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Broschüre "Wir für Wildnis" - Wildnis in Deutschland

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wir für wildnis

wegweiser zu mehr wildnis in deutschland

„In der Wildnis liegt die Erhaltung der Welt.“
Henry David Thoreau

Unsere Verantwortung ist es, Wildnis zu schützen –für uns und nachfolgende Generationen.

WIR FÜR WILDNIS –WILDNIS FÜR UNS

Auf in die Wildnis! Das klingt nach Abenteuer und nach Unbekanntem. Jede und Jeder kennt den Begriff, Begriffsdeutungen gibt es viele. Wildnis ist ein kulturell geprägter Begriff und beschreibt doch vor allem den Raum ohne menschliche Kultivierung, in dem natürliche Prozesse dauerhaft ergebnisoffen und ohne menschliche Steuerung ablaufen können – wo also Natur einfach Natur sein darf.

Die lebendigen tropischen Regenwälder, die eisigen Weiten der Antarktis und die flirrenden afrikanischen Savannen sind Landschaften, die uns einfallen, wenn wir an Wildnis denken. Aber auch in Deutschland gibt es Wildnis – erlebbar zum Beispiel in unseren Nationalparks. Bei uns mehr Wildnis zuzulassen, beweist Weitsicht und zeugt von Achtsamkeit gegenüber allen Mitmenschen und Lebewesen. Denn: Wildnis bietet Raum zur Entfaltung der biologischen Vielfalt in all ihren Facetten und damit verbundenen Prozessen. Wildnis ist einer unserer großen Ökosystemdienstleister – sei es im Klima- und Hochwasserschutz. Und Wildnis ist gleichzeitig Arche und Lernort im Klimawandel.

fachlicher Konzepte – Prozessschutz ist eines davon. Großflächig angewendeter Prozessschutz bewirkt, dass sich Landschaften dynamisch und selbstständig wie bei keinem anderen Konzept entwickeln und ist damit unverzichtbar.

Wildnisgebiete sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen ungesteuerten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.8

Der Anteil vorhandener Wildnisgebiete an der Landesfläche Deutschlands ist mit 0,62 Prozent1 im weltweiten und auch im europäischen Vergleich bisher sehr gering.2 Mehr Wildnis in Deutschland zu ermöglichen, erhöht auch die Glaubwürdigkeit Deutschlands im weltweiten Naturschutz. Durch die Etablierung zusätzlicher Wildnisgebiete kann Deutschland seiner Verantwortung für die Umsetzung des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity)3 und den Zielen der EU-Biodiversitätsstrategie für 20304 gerecht werden. Die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt Mitteleuropas bedarf großer, zusammenhängender und unzerschnittener Flächen, auf denen eine ungesteuerte Entwicklung natürlicher Prozesse stattfinden kann. Wildnisgebiete können diesen Zweck erfüllen.5

Die Herausforderungen zum Schutz der biologischen Vielfalt in Zeiten von Klimawandel und Überschreitung mehrerer planetarer Grenzen sind immens und die damit einhergehende Handlungsaufforderung dringlich. Zum Erhalt unserer biologischen Vielfalt bedarf es der Anwendung verschiedener naturschutz-

1 https://wildnisindeutschland.de/wp-content/uploads/2026/02/Wildnisbilanz.pdf

2 http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2016.08.049

3 https://www.cbd.int/convention/text

4 https://www.bundesrat.de/SharedDocs/drucksachen/2020/0201-0300/279-20.html, S.28

5 https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1991/oj?locale=de

Je wilder die Natur, desto besser gefällt sie den Deutschen. Das belegen wiederholt die repräsentativen Umfragen der nationalen Naturbewusstseinsstudie.6 Die Bundesregierung hat in der fortgeschriebenen Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt7 ihr Ziel untermauert, dass sich bis 2030 auf mindestens zwei

6 https://doi.org/10.19217/brs251, 135 S.

7 https://www.bundesumweltministerium.de/publikation/nationale-strategie-zurbiologischen-vielfalt-2030

8 Definition für Wildnisgebiete im Sinne der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS), siehe https://www.bundesumweltministerium.de/publikation/ nationale-strategie-zur-biologischen-vielfalt-2030

Prozent der Fläche Deutschlands die Natur in großflächigen Wildnisgebieten entwickelt. Zudem soll bis 2030 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung (NWE) mindestens fünf Prozent der Waldfläche Deutschlands bzw. zehn Prozent der Waldfläche im öffentlichen Eigentum betragen. Auch wenn es für Wildnis in Deutschland einen gesellschaftlichen und politischen Konsens gibt, ist für die praktische Umsetzung nach wie vor ein lebendiger Dialog wichtig, um gemeinsam weitere Flächen zu sichern und so die nationalen Wildnisziele erfüllen zu können. Denn ‚Natur Natur sein lassen‘ klingt einfach, ist es aber nicht.

Geschlossener Rückhalt für mehr Wildnis in Deutschland kommt auch von uns, den Naturschutzverbänden und -stiftungen. In der Initiative Wildnis in Deutschland haben sich 22 Organisationen zusammengeschlossen. Gemeinsam engagieren wir uns für mehr Wildnis in Deutschland. Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Natur bis spätestens 2030 auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln kann und in Form großflächiger Wildnisgebiete rechtlich gesichert ist, beispielsweise als Nationalpark oder Naturschutzgebiet.

Die Mitglieder der Initiative Wildnis in Deutschland wollen die Wildnis-Debatte in Deutschland vorantreiben und fördern. Auf unserer gemeinsamen Website wildnisindeutschland.de stellen wir Wildnisgebiete und Aktivitäten rund um Wildnis vor. Wir wenden uns an Entscheidungstragende und an die Öffentlichkeit, um auf Möglichkeiten für neue Wildnisgebiete in Deutschland hinzuweisen und um zu ermutigen, mit guten Argumenten für mehr Wildnis einzutreten.

Die Initiative Wildnis in Deutschland

Die Initiative Wildnis in Deutschland ist ein breites Bündnis aus 22 Naturschutzverbänden und -stiftungen. Die Mitgliedsorganisationen unterstützen die Entwicklung und Sicherung von großen Wildnisgebieten, schaffen zum Teil Wildnis auf ihren eigenen

Flächen, beraten Entscheidungstragende und fördern den öffentlichen Austausch rund um das Thema Wildnis. Gemeinsam setzen wir uns für mehr faszinierende große Wildnisgebiete ein – für uns, unsere Kinder und Enkel.

Mitglieder der Initiative Wildnis in Deutschland

SCHUTZ- UND WILDNISZIELE FÜR DEUTSCHLAND

Wildnis in Deutschland

2 %-Wildnisziel in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt

Bis 2030 entwickelt sich auf mindestens 2 % der Fläche Deutschlands die Natur in großflächigen Wildnisgebieten, die zusammen mit kleineren Flächen dazu beitragen, dass Prozessschutzflächen den überwiegenden Teil der streng geschützten Gebiete im Sinne der EUBiodiversitätsstrategie für 2030 ausmachen.

Um Wildnisgebiet werden zu können, muss ein Gebiet eine zusammenhängende mindestens 1.000 Hektar große Fläche umfassen. Für Flüsse und ihre Auen, Küsten, Moore und Seen sind auch 500 Hektar ausreichend. Die Kernzonen der Nationalparke bzw. größere Kernzonen der Biosphärenreservate gelten ebenfalls als Wildnis.

Große Wildnisgebiete

Moore, Seen, Flussauen, Küsten oder Gebirge

> 500 ha

Große

Waldwildnisgebiete

> 1.000 ha

Natürliche Waldentwicklung

NWE5-Ziel in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt

Bis 2030 beträgt der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung (NWE) mindestens 5 % der Waldfläche Deutschlands bzw. 10 % der Waldfläche im öffentlichen Eigentum.

Waldflächen mit einer Größe ab 0,3 Hektar können zu NWE-Flächen werden.

Kleine

Naturwälder

Wald > 0,3 ha

Schutz auf EU-Ebene EU-weit 10 % streng geschützte Gebiete laut EU-Biodiversitätsstrategie für 2030

Laut EU-Biodiversitätsstrategie sollen 30 % der Landesfläche in der EU unter Schutz gestellt werden, 10 % unter strengen Schutz. Ein strenger Schutz ist nicht unbedingt gleichbedeutend damit, dass das Gebiet für Menschen gesperrt ist, lässt aber natürliche Prozesse im Wesentlichen ungestört, um den ökologischen Erfordernissen der Gebiete gerecht zu werden.

Wildnisgebiete zahlen auf das EU-Ziel 10 % streng geschützte Gebiete ein.

Weltweiter Schutz

30x30-Ziel des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal

Auf der 15. Weltnaturkonferenz in Montreal (Kanada) haben die Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt eine neue globale Vereinbarung zum Schutz der Natur getroffen: den „Globalen Biodiversitätsrahmen von KunmingMontreal”. Bis 2030 sollen weltweit 30 % der Fläche an Land und in den Meeren unter Schutz gestellt werden. Wildnisgebiete können Teil davon sein.

Schutz- und Wildnisziele erreichen lohnt sich!

So wird auch zu anderen wichtigen Anliegen beigetragen:

+ zum Erhalt von Artenvielfalt, genetischer Vielfalt und der Vielfalt von Lebensräumen und natürlichen Prozessen

+ zum Erhalt der Grundlagen für das psychische und physische Wohlergehen der Menschen

+ zur Emissionsminderung und zur Klimaanpassung

Wildnisgebiete in Deutschland können in verschiedenen

Landschaftstypen liegen ...

... Wäldern ...

Küsten

... Hochgebirgen

... Flussauen

... ehemals militärisch genutzten Gebieten

In ehemals militärisch genutzten Gebieten kann Wildnisentwicklung eine Chance für Naturschutz und Gesellschaft sein, auch im Sinne einer nachhaltigen Regionalentwicklung.

Potenzial für mehr Wildnis

Wildnis ist grundsätzlich in allen Typen der Naturlandschaft möglich: Wälder, Hochgebirge, Küsten, Flüsse und Auen, Seen sowie Moore und Kombinationen aus ihnen. Entscheidend ist, dass Qualitätsstandards wie Mindestgröße, ein geringes Maß an Zerschneidungen und Störungsarmut eingehalten werden.

Bund, Länder und Wissenschaft haben in den Jahren 2014 bis 2018 gemeinsame Qualitätskriterien für das 2 %-Wildnisziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt entwickelt.1 Zentrale Eckpunkte sind demnach eine Mindestgröße von 1.000 Hektar (bzw. 500 Hektar für Flüsse und Auen, Küsten, Seen und Moore) und ein dauerhafter rechtlicher Schutz. Um eine möglichst hohe Störungsarmut sicherzustellen, wurden zudem Schwellenwerte für Zerschneidungen entwickelt sowie Pufferbereiche zu menschlicher Infrastruktur definiert.2 Auf Basis dieser Bund-Länder-Qualitätskriterien sind Stand 2024 0,62 Prozent der Landesfläche Deutschlands als ausreichend große und weitgehend unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete ausgewiesen.

nisziel auf Basis der Bund-Länder-Qualitätskriterien auch ausschließlich auf Flächen der öffentlichen Hand (Bundes-, Landes- und Kommunaleigentum) umgesetzt werden kann. Selbst im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen wäre dies möglich – den politischen Willen vorausgesetzt.4

Allerdings hat sich bisher kaum ein Bundesland formal zum 2 %-Wildnisziel bekannt. In den Regierungsprogrammen der Länder wird stattdessen oft auf das themenverwandte NWE5-Ziel Bezug genommen (forstlicher Nutzungsverzicht auf fünf Prozent der Waldfläche). Da es sich hierbei meist um sehr kleine Flächen handelt (Anrechnung ab 0,3 Hektar), lassen sich diese oft nicht in der Wildnisbilanz anrechnen. Weil aber gerade im waldreichen Deutschland das größte Potenzial für (weitere) Wildnisgebiete in den Wäldern liegt, ist es wichtig, vor allem große Waldflächen der Wildnis zu widmen: Denn diese lassen sich sowohl auf das 2 %-Wildnisziel, als auch auf das NWE5-Ziel anrechnen.

Mit den Förderprogrammen Wildnisfonds und KlimaWildnis gibt es zwei Förderprogramme der Bundesregierung für mehr Wildnis in Deutschland. Wichtig ist die finanzielle Verstetigung dieser Programme.

Bereits im Jahr 2015 hatte ein Forschungsvorhaben aufgezeigt, dass Deutschland das Potenzial besitzt, mehr als zwei Prozent einer Landesfläche als großflächige Wildnis auszuweisen.3 Allerdings blieben bei der Analyse die Eigentumsverhältnisse unberücksichtigt. Die zwischenzeitlich für viele Bundesländer erstellten Potenzialstudien zeigen jedoch auf, dass das 2 %-Wild-

Besondere Potenziale für großflächige Wildnisgebiete bieten ehemalige (durch Munition belastete) Militärflächen sowie (schwer zu rekultivierende) Bergbaufolgelandschaften. Statt einer kostenaufwändigen Sanierung ist hier die Ausweisung als Wildnisgebiet oft auch der ökonomisch bessere Weg. Mit dem Nationalen Naturerbe wurden bereits erste Schritte umgesetzt: Seit dem Jahr 2005 verzichtet die Bundesregierung auf die Privatisierung naturschutzfachlich bedeutsamer Flächen im Bundeseigentum (darunter auch viele ehemalige Militärflächen) und sichert diese dauerhaft für den Naturschutz. Zwei Drittel der Naturerbeflächen sind Wälder, die in der Regel entweder unmittelbar oder nach einer Übergangsphase der Wildnis gewidmet werden.

1 https://www.bundesumweltministerium.de/publikation/nationale-strategie-zurbiologischen-vielfalt-2030

2 https://doi.org/10.19217/prx248

3 https://www.bfn.de/publikationen/bfn-schriften/bfn-schriften-422-umsetzung-des-2ziels-fuer-wildnisgebiete-aus-der

4 https://wildnisindeutschland.de/wp-content/uploads/2026/02/Wildnisbilanz.pdf

Weitere Potenzialflächen für großflächige Wildnis liegen im Hochgebirge, in Kernbereichen bestehender bzw. wiedervernässter Moore sowie in den Auen größerer Flüsse. Hier entfalten Wildnisgebiete auch besonders wichtige wirtschaftliche Effekte: Natürliche Moore sind besonders effizient für den Klimaschutz; intakte großflächige Auen puffern zerstörerische Hochwasserwellen ab und tragen zur Grundwasserneubildung bei.

Damit auch private und kommunale Eigentümer und Eigentümerinnen motiviert werden, mit ihren Flächen verstärkt Beiträge zu mehr Wildnis in Deutschland zu leisten, bietet die Bundesregierung mit den Förderprogrammen Wildnisfonds und KlimaWildnis derzeit zwei attraktive Finanzierungsmöglichkeiten an: Privatpersonen, Institutionen. Kirchenverwaltungen und/oder Kommunen können ihre Flächen zum Verkehrswert verkaufen oder sich unter bestimmten Voraussetzungen die Nutzungsrechte abkaufen lassen. Der Bund gewährt hierbei eine Förderung von bis zu 100 Prozent.

FLÄCHENNUTZUNG IN DEUTSCHLAND

Flächenanspr ü che durch Land- und Forstwirtschaft, Siedlung und Verkehr nehmen den größten Anteil der deutschen Landesfläche ein. Aktuell sind nur 0,62 Prozent der Fläche Wildnis. Bis zum Jahr 2030 sollen laut Nationaler Strategie zur biologischen Vielfalt zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands großflächige Wildnisgebiete sein.

Schematische Darstellung der Flächennutzung

Wildnis aktuell

Sonstiges

Verkehr und Siedlung

Forst

Landwirtschaft

Neben der direkten Förderung für Wildnisgebiete bedarf es auch indirekter Anreize für Flächeneigentümer und Flächeneigentümerinnen, sich für das 2 %-Wildnisziel zu engagieren. Denkbar wären die Befreiung von der Grundsteuer bzw. von Abgaben für Wasserund Bodenverbände.

Um das 2 %-Wildnisziel zu erreichen, ist eine Vielzahl von Lösungsansätzen erforderlich. Dazu gehört die Etablierung weiterer Nationalparke genauso wie die Erweiterung und Vernetzung kleinerer Wildnisflächen – im Idealfall auch über Eigentumsgrenzen hinweg.

2 %-Wildnisziel bis 2030

Auf ehemaligen Truppenübungsplätzen kommt die Natur zurück und hat eigene Wege entwickelt, mit Munitionsbelastung umzugehen.

Wildnisgebiete sind dauerhaft rechtlich gesichert. Dies erfolgt über eine Ausweisung als Naturschutzgebiet oder als Kernzone eines Nationalparks bzw. Biosphärenreservats mit dem ausschließlichen Schutzzweck „Wildnis“.

WILDNIS SICHERN

Die Anerkennung als Wildnisgebiet setzt eine Mindestgröße von 1.000 Hektar, in flussbegleitenden Auen, an Küsten und in Mooren von 500 Hektar voraus1. Lassen es die naturräumlichen und eigentumsrechtlichen Rahmenbedingungen zu, sollte es die von der Wild Europe Initiative2 empfohlene Größe von 3.000 Hektar möglichst nicht unterschreiten.

Wildnisgebiete können aus verschiedenen Bereichen bestehen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Fester und zentraler Bestandteil ist immer ein WildnisKernbereich. Puffer- und/oder Entwicklungsbereiche können bei Bedarf eingerichtet werden. Ein Managementplan beschreibt die für die Bereiche jeweils notwendigen Maßnahmen.

Kernbereich: Im Kernbereich wird auf direkte Eingriffe des Menschen konsequent verzichtet. Die Natur darf sich ungesteuert und ergebnisoffen entwickeln. Es gibt möglichst keine Infrastruktur, die erhalten werden muss, keine öffentlichen Verkehrseinrichtungen, keine oberirdischen oder anderweitig störenden Leitungstrassen. Es gibt keine Anlagen für Energiegewinnung, Bergbau, Schifffahrt und anderweitige Landnutzung. Der Kernbereich muss mindestens 75 Prozent des Wildnisgebiets ausmachen.

auf die Wildnis-Kernbereiche ab. Pflegemaßnahmen etwa zum Erhalt von FFH-Lebensraumtypen sollen auf zwingend notwendige Fälle begrenzt werden. Langfristiges Ziel sollte eine Verlagerung solcher Pflegeaktivitäten auf Flächen außerhalb des Wildnisgebiets sein.

Auf Pufferbereiche zur Vermeidung von Zielkonflikten kann insbesondere verzichtet werden, wenn das Wildnisgebiet Teil eines Schutzgebiets ist, das die Pufferfunktionen bereits sicherstellt, oder es an einer Grenze endet, an der keine unerwünschten Effekte zu erwarten sind (z. B. angrenzend an Küsten oder naturnah genutzte Wälder). Pufferbereiche können auch außerhalb des Wildnisgebiets liegen, solange sie die oben genannten Funktionen voll erfüllen und die jeweiligen Eigentümer und Eigentümerinnen sowie Nutzer und Nutzerinnen der betreffenden Flächen der Übernahme der Pufferfunktion zustimmen.

Die Anerkennung als Wildnisgebiet setzt eine Mindestgröße von 1.000 Hektar, in flussbegleitenden Auen, an Küsten und in Mooren von 500 Hektar voraus.

Entwicklungsbereich: Neben Kern- und Pufferbereichen können zusätzlich Entwicklungsbereiche mit zeitlich befristetem Management ausgewiesen werden. Sie werden eingerichtet, falls fachlich begründete Initialmaßnahmen umgesetzt werden sollen. Zu diesen können beispielsweise Renaturierungen oder die Entnahme invasiver nicht-heimischer Arten (siehe Position 11) zählen. Spätestens nach zehn Jahren (im Ausnahmefall bis zu 30 Jahre) wird der Entwicklungsbereich in den Kernbereich überführt.

Pufferbereich: Wildnisgebiete sind im dichtbesiedelten Deutschland in eine teils intensiv genutzte Kulturlandschaft eingebettet. Pufferbereiche können eingerichtet werden, um Zielkonflikte zwischen den Wildnis-Kernbereichen und der angrenzenden bewirtschafteten Kulturlandschaft zu entschärfen. Pufferbereiche sind sowohl in der Schutzgebietskategorie 1b „Wildnisgebiet“ der Weltnaturschutzunion IUCN3 als auch in der Definition der Wild Europe Initiative vorgesehen. In den Pufferbereichen sind dauerhafte Maßnahmen, beispielsweise Wildtiermanagement, zulässig. Sie schützen die umgebende Kulturlandschaft vor unerwünschten Einflüssen aus dem Wildnisgebiet und puffern umgekehrt Einflüsse aus der genutzten Landschaft

Wildnisgebiete sind dauerhaft rechtlich gesichert. Dies erfolgt über eine Ausweisung als Naturschutzgebiet oder als Kernzone eines Nationalparks bzw. Biosphärenreservats mit dem ausschließlichen Schutzzweck „Wildnis“. Die diesem Schutzzweck entgegenstehenden Regelungen sind in diesem Zuge für das betreffende Gebiet nach Möglichkeit aufzuheben. Übergangsweise kann eine Sicherung auch durch Eintragung einer Grunddienstbarkeit, eine rechtsverbindliche Erklärung des Flächeneigentümers gegenüber dem Bund, einen Ministerialerlass oder vergleichbare Instrumente erfolgen.

1 Abweichungen von diesen Mindestgrößen sind in Kernzonen der Nationalparke und Biosphärenreservate möglich entsprechend den Bund-Länder-Kriterien für Wildnisgebiete.

2 https://www.wildeurope.org/wp-content/uploads/2023/09/Definition_25062013update-151120.pdf

3 https://doi.org/10.2305/IUCN.CH.2016.PAG.25.en

Wildnisgebiete sind beliebte Ausflugs- und Urlaubsziele und stärken ländliche Regionen. Sie ermöglichen ein besseres Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in ökologischen Systemen und eine Verbundenheit mit der Natur.

WILDNIS ERLEBEN

In Wildnisgebieten soll sich die Natur frei entwickeln können. Gleichzeitig sind sie als Orte des Naturerlebens und zur Bildung der Öffentlichkeit zugänglich. Besuchende profitieren durch einmalige Naturerfahrungen und positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Ungezähmte, wilde Naturlandschaften sind auf der ganzen Welt touristische Anziehungspunkte und dienen auch in Deutschland als ökonomische Motoren in der jeweiligen Region. Sie ermöglichen Erfahrungen in und mit der Natur, die sich in der sonst vorherrschenden Kulturlandschaft nicht bieten. Wildnisgebiete faszinieren insbesondere dadurch, dass Natur wahrgenommen werden kann, die nicht unter der Regie des Menschen steht: Ungebändigte Natur, wie wilde Bäche und Flüsse, alte Baumriesen und besondere Tier- und Pflanzenarten können hautnah mit allen Sinnen erlebt werden. Menschen finden in wilder Natur eine ergiebige Quelle der Inspiration und Kreativität.

Das Erleben wilder Natur beeinflusst auch unmittelbar unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Der Aufenthalt in Wäldern, am Meer oder in den Bergen lindert Stress, stärkt das Immunsystem und hebt das Selbstwertgefühl. Insbesondere Naturwälder, wie wir sie in Wildnisgebieten finden, wirken sich offenbar positiv auf unser Immunsystem und unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress aus. Belastende Alarmreize aus dem Alltag, die z. B. vom Straßenverkehr ausgehen, bleiben beim Besuch von Wildnisgebieten nicht nur außen vor. Im Gegenteil: Die Reizüberflutung des Alltags wird in Naturlandschaften ausgeglichen und so die physische und psychische Gesundheit gleichermaßen gestärkt.

Wildnisgebiete sind Orte des Lernens.

Wildnisgebiete sind Sehnsuchtsorte, die vielen Menschen die Möglichkeit geben, zu genesen und sich zu erholen. Gleichzeitig ist der Besuch von Wildnisgebieten auch für deren Schutz von großer Bedeutung, denn die Erkenntnis von Konrad Lorenz hat auch heute noch Bestand: „Man liebt nur, was man kennt, und schützt nur, was man liebt.“

Wildnisgebiete sind auch Orte des Lernens. Besuchende entwickeln oft ein besseres Verständnis für die komplexen Zusammenhänge in ökologischen Systemen und eine Verbundenheit mit der Natur. Darauf baut die Wildnisbildung auf, die sich als neuer Schwerpunkt der Umweltbildung in Nationalparks entwickelt hat. Sie setzt zuerst auf das aktive und emotionale Erleben von Wildnis, bevor sich Wertebildung und Wissensvermittlung als nachfolgende Schritte anschließen. Ziel der Wildnisbildung ist, den Wert wilder Natur zu vermitteln und dazu anzuregen, über die Beziehung des Menschen zu ihr nachzudenken. Auch in Wildnisgebieten außerhalb von Nationalparks soll mit erlebnisorientierten Bildungs- und Exkursionsangeboten das Thema Wildnis vor allem sinnlich und emotional vermittelt werden.

Besuchende sollten auch deshalb ausgezeichnete Möglichkeiten geboten werden, wilde Natur und Einsamkeit zu erleben. So sieht es auch die Schutzgebietskategorie 1b „Wildnisgebiet“ der Weltnaturschutzunion IUCN vor. In Wildnisgebieten darf man sich allerdings nur mit einfachen, leisen und unaufdringlichen Beförderungsmitteln fortbewegen. Zum Wandern und Spazierengehen haben sich in Wildnisgebieten gewundene, unbefestigte Pfade anstelle von breiten, geraden Wegen bewährt. Weniger, um eine Barrierewirkung für Tier- und Pflanzenarten im Gebiet zu vermeiden, sondern vielmehr, um den Wildnischarakter in der Wahrnehmung der Besuchenden nicht zu beeinträchtigen. Grundsätzlich ist eine freie Begehbarkeit von Wildnisgebieten zu begrüßen, Ausnahmen für sensible Bereiche müssen aber respektiert werden. Um Konflikte zwischen Wünschen der Besuchenden und ungestörter Naturentwicklung zu vermeiden, ist in der Regel eine Besucherlenkung und -information notwendig: In Wildnisgebieten ist der Mensch zwar willkommener Gast, soll sich aber auch als solcher verhalten.

Der hohe Totholzanteil in wilden Wäldern wird Ursprung für neues Leben: zum Beispiel für Höhlenbrüter wie den Grauspecht.

WILDNIS SICHERT BIOLOGISCHE VIELFALT

Die biologische Vielfalt bewahren heißt, den Reichtum an Lebensräumen, Arten und Genen zu erhalten. Im Zentrum stehen die natürlichen und naturnahen Lebensräume mit den für sie jeweils typischen Arten und Lebensgemeinschaften. Ursprüngliche und weitestgehend unveränderte Wälder, Moore, Flüsse mit Auen, Küsten und Gebirge sind allerdings in Mitteleuropa sehr selten geworden.

Wildnisgebiete tragen durch ihre großflächige Ausdehnung und dynamischen Prozesse zur Erhaltung der biologischen Vielfalt bei. Hier kann Evolution weitestgehend ungestört von direkten menschlichen Einflüssen ablaufen. Arten können sich an den Klimawandel anpassen und langfristig überlebensfähige Populationen entwickeln. Zudem sind in ausreichend großen Wildnisgebieten Lebensräume in allen Entwicklungsstadien und -phasen vorhanden – für viele Lebensgemeinschaften ist dies lebensnotwendig. In besonders großen Wildnisgebieten finden sogar störungsempfindliche Arten mit großen Raumansprüchen geeignete Rückzugsräume.

nisgebiete sind wichtige Referenzflächen, mit deren Hilfe wir besser verstehen können, wie Natur sich an die vom Menschen stark veränderten Umweltverhältnisse (z. B. durch den Klimawandel) anpasst und weiter funktioniert. Von diesen Erkenntnissen können wir auch im Umgang mit wirtschaftlich genutzten Landschaften profitieren.

Können auf großen Flächen natürliche Prozesse ohne direkte menschliche Einflussnahme ablaufen, entstehen oft naturnahe Waldstrukturen und ein Nebeneinander verschiedener Entwicklungsphasen. Davon profitieren viele Artengruppen. Der hohe Totholzanteil in der Alters- und Zerfallsphase von Wäldern wird Ursprung für neues Leben: als Nahrungsgrundlage und Nist- und Brutraum z. B. für Höhlenbrüter und -bewohner wie Spechte, Eulen und Fledermäuse und als Nährboden für ökologisch notwendige Zersetzer wie Pilze oder bestimmte Insektenarten. Auch Säugetiere und Vögel mit großen Raumansprüchen wie Luchs oder Weißrückenspecht können in Wildnisgebieten ausreichend Nahrung, Unterschlupf, Nist- und Rückzugsmöglichkeiten finden.

In Wildnisgebieten

können Entwicklungszyklen von Lebensräumen vollständig ablaufen.

In Wildnisgebieten werden Entwicklungszyklen nicht durch Bewirtschaftung unterbrochen, sondern können vollständig ablaufen. Bäume dürfen hier alt werden. Besonders hochwüchsige Baumindividuen bieten einer Fülle an Kronenbewohnern wie Insekten, Pilzen, Flechten, aber auch Waldvögeln und baumbewohnenden Fledermäusen in der Vertikalen vielfältigen Lebensraum. Auch die zerfurchten Borkenstrukturen, die besonders bei alten Bäumen auftreten, eignen sich deutlich besser für eine Besiedlung durch Tiere, Pflanzen und Pilze: Sie bieten eine sehr viel größere Oberfläche als junge Stämme mit glatter Rinde.

In Wildnisgebieten kann Natur sich frei und ergebnisoffen entfalten. Das beinhaltet auch die spannende Ungewissheit darüber, wie Landschaften sich ohne menschliches Eingreifen entwickeln und welche Arten und Lebensgemeinschaften dann vorkommen. Wild-

Organismen, die sehr langsam wachsen, wie Flechten und anspruchsvolle Pilzarten, nutzt zudem der Umstand, dass in Wildnisgebieten das Habitatangebot in der Regel langfristig stabiler als in bewirtschafteten

Gebieten ist. Das gilt auch für die meisten „Urwald-Reliktarten“ z. B. aus der Gruppe der Käfer. Viele spezialisierte Waldarten sind auf ein beständiges Klima im Inneren des Waldes und permanentes Vorhandensein von stark dimensioniertem Alt- und Totholz angewiesen und fehlen deshalb in bewirtschafteten Wäldern.

Um die biologische Vielfalt eines Gebietes zu bewerten, können nicht nur die reinen Artenzahlen herangezogen werden. In relativ jungen Sukzessionswäldern kommen unter Umständen weniger Arten vor als in einer alten, bewirtschafteten Kulturlandschaft. Beides miteinander zu vergleichen ist jedoch aufgrund fehlender Kontinuität des Lebensraumes und der Vernetzung irreführend. Eine standorttypische Vielfalt stellt sich in Wildnisgebieten von selbst ein, sofern man die Natur lange genug sich selbst überlässt. Gleichwohl kann es sein, dass einzelne, auch gefährdete Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten der ehemaligen Kulturlandschaft – mitunter auch nur zwischenzeitlich – in ihrer Anzahl zurückgehen oder verschwinden, wenn die zuvor praktizierten Pflegemaßnahmen bzw. Nutzungen entfallen. Der Erfolg von Naturschutz in der Kulturlandschaft basiert darauf, dass Pflegemaßnahmen dauerhaft aufrechterhalten werden. Selbstregulierende Systeme in Wildnisgebieten sind deshalb eine wichtige Ergänzung.

schenartliche Konkurrenz – in diesen dynamischen Komplexen entstehen. Sie wird eben nicht überlagert durch menschliche Aktivitäten wie den Einsatz von Pestiziden, der zum Beispiel Resistenzen hervorrufen kann. Arten können hier also ihre Chance auf Evolution durch Anpassung wahrnehmen bzw. Wildnisgebiete nutzen, um den Folgen des Klimawandels auszuweichen.

Wildnis auf zwei Prozent der Landesfläche ist eine Bereicherung für die biologische Vielfalt.

Der klassische Naturschutz erhält bestimmte Zustände von Lebensräumen. Er ist unverzichtbar, um die mitteleuropäische Kulturlandschaft mit ihren vielfältigen Habitaten und der zugehörigen, angepassten Artenvielfalt zu bewahren. Darüber hinaus müssen aber in Deutschland Flächen verfügbar sein, auf denen ein Konzept greift, das Natur als dynamisches, sich selbstständig entwickelndes Geschehen begreift. Wird in Deutschland auf zwei Prozent der Landesfläche eine natürliche Entwicklung zugelassen, stellt das eine Bereicherung der biologischen Vielfalt dar.

In Wildnisgebieten ist damit zu rechnen, dass die Artenausstattung schwankt. Das „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ (CBD) weist darauf hin: Ökosysteme werden als dynamische Komplexe aus Lebensgemeinschaften von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen beschrieben 1. Evolution kommt in Wildnisgebieten aus den Ungleichgewichten zustande, die durch natürliche Schwankungen – unter anderem bedingt durch Klimaveränderungen, inner- und zwi-

1 „’Ecosystem’ means a dynamic complex of plant, animal and micro-organism communities and their non-living environment interacting as a functional unit.” CBD, Article 2. Use of Terms; www.cbd.int/convention/articles/default.shtml?a=cbd-02

Die zerfurchten Borkenstrukturen, die besonders bei alten Bäumen auftreten, eignen sich deutlich besser für eine Besiedlung durch Pflanzen, Pilze und Tiere wie den Hirschkäfer.

Wildnisgebiete müssen miteinander vernetzt werden. Kleinere, nahe beieinanderliegende „Wildnisinseln“ sind wichtige Trittsteine. Zusammen leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zu einem funktionierenden Biotopverbund.

WILDNIS VERNETZEN

Große Wildnisgebiete sind für Tier- und Pflanzenarten überlebenswichtig – gerade in Zeiten der Erderhitzung: Sie bieten Raum für Rückzug, Ausbreitung und Anpassung. Um diese Funktion optimal erfüllen zu können, müssen Wildnisgebiete miteinander vernetzt sein. Kleinere Gebiete – „Wildnisinseln“ – spielen dabei als sogenannte Trittsteine eine wichtige Rolle. Sie wirken einer Isolation der großen Wildnisgebiete entgegen. Zusammen leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag zu einem wirksamen Biotopverbund. Dabei ist die Planung eines zusammenhängenden Schutzgebietssystems, das über Länder- und Staatsgrenzen hinausgeht, von grundlegender Bedeutung.

Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten profitieren von Wildnisgebieten. Mit ihrer Ausdehnung bieten sie Lebensraum für Arten, die große Flächen frei von menschlicher Steuerung beanspruchen, wie zum Beispiel Luchs, Elch und Steinbock. Hier findet auch ein Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstadien statt, durch das viele Arten fortbestehen können, wie zum Beispiel zahlreiche spezialisierte Insektenarten.

Innerhalb eines Biotopverbunds wirken große Wildnisgebiete als Kernbereiche. Hier können Tier- und Pflanzenarten überlebensfähige Populationen entwickeln und sich von dort wieder in andere Gebiete ausbreiten. Kleinere nahe beieinanderliegende Wildnisinseln sind insbesondere für wenig mobile Arten entscheidend: Durch diese Trittsteine können sie auf Veränderungen reagieren und sich in neuen Lebensräumen ansiedeln.

In ihrer Geschwindigkeit erzeugt die Erderhitzung einen neuartigen und besonderen Evolutionsdruck. Um ihr Überleben in der veränderten Klimasituation zu sichern, müssen sich die Arten anpassen. Dafür sind ein intensiver genetischer Austausch zwischen benachbarten Populationen mit barrierefreien Möglichkeiten des Kontakts sowie eine ungehinderte Migration unerlässlich.

In großen

Wildnisgebieten können

Arten überlebensfähige Populationen entwickeln und sich über Trittsteine wieder in anderen Gebieten ansiedeln.

Doch der Nutzungsdruck auf die Landschaft, die Wildnisgebiete umgibt, ist hoch. Infrastrukturprojekte und eine zunehmend intensivere Landschaftsnutzung bedrohen viele wertvolle Biotope: Sie verlieren nicht nur insgesamt an Fläche, sondern werden auch voneinander isoliert. Übrig bleiben Resthabitate, die für viele Populationen zu klein sind, um dort dauerhaft zu bestehen und deren Isolation den Austausch zwischen den Gebieten erschwert.

Die Ziele der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt gehen mit den Wildniszielen einher: Danach soll ein Verbundsystem an Biotopen auf mindestens zehn Prozent der Landesfläche entwickelt werden. Allerdings fehlt es bislang an einer Planung für zusammenhängende Schutzgebiete, die mit einer konkreten zeitlichen Perspektive versehen ist. Aspekte wie z. B. die Wirkung von Landschaftselementen als Barrieren oder die Repräsentativität und der Schutzzweck von Gebieten – auch über Landesgrenzen hinaus – müssen in dieser Planung berücksichtigt werden.

Natur verändert sich ständig – räumlich wie zeitlich. Entscheidend ist ein strategischer Ansatz, der innerhalb einer Region mehrere Natura-2000-Gebiete gemeinsam betrachtet und dort sicherstellt, dass der gute Erhaltungszustand bewahrt wird.

Wildnis und Natura 2000

Das europäische Netz Natura 2000 dient dem Schutz und der Wiederherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes europaweit bedeutsamer Lebensraumtypen und Arten zur Sicherung der biologischen Vielfalt. Es besteht aus Gebieten, die gemäß der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt sind (FFH-Gebiete) und solchen, die im Rahmen der EU-Vogelschutzrichtlinie ausgewiesen wurden (Vogelschutzgebiete). In Wildnisgebieten ist zu erwarten, dass vor allem die Großräumigkeit der ungesteuerten Entwicklung auch wesentlichen Anforderungen des Netzes Natura 2000 gerecht werden kann.

Wildnis und Schutz bestimmter Lebensräume und Arten – das mag zunächst als Widerspruch wirken. In Wildnisgebieten gilt das Primat, die ungesteuerte Entwicklung zuzulassen. Das impliziert, dass sich Lebensräume wie auch Artengemeinschaften grundlegend verändern können und sich infolgedessen auch Artengemeinschaften verschieben. Dem Ansatz von FFH- und EU-Vogelschutzrichtlinie, den Bedarfen einzelner Arten oder Artengemeinschaften durch die Sicherung einer möglichst hohen Lebensraumkontinuität zu bewahren und als europaweit bedeutsam eingestufte Lebensraumtypen in einem „günstigen Erhaltungszustand“ zu sichern, scheint das zunächst entgegenzustehen.

die ungesteuerte Entwicklung in aller Regel zur Herausbildung guter Erhaltungszustände führt. Kriterien hierfür sind unter anderem eine naturnahe Baumartenzusammensetzung sowie hohe Anteile an alten, absterbenden und toten Bäumen. Auch das Vorhandensein einer lebensraumtypischen Artenzusammensetzung jenseits der Gehölze wird als Indikator für einen guten Erhaltungszustand angeführt. Mit zunehmender Dauer der ungesteuerten Entwicklung nähert sich die Lebensraumstruktur in solchen Wäldern einem Zustand an, wie er für Naturwälder typisch ist: Das mittlere Baumalter steigt, und die Bäume werden im Durchschnitt dicker. Der Anteil an absterbenden und toten Bäumen nimmt zu, wie auch die Anzahl und Dichte an Höhlen, Rissen, Spalten und vielen anderen Strukturen, die für viele baumbewohnende Arten von existenzieller Bedeutung sind. Sich entwickelnde Naturwälder in Wildnisgebieten werden somit – ohne dass das zu einem Entwicklungsziel wird – in vielen Fällen automatisch den Anforderungen des Netzes Natura 2000 gerecht.

Wildnis und Natura 2000 bieten große Potenziale für Synergien.

Ganz ähnlich gilt das für andere Lebensraumtypen und Arten, die Bestandteil der europäischen Naturlandschaft sind: Auch Seen, Moore, Flusssysteme mit ihren Auen, Küsten- und Meereslebensräume, Fels- und Gebirgsbiotope sowie die typischen Arten dieser Lebensräume profitieren grundsätzlich von der ungesteuerten Entwicklung und nähern sich von ganz allein Zuständen an, wie sie als Ziel der FFH- bzw. EUVogelschutzrichtlinie formuliert sind.

Zu großen Teilen orientieren sich die Schutzanforderungen der FFH- und der EU-Vogelschutzrichtlinie an der natürlichen Lebensraumausstattung in Europa. Das hat zur Folge, dass großräumige Wildnisgebiete mit ihrer ungesteuerten Entwicklung diesen Schutzzielen in vielen Fällen gerecht werden. Beispiel hierfür sind zahlreiche Waldlebensraumtypen, in denen

Konfliktpotenzial zwischen Wildnis und den Zielen von Natura 2000 gibt es vor allem bei stark pflegebedürftigen oder nutzungsabhängigen Arten und Lebensraumtypen. Dazu zählen zum einen solche, die kein Bestandteil der Naturlandschaft waren, sondern als reine Kulturlandschaften bzw. Kulturfolger dem wirtschaftenden Menschen in die jeweiligen Regionen gefolgt sind. Zum anderen können dazu auch Arten und Habitate zählen, die heute infolge der menschenverursachten Veränderungen kein natürliches Vor-

kommen mehr bei uns haben und bei denen kaum zu erwarten ist, dass sich entsprechende Lebensräume künftig wieder entwickeln können. Beispiel hierfür sind etwa Arten, die an ausgeprägte Flussdynamik mit aktiven Kliffs auf der einen und nährstoffarmen Neulandbildungen auf der anderen Seite gebunden sind. Eine solche Dynamik wird es insbesondere in großen Flüssen in der Zukunft bei uns allenfalls als Ausnahme geben.

Insbesondere in großräumigen Wildnisgebieten zeigt sich, dass sich Lebensraumveränderungen im Zuge der natürlichen Entwicklung selten zeitgleich und in gleicher Intensität auf der Gesamtfläche vollziehen. Mit zunehmender Dauer der ungesteuerten Dynamik ist vielmehr die Herausbildung mosaikartig miteinander verzahnter Entwicklungsphasen und Lebensraumzustände zu beobachten. Damit verbunden ist die Entstehung einer großen Vielfalt, parallel nebeneinander vorhandener Lebensraumausprägungen, die Habitate für eine ebenso große Fülle daran jeweils angepasster Arten und Artengemeinschaften bieten. Dazu zählen mitunter auch Lebensraumtypen und Arten, die heute als nutzungs- oder pflegeabhängig angesehen werden. Insbesondere Übergangsstadien, z. B. bei der Transformation von Waldflächen hin zu offenen oder halboffenen Phasen, bieten Arten Lebensräume, wie sie heute ersatzweise vor allem in Halbkultursystemen zu finden sind: Streuobstwiesen oder halboffene Weide-

landschaften mit den dort vorkommenden Arten sind Beispiele dafür. Auch wenn Mitteleuropa als ursprünglich von Wäldern geprägt gilt, so werden Ereignisse wie zum Beispiel Stürme, Dürren oder Überflutungen zusammen mit dem Einwirken von großen Pflanzenfressern immer wieder auch zu einer Öffnung der Landschaft und zur Herausbildung von Trockenrasen, Heiden und feuchten Grasfluren führen. Diese werden jedoch eher in Form kleinräumiger Mosaike miteinander und mit Waldflächen verzahnt sein, statt mehr oder weniger große, homogene Einheiten zu bilden.

Wildnis ist somit ein wesentliches Umsetzungsinstrument für Natura 2000, mit dem die Schutz- und Erhaltungsziele für eine Vielzahl an Lebensraumtypen und Arten auf sehr effektive Weise erreicht werden können.

Der Luchs wandert seit einigen Jahren wieder in seine angestammten Lebensräume in Europa und Deutschland zurück und bereichert unsere Natur.

Wildnis und große Beutegreifer

Seit einigen Jahren kehren große Beutegreifer – allen voran Wolf und Luchs, aber auch Braunbär und Kegelrobbe – in ihre angestammten Lebensräume in Europa und auch in Deutschland zurück. Große Wildnisgebiete können für sie dabei wichtige Rückzugsräume und Ausbreitungszentren sein. Auf regulierende Eingriffe kann in Wildnisgebieten verzichtet werden. Ohne Jagdgeschehen können wir die natürlichen Wechselbeziehungen zwischen Räubern und Beute und den bedeutenden Einfluss der Beutegreifer auf die Prozesse von Ökosystemen nachvollziehen.

Im 19. Jahrhundert wurden die großen Beutegreifer in Deutschland vollständig ausgerottet. Neben Wolf und Luchs war ursprünglich auch der Braunbär in unseren Wäldern heimisch. Inzwischen ist er wieder als sporadischer Gast im Alpenraum zu finden. Auch die Kegelrobbe ist an einsamen Stränden von Nord- und Ostsee wieder fest etabliert. So kommen etwa bei Helgoland jährlich und mit steigender Tendenz viele Jungtiere zur Welt.

Es gibt mehrere Gründe für die Rückkehr der großen Beutegreifer. Insbesondere bessere Schutzbestimmungen 1 und ihre effektive Umsetzung auf nationaler und internationaler Ebene schützen die Beutegreifer heute weitgehend vor Bejagung. Zudem haben sich die Wälder und Wildbestände nach drastischer Übernutzung seit dem Mittelalter erholen können. Großen, unzerschnittenen Wäldern kommt dabei als Lebensraum vor allem für Luchs und Bär ebenso eine Schlüsselrolle zu wie geschützten Küstenabschnitten für die Kegelrobbe.

Große Beutegreifer haben beträchtliche Raumansprüche, für die selbst große Wildnisgebiete in Deutschland nicht ausreichen. Ihre Streifgebiete gehen in der

Regel deutlich darüber hinaus. So kann es außerhalb der Wildnisgebiete zu Konflikten kommen, wenn Beutegreifer Nutztiere reißen. Die meisten Bundesländer stellen entsprechend der jeweiligen Wolf- und LuchsManagementpläne finanzielle Unterstützung zur Verfügung sowohl für Herdenschutzmaßnahmen als auch bei entstandenen Rissschäden. Angriffe auf Menschen durch große Beutegreifer sind in Deutschland in den letzten Jahrhunderten nicht bekannt.

In großen Wildnisgebieten sind Beutegreifer uneingeschränkt willkommen und ihre Funktion im Ökosystem ist einzigartig. Effekte, die sie auf ihre Beutetiere und kleinere Beutegreifer ausüben, können durch Jagd nicht von Menschen ersetzt werden: Große Beutegreifer erbeuten nicht nur Tiere und wirken so auf deren Bestände; ihre bloße Anwesenheit beeinflusst das räumliche und zeitliche Verhalten ihrer Beutetiere und kleinerer Beutegreifer. Rehe und Hirsche weichen gegebenenfalls auf Lebensräume aus, die ihnen die Flucht erleichtern. Entscheidend ist für sie vor allem das Risiko, Beutegreifern zum Opfer zu fallen, und sie orientieren sich nicht mehr vorrangig am Vorkommen von Nahrung. Rotwild schließt sich unter Umständen bei Anwesenheit von großen Räubern in Gruppen zusammen, um die Umgebung gemeinsam besser überwachen zu können, ohne die Nahrungsaufnahme zu vernachlässigen. Derartige Veränderungen im Verhalten der Beutetiere wirken sich unmittelbar auf die Vegetation und unter Umständen auch auf das gesamte Ökosystem aus.

Auch wenn Arten wie Wolf und Luchs nicht auf Wildnisgebiete angewiesen sind und sich auch gut in unserer Kulturlandschaft zurechtfinden, sind große Beutegreifer wichtige Botschafter für Wildnisgebiete, und ihr Einfluss auf naturnahe Landschaften ist bedeutend. Durch ihr Potenzial, Prozesse mit weitreichenden Auswirkungen im Nahrungsnetz zu beeinflussen, sind sie in Wildnisgebieten Schlüsselarten. Die natürliche Artenausstattung an Beutegreifern sollte deshalb zugelassen werden, um ein vollständiges Ablaufen der Prozesse zu ermöglichen.

1 unter anderem die Berner Konvention, die Bonner Konvention und die Fauna-FloraHabitat-Richtlinie

Der Elch kehrt eigenständig in die östlichen Randbereiche Deutschlands zurück.

WILDNIS UND GROßE PFLANZENFRESSER

Zahlreiche mitteleuropäische Großsäugerarten sind durch den direkten Einfluss des Menschen verschwunden, darunter viele wildlebende, große Pflanzenfresser – sogenannte Megaherbivoren.

So wurden auch Wisent, Wildpferd und Auerochse zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert in Mitteleuropa ausgerottet – die Wildformen der westlichen Unterart des Wildpferds und des Auerochsen unwiederbringlich. Der Wisent konnte aus Zoobeständen vereinzelt wieder in Deutschland in Großgehegen oder zumindest unter Veterinäraufsicht angesiedelt werden.

Er hat aber bislang keine überlebensfähigen, ausreichend großen Populationen aufbauen können. Das Vorkommen des Elchs in Deutschland beruht auf eigenständiger Rückwanderung und beschränkt sich bisher auf die östlichen Randbereiche – aber mit steigender Ausbreitung in den letzten Jahren. Allein der Rothirsch hat recht große Verbreitungsgebiete; allerdings gilt in weiten Teilen Deutschlands, dass er ausschließlich in sogenannten Rotwildbezirken existieren darf.

Aasverwerter. Durch Verbiss und Schälen an Bäumen kann es im Wald auf Teilbereichen zu lichteren bis offenen Vegetationsstrukturen kommen. Im Zuge der natürlichen Waldentwicklung entstehen durch umgestürzte Bäume oder Baumgruppen mosaikartig aber auch Bereiche, in denen der Einfluss der Pflanzenfresser geringer ist. Hier können sich Gehölze verjüngen, die ansonsten empfindlich gegenüber Verbiss sind. Zu erwarten ist darüber hinaus, dass große Beutegreifer (siehe Position 7) in den Wildnisgebieten das (Fraß-) Verhalten der Großherbivoren beeinflussen und es zu einer dynamischen Veränderung der Lebensräume kommen wird.

Große Pflanzenfresser haben beträchtliche Raumansprüche, die oft deutlich über die Größe eines Wildnisgebiets hinausgehen. Außerhalb der Gebiete kann es zu Konflikten kommen, wenn die Tiere Fraß- und Trittschäden auf land- oder forstwirtschaftlichen Flächen verursachen. Bei Bedarf kann im Pufferbereich Einfluss auf die Bestände genommen werden. Zäune im und um das Schutzgebiet schließen jedoch eine Einstufung als Wildnisgebiet aus. In begründeten Ausnahmefällen sollte es jedoch möglich sein, Gefahrenstellen in Abschnitten abzusichern.

Große Pflanzenfresser können Ökosysteme umfassend beeinflussen.

Eine eigenständige Wiederbesiedlung durch große Pflanzenfresser ist zu begrüßen. Elche, Wisente und Hirsche können wichtige Botschafter für Wildnis sein. Für die Einstufung einer Fläche als Wildnisgebiet ist ihr Vorkommen aber keine Voraussetzung.

Große Pflanzenfresser können das Ökosystem umfassend verändern. Durch ihre Nahrungsaufnahme beeinflussen sie die Gras- und Krautvegetation als auch die Verjüngung von Gehölzen. Ihr Tritt hinterlässt Spuren, sie verbreiten Samen, von ihrem Dung profitieren Pilze und Insekten und von ihrer Verwesung

Nicht domestizierte Formen nacheiszeitlich freilebend in Mitteleuropa vorkommender Arten großer Pflanzenfresser können im Zuge zeitlich begrenzter Initialmaßnahmen (siehe Position 2 – Wildnis sichern) in Wildnisgebieten aktiv wieder angesiedelt werden, wenn dieses Gebiet und gegebenenfalls das Umland ausreichend Raum und Nahrung für eine dauerhaft lebensfähige, wildlebende Population bieten und ein zeitlich über die Initialmaßnahme hinausgehendes Management dieser Arten in den Kernbereichen der betreffenden Wildnisgebiete ausgeschlossen ist.

Massenvermehrungen des Borkenkäfers können zum Absterben ganzer Baumbestände führen. Die dynamische Entwicklung führt jedoch zu naturnahen Ökosystemen, die optimal an ihren Standort angepasst sind.

WILDNIS UND IHRE GESTALTER

Stürme, Lawinen, Überflutungen, Dürreperioden und Feuer zählen zu den wesentlichen Erscheinungen unbelebter Natur, die die Landschaftsentwicklung beeinflussen. In der Kulturlandschaft sind solche natürlichen Ereignisse mitunter unerwünscht, führen zu Ertragseinbußen und werden oft als Katastrophen wahrgenommen. In Wildnisgebieten hingegen sind sie ein willkommenes Element natürlicher Prozesse, die Lebensgemeinschaften formen und wesentlich zu deren Dynamik und Vielfalt beitragen.

Hier lösen diese natürlichen Ereignisse oft Veränderungen in den Lebensgemeinschaften aus, die das Ökosystem zusätzlich prägen. Insektenbefall, z. B. durch Massenvermehrungen des Fichtenborkenkäfers (Buchdrucker), des Großen Braunen Rüsselkäfers oder der Nonne, kann zum Absterben einzelner Bäume bis hin zu ganzen Beständen auf großer Fläche führen. Durch Totholz und Lichtungen entstehen Nahrungsangebote sowie neuer vielfältiger Lebensraum für spezialisierte Arten. Reinbestände einzelner Baumarten in (ehemaligen) Wirtschaftswäldern sind besonders anfällig für Insektenbefall. Durch das dichte Angebot einer bevorzugten Baumart sind sie für die jeweilige Insektenart sehr attraktiv. Ohnehin sind diese Bestände durch Stress oder durch nicht standortgemäßen Waldbau, aus dem sie oft hervorgegangen sind, anfällig. Wird ein über lange Zeit bewirtschafteter und von Reinbeständen geprägter Wald in die natürliche Entwicklung überführt, kann es zum Absterben ganzer Baumbestände

kommen. Dies war zum Beispiel in den Nationalparks im Harz oder im Bayerischen Wald der Fall. Die dynamische Entwicklung führt jedoch zu neuem, vielfältigem Leben mit naturnahen Ökosystemen, die optimal an ihren Standort angepasst sind.

Für die Natur gibt es keine Katastrophen.
Dynamische Entwicklung führt zu neuem, vielfältigem Leben.

Klein- und Kleinstlebewesen, wie Würmer, Schnecken und Insekten, die sich von Pflanzen und ihren Bestandteilen ernähren, gestalten die Landschaftsentwicklung. Sie machen einen großen Teil der tierischen Biomasse in einem Ökosystem aus und prägen die natürlichen Prozesse, die unbedingt zugelassen werden sollten. Das gilt auch für den Einfluss pflanzenfressender Säugetiere. Dieser reicht von größeren Pflanzenfressern wie Hirsch und Reh bis hin zu kleineren Vertretern wie Wühl- und Langschwanzmäusen, die Wurzeln und Rinden benagen oder Samen und Keimlinge fressen und so die Verjüngung von Bäumen stark einschränken können. So können diese Arten, die im Wirtschaftswald gegebenenfalls bekämpft werden, dazu beitragen, dass Lichtungen länger offenbleiben. Einer der eindrücklichsten Landschaftsgestalter ist der Biber, der Bäume fällt, Fließgewässer aufstaut und so für neue Gewässerverläufe bis hin zum Entstehen ganzer Seenketten sorgen kann. Was im Wirtschaftswald oder auf landwirtschaftlichen Flächen Ertragsverluste bedeuten kann, ist insbesondere in Wildnisgebieten ein willkommener Beitrag zur Dynamik.

Maßnahmen zum Schutz angrenzender Flächen für Forst- und Landwirtschaft sind nur in den Pufferbereichen zulässig. Wildnisgebiete bieten so die Gelegenheit, zu erleben und zu lernen, wie Lebensräume sich in einem Netzwerk unterschiedlichster Entwicklungsphasen selbst steuern und entwickeln. Eine Erkenntnis daraus ist, dass es Katastrophen für die Natur nicht gibt, sondern nur Ereignisse, die den Lauf der Dinge immer wieder beeinflussen und verändern und damit Garanten und Quellen biologischer Vielfalt sind.

In Wildnisgebieten soll das natürliche Verhalten der Tiere nicht gestört werden. So können sie zudem besser beobachtet werden.

WILDNIS UND WILDTIERMANAGEMENT

In Wildnisgebieten sollen Prozesse soweit wie möglich ohne menschliche Einflussnahme zugelassen werden. Wildtiere prägen diese Prozesse und sollen sich in Wildnisgebieten weitestgehend ungestört verhalten können. In den Kernbereichen von Wildnisgebieten finden deshalb Jagd und Fischerei nicht statt.

Effekte, die große Beutegreifer wie Luchs und Wolf – sogenannte Spitzenprädatoren – auf ihre Beutetiere und kleinere Beutegreifer ausüben, können vom Menschen nicht durch Jagd ersetzt werden. In bejagten Gebieten entwickeln Wildtiere ein Fluchtverhalten mit großen Fluchtdistanzen und verlagern ihre Aktivitäten von den Tages- in die Abend- und Nachtstunden. In Wildnisgebieten soll das natürliche Verhalten der Tiere nicht gestört werden. Erfahren Wildtiere keine jagdlichen Nachstellungen, können sie zudem besser beobachtet werden.

Im Kernbereich eines Wildnisgebiets findet grundsätzlich spätestens zehn Jahre nach der Ausweisung keine Fischerei, keine Jagd bzw. kein Wildtiermanagement mehr statt. Hegeverpflichtungen werden aufgehoben und jegliche Infrastruktur für Jagd und Fischerei wie Anlegestellen, Stege, Hochstände, Wege oder Wildwiesen zurückgebaut oder aufgegeben. Pachtverträge werden nicht mehr verlängert. Die Entwicklung der Gebiete wird möglichst wissenschaftlich begleitet und dokumentiert. So können neue Erkenntnisse gewonnen werden, wie sich Arten verhalten und wie sie ihren Lebensraum beeinflussen.

Die Effekte von Luchs und Wolf können vom Menschen nicht durch Jagd ersetzt werden.

Bei Bedarf kann im Pufferbereich Einfluss auf den Wildtierbestand bzw. auf das Verhalten von Wildtieren genommen werden, um unerwünschte Effekte von Wildtieren wie Huftieren und nicht-heimischen Arten auf das angrenzende Umland zu verringern oder hier entsprechende Rechtsvorgaben umzusetzen. Ein gegebenenfalls durchzuführendes Wildtiermanagement erfolgt unter diesen Maßgaben: Die Erfordernisse müssen nachgewiesen, gebietsspezifische Konzepte erstellt und der Erfolg durch ein geeignetes Monitoring beschrieben werden. Die Konzepte sind anhand der Erkenntnisse aus dem Monitoring regelmäßig zu aktualisieren und fortzuschreiben.

Jagd- und Fischereirechte und länderspezifische Rechtsvorschriften, die Flächeneigentümer zum Management verpflichten, können dem Schutzzweck in Wildnisgebieten entgegenstehen. Vor diesem Hintergrund ist ein differenziertes Vorgehen in den Kernbereichen und in den Pufferbereichen eines Wildnisgebiets nötig (siehe Position 2). Damit kann dem Schutzzweck Wildnis und zugleich den rechtlichen Vorgaben entsprochen werden.

In Wildnisgebieten wird je nach Bereich unterschiedlich vorgegangen, um Konflikte mit invasiven Arten zu verringern.

WILDNIS UND NEOBIOTA

Als Neobiota werden Tiere und Pflanzen bezeichnet, die sich nach Beginn der Neuzeit1 in Europa mit einem reproduzierenden Bestand dauerhaft etabliert haben. Sollten sich Neobiota in einem Wildnisgebiet ansiedeln oder vor der Einrichtung bereits angesiedelt haben, können nur solche Maßnahmen durchgeführt werden, die negative Einflüsse der Neobiota auf benachbarte Flächen verhindern und hinreichende Erfolgsaussichten haben.

Grundsätzlich sollen in Wildnisgebieten Prozesse soweit wie möglich ohne menschlichen Einfluss stattfinden. Maßnahmen erfolgen deshalb nur, wenn Neobiota als invasiv2 gelten und standortheimische Arten in ihrem Bestand bedrohen, zum Beispiel indem sie sie aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängen.

Wildnisgebiete bestehen aus einem Kernbereich, in den durch den Menschen nicht eingegriffen wird. Ein umgebender Pufferbereich, der die benachbarte Kulturlandschaft schützt und deren Einflüsse auf den Kernbereich abpuffert, kann bei Bedarf eingerichtet werden. Je nach Bereich erfolgt innerhalb der Wildnisgebiete ein unterschiedliches Vorgehen, um Konflikte mit invasiven Arten (mit temporären oder dauerhaften Vorkommen) und deren unerwünschte Einflüsse auf Lebensräume der umgebenden Kulturlandschaft zu minimieren.

durch Menschen) die standortheimische Vegetation in der Regel nicht dauerhaft gefährden. In der Regel brechen die (zumeist monoklonalen3) Bestände früher oder später wieder zusammen oder werden im Zuge der Sukzession von den standortheimischen Pflanzengesellschaften verdrängt. Bei neobiotischen Tieren kann es in seltenen Einzelfällen dazu kommen, dass heimische Arten verdrängt werden. Ein Handlungsbedarf kann vor allem dann bestehen, wenn vor der Ausweisung des Kernbereichs Neobiota aktiv eingebracht wurden und diese noch beseitigt werden sollen. Für solche Initialmaßnahmen sind in Wildnisgebieten maximal zehn Jahre vorgesehen. Bleiben Maßnahmen in diesem Zeitraum erfolglos, ist es in der Regel aussichtslos, Neobiota wieder aus dem Wildnisgebiet zu verdrängen.

Im Kernbereich von Wildnisgebieten greift der Mensch grundsätzlich nicht ein, somit werden Neobiota dort nicht bekämpft.

Im Kernbereich werden Neobiota grundsätzlich nicht bekämpft. Wildnisgebiete können deshalb wertvolle Erkenntnisse darüber liefern, welche Rolle Neobiota ohne das Zutun des Menschen in Lebensgemeinschaften einnehmen. Es ist davon auszugehen, dass in großflächigen, ungesteuerten Wildnisgebieten neobiotische Pflanzen (ohne aktive Einbringung

1 Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert / Ankunft der Spanier unter Kolumbus in Amerika

2 Zur Bewertung von Neobiota hinsichtlich ihrer Invasivität und ihren möglichen negativen Einflüssen auf die angrenzenden Flächen wird auf die Invasivitätsbewertungen sowie Warnlisten des Bundesamts für Naturschutz BfN verwiesen: https://neobiota.bfn.de

3 bestehend aus einer Pflanze, die sich vegetativ vermehrt hat

Im Unterschied zum Kernbereich kann im Pufferbereich in begründeten Einzelfällen ein dauerhaftes Management stattfinden. Sensible Arten, die auf benachbarten Flächen zum Wildnisgebiet kleinräumig vorkommen, können Gefahr laufen, von Neobiota verdrängt zu werden. Dringen konkurrenzstarke, invasive Arten in diese Nachbarflächen vor, können heimische Arten unter Umständen nicht ausweichen, so dass deren lokale Vorkommen möglicherweise erlöschen. Ein dann notwendiges Eingreifen darf sich nur so wenig wie möglich auf das Wildnisgebiet auswirken (z. B. Belassen der Biomasse im Wildnisgebiet) und muss unter folgenden Maßgaben gerechtfertigt sein: Die Erfordernisse müssen nachgewiesen, gebietsspezifische Konzepte erstellt und der Erfolg durch ein geeignetes Monitoring beschrieben werden. Die Konzepte sind anhand der Erkenntnisse aus dem Monitoring regelmäßig zu aktualisieren und fortzuschreiben.

Wildnisgebiete haben besondere Potenziale, durch Kohlenstoffbindung der Erderhitzung entgegenzuwirken.

Wildnis und Erderhitzung

Die menschenverursachte Erderhitzung betrifft alle Regionen der Erde und somit auch Wildnisgebiete. Sie modifiziert wesentliche Rahmenbedingungen für die ungesteuerte Entwicklung in diesen Gebieten. Wildnisgebiete haben zum einen besondere Potenziale, durch Kohlenstoffbindung der Erderhitzung entgegenzuwirken. Gleichzeitig stellen sie Räume dar, in denen sich Arten und Lebensgemeinschaften an klimatische Veränderungen anpassen können. Außerdem lassen sich durch die Erderhitzung angestoßene Reaktionen natürlicher Ökosysteme zweifelsfrei nur in Räumen erkennen, die von steuernden Eingriffen des Menschen frei sind.

Die Erderhitzung ist zu einer der größten Bedrohungen sowohl für die menschliche Zivilisation als auch für die globale biologische Vielfalt geworden. Ausmaß und Rasanz dieser Veränderungen, die zur Verschiebung und teilweise zum Verschwinden ganzer Klimazonen führen, macht es vielen Arten kaum noch möglich, sich anzupassen bzw. mit den räumlichen Verschiebungen „mitzuwandern”. Viele Arten drohen daher auszusterben. Je stärker die Erderhitzung ausfällt, desto dramatischer sind die Folgen für Mensch und Natur. Neben der konsequenten Umsetzung von Maßnahmen zur Eindämmung der globalen Erhitzung sind auch Strategien zur Anpassung an sich verändernde klimatische Verhältnisse erforderlich.

weisen insbesondere im Vergleich zu genutzten Landschaften deutlich ausgeglichenere Temperaturverläufe auf. Auch die mittlere Luftfeuchtigkeit ist hier erhöht. Wildnisgebiete können Arten, die von der Erderhitzung besonders bedroht sind, somit Raum und Zeit verschaffen, sich zu adaptieren bzw. mit sich verschiebenden Klimazonen mitzuwandern.

Wildnisgebiete können einen Beitrag zur Begrenzung der Erderhitzung leisten.

Wildnisgebiete bieten hierfür besondere Potenziale: In ihnen kann sich die biologische Vielfalt ohne Überprägung durch menschliche Landnutzung verändernden Umweltbedingungen anpassen. Ein Großteil der Wildnisgebiete lässt zudem erwarten, dass sich Lebensräume entwickeln, die vor allem Temperaturextreme abpuffern: Naturwälder und wassergesättigte Moore

Wildnisgebiete können einen Beitrag zur Begrenzung der Erderhitzung leisten. Viele natürliche Systeme bilden zum einen wesentliche Kohlenstoffspeicher, zum anderen aber auch langfristige Kohlenstoffsenken. Wälder, die sich seit langer Zeit ohne forstliche Eingriffe entwickeln konnten, weisen beispielsweise im Mittel deutlich höhere Holzvorräte und somit auch darin gebundene Kohlenstoffmengen auf als genutzte Wälder. Zudem binden die Böden in Wildnisgebieten, wie großen, forstlich nicht genutzten Wäldern, erheblich mehr Kohlenstoff als Böden, die im Zuge klassischer Landnutzung wiederkehrend gestört und hoher Lichteinwirkung ausgesetzt sind. Moore speichern in ihren Torfkörpern enorme Kohlenstoffmengen. Vor allem für die land- oder forstwirtschaftliche Nutzung wurde der Großteil der Moore in Deutschland (ca. 95 Prozent) entwässert, der im Torf gebundene Kohlenstoff wurde und wird dadurch sukzessive als CO2 in die Atmosphäre freigesetzt. Wildnisgebiete ermöglichen durch das Fehlen entsprechender Nutzungsansprüche die großräumige Wiedervernässung von Mooren. Im Idealfall wird dadurch nicht nur der Kohlenstoffspeicher erhalten, sondern es entstehen intakte Moore, die als CO2-Senke fungieren können. Auch Auen in ungesteuerter Entwicklung, wie sie großräumig vor allem in Wildnisgebieten möglich sind, fungieren als wichtige Festlegungsräume. Mit den sich im Zuge einer intakten Auendynamik ablagernden Sedimenten werden neben Kohlenstoff auch Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe aus den jeweiligen Kreisläufen entzogen und akkumuliert. Intakte Auen und Moore dämpfen zudem das Abflussgeschehen nach Extrem-Niederschlägen, indem sie große Wassermengen zwischenspeichern.

Der Nord- und Ostsee geht es schlecht. Die Einrichtung großflächiger mariner Wildnisgebiete ist drängender denn je.

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Wildnis in Nord- und Ostsee

Zwei Prozent der Landfläche Deutschlands sollen als großräumige Wildnis gesichert werden. Auch die Meeresflächen1 von Nord- und Ostsee verfügen über große Potenziale für eine dauerhaft ungesteuerte Entwicklung. Die enormen Belastungen beider Meere durch menschliche Eingriffe und Nutzungen lassen die Einrichtung großflächiger mariner Wildnisgebiete drängender denn je erscheinen.

Deutschland verfügt inklusive der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) über eine Meeresfläche von etwa 57.000 km² (5,7 Mio. Hektar). Davon entfallen 41.000 km² auf die Nordsee und 16.000 km² auf die Ostsee. Obwohl formal ca. 45 Prozent der deutschen Meeresfläche (knapp. 2,6 Mio. Hektar) einen Schutzstatus aufweist, geht es Nord- und Ostsee schlecht. Fischerei, Rohstoffabbau, Schifffahrt, Inanspruchnahme für Energieund Leitungsinfrastruktur, militärische und andere Altlasten, erhöhte Lärm-, Nähr- und Schadstoffeinträge sowie Freizeitnutzung und Tourismus haben beide Meere flächendeckend an ihre absolute Belastungsgrenze gebracht. Auch die Schutzgebiete – Nationalparks, Naturschutzgebiete, Natura 2000 bis hin zum UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer – sind nicht frei von derartigen naturschädigenden Nutzungen. Zudem bringen Meeresspiegelanstieg, Meeresversauerung, Sauerstoffmangel und zunehmende Erwärmung der Wasserkörper infolge der anthropogen bedingten Erderhitzung zusätzlichen Stress in die marinen Ökosyste-

me. Großräumige Wildnisgebiete können hier deutliche Entlastung bringen, indem sie auf vielfältige Weise die Resilienz der Meeresökosysteme stärken:

Marine Wildnisgebiete sind Refugien für die biologische Vielfalt der Meere. In ungestörtem Meeresboden entwickeln sich vielfältige Kleinorganismen (Mikrobenthos) und bilden die Grundlage eines umfassenden Nahrungsnetzes. Von diesem profitiert eine Fülle von Fischen und Meeresvögeln bis hin zu ikonischen Meeressäugern wie Schweinswal, Seehund und Kegelrobbe. Meereslebensräume können sich in Wildnisgebieten mit ihren Arten und Ökosystem-Funktionen ungestört entfalten. Zum Beispiel bilden sie Rückzugsräume und Kinderstube für zahllose Arten von Meeresbewohnern, binden teilweise große Mengen an Kohlenstoff und sind auch für die Anpassung der marinen Ökosysteme an die Folgen der Erderhitzung von entscheidender Bedeutung. Nur hier können solche Anpassungsprozesse ohne Überprägung durch menschliche Eingriffe und Nutzungen ablaufen.

In Nord- und Ostsee gibt es keine Einschränkungen durch privates

Flächeneigentum – die Rahmenbedingungen für mehr marine Wildnis sind daher besonders günstig.

In Anlehnung an Empfehlungen der HELCOM (Helsinki Kommission) sieht die Initiative Wildnis in Deutschland marine Wildnisgebiete als jeweils mindestens 3.000 Hektar große, weitgehend unzerschnittene Meeresräume an, in denen sich die Natur dauerhaft ungesteuert entwickeln kann. Naturschädliche Nutzungen sind mit dem Status Wildnisgebiet nicht vereinbar und müssen durch geeignete Rechtsvorschriften unterbunden werden. Auch ist durch Schiffsverkehr entstehende Belastung durch Bündelung auf festgelegte Trassen zu minimieren. Schifffahrtsstraßen, die einer regelmäßigen Unterhaltung bedürfen, können nicht Teil von Wildnisgebieten sein und würden solche Gebiete teilen.

Die Europäische Biodiversitätsstrategie 2030 sieht vor, europaweit ein Drittel der Schutzgebiete an Land und im Meer unter strengen Schutz zu stellen. Der Be-

1 Zur Abgrenzung von Landflächen wird hier der Begriffsinhalt des Statistischen Bundesamtes zur Gebietsfläche Deutschlands herangezogen: Die Gebietsfläche Deutschlands ist demnach die „Landfläche bis zur sogenannten Küstenlinie – d.h. der Grenze zwischen Meer und Festland bei einem mittleren Wasserstand - einschließlich der Binnengewässer, aber ohne den Bodensee“ © Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2003. Diese Position adressiert Flächen jenseits dieser Küstenlinie.

schluss der 15. Weltnaturkonferenz in Montreal (Kanada) verpflichtet die Unterzeichnerstaaten – darunter Deutschland – 30 Prozent der Meeresfläche effektiv zu schützen –das entspricht etwas mehr als 1,7 Mio. Hektar. Mit Blick auf den besonders kritischen Zustand von Nord- und Ostsee hält es die Initiative Wildnis in Deutschland für notwendig, mindestens die Hälfte der bestehenden marinen Schutzgebietsfläche als Wildnisgebiet zu etablieren. Die entstehenden marinen Wildnisgebiete wären damit auch das zentrale Umsetzungsinstrument für die Maßgaben der EU-Biodiversitätsstrategie, das Abkommen von Montreal und würden auch für die Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung eine entscheidende Rolle spielen.

Mit den Nationalparks Niedersächsisches, Hamburgisches und Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer an der Nordseeküste sowie Vorpommersche Boddenlandschaft und Jasmund an der Ostsee bestehen in den Küstengewässern fünf Großschutzgebiete mit vorrangigem Schutzziel „ungesteuerte Entwicklung“ in Verantwortung der jeweiligen Bundesländer. Um diesem Ziel gerecht zu werden, müssen naturschädigende Nutzungen in den Naturdynamikzonen dieser Nationalparks beendet werden. Unter anderem betrifft das die Fischerei, die dort noch immer überwiegend großflächig stattfindet. Zudem müssen die Verlegung von Energieleitungen sowie die Schifffahrt so gebündelt werden, dass zumindest die Naturdynamikzonen der Nationalparks davon weitestgehend frei bleiben. Ebenso sind Sandentnahmen mit Wildnisgebieten unvereinbar. Potenzial für mehr Meereswildnis in den Küstengewässern besteht unter anderem in der Vergrößerung bestehender Nationalparks, etwa des Nationalsparks Jasmund. Insbesondere in der Ostsee müssen über die Nationalparks hinaus aber auch weitere strenge Meeresschutzgebiete eingerichtet werden. Potenziale dafür gibt es z. B. im Schleswig-Holsteinischen Teil der Ostsee, in der Wismarbucht und der Pommerschen Bucht.

In den Gewässern der AWZ hat die Bundesregierung bis heute Naturschutzgebiete auf etwas mehr als 1 Mio. Hektar eingerichtet (Nordsee knapp 800.000 Hektar, Ostsee gut 200.000 Hektar). Auch in diesen Schutzgebieten finden jedoch zum großen Teil Eingriffe und Nutzungen durch den Menschen statt, die mit den Schutzerfordernissen nicht vereinbar sind. Die Implementierung eines

strengen Schutzregimes in diesen Gebieten unter Ausschluss naturschädigender Eingriffe und Nutzungen wäre eine schnell umsetzbare Maßnahme zur Schaffung großräumiger Wildnis in diesen Meeresgebieten. Zugleich wird auch in der AWZ Potenzial für Wildnis über die bestehenden Schutzgebiete hinaus gesehen, die zum Beispiel durch Vergrößerung von Schutzgebieten umgesetzt werden können.

Die notwendige internationale Abstimmung unter anderem im Rahmen der gemeinsamen EU-Fischereipolitik zur Schaffung von Wildnisgebieten in der AWZ, insbesondere zum rechtlich verbindlichen Ausschluss fischereilicher Nutzungen, muss schnellstmöglich vorgenommen werden. Da es im Gegensatz zu den Landflächen im Meer kein privates Flächeneigentum gibt, sind die Rahmenbedingungen für mehr marine Wildnis besonders günstig.

SIEBEN GUTE GRÜNDE FÜR MEHR WILDNIS IN DEUTSCHLAND

Klimaschutz

Wildnis hilft dem Klima

Gesunde Wälder, Moore und Auen wirken ausgleichend auf die extremen Wetterfolgen des Klimawandels und senken dauerhaft die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre. Sie geben Lebewesen Raum und Zeit, sich an neue Klimaverhältnisse anzupassen.

Verantwortung

Wildnis ist unsere Aufgabe

Zu Recht fordern wir den Schutz tropischer Regenwälder oder afrikanischer Savannen. Doch ungesteuerte Natur müssen wir auch bei uns ermöglichen. Zwei Prozent der Landesfläche sollen es bis 2030 sein. So will es auch die Bundesregierung. Nicht viel im internationalen Vergleich. Das sollten wir schaffen. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Enkel.

Erholung

Wildnis belebt

Je wilder die Natur ist, desto besser gefällt sie vielen Menschen. Wildnisgebiete bieten ein Gegengewicht zur stark genutzten Kulturlandschaft. Körper und Seele kommen zur Ruhe. Deshalb sind Wildnisgebiete weltweit beliebte Ausflugs- und Urlaubsziele und stärken damit ländliche Regionen.

Naturkapital

Wildnis rechnet sich

Trinkwasser, Sauerstoff oder Pflanzenbestäubung – wir sind auf die Leistungen der Natur angewiesen. Wildnisgebiete beherbergen ein unersetzliches Vermögen.

Schatzkammer

Wildnis sichert biologische Vielfalt

Viele bedrohte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen finden nur in Wildnisgebieten wichtige Lebens- und Rückzugsräume. Vernetzte Biotope erhöhen die Überlebenschancen auch für wandernde Arten.

Wissen

Wildnis macht schlau

Wie passt sich Natur dem Klimawandel an?

Welche Lösungen finden Tiere und Pflanzen in ihrer natürlichen Umwelt? Wildnis ist ein Eldorado für Forschende. Überlebenswichtige Konzepte für Land- und Forstwirtschaft sowie Hochwasser- und Klimaschutz können mit diesem Wissen entwickelt werden.

Hochwasserschutz

Wildnis schützt Lebensraum Überschwemmungen sind oft verheerend für Menschen, Wirtschaft und Infrastruktur. In wilden Flussauen ist Hochwasser willkommen. Dort hat das Wasser genug Platz und bewohnte Gebiete werden geschützt.

Impressum

HERAUSGEBER

für die Initiative Wildnis in Deutschland:

Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Bernhard-Grzimek-Allee 1 | 60316 Frankfurt

Telefon +49 (0)69 - 94 34 46 0 info@wildnisindeutschland.de www.wildnisindeutschland.de

Die Broschüre erschien erstmals im Jahr 2017 (1. und 2. Auflage). Diese dritte Auflage wurde inhaltlich überarbeitet und erweitert.

3. AUFLAGE

2000 Exemplare (März 2026)

REDAKTION 3. AUFLAGE

Zoologische Gesellschaft Frankfurt (Claudia Weigel)

REDAKTIONSGRUPPE 3. AUFLAGE

NABU-Stiftung Nationales Naturerbe (Stefan Schwill)

Naturstiftung David (Adrian Johst, Jana Planek)

GESTALTUNG 3. AUFLAGE

Laëtitia Otal

REDAKTION ERSTAUFLAGE

Zoologische Gesellschaft Frankfurt (Manuel Schweiger)

REDAKTIONSGRUPPE ERSTAUFLAGE

BUND und BUNDstiftung (Nicola Uhde)

Deutsche Umwelthilfe (Ulrich Stöcker)

EuroNatur Stiftung (Gabriel Schwaderer)

EUROPARC Deutschland (Dr. Elke Baranek, Katharina Sabry, Karl Friedrich Sinner †)

Greenpeace e. V. (Sandra Hieke)

Gregor Louisoder Umweltstiftung (Claus Obermeier)

GRÜNE LIGA (Dr. Torsten Ehrke)

Heinz Sielmann Stiftung (Ralf Donat, Dr. Heiko Schumacher)

NABU und NABU-Stiftung Nationales Naturerbe (Stefan Schwill, Christian Unselt)

Naturstiftung David (Adrian Johst)

Naturwald Akademie (Knut Sturm)

Stiftung Naturlandschaften Brandenburg (Dr. Andreas Meißner, Anika Niebrügge)

Michael Succow Stiftung (Stefan Schwill)

Vogelschutz-Komitee e. V. (Dr. Eberhard Schneider †)

WWF Deutschland (Albert Wotke)

Zoologische Gesellschaft Frankfurt (Manuel Schweiger)

GESTALTUNG ERSTAUFLAGE

atelier himmelbraun, Frankfurt

COPYRIGHT

Nachdruck, auch in Auszügen, nur mit Genehmigung des Herausgebers gestattet.

BILDNACHWEIS

Titel: Anklamer Stadtbruch/Tobias Dahms; 2: Wispertaunus/Daniel Rosengren; 4: Schreiadler/Daniel Rosengren; 6: Alte Buche in der Hohen Schrecke/Thomas Stephan; 10/11: Grafik/Parzelle34 12: Hinterlandswald im Wispertaunus/Delpho; 12: Weststrand im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft/Annett Storm; 13: Steinernes Meer/Nationalpark Berchtesgaden; 13: Riedbruch im Nationalpark Hunsrück – Hochwald/Konrad Funk; 14: Aue Warnow/Stefan Schwill; 14: Wildnisgebiet Lieberose/Daniel Rosengren; 15: Schlosssee Gottesheide/Stefan Schwill; 15: Wildnisgebiet Wanninchen/Claudia Weigel; 16: Königsbrücker Heide/Dirk Synatzschke; 18: Grafik/Parzelle34; 19: Wildnisgebiet Lieberose/Daniel Rosengren; 20: Nationalpark Bayerischen Wald/Daniel Rosengren; 22: Naturwald/Daniel Rosengren; 24: Grauspecht/Daniel Rosengren; 27: Hirschkäfer/Thomas Stephan; 28: Spinnennetz/Pixabay; 30: Elbsandsteingebirge im Nationalpark Sächsische Schweiz/Stefan Schwill; 33: Trebeltal/Stefan Schwill 34: Luchs/Daniel Rosengren; 36: Elche/Daniel Rosengren; 38: Fichtenborkenkäfer/Daniel Rosengren; 40: Rotwild im Anklamer Stadtbruch/Stefan Schwill; 42: Waschbär/Daniel Rosengren; 44: Ahlbecker Seegrund/Stefan Schwill; 46: Nationalpark Jasmund/Stefan Schwill; 49: Grafik/Parzelle34; 50/51: Nationalpark Bayerischer Wald/Daniel Rosengren

www.wildnisindeutschland.de/gebiete

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