Nr. 41a/25
VIENNALE
Entgeltliche Beilage des Falter Verlags ALLE VERANSTALTUNGEN UND TERMINE

Familiendrama auf Isländisch: „Ástin sem eftir er – The Love That Remains“, Foto: Viennale
Neues von Festivallieblingen Jim Jarmusch, François Ozon, Lynne Ramsay, Kelly Reichardt, Eva Victor, Kristen Stewart, Rebecca Zlotowski | Filmemacher im Interview Christian Petzold und Richard Linklater | Retrospektive Jean Epstein | Monografien Digna Sinke, Massimo D’Anolfi & Martina Parenti | Filmlexikon & Programm von 16. bis 28.10.
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschri en GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
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Vorwort
Am Beginn der neuen Viennale stellt sich die Frage nach der Bedeutung des Kinos und des Festivals im Kontext der gegenwärtigen globalen Situation. Für mich ist das Kino ein Gegengi , nicht gegen Gewalt, Schrecken oder Grausamkeit, sondern gegen die Vereinfachung der Welt. Die britische Filmemacherin Joanna Hogg hat den Trailer für diese Ausgabe gestaltet und eine Geste gefunden, die zugleich klar und eindringlich ist: „Awakening“ drückt einen Gedanken aus, der sich direkt mit unserer Zeit auseinandersetzt. Ebenso verhält es sich mit dem Programm der diesjährigen Viennale: fest im Hier und Jetzt verankert; stets im Dialog mit der Vergangenheit; verbunden mit vielen anderen geografischen wie gesellscha lichen Realitäten. Wir sind in diesem Jahr von einem mittelalterlichen Bild ausgegangen, das – nach Jahrhunderten der Überlieferung – noch immer die Ambivalenz des menschlichen Daseins verkörpert: ein Miteinander, das aber ohne wirkliche Kommunikation bleibt. Unter den vielen Lesarten und Deutungen, die dieses Bild im Laufe der Zeit erfahren hat, findet sich auch eine, die Veränderung denkbar macht: dass aus der Jagd eine Begegnung wird – und unsere Erwartungen sich als bloße Vorurteile herausstellen.
EVA SANGIORGI
DIREKTORIN
Impressum Inhalt


Geschichtsstunden für die Gegenwart
Explizit politisches Kino steht bei der heurigen Viennale hoch im Kurs 5 „Der Film ist zu Ende, aber blickt weiter“
Christian Petzolds „Miroirs No.3“ eröffnet die Viennale: Ein Gespräch mit dem Regisseur und eine Kritik seines Films 6 Tragikomödie der Rückfälle
Rebecca Zlotowski legt in „Vie privée“ eine Analytikerin auf die Couch 9 „Heast?“ sta „Heist!“
Kelly Reichardts somnolentes Anti-Heist-Movie „The Mastermind“ 10 Spiel mit Wiederholung und Variation
Jim Jarmuschs gewitzte Familienaufstellung „Father Mother Sister Brother“ 11 Papa, Can You Hear Me?
Die Spielfilmdebüts der Schauspielerinnen Alissa Jung und Kristen Stewart behandeln schwierige familiäre Verhältnisse 12 Fremdherr im Land, gebannt von den Lippen des Anderen François Ozons „Der Fremde“ 13 Echte Traurigkeit und falscher Trost Sho Miyakes Drama „Two Seasons, Two Strangers“ 13 „Filme, die allen gefallen wollen, regen mich auf“
US-Regielegende Richard Linklater im Gespräch über „Blue Moon“, die Liebe zum Kino und die Nouvelle Vague 14 Timetable Alle Filme auf einen Blick: Der Falter-Plan zur Viennale ’25 16 Nichts ist für die Ewigkeit
Die Viennale widmet Digna Sinke und ihrem vielstimmigen Kino eine Monografie 19 Bonjour Cinéma
Sehen, fühlen, begreifen: Das restaurierte filmische Werk des Dichters und Theoretikers Jean Epstein in Retrospektive 20 Poesie des Politischen
In ihren Dokumentarfilmen verbinden D’Anolfi & Parenti kontemplative Beobachtung mit visueller Poetik 22 Lexikon Kurzbeschreibungen aller Filme der Viennale ’25 und Empfehlungen der Redaktion 24
Ticketinformationen
Ticketverkauf
ab 11.
Oktober 2025, 10 Uhr
TICKETVERKAUF
Tickets können an den Viennale Kassen, online oder per Telefon gekauft werden:
VORVERKAUFSSTELLE GARTENBAUKINO
11. bis 15. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr 16. Oktober, 10 bis 16 Uhr
(Barzahlung, Bankomat oder Kreditkarte) Bei großem Andrang werden am 11. Oktober Wartenummern ausgegeben.
TICKETS ONLINE – VIENNALE.AT 11. bis 28. Oktober
(Bezahlung per Online-Banking, PayPal, Kreditkarte) Zum Normalpreis online gekaufte Tickets können als Print-at-home-Tickets ausgedruckt oder am Display Ihres Smartphones beim Einlass in den Kinosaal vorgewiesen werden.
Ermäßigte Tickets können online gekauft werden, müssen jedoch an der Vorverkaufsstelle Gartenbaukino oder in den Festivalkinos gegen Vorweis des Ermäßigungsnachweises abgeholt werden.
TICKETS PER TELEFON
11. bis 28. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr 01/526 594 769
(Bezahlung nur per Kreditkarte)
Telefonisch gekaufte Tickets können an der Vorverkaufsstelle Gartenbaukino oder in den Festivalkinos abgeholt werden.
ABHOLUNG VON ONLINE ODER TELEFONISCH GEKAUFTEN TICKETS
Ab 30 Minuten vor Beginn einer Vorstellung sind ausschließlich Tickets für diese Vorstellung erhältlich.
TICKETVERKAUF IN DEN FESTIVALKINOS
16. bis 28. Oktober
Geö net ab einer Stunde vor Beginn der ersten bis zum Beginn der letzten Vorstellung
Gartenbaukino
Stadtkino im Künstlerhaus
Urania
Österreichisches Filmmuseum
Metro Kinokulturhaus (Barzahlung, Bankomat oder Kreditkarte)
Ab 30 Minuten vor Beginn einer Vorstellung sind ausschließlich Tickets für diese Vorstellung erhältlich.
TICKETVERKAUF FÜR DIE RETROSPEKTIVE
Ab 11. Oktober sind Tickets für die während der Viennale gezeigten Filme (17. bis 28. Oktober) an allen Viennale Kassen sowie online und telefonisch erhältlich. Es gelten die Preise der Viennale. Für Mitglieder des Filmmuseums gelten die Preise des Filmmuseums (nicht bei Onlinekauf).
RESTTICKETS
BEI AUSVERKAUFTEN FILMEN
30 Minuten vor Vorstellungsbeginn werden Wartenummern für Resttickets ausgegeben.
ZUGEWIESENE SITZPLÄTZE
Für alle Vorstellungen werden ausschließlich zugewiesene Sitzplätze vergeben.
TICKETS VERLIEREN MIT VORSTELLUNGSBEGINN IHRE GÜLTIGKEIT
TICKETPREISE
Einzelticket
Ab 10 Tickets
Ab 20 Tickets
Young Audience Screening
ERMÄSSIGUNGEN
€ 10,50
€ 10pro Ticket
€ 9,30 pro Ticket
€ 6 pro Ticket
erhältlich mit entsprechendem Nachweis
Einzelticket
€ 10
Ab 10 Tickets € 9,50 pro Ticket
Ab 20 Tickets
€ 8,80 pro Ticket
VERMEHRT SCHÖNES! TICKET € 7,50
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Student:innen, Schüler:innen, Lehrlinge, Präsenz-
und Zivildiener unter 27 Jahren sowie Pensionist:innen – gegen Vorweis des entsprechenden Ausweises – für alle Vorführungen vor 17.30 Uhr ermäßigte Tickets um € 7,50 (ab einer Stunde vor Vorstellungsbeginn an der jeweiligen Kinokassa). Sollten für eine Vorstellung nur noch Resttickets vorhanden sein, sind diese ebenfalls zum ermäßigten Preis erhältlich.
VIENNALE MERCHANDISING
Publikationen und Artikel des Festivals sind an der Vorverkaufsstelle Gartenbaukino, in den Kinos sowie online erhältlich:
Festivalkatalog € 10
Textur #8 – Lucrecia Martel € 12
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Geschichtsstunden für die Gegenwart
Ob Stalinismus oder Militarismus, Justizskandal oder Geiseldrama: Politisches Kino steht bei der heurigen Viennale hoch im Kurs
VORSPANN:
MICHAEL OMASTA
Schier
endlose Mauern, ächzende Eisentore, misstrauische Blicke: Es ist eine kalte, ka aeske Welt, die der in Berlin lebende Filmemacher Sergei Loznitsa in seinem Historiendrama „Two Prosecutors“ lebendig werden lässt. Auf dem Höhepunkt der „Großen Säuberung“ in den 1930ern stößt ein junger Staatsanwalt auf einen Kassiber eines unschuldig Inha ierten. Er nimmt sich der Sache an, verbringt Tage damit, auf Einlass ins Gefängnis oder eine Audienz beim Generalstaatsanwalt zu warten, und bringt sich dabei im Vertrauen auf das Recht selbst in höchste Gefahr.
Idealismus ist ein tödlicher Fehler in terroristischen Systemen. Georgi Demidow, der 1938 zu 14 Jahren Gulag verdammte Autor der literarischen Vorlage, prangerte in seinem Roman den Stalinismus an, doch Loznitsas so bedrückender, toller Film hat natürlich auch Gültigkeit für heute.
Einen historischen Bogen vom Dinosaurier bis zur Kernspaltung spannt US-Filmer James Benning. „Little Boy“, benannt nach der Atombombe auf Hiroshima, zeigt Hände, die an Plastik-Modellbausätzen basteln. Dazu sind abwechselnd Songs (von Pete Seeger, Ricky Nelson, Martha & the Vandellas) zu hören und Ansprachen von Bürgerrechtlern und Politikern. Den Anfang macht Präsident Eisenhowers hellsichtige Abschiedsrede, in der er 1961 das Wort vom „militärisch-industriellen Komplex“ prägte und vor dessen unberechtigtem Einfluss warnte: Denn „das Potenzial für den katastrophalen Aufstieg fehlgeleiteter Krä e ist vorhanden und wird weiter bestehen. Wir dürfen nie zulassen, dass die Macht dieser Kombination unsere Freiheiten oder unsere demokratischen Prozesse gefährdet.“
„Vergi ’ hat’s eam“, ist der Stammtisch überzeugt. Die Rede ist von Maria Zechmeister, die 1948 keine Freude mehr mit ihrem aus dem Krieg heimgekehrten Gatten gehabt haben soll. Nach dessen Tod machten entsprechende Gerüchte die Runde und die Witwe wurde bar jeder belastbaren Beweise zu lebenslangem Kerker verurteilt.
Der Justizskandal aus dem Innviertel hat Angela Summereder 1981 zu ihrem grandiosen Regiedebüt „Zechmeister“ inspiriert, einer san abstrahierenden, polyphonen Arbeit, die einen ganz eigenständigen Weg zwischen Protokoll und Groteske einschlägt. Der österreichischen Filmemacherin, die später über Jean-Marie Straub und Danièle Huillet dissertiert hat, widmet das Filmarchiv Austria eine Retrospektive; ihre gewitzte neue Arbeit, „B wie Bartleby“, hat Premiere im Hauptprogramm.
Chaya und Yehuda Beinin hoffen auf die Heimkehr ihrer Tochter Liat und ihres Schwiegersohns Aviv, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppt wurden. Brandon Kramer, ein Verwandter aus Amerika, schildert in „Holding Liat“ den monatelangen Kampf der Familie um das Leben der beiden, inklusive einer zweifelha en Goodwill-Tour nach Washington.
Die Geiseln, ist Yehuda, ein vehementer Kritiker der Regierung Netanjahu, überzeugt, stehen nicht auf deren Agenda. Nicht die Politik, allein die Betroffenen haben ein Einsehen. Ein hochbrisanter Film. F

Für diese Familie ist das Geiseldrama einmal zu Ende:

Gerichtsbarkeit auf matschigem Boden: Ankläger, Schöffen und Richter in „Zechmeister“ vollführen einen grotesken Tanz


Christian Petzold gehört zu Deutschlands prominentesten Autorenfilmern. Der 65-jährige Regisseur und Drehbuchautor, der quasi als Paterfamilias der sogenannten Berliner Schule gilt, war mit Meisterwerken wie „Die innere Sicherheit“ (2000), „Barbara“ (2012) oder „Roter Himmel“ (2023) auch bei uns im Kino erfolgreich. Sein jüngstes Werk, das Familiendrama „Miroirs No. 3“, wurde beim Filmfestival in Cannes uraufgeführt und erlebt nun seine Österreich-Premiere.
Falter: Das deutsche Plakatmotiv zeigt eine seitliche Porträtaufnahme von Paula Beer ... Christian Petzold: Das französische aber eine Halbnahe über die Schulter von Barbara Auer auf Paula Beer, die im Auto sitzt –das wird jetzt meist als Bild zu den Filmbesprechungen verwendet. Auch die Trailer sind, soweit ich weiß, verschieden. Die fragen mich immer, was ich besser finde – darauf darf ich keine Antwort geben. Das ist wie bei Billy Wilder, der in einem Interview mal gesagt hatte, dass Barbara Stanwyck seine Lieblingsschauspielerin sei. Als er ein Drehbuch an Joan Crawford schickte, kam das ungelesen zurück mit dem Vermerk „Schick es doch an Deine Lieblingsschauspielerin!“.
„Der
Film ist zu Ende, aber blickt
weiter“
Die Viennale eröffnet mit dem neuen Film ihres neuen
Präsidenten: Christian Petzold im Gespräch über „Miroirs No. 3“, seine Liebe zum Western und warum Terrassen in Deutschland nach hintenraus gehen
INTERVIEW: FRANK ARNOLD
Miroirs No. 3
Gartenbaukino: Do, 16.10., 19.00 (OmenglU)
Stadtkino im Künstlerhaus: Do, 16.10., 20.30 + Sa, 18.10., 15.30 (OmenglU)
Metro Kinokulturhaus + Urania: Do, 16.10., 21.00 (OmenglU)
Kinostart in Österreich am 7.11.
Ich habe deshalb gefragt, weil für mich Barbara Auer das Zentrum des Films ist. Hat es da während der Arbeit am Film vielleicht Verschiebungen gegeben?
Petzold: Den ersten Drehtag habe ich weggeworfen. An dem hatten wir noch ein paar Sachen gedreht mit Laura (Paula Beer) in der Universität der Künste, wie sie mit Studenten spricht. Das habe ich alles herausgeschnitten – das mache ich meistens so, dass der erste Drehtag wegfällt, weil der nur dazu da ist, reinzukommen. Ich hatte dann gesagt, die Identität der Figur, die Paula Beer spielt, interessiert mich überhaupt nicht. Genauso wenig möchte ich wissen, was Alice im Wunderland gemacht hat, bevor sie in das Kaninchenloch fällt. Das ist im Grund genommen wie in einem Entwicklungsroman: Erst dadurch, was du erlebst, bekommt man mit, wer du bist –das wird nicht vorher festgelegt. Die Figur der Barbara Auer ist im Grunde genommen ja die, die die Geschichte zusammenhält. Sie nimmt jemanden auf, sie bestimmt wie eine Hexe, wer bei ihr ins Haus kommt, sie erklärt jemandem, der im Grunde genommen nur einen Vornamen hat und keine Geschichte, die Welt, sie bringt sie erst zur Welt, der Unfall ist wie eine Geburt, sie trägt sie ins Bett, sie bettet sie, sie ver-

köstigt sie, sie öffnet ihr die Sinne, sie bekommt ihr erstes Fahrrad, es ist im Grunde genommen wie eine Mutter-Projektion, ein Mutter-Projekt – die Mutter sitzt im Zentrum wie bei „Alien“, deshalb ist natürlich Barbara Auer das Zentrum der Geschichte.
Haben Sie für jede Szene überlegt, welche Perspektive wichtig ist? Bei der Szene, wo Laura die Königsberger Klopse zubereitet, sieht man sie ja nicht. Das ist – auch wegen des Suspense – aus der Perspektive der beiden Männer gedreht, die annehmen müssen, Betty habe wegen der Absetzung ihrer Medikamente einen Schub von Wahn, worauf der vierte Teller auf dem Tisch hindeutet. In dieser Szene geht es nicht um Laura, sondern um die drei Familienmitglieder. Sind Sie das Drehbuch darau in systematisch durchgegangen?
Petzold: Nicht das Drehbuch, sondern die Konstruktion. Ein Drehtag sieht bei mir so aus, dass ich morgens mit den Schauspielern das Tagwerk probe, dann kommen die Mitglieder der Crew dazu und sehen sich die Probe einmal an, danach verschwinden die Schauspieler in die Maske und ich bespreche dann im Grunde genommen mit dem Team, hauptsächlich mit Kamera und Ton, wo die Kamera steht. Das ist nun
eine philosophisch-moralische Arbeit, keine technische: Wer guckt hier? Worauf wird geschaut? Das sind die entscheidenden Fragen. Mir war die ganze Zeit über klar, dass es hier kein Subjekt gibt, das diese Welt sieht, sondern wir sehen eine Gruppe. Ich habe das Musikstück von Ravel, „Miroirs No. 3“, ja ausgewählt wegen des Untertitels „Ein kleines Boot auf hoher See“. Dieses Boot hat einen Schi ruch erlitten, jetzt treiben die Überlebenden und die Trümmerteile dieses Schiffes auf der Wasseroberfläche herum. Diese Überlebenden versuchen, aus den Trümmerteilen ein Rettungsfloß zu bauen, das sie trägt und überleben lässt. Das ist unsere Metapher und wir schauen dem Bau eines Rettungsfloßes zu, dem Bau einer Gruppe, die sich ja organisieren muss. Also haben wir nicht eine Perspektive, auch keine gottgleiche Perspektive, sondern eine neugierige, Anteil nehmende Perspektive. Die ist manchmal so, dass wir Paula Beer betrachten, manchmal betrachten wir Barbara Auer, manchmal betrachten wir den Vater, manchmal den Sohn, das sind die Protagonisten des Überlebens. In jeder Szene gibt es eine Neugier, eine Perspektive, der wir folgen.
Sie arbeiten mit realen Schauplätzen, aber verändern sie. Das Haus, der zentrale Schauplatz, existiert so, aber innen haben Sie viel umgebaut?
Petzold: Ja, das Haus existiert. Wenn man jetzt da hinfährt, sieht man noch den Baum – das Haus ist kaum noch wiederzuerkennen, wir haben das Haus verschönert, denn jedes Haus, in dem eine Familie gelebt hat, eine Familie, die es erworben und renoviert hat, in dem sie viele Jahre verbracht hat, ist im Grunde genommen ein realisierter Traum, und die Reste, die Ruinen dieses Traums müssen wir erkennen. Also wir haben zum Beispiel die Veranda, die porch, nach vorne verlegt. In Deutschland gibt es das gar nicht, die Deutschen bauen ihre Terrassen nach hinten, weil sie glauben, je abgewandter sie von der Welt sind, desto freier werden sie. Da können wir machen, was wir wollen. Das hat bestimmt etwas mit dem Faschismus zu tun. Als ich 1995 Assistent von Hartmut Bitomsky war, hat der einen Film über den Architekten Hans Scharoun gedreht. Der hatte während des Nationalsozialismus kaum Au räge bekommen und ist im Grunde genommen in eine innere Emigration gegangen. Bei den Privathäusern, die er damals gebaut hat, hat er alles nach innen gebaut, alles nach hinten, um im Grunde genommen noch einen Rest Freiheit vor dem nationalsozialistischen Blick zu bewahren. Die Amerikaner bauen dagegen alles nach vorne: In „Gran Torino“ sitzt Clint Eastwood immer auf seiner Veranda und schaut dem Treiben in der Nachbarscha zu. Das ist dieses Zur-Straße-hinLeben, denn auf der Straße spielt sich das soziale Leben ab, du kannst Kontakt mit der Welt aufnehmen. Unsere Familie in meinem Film hat zur Straße hin gebaut –die anderen, die wir ab und zu als Passanten sehen, mögen das nicht. Diese Familie wollte anders sein, deshalb sind die anderen jetzt froh, dass dieser Familie etwas zugestoßen ist, nämlich, dass sie ein Kind verloren hat, deshalb gehen sie so triumphierend vorbei, „das habt ihr nun davon“. Das Sozialpolitische spürt man schon in dem Film, ohne dass darüber gesprochen wird.
War das ein bewohntes Haus? Musstet ihr die Veranda hinterher wieder abreißen?

Das deutsche Plakat zum Film vertraut ganz auf Paula Beer
Im Mikrokosmos der Kleinfamilie: „Miroirs No. 3“ von Christian Petzold
Bei einem Ausflug in die Provinz nahe Berlin erleidet Klavierstudentin Laura (Paula Beer) einen Autounfall. Ihr Freund kommt dabei ums Leben. Laura hingegen zieht bei einer Familie ein, die unweit des Unfallorts wohnt. Mutter Betty (Barbara Auer) und Vater Richard (Matthias Brandt), der zusammen mit Sohn Max (Enno Trebs) eine Kfz-Werkstatt betreibt, haben ihrerseits einen schweren Verlust erlitten. Deshalb findet Lauras Aufnahme nicht ganz uneigennützig statt. Und schnell wird klar, dass das neue Familienglück, das mit der jungen Frau in das Brandenburger Landhaus eingekehrt ist, nicht von Dauer sein kann.

Christian Petzold, geb. 1960 in Hilden, NRW. Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, Regieassistent bei Harun Farocki und Hartmut Bitomsky. 1994 erster Fernsehfilm („Pilotinnen“), 2000 erste Kinoarbeit („Die innere Sicherheit“). Zahlreiche wichtige Auszeichnungen, zuletzt 2023 bei der Berlinale (Großer Preis der Jury für „Roter Himmel“)
Das Motiv der Gespenster durchzieht das Werk von Christian Petzold. Und auch sein neuer Film „Miroirs No. 3“ hat Züge einer Geistergeschichte. Am Anfang sieht man Laura an einem Fluss in Berlin, derangiert gekleidet und reichlich niedergeschlagen, als auf einmal eine schwarz vermummte Figur in einem Stand-up-Paddelboot an ihr vorbeifährt. Offenbar eine moderne Freizeitkulturvariante des den Hades beliefernden Fährmanns Charon.
Diese Einstellung gibt ziemlich genau den Ton des Films vor. Während bei Petzolds grandiosem Vorgängerwerk „Roter Himmel“ ein sardonischer Humor alle Betrachtungen über Tod, Vergehen und Klimakrise kontrapunktisch begleitete, wird es in „Miroirs No. 3“ von Anfang an ziemlich weihevoll. So auch, wenn Barbara Auer am Straßenrand steht und dem roten Sportwagen, in dem Laura und ihr gefühlskalter Freund dahinbrausen, erstarrt hinterhersieht. Ihr Spiel ist dabei so überhöht, dass sie einen fast an die Frauen der getöteten Partisanen erinnert, die sich in Wolfgang Staudtes „Herrenpartie“ mit den in Jugoslawien urlaubenden, schmerbäuchigen Ex-Wehrmachtssoldaten konfrontiert sehen.
Albert Meisl ist Filmemacher in Wien, dazu als Autor, Regieassistent und Schauspieler tätig
Spätestens als Lauras Reaktionen auf den Unfalltod ihres Freundes völlig distanziert, nahezu desinteressiert ausfallen, wird auch dem Letzten klar, dass hier nicht in herkömmlichem Realismus erzählt wird. Leider entfaltet sich daraus im Gegensatz zu Petzolds Geistergeschichte „Yella“, in der eine untote Nina Hoss durch ein dem entfesselten Neoliberalismus anheimgefallenes Deutschland wandelt, keine höhere, gar politische Ebene. Die Handlung verharrt im Mikrokosmos der Kleinfamilie. Heilung der Wunden kommt durch das gemeinsame Mittagessen mit Königsberger Klopsen. Die Dysfunktionalität der neuen Familienaufstellung wird – durchaus eigenwillig –mittels eines defekten, zu explodieren drohenden Geschirrspülers symbolisiert. Doch Petzold wäre nicht Petzold, wenn er nicht auch dieser mitunter recht sperrigen und zugleich vorhersehbaren Erzählung immer wieder stilistische und visuelle Kra verleihen würde. Kameramann Hans Fromm hat daran einen gewichtigen Anteil, wenn er die Ödnis der brandenburgischen Provinz in ein unglaublich plastisches, mitunter berückend schönes Licht rückt. In der Gesamtschau des überreichen Œuvres von Christian Petzold jedoch wird das ErzählExperiment „Miroirs No. 3“ nicht mehr als eine Randnotiz bleiben.
ALBERT MEISL

Fortsetzung von Seite 7
Petzold: Ja, leider. Wir mussten auch die französischen Fensterläden, die wir draußen drangemacht hatten, wieder abnehmen. Das Haus ist ja viel kleiner, wir mussten einen Anbau machen. Für das Klavierzimmer hinten brauchte ich eine Hauptachse. Ich finde, man sollte im Kino ein bisschen Räume bauen. Es geht nicht ums Theater, es geht um Perspektiven und Achsen. Wenn man sich „Le Mépris“ anschaut, was Godard da mit dieser Wohnung macht, wo Piccoli und Bardot durchgehen, dann merkt man, da hat sich jemand Gedanken gemacht, dass Gefühle auch einen Raum brauchen, eine Choreografie und nicht nur ein Gesicht oder einen Satz. Ich wollte hier eine Achse haben, vor dem Haus ist die Veranda, der Baum und die Wiese, dann die Eingangstür. Links ist die Küche, rechts geht die Treppe hoch, geradeaus geht es weiter in das Esszimmer, dann zum Klavier. Und wenn man da durchgeht, sieht man auf der rechten Seite noch die kleine Bibliothek der Grundschullehrerin Barbara Auer und das Sofa, wo sie jetzt seit Jahren in ihrer Depression schlä . Ich habe immer gedacht, Leute, die eine kaputte Ehe haben, die eine Krise haben, die legen sich nicht wieder in das elterliche Schlafzimmer, die bleiben unten auf der Couch. Die Amerikaner können so etwas echt gut erzählen. In „Manchester by the Sea“ ist die Mutter Alkoholikerin geworden, vom Fischfang kommt jemand nach Hause und man sieht sie auf der Couch liegen, da begrei man gleich, hier ist etwas nicht in Ordnung. Das machen die Amerikaner mit einem einzigen Bild, das finde ich immer ganz toll, da wird kein Satz darüber verloren. So, dachte ich mir, schlä hier Barbara Auer in dem Zimmer, während da oben, wo die Welt noch in Ordnung war, wo es Kinderzimmer und Schlafzimmer und Bad gibt, diese Welt komplett zerstört ist, die gibt es nicht mehr.
Die Reduzierung der Orte war in „Roter Sommer“ ja fast noch stärker ...
Petzold: Die Reduzierung der Orte hängt mit meiner Liebe zum Western zusammen. Je älter ich werde, desto mehr Western sehe ich wieder an. Wie die Amerikaner es geschafft haben – eine Straße, ein Saloon, ein Sheri üro. Ich habe noch mal die HawksSachen angeschaut, diese Geschichte, die er dreimal gemacht hat, „Rio Bravo“, „El Do-
In fast allen Filmen von Petzold sieht man Menschen auf Fahrrädern (hier: Barbara Auer und Paula Beer), sie sind irgendwie Kino
Ich habe immer gedacht, Leute, die eine kaputte Ehe haben, die bleiben unten auf der Couch. Die Amerikaner können so etwas echt gut erzählen
CHRISTIAN PETZOLD
rado“ und „Rio Lobo“: wie einfach das ist und wie komplex dadurch. Ich hatte damals dem Team gesagt: „Dieser Film wird so einfach, weil er so kompliziert ist.“ Wir brauchen einen Baum, einen Zaun, eine Straße, ein Klavier, um zu erzählen, was da wirklich los ist. Wenn ich da noch an 16 Orten gedreht hätte, hätte keiner begriffen, was da eigentlich im Untergrund noch an Dynamiken lief.
Gehörte zu den Filmen, die Sie vorher dem Team und den Darstellern gezeigt haben, denn auch ein Western?
Petzold: Nein – hätte ich machen sollen. Dadurch, dass ich bei diesem Film die ganze Zeit das Gefühl hatte, das Ende, das ich geschrieben hatte, ist nicht richtig, das aber nicht zugeben wollte, war ich ein bisschen abgelenkt in meiner kuratierenden Arbeit. Gezeigt habe ich Nanni Morettis „Das Zimmer meines Sohnes“ und Hitchcocks „Rebecca“, denn das Ankommen in so einem Haus, in dem eine abwesende Tote vorhanden ist, fand ich gut, hauptsächlich aber für Barbara Auer: Bei der Haushälterin in Hitchcocks „Rebecca“ siehst du nie, wie sie kommt – die ist immer da. Das fand Barbara ganz toll, etwa, wenn Paula am ersten Morgen durch das Haus geht oder am zweiten Morgen das Klavier anschlägt und plötzlich Barbara Auer dasteht – man hat nicht gehört, wie sie kommt –, das fand ich so „Rebecca“-like.
Diese ursprüngliche Schlussszene haben Sie komplett gedreht und erst im Nachhinein verworfen?
Klingt eher gruselig ...
Petzold: Ja, und zweitens klingt es so, als ob all das, um das es bisher in diesem Film gegangen ist, dass die Familie wieder zusammenkommt als vernarbte Familie, aber sie kommt zusammen, und dass die Paula Beer ihr eigenes Leben lebt, ohne Familie, und unabhängig wird und ein Mensch wird – all das wegen eines einzigen Satzes im Drehbuch, den ich toll fand, habe ich das über Bord geschmissen. Im Grunde genommen habe ich dadurch dem ganzen Film den Stecker gezogen, denn das bedeutet eigentlich, dein einziges Glück ist, auch wenn du nicht die Tochter bist, bleib dein Leben lang Tochter! Wer unabhängig werden will, bringt sich um, oder du gehst unter – zuhause ist es am schönsten, brutal gesagt. Das wurde mir klar, und Bettina Böhler, die Editorin, hatte das auch unmissverständlich klar gemacht und wir haben dann überlegt, wie wir aus dem Material, das wir haben, ein neues Ende machen können. Wir haben auch Möglichkeiten gefunden, die aber alle ein bisschen unbefriedigend waren. Dann hat Bettina irgendwann mal im November die Anfangsszene, wo Paula in das Apartment kommt, einfach hinten drangehängt. Manchmal muss man einfach etwas Blödsinniges machen, damit der Kopf frei wird. Erst dachte ich: Was soll das denn? Und dann öffnete sich für uns der Gedanke, dass wir das noch mal nachdrehen, dass wir damit im Grunde genommen eine Spiegelung machen. Da wurde mir plötzlich der Titel „Miroirs“ klar. Wir haben eine Anfangsszene, in der sie in das Apartment kommt, wo sie beschädigt ist, aber man weiß gar nicht warum – und man hat sie am Ende, wo sie ein Mensch ist, ein unabhängiger, denkender, schöner Mensch. Diese beiden Szenen spiegeln sich, weil sie identische Einstellungsgrößen haben, und zwischen diesen Spiegelungen liegt diese Geschichte. Das haben wir Ende Januar gedreht, Paula sah anders aus, vollkommen anders, und das war schön. Puh, das ist noch mal knapp an mir vorbeigegangen, habe ich gedacht. Da habe ich mich bei meinem 19. Film wie ein Filmstudent verhalten: „Nein, das habe ich so geschrieben – das bleibt so!“
War das eine vollkommen neue Erfahrung oder ist Ihnen das schon mal bei einem früheren Film passiert?
Frank Arnold ist Filmkritiker und (Mit-)Autor/Herausgeber mehrerer Filmbücher, schreibt für die Zeitschri epd-Film, DVD-Veröffentlichungen u.a. Lebt in Berlin
Petzold: Ja, obwohl alle vier Schauspieler versucht hatten, mir das auszureden. Paula Beer und Enno Trebs haben mich schon ein halbes Jahr vorher bei mir zu Hause aufgesucht und meinten, sie hätten noch ein paar Fragen: Ist das richtig, dass sie am Ende zurückkommt zu der Familie? Da wurde ich richtig trotzig. Das war eines der besten Enden, das ich je geschrieben hatte, denn ich fand den Satz so schön: „Sie öffnet das Gartentor und betritt den Raum der Familie.“ Ein Satz ist aber kein Bild. Als wir es dann gedreht haben, und Paula Beer kommt die Straße entlang und öffnet das Gartentor, nachdem sie ihr Vorspiel absolviert hat, die Familie erhebt sich und schaut sie an und erwartet sie ...
Petzold: Nein, das war eine neue Erfahrung. Die schönen Enden, die Möglichkeit, dass die Enden eine Setzung sind und gleichzeitig eine Tür aufmachen, das kommt vom Kino her. Für mich ist das immer das größte Glück, wenn der Abspann kommt. Das Licht geht an und man kommt raus – man war die ganze Zeit über in einem imaginären Raum, in einem Wunschraum, und geht jetzt in den realen Raum. Der Übergang ist so schön und ich dachte immer, ich muss im Kino das auch so machen: Der Film ist zu Ende, aber blickt weiter. Die letzten Blicke, ab jetzt gehört der Film den Figuren auf der Leinwand: Denken Sie nur an die Kreisblende am Ende von Chaplins „Modern Times“. Man hat das Gefühl, jetzt gehört der Film ihnen, wir sind jetzt mit uns beschä igt. So müssen Filme enden. Dieser Blödsinn, den ich da gemacht habe mit dem Gartentor, der hat das genommen. Ich habe den Figuren ihre eigene Entwicklung genommen. Ich finde, Figuren müssen weitermachen. Auch John Wayne in „The Searchers“, der Rassist, der irgendetwas gelernt hat, ist am Ende, wenn er wegreitet, viel komplexer und deswegen gehört er sich selber. F
Tragikomödie der Rückfälle
Rebecca Zlotowski legt in „Vie privée“ eine Analytikerin auf
BEFUND: GERHARD MIDDING
D
as dür e die schlimmste Kränkung in Lilian Steiners Berufsleben sein. Was der Psychiaterin in zehn Jahren Behandlung nicht gelang, schafft eine Hypnotiseurin in einer einzigen Sitzung: Der Patient hat die Lust aufs Rauchen endgültig verloren. Wie tief der Stachel sitzt, lässt sich Lilian (Jodie Foster spielt sie mit nachgiebiger Strenge) vorerst nicht anmerken.
Eingangs ist sie noch eine Bastion der Rationalität, was sich im Verlauf von „Vie privée“ jedoch gründlich ändern wird. Wobei sich zwar auch die Kränkung relativiert, denn Rebecca Zlotowski hat eine Tragikomödie der Rückfälle inszeniert.
Doch stehen der Amerikanerin, die akzentfrei in Paris praktiziert, noch weitere Prüfungen bevor. Eine Patientin hat Selbstmord begangen, wofür sie der trauernde Witwer (Mathieu Amalric) verantwortlich macht, während deren Tochter verzweifelt nach Erklärungen sucht. Lilians eigenes Privatleben wiederum ist ein Scherbenhaufen, nachdem ihr Mann Gabriel (Daniel Auteuil) sich von ihr getrennt hat – oder war es doch umgekehrt?
die Couch

Von ihrem Sohn Julien (Vincent Lacoste), der gerade Vater geworden ist, hat sie sich kühl entfremdet. Als Lilian entdeckt, dass auf dem von ihr ausgestellten Rezept nachträglich die Medikamentendosis erhöht wurde, drängt sich der Verdacht auf, ihre Patientin sei in Wirklichkeit einem Mord zum Opfer gefallen. Sogleich verwandeln sich die geschiedenen Eheleute
in Amateurdetektive, die reichlich falschen Spuren folgen. (Das auch erotische Wiederaufflammen gefällt nicht nur Gabriel ungemein.) Nimmt es in dieser Gemengelage wunder, wenn Lilian nun auch selbst die famose Hypnotiseurin konsultiert?
Zlotowski spießt nicht nur die Untiefen ihres Metiers mit lässlicher Ironie auf. Das Drehbuch, das sie ge-
meinsam mit Anne Berest und Gaelle Macé ausgefeilt hat, ist eine muntere Einladung ans Publikum, seinerseits das Analysebesteck zu zücken. Die Handlung steckt voller psychosomatischer Symptome (ein Klassiker: „Ich weine nicht, das sind nur meine Augen.“), Spiegelungen, Störungen, Übertragungen und semantischer Irrwege.
Das dicht gewobene Milieu des jüdischen Bürgertums in Paris schließlich erhält jäh eine verstörende historische Dimension, denn die Hypnose führt Lilian stracks in die Zeit der deutschen Besatzung zurück. Der Traum hat es wirklich in sich, nicht zuletzt, weil ihr Sohn Julien in der Uniform der Waffen-SS au ritt.
Der deuterische Elan vermählt sich hierbei immer stärker mit dem komödiantischen. Der Weg zur Katharsis steckt voller Stolperfallen. Aber Zlotowski ist eine so sorgfältige Porträtistin ihrer Charaktere, dass in ihrem Kino auch Magie und das Phantastische stolzes Heimrecht haben. F
Vie privée Gartenbaukino: Di, 21.10., 14.30 (OmU) Stadtkino im Künstlerhaus: Fr, 24.10., 23 Uhr (OmU)


„Heast?“ statt „Heist!“ – „The Mastermind“ von Kelly Reichardt
Das schmerzha -komische Ende der Illusionen ist Gegenstand des somnolenten Anti-Heist-Movies der amerikanischen Regisseurin
FILMKRITIK: SABINA ZEITHAMMER
Leise grei er in die Vitrine und entwendet eine der bemalten Holzfiguren. Ein anderes Mal lässt er seinen Schlüsselbund fallen, doch der Wachmann in der Ecke setzt seinen Arbeitsschlaf ungestört fort.
1970 im kleinstädtischen Massachusetts: In wollige Stoffe gekleidete Menschen bewegen sich durch eine Welt gedämp er Herbstfarben. James Blaine Mooney, kurz J.B. genannt, ist Ehemann, Vater, arbeitsloser Tischler und Richtersohn – und fasziniert vom Framingham Museum of Art. Insbesondere von dessen schlechter Bewachung, denn der nach außen hin ambitionslose Mittdreißiger hat einen Plan: Er will vier abstrakte Gemälde des Künstlers Arthur Dove klauen und – wie genau, erfährt man nicht – zu Geld machen.
Windige Kumpane sind bald gefunden, Strump osen als Gesichtsverhüllung besorgt. Mit einigen Pannen geht der Kunstraub über die Bühne, und dann geht es für J.B. nur noch bergab. Denn an die Konsequenzen seiner Handlungen hat der Amateurgauner offenbar nicht gedacht.
Mit ihrem Heist-Movie „The Mastermind“ taucht Drehbuchautorin und Regisseurin Kelly Reichardt, kongenial unterstützt von Kameramann Christopher Blauvelt, genüsslich in die 1970er ein: Backsteingebäude, breite Autos in Blau, Grün und Cremetönen, der ruhige Alltag in bürgerlichen Wohnungen mit ihrer düsteren Coziness, später, als J.B. auf der Flucht ist, trostlose Hotels und winterliche Landstriche. Dazu erklingt, ganz dem Gangsterfilm entsprechend, ein launiger Jazz-Sound-
Gräuel dringen in deine Welt ein. Es lastet auf uns allen. Wir leben mit einer kollektiven Trauer
KELLY
REICHARDT
track. Ansonsten aber zeigt sich „The Mastermind“ sehr bald als Genre-Dekonstruktion, als Anti-Heist-Movie, dem sowohl die Spannung als auch der charmant-überlegene Held abgehen.
Die 1964 geborene Filmemacherin bleibt damit ihrem bisherigen Werk treu, das häufig von strudelnden, am gesellscha lichen Rand stehenden Figuren bevölkert ist, die mit Verlorenheit oder Planlosigkeit ringen. Seien es alte Kumpels, die sich nichts mehr zu sagen haben („Old Joy“, 2006), eine Obdachlose, die ihren geliebten Hund verliert („Wendy and Lucy“, 2008), leidgeprü e Siedlerinnen im Wilden Westen („Meek’s Cutoff“, 2010). Oder seien es Umweltaktivisten in einem Abwärtsstrudel („Night Moves“, 2013) oder kleinkriminelle Freunde an der gefährlichen Frontier („First Cow“, 2019). Und auch die Frauen im Episodenfilm „Certain Women“ (2016) haben mit Isolation und fehlender Anerkennung zu kämpfen.
Zuletzt erkundete Reichardt mit ihrem stets zurückhaltenden, von einer poetischen Ruhe getragenen Stil auch die Komödie – anhand einer im Chaos versinkenden Künstlerin („Showing Up“, 2022). Humorige Elemente behält sie in „The Mastermind“ bei, wenn J.B. zu Tollpatschigkeit neigt oder mit traurigem Hundeblick auf den Polizisten glotzt, der ausgerechnet dann neben ihm seine Mittagspause abhält, als er das Fluchtauto auf dem Museumsparkplatz hütet.
Gartenbaukino: Sa, 18.10., 13.00 (OmU)
Urania: Fr, 24.10., 17.30 (OmU)
Im Verlauf der Handlung verflüchtigt sich die Komik aber zusehends – und der in die Ecke gedrängte (arme) Tor J.B. wird einem dabei nicht sympathischer. Hier spielt Reichardt ihre Stärke aus, ihren Figuren eine gewisse Unergründlichkeit zu
verleihen, jedoch konkrete gesellscha liche und politische Themen mitschwingen zu lassen. Die Brutalität des Vietnamkriegs dringt in „The Mastermind“ im Hintergrund aus allen Radios und Fernsehern, junge Menschen demonstrieren für Frieden oder tauchen in Kommunen unter.
Welcher innere Zustand J.B.s Verhalten bedingt – dem man immer wieder ein urwienerisches „Heast, was is mit dir?“ zurufen möchte –, bleibt in der Schwebe. Ist es die Selbstüberschätzung eines Narzissten? Die (unbewusste) Flucht vor den Fesseln eines bürgerlichen Lebens? Die tröstende anarchistische Tat eines Depressiven? Die romantische Gangsterfantasie eines Träumers in einer kalten Gesellscha ?
In einem Interview deutet Reichardt eine Gegenwartsverbindung an. Auch heute würden die Menschen über die (sozialen) Medien ständig mit schrecklichen Nachrichten konfrontiert: „Diese Gräuel dringen in deine Welt ein, aber dann gehst du einfach weiter deinem Tag nach. Und doch lastet es auf uns allen. Wir alle leben mit einer kollektiven Trauer.“
Ihr neuer Film untersuche diese Idee anhand seiner Hauptfigur: J.B. halte an der Vorstellung fest, „dass man sich von dem, was um einen herum geschieht, abgrenzen kann“. Bis zuletzt dann doch die große Desillusionierung in ihrem als Heist-Movie getarnten Beziehungsdrama einsetzt.
Eines muss man für Reichardts Werke allerdings mitbringen: Sitzfleisch. Ihre an der Oberfläche handlungsarmen Filme mit einem manchmal allzu schläfrigen Tempo erfordern die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Vorher also das Lieblingskaffeehaus aufsuchen! F
Spiel mit Wiederholung und Variation
Jim Jarmusch erzählt
in „Father Mother Sister Brother“ drei Familiengeschichten – mit vielen Stars und einem Kniff
FAMILIENAUFSTELLUNG:
BARBARA SCHWEIZERHOF
J im Jarmusch hat das Erzählen in Episoden ganz zu seinem Stil gemacht. Sei es als äußeres Organisationsprinzip wie in „Night on Earth“ und „Coffee & Cigarettes“ oder in Form eines inneren Handlungsfadens wie in „Broken Flowers“ und „Paterson“. Sein Spiel mit Wiederholung und Variation ist geprägt von der Affinität zum Jazz, zum Rock, zur Ballade. In gewisser Weise sind Jarmuschs Filme Popsongs, die in die Sprache des Kinos übertragen wurden.
Im Fall von „Father Mother Sister Brother“, mit dem der 72-jährige Indie-Altmeister gerade seinen ersten Goldenen Löwen in Venedig gewinnen konnte, eignet dem Popsong eine starke Ähnlichkeit zu den späten Tom-Waits-Balladen, jenen düster-romantischen Miniaturen, die in rauem Timbre vorgetragen werden, aber zwischen makabrem Humor und augenzwinkernder Ironie changieren.
Da passt es natürlich, dass in der ersten der drei Kurzgeschichten, die Jarmusch in „Father Mother Sister Brother“ aufeinanderfolgen lässt, Tom Waits selbst mitspielt. Er verkörpert den alternden Vater zweier sehr erwachsen

und recht konservativ wirkender Kinder, die mit wunderbarem Minimalismus von Adam Driver und Mayim Bialik dargestellt werden. In einer Verkehrung des familiären Klischees, bei dem missratene Sprösslinge ihre Eltern hintergehen und ausbeuten, ist es hier der Papa, der sein DesignerSofa noch schnell unter einer häss-
lichen Wolldecke versteckt, um Sohn und Tochter vorzugaukeln, er sei ein armer, am Existenzminimum lebender Rentner, dem sie Geld zustecken müssen.
Auch die zweite Episode enthält einen Dreh auf die übliche Darstellung familiärer Entfremdung. Darin besuchen zwei Töchter (Cate Blan-
chett und Vicky Krieps) ihre strenge Mutter (Charlotte Rampling). Obwohl als polare Gegensätze angelegt, die eine überangepasst und ängstlich, die andere punkig und vorlaut, mutieren beide Töchter gleichermaßen beim Teetrinken mit Mama zu Kleinkindern. Was angesichts der großartigen Charlotte Rampling, deren Ausstrahlung die Unterwerfung geradezu herausfordert, kein Wunder ist.
Mit der dri en Episode aber wechselt der Film seine mokante Tonlage. Hier sieht man zwei Geschwister (Indya Moore und Luka Sabbat), die noch einmal die Wohnung der Eltern besuchen, die sie nach deren Tod ausgeräumt haben. In ihrem Austausch von Familienanekdoten, Erinnerungen und bislang uneingestandenen Gefühlen scheint eine Wärme auf, die den vorangegangenen Sequenzen fehlt – diese zugleich aber retrospektiv in melancholisches Licht taucht. Auch dysfunktionale Familienverhältnisse hinterlassen Verlustgefühle. F
Barbara Schweizerhof ist Filmkritikerin in Berlin und Redakteurin der Zeitschri epd-Film
Father Mother Sister Brother Gartenbaukino: Fr, 17.10., 15.30 (OmenglU) + So, 19.10., 21.30 (OmenglU)
Das PROBLEMBÄR -Shirt


Papa, Can You Hear Me?
Spielfilmdebüts zweier Schauspielerinnen: Kristen Stewart und Alissa Jung erzählen in „The Chronology of Water“ respektive „Paternal Leave“ von schwierigen Verhältnissen zwischen Vätern und Töchtern

EINFÜHLUNG: MARTIN NGUYEN
Die 15-jährige Leo (Juli Grabenhenrich) setzt sich heimlich in den Zug. Mitten in der Nacht bricht sie alleine von Deutschland an die norditalienische Küste auf. Leo, ohne Vater aufgewachsen, hat herausgefunden, wo ihr abwesender Erzeuger, der Surflehrer Paolo (Luca Marinelli), lebt.
Dieser haust in einem rostigen Wohnmobil neben der verrammelten Strandbar, wo die Teenagerin vor dem eisigen Wind zwischen den Sanddünen Zuflucht sucht. Nicht nur die Nebensaison, sondern auch die erste Begegnung der beiden ist unwirtlich. Paolo fühlt sich überrumpelt, Leo konfrontiert ihn mit unterdrückter Wut und vielen Fragen.
Das sensible Spielfilmdebüt „Paternal Leave“ der deutschen Schauspielerin und Medizinerin Alissa Jung setzt auf sehnsüchtige Blicke, unausgesprochene Wünsche, die von der mobilen Handkamera der Österreicherin Carolina Steinbrecher eingefangen werden. Leo beobachtet, wie Paolo seine kleine Tochter Emilia im Camper hinlegt, ihr vorliest und sie mit einem Schlaflied beruhigt –und plötzlich schweben all die schmerzlich vermissten Momente in der Lu .
In einnehmender Intensität verbindet die Schauspieldebütantin Grabenhenrich jugendlichen Starrsinn mit kindlichem Kummer und verleiht ihrer Figur eine berührende Anziehungskra . Überhaupt stimmt die wunderbare Chemie zwischen ihr und Ma-
rinelli, einem Star der italienischen Filmszene und Jungs Ehemann, der als unzuverlässiger Hallodri sein Bestes versucht. Auch wenn er mit seinem limitierten Empathievermögen rasch lautstark an seine Grenzen stößt. Schnell wird der unnachgiebigen Leo klar, auch für Emilia ist er nur ein Wochenendpapa.
Es ist ein Tanz der Annäherung und Abstoßung, der Versuch, eine fragile Beziehung aufzubauen, die aber von tiefsitzenden Verletzungen unterspült wird. Der feige Paolo verheimlicht die wahre Identität Leos vor seinen Freunden und vor Emilias Mutter, um die in die Brüche gegangene Beziehung zu retten. Verantwortung ist ein flüchtiges Gut, schuld sind immer die anderen. Verständnis und Zuflucht findet Leo hingegen beim jungen Edoardo (Arturo Gabbriellini). Nur hat der selbst mit einem gewalttätigen Vater zu kämpfen, denn Edoardos Homosexualität hat in dessen konservativem Weltbild keinen Platz. Eine Schicksalsgemeinscha der abwesenden Väter, die in der verlassenen Ortscha ohne Menschen Leos Lichtblick ist.
Wenn am Ende dieses stimmigen Dramas ohne Melodram die Sonne durch die graue Wolkendecke sticht, keimt leise Hoffnung auf: Die zarten Bande zwischen Vater und Tochter könnten sich vielleicht doch noch zu einer dauerha en Beziehung auswachsen.
Sehnsüchtige Blicke, unausgesprochene Wünsche: Leo (Juli Grabenhenrich) auf Vatersuche im Drama „Paternal Leave“
Paternal Leave
Stadtkino im Künstlerhaus:
So, 26.10., 17.00 (OmU)
Urania: Mo, 27.10., 15.45 (OmenglU)
The Chronology of Water
Stadtkino im Künstlerhaus:
Sa, 18.10., 23.00 (OmU)
Urania: Di, 28.10., 13.30 (OmU)
„The Chronology of Water“, das bei den Filmfestspielen in Cannes gefeierte Spielfilmdebüt der US-amerikanischen Schauspielerin Kristen Stewart, kann zwar einen physisch anwesenden Vater vorweisen, aber Lidia (Imogen Poots) und ihre Schwester Claudia (Thora Birch) hätten wohl nichts gegen seine Abwesenheit.
Blut fließt in einer Duschtasse ab, Wasser fließt, Wasser steht, extreme Nahaufnahmen von Haut und Haaren – Bildblitze, auf körnigem 16mm-Filmmaterial gedreht, aus dem Off Textfragmente, mehr geflüstert als gesprochen. Ein beinah experimenteller Beginn. In fünf Kapiteln hält sich Stewart nah an die gleichnamige literarische Vorlage von Lidia Yuknavitch. In ihren 2011 veröffentlichten Memoiren zerlegte die 1963 geborene amerikanische Autorin ihre toxische Kindheit. Der Architektenvater (Michael Epp) missbrauchte seine Töchter verbal, physisch und sexuell. Die alkoholkranke Mutter sah tatenlos zu.
Der sexuelle Missbrauch findet bei Stewart meist außerhalb des Bildausschnitts statt. Doch der Ekel, Schock und die Beklommenheit kriechen in den Kader zurück. Die ältere, vergötterte Schwester Claudia flieht von zuhause, Lidia bleibt dem Zugriff des Vaters allein ausgesetzt. Sie flüchtet sich ins kompetitive Leistungsschwimmen. Im Wasser dem Leben entfliehen. Die Familie zieht von San Francisco nach Florida, um ihrem Traum von der Olympiateilnahme zu

fördern, doch Lidias selbstzerstörerischer Drogen-, Sex- und Alkoholmissbrauch beenden diesen Traum alsbald. Immer wieder landet sie in den wohlbekannten, destruktiven Mustern. Als sie unverhofft auf den unschuldigen Philip trifft (Nick Caves Sohn Earl Cave), fühlt sie sich abgestoßen von so viel Anstand und Liebe. Das kann ja nicht echt sein! Schließlich wird Lidia schwanger, doch ihr neugeborenes Baby schreit nicht in ihren zittrigen Armen. Ihre Welt zerbricht vollends.
Lidia hält ihre Gedanken in einem Notizhe fest, verfasst Kurzgeschichten. Bücher sind ihre zweite Flucht. Sie schreibt sich auf Anraten einer Freundin in den Literaturkurs des Kiffers Ken Kesey (charismatisch: James Belushi) ein, dem Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“. Kurz scheint es, als drohe der Vaterkomplex sich zu wiederholen. Stattdessen ist es die schmerzha e Katharsis, die zersetzende Missbrauchserfahrung in eine literarische Form zu gießen – und sich selbst zu retten.
Imogen Poots ist schonungslos in ihrer großartigen Darstellung. Es beschleicht einen das Gefühl, in Poots’ Performance schimmert auch Kristen Stewart selbst durch. Der anfängliche Bildersturm löst sich in eine kohärentere Form auf, die Tropfen der Verzweiflung fließen in den Fluss der Trauer. Stewarts vielversprechende Talentprobe lässt auf mehr hoffen. F
Fremdherr im Land, gebannt von den Lippen des Anderen: François Ozons „Der Fremde“
EXPERTISE:
DREHLI ROBNIK
Der französische Vielfilmer François Ozon unterzieht Albert Camus’ erzklassische Novelle „Der Fremde“ von 1942 einer Revision, allerdings in Andeutungen – was seine Stärken hat. Oder ist „L’Étranger – Der Fremde“ nur inkonsequent?
Im Unterschied zu Luchino Viscontis Verfilmung von 1967 rekonstruiert Ozon in Schwarz-Weiß den Look der französischen Kolonialstadt Algiers kurz vor dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Flair frankophiler Imaginarien jener Zeit. Als Au akt mündet die Herrscha soptik einer alten Wochenschau in „ominöse“ Bilder von antikolonialem Aufstand. Ein Zu- und Vorsatz, eine Leseanleitung, als traute Ozon seinem Arthauspublikum nicht zu, sich reflexiv, mindestens irritiert, zur obszönen Anmutung von „mondänes Klein-Paris plus Kasbah“ zu stellen. Und so als folgte er – ein wenig –Kamel Daouds Gegenroman, der 2013 den Stoff aus der Sicht des Mordopfers von Camus’ Titelfigur aufrollte, gibt sein Film dem bislang anonymen Araber einen Grabstein und seiner Schwester eine Szene im Gerichtssaal. Dass dort nur die fehlende Mutterliebe des weißen Täters verhandelt und sein Mord an einem Indigenen bagatellisiert wird, spricht sie ebenso aus wie die Ambivalenz des Fremden: ein Alien in der Welt der Moral, vor allem aber Teil einer Fremdherrscha .
Ozons Fremden, der ein Gspusi mit einer Bürokollegin (Rebecca Marder) genießt, verwirrt neben der Sonne auch die Physis des exotisierten arabischen Anderen, sein Mund und Achselhaar in Close-up. Dass Ozon die closeted Homoerotik des Stoffes au öchelt, kommt, wie der Postkolonialakzent, gut, aber auch nur pflichtgemäß. Benjamin Voisin hat den Athletenbody für den Gebrauchsexistenzialismus der Hauptfigur, die es zu Sex, Nikotin und mehr noch zum Ennui hinzieht.
Der Apathie bleibt die Regie aber nicht lange treu, sondern zieht beflissen Register: Todeszellenmonolog mit Szenenapplausambition, Guillotine-Traum mit Orson-Welles-Ka a-Einschlag, am Ende „Killing an Arab“; ihren Song texteten The Cure zeitweise zerknirscht auf „Killing an Other“ um. F
L’Étranger – Der Fremde Stadtkino im Künstlerhaus: Mi, 22.10., 15.15 (OmenglU)
Gartenbaukino: Fr, 24.10., 12.45 (OmenglU)


Die seltsame Begegnung am Strand stellt sich als Film-im-Film heraus
Echte Traurigkeit und falscher Trost: Sho Miyakes Drama „Two Seasons, Two Strangers“
EMPFEHLUNG:
MICHAEL PEKLER
E ine junge Frau und ein junger Mann verbringen einen Sommertag am Strand. Die beiden sind einander zufällig begegnet und wechseln nicht viele Worte. Er habe noch niemanden kennengelernt, der unglücklicher sei als er, meint Natsuo und erzählt Nagisa eine unheimliche Geschichte: Ganz in der Nähe habe man die Wasserleichen einer Frau und des von ihr umschlungenen und bereits skelettierten Kindes gefunden. Nagisa findet das eher traurig als beängstigend.
Am nächsten Tag gehen sie baden. Regen peitscht über das Meer und Natsuo schwimmt tatsächlich aus dem Bild. Denn die Geschichte dieser seltsamen Begegnung ist ein Film-im-Film, den die Drehbuchautorin Li (Shim Eun-kyung) als Au ragsarbeit geschrieben hat. Es ist die Adaption des Mangas „A View of the Seaside“ von Yoshiharu Tsuge.
Nun sitzt Li auf einem Podium und muss Fragen von Filmstudierenden beantworten. Der Professor findet das „geistig nicht herausfordernd, aber ein bisschen sexy“, auch die Studierenden sind nicht überwältigt – dabei handelt es sich um einen wunderbaren Film über echte Traurigkeit und falschen Trost. Doch Li reist wie eine Figur in Kawabata Yasunaris „Snow Country“ mit dem Zug aufs Land. Weshalb „Two Seasons, Two Strangers“ (im japanischen Original: „Tabi to hibi“), das in Locarno mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Drama von Sho Miyake, plötzlich den Schauplatz wechselt und Li in einem verschneiten Bergdorf landet.
Diese zweite Geschichte, die ironischerweise ebenfalls auf einem Comic von Yoshiharu Tsuge basiert, ist mehr als erweiterte Rahmenhandlung: Miyake verwebt die scheinbar gegensätzlichen Erzählungen – Sonne und Schnee, Meer und Gebirge – auf mühelose Weise und entwir vielschichtig bedeutsame Landscha s- und Menschenbilder. Wie das wohl aus der Ferne aussehen mag, fragt sich Li, als sie und der Wirt der einzigen Herberge durch das meterhohe Weiß stapfen. Längst verlässt sie sich lieber auf Bilder als auf Worte – zumal nicht mehr auf die eigenen, mit denen sie sich wie in einem Käfig fühlt. „Manche Dinge kann man nicht in Worte fassen“, hört man sie denken. F
Tabi to hibi – Two Seasons, Two Strangers Filmmuseum: Sa, 18.10., 13.30 (OmenglU) Urania: Do, 23.10., 16.00 (OmenglU)

Einst war Lorenz Hart mit seinem Partner Richard Rodgers das absolute Dreamteam der amerikanischen Musicalwelt. Dann kam die Trennung und für Hart (eindringlich dargestellt von Ethan Hawke) der Absturz. „Blue Moon“ spielt im März 1943 am Abend der Premiere von „Oklahoma!“, dem furiosen Au akt zu Rodgers’ neuer Karriere mit seinem neuen Songwriter-Partner Oscar Hammerstein. Es sind die vielleicht schwersten Stunden im Leben des Lorenz Hart (1895–1943), die der Film quasi in Echtzeit erzählt: eines Genies und alkoholkranken Pointen-Dreschers, der die Highlights und Verletzungen seines Lebens Revue passieren lässt und dabei trotz anders gelagerter sexueller Orientierung seinen Schützling, die junge Elizabeth Weiland (Margaret Qualley), zu bezaubern sucht. All das fühlt sich in etwa so an wie ein permanent über sich labernder Typ an einer Bar, den geduldigen Kellner gibt Bobby Cannavale.
Falter: Herr Linklater, wie sind Sie auf die Form des Kammerspiels gekommen?
Richard Linklater: Mein Freund Robert Kaplow hat das Drehbuch geschrieben, es spielt am Abend der Premiere von „Oklahoma!“ in Echtzeit, eine seltsame Idee, die mir gut gefiel. Es ist mein dritter Film in Echtzeit. Der Abend einer Premiere ist ein Pulverfass voller Emotionen – da steht ja die Karriere am Spiel. Alle warten auf die Kritiken, wenn die schlecht sind, hat man am nächsten Tag keinen Job mehr. Da geht es um viel, alle trinken, es hat eine spezielle Dynamik.
„Filme, die allen gefallen wollen, regen mich auf“
Im tragikomischen Kammerspiel „Blue Moon“ erzählt Richard Linklater anderthalb Stunden aus dem Leben des legendären Songtexters Lorenz Hart. Ein Gespräch über die Anfänge und die Zukun der Liebe zum Kino – und die Nouvelle Vague
INTERVIEW: JULIA PÜHRINGER, BERLIN
Julia Pühringer ist Redakteurin des Tele-Magazins. Für den Falter interviewt sie Filmstars und Regisseurinnen auf den Festivals von Berlin und Cannes
Hart hat Sie nicht nur wegen seines musikalischen Talents fasziniert.
Linklater: Er war ein schönes Wrack von einem Mann. Er war ein Genie, er war schwul, seine Sexualität hat gegen das Gesetz verstoßen. Er war klein, hatte eine Glatze, lebte bei seiner Mutter, er war süchtig. Alkohol ist der große Zerstörer von Kunst und Leben. Wir als Spezies sind uns als einzige unseres eigenen Aussterbens bewusst. So kann sich auch ein Künstler fühlen – man weiß, man ist passé, aus der Mode. Wie überlebt man seine eigene Karriere? Das ist schon hart.
Stand Ethan Hawke für die Rolle von vorneherein fest?
Linklater: Ich habe ihm das Material schon vor zehn Jahren gezeigt, allerdings als Freund und Autor, ich weiß gar nicht mehr, ob ich da schon an ihn als Hauptdarsteller gedacht habe. Er selbst hat damals gewitzelt, dass er dafür noch älter werden müsste.
Haben Sie Angst vor dem o beschworenen Ende des Kinos?
Linklater: Ich habe ein Kino in Austin mit zwei Sälen, da gibt es ein junges, begeistertes Publikum. Das ist so wie die jungen Leute, die auf Vinyl stehen, die entdecken jetzt eben auch, dass man ins Kino gehen kann, um sich einen Film anzuschauen und danach mit Freundinnen und Freunden darüber zu reden – eine coole Art, ein paar Stunden zu verbringen. Ich habe es nicht so mit den Weltuntergangs-Szenarios und
glaube auch nicht, dass sich dieser Spirit wirklich ändert.
Sie haben auch gerade auf Französisch gedreht, „Nouvelle Vague“ über die Entstehung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“. Wie wichtig war Godard für Sie?
Linklater: Sehr – für mich und alle anderen. Im Gegensatz zu Hart kennen Godard alle, und auch die Nouvelle Vague. Damals war das alles so neu, jetzt ist es genau in der Mitte der gesamten Filmgeschichte. So wie eben auch „Oklahoma!“ eine neue Art Musical war, auch wenn es heute banal wirkt. Im Grunde geht es wie bei fast allen Künstlerporträts darum, dass sich Menschen zusammentun und sich ausdrücken wollen. Diese Beziehungen beim Songwriting sind immer faszinierend: Elton John und Bernie Taupin. Wie macht man das? Wie schreibt man zusammen einen Song?
Wieso haben Sie eine HeteroLiebesgeschichte rund um Lorenz Hart eingebaut? Das ist ja mehr eine Fantasie. Linklater: Es geht um unerwiderte Liebe. Robert Kaplow, der Drehbuchautor, hat diese Briefe von Elizabeth an Hart gefunden. Ich denke, er hat Zuneigung gesucht, wenn auch nicht sexueller Natur, eine Freundscha , jemanden, den er bewundern kann.
Im Film sagt jemand: Wer will schon harmlose Kunst?
Linklater: Das sind für mich HollywoodStudio-Filme, die allen gefallen wollen. Das regt mich auf. Aber gut, ich habe auch harmlose Filme gemacht, „School of Rock“ zum Beispiel. Manchmal ist man einfach gut drauf und will diese Freude ausdrücken.

Ich kann auch nichts anfangen mit Künstlern, die immer nur provozieren wollen. Das ist ja letztlich auch seicht. Es muss Substanz haben.
Sie werden auf gewisse Weise als transatlantischer Regisseur wahrgenommen …
Linklater: Für einen Typen aus der Provinz, der nie seinen eigenen Bundesstaat verlassen hat, ja. Meine Eltern hatten kein Geld, wir fuhren nie auf Urlaub und ich reise noch nicht einmal besonders gerne, aber ich habe doch sehr viele Filme an Orten gedreht, in denen ich nicht lebe, das stimmt schon. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich in den USA nicht geschätzt werde, das ist nur ein Klischee. Ich liebe das Internationale am Kino. Filme werden in unterschiedlichen Kulturen verstanden, es
Richard Linklater (re.) beim Dreh zu „Nouvelle Vague“ mit seinem Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck)
ist wirklich eine weltweite Kunstform. In den 1980er-Jahren unterhielt ich eine Brieffreundscha mit Robert Bresson. Ich habe alle seine Filme in Texas gezeigt und er hat mir geschrieben, dass er immer wieder erstaunt ist, dass Filme zur ganzen Welt sprechen können.
Ist es Ihnen wichtig, ob die Leute Ihre Filme im Kino oder zuhause sehen?
Linklater: Im Fall von „A Killer Romance“ habe ich viele Nachrichten von Menschen bekommen, von denen ich weiß, dass sie nicht ins Kino gehen. Ich meine ja, die haben halt „Play“ gedrückt. Aber mir ist das nicht so wichtig. Natürlich ist das Kino quasi der Olymp, aber ich freue mich auch, wenn jemand meinen Film im Flugzeug sieht.
Martin Scorsese hat sich ins Kino verliebt, derweil er als Kind nur gekürzte SchwarzWeiß-Versionen davon im Fernsehen gesehen hat …
Linklater: Ja, damit bin ich auch aufgewachsen. Und mit Werbepausen. Man baut das dann im eigenen Kopf zusammen.
Mit welchen Filmen sind Sie groß geworden?
Blue Moon
Gartenbaukino: So, 19.10., 12.45 (OmU) Mo, 27.10., 18.30 (OmU)
Nouvelle Vague
Gartenbaukino: Fr, 17.10., 13.00 (OmenglU) Mo, 27.10., 20.45 (OmU)
Linklater: Ich mochte als Kind alle Filme, die ich gesehen habe. „2001“ war eine andere Kategorie, ich war sieben, als ich den Film sah, und habe ihn verstanden. Aber ich liebte wirklich alles, John-Wayne-Filme, Elvis-Filme. Ich lebte in einer Kleinstadt wie in Peter Bogdanovichs „The Last Picture Show“ – jeden Freitag ist ein neuer Film angelaufen und wir sind ins Kino gegangen. F
LIEBE FILM
ZUM

VOM WIDERSCHEIN DES KINOS
Hans Hurch: Essays, Interviews und Kurztexte zum Thema Film, Filmschaffende und Kino des ehemaligen Viennale-Direktors 248 Seiten, € 22,90
21.00
FALTER-VIENNALE-PLANER 25
Nouvelle Vague (Richard Linklater, F 2025, OmenglU, 105 min)
Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch, USA/IRL/F 2025, OmenglU, 110 min)
Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (Edgar Reitz, D 2025, OmenglU, 103 min)
21.00 Das Verschwinden des Josef Mengele (Kirill Serebrennikov, F/D 2025, OmU, 135 min)
Cobre (Nicolás Pereda, CAN/MEX 2025, OmenglU, 78 min)
L’Arbre de l’authenticité (Sammy Baloji, COD/B 2025, OmenglU, 89 min)
18.00 Hemelsleutel (Digna Sinke, NL 2025, OmenglU, 96 min)
Hui jia (Tsai Ming-liang, TWN 2025, 65 min)
El príncipe de Nanawa (Clarisa Navas, ARG/PRY/COL/D 2025, OmenglU, 212 min)
20.00 Bewaren of hoe te leven (Digna Sinke, NL 2018, OmenglU, 85 min)
12.45 So o le nuvole (Gianfranco Rosi, I 2025, OmenglU, 115 min)
15.15 Yek tasadof-e sadeh (Jafar Panahi, F/IRN/LUX 2025, OmU, 105 min)
17.30 Elements of(f) Balance (Othmar Schmiderer, Ö 2025, OmU, 98 min)
Gen_ (Gianluca Matarrese, F/I/CH 2025, OmenglU, 104 min)
23.15 Pillion (Harry Lighton, GB 2025, OmU, 106 min)
12.00 Ancestral Visions of the Future (Lemohang Jeremiah Mosese, F/LSO/D/QAT/SAU 2025, englOF, 88 min)
14.30 Un poeta (Simón Mesa Soto, COL/D/SWE 2025, OmU, 123 min)
17.15 It’s Never Over, Jeff Buckley (Amy Berg, USA 2025, OF, 107 min)
20.00 Dry Leaf (Alexandre Koberidze, D/GEO 2025, OmenglU, 186 min)
El mensaje (Iván Fund, ARG/E/URY 2025, OmenglU, 91 min)
Mortu nega (Flora Gomes, GNB 1988, OmenglU, 96 min)
10.00 Arco (Ugo Bienvenu, F 2025, OmU, 88 min)
13.00 The Mastermind (Kelly Reichardt, USA 2025, OmU, 110 min)
Testa o croce?
(Alessio Rigo de Righi, Ma eo Zoppis, I/USA 2025, OmenglU, 113 min)
18.30 Mother’s Baby (Johanna Moder, Ö/CH/D 2025, OmenglU, 108 min)
21.30 Gavagai (Ulrich Köhler, D/F 2025, OmU, 89 min)
Der VW-Komplex (Hartmut Bitomsky, BRD/F 1988, 93 min)
Gen_ (Gianluca Matarrese, F/I/CH 2025, OmenglU, 104 min)
16.30 Lois Weinberger – Ruderal Society (Markus Heltschl, Ö 2025, OmenglU, 96 min)
19.30 Dry Leaf (Alexandre Koberidze, D/GEO 2025, OmenglU, 186 min)
12.30 A er the Tone (Digna Sinke, NL 2014, OmenglU, 85 min)
15.00 Weemoed & Wildernis (Digna Sinke, NL 2010, OmenglU, 88 min)
17.30 Magalhães (Lav Diaz, P/E/F/PHL/TWN 2025, OmenglU, 160 min)
Ghost Elephants (Werner Herzog, USA 2025, OF, 99 min)
Miroirs No. 3
(Christian Petzold, D 2025, OmenglU, 86 min)
Estrany riu
(Jaume Claret Muxart, E/D 2025, OmU, 100 min)
20.45 Sorry, Baby (Eva Victor, USA/E/F 2025, OmU, 104 min)
The Chronology of Water (Kristen Stewart, F/LVA/USA 2025, OmU, 128 min)
10.45 La ola (Sebastián Lelio, CL 2025, OmenglU, 129 min)
13.30 Duse (Pietro Marcello, I 2025, OmenglU, 125 min)
BLKNWS: Terms & Conditions (Kahlil Joseph, USA/GHA 2025, OF, 113 min)
Peter Hujar’s Day (Ira Sachs, USA/D 2025, OmU, 75 min)
20.30 Kuang ye shi dai (Bi Gan, CHN 2025, OmenglU, 160 min)
10.30 L’or des mers + Kurzfilme aus der Bretagne
(Jean Epstein, F 1931, OmenglU, 127 min)
Tabi to hibi
(Miyake Sho, J 2025, OmenglU, 89 min)
Cœur fidèle
(Jean Epstein, F 1923, OmenglU, 84 min)
12.45 Blue Moon (Richard Linklater, USA/IRL 2025, OmU, 100 min)
15.00 Melt (Nikolaus Geyrhalter, Ö 2025, OmU, 127 min)
18.30 White Snail (Elsa Kremser, Levin Peter, Ö/D 2025, OmU, 115 min)
21.30 Father Mother Sister Brother (Jim Jarmusch, USA/IRL/F 2025, OmenglU, 110 min)
Bewaren of hoe te leven (Digna Sinke, NL 2018, OmenglU, 85 min)
Sincero, apaixonado (Dauby/ Domingues, P/B 2025, OmenglU, 25 min) Les Habitants (Maureen Fazendeiro, P/F 2025, OmenglU, 42 min)
15.45 The Arch (T’ang Shushuen, HK 1968, OmenglU, 95 min)
D Is for Distance (Christopher Petit, Emma Ma hews, FIN 2025, englOF, 88 min)
De la guerre froide à la guerre verte (Anna Recalde Miranda, F/I/PRY/SWE 2024, OmenglU, 95 min)
13.00 Always (Deming Chen, CHN/F/TWN/USA 2025, OmenglU, 87 min)
15.00 Gahzl El-Banat (Jocelyne Saab, LIB/F 1985, OmenglU, 105 min)
17.30 Kuang ye shi dai (Bi Gan, CHN 2025, OmenglU, 160 min)
10.30 The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation (Avi Mograbi, F/IL/D/FL 2021, OmenglU, 110 min)
14.30 Belle van Zuylen –Madame de Charriére
(Digna Sinke, NL 1993, OmenglU, 107 min)
17.30 As Estações (Maureen Fazendeiro, P/Ö/F/E 2025, OmU, 82 min)
20.00 Testa o croce?
(Alessio Rigo de Righi, Ma eo Zoppis, I/USA 2025, OmenglU, 113 min)
Urchin
(Harris Dickinson, GB 2025, OF, 99 min)
So o le nuvole
(Gianfranco Rosi, I 2025, OmenglU, 115 min)
13.30 Le rendez-vous de l’été (Valentine Cadic, F 2025, OmU, 78 min)
Roofman (Derek Cianfrance, USA 2025, OmU, 126 min)
Estrany riu (Jaume Claret Muxart, E/D 2025, OmenglU, 100 min)
21.15 Pillion
(Harry Lighton, GB 2025, OmU, 106 min)
Tôsô (Masao Adachi, J 2025, OmenglU, 114 min)
14.00 Chanson d’Ar-Mor + Vorfilme
(Jean Epstein, F 1934, OmenglU, 66 min)
Love, Loving (Kurzfilmprogramm) (Diverse, USA/CAN 2025, OF, 73 min)
The Arch (T’ang Shushuen, HK 1968, OmenglU, 95 min) 19.00 La belle Nivernaise (Jean Epstein,
Ghost Elephants (Werner Herzog, USA 2025, OF, 99 min)
15.15 Die My Love (Lynne Ramsay, CAN 2025, OmU, 118 min)
Two Prosecutors (Sergei Loznitsa, F/D/NL/LVA/RO/LT 2025, OmU, 118 min)
21.00 Ástin sem e ir er (Hlynur Pálmason, ISL/DK/SWE/F 2025, OmU, 110 min)
Niets is voor de eeuwigheid + Afscheid + Alle dagen even mooi (Digna Sinke, NL 1990–2013, OmenglU, 86 min)
Pee chai dai ka (Ratchapoom Boonbunchachoke, THA/SGP/F/D 2025, OmU, 130 min)
16.30 Li le Boy (James Benning, USA 2025, OF, 74 min)
18.45 A solidão dos lagartos (Inês Nunes, P/E 2025, OmenglU, 15 min) Garnelius (Julia Ketelhut, D/Ö 2024, OmenglU, 49 min)
Le Lac (Fabrice Aragno, CH 2025, OmenglU, 80 min)
12.30 Forces (Kurzfilmprogramm) (Ö/CL/MMR 2025, OmenglU, 66 min)
15.00 Mortu nega (Flora Gomes, GNB 1988, OmenglU, 96 min)
17.30 Weemoed & Wildernis (Digna Sinke, NL 2010, OmenglU, 88 min)
20.00 Sincero, apaixonado (Dauby/ Domingues, P/B 2025, OmenglU, 25 min) Les Habitants (Maureen Fazendeiro, P/F 2025, OmenglU, 42 min)
Magalhães (Lav Diaz, P/E/F/PHL/TWN 2025, OmenglU, 160 min)
6.30 A er the Hunt (Luca Guadagnino, USA 2025, OmU, 139 min)
12.30 Honey Don’t! (Ethan Coen, USA/GB 2025, OmU, 90 min)
14.30 Vie privée (Rebecca Zlotowski, F 2025, OmU, 103 min)
17.00 In-I In Motion (Julie e Binoche, F 2025, OmenglU, 156 min)
21.00 Eojjeol suga eopda (Park Chan-wook, KOR 2025, OmenglU, 139 min)
As Estações (Maureen Fazendeiro, P/Ö/F/E 2025, OmenglU, 82 min)
El mensaje (Iván Fund, ARG/E/URY 2025, OmenglU, 91 min)
Memory (Vladlena Sandu, F/NL 2025, OmenglU, 98 min)
19.00 O riso e a faca (Pedro Pinho, P/F/BRA/RO 2025, OmU, 211 min)
12.30 Een Van Gogh aan de muur + Groeten uit Zonnemaire + Stadrand (Digna Sinke, NL 1972/1973, OmenglU, 93 min)
15.15 A solidao dos lagartos (Inês Nunes, P/E 2025, OmenglU, 15 min) Garnelius (Julia Ketelhut, D/Ö 2024, OmenglU, 49 min)
17.30 De hoop van het vaderland (Digna Sinke, NL 1982, OmenglU, 90 min) 20.00 Li le Boy (James Benning, USA 2025, OF, 74 min)
L’Arbre de l’authenticité (Sammy Baloji, COD/B 2025, OmenglU, 89 min)
15.15 Ástin sem e ir er (Hlynur Pálmason, ISL/DK/SWE/F 2025, OmenglU, 110 min)
17.00 Grünes Licht (Pavel Cuzuioc, Ö/RO 2025, OmenglU, 101 min)
20.00 Dracula (Radu Jude, RO/Ö/LUX/BRA 2025, OmU, 170 min)
18.15 B wie Bartleby (Angela Summereder, Ö 2025, OmU, 72 min)
Nuestra Tierra (Lucrecia Martel, ARG/DK/FMEX/NL/USA 2025, OmenglU, 119 min)
23.30 Pee chai dai ka (Ratchapoom Boonbunchachoke, THA/ SGP/F/D 2025, OmU, 130 min) Oskolky (Masha Chernaya, GEO/D 2024, OmenglU, 89 min)
12.45 Roofman (Derek Cianfrance, USA 2025, OmU, 126 min)
Sawt Hind Rajab (Kaouther Ben Hania, TN/F 2025, OmenglU, 89 min) A er the Hunt (Luca Guadagnino, USA 2025, OmU, 139 min)
21.00 O Agente secreto (Kleber Mendonça Filho, BRA/F/D/NL 2025, OmU, 161 min)
Le Lac (Fabrice Aragno, CH 2025, OmenglU, 80 min)
Una pelicula de miedo (Sergio Oksman, E/P 2025, OmenglU, 72 min)
Amsterdam + El hombre que hizo las cosas prohibidas (Carlos Amorales, MEX/CL 2013/2014, OmenglU, 62 min)
18.45 Zechmeister (Angela Summereder, Ö 1981, OmenglU, 79 min)
21.15 Grünes Licht (Pavel Cuzuioc, Ö/RO 2025, OmenglU, 101 min)
15.15 Tôsô (Masao Adachi, J 2025, OmenglU, 114 min)
18.15 Gespräch V’25 mit Lucrecia Martel (90 min)
20.45 Flowers and Rituals (Kurzfilmprogramm) (Diverse, F/SRB/D/J/CHN/IRN/GB/SWE 2025, OmenglU, 67 min)
Cobre (Nicolás Pereda, CAN/MEX 2025, OmenglU, 78 min)
15.15 L’Étranger (François Ozon, F 2025, OmenglU, 122 min)
17.45 Kaj ti je deklica (Urska Djukic, SVN/I/HRV/SRB 2025, OmenglU, 89 min)
20.15 Rose of Nevada (Mark Jenkin, GB 2025, OF, 114 min)
23.15 It’s Never Over, Jeff Buckley (Amy Berg, USA 2025, OF, 107 min)
10.00 Pin de fartie (Alejo Moguillansky, ARG 2025, OmenglU, 106 min)
13.45 Always (Deming Chen, CHN/F/TWN/USA 2025, OmenglU, 87 min)
Arco (Ugo Bienvenu, F 2025, OmenglU, 88 min)
Gavagai (Ulrich Köhler, D/F 2025, OmenglU, 89 min)
Sehnsucht in Sangerhausen (Julian Radlmaier, D 2025, OmU, 90 min)
Le Lion des Mogols (Jean Epstein, F 1924, OmenglU, 99 min)
13.15 Boven de bergen (Digna Sinke, NL 1992, OmenglU, 107 min)
16.15 Human Variations (Kurzfilmprogramm) (Diverse, Ö/D/CH/USA 2025, OmenglU, 66 min)
13.30 Urchin (Harris Dickinson, GB 2025, OF, 99 min)
19.00 Hemme’nin öldügü günlerden biri (Murat Firatoglu, TR 2024, OmenglU, 82 min)
21.15 Una pelicula de miedo (Sergio Oksman, E/P 2025, OmenglU, 72 min)
12.30 Hemelsleutel (Digna Sinke, NL 2025, OmenglU, 96 min)
D Is for Distance (Christopher Petit, Emma Ma hews, FIN 2025, englOF, 88 min)
21.30 De la guerre froide à la guerre verte (Anna Recalde Miranda, F/I/PRY/SWE 2024, OmenglU, 95 min)
Marius et Olive à Paris (Jean Epstein, F 1935, OmenglU, 67 min)
Mother’s Baby (Johanna Moder, Ö/CH/D 2025, OmenglU, 108 min) Flowers and Rituals (Kurzfilmprogramm) (Diverse, F/SRB/D/J/CHN/IRN/GB/SWE 2025, OmenglU, 67 min)
Ancestral Visions of the Future (Lemohang Jeremiah Mosese, F/LSO/D/QAT/SAU 2025, englOF, 88 min)
21.30 Human Variations (Kurzfilmprogramm) (Diverse, Ö/D/CH/USA 2025, OmenglU, 66 min)
18.00 Two Prosecutors (Sergei Loznitsa, F/D/NL/LVA/RO/LT 2025, OmenglU, 118 min)
Nuestra Tierra (Lucrecia Martel, ARG/DK/FMEX/NL/USA 2025, OmenglU, 119 min)
Cœur de gueux (Jean Epstein, F 1935, OmenglU, 72 min)
13.00 Memory (Vladlena Sandu, F/NL 2025, OmenglU, 98 min)
15.15 The History of Sound (Oliver Hermanus, USA 2024, OmU, 127 min) Clouds and Memories (Kurzfilmprogramm) (Diverse, I/B/USA/MEX/E/COL/CAN 2025, OmenglU, 68 min)
DO, 16.10. GARTENBAUKINO: 19.00, STADTKINO: 20.30, URANIA UND METRO: 21.00 Viennale-Trailer: Awakening (Joanna Hogg, GB/Ö 2025, 2 min), Miroirs No. 3 / Mirrors No. 3 (Christian Petzold, D 2025, OmenglU, 86 min )
Retrospektive Jean Epstein Alle Termine, alle Kinos auf einen Blick falter.at/viennale
12.30 Affeksjonsverdi (Joachim Trier, NOR/D/DK/F 2025, OmenglU, 134 min)
15.15 The History of Sound (Oliver Hermanus, USA 2024, OmU, 127 min)
Bugonia (Yorgos Lanthimos, GB 2025, OmU, 120 min)
20.45 In die Sonne schauen (Mascha Schilinski, D 2025, OmU, 149 min)
Vermischte Nachrichten
(Angela Summereder, Ö 2006, 78 min)
Love, Loving (Kurzfilmprogramm) (Diverse, USA/CAN 2025, OF, 73 min)
Levers (Rhayne Verme e, CAN 2025, OmenglU, 92 min)
18.15 Noghteh-e-goriz
(Bani Khoshnoudi, IRN/USA/F 2025, OmenglU, 104 min)
Korotkoe leto (Nastia Korkia, D/F/SRB 2025, OmU, 101 min)
10.30 O riso e a faca (Pedro Pinho, P/F/BRA/RO 2025, OmenglU, 211 min)
15.00 Clouds and Memories (Kurzfilmprogramm)
(Diverse, I/B/USA/MEX/E/COL/CAN 2025, OmenglU, 68 min)
17.00 Pin de fartie (Alejo Moguillansky, ARG 2025, OmenglU, 106 min)
11.45 Das Verschwinden des Josef Mengele (Kirill Serebrennikov, F/D 2025, OmenglU, 135 min)
15.00 Hemme’nin öldügü günlerden biri (Murat Firatoglu, TR 2024, OmenglU, 82 min)
17.30 No Mercy (Isa Willinger, D/Ö 2025, OmU, 104 min)
20.15 Anoche conquisté Tebas (Gabriel Azorín, E/P 2025, OmenglU, 110 min)
Peter Hujar’s Day (Ira Sachs, USA/D 2025, OmU, 75 min)
Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes
(Edgar Reitz, D 2025, OmenglU, 103 min)
13.30 Sorry, Baby (Eva Victor, USA/E/F 2025, OmU, 104 min)
Tabi to hibi
(Miyake Sho, J 2025, OmenglU, 89 min)
Mad Bills to Pay (or Destiny, dile que no soy malo)
(Joel Alfonso Vargas, USA 2025, OmenglU, 101 min)
21.15 O Agente secreto (Kleber Mendonça Filho, BRA/F/D/NL 2025, OmenglU, 161 min)
Vive la vie + Artères de France
(Jean Epstein, Jen Benoît-Levy / Jean Epstein, René Lucot, F 1938/1939, OmenglU, 62 min)
Oskolky (Masha Chernaya, GEO/D 2024, OmenglU, 89 min)
Forces (Kurzfilmprogramm)
(Diverse, Ö/CL/MMR 2025, OmenglU, 66 min)
12.45 L’Étranger (François Ozon, F 2025, OmU, 122 min)
Romería (Carla Simón, E/F 2025, OmU, 112 min)
18.30 The Fence (Claire Denis, F 2025, OmenglU, 109 min)
21.00 Affeksjonsverdi (Joachim Trier, NOR/D/DK/F 2025, OmU, 134 min)
10.30 White Snail (Elsa Kremser, Levin Peter, Ö/D 2025, OmenglU, 115 min)
Jobcenter (Angela Summereder, Ö 2009, OmenglU, 80 min)
Bajo las banderas, el sol (Juanjo Pereira, PRY/ARG/USA/F/D 2025, OmenglU, 90 min)
Le ci à di pianura (Francesco Sossai, I/D 2025, OmenglU, 100 min)
21.15 Evidence (Lee Anne Schmi , USA 2025, OF, 76 min)
12.30 I promessi sposi (D’Anolfi, Parenti, I 2007, OmenglU, 73 min)
14.30 Anoche conquisté Tebas (Gabriel Azorín, E/P 2025, OmenglU, 110 min)
17.30 Fantaisie (Isabel Pagliai, F 2025, OmenglU, 79 min)
20.00 With Hasan in Gaza (Kamal Aljafari, PSE/D/F/QAT 2025, OmU, 108 min)
Holding Liat (Brandon Kramer, USA 2025, OmenglU, 97 min)
16.00 In die Sonne schauen (Mascha Schilinski, D 2025, OmenglU, 149 min)
19.30 When Lightning Flashes Over the Sea (Eva Neymann, D/UA 2025, OmU, 124 min)
Vie privée (Rebecca Zlotowski, F 2025, OmU, 103 min)
No Mercy (Isa Willinger, D/Ö 2025, OmenglU, 104 min)
14.00 Rose of Nevada (Mark Jenkin, GB 2025, OF, 114 min)
17.30 The Mastermind (Kelly Reichardt, USA 2025, OmU, 110 min)
20.00 Bestiari, Erbari, Lapidari (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I/CH 2024, OmenglU, 205 min)
10.30 Korotkoe leto (Nastia Korkia, D/F/SRB 2025, OmenglU, 101 min)
13.15 Mad Bills to Pay (or Destiny, dile que no soy malo) (Joel Alfonso Vargas, USA 2025, OmenglU, 101 min)
Natural Darkness (Kurzfilmprogramm) (Diverse, Ö/E/RO 2025, OmenglU, 68 min)
18.45 Six et demi, onze (Jean Epstein, F 1927, OmenglU, 86 min)
12.30 Yek tasadof-e sadeh (Jafar Panahi, F/IRN/LUX 2025, OmenglU, 105 min)
14.45 Late Fame (Kent Jones, USA 2025, OF, 96 min)
17.30 Duse (Pietro Marcello, I 2025, OmenglU, 125 min)
20.45 The Souffleur (Gastón Solnicki, Ö/ARG 2025, OmU, 78 min)
11.30 Bajo las banderas, el sol (Juanjo Pereira, PRY/ARG/USA/F/D 2025, OmenglU, 90 min)
14.00 Fantaisie (Isabel Pagliai, F 2025, OmenglU, 79 min)
16.45 Gasparcolor (Oskar Fischinger, Len Lye, Adrian Klein, Gyula Macskássy, Hans Fischinger u.a., D/GB/CZ/H/NL 1934–1943, OmenglU, 48 min)
18.45 John Lilly and the Earth Coincidence Control Office
(Michael Almereyda, Courtney Stephens, USA 2025, OF, 87 min)
21.15 Spira Mirabilis
(Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I/CH 2016, OmenglU, 122 min)
13.30 Il castello (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I 2011, OmenglU, 90 min)
16.30 Gespräch V’25 mit FC Gloria: Filmwork under restrictions (90 min)
19.15 El príncipe de Nanawa
(Clarisa Navas, ARG/PRY/COL/D 2025, OmenglU, 212 min)
12.30 Kontinental ’25
(Radu Jude, RO 2025, OmenglU, 109 min)
15.15 Evidence (Lee Anne Schmi , USA 2025, OF, 76 min)
17.45 Nova ’78
(Aaron Brookner, Rodrigo Areias, GB/P 2025, OF, 78 min)
20.15 La petite dernière
(Hafsia Herzi, F/D 2025, OmU, 107 min)
23.15 Eojjeol suga eopda (Park Chan-wook, KOR 2025, OmenglU, 139 min)
Romería (Carla Simón, E/F 2025, OmenglU, 112 min)
14.00 When Lightning Flashes Over the Sea (Eva Neymann, D/UA 2025, OmenglU, 124 min)
17.15 Le ci à di pianura (Francesco Sossai, I/D 2025, OmenglU, 100 min)
20.00 Dracula (Radu Jude, RO/Ö/LUX/BRA 2025, OmenglU, 170 min)
Les Aventures de Robert Macaire (Jean Epstein, F 1925, OmenglU, 200 min)
B wie Bartleby (Angela Summereder, Ö 2025, OmenglU, 72 min)
Écrire la vie. Annie Ernaux racontée par des lycéennes et des lycéens (Claire Simon, F 2025, OmenglU, 90 min)
10.00 3 Bad Men (John Ford, USA 1926, OF, 99 min)
13.00 Bugonia (Yorgos Lanthimos, GB 2025, OmU, 120 min)
Überraschungsfilm
18.15 Honey Don’t! (Ethan Coen, USA/GB 2025, OmU, 90 min)
Alpha (Julia Ducournau, F/B 2025, OmU, 128 min)
Gasparcolor (Oskar Fischinger, Len Lye, Adrian Klein, Gyula Macskássy, Hans Fischinger u.a., D/GB/CZ/H/NL 1934–1943, OmenglU, 48 min)
13.00 With Hasan in Gaza (Kamal Aljafari, PSE/D/F/QAT 2025, OmenglU, 108 min)
15.45 Rock térítő (János Xantus, H 1988, OmenglU, 112 min)
Tales of the Wounded Land (Abbas Fahdel, LBN 2025, OmenglU, 120 min)
21.30 Tóc, Giáy Và Nuóc (Nicolas Graux, Truong Minh Quy, B/F/VNM 2025, OmenglU, 71 min)
12.30 Grandi speranze (D’Anolfi, Parenti, I 2009, OmenglU, 77 min)
15.00 Natural Darkness (Kurzfilmprogramm) (Ö/E/RO 2025, OmenglU, 68 min)
17.15 Robert Wilson and the CIVIL warS (Howard Brookner, USA/BRD/GB 1985, OmenglU, 94 min)
20.00 Nuit obscure – „Ain’t I a Child?“ (Sylvain George, CH/F/P 2025, OmenglU, 164 min)
12.00 Écrire la vie. Annie Ernaux racontée par des lycéennes et des lycéens (Claire Simon, F 2025, OmenglU, 90 min)
14.30 Promis le ciel (Erige Sehiri, F/TUN/QAT 2025, OmenglU, 95 min)
17.00 Paternal Leave – Drei Tage Meer (Alissa Jung, D/I 2025, OmU, 113 min)
20.00 Kontinental ’25 (Radu Jude, RO 2025, OmU, 109 min)
La ola (Sebastián Lelio, CL 2025, OmenglU, 129 min)
12.00 Mare’s Nest (Ben Rivers, GB/F/CAN 2025, OmenglU, 98 min)
15.00 Las Corrientes (Milagros Mumenthaler, ARG/CH 2025, OmenglU, 104 min)
18.00 La petite dernière (Hafsia Herzi, F/D 2025, OmenglU, 107 min)
Ken (Nadav Lapid, F/IL/CYP/D 2025, OmU, 149 min)
Finis Terrae (Jean Epstein, F 1929, OmenglU, 80 min)
La Femme du bout du monde (Jean Epstein, F 1938, OmenglU, 87 min)
15.30 Noghteh-e-goriz (Bani Khoshnoudi, IRN/USA/F 2025, OmenglU, 104 min)
6.30 Bugonia (Yorgos Lanthimos, GB 2025, OmU, 120 min)
13.00 Cover-Up (Laura Poitras, Mark Obenhaus, USA 2025, OmenglU, 120 min)
A er the Hunt (Luca Guadagnino, USA 2025, OmU, 139 min)
18.30 Blue Moon (Richard Linklater, USA/IRL 2025, OmU, 100 min)
20.45 Nouvelle Vague (Richard Linklater, F 2025, OmU, 105 min)
Materia oscura (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I 2013, OmenglU, 80 min)
13.15 Eszkimó asszony fázik (János Xantus, H 1983, OmenglU, 117 min)
16.15 The Souffleur (Gastón Solnicki, Ö/ARG 2025, OmenglU, 78 min)
Guerra e pace (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I/CH 2020, OmenglU, 129 min)
21.45 Robert Wilson and the CIVIL warS (Howard Brookner, USA/BRD/GB 1985, OmenglU, 94 min)
12.30 Cartas a mis padres muertos (Agüero, CL 2025, OmenglU, 106 min) 15.15 L’infinita fabbrica del Duomo (D’Anolfi, Parenti, I 2015, OmenglU, 74 min)
17.30 Diorissimo (János Xantus, H 1980, OmenglU, 32 min) Női kezekben (János Xantus, H 1981, OmenglU, 28 min)
20.00 Gespräch V’25 mit Julia Ducournau (90 min)
13.30 Ken (Nadav Lapid, F/IL/CYP/D 2025, OmenglU, 149 min)
17.00 Alpha (Julia Ducournau, F/B 2025, OmenglU, 128 min)
20.15 Las Corrientes (Milagros Mumenthaler, ARG/CH 2025, OmenglU, 104 min)
BLKNWS: Terms & Conditions (Kahlil Joseph, USA/GHA 2025, OF, 113 min)
Le rendez-vous de l’été (Valentine Cadic, F 2025, OmenglU, 78 min)
12.45 ¡Caigan las rosas blancas! (Albertina Carri, ARG/BRA/E 2025, OmenglU, 122 min)
15.45 Paternal Leave –Drei Tage Meer (Alissa Jung, D/I 2025, OmenglU, 113 min)
18.45 Late Fame (Kent Jones, USA 2025, OF, 96 min)
21.30 Promis le ciel (Erige Sehiri, F/TUN/QAT 2025, OmenglU, 95 min)
Tales of the Wounded Land (Abbas Fahdel, LBN 2025, OmenglU, 120 min)
14.00 Elements of(f) Balance (Othmar Schmiderer, Ö 2025, OmenglU, 98 min)
16.30 Vetre, pričaj sa mnom (Stefan Djordjevic, SRB/SVN/HRV 2025, OmenglU, 100 min)
Features Shorts Newly Restored Kinematografien: Carlos Amorales, Gasparcolor, János Xantus Monografien: D’Anolfi & Parenti, Digna Sinke, Angela Summereder
Die My Love (Lynne Ramsay, CAN 2025, OmU, 118 min)
19.00 Geu jayeoni nege mworago hani (Hong Sangsoo, KOR 2025, OmU,
12.00 Hui jia (Tsai Ming-liang, TWN 2025, 65 min)
13.45 Sawt Hind Rajab (Kaouther Ben Hania, TN/F 2025, OmenglU, 89 min)
Aus dem Nichts (Angela Summereder, Ö 2015, OmenglU, 90 min)
Ecce Mole (Photographie und Jenseits 36) (Emigholz, I 2025, 28 min) Barking in the Dark (Marie Losier, F 2025, englOF, 41 min)
Geu jayeoni nege mworago hani (Hong Sangsoo, KOR 2025, OmU, 108 min)
12.30 BLU + Una giornata nell’archivio Piero Bo oni (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I 2018 / 2022, OmenglU, 55 min)
14.45 Lois Weinberger – Ruderal Society (Markus Heltschl, Ö 2025, OmenglU, 96 min)
17.30 Nuit obscure – „Ain’t I a Child?“ (Sylvain George, CH/F/P 2025, OmenglU, 164 min)
Magic Farm (Amalia Ulman, USA/ARG 2025, OmenglU, 93 min)
Vetre, pričaj sa mnom (Stefan Djordjevic, SRB/SVN/HRV 2025, OmenglU, 100 min)
18.15 ¡Caigan las rosas blancas! (Albertina Carri, ARG/BRA/E 2025, OmenglU, 122 min)
21.15 Geu jayeoni nege mworago hani (Hong Sangsoo, KOR 2025, OmU, 108 min)
Nova ’78 (Aaron Brookner, Rodrigo Areias, GB/P 2025, OF, 78 min)
13.30 The Chronology of Water (Kristen Stewart, F/LVA/USA 2025, OmU, 128 min)
18.45 The Fence (Claire Denis, F 2025, OmenglU, 109 min)
Geu jayeoni nege mworago hani (Hong Sangsoo, KOR 2025, OmenglU, 108 min)
Gahzl El-Banat (Jocelyne Saab, LIB/F 1985, OmenglU, 105 min)
Tóc, Giáy Và Nuóc (Nicolas Graux, Truong Minh Quy, B/F/VNM 2025, OmenglU, 71 min) 16.15 Cover-Up (Laura Poitras, Mark Obenhaus, USA 2025, OmenglU, 120 min)
Bestiari, Erbari, Lapidari (Massimo D’Anolfi, Martina Parenti, I/CH 2024, OmenglU, 205 min)
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UND PARTNER DER VIENNALE 2024
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Dortmund / Köln
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DIE KURZFILMPROGRAMME
CLOUDS AND MEMORIES
Memory Is an Animal / It Barks with Many Mouths (Eva Giolo, I/B 2025, 24 Min, OmenglU)
As Told by a Corpse (Yace Sula, USA 2025, 5 Min, OF) 09/05/1982
(Camilo Restrepo, Jorge Caballero, MEX/E 2025, 11 Min, OmenglU)
Goo-reum-uh-ro-boo-tuh / From My Cloud (Kim Minjung, SK 2025, 13 Min, kein Dialog) Ya se ven los tigres en la lluvia / Tigers Can Be Seen in the Rain (Oscar Ruiz Navia, COL/CAN 2025, 15 Min, OmenglU)
FLOWERS AND RITUALS
Slet 1988
(Marta Popivoda, SRB/D/F 2025, 22 Min, OmenglU)
A Very Straight Neck (Neo Sora, J/CHN 2025, 10 Min, OmenglU) Daria‘s Night Flowers (Maryam Tafakory, IRN/GB/F 2025, 15 Min, OmenglU)
Keyhole Conversation (Peter Larsson, SWE 2025, 6 Min, kein Dialog)
Some of You Fucked Eva (Lilith Grasmug, F 2025, 14 Min, englOF)
FORCES
Merrimundi
(Niles Atallah, CL 2025, 21 Min, OmenglU)
GASPARCOLOR
Colour on the Thames (Adrian Klein, GB 1935, 8 Min, kein Dialog)
The Ship of the Ether (George Pal, NL 1934, 7 Min, )
Izzó szerelem / Incandescent Love (Gyula Macskássy, György Szénásy, H 1938, 2 Min, kein Dialog)
Hamupipöke mesés mosása / Cinderella‘s Fairy Laundry (Gyula Macskássy, H 1940, 2 Min, OmenglU)
Tanz der Farben / Dance of the Colors (Hans Fischinger, D 1938, 8 Min, kein Dialog)
Fantaisie érotique (Irena Dodalová, Karel Dodal, CZ 1936, 2 Min, OmenglU)
Čaroděj tónů / The Wizard of Tones / Der Tonzauberer (Irena Dodalová, Karel Dodal, CZ 1936, 3 Min, OmenglU)
Barbe Bleue / Blue Beard (Jean Painlevé, F 1938, 13 Min, OmenglU)
Rainbow Dance (Len Lye, GB 1936, 4 Min, kein Dialog)
Colour Flight (Len Lye, GB 1938, 4 Min, kein Dialog) Kreise (Oskar Fischinger, D 1933–1934, 2 Min, kein Dialog)
Medien
APA
Biorama
DATUM
Die Furche
Fleisch Magazin
Rätselfabrik springerin
Vienna Würstelstand
Kultur, Kunst, Non-Pro t
Akademie der Bildenden
Künste
Arbeiterkammer Wien
Arena Wien
Buch Wien
Büchereien Wien
Burgtheater
Die Angewandte
ImPulsTanz
Kulturreferat ÖH Uni Wien
Kunsthalle Wien
Kunsthistorisches Museum Wien
Lateinamerika Institut
mumok
Tanzquartier Wien
VHS Wiener Urania
Volkstheater Wien
Weltmuseum Wien
Wiener Festwochen WUK
Business
cyledge
Direct Marketing
European Youth Card
Filmgalerie Achteinhalb
Gerngross
Goldbach Audience
KAFFEEKÜCHE
Schottentor-Passage
ORF OMC
Protobyte
Schüren Verlag
share
Syoss
Thalia
ZONE Media
Aswìn-pyàung-le-kyin ta-khù / A Metamorphosis (Lin Htet Aung, MMR 2025, 16 Min, OmenglU) Brute Force (Felix Lenz, Ganaël Dumreicher, Ö 2025, 29 Min, englOF)
HUMAN VARIATIONS
L’Atelier Rolle – un voyage / Workshop Rolle – a Journey (Fabrice Aragno, CH 2025, 30 Min, OmenglU)
Doomed And Famous (Bingham Bryant, USA 2025, 10 Min, OmenglU)
Dooni
(Kevin Jerome Everson, Claudrena N. Harold, USA 2025, 8 Min, OF)
Der Angriff des Alfred Edel auf sich selbst / Alfred Edel’s A ack on Himself (Jan Soldat, Ö/D 2025, 15 Min, OmenglU)
Conditio Humana (Friedl vom Gröller, Ö 2025, 3 Min, stumm)
LOVE, LOVING
Lover, Lovers, Loving, Love (Jodie Mack, USA 2025, 14 Min, stumm)
Robert and June (and all the time in the world) (Jem Cohen, USA/CAN 2025, 20 Min, OF) Carol & Joy (Nathan Silver, USA 2025, 39 Min, OF)
NATURAL DARKNESS
Un dragón de cien cabezas / A Hundred-Headed Dragon (Helena Girón, Samuel M. Delgado, E 2025, 15 Min, OmenglU) Index
(Radu Muntean, RO 2025, 29 Min, kein Dialog) de natura tenebrarum / about the nature of darkness (Manuel Knapp, Ö 2025, 14 Min, kein Dialog)
Rojo Žalia Blau (Viktoria Schmid, Ö 2025, 10 Min, kein Dialog)
Komposition in blau (Oskar Fischinger, D 1935, 4 Min, kein Dialog)
Allegre o (Oskar Fischinger, USA 1936–1943, 3 Min, kein Dialog)
Kartenvorverkauf
GARTENBAUKINO: 11. bis 15. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr, 16. Oktober von 10 bis 16 Uhr (1., Parkring 12, U3 Stubentor) Am 11. Oktober 2025 werden bei großem Andrang Wartenummern ausgegeben.
Tickets per Telefon 11. bis 28. Oktober, tägl. 10 bis 20 Uhr Tel. 01/526 594 769 Ausverkaufte Vorstellungen: Ab 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn werden Wartenummern für verfügbare Resttickets ausgegeben
Tickets Online viennale.at Ab 11. Oktober um 10 Uhr
Kartenverkauf Retrospektive Ab 11. Oktober an allen Viennale-Kassen, online und telefonisch
OF Originalfassung englOF englische Originalfassung
OmU
Originalfassung mit deutschen Untertiteln OmenglU Originalfassung mit englischen Untertiteln



Zeitreise mit Digna Sinke, oben rechts: beim Dreh zu „Een Van Gogh aan de muur“ (1978), darunter: fliegender Händler in „Stadrand“ (1973), großes Bild: „Weemoed & Wildernis“ (2010)
Nichts ist für die Ewigkeit
Vom Werk der Zeit: Die Viennale widmet Digna Sinke und ihrem vielstimmigen Kino eine Monografie
Es liegt nahe, ihre Vorliebe für horizontale Kamerabewegungen mit ihrer Herkun zu erklären: Die Niederlande sind eben flach. In geduldigen Fahrten und san en Schwenks erkundet sie deren Land- und Wasserwege. Aber auch außerhalb ihrer Heimat bleibt sie dem Stilmittel treu, etwa, wenn im Off die Briefe gelesen werden, die sich ein Paar über weite Entfernungen schreibt. Natürlich stehen ihrer Kamera auch andere Strategien zu Gebot: Sie kann unbeweglich sein, sich mit dem Kran über das Gelände erheben, kann taumeln und stürzen. Einmal folgt sie gar zwei Figuren, die sich in die Lü e schwingen. Das geschieht freilich in einem Roadmovie, das tatsächlich zu einem holländischen Berg führt.
Dieses monografische Special der diesjährigen Viennale lü et ein gut gehütetes Geheimnis – nicht unbedingt der Filmgeschichte selbst, wohl aber ihrer bisherigen Überlieferung. Außerhalb ihrer Heimat ist Digna Sinkes Name nur Eingeweihten vertraut. 13 Filme hat diese unbesungene Heldin zwischen 1972 und 2025 realisiert. Ihre jüngste, schillernde Arbeit „Hemelsleutel“ läu als Österreich-Premiere, dafür fehlt kurioserweise ihr bekanntester Spielfilm „De stille Oceaan“, der 1984 im Wettbewerb der Berlinale lief.
Nur 13 Titel – das klingt nach einem schmalen, womöglich gar verhinderten Werk. Jedoch kann Sinke auch auf eine rege Tätigkeit als Produzentin (etwa ihrer Kollegin Marion Hänsel) zurückblicken, womit sich ihrer Filmografie flugs verdreifacht. 1968 beginnt sie ihr Filmstudium in Amsterdam. Vier Jahre später entsteht ihr erster Kurzfilm „Groeten uit Zonnemaire“, der vom Besuch in ihrer Heimatstadt handelt. Sie begleitet ihre adrette Mutter durch deren Tagesablauf (nach dem 16-Uhr-Bus ist es Zeit für den Tee!) und ist erstaunt über den Werdegang der Schulkameradinnen. Eigentlich könnte dies die Chro-
ELOGE: GERHARD MIDDING
»Wachzurufen, was einmal
Alltag war, ist der grundlegende Erzählimpuls von Digna Sinkes frühen Filmen
nik einer Entfremdung oder Ablösung sein. Aber ihr Debüt legt den Grundstein zu einer Reihe zärtlicher Erforschungen bürgerlichen Lebens.
„Stadrand“ (1973) erzählt von einem fliegenden Händler, der am Rand der Gesellscha existiert. Ein scheinbar nebensächliches Detail belegt Sinkes Neugier auf ländliches Brauchtum: Die für den Tee oder Kaffee erwärmte Milch wird durch ein Sieb eingeschenkt. Die Regisseurin ist gewissermaßen eine Anthropologin des eigenen Terrains, die es brennend interessiert, wie ihre Landsleute leben und wohnen. Dafür findet sie originelle Ausgangspunkte.
In „Een Van Gogh aan de muur“ (1978) interviewt sie lauter Menschen, die eine Reproduktion von „Caféterrasse am Abend“ besitzen. Van Goghs Gemälde hat für die Befragten eine je eigene Bedeutung und Geschichte, die sich indes nicht einfach nach Bildungsgrad oder Gesellscha sschicht unterscheiden. Während sie eine Pluralität der Sichtweisen einfängt, bleibt sie stets eine zugewandte Porträtistin.
auf, als Rucksacktouristen im eigenen Land. Sinke experimentiert mit brüsken Schnitten, Abblenden und dem klugen Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe. Ihr Kostümfilm „Belle van Zuylen – Madame de Charriere“ (1993), ein Melodram auf dem schmalen Grat zwischen Freundscha , Liebe und Entzauberung, mutet konventionell an. Aber auch hier betrachtet sie mit unnachgiebiger Hellsicht das Werk, das die Zeit an den Gefühlen verrichtet. Danach ist sie bereit, noch tiefer zu schürfen in den kardinalen Themen ihres Kinos.
Das kann leichtfüßig geschehen wie in „Alle dagen even mooi“ (2013), einer Montage von Postkarten aus 100 Jahren, die wie nebenbei von Vertraulichem, Zeitgeschichte und Fortschritt erzählt – ein Prinzip, das sie ein Jahr später in „A er the Tone“ mit Anru eantwortern aufgrei . Vor allem aber entstehen nun ihre Hauptwerke über Vergänglichkeit und Erinnerung, die in „Weemoed & Wildernis“ (2010) und „Bewaren of hoe te leven“ (2018) einzigartiges Gewicht gewinnen.
Die einzelnen Termine finden Sie im Programmteil
Diese Lust am Vielstimmigen prägt auch „De hoop van het vaderland“ (1982), wo sie ehemalige und aktuelle Mitarbeiter der Schulzeitung ihres Gymnasiums in Utrecht interviewt. Dabei scheinen jugendliche Träume und Ambitionen sowie gymnasialer Hochmut auf, die wehmütig mit der Gegenwart abgeglichen werden. Der grundlegende Erzählimpuls von Sinkes frühen Arbeiten –die Erinnerung an das wachzurufen, was einmal Alltag war – kulminiert in „Niets voor de eeuwigheid“ (1990), ihrer Chronik des industriellen Strukturwandels in den Niederlanden, deren Ausgangspunkt die erste Keramikmanufaktur ist. Es ist erstaunlich, wie sich ihre Spielfilme mit dem dokumentarischen Strang vermählen. In „Boven de bergen“ (1992) brechen sechs unterschiedliche Charaktere, philosophisch gerüstet, zu einer Wanderung durch den „flachen Dschungel“ Hollands
Im ersten protokolliert sie den rabiaten Wandel ihrer Heimatinsel in Zeeland von einer Agrarlandscha zu einem Naturschutzgebiet. Die Langzeitbeobachtung ist zugleich ein Tagebuchfilm, in dem sie den Tod ihres Lebensgefährten und ihres Vaters verarbeitet. Ihre Mutter hingegen ist im zweiten noch sehr rüstig, wenn sie mit den Souvenirs ihrer Familiengeschichte konfrontiert wird.
In dieser intimen, facettenreichen Hommage an das Bewahren ist wiederum Platz für die Gegenrede, da lauter digitale Nomaden zu Wort kommen, die nicht mehr besitzen, als in einen Rucksack passt. Digna Sinkes Nostalgie ist dynamisch. Sie nimmt die Zukun in den Blick. F
Gerhard Midding, freier Filmkritiker und Übersetzer in Berlin, schreibt u.a. für epd-Film, die Berliner Zeitung, Die Welt und den Falter

Bonjour Cinéma
Sehen, fühlen, begreifen: Die große ViennaleRetrospektive macht das restaurierte filmische Werk des Regisseurs, Filmtheoretikers und Dichters Jean Epstein (1897–1953) wieder zugänglich

Jean Epstein gilt einerseits als der große Unbekannte unter den Größten des Films. Andererseits ist er einer der radikalsten Aktivisten des frühen Kinos. Außerdem ein Theoretiker, der das Medium mit einer bis heute spürbaren Rigorosität neu gedacht hat. Er war einer jener Pioniere des Mediums, deren Schaffen wie unterirdische Gewässer durch die Filmgeschichte strömen.
Epstein, 1897 In Warschau geboren und in der Schweiz aufgewachsen, entdeckte früh das Kino für sich. Zuerst ging er zum Medizinstudium nach Lyon und lernte dort Auguste Lumière kennen. Dann, 1920, zog es ihn nach Paris und er bewegte sich im Zentrum einer ersten cinephilen Bewegung, der neben ihm auch Abel Gance, Marcel L’Herbier, Louis Delluc und Germaine Dulac angehörten. Kinobegeisterung hatte zu diesem Zeitpunkt – ob in Paris oder andernorts, etwa bei Dziga Vertov oder Béla Balázs – wenig mit romantischer Verklärung der neuen Kunst zu tun, sondern verband zahlreiche Forschungsbewegungen im Au ruch.
Im Zusammenhang und vor dem Hintergrund dieses Milieus begann Jean Epstein, sich mit den spezifischen technischen und ästhetischen Merkmalen des Films auseinanderzusetzen und sie interdisziplinär zu durchdenken. In einem seiner frühen Bücher, „Bonjour cinéma“ (1921), ein Fiebertraum vom Kino, legte er erstmals seine Gedanken und Ideen zum neuen Medium poetisch und analytisch dar – Gedanken und Ideen, die er mit seinen Filmen wiederum in fiebrige Taten umsetzte.
Die Kamera ist für ihn ein Forschungsinstrument, das das menschliche Wahrnehmungsspektrum – gleichrangig neben Mikroskop und Fernrohr – erweitert. Angefixt ist er darüber hinaus von der eigentümlichen Zeitlichkeit, die der Kinematograf beim Zusammenspiel von Aufnahme, Montage und arrangierter Wiedergabe zu erzeugen in der Lage ist – eine Anordnung von handfester materieller (oder maschineller) Substanz, mit deren Spiel sich aber solch elaborierte Erscheinungen hervorbringen lassen, dass er von „einer Maschine zum Denken der Zeit“ spricht.
Man könnte auch sagen, dass ihn an der Apparatur des Kinos nicht die Pflicht, sondern die Kür interessierte, also nicht die Herstellung von Kausalität oder Linearität, sondern von Simultaneität. In seinen Texten hatte er bereits seine Vision eines dynamischen und perspektivreichen Filmgeschehens beschrieben: die Erschaffung eines „perfekten Kreises von unmöglicher (sic) Gleichzeitigkeit“.
In „Cœur fidèle“, gedreht 1923, schritt er zur Tat, diese unmögliche Gleichzeitigkeit zu inszenieren: Eine zentrale Szene dieses Films, in dem sich heißer, melodramatischer Elan und kühle, neusachliche Strukturiertheit wie selbstverständlich

Epsteins Weg vom fiebrigen Melo zur dokumentarischen Erhabenheit (von links): „Cœur fidèle“ (1923), „La glace à trois faces“ (1927), „Finis Terrae“ (1929)

Nicole Brenez, Ralph Eue (Hg.): Jean Epstein. Bonjour Cinéma und andere Schri en zum Kino. FilmmuseumSynemaPublikationen, 160 S., € 18,–
Ralph Eue ist Filmkritiker, Übersetzer und (Mit-)Herausgeber von Büchern zu Jean Epstein, Marcel Ophüls, Julien Duvivier, Susan Sontag u.a. Er lebt und arbeitet in Berlin
Retrospektive im Österr. Filmmuseum: 17.10. bis 27.11. Filme und Termine finden Sie im Programmteil
Alle stummen Filme werden mit Live-Musik gezeigt

durchdringen, besteht aus einer mehrminütigen, virtuosen Schnittfolge zwischen nah aufgenommenen Gesichtern des Liebespaars auf einem Karussell, Totalen des Jahrmarkts, Halbtotalen der Karussellpferde, verwischten Wahrnehmungen umstehender Jahrmarktsbesucher, Einblicken ins Räderwerk des Fahrgeschä s etc. Die suggerierte Gleichzeitigkeit dieser Blickwinkel lässt ein Schwindelgefühl entstehen, das wiederum den emotionalen Taumel der Protagonisten widerspiegelt.
Über den schnellen Schnitt hinaus bilden für Epstein Trickmittel wie Zeitlupe, Zeitraffer und Inversion weitere Möglichkeiten, um die Subjektivität des menschlichen Zeitempfindens zu suggerieren. Die Termini „Unwägbarkeit“, „Relativität“ und „Instabilität“ ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Gedanken.
„La chute de la maison Usher“ (1928, deutsch: „Der Untergang des Hauses Usher“) ist gewiss Epsteins berühmtester, auch sein kommerziell erfolgreichster Film. Ein singuläres Werk, das sich sowohl formal als auch von den psychologischen Implikationen her deutlich von anderen Verfilmungen der Bücher von Edgar Allan Poe unterscheidet. Es ist zudem noch ein Solitär im Werk des Regisseurs selbst.
Epstein nahm sich in seiner Adaption von Poes Erzählung große Freiheiten: Aus den Geschwistern Usher wurde bei ihm ein Ehepaar; zusätzlich integrierte er Motive aus einer anderen Poe-Story („The Oval Portrait“), indem er das Verhältnis von ewiger Schönheit und vergänglicher Vitalität ins Zentrum rückte. Die Handlung ist weniger psychologisch motiviert, als vielmehr abstrakt und traumwandlerisch erzählt. Bemerkenswert ist der massive Einsatz von filmischen Mitteln wie Zeitlupe, Mehrfachbelichtungen, Überblendungen und surrealen Bildkompositionen – Techniken, die eine „irrationale“, schwebende Atmosphäre erzeugen, in der Zeit und Raum auseinanderfallen.
Epsteins „Usher“ macht zwar Anleihen beim Surrealismus, ist aber nicht so bilderstürmerisch wie etwa Luis Buñuels in zeitlicher Nachbarscha entstandener Klassiker „Un chien andalou“ (1929). Andererseits lassen sich in Carl Theodor Dreyers visionärem frühen Tonfilm „Vampyr“ (1931) atmosphärische Anleihen aus dem „Usher“ identifizieren.
Die Beantwortung der Frage, ob „La chute de la maison Usher“ auch Epsteins bester Film ist, liegt natürlich in der Wahrnehmung der jeweiligen Betrachter: In manchen cinephilen Zirkeln gilt der Film einerseits als „barockes, von symbolischer Überdetermination durchdrungenes Unikat“. Andererseits wurde er von Henri Langlois und Georges Franju 1935 als erster Titel für eine Filmsammlung erworben, die später als Cinémathèque française bekannt werden sollte.
Ende der 1920er-Jahre entdeckte Epstein in der Bretagne eine neue filmische Heimat. In einer Reihe von Filmen – etwa „Finis Terrae“ (1929), „Mor’Vran“ (1930), „L’or des mers“ (1932) oder dem souveränen Spätwerk „Le tempestaire“ (1947) – nahm er Landscha , Meer und mythische Elemente her und arbeitete mit ihnen als Teilen virtuos überhöhter Kompositionen.
Diese Arbeiten stellen eine eigene Werkgruppe in seiner Filmografie dar. Sie stechen in Thema, Stil und filmischer Haltung deshalb besonders hervor, weil sich der Regisseur darin zu einer geradezu orthodoxen dokumentarischen Verlässlichkeit verpflichtete, zugleich aber den Eindruck vermittelte, als würde er mit jeder Einstellung dieser Filme die Welt neu erfinden. Er filmte Fischer, Stürme, den Rhythmus der Gezeiten. O beginnen seine Filme mit geradezu ethnografischer Neutralität, die sich aber unversehens in eine Poetik der Elemente wandelt – in Kompositionen, die den Ozean als vibrierende Metapher des Lebens selbst gestalten. Wind, Meer, Licht und Nebel offenbaren sich als Darsteller eigenen Rechts und erscheinen wie urtümliche Krä e, die seinen Filmen die Richtung geben.
Kinobilder vermögen etwas ans Licht zu holen, das dem bloßen Auge verschlossen bleibt. Dieses Prinzip nannte Epstein, im Chor mit einigen Zeitgenossen, Photogénie. (Im Adjektiv „fotogen“ ist noch eine blasse Erinnerung an dieses Konzept enthalten. In der avantgardistischen Filmtheorie der 1920erJahre war damit allerdings kein Attribut des abgebildeten Menschen bezeichnet, sondern ein diagnostisches Vermögen des Apparats.) „Photogénie“ als eine Art philosophisches Werkzeug, dazu angetan, Dinge zu verzaubern, zugleich aber auch ihre verborgene Wahrheit freizulegen. Denn für Epstein waren Film und Kino unweigerlich sowohl dem Zauber als auch der Wahrheit verpflichtet. Ohne das eine ist das andere nichts – und umgekehrt. Zwar ist das Kino eine hochmoderne und dem technischen Fortschritt geschuldete Maschine, aber diese Maschine erzeugt einen mehrfachen Überschuss, der zurückführt zu animistischen und mythischen Fragen, die so alt sind wie die Menschheit. Im Kino, so Epstein, seien Materie und Geist „wie Wasser und Dampf“, also nichts Gegensätzliches, sondern unterschiedliche Aggregatzustände des Gleichen. Hier liegen auch die Keime eines Denkens, die Jahrzehnte später noch einmal bei Jean-Luc Godard aufgehen und zu später Blüte gelangen sollten. Als Godard erklärte, das Kino sei für ihn eine „Form, die denkt“, da knüp e er unmittelbar an Epsteins Theorien und seine Filme an: das Vertrauen darauf, dass ein Leinwandgeschehen nicht bloß Abbild, sondern Denkbewegung ist – eine Abfolge von körperlichen Bildern, die selbst Bewusstsein erzeugt. F


der Kriegsführung werden
Massimo D’Anolfi und Martina Parenti haben in ihrem filmdokumentarischen Werk eine künstlerische Sprache entwickelt, die zwischen minutiöser Beobachtung und abstrakter Bildkomposition oszilliert. Der 2007 gedrehte Debütfilm „I promessi sposi“ macht die Ehe als Schnittstelle von Staat (Bürokratie), Kirche (Moral) und Gesellscha (Disziplinierung) erfahrbar. „Grandi speranze“ (2009) erinnert in seiner präzisen Beobachtung unternehmerischer Praktiken und betriebswirtscha licher Diskurse an die Arbeiten von Harun Farocki, der ebenfalls die Routinen, Trainings und Inszenierungen globaler Ökonomie-Akteure filmisch analysierte. „Materia oscura“ (2013) dokumentiert das sardische Waffenerprobungsgelände „Poligono Sperimentale del Salto di Quirra“ in konsequentem Minimalismus und ohne Voiceover. In „BLU“ (2018) werden industrielle Produktionsabläufe mit meditativer Präzision beobachtet, wodurch rhythmische, mechanische Bewegungen zu poetischen Bildsequenzen verdichtet werden, die zugleich die Entfremdung moderner Arbeit erfahrbar machen.
In den späteren Arbeiten reflektieren D’Anolfi & Parenti gesellschaliche Ordnungen und Kontrollsysteme. „Il castello“ (2011) untersucht Grenzsysteme und Kontrollarchitekturen postindustrieller Gesellscha en
Poesie des Politischen
In ihren Dokumentarfilmen verbinden D’Anolfi & Parenti kontemplative Beobachtung mit visueller Poetik und eröffnen neue Perspektiven auf das Politische
SICHTUNG: RAMÓN REICHERT
am Beispiel des Malpensa Airport in Mailand. „Una giornata nell’archivio Piero Bottoni“ (2022) thematisiert die Ordnung, Abwesenheit und Vergänglichkeit kollektiven Wissens in Archiven. Beide Filme bieten subtile Kommentare darüber, wie Gesellscha en ihre Ordnungen von Zugehörigkeit und Fremdheit stabilisieren und dabei Verwerfungen, Hierarchien und Traumata legitimieren.
Leerstellen und Brüche
rung). Diese Ebenen überlagern sich sichtbar, nicht erklärend, sodass Bedeutungen erst im Zusammenspiel von Bildern, Tönen und Montage entstehen.
Wie Cesare Pavese interessieren sich D’Anolfi & Parenti nicht für spektakuläre Ereignisse, sondern für die feinen, o übersehenen Strukturen des Lebens
Wie der Schri steller Cesare Pavese in „Il mestiere di vivere“ (1952) das alltägliche Leben, seine kleinen Rituale und die leisen Spuren menschlicher Existenz reflektierte, so richten D’Anolfi & Parenti, geboren 1972 resp. 1974, ihre Kamera auf Prozesse, Orte und Materialien, die auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen. Ihre Langzeitbeobachtungen von Stadt, Industrie, Natur und Arbeit gleichen einem poetischen Tagebuch. Dort werden nicht nur handwerkliche Routinen und Wissenspraktiken festgehalten, sondern auch Leerstellen, Unterbrechungen und Pausen – jene unscheinbaren Momente, in denen sich die Vergänglichkeit der Dinge und die Fragilität menschlicher Präsenz offenbaren.
Jede Szene in „L’infinita Fabbrica del Duomo“ (2015) offenbart die Prä-
zision handwerklicher Arbeit und die Zeitlichkeit eines jahrhundertealten Bauwerks. Die langen Einstellungen ohne erklärenden Kommentar schaffen produktive Leerräume, die Zuschauer*innen zur aktiven Sinnbildung einladen und die Wahrnehmung von Nebengeräuschen, Gesten, Blicken und Materialität ermöglichen.
„Guerra e pace“ (2020) untersucht die Darstellung von Krieg in bewegten Bildern vom frühen Kino bis zu heutigen Konflikten. Archivaufnahmen, digitale Überwachungstechnologien und filmische Reflexionen verweben sich zu einer visuell-essayistischen Erkundung von Macht, Gewalt und Erinnerung. Der Film zeigt, wie Bilder selbst Teil der Kriegsführung und der historischen Überlieferung werden. Wie Pavese interessieren sich D’Anolfi & Parenti nicht für spektakuläre Ereignisse, sondern für die feinen, o übersehenen Strukturen des Lebens, die in ihrer stillen Präsenz gesellscha liche und historische Realität spiegeln.
Schichtungen
Ihre Filme arbeiten auf mehreren Ebenen zugleich: materielle Oberflächen (Stein, Metall, Pflanzen), soziale Prozesse (Arbeit, Archivpflege), zeitliche Ebenen (gegenwärtige Gegenstände, historische Spuren) und symbolische Bedeutungen (Macht, Verlust, Erinne-
So ist die Dreiteiligkeit von „Bestiari, Erbari, Lapidari“ (2024) selbst eine Schichtung: Tiere, Pflanzen, Stein. Jede Episode legt unterschiedliche epistemische Schichten frei –Naturphänomene, Wissenssysteme, filmische Vermittlung. Die Montage ermöglicht Dialoge zwischen diesen Wissensformen, ohne dass sie verbal erklärt werden müssen. Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, Spiegelungen und durchlässige Räume (Fenster, Gitter) machen gleichzeitig verschiedene Narrative sichtbar.
Die Tonspur kombiniert Umweltgeräusche, Arbeitsgeräusche, entfernte Stimmen und gelegentliche Musik zu einer vielstimmigen Ebene, die unabhängig vom Bild zusätzliche Bedeutungslagen eröffnet. Lange, aufmerksam komponierte Einstellungen geben dem Einzelbild Zeit, interne Schichten freizulegen. Der Schnitt verbindet o nicht kausal, sondern assoziativ, wodurch gedankliche und emotionale Ebenen entstehen. Auch das Einfügen von Archivbildern schafft historische Tiefe: Diese Elemente lassen Gegenwart und Vergangenheit simultan hörund sichtbar werden.
Das dokumentarische Werk von D’Anolfi & Parenti ist visuell rigoros, formal poetisch und inhaltlich hochkomplex. Durch ihre präzise Kameraarbeit und die meditative Rhythmik des stillen Erzählens entstehen Kinobilder, die Raum geben, die Welt eigenständig und aktiv zu beobachten, zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. F
Ramón Reichert ist Kulturwissenscha ler und Medientheoretiker und lebt in Wien.
Die Termine finden Sie im Programmteil
VIENNALE TALKS
FREIER EINTRITT BEI ALLEN VERANSTALTUNGEN!

METRO KINOKULTURHAUS/KINOSALON 1., Johannesgasse 4
Mi 22. 10., 18.15 Uhr GESPRÄCH MIT LUCRECIA MARTEL

Eines der Wunder, die sich in Martels Filmen auf immer neue Weise offenbaren, ist, bisher Unsichtbares plötzlich nicht nur klar vor Augen zu haben, sondern eine Erkenntnis erfahren zu „müssen“. Martels spezielle Form der kompromisslosen und doch als notwendig verstandenen Konfrontation mit kollektiver Erinnerung und deren klaffenden Wunden durchzieht ihr Werk. Furchtlos (und) sinnlich, so entschlossen wie sensibel spürt sie der Substanz nach, auf der „Ordnungen“ installiert wurden. Gesellschaftliche, politische, letztlich persönliche Systeme, deren Bruchlinien beharrlich gedehnt werden müssen. Im Gespräch mit Kathrin Resetarits soll sich zeigen, welcher Methoden praktischer, ethischer, intellektueller Natur es bedarf, Kino als kritische Form der Weltaneignung zu „er-denken“ und es, so charakteristisch für Martel, gleichermaßen als poetische Praxis zu nutzen.
In Kooperation mit

Sa 25. 10., 16.30 Uhr GESPRÄCH MIT EVA NEYMANN
Filme entstehen nie im luftleeren Raum. Gerade in restriktiven Kontexten zeigt sich, wie stark Machtstrukturen künstlerische Arbeit prägen, aber auch, welche Möglichkeiten Filmemacher:innen finden, um zu reagieren. Eva Neymann (WHEN LIGHTNING FLASHES OVER THE SEA), Olga Kosanovic´ (NOCH LANGE KEINE LIPIZZANER) und Lisa Polster (BÜRGLKOPF)

diskutieren mit Andrea Ernst über filmische Formen des Widerstands und der Subversion, über die Rolle dokumentarischer Verfahren und, wie sich im Kino ein Zwischenraum öffnen lässt, in dem sich jeder Mensch wieder finden kann. In Kooperation mit

Mo 27. 10., 20 Uhr
GESPRÄCH MIT JULIA DUCOURNAU
Eine der herausragendsten Filmemacher:innen des aktuellen Genrekinos ist zu Gast: Julia Ducournau hat das Horrorgenre in seinen vielschichtigen Aspekten aus Europa heraus neu gedacht und seine Grenzen in Arbeiten wie GRAVE oder TITANE so überlegt wie überzeugt tabulos verschoben.

Anlässlich ihres neuen Films ALPHA bietet sich im Gespräch mit Ducournau die Gelegenheit zum Austausch, um auszuloten, was einer von unverhohlenen Monstrositäten geprägten Realität noch zugefügt werden kann. Angst als ästhetische Kraft, Intimität und Körper im Kontext mythologischer Wucht – und die schiere Lust am filmischen Exzess sind im Kino des „Unheimlichen“ möglicherweise das Portal zur radikalen Besinnung.
In Kooperation mit
VIENNALE MEETING POINT

Erstmals lädt die Viennale heuer zu einem o ziellen Meeting Point in die stilvolle Intermezzo Bar des o ziellen Festivalhotels InterContinental Wien. Eine der renommiertesten Bars der Stadt wird zum Tre punkt für Besucher:innen, Filmscha ende und Gäste des Festivals. Die Bar bietet den idealen Rahmen, um bei klassischen Cocktails und Drinks in entspannter Atmosphäre zu plaudern, sich auszutauschen und zu diskutieren – ein stilvoller Ausklang für einen intensiven Festivaltag.
SHAKEN, NOT STIRRED. GET A DRINK ON US.
Großes Kino – mit ihrem imposanten Kristallluster bietet die Intermezzo Bar die perfekte Kulisse für einen glamourösen Abend. Speziell zur Viennale mixen unsere Barkeeper die legendärsten Drinks der Filmgeschichte oder verwöhnen Sie mit einer alkoholfreien Erfrischung. Mit Ihrem tagesaktuellen Viennale Ticket erhalten Sie 2 for 1 (ausgenommen Spezialspirituosen).
INTERMEZZO BAR
Täglich 18 bis 2 Uhr
Hotel InterContinental Wien
Johannesgasse 28, 1030 Wien

VIENNALE PARTYS
FREIER EINTRITT BEI ALLEN VERANSTALTUNGEN!
Viennale Club Nights: In diesem Jahr zieht die Festival-Partyline für zwei Abende in die etablierte Wiener Club-Institution Praterstrasse. Dort präsentiert die Viennale exklusive DJ-Sets – nur unweit von den Festivalkinos entfernt.
In Kooperation mit


Fr 17. 10., ab 23 Uhr PRATERSTRASSE 2., Praterstraße 18 LARS EIDINGER / TMNIT
Lars Eidinger ist aus dem Viennale-Partyprogramm nicht mehr wegzudenken und hat sich längst als feste Größe etabliert. In diesem Jahr ist er jedoch nicht nur als DJ zu erleben, sondern auch mit seinem neuen Film LEIBNIZ – CHRONIK EINES VERSCHOLLENEN BILDES. Direkt nach der Premiere geht es auf die Tanzfläche, wo sein mehrstündiges Set aus eklektischem Pop, Rap, 80er-Sounds und Techno garantiert niemanden stillstehen lässt. Eröffnet wird der Abend von TMNIT, die afrikanische und Diaspora-Sounds mit House, Footwork und Zouk verbindet – tanzbar, politisch und genreübergreifend.
Mit Unterstützung von ABA – FILM in AUSTRIA


Fr 24. 10., ab 23 Uhr PRATERSTRASSE 2., Praterstraße 18 LEFTO EARLY BIRD / DIA (BOOSTER CLUB) Aus Brüssel mischt Lefto Early Bird seit über drei Jahrzehnten Genres auf einzigartige Weise. Sein Sound vereint Jazz, Electronica, Techno, House und Hip-Hop zu einem stimmigen Ganzen. In Radioshows auf Kiosk Radio, The Lot, Worldwide FM und NTS erzählt er Geschichten, verbindet Hörer:innen weltweit und öffnet Grenzen für neue musikalische Perspektiven. Als Kurator, Musiker und Stimme der Szene prägt er die globale Musiklandschaft nachhaltig. In ihrem Opening-Set mischt DIA Baile&Arab Funk, Rap, Trance, Gqom, Bass, sowie arabische und südasiatische Klänge.
einem Autounfall ums Leben, den Laura fast gänzlich unverletzt übersteht. Eine fremde Frau, die den Unfall gesehen hat, nimmt die verwirrte Laura in ihrem verwunschenen Haus auf. Während sich zwischen Be y und Laura eine Art Mu er-Tochter-Beziehung entwickelt, reagieren Be ys Mann und Sohn höchst merkwürdig auf Laura. Petzolds geheimnisvolle Geschichte ist Eröffnungsfilm der Viennale 2025. Gartenbau: Do 16.10., 19.00 + Stadtkino im Künstlerhaus: Do 16.10., 20.30 + Sa 18.10., 15.30 + Urania: Do 16.10., 21.00 + Metro: Do 16.10., 21.00 (OmenglU)
Mother’s Baby (Ö/CH/D 2025) R: Johanna Moder D: Marie Leuenberger, Hans Löw, Claes Bang, Julia Franz Richter. 108 min. Julia, eine erfolgreiche Dirigentin, und ihr Partner Georg sehnen sich nach einem Kind, als der Arzt Dr. Vilfort ihnen Hoffnung gibt. Nach der erfolgreichen Behandlung in seiner Klinik wird Julia schwanger. Doch die Geburt verläu anders als erwartet. Der Säugling wird sofort weggebracht, Julia im Unklaren darüber gelassen, was passiert ist. Als sie endlich wieder mit ihrem Baby vereint ist, fühlt sie sich seltsam distanziert: Ist dies wirklich ihr Kind?
Gartenbau: Sa 18.10., 18.30 + Urania: Di 21.10., 16.00 (OmenglU)
Noghteh-e-goriz / The Vanishing Point (IRN/ USA/F 2025) R: Bani Khoshnoudi. 104 min. Die 1977 in Teheran geborene, im Exil lebende Künstlerin und Filmemacherin Bani Khoshnoudi, deren Dokumentarfilm „The Silent Majority Speaks“ (2010) über die Proteste im Iran 2009 verboten wurde, legt nun eine Mischung aus Familienporträt, Home Movie und Chronik totalitärer Unterdrückung vor. Sie überblendet drastische Aufnahmen rund um die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung mit Bildern ihrer eigenen Familie – und findet auch die Geschichte ihrer Cousine Nazanin wieder, die nach der Revolution von 1979 in den Iran zurückgekehrt war und im Evin-Gefängnis ermordet wurde. Metro: Do 23.10., 18.15 + Filmmuseum: So 26.10., 15.30 (OmenglU) No Mercy (D/Ö 2025) R: Isa Willinger. 104 min. „Frauen machen die härteren Filme!“, sagte die ukrainische Regisseurin Kira Muratova der jungen Filmemacherin Isa Willinger am Beginn ihrer Filmkarriere. Für ihre Doku begibt sich Willinger auf eine Reise zu den großen Regisseurinnen unserer Zeit, trifft Ikonen ebenso wie Newcomerinnen und radikale Vordenkerinnen. Dabei untersucht sie, inwiefern die Leinwand eine Projektionsfläche realer gesellscha licher Probleme und Machtverhältnisse ist. Mit dabei: Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes, Alice Diop, Valie Export, Nina Menkes, Marzieh Meshkini, Mouly Surya, Céline Sciamma, Joey Soloway, Monika Treut und Apolline Traoré. Stadtkino im Künstlerhaus: Do 23.10., 17.30 (OmU) + Urania: Fr 24.10., 11.00 (OmenglU) Nouvelle Vague (F 2025) R: Richard Linklater D: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, Adrien Rouyard. 105 min. Jean-Luc Godards Krimidrama „Außer Atem“ (1960) gehört zu den großen Filmklassikern, doch was ist die Geschichte dahinter? Linklater wir in seiner Hommage an das ikonische Werk einen Blick auf die Dreharbeiten, ganz im Stil seines Vorbilds in Schwarz-Weiß, im Format 1:1,37, mit viel Humor und dem Esprit der frühen Sixties. Guillaume Marbeck gibt den Regisseur, der alle Regeln des Filmbusiness bricht. Er verstrickt sich in Scharmützel mit seiner US-Hauptdarstellerin Jean Seberg, die seinen unorthodoxen Methoden wenig abgewinnt. An der Seite von Zoey Deutch übernimmt Aubry Dullin die Rolle von Jean-Paul-Belmondo, für den „Außer Atem“ den internationalen Durchbruch bedeutete. Gartenbau: Fr 17.10., 13.00 (OmenglU) + Mo 27.10., 20.45 (OmU) Nova ’78 (GB/P 2025) R: Aaron Brookner, Rodrigo Areias. 78 min. Rund 40 Stunden an Filmmaterial fanden sich vor Kurzem im Archiv des Poeten John Giorno. Darauf zu sehen: Bilder der von Giorno mitveranstalteten „Nova Convention“ aus dem Jahr 1978. Im Verlauf von drei Tagen fanden in New York Lesungen, Performances, Konzerte und Podiumsdiskussionen zu Ehren und unter Mitwirkung des Schri stellers William S. Burroughs sta . Mit dabei u.a.: Pa i Smith, Allen Ginsberg, Laurie Anderson, Frank Zappa, Julia Heyward, Philip Glass, John Cage, Timothy Leary, Anne Waldman und Jim Jarmusch. Stadtkino im Künstlerhaus: Sa 25.10., 17.45 + Urania: Di 28.10., 11.00 (OF) Nuestra Tierra / Landmarks (ARG/DK/FMEX/NL/USA 2025) R: Lucrecia Martel. 119 min. Javier Chocobar, ein 68-jähriger indigener Anführer, wurde im Jahr 2009 in der nordwestargentinischen Provinz Tucumán getötet. Fast zehn Jahre dauerte es, bis der Fall nach Protesten endlich vor Gericht verhandelt wurde. Die drei angeklagten Männer behaupten, sie seien von den Mitgliedern der Chuschagasta-Gemeinscha umzingelt worden und hä en aus Notwehr gehandelt. Regisseurin Martel lässt ihre Doku-Bilder für sich selbst sprechen: O wirken sie wie ein Gerichtsdrama, in dem die Behörde die Indigenen mit weit weniger Respekt behandelt als die mutmaßlichen Mörder und koloniale Landkämpfe offenbar werden. Stadtkino
im Künstlerhaus: Di 21.10., 20.30 + Urania: Mi 22.10., 21.00 (OmenglU)
Nuit obscure – „Ain’t I a Child?“ / Obscure Night – Ain’t I a Child? (CH/F/P 2025) R: Sylvain George. 164 min. Bereits in zwei Vorgängerfilmen, „Obscure Night – Wild Leaves“ (2022) und „Obscure Night – Goodbye Here, Anywhere“ (2023), hat der Regisseur und linke politische Aktivist Sylvain George junge maghrebinische Flüchtlinge porträtiert. Im letzten Teil der Trilogie, erneut in Schwarz-Weiß-Bildern gehalten, haben sie es aus der spanischen Exklave Melilla in Marokko nach Paris geschafft und entdecken die Lichter und Schimären, die Freuden und Gewalt dieser Großstadt. George begleitet sie, während Europa wegschaut. Metro Kinosalon: So 26.10., 20.00 + Di 28.10., 17.30 (OmenglU)
O Agente secreto / The Secret Agent (BRA/F/D/ NL 2025) R: Kleber Mendonça Filho D: Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Irandhir Santos, Udo Kier. 161 min. 1977 in der Küstenstadt Recife zur Zeit der brasilianischen Militärdiktatur: Der Mi vierziger Marcelo kehrt während der Karnevalswoche hierhin zurück, da er hofft, seinen Sohn wiederzusehen. Doch seine Ankun bleibt nicht unbemerkt – zwischen feiernden Menschenmengen und allgegenwärtiger Gewalt gerät Marcelo in ein immer dichter werdendes Netz aus Überwachung, Korruption und Misstrauen. Gartenbau: Mi 22.10., 21.00 (OmU) + Urania: Do 23.10., 21.15 (OmenglU)
O riso e a faca / I Only Rest in the Storm (P/F/BRA/ RO 2025) R: Pedro Pinho D: Sérgio Coragem, Cleo Diára, Jonathan Guilherme. 211 min. Der portugiesische Umweltingenieur Sergio reist ins westafrikanische Guinea-Bissau, um für eine NGO die Folgen eines großen neuen Straßenprojekts zu bewerten, das abgeschiedene Dschungelsiedlungen mit der Zivilisation verbinden soll. Doch bald schon interessiert er sich mehr für die Femme fatale Diara und deren queeren Freund Guillermhe und taucht in die kreolische Kultur ein. Als Spannungen zwischen den dreien entstehen, werden Sergio die kapitalistischen und postkolonialen Dynamiken seiner Mission immer bewusster. Metro: Di 21.10., 19.00 (OmU) + Metro Kinosalon: Do 23.10., 10.30 (OmenglU) Oskolky / The Shards (GEO/D 2024) R: Masha Chernaya. 89 min. Im Frühjahr 2022 bereitet sich Mascha darauf vor, Russland zu verlassen – ihre veränderte Heimat. Es folgt eine Ke e unerwarteter Abschiede: Ihre Mu er stirbt an Krebs, ihr Partner entzieht sich der Einberufung zum Militärdienst, und alles, auch ihr altes Ich, ihre Persönlichkeit, bricht zusammen. Ihre Art, mit den Ereignissen umzugehen, besteht darin, alles mit der Kamera festzuhalten. Ein bemerkenswertes Kaleidoskop aus Scherben über persönliche und kollektive Trauer. Urania: Di 21.10., 11.00 + Filmmuseum: Do 23.10., 13.30 (OmenglU)
Paternal Leave – Drei Tage Meer (D/I 2025) R:
Alissa Jung D: Juli Grabenhenrich, Luca Marinelli, Arturo Gabbriellini, Joy Falle i Cardillo, Gaia Rinaldi. 113 min. Als die 15-jährige Leo, die in Deutschland ohne Vater aufgewachsen ist, von dessen Identität erfährt, macht sie sich auf die Suche nach ihm. Sie findet Paolo in einer vollgestellten Strandbar an der winterlichen Küste Norditaliens, hier hat er eine neue Familie gegründet. Zunächst will Leo nur Antworten, doch bald sehnt sie sich nach einem Platz im Leben ihres Vaters und bleibt erstmal in dem kleinen Ort. Die beiden entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten, doch dann holt sie die Realität mit all ihrem Gefühlschaos unweigerlich ein. Stadtkino im Künstlerhaus: So 26.10., 17.00 (OmU) + Urania: Mo 27.10., 15.45 (OmenglU) Pee chai dai ka / A Useful Ghost (THA/SGP/F/D 2025) R: Ratchapoom Boonbunchachoke D: Davika Hoorne, Witsarut Himmarat, Apasiri Nitibhon, Wanlop Rungkumjud. 130 min. Nachdem seine Frau Nat auf tragische Weise an einer Staubverschmutzung gestorben ist, ist March am Boden zerstört. Da entdeckt er zu seiner Verwunderung und Freude, dass der Geist seiner Frau in einem Staubsauger weiterlebt. So absurd es auch erscheinen mag, ihre Bindung erwacht neu, stärker denn je. Marchs Angehörige allerdings sind gegen die übernatürliche Beziehung. Um ihnen ihre gute Absicht zu beweisen, bietet Nat an, die vom Geist eines verunglückten Arbeiters heimgesuchte Fabrik der Familie zu reinigen. „A Useful Ghost“ ist „quietschvergnügliche Romanze, böse Gesellscha ssatire und politische Allegorie: Die Geister der Vergangenheit wird man nur los, wenn man nicht versucht, sie unter den Teppich zu kehren“ (Michael Pekler). Metro: Mo 20.10., 13.30 (OmU) + Stadtkino im Künstlerhaus: Do 21.10., 23.30 (OmenglU)
Peter Hujar’s Day (USA/D 2025) R: Ira Sachs D: Ben Whishaw, Rebecca Hall. 75 min. Der Fotograf Peter Hujar (1934–1987) war eine zentrale Figur der New Yorker Kunst- und Kulturszene der 1970er und 1980er. Im Jahr 1974 zeichnete er gemeinsam mit der Schri stellerin Linda Rosenkrantz eine Unterhaltung auf Tonband auf. In ihr ging es um 24 Stunden im Leben Hujars, das von Begegnungen mit Szenegrößen wie Allen Ginsberg und Susan Sontag, aber auch von finanzieller Not geprägt
FEATURE Ein gelungenes Spielfilmdebüt


Nachdem sie Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde, versucht Agnes, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen: Eva Victor, unten mit John Carroll Lynch
Für immer Winter: Eva Victors behutsame Tragikomödie „Sorry, Baby“
D as Schlimme passiert hinter verschlossenen Türen. Als Agnes in der Dämmerung das Haus ihres Literaturprofessors betritt, um über ihre Doktorarbeit zu sprechen, bleibt die Kamera draußen. Ein paar Stunden später stolpert sie mit offenen Schuhbändern wieder heraus. Es ist dunkel geworden, ihre Welt hat sich traumatisch verändert.
Eva Victors Tragikomödie „Sorry, Baby“ erzählt von einem sexuellen Übergriff, ohne diesen zu zeigen. Vor allem geht es um das, was danach kommt: die Panikattacke im Auto Jahre später, der empathiebefreite Gynäkologe, der Agnes dafür rügt, sich nach der Vergewaltigung gewaschen zu haben – Spurenverwischung –, oder die Beschwerdestelle an der Uni, die bedauert, nichts für sie tun zu können. In Agnes’ kleinem Häuschen knarrt der Boden und der Wind pfei um die Ecke: Was zuvor gemütlich war, fühlt sich plötzlich bedrohlich an.
Gekonnt verschränkt Victor Schwere und Humor. Die amerikanische Regisseurin und Dreh-
buchautorin erlangte durch lustige Videos auf Social Media Bekanntheit. In ihrem bemerkenswerten Langfilm-Debüt spielt sie selbst die Rolle der Agnes, deren Figur sich einreiht in eine Riege von tollpatschigen, aber klugen Frauen, wie wir sie von Lena Dunham oder Greta Gerwig kennen.
In einzelnen Kapiteln folgen wir Agnes, wie sie versucht, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen: Sie schließt ihr Studium ab, ihre beste Freundin zieht weg, sie nimmt den Lehrstuhl ihres ehemaligen Professors und Vergewaltigers an. Dabei herrscht immer Winter: kahle Bäume, eisblauer Himmel, ein gefrorener Teich. Zum Schluss sprießen endlich ein paar zarte, grüne Blätter. Und Agnes entschuldigt sich beim Baby ihrer besten Freundin: „Sorry, Baby, für all die schlimmen Sachen, die dir widerfahren werden.“
SARA SCHAUSBERGER
Stadtkino im Künstlerhaus: Sa, 18.10., 20.45 (OmU) Urania: Do, 23.10., 13.30 (OmU)
Locarno. Gartenbau: So 19.10., 18.30 (OmU) + Metro: Fr 24.10., 10.30 (OmenglU) With Hasan in Gaza (PSE/D/F/QAT 2025) R: Kamal Aljafari. 108 min. 2001 in Gaza. Der palästinensische Filmemacher und bildende Künstler Kamal Aljafari reist mit einer Kamera von Norden nach Süden und sucht nach einem Mann, den er während seiner kurzen Ha zeit als Teenager kennengelernt hat. Aljafaris Aufnahmen, mi lerweile fast ein Vierteljahrhundert alt und vom Filmemacher selbst bis vor Kurzem nicht gesehen, sind o ruhig und träge: Fahrten auf der Autobahn, Spaziergänge über den Markt, ein Ausflug an den Strand, ein Kartenspiel mit Freunden. Doch ein Ausbruch der Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis, hier detailliert festgehalten, weist in die von Krieg geprägte Zukun . Metro Kinosalon: Fr 24.10., 20.00 (OmU) + Metro: So 26.10., 13.00 (OmenglU) Yek tasadof-e sadeh / Ein einfacher Unfall / It Was Just an Accident (F/IRN/LUX 2025) R: Jafar Panahi D: Vahid Mobasseri, Mariam, Afshari, Ebrahim Azizi. 105 min. Vahid, ein aserbaidschanischer Automechaniker, wurde einst vom iranischen Regime inha iert und dort immer wieder mit verbundenen Augen verhört. Eines Tages betri ein Mann namens Eghbal seine Werksta . Das Quietschen seiner Beinprothese lässt Vahid glauben, in Eghbal einen seiner früheren Peiniger wiederzuerkennen. Gewinner der Goldenen Palme beim Filmfestival in Cannes 2025. Stadtkino im Künstlerhaus: Fr 17.10., 15.15 (OmU) + Gartenbau: Sa 25.10., 12.30 (OmenglU)
Shorts
A solidão dos lagartos / The Loneliness of Lizards (P/E 2025) R: Inês Nunes. 15 min. Unter der Sonne der Algarve: Salz durchdringt an diesem surrealen Ort alles, es knirscht unter den Füßen der Arbeiter und kristallisiert auf der sonnengebräunten Haut von Touristen. Atmosphärisch stimmiger Kurzspielfilm von Inês Nunes, subtil in der Kameraführung, sparsam mit Dialog. Metro: Mo 20.10., 18.45 + Metro Kinosalon: Di 21.10., 15.15 (OmenglU) Clouds and Memories (Kurzfilmprogramm) (I/B/ USA/MEX/E/COL/CAN 2025) R: Diverse. 68 min. Gezeigt werden die Filme „Memory Is an Animal, It Barks with Many Mouths“ (R: Eva Giolo, I/B 2025), „As Told by a Corpse“ (R: Yace Sula, USA 2025), „09/05/1982“ (R: Camilo Restrepo und Jorge Caballero, MEX/E 2025), „Goo-reum-uh-ro-boo-tuh“ („From My Cloud“, R: Kim Minjung, KOR 2025) und „Ya se ven los tigres en la lluvia“ („Tigers Can Be Seen in the Rain“, R: Oscar Ruiz Navia, COL/CAN 2025). Filmmuseum: Mi 22.10., 16.00 + Metro Kinosalon: Do 23.10., 15.00 (OmenglU) Ecce Mole (Photographie und Jenseits 36) (I 2025) R: Heinz Emigholz. 28 min. Essayfilmer Emigholz stellt zwei Gebäude des italienischen Architekten Alessandro Antonelli (1798–1888) in Turin gegenüber, die nur 500 Meter voneinander entfernt liegen: die Privatresidenz Casa Scaccabarozzi, besser bekannt als Fe a di Polenta (1840), und die Mole Antonelliana (1889). Ohne Dialog. Filmmuseum: Mo 27.10., 21.45 + Metro: Di 28.10., 18.30 Flowers and Rituals (Kurzfilmprogramm) (F/ SRB/D/J/CHN/IRN/GB/SWE 2025) R: Diverse. 67 min. Programm mit den Filmen „Slet 1988“ von Marta Popivoda (SRB/D/F 2025), „A Very Straight Neck“ von Neo Sora (J/CHN 2025), „Daria’s Night Flowers“ von Maryam Tafakory (IRN/GB/F 2025), „Keyhole Conversation“ von Peter Larsson (SWE 2025), „Some of You Fucked Eva“ von Lilith Grasmug (F 2025). Filmmuseum: Di 21.10., 16.00 + Metro Kinosalon: Mi 22.10., 20.45 (OmenglU) Forces (Kurzfilmprogramm) (Ö/CL/MMR 2025) R: Diverse. 66 min. Gezeigt werden die Filme „Merrimundi“ (R: Niles Atallah, CL 2025), „Aswìn-pyàung-le-kyin takhù“ („A Metamorphosis“, R: Lin Htet Aung, Myanmar 2025), „Brute Forc“e (R: Felix Lenz und Ganaël Dumreicher, Ö 2025). Metro Kinosalon: Mo 20.10., 12.30 + Filmmuseum: Do 23.10., 16.00 (OmenglU) Human Variations (Kurzfilmprogramm) (Ö/D/ CH/USA 2025) R: Diverse. 66 min. Experimentell angehauchtes Kurzfilmprogramm mit „L‘’Atelier Rolle – un voyage“ („Workshop Rolle – a Journey“) von Fabrice Aragno (CH 2025), „Doomed and Famous“ von Bingham Bryant (USA 2025), „Dooni“ von Kevin Jerome Everson und Claudrena N. Harold (USA 2025), „Der Angriff des Alfred Edel auf sich selbst“ von Jan Soldat (Ö/D 2025) und „Conditio Humana“ von Friedl vom Gröller (Ö 2025). Filmmuseum: Mo 20.10., 16.15 + Di 21.10., 21.30 (OmenglU) Love, Loving (Kurzfilmprogramm) (USA/CAN 2025) R: Diverse. 73 min. Schönes Thema, schöne Filme von Jodie Mack: „Lover, Lovers, Loving, Love“ (USA 2025), Jem Cohen: „Robert and June (and all the time in the world)“ (USA/CAN 2025) und Nathan Silver: „Carol & Joy“ (USA 2025). Filmmuseum: So 19.10., 16.00 + Metro: Do 23.10., 13.30 (OF) Natural Darkness (Kurzfilmprogramm) (Ö/E/RO 2025) R: Diverse. 68 min. Avantgardefilm-Programm
mit „Un dragón de cien cabezas“ („A Hundred-Headed Dragon“) von Helena Girón und Samuel M. Delgado (E 2025), „Index“ von Radu Muntean (RO 2025), „de natura tenebrarum“ („about the nature of darkness“) von Manuel Knapp (Ö 2025), „Rojo Žalia Blau“ von Viktoria Schmid (Ö 2025). Filmmuseum: Fr 24.10., 16.00 + Metro Kinosalon: So 26.10., 15.00 (OmenglU)
Sincero, apaixonado / Sincere, in Love (P/B 2025)
R: Margaux Dauby, Raúl Domingues. 25 min. Bilder portugiesischer Landscha en sind Stimmen von Männern unterlegt, die Lyrisches über die Liebe und ihr Ende lesen: Auszüge aus dem Tagebuch eines anonymen Landstreichers, das in Fundão, Portugal, aufgefunden wurde. Metro: So 19.10., 13.30 + Metro Kinosalon: Mo 20.10., 20.00 (OmenglU)
Viennale-Trailer-2025: Awakening (GB/Ö 2025)
R: Joanna Hogg. 2 min. Von draußen dringt die Welt ans Ohr und droht mit allen Möglichkeiten, live und in Farbe. Also lieber nochmal umdrehen und die Augen verschließen, weiterträumen. Doch die Realität ist härter. Gartenbau: Do 16.10., 19.00 + Stadtkino im Künstlerhaus: Do 16.10., 20.30 + Metro: Do 16.10., 21.00 + Urania: Do 16.10., 21.00
Kinematografien Carlos Amorales, Gasparcolor, János Xantus
Amsterdam + El hombre que hizo las cosas prohibidas (MEX/CL 2013/2014) R: Carlos Amorales D: Philippe Eustachón, Millaray Lobos, Jacinta Langlois. 62 min. Zwei Filme des mexikanischen Multimedia-Künstlers, der seit vielen Jahren in internationalen Ausstellungen präsent ist und in den Bereichen Video, Animation, Grafik, Skulptur und Performance arbeitet. In „Amsterdam“, einer „seltsam gewordenen Liebesgeschichte“ (Amorales), bewegen sich ein Mann und eine Frau, der Sprache beraubt, durch ein Tunnelsystem. Im mi ellangen „El hombre que hizo las cosas prohibidas“ geht es um Verbotenes: Eine kleine Gruppe strei durch die schwarz-weiße Landscha , in der sich der „Führer“ als radikaler Anarchist versucht. Metro: Mi 22.10., 16.00 (OmenglU)
Diorissimo (H 1980) R: János Xantus D: Marie a Méhes, György Kozma, Károly Litványi. 32 min. In seinem frühen halbstündigen Kurzfilm untersucht Xantus die Umstände eines Mordes: Mit „Diorissimo“ bereitet er die Geschichte eines unbeabsichtigten Verbrechens auf – als Dokumentarfilm mit einer besonderen Methode und besonderem Ergebnis. Metro Kinosalon: Mo 27.10., 17.30 (OmenglU)
Eszkimó asszony fázik / Eskimo Woman Feels Cold (H 1983) R: János Xantus D: Lukáts Andor, Bogusław Linda, Méhes Marie a. 117 min. Laci, ein erfolgreicher Pianist, lernt die Sängerin Mari kennen und verliebt sich sofort in sie. Er beginnt, Lieder für Mari zu schreiben, und bald treten sie gemeinsam mit ihrer Band auf. Doch Mari ist verheiratet und ihr eifersüchtiger Mann, ein gehörloser Tierpfleger, kann sich mit der neuen Situation nicht abfinden, obwohl Laci einwilligt, ihn als Schlagzeuger in die Band aufzunehmen. Eine Katastrophe zeichnet sich ab. János Xantus’ erster abendfüllender Spielfilm ist ein postmodernes Liebesmelodram mit der Musik der Underground-Band Trabant. Filmmuseum: So 26.10., 21.00 + Metro: Mo 27.10., 13.15 (OmenglU)
Gasparcolor (D/GB/CZ/H/NL 1934–1943) R: Oskar Fischinger, Len Lye, Adrian Klein, Gyula Macskássy, Hans Fischinger u.a.. 48 min. Gasparcolor war ein Farbfilmsystem, das 1933 vom ungarischen Chemiker Béla Gáspár in Berlin entwickelt wurde. Am Beispiel von sechs Miniaturen erweist das Kurzfilmprogramm dem Erfinder und seiner Technik die Reverenz. Gezeigt werden u.a. „Allegre o“ und „Komposition in blau“ von Experimentalfilm-Pionier Oskar Fischinger, „Colour on the Thames“ von Adrian Klein, „Colour Flight“ von Len Lye und „Tanz der Farben“ von Hans Fischinger. Das Verfahren wurde wegen der extrem langen Belichtungszeit vor allem in Zeichentrick- und Werbefilmen verwendet. Gaspar und Fischinger verließen 1936 Nazideutschland. Ein Tanz der Farben und Formen. Metro: Sa 25.10., 16.45 + So 26.10., 11.00 (OmenglU) Női kezekben / Women’s Hands (H 1981) R: János Xantus D: Andor Lukáts, Marie a Méhes, Mari Törőcsik. 28 min. Ein Zug ra ert durch die Nacht, ein junger Mann flieht vor einer eleganten Blondine durch die engen Gänge. Wenig später sitzt er im Abteil einer seltsamen Wahrsagerin, die ihm einen bevorstehenden Zugunfall in seinem Leben prophezeit. In seinem rasanten Kurzfilm und Vorläufer von „Die Eskimofrau friert“ spielt Xantus geschickt mit verschiedenen Genres, Motiven und Stilen. Metro Kinosalon: Mo 27.10., 17.30 (OmenglU) Rock térítő / The Rock Convert (H 1988) R: János Xantus. 112 min. Xantus’ enge Beziehung zur ungarischen Underground-Musikszene in den Achtzigern schlug sich in diesem Dokumentarfilm über die
FEATURE Ein radikales Herzensprojekt


We need to talk about postpartale Depression: Jennifer Lawrence, unten mit Robert Pa inson, hat sich mit diesem Film ein Herzensprojekt erfüllt
Liebe und Mutterschaft radikal anders: Lynne Ramsays „Die My Love“
Noch gibt es nur Grace und Jackson. Das Pärchen zieht in ein heruntergekommenes Häuschen in Montana. Sie haben Sex – o , wild und überall. Schnitt. Grace wird schwanger, ein Baby ist da, Jackson verschwindet für die Arbeit tageweise von zuhause. Ein kläffender Köter gegen Gewissensbisse für eine von Schlaf- und Sexmangel gereizte Jungmutter? Schlechte Idee. Grace vereinsamt in dem abgelegenen Haus, in dem sich die kühle Schwiegermutter Pam (Sissy Spacek) blicken lässt. Ängste, Isolation, die Unfreiheit der Mutterscha zehren an Graces Psyche – „postpartale Depression“ spuckt die Fachliteratur aus.
„Die My Love“ ist ein Herzensprojekt der Hauptdarstellerin und Produzentin Jennifer Lawrence. Sie hat den gleichnamigen Roman der argentinischen Autorin Ariana Harwicz in die Hände der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay gelegt. Ramsay beschreibt den im heurigen Wettbewerb der Filmfestspiele Cannes präsentierten Film als Ro-
manze und Komödie. Nur ist dies in der Adaption der Filmemacherin von „We Need to Talk About Kevin“ radikal etwas anderes. Sie schickt die formidable Lawrence auf eine Tour de Force: Grace springt durch Glastüren, masturbiert im hohen Gras mit einem Messer in der Hand, verschwindet mit einem mysteriösen Biker im Schuppen. In die Realität verflochtene Irritationen einer psychischen Krankheit – Fantasie oder Wirklichkeit? Jackson, von Robert Pattinson mehr erlitten als gespielt, versucht vergeblich die Risse zu kitten. Eine visuell räudige Optik im 4:3-Format betont die Enge, flankiert von einem an den Nerven ziehenden Sounddesign aus Surren, Bellen und Zirpen, bevor am Ende eine reduzierte Version des Joy-Division-Klassikers „Love Will Tear Us Apart“ ertönt. Keine leichte Kost. Aber das will der Film gar nicht sein.
MARTIN NGUYEN
Gartenbaukino: Mo, 20.10., 15.15 (OmU) und Di, 28.10., 13.00 (OmU)
Sprache (die originalen Filmkopien ha en französische Untertitel) trug Epstein lokalen Lobpreis ein: Er sei der erste und einzige Filmemacher, der die raue Schönheit und Vielschichtigkeit der Region verstanden hä e.“ (Jean-Michel Gentile) – Vorfilme: „La Vilanelle des rubans“, die Umsetzung eines pastoralen Gedichtes, und „Une visite à l‘Ouest Éclair“, eine Kurzdoku über die führende Lokalzeitung. Filmmuseum: So 19.10., 14.00 (OmenglU)
Cœur de gueux / Heart of a Vagabond (F 1935) R: Jean Epstein D: Ermete Zacconi, Madeleine Renaud, Fosco Giache i, Charles Dechamps. 72 min. Ein melodramatischer Film, der die Geschichte von Jean erzählt, einem jungen Mann aus wohlhabender Familie, und von Claude, einer Parfümverkäuferin, in die er sich verliebt. Nach einem Missverständnis läu Claude mit einer Truppe herumziehender Schausteller davon, und der Rest der Handlung versucht, die beiden wieder zusammenzubringen. Das leuchtend schöne Remake eines Stummfilms von Alfred Machin und Henry Wulschleger. Filmmuseum: Mi 22.10., 11.00 + Mo 3.11., 20.30 (OmenglU)
Coeur fidèle / The Faithful Heart (F 1923) R: Jean Epstein D: Léon Mathot, Gina Manés, Edmond Van Daele, Marie Epstein. 84 min. Marseille ist Schauplatz dieses schönen Melos nach einem Manuskript von Jean Epstein: Ein ehrlicher Hafenarbeiter und ein anlassiger Gauner kämpfen um eine Kellnerin. Aufsehen erregten die Szenen am Rummelplatz, bei denen der Regisseur, ganz seinem Manifest „Bonjour Cinéma“ folgend, die Kamera auf ein Karussell schnallte. Filmmuseum: Sa 18.10., 16.00 + Sa 1.11., 18.00 (OmenglU)
Le double amour / Double Love (F 1925) R: Jean Epstein D: Nathalie Lissenko, Jean Angelo, Camille Bardou, Pierre Batcheff, Nino Constantini. 104 min. Eleganter, mit Außenaufnahmen in Cannes gedrehter Film über eine Welt des falschen Scheins, des Glücksspiels, des Bakkarat. Nathalie Lissenko spielt die Gräfin Maresco, die zugleich Mu er und eine verzweifelte Frau ist: eine so tragische wie aristokratische Figur, in deren Umlaufbahn unter anderem Camille Bardou, Pierre Batcheff und Jean Angelo schwirren wie Mo en ums Licht. Drehbuch von Marie Epstein. Filmmuseum: Di 21.10., 19.00 + Mo 24.11., 18.00 (OmenglU)
La Femme du bout du monde / The Woman from the End of the World (F 1938) R: Jean Epstein D: Charles Vanel, Germaine Rouer, Jean-Pierre Aumont, Alexandre Rignault, Robert Le Vigan. 87 min. Ein Frachter legt auf der einsamen Insel Dumont-d’Urville an, um nach einem Uranerz-Vorkommen zu suchen. Das einzige Haus auf dem Eiland ist eine Herberge, die von Anna geführt wird, einer schönen jungen Frau mit dementem Ehemann und Kind. Abends versammelt sich die gesamte Besatzung dort und verliebt sich in die Gastgeberin. Die emotionale Temperatur steigt, Spannungen und Rivalität unter den Männern verschärfen sich. Filmmuseum: So 26.10., 13.30 + Mo 17.11., 18.00 (OmenglU)
Finis Terrae / End of the Earth (F 1929) R: Jean Epstein D: Ambroise Rouzic, Jean-Marie Laot, François Morin, Malgorn, Gibois. 80 min. „Finis Terrae“ ist der erste von mehreren Filmen, die Epstein in der Bretagne, seiner zweiten Heimat ab den späten 1920er-Jahren, drehte: die im Rhythmus von Wind und We er durchpeitschte Geschichte von Männern, die nach Algen suchen. Großartig! Filmmuseum: So 26.10., 11.00 + Do 27.11., 18.00 (OmenglU)
La Glace à trois faces + Sa tête / The Three-Sided Mirror + His Head (F 1927 / 1929) R: Jean Epstein D: René Ferté, Suzy Pierson, Olga Day / René Ferté, France Dhélia, Nino Constantini. 70 min. Zwei halbstündige Kurzfilme. „La glace à trois faces“, ein Höhepunkt in Epsteins frühem Schaffen, ist die Geschichte eines jungen Geschä smanns, der mit seinem Buga i in den Tod gerast ist: was seine drei Geliebten kommentieren und woraus sich drei völlig unterschiedliche Beschreibungen ein und derselben Person ergeben. „Sa tête“ erzählt, wie jemand zum Opfer einer Verleumdung wird und schuldlos unter Mordverdacht gerät, und beschließt 1929 Epsteins bildstürmerische Schaffensphase. Filmmuseum: Do 23.10., 21.30 + Fr 14.11., 18.00 (OmenglU)
Le Lion des Mogols / The Lion of the Moguls (F 1924) R: Jean Epstein D: Ivan Mosjoukine, Francois Viguier, Nathalie Lissenko, Alexiane, Camille Bardou. 99 min. Ivan Mosjoukine, der Star der russischen Exilantenkolonie im Paris der 1920er, ha e die Idee zu diesem Abenteuer im Morgenland, in der ein junger Offizier eine vom Khan gefangengehaltene Prinzessin befreit und mit ihr gemeinsam in die Großstadt flieht. Ein prächtig in Szene gesetzter Aussta ungsfilm von Jean Epstein. Filmmuseum: Mo 20.10., 11.00 + Mi 19.11., 18.00 (OmenglU)
Marius et Olive à Paris / Marius and Olive in Paris (F 1935) R: Jean Epstein D: Barencey, René Sarvil, Pitouto, Laure e Clody, Micheline Cheirel, Illa Meery. 67 min. Der einzige Ausflug des Filmemachers in leichte Gefilde: Marius und Olive aus Marseille erleben in Paris allerhand Abenteuer und kehren nicht ungern nach
Hause zurück. Epstein entwickelte diese Komödie, nachdem er sich vom kommerziellen Kino bereits so weit entfernt ha e, dass er befürchten musste, kein Budget mehr für seine eigenen Projekte zusammenzubekommen. Eine Rarität! Filmmuseum: Di 21.10., 13.30 + Sa 1.11., 20.30 (OmenglU)
Mauprat (F 1926) R: Jean Epstein D: Sandra Milowanoff, Line Doré, Maurice Schutz, Nino Constantini, Luis Bunuel. 85 min. Als Kind wurde der Waise Bernard de Mauprat von seinem Onkel Tristan, einem skrupellosen Räuber, entführt, der ihn zusammen mit seinen Söhnen dazu erzogen hat, zu hassen, zu plündern und zu töten. Hubert de Mauprat, Tristans älterer Bruder, ein Inbegriff von Rechtschaffenheit und Edelmut, und seine Tochter, die schöne und unerschrockene Edmée, machen sich daran, Bernard seinem bösen Onkel und seinem Schicksal zu entreißen. Schmuckstück nach einem Roman von George Sand, angesiedelt im vorrevolutionären Frankreich. Filmmuseum: Mi 22.10., 21.30 (OmenglU)
L’or des mers + Kurzfilme aus der Bretagne / The Gold of the Seas + Shorts from Bri any (F 1931) R: Jean Epstein. 127 min. In der Bretagne fand Epstein um 1930 eine neue filmische Heimat. „Les berceaux“ („The Cradles“, 1931) mit seinen poetischen Bildern zu einem populären Chanson, weist voraus auf das mit bretonischen Volksliedern untermalte Doku-Poem „Mor-vran, la mer des corbeaux“ („The Sea of Ravens“, 1930) über die Ile de Seine. In seinem Langfilm „L’or des mers“ („The Gold of the Seas“, 1931) findet ein alter Bretone eine Truhe und avanciert vom Außenseiter zum Liebling des Dorfs: Vorwand für eine traumha e Naturstudie und Beleg für die Behauptung des Regisseurs, „dass in Zeitlupe jede Szene gut ist, und sogar ein schlechter Schauspieler“. Und im tönenden Abschluss des Programms, „Le tempestaire“ („The Tempest: Poem on the Sea“, 1947), huldigt Epstein nach dem Krieg noch einmal dem Meer und der französischen Küstenlandscha . Filmmuseum: Sa 18.10., 10.30 + Mi 29.10., 18.00 (OmenglU) Six et demi, onze / Six and a Half by Eleven (F 1927) R: Jean Epstein D: Edmond Van Daele, Nino Costantini, Suzy Pierson, René Ferté, Jeanne Helbling. 86 min. Der renommierte Arzt Jérôme de Ners lebt mit seinem jüngeren Bruder Jean zusammen. Dieser trennt sich von ihm, um mit der Sängerin Mary, in die er unsterblich verliebt ist, durchzubrennen. Als diese ihn verlässt, um auf die Bühne zurückzukehren, setzt er seinem Leben ein Ende. Dann lernt Mary Jérôme kennen und wird seine Geliebte. Dieser entdeckt bei Nachforschungen über den Suizid seines Bruders eine Fotografie, deren Format dieser hochdramatische Film von Marie (Buch) und Jean Epstein (Regie) seinen Titel verdankt. Filmmuseum: Fr 24.10., 18.45 + Mi 12.11., 18.00 (OmenglU)
The Beauty from Nivernais / La belle Nivernaise (F 1923) R: Jean Epstein D: Blanche Montel, Hugue e de Lacroix, David Evremont, Maurice Touzé, Pierre Hot. 76 min. „Die Geschichte einer jungen Frau namens Clara, die von einer Schleppkahn-Familie adoptiert wird und auf dem titelgebenden Schiff glücklich durch Frankreich treibt, bis sie von ihren reichen Verwandten gefunden und in die Stadt mitgenommen wird.“ (Christoph Huber) Filmmuseum: So 19.10., 19.00 + Mo 3.11., 18.00 (OmenglU)
The Fall of the House of Usher / La Chute de la Maison Usher (F 1928) R: Jean Epstein D: Jean Debucourt, Marguerite Gance, Charles Lamy, Luc Dartagnan. 66 min. Ein scho ischer Lord, Roderick Usher, bewirkt den Untergang des edlen Stammsitzes, als er seine Frau unwissentlich bei lebendigem Leibe begräbt. „La Chute de la maison Usher“, berühmtestes Werk des Filmtheoretikers und Avantgardefilmers Jean Epstein, schrieb nicht nur der spektakulären Kameraarbeit und gruseligen Trickeffekte wegen Geschichte, sondern auch weil Epstein einen gewissen Buñuel als Assistenten engagierte und seinen ersten Job bei einem Film verschaffte. Um ein Haar allerdings wär’s um dessen Filmkarriere auch schon wieder geschehen gewesen: Regisseur Epstein, so die Legende, feuerte Luis Buñuel, weil er schlecht über Abel Gance sprach! In restaurierter Fassung (2013) mit Musik von Gabriel Thibaudeau. Filmmuseum: Fr 17.10., 18.30 + Mi 29.10., 20.30 (OmenglU) Vive la vie + Artères de France (F 1938 / 1939)
R: Jean Epstein, Jen Benoît-Levy / Jean Epstein, René Lucot. 62 min. Au ragsarbeiten: „‚Vive la vie‘ wurde vom Sekretariat für Freizeit und Sport kommissioniert und widmet sich der ‚Ajiste‘-Bewegung, dem Jugendverein für Sport und Freizeit. ‚Artères de France‘, Epsteins letzter Film vor dem Kriegsausbruch, ist eine Dokumentation über Frankreichs wichtigste Transportrouten, kommissioniert vom Handelsministerium für die Weltausstellung in New York. Zwischen Jänner und März 1939 reisten Epstein und sein Assistent Lucot kreuz und quer durchs Land, um Zentren des Straßen-, Schienen- und Flussverkehrs zu filmen.“
(Joël Daire) Filmmuseum: Do 23.10., 11.00 (OmenglU)
FEATURE Ein unkonventionelles Familiendrama


doch die Zeichen der Trennung steigern sich unübersehbar ins Absurde
Surreales Selbstmitleid aus Island: „The Love That Remains“ von Hlynur Pálmason
M agnus (Sverrir Guðnason) und Anna (Saga Garðarsdóttir) haben sich getrennt. Möglicherweise hat sich aber auch nur Anna von Maggi, wie er genannt wird, getrennt. Jedenfalls sieht es auf den ersten Blick danach aus, denn nach dem gemeinsamen Essen am Familientisch muss sich Maggi in seine Kajüte schlafen legen. Maggi arbeitet auf einem Trawler, die Heringsaison hat begonnen, bald muss er wieder zur See. Die Teenagertochter und ihre jüngeren Zwillingsbrüder nehmen die Trennung anscheinend gelassen. Ob sich die Eltern trotzdem noch befummeln? Das ist nur eine von vielen Fragen, die au auchen, wenn diese es an Eindeutigkeit fehlen lassen. Manchmal liegt das Geheimnis des Könnens tatsächlich im Wollen. Der isländische Filmemacher Hlynur Pálmason, der zuletzt im formidablen Historiendrama „Godland“ einen dänischen Priester in einem abgelegenen Teil der Insel eine Kirche bauen ließ, legt mit „Ástin sem e ir er“ (internationaler Titel: „The Love That Remains“)
nun ein sehr gegenwärtiges und zugleich unkonventionelles Familiendrama vor. Denn statt einer klassischen Erzählung über das Ende einer Beziehung und den üblichen Neubeginn wohnt man hier dem kläglichen männlichen Versuch bei, sich an Vertrautes zu klammern. Pálmason findet für dieses zeitgeistige Bemühen die passenden Bilder: Großaufnahmen von Pilzen und Beeren beim harmonischen Familienausflug suggerieren vergängliche Schönheit, während sich eine Seemine in Maggis Fischernetz verfängt. Von der Entsorgung eines angeblich aggressiven Hahns bis zum Besuch eines arroganten Galeristen, der sich nicht für Annas rostfarbene Kunstwerke interessiert, reichen die surrealen Einschübe, die Pálmason zunehmend ins Absurde steigert. Am Ende kann Maggi mit seinem Selbstmitleid jedenfalls buchstäblich baden gehen.
MICHAEL PEKLER
Gartenbaukino: Mo, 20.10., 21.00 (OmU)
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