecken-Oase, gesäumt von Blumen, auf dem Boden quietschgelbe Handtücher, im Hintergrund ein Transparent, auf das ein See, grüne Bäume, blauer Himmel und ein Berg am Horizont gemalt sind. Dazu ein Klappstuhl. Im Laufe der Inszenierung werden weitere Elemente hinzukommen, eine Leinwand, auf die Straßenzüge, Flipperautomaten, Fernsehbeiträge und Landkarten projiziert werden. Sand, in den die Performerin mit ihren Händen Spuren zeichnet. So -Drink-Flaschen, Plastikbecher, eine Kühlbox und immer mehr Handtücher. Je voller die Bühne, desto lebendiger und vielschichtiger – aber auch komplexer – wird das, was Lagartijas tiradas al sol über Zentralamerika herausfinden. Und über die per-

„Centroamérica“: ein realistisches wie fantastisches, ein politisches wie persönliches Fresko Mi elamerikas

„Tapajós“: eine Performance über einen der größten Flüsse Brasiliens und den illegalen Abbau von Quecksilber

die Mitglieder von Lagartijas tiradas al sol. Dabei galt es für das Team, die sieben zu Zentralamerika gehörigen Länder zwischen ihren politisch komplizierten Grenzen zu verorten und zu emanzipieren – und die Rolle Mexikos kritisch zu hinterfragen. Denn historisch gesehen gab es nach der Unabhängigkeit Mexikos eine große Spaltung zwischen denjenigen, die den nordamerikanischen Liberalismus verteidigten, und denjenigen, die die spanischen monarchischen Strukturen bewahren wollten. Seitdem hat Mexiko mit seinen wichtigsten politischen Projekten eher nach Norden, nach Europa oder in den angelsächsischen Raum geschaut.

Zunächst sollte daraus auch eine Arbeit über die Begegnung mit diesem Gebiet werden. Bis die Begegnung mit einer Frau, die zu ihrem Schutz lediglich als M. bezeichnet wird, alles verändert. Sie bittet die Gruppe darum, ihren an Covid-19 verstorbenen Sohn in Nicaragua zu beerdigen. In dem Land, in dem sie geboren wurde, in dem sie immer gelebt hat und in das sie nicht zurückkehren kann. Denn M. ist vor der Diktatur Daniel Ortegas geflohen. So wurde „Centroamérica“ nicht nur zu einer umfassenden dokumentarischen Untersuchung, sondern auch zu einer sehr persönlichen Reise. Dafür nutzt die Gruppe eine konsequente Dramaturgie, die sich durch jede Ebene des Stücks zieht.

Der Raum metaphorisiert den Diskurs, macht ihn optisch erlebbar und spiegelt ihn grafisch wider. Die Videoprojektionen machen die Figuren grei ar, die Landscha grei ar, fassen die Atmosphäre der Orte: „Kunst hat die Fähigkeit, uns daran zu erinnern, dass die Welt nicht geschlossen ist und dass die Realität verändert werden kann“, so die Theatermacher:innen.

Was daraus entstanden ist, ist mehr als eine Reisegeschichte, mehr als ein Forschungsbericht. Es ist ein realistisches wie fantastisches, ein politisches wie persönliches Fresko Mittelamerikas, von den Dschungeln des Darién Gap bis hin zu den militarisierten Grenzen im Norden.

Neben „Centroamérica“ setzt sich auch „Tapajós“ mit den politischen Belangen Zentral- und Südamerikas auseinander. Die geradezu ritualartige Performance entstand aus der jahrelangen Beschä igung der Künstlerin und Aktivistin Gabriela Carneiro da Cunha mit einem der größten Flüsse Brasiliens – dem Tapajós im Amazonas-Gebiet. Durch den illegalen Abbau von Quecksilber in der Region ist das Wasser eines seiner Nebenflüsse verseucht.

sönliche Geschichte der geheimen Protagonistin des Abends.

Lagartijas tiradas al sol, gegründet von Luisa Pardo und Lázaro Rodríguez, ist eine Gruppe von Künstler:innen, die seit 2003 zusammenarbeiten. Ausgangspunkt ihrer Projekte ist dabei o ein Forschungsinteresse, das im Laufe der Arbeit künstlerisch auf- und ausgewertet wird. So war ihre neueste Arbeit „Centroamérica“ zunächst eher als Mittel zur Reflexion denn zur Unterhaltung gedacht.

Die Gruppe nähert sich darin einer Region –Zentralamerika – an, die zwischen den USA im Norden und Latein- bzw. Südamerika im Süden o als (historischer) Kulturraum übersehen wird. „Sie ist nicht Teil unserer Vorstellungskra und unserer Fantasie“, so

Centroamérica 31.5. bis 3.6., 20 Uhr, Theater Nestroyhof Hamakom

Tapajós 7. bis 11.6., 20 Uhr, Kosmos Theater

Für ihre Performance besuchte Gabriela Carneiro da Cunha Widerstandskämpfer:innen vor Ort, vernetzte sich mit ihnen und bringt nun ihre Geschichte auf die Bühne – ästhetisch mithilfe des Stoffes, der ihre Existenzen bedroht, mit analoger Fotografie, einem Verfahren, für das früher Quecksilber verwendet wurde. „Ich versuche, einen künstlerischen Raum zu schaffen, um in den Menschen den Wunsch zum Handeln zu wecken. Das Theater ist ein guter Ort dafür“, erzählt Gabriela Carneiro da Cunha. „Wenn ich also vom Zuhören spreche, geht es nicht um ein passives, sondern um ein aktives Zuhören.“

Wenn das Motto der diesjährigen Festwochen also die Liebe ist, geht es in den beiden zentral- und südamerikanischen Produktionen um eine Ausweitung des Begriffs. Weg von Partner:innenscha lichkeit hin zu der Frage: Was bedeutet Heimatliebe, wenn die eigene Heimat politisch, wirtscha lich und elementar bedroht wird? F

Alles walzert mit Ivo Dimchev

Wien liebt Ivo Dimchev und umgekehrt. Bei seinem Festwochen-Debüt bringt der Bulgare das Publikum mit Strauss in Schwung

TEXT:

CHRISTOPHER WURMDOBLER

B

itte komme in bequemer Kleidung, du bist Teil eines musikalischen Workouts“, steht im Programmbuch. Wenn das mal keine Aufforderung ist. Bloß zuzuschauen gilt nämlich nicht bei „The Strauss Technique“, Ivo Dimchevs erster Arbeit für die Wiener Festwochen. Das Publikum darf, nein: soll hier mitmachen.

Aber das Publikum wird es lieben, weil es Ivo Dimchev generell liebt. Schon lange ist der Tänzer, Choreograf, Performance- und Popstar, Singer-Songwriter, bildende Künstler und QueerAktivist aus Bulgarien Stammgast bei Impulstanz – zuletzt mit seinem spektakulären Live-Actionpainting-Sing-Solo „METCH“ unter Publikumsbeteiligung – und besitzt hier wie weltweit eine große Fan-Base. Jetzt feiert der bald 50-Jährige also Festwochen-Premiere.

Zum Strauss-Jahr hat sich das Festival ein Projekt von ihm gewünscht und Dimchev wird sich erwartungsgemäß den Strauss zu eigen machen. Wie er sich alles zu eigen macht in seinen bislang über 40 Produktionen. Der Mann hat sich 2018 bei der UKAusgabe des Fernsehgesangswettbe-

werbs „The X Factor“ buchstäblich in die Arena geschmissen, das feixende Brot-und-Spiele-Publikum dort mit ein paar Tänzer:innen in kurzen Höschen und betörendem Gesang sichtlich verstört, überrascht und es letztlich gewonnen.

Während der Pandemie spielte Dimchev in Sofia, Istanbul, Los Angeles und New York mehr als 400 Hauskonzer-

Ivo Dimchev: Choreograf, Performance- und Popstar, Künstler und Queer-Aktivist aus Bulgarien

ARBEITER KAMMER GESETZ

The Strauss Technique 27.5., 20 Uhr, 28. und 29.5., 19 Uhr und 22 Uhr, Odeon

te, da ist so eine Johann-Strauss-Überschreibung ein Klacks. Vor allem, wenn das Publikum mitzieht. Mitziehen muss, weil auf der Tribüne zu sitzen gilt nicht im Odeon, alles hinunter auf die Tanzfläche! Zehn Nummern des Walzerkönigs hat Dimchev bearbeitet, mit jedem der zehn „Healing Songs“ soll ein bestimmter Körperteil gefeiert und beschworen werden. Und damit

»Die Kammern für Arbeiter und Angestellte und die Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte sind berufen, die sozialen, wirtschaftlichen, beruflichen und kulturellen Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zu vertreten und zu fördern.«

sicherlich auch das Hochkulturelle, was so einem Komponisten-Jubiläum zwangsläufig anhängt, gründlich unterwandert werden: ein schweißtreibend-musikalisches Workout zur kollektiven Erweiterung von Geist, Wahrnehmung und Perspektive; eine Liebeserklärung an Queerness.

Queerer statt steifem Walzerschritt, lustvolle Leichtigkeit und Hommage an alle Körper, am wenigsten an die perfekten. Zusammen mit Musiker:innen hat der umtriebige Künstler die Musik vorab aufgenommen, zu der er live singen und performen wird.

„If I’m angry or sad – I masturbate!“, singt Dimchev im gewohnt glockenhellen Falsett und gewohnt zartversaut auf die Melodie von Strauss’ berühmtem „Donauwalzer“ in einem kürzlich auf Youtube veröffentlichten 50-sekündigen Schwarz-Weiß-Videoclip, einem kleinen Vorgeschmack auf sein Festwochen-Projekt.

Der Künstler trägt Toupet mit Mittelscheitel, Schnauzbart, ein schillerndes Entertainer-Outfit und trällert im UpTempo „I cannot wait to masturbate!“ Vielleicht eine späte, lustvolle und sehr körperliche Antwort auf den ursprünglichen Text dieses Walzer-Hits von 1867. Der lautete nämlich damals „Männer, seid froh, oho, wieso?“ F

Auf

in die AltersheimSimulation: SIGNAS immersives Stück

TEXT:

CHRISTOPHER

WURMDOBLER

Sechs Stunden. So lange wird die Vorstellung von „Das Letzte Jahr“ dauern, Signas Stück über die letzten Dinge: Alter, Krankheit und Sterben. Für sechs Stunden wird das Publikum eine Einrichtung bewohnen, bereitgestellte Bequemsachen samt Bauchtasche tragen und auf 40 Betroffene, Pflegekrä e und Angehörige treffen. Aufwändig wurde für diese Theater-Simulation eine Etage im Funkhaus zum Pflege- oder Altersheim.

Sechs Stunden, sagen Signa und Arthur Köstler, Gründerin und Gründer von SIGNA, das sei ja noch kurz. Tatsächlich haben sie schon Stücke kreiert, bei denen das Publikum im Set übernachten dur e. Zuletzt war mit „Wir Hunde / Us dogs“ bei den Festwochen 2016 ein Stück des Duos in Wien zu erleben. Damals war es ein Tag der offenen Tür bei einer bizarren Sekte, die sich um Hunde in Menschengestalt kümmert. Das Publikum tollte mit verspielten Vierbeinern auf dem Teppich herum, ließ sich im Schritt beschnüffeln oder ans Bein pinkeln. Es gab auch die Möglichkeit, ausgestattet mit einem Taser, aggressive „Hundsche“ im Zwinger zu besuchen. Das Unheimliche war, dass die Elektroschocker funktionierten, und noch unheimlicher war, wie o sie zum Einsatz kamen.

SIGNA ist kein Mitmachtheater. Aber es macht was mit einem. Das Unheimliche ist dabei wichtiges Stilmittel; abgesehen vom Realismus, was die Ausstattung betrifft. Signas Shows sind nichts zum Wohlfühlen. Im neuen Stück geht es ums Abschiednehmen. Auch das wird viele verstören. Durchaus im Sinne von Signa Köstler, die weder Sicherheit noch Geborgenheit schaffen will. „Ich versuche, einen Zustand der Überforderung zu simulieren für das Publikum“, sagt sie. „Sie sind in eine Situation reingeworfen, in der sie vielleicht auch nichts ändern können. Man ist dem ausgeliefert, auch wenn man es nicht versteht. Manchmal gehört es einfach dazu, dass man vollkommen überfordert ist und dass es unangenehm ist.“ F

Das Letzte Jahr

17.5. bis 29.6., Sa & So 16 Uhr, Mo & Di 18 Uhr, Funkhaus

Mutter Courage und der Love-E ekt

Weiblicher Zyklus und Krieg: Lisaboa Houbrechts inszeniert Bertolt Brechts „Moeder Courage“

TEXT:

MARTIN PESL

I m düsteren Licht ist eine runde Form auszumachen: eine schwarze Kugel mit drei Metern Durchmesser. Acht Personen rollen das überlebensgroße Monstrum gemeinsam über die einige Zentimeter tief mit Wasser geflutete Bühne. Mit diesem markanten Bild im Kopf begann für Lisaboa Houbrechts die zweijährige Arbeit an Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. Die Kugel steht dabei in ihren Augen für den Krieg, aber auch für den weiblichen Zyklus.

Mitten im Zweiten Weltkrieg 1941 erschienen, erzählt das Drama von der Marketenderin Anna Fierling alias Courage, die mit ihrem Wagen und drei Kindern von verschiedenen Männern durch die Lande zieht.

Es herrscht Krieg, der Dreißigjährige (1618–1648), und Fierlings Handel profitiert von den ökonomischen Folgen. In den Wirren des Krieges kommen ihr die Kinder eins nach dem andern abhanden. Zugunsten der Geschä e nimmt sie das in Kauf.

Mithilfe ihrer charismatischen Hauptdarstellerin Lætitia Dosch bürstet Houbrechts den Text gegen

den Strich. „Brecht wollte, dass das Publikum das Stück sieht und einen klaren Zusammenhang zwischen Faschismus, Kapital und Krieg herstellt“, so die junge Regisseurin. „Wir sollten die Courage verurteilen, sogar ein bisschen angeekelt von ihr sein. Doch was ist passiert? Die Leute empfanden Mitleid mit ihr.“ Indem sie die Ambivalenz der Figur noch weiter verfolgt, fügt sich Houbrechts’ Herangehensweise perfekt ins diesjährige Festwochen-Motto „V is for loVe“. Der V- oder Verfremdungseffekt, den sich Brecht mit dem von ihm zur Perfektion gebrachten epischen Theater erträumt hat, er

Das Ensemble reißt mit und berührt mit zarten Gesangseinlagen

wirkt hier nicht mehr zeitgemäß. Azabal und der Rest des Ensembles reißen mit, zwischen den Spielszenen berühren ihre zarten Gesangseinlagen. Auch dass sie unterschiedliche Sprachen sprechen – einige Französisch, andere Flämisch –, schafft dank Übertiteln keine Verfremdung. Emotion ist die verbindende Sprache. „Wir können von Figuren wie Mutter Courage lernen“, sagt Houbrechts, die auch schon andere Schauspiele und Opern einer Frischekur unterzogen hat und jetzt erstmals eine Arbeit in Wien zeigt. Aber: „Dazu müssen sie raus aus ihrer Komfortzone.“ F

„Die Eichhörnchen müssen zu viel schuften“

Wu Tsang inszeniert „Robin Hood“: Kinder erklären das diesjährige Festwochen-Familienstück

NACHFRAGE: SARA SCHAUSBERGER

Nach „Pinocchio“ bringt Wu Tsang nun wieder ein Familienstück auf die Bühne: „Robin Hood“, entstanden gemeinsam mit ihrem Kollektiv Moved by the Motion, richtet sich an Zuschauer:innen ab zehn Jahren. Der Falter hat eine fün e Klasse, die das Stück am Schauspielhaus Zürich bereits gesehen hat, nach ihrer Meinung gefragt. Die el ährigen Kinder dur en sich selbst Pseudonyme geben.

„Es geht um Robin Hood, der von den Reichen stiehlt und den Armen gibt“, erklärt Madoc. „Die Armen sind Eichhörnchen und müssen viel zu viel schu en. Am Schluss wird der böse Sheriff doch zum lieben.“ Im Mittelpunkt steht eine Figur namens Junghörnchen. Hisashi fasst die Handlung zusammen: „Der wird in den Kerker geworfen, weil er den Sheriff beleidigt. In der Nacht wird Junghörnchen von Robin Hood und Little John befreit und wird zu einer Freiheitskämpferin.“ Die Geschichte nimmt dann weiter Fahrt auf: Wachhund Sheriff und seine Assistentin Brütsie – eine Katze, die ihn gleichzeitig unterstützt und kontrolliert – entfüh-

ren darau in Junghörnchens Familie. Doch auch die wird befreit. „Am Ende wird der Sheriff von den Freiheitskämpfer:innen aufgenommen.“

Das Bühnenbild hat bei den Kindern verschiedene Eindrücke hinterlassen. „Ich fand speziell, dass sie Schattentheater gespielt haben“, sagt Levin M. Lana widerspricht: „Ganz ehrlich, das müssen sie schon noch ein bisschen üben.“ Marlène hebt die Blitzeffekte hervor, und Oliver beschreibt die Szenerie schlicht als „wie ein Wald“. Auch bei den Lieblingsfiguren gibt es keine eindeutige Favoritin. Remi mochte Junghörnchen am meisten: „Weil sie eine coole und lustige Rolle

Moeder Courage 18. und 19.5., 19.30 Uhr, Museumsquartier, Halle E Wann ist Diebstahl gerecht?

„Robin Hood“ für ein Publikum ab zehn Jahren

Robin Hood 13.6., 10 Uhr, 14.6., 18 Uhr, 15.6., 15 Uhr, Volkstheater

spielt und sich wie ein echtes Eichhörnchen bewegt.“ Lana hingegen fand Little John am besten: „wegen seiner coolen Sprüche und den Tanzschritten“. Neue Eule mag besonders die Hasen: „Sie standen nicht im Vordergrund, aber waren trotzdem o auf der Bühne.“ Henri sieht das anders: „Ich hatte das Gefühl, die Hasen waren nur ein, zwei Mal da und ihr Kostüm hätte besser aussehen können.“ Manche Kinder wurden von dem Stück auch überrascht. Panda hat „nicht mit so außergewöhnlicher Musik gerechnet.“ Und Dienstag meint: „Robin Hood war viel angeberischer, als ich es erwartet hätte.“ F

Das Duo SIGNA will mit ihrem Stück für das Publikum Überforderung simulieren

Bühne MQ Sommer

täglich Programm ab 21. Mai

Foto: Thomas Meyer

WIENER FESTWOCHEN 25

REPUBLIK DER LIEBE

Haus und Club der Republik

Sa, 17.5.

22:00 PERFORMANCE:

A CYBERNETIC DOLL’ S HOUSE

Arvida Byström

22:30 PARTY: AWAY FROM KEYBOARD In Kooperation mit Vienna Digital Cultures. Mit Malounadou, Anthea (Partisan), Amanda Mussi

So, 18.5.

22:00 CAMPFIRE: GHOST STORIES

Performance von Laurie Anderson

Mi, 21.5.

ganztägig: ANGEWANDTE LIEBE: PERFORMANCES

Von Studierenden der Angewandten 13:00 RADIO DER REPUBLIK

Live-Radiosendung: Radio Orange Magazin

Do, 22.5.

22:00 CARAVAN OF LUV:

HEALING HERBERT

Konzertperformance Band der Republik Fr, 23.5.

18:00 WORKSHOP:

ZUSAMMENLEBEN IN FREIHEIT

Lena Wilderbach (Jineolojî Center)

22:00 KONZERT: LOVE IS A VERB

Ein Abend von Malika Fankha. Mit Lan Rex, Rojin Sharafi, ÆNGL

Sa, 24.5.

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

22:00 PARTY:

HEIMLICH IN DER LIEBESREPUBLIK

Ein Abend von Heimlich. Mit Oliver Ro mann, *A toxic Treat (Performance), Kruzio b2b Buchner, Mareia

So, 25.5.

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

18:00 WORKSHOP:

TRANSFORMING THE DOMINANT MAN

Lena Wilderbach (Jineolojî Center)

19:30 *REVOLUTIONARY LOVE: LOVE AND LANGUAGE IN TIMES OF TURMOIL

Talk mit Eva Menasse und Adania Shibli

22:00 CAMPFIRE: UNDER THE BLANKETS

Performance von Red Edition / Katharina Kummer

Mi, 28.5.

ganztägig: ANGEWANDTE LIEBE: PERFORMANCES

Von Studierenden der Angewandten

13:00 RADIO DER REPUBLIK

Live-Radiosendung: Radio Orange Magazin

20:00 *REVOLUTIONARY LOVE: ZEITENWENDE – ZERSTÖRUNG OHNE

AUSWEG

Talk mit Karl-Heinz Dellwo und Gabriele Rollnik

im Funkhaus, Argentinierstraße 30A, 1040 Wien

Do, 29.5.

22:00 CARAVAN OF LUV: HEALING LUST

Konzertperformance Band der Republik

Fr, 30.5.

13:00 WORKSHOP:

WIE LIEBE DIE WELT RETTET

Aleksandar Zograf

17:00 MASTERCLASS

Von Aleksandar Zograf

22:00 KONZERT: LOVE HÖRT

Ein Abend von Dalia Ahmed (FM4). Mit MTASA, Enesi M., Adaolisa, Rakita

Sa, 31.5

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

19:30 *REVOLUTIONARY LOVE: SONS AND TRUE SONS – TRUMP 2.0

Performance von Total Refusal

22:00 PARTY: COLLECTIVE LOVE –RAVING (IN) RESISTANCE

In Kooperation mit Vienna Shorts. Mit Miyra Lim b2b lea (Love-Fi-Vienna), Call me

Daddy (Sugar Slip) b2b m. (Spice Mixers), RIC49 b2b Dj Diamond (Fast and Nice)

So, 1.6.

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

15:00 WOWRKSHOP: RECLAIM THE SPACE

Von Stefanie Hintersteiner

22:00 CAMPFIRE: PISSING IN THE RIVER

Performance von Stina Fors

Mi, 4.6.

ganztägig: ANGEWANDTE LIEBE:

PERFORMANCES

Von Studierenden der Angewandten 10:00 *REVOLUTIONARY LOVE: LOVE IS RESISTANCE

Workshop von David Adler und Srećko Horvat

11:00 WORKSHOP: DIVERTIRSE ABURRE

Von Lagartijas tiradas al sol 13:00 RADIO DER REPUBLIK

Live-Radiosendung: Radio Orange Magazin

15:00 WORKSHOP: THE DIABOLIC LANGUAGE Von Carolina Bianchi

Do, 5.6.

10:00 *REVOLUTIONARY LOVE: LOVE IS RESISTANCE

Workshop von David Adler und Srećko Horvat

22:00 CARAVAN OF LUV:

HEALING MARY or SPLIT

Konzertperformance Band der Republik

Fr, 6.6.

22:00 KONZERT: NO LOVE LOST

Ein Abend von sch:cht x Never at Home.

Mit ELSA, Teresa Rotschopf, Michael Stark, ELIS NOA, Farce, DJ Ebhardy

Sa, 7.6.

10:00 *REVOLUTIONARY LOVE: RADIO FRIDA

Ein Workshop von ISSA –Island School of Social Autonomy 14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

22:00 PARTY:

MISSY X KISSEN: AFTER THE SEX

Ein Abend von Missy Magazine & KISSEN. Mit DJ Hengameh, So babe, anxxxious_t, aua&angst, Madame Léa (Performance), Zey b2b DAFFODRILLS

So, 8.6.

10:00 *REVOLUTIONARY LOVE: RADIO FRIDA

Workshop von ISSA – Island School of Social Autonomy 14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

22:00 CAMPFIRE: FICKT EUCH! SEX, KÖRPER UND FEMINISMUS

Performance/Lesung mit Hengameh Yaghoobifarah und Ulla Heinrich (Missy Magazine) Mi, 11.6.

ganztägig: ANGEWANDTE LIEBE: PERFORMANCES

Von Studierenden der Angewandten 13:00 RADIO DER REPUBLIK

Live-Radiosendung: Radio Orange Magazin

17:00 *REVOLUTIONARY LOVE: MOND Film von Kurdwin Ayub

18:45 *REVOLUTIONARY LOVE: MY STOLEN PLANET

Film von Farahnaz Sharifi

20:30 *REVOLUTIONARY LOVE: PLANETS OF LOVE AND REVOLUTIONS Talk mit Kurdwin Ayub und Farahnaz Sharifi. Moderation: Ma hias Seier Do, 12.6.

22:00 CARAVAN OF LUV: HEALING BOOMER Konzertperformance Band der Republik Fr, 13.6.

22:00 KONZERT: LOVE IS HERE TO STAY Ein Abend von Zelda Weber (Radio Superfly). Mit AUNTY, Zelda Weber, DJ Ume  Sa, 14.6.

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

22:00 PARTY: NOCHE D’AMORE – A DANCE ROMANCE Ein Abend von Tropical Thunder. Mit Aaron Richter, Felix Wolfshöfer, Josua Zajons, Mister Gostoso, Ficheau, Guy LeDouche, MC Ely

So, 15.6.

14:00 *PERFORMANCE: INTIMACIES

Lennart Boyd Schürmann

22:00 CAMPFIRE: YALLA, YALLA,

Freier Eintritt

MAŞALLAH! – KOMMT HERZEN, LASST UNS EINS WERDEN! Performance von Lady Bitch Ray Mi, 18.6.

ganztägig: ANGEWANDTE LIEBE: PERFORMANCES

Von Studierenden der Angewandten 13:00 RADIO DER REPUBLIK

Live-Radiosendung: Radio Orange Magazin

Do, 19.6.

22:00 CARAVAN OF LUV: HEALING GOOD BYE

Konzertperformance Band der Republik Fr, 20.6.

16:00 *REVOLUTIONARY LOVE SYMPOSIUM

Mit Srećko Horvat, Seyda Kurt, David Wengrow, Ece Temelkuran (AK Wien Bildungsgebäude) 22:00 KONZERT: LOVE IS A SONG Lissie Re enwander, Romantic Slivo and the Burning Hearts, Engelsharfen+Teufelsgeigen  Sa, 21.6.

16:00 *REVOLUTIONARY LOVE SYMPOSIUM

Mit Srećko Horvat, Seyda Kurt, David Wengrow, Ece Temelkuran (AK Wien Bildungsgebäude) 20:00 *VOLKSSTÜCK:

EIN GEFRÄSSIGER SCHATTEN

Mariano Penso i 22:00 PARTY: ZENITH OF LOVE Ein Abend von GAZE. Mit Holy Lolly, Rumi de Baires, Colored Craig So, 22.6.

13:00 *VOLKSSTÜCK: EIN GEFRÄSSIGER SCHATTEN

Mariano Penso i 15:00 HOW DEEP IS YOUR LOVE Öffentlicher Abschluss der Areal Kinder und Jugendworkshops

22:00 CAMPFIRE: JEANNE DARK AND THE PROPHECY OF THE DOUBLE Performance von Elizabeth Bakambamba Tambwe

* Kostenpflichtige Veranstaltungen Tickets unter www.festwochen.at

Öffnungszeiten

Mi 10:00–00:00, Do 10:00–1:00, Fr 10:00–2:00, Sa 10:00–4:00, So 10:00–00:00

Durchgehend

Bar, Cafe, Bibliothek, Installationen, Ausstellungen, Freies Radio der Republik (täglich auf Radio Orange 94.0)

Zusätzlich finden zahlreiche weitere Workshops, Talks, Begegnungen, Performances, Programme für Kinder, eine Summer School u.v.m. sta .

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook