TOURISMUSREGION NEUSIEDLER SEE Risiken und Chancen einer europäischen Destination NEUE, ERWEITERTE AUSGABE Das Leithagebirge als hochwertier Erholungsraum Neue Ansätze für den öffentlichen Verkehr – und andere Beiträge –
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Herausgeber: Christian Janisch, Alois Lang, Bibi Watzek Redaktionelle Leitung: Gunnar Landsgesell Konzept: Alois Lang Illustrationen: PROJEKT 21, Eva Sabitzer Lektorat: Marie-Therese Pitner Korrektorat: Ela Maywald Cover/Grafische Gestaltung/Satz: PROJEKT21 Martin Berger, Raffael Pauswek, Kathrin Pichler Druck: Prime Rate Zrt., Budapest ISBN ePub: 978-3-7017-4739-9 ISBN Printausgabe: 978-3-7017-3640-9
TOURISMUSREGION NEUSIEDLER SEE Risiken und Chancen einer europäischen Destination
Herausgegeben von Christian Janisch, Alois Lang und Bibi Watzek
NEUE, ERWEITERTE AUSGABE Das Leithagebirge als hochwertier Erholungsraum Neue Ansätze für den öffentlichen Verkehr – und andere Beiträge –
Residenz Verlag
INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis Vorwort
1. Entwicklung des Tourismus Zwei historische Entwicklungslinien Die Tourismusregion Neusiedler See heute
Ein Beitrag von Alois Lang, Tourismusmanager, und Balázs Kovács, Tourismusconsulter
Landtourismus mit pannonischer Prägung Ein Beitrag von Mario Baier, Tourismusmanager
Tourismus in einer einzigartigen Landschaft sichern
Ein Beitrag von Patrik Hierner, Tourismusverband Nordburgenland
Naturschutz und Tourismus – Immer noch Gegenspieler? Ein Beitrag von Bernhard Kohler, Biologe des WWF
Es bräuchte mehr Initiative
Ein Beitrag von Ewald Tatar, Veranstalter
Ein wertvolles Zusatzangebot für den Wiener Tourismus Ein Beitrag von Norbert Kettner, Geschäftsführer WienTourismus
Eisenstadt – Vision für eine nachhaltige Mobilität Ein Beitrag von Christian Grubits, Verkehrsplaner
2. Gesetze, Strategien, Konzepte und das Land Burgenland Zur Entwicklung der Tourismusgesetze
Ein Beitrag von Paul Mayerhofer, ehemaliger Leiter Referat Tourismus
Von der Therme zur Natur
Ein Beitrag von Ulrike Tschach-Sauerzopf, Burgenland Tourismus
Eine statistische Zeitreise: Die Nächtigungsentwicklung Ein Beitrag von Gerhard Haider, Illmitzer Tourismusanlagen
Zukunftsorientierte Ausbildung in der Region
Ein Beitrag von Alexandra Laminger, Direktorin der PANNONEUM Wirtschafts- und Tourismusschulen Neusiedl am See
Lösungen für die Last Mile gesucht
Ein Beitrag von Ulla Rasmussen, VCÖ – Mobilität mit Zukunft
INHALTSVERZEICHNIS
Nachhaltigkeit als Schlüssel für zukunftsfähigen Tourismus
Ein Beitrag von Franziska Kasztler, Nachhaltigkeitsbeauftragte für den Tourismusverband Nordburgenland
Unsere Gäste möchten Qualität Ein Interview von Bibi Watzek
Sanfter Tourismus und starke Attribute
Ein Interview von Gunnar Landsgesell und Alois Lang
3. Marketing im 21. Jahrhundert – Besinnung auf USPs Der Weg zur Marke Neusiedler See
Ein Beitrag von Robert Jeller, ehemaliger GF der Neusiedler See Tourismus GmbH
Die Rolle von Schutzgebieten im Tourismus Der Nationalpark als Imageträger
Ein Beitrag von Michaela Kojnek-Kroiss, Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel
Naturparks als Instrument der Tourismusentwicklung Ein Beitrag von Thomas Böhm, Wirtschaftsagentur Burgenland
Die Wiederentdeckung des deutschen Markts Ein Beitrag von Manfred Gram, Journalist
UNESCO-Welterbe und Tourismus – eine pragmatische Zweckgemeinschaft Ein Beitrag von Hannes Klein, Verein Welterbe Neusiedler See
Zukunftsperspektive OUV
Ein Kommentar von Sibylla Zech, Univ.-Prof. für Regionalentwicklung
Ka Göd von der Musi? Kulturtouristische Effekte von Großveranstaltungen
Ein Beitrag von Katharina Reise, Geschäftsführerin der Oper im Steinbruch St. Margarethen
Haydn: Niederösterreicher oder Burgenländer? Man kann mit Haydn jede Generation begeistern
Der Dirigent Ádám Fischer über die Bedeutung Joseph Haydns für die Region heute
Wurzeln und Flügel
Ein Beitrag von Eduard Kutrowatz, Pianist
„Urlaub am Winzerhof“ stärkt kleinteilige Betriebe Ein Beitrag von Sarah Aichinger, Redakteurin
Der Mineralwassersee unter dem See Ein Beitrag von Alois Wegleitner, Geograf
INHALTSVERZEICHNIS
4. Der See: Von der alleinigen Attraktion zur Kulisse Die vielen Funktionen eines Strandbads Ein Beitrag von Alois Lang, Tourismusmanager
Freizeitsport am Wasser: Trends und Wertschöpfung Ein Beitrag von Wolfgang Maletschek, Bootshändler
Eine Neuausrichtung der raren Seezugänge ist geboten
Ein Beitrag von Martina Prucha, ESG Immobilien Esterhazy Betriebe, und Hermann Jahn, Freizeitanlagenmanagement Esterhazy Betriebe
Auf Safari im Burgenland
Ein Beitrag von Elke Schmelzer, Biologin
Neue Impulse abseits des Sees: Eröffnung von drei 4-Sterne-Hotels Mária Kollár (HegiQ) und Markus Ernst (Galántha) im Gespräch
Wein in der DNA – Winzer als Regionalbotschafter Ein Beitrag von Manfred Gram, Journalist und Autor
Den Erholungswert des Leithagebirges erkennen
Ein Beitrag von Marianne Schreck, Bundesforschungsinstitut für Wald (BFW)
5. Destinationsmanagement braucht eine Destination Eine Frage der Perspektive
Ein Beitrag von Alois Lang, Tourismusmanager
Grenzüberschreitend handeln – Perspektiven aus Ungarn
Die Bürgermeister von Hegykö, István Szigethi, und Fertőrakos, János Palkovits, im Gespräch
„Chance Grenzraum“ – in den Karawanken wie am Neusiedler See Ein Beitrag von Gerald Hartmann, Geopark Karawanken
Tourismusmarketing mit Events
Ein Beitrag von René Lentsch, Freizeitbetriebe Podersdorf am See
Region Neusiedler See: Beste Voraussetzungen für Ökotourismus
Ein Beitrag von Christian Baumgartner, Prof. an der FH Graubünden und Experte für nachhaltigen Tourismus
Architekturen als Teil des touristischen Erlebens Ein Beitrag von Klaus-Jürgen Bauer, Architekt
Wegbereiter der Genussregion
Ein Beitrag von Sepp Sailer, Wein-Enthusiast
Radtourismus im Nordburgenland
Ein Beitrag von Stefan Haider und Johan Rosman, Radlobby Burgenland
INHALTSVERZEICHNIS
Wie Naturtourismus die Saison verlängert Ein Beitrag von Alois Lang, Tourismusmanager
Pilger haben Zeit
Ein Beitrag von Franz Renghofer, Initiator des „Jakobsweg Burgenland“
Caravaning wird zunehmend beliebter (red)
6. Handlungsbedarf: Struktur- und Klimawandel Auf den Klimawandel und auf Klimaschutzmaßnahmen vorbereiten Helga Kromp-Kolb, Univ.-Prof. an der BOKU Wien
Warum ein Urlaub am Neusiedler See offenbar weit mehr bedeutet
Ein Beitrag von Ulrike Pröbstl-Haider, Univ.-Prof. an der BOKU Wien, Melanie Grader, BOKU Wien, und Wolfgang Haider, Univ.-Prof. an der Simon Fraser Universität in Vancouver
Eine Neuausrichtung der Branche ist nötig Ein Beitrag von Franz Perner, WKO Burgenland
Tourismus: Impulsgeber für die Wirtschaft
Ein Beitrag von Helene Sengstbratl und Ute Korbelyi, AMS Burgenland
Energie und Erneuerbare – wo steht die Tourismusregion Neusiedler See? Ein Beitrag von Robert Schitzhofer, Modellregionsmanager
Für eine nachhaltige Mobilitätstransformation Ein Beitrag von Roman Michalek, Verkehrsplaner
Vision für die Zukunft
Ein Beitrag von Gunnar Landsgesell, Journalist, und Alois Lang, Tourismusmanager
VORWORT
Vorwort Liebe Leserinnen und Leser, vor Ihnen liegt ein ziemlich einzigartiges Kompendium – ein 360°-Blick auf den Tourismus der Region Neusiedler See. Mehr als 40 Autorinnen und Autoren erläutern ihre Sichtweise auf die Region und die enge Verknüpfung zwischen Einheimischen, Gastgebern und Gästen aus der Nähe wie auch der – zumeist deutschen – Ferne. Entscheidende kulturpolitische Fragen – ist Haydn nun Niederösterreicher, Burgenländer oder Ungar? – werden ebenso betrachtet wie naturräumliche Besonderheiten – wussten Sie vom Mineralwassersee unter dem See? – und tourismuspolitische Perspektiven – der Wein in der DNA der Burgenländer als Basis der Entwicklung. Natürlich kommen auch Nationalpark und Ökotourismus nicht zu kurz. Als roter Faden zieht sich dabei das Aufzeigen von Entwicklungschancen und der optimistische Blick in die Zukunft durch das Buch. Klar wird, dass der Tourismus in der Region Neusiedler See mehrere, durchaus unterschiedliche Facetten hat. Und das ist gut so. Wenn touristische Angebote wie Rad-, Wein- und Schutzgebietstourismus auch eine natur- und kulturräumliche Einbettung erfahren, ergibt das ein unverwechselbares Image einer extrem spannenden Region. Der See ist eingebettet in eine Drei-Länder-Region, deren gemeinsame wie zeitweise getrennte Geschichte viel zu wenig sinnstiftend in der Regionalentwicklung eingesetzt wird. Ebenso stellt der Tourismus eine verbindende Klammer eines großen Ganzen aus Land- und Weinwirtschaft, aus Kultur und Welterbe, aus Schutzgebiet und Freizeitsport dar. Alle diese Komponenten sind einem intensiven Strukturwandel unterzogen. Klimawandel, neue Trends im Freizeit- und Urlaubsverhalten, aber auch sich ändernde politische Rahmenbedingungen sollten nicht nur als Bedrohung gesehen werden, sondern auch als Chance für einen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Eine Entwicklung, die langfristige Perspektiven hat, so die Zusammenfassung der vielfältigen Beiträge, kann nur dann erfolgreich stattfinden, wenn sie mit einem vorwärts gerichteten Blick auf Austausch und Zusammenarbeit verbunden ist. Eine Kooperation, die grenzüberschreitend und zwischen den unterschiedlichen Stakeholdern auf gleicher Augenhöhe geschieht – jenseits eines Fokus auf Förderprojekte. Die Region Neusiedler See / Fertő taj hat unglaublich viel Potenzial – im Tourismus und darüber hinaus. Es liegt an uns, diese Möglichkeiten auch zu nützen. Christian Baumgartner, Christian Janisch, Alois Lang, Stefan Ottrubay und Bibi Watzek
1. Entwicklung des Tourismus
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Zwei historische Entwicklungslinien Die Badeanlage am Warmsee bei Apetlon (Darscholacke) wurde Ende der 1920er-Jahre errichtet und fand sich schon bald nach der Eröffnung im Fahrplan der Linienbusse ab Wien Mitte. Sowohl das Freizeitund Erholungsangebot in der Region Neusiedler See als auch das Mobilitätsangebot können also eine bald hundertjährige Geschichte vorweisen. Für eine nachhaltige Tourismusentwicklung in Apetlon hat es damals – angeblich wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen Grundeigentümer und Gemeinde – leider nicht gereicht.
Historische Ansichtskarte Apetlon (1928)
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Auch der Naturschutzgedanke war schon früh verankert. Wie attraktiv bereits in der Zwischenkriegszeit das Neusiedler-See-Gebiet für Naturliebhaber war, zeigt ein Sammelalbum des Österreichischen Naturschutzbunds, herausgegeben im Herbst 1936. Mit 60 „Farbbildchen“ konnte der Sammler sein Album komplettieren. Der umfangreiche, fachlich fundierte Begleittext in dieser von der Firma Bensdorp AG finanzierten Publikation sollte vor allem ein Bewusstsein für den dringend notwendigen Schutz der Lebensräume in „einem der schönsten Naturdenkmäler Österreichs“ schaffen. Übrigens: Im selben Jahr forderte der Naturschutzbund erstmals die Schaffung eines Nationalparks am Neusiedler See.
Sammelalbum des Österreichischen Naturschutzbunds (1936)
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Die Tourismusregion Neusiedler See heute Ein Beitrag von Alois Lang, Tourismusmanager, und Balázs Kovács, Tourismusconsulter
Diese Publikation soll ein klares Bild von der bisherigen Entwicklung des Tourismus und dessen Status quo liefern. Thematisiert werden unter anderem das Tourismusaufkommen, mögliche Defizite im Marketing und bislang ungenutzte Entwicklungschancen, auch hinsichtlich der grenzüberschreitenden Region. Der betriebliche Strukturwandel und die Auswirkungen der Klimakrise sind nur zwei konkrete Beispiele für die Aufgaben, die es schon heute für die Zukunft des Tourismus zu bewältigen gilt. Erweiterte Perspektiven und partizipative Modelle sind gefragt. Es gibt kaum einen Sektor, der derart vielfältige Assoziationen auslöst wie der Tourismus. Jeder, der ein paar Tage an einem Urlaubsort verbracht hat, geht danach mit seinem ganz persönlichen Tourismusbild durch die Welt – und projiziert dieses auch auf seine engere Heimat. Verstärkt wird dieses meist wirklichkeitsferne Bild durch lokale Medien, aber auch die lokale Politik, die den Tourismus als hervorragende Bühne entdeckt hat. Die Priorisierung der Entwicklungsziele und der entsprechenden Marketingmaßnahmen fällt vielleicht auch deshalb oft zu wenig differenziert aus; insbesondere dann, wenn es um die sehr unterschiedlichen Standorte der Region geht. Diese Publikation soll ein klares Bild der Entwicklungen des Tourismus und Handlungslinien für die Zukunft liefern – als Nachschlagewerk und als faktenbasierte Diskussionsgrundlage. Denn die Branche ist im Umbruch begriffen. Struktur- und Klimawandel geben neue Aufgaben vor, die durch Einzelmaßnahmen nicht zu bewältigen sind. Zielgruppe sind Entscheidungsträger und Interessenvertreter ebenso wie Betriebsbesitzer und Geschäftsführer, aber auch der Bildungssektor und die Medien.
Statistische Unschärfen?
Um Entwicklungen beurteilen und Entscheidungen treffen zu können, sind statistische Größen als Grundlage unerlässlich. Die Entwicklung des Tourismusaufkommens wird mit schöner Regelmäßigkeit anhand von zwei Eckdaten präsentiert. Erstens anhand der Zahl der Nächtigungen und deren Änderung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Allerdings ist das nur wenig aussagekräftig, wenn die Änderungen der Bettenkapazität nicht berücksichtigt werden. So können beispielsweise zwei Prozent Zuwachs bei den Nächtigungen als Erfolg verkauft werden, selbst wenn es gleichzeitig einen Kapazitätszuwachs von drei Prozent – also einen Netto-Rückgang – gab. Diese beachtlichen, aber unbereinigten „Zuwächse“ fielen besonders in der Aufbauphase des burgenländischen Wellnesstourismus auf, als fast jährlich neue Hotels in Betrieb genommen wurden. Zweitens anhand der Auslastung: Diese wichtige Kennzahl für die Beurteilung des Nächtigungstourismus an einem Standort oder in einer Region wird leider nicht veröffentlicht. Werden der Region Neusiedler See etwa drei
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Prozent Zuwachs attestiert, ist das ein Mittelwert, der sich zur Analyse wenig eignet. Der Wert ergibt sich aus teils extrem schlecht und teils extrem gut ausgelasteten Standorten. Gerade die Auslastungsdaten würden aber ein relativ scharfes Bild von der Lage liefern. Sie zeigen auf, welche Alleinstellungsmerkmale (USPs) in einer Gemeinde zu einer längeren Saison führen oder wo es angebotsseitige Defizite gibt (dazu mehr im Beitrag von Gerhard Haider). Interessant wäre, zu wissen, ob in einer Gemeinde die betreffende Zahl (also die Auslastung des gesamten Standorts) bekannt ist. Die Skala in der Region liegt zwischen rund 60 und 120 Vollbelegstagen (!). Erwähnt sei an dieser Stelle auch, dass Nächtigungen von Reha-Patienten im Burgenland schon länger in die Tourismusstatistik aufgenommen werden. In die Bilanz 2023 sind sogar die Nova-Rock-Festival-Teilnehmer einbezogen, von denen der Großteil auf den Nickelsdorfer Äckern campierte. Ist das als neue Kategorie von Kulturtourismus zu verstehen?
Die Zäsuren der 1980er-Jahre
Die 1980er-Jahre brachten einige Umbrüche, die bis heute im Tourismus nachwirken. Die Flugpreise sanken, Fernreisen wurden für die breite Mittelschicht erschwinglich, der All-inclusive-Tourismus minimierte Risiken und Reisekosten in wenig entwickelte Länder. Das Ende des Kommunismus brachte schließlich eine Reihe neuer Urlaubsziele auf die Tourismuslandkarte. All diese Einschnitte erhöhten den Konkurrenzdruck auf ländliche Regionen mit einem einsaisonalen Angebot: im Fall der Region Neusiedler See Erholung und Wassersport. Die Reaktionen, mit denen ein drohender Rückgang der Nächtigungszahlen verhindert werden sollte, fielen erstaunlich vielfältig aus: Regionale Marketingeinheiten wurden gegründet; eine Diversifizierung und Standortprofilierung setzte ein, um einen angebotsseitigen Einheitsbrei zu verhindern; Radfahren, Naturerlebnis, Kultur und Kulinarik werteten die gesamte Region auf. Das sind – fast 50 Jahre später – auch heute noch die tragenden Tourismussäulen in einer Destination, die seit den 1850er-Jahren über ihre Strandbäder definiert war. Zudem wirkten (international viel beachtete) Marketinginstrumente wie die Neusiedler See Card ab dem Jahr 2000 dämpfend auf sinkende Nächtigungszahlen. Dieses erfolgreiche Konzept wurde vom Land übernommen und wird seit Kurzem als „Burgenland Card“ weitergeführt.
Altlasten und dringender Handlungsbedarf
Der EU-Beitritt Österreichs erleichterte über Ziel-1-Fördermittel die Investition in den damals aufkeimenden Wellnesstourismus. Neue Standorte konnten so entstehen, bestehende Gesundheitsstandorte mit einem trendigen Wellnessangebot aufgefrischt werden. Auf diesen Zug sprangen freilich auch andere Tourismusregionen auf. Als Reaktion auf den folgenden Verdrängungswettbewerb mussten im Burgenland die Werbeaktivitäten vor allem im Inland – Burgenlands Freizeitbäder ziehen hauptsächlich Österreicher an – verstärkt werden, was bei einem überschaubaren Budget zwangsläufig zu einer Vernachlässigung des deutschsprachigen Auslands führte. In der Folge waren in den Strandbadgemeinden die früher dominierenden Deutschen bald eine Minderheit. Daran haben die bisherigen Marketingaktivitäten nichts geändert, trotz erfolgreicher Positionierung als grenzüberschreitende Fahrrad-, Naturerlebnis- und Wein-Destination. Zu den für die Profilierung der Region mit Abstand erfolgsträchtigsten Komponenten zählen auch solche, die im touristischen Schaufenster eher im Hintergrund platziert sind: Joseph Haydn etwa mit den Standorten Eisenstadt (Schloss Esterházy) und Rohrau sowie generell das reiche kulturtouristische Angebot im Dreiländereck mit Ungarn und der Slowakei – und Wien. Zum wertvollen Kulturerbe zählen zudem die Straßendörfer mit ihren Streckhöfen und der sie umgebenden Kulturlandschaft, ohne die die Region es nicht auf die prestigeträchtige Liste des UNESCO-Kulturerbes geschafft hätte. Gemeinsam mit den beiden Nachbarregionen im Raum Sopron, Györ und Bratislava – naturräumlich betrachtet zwischen Donau, Raab und Ödenburger Gebirge – kann eine für viele Zielgruppen attraktive Drei-Länder-Destination entstehen mit einem breit gefächerten Ganzjahresangebot.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Die dafür größte Hürde liegt in der äußerst ungleichen Organisationsstruktur im Tourismusmarketing. Mit der Erfahrung und den Kontakten aus zahlreichen Interreg-Projekten muss diese Hürde überwindbar sein. Der Aufbau eines gemeinsamen Destinationsmanagements – durchaus auch im Rahmen eines spezifischen Interreg-Projekts – würde mit Sicherheit für jede der drei Regionen zu einem touristischen Standortvorteil führen. Speziell das Naturerlebnis als gemeinsames Produkt am Markt zu platzieren, kann aufgrund projektbewährter Kontakte mit überschaubarem Aufwand dauerhaft gelingen und damit das Profil als Naturdestination weiter schärfen. Der anhaltende Erfolg der sommerlichen Großveranstaltungen in Mörbisch und St. Margarethen, aber auch des Family Parks bei St. Margarethen als beliebtes Freizeit-Ausflugsziel zeigt Jahr für Jahr die Kapazitätsgrenzen des dortigen Straßennetzes auf. Zumindest aus Sicht des Urlaubsgastes passt unlimitierter Autoverkehr nicht zum (angestrebten) Image einer Welterberegion. Es ist also höchst an der Zeit, Lösungen für diese problematischen Verkehrsachsen zu finden. Auch im Fall von Entertainment Parks wäre es die Aufgabe der Politik und aller Beteiligten, passende Standorte mit der nötigen Infrastruktur und Verkehrsanbindung zu finden, die nicht in einem sensiblen Umfeld liegen. Zu einem immer öfter spürbaren Verkehrsproblem hat sich im Norden die Agglomeration Neusiedl– Parndorf–Weiden–Jois entwickelt, mitverursacht durch die hohe Frequenz des Designer Outlet Parndorf just an der wichtigsten Autobahnanbindung der Tourismusregion. Und trotz Einschränkung des Schwerverkehrs entlang des Westufers – ausgenommen eben Anrainer – ziehen auch Industriebetriebe wie Austrotherm in Purbach LKW-Verkehr an (vom landschaftlich maximal unpassenden Standort für ein Kunststoffdämmplattenwerk abgesehen). Das durchaus herzeigbare Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) wird, wie die Nachfrage über die Neusiedler See Card (Burgenland Card) zeigt, von den Urlaubsgästen mehr geschätzt als von den Burgenländerinnen und Burgenländern. Mangels eigener Erfahrung und grober Unterschätzung des Gebotenen ist leider nicht zu erwarten, dass ein Gastgeber seinen Gästen die (kostenlose!) Nutzung von Bus und Bahn in der Urlaubsregion empfiehlt. Symptome des Overtourism machen sich also in der Region Neusiedler See, wenn überhaupt, nicht durch Menschenmassen in den Dörfern oder in der Natur bemerkbar, sondern im ungebremsten Verkehrsaufkommen. Die Lösung dieses nach wie vor drängenden Kommunikationsproblems sollte deshalb ganz oben auf der Tourismusagenda stehen.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Die unterschätzte Angebotspalette
Wie der Tourismus in der Region medial eingeschätzt wird, lässt sich an der Berichterstattung über bestimmte Ereignisse ablesen: Der Saisonbeginn wird gemeinhin Ende Mai verkündet, ungeachtet der naturtouristischen Hauptsaison, die bereits seit März läuft. Folgen drei regnerische Tage aufeinander, widmet sich ein Fernsehbeitrag den daraus resultierenden „Problemen“ für die Tourismusbetriebe. Damit wird das Bild verstärkt, dass Tourismus im Nordburgenland nur an sogenannten Schönwettertagen in den Strandbädern stattfindet. Diese nicht mehr zeitgemäße Wahrnehmung verstellt den Blick auf die mittlerweile große Bandbreite des touristischen Angebots und die damit verbundenen Gästeschichten. Die Zeiten eines zweiwöchigen Erholungsurlaubs sind zwar längst vorbei, die unzähligen Natur-, Kultur-, Freizeitsport- und Weinerlebnisse, wie sie Gäste von März bis Martini erwarten, würden aber problemlos drei Wochen füllen. Auch der Trend zum „Waldbaden“ und Wandern ermöglicht es, die vielen Angebote in der Region zu erweitern. Die dafür erforderliche Animation setzt freilich voraus, dass der Gastgeber die große Angebotspalette seiner Region kennt – zu beiden Seiten der Staatsgrenzen. Schließlich verlängert jedes Programm, jede Veranstaltung, jede Sehenswürdigkeit die Aufenthaltsdauer und erhöht damit die Wertschöpfung am Urlaubsort. Es ist deshalb nicht überraschend, dass jene Betriebe, die das instinktiv erkannt haben, bei den Auslastungszahlen im obersten Drittel zu finden sind, ob Privatquartier oder 4-Sterne-Hotel.
Geografie ist keine Markenbasis
Über die Vor- und Nachteile einer regionalen Teilung des Burgenlands in Nord, Mitte und Süd mag man streiten, die Untauglichkeit des Begriffs „Nordburgenland“ für die Entwicklung einer touristischen Marke steht hingegen außer Zweifel. Die Umfrage auf einem der Kernmärkte der Region würde mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben, dass der Bekanntheitsgrad des Begriffs „Neusiedler See“ ungleich größer ist als jener von „Nordburgenland“. Das ist auch den Entscheidungsträgern bekannt –es muss also handfeste Gründe geben, warum auf diesen Marketingvorteil verzichtet wird. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch der Begriff „Seewinkel“ durch „Ostburgenland“ ersetzt wird … Vielleicht ist es die viel zitierte Bescheidenheit, mit der die Region um den Steppensee mit mehr als der Hälfte des burgenländischen Nächtigungsaufkommens, der größten Weinanbaufläche, dem größten kulturtouristischen Angebot, dem größten Radwegenetz und Österreichs „exotischstem“ Nationalpark und dem ebenso grenzüberschreitenden UNESCO-Welterbe auftritt – sofern sie überhaupt allein auftreten darf.
Neue touristische Ansätze
Wie lassen sich für die grenzüberschreitende Region Neusiedler See weitere Perspektiven entwickeln? Auch 35 Jahre nach der Wende ist der Raum nicht zusammengewachsen. Zwar hat sich der Tourismus von der alleinigen Attraktion des Sees in verschiedene Bereiche diversifiziert. Die Potenziale als gemeinsamer Markt wären aber ungleich höher. Insofern gilt es vielleicht, als Erstes mentale Barrieren abzubauen und die Region stärker gemeinsam zu entwickeln. Eine Voraussetzung dafür ist eine digitale Erfassung der Daten, um mehr über die Motivationen der Gäste zu erfahren. Auf der österreichischen Seite ist dieser Schritt bereits erfolgt, auf der ungarischen Seite hat man damit erst begonnen. Ein zeitgemäßes Verständnis von Tourismus beinhaltet auch, dass die Bevölkerung eingebunden wird. Nur so kann die Akzeptanz von Tourismusprojekten erhöht werden. Zudem sollte es selbstverständlich sein, dass touristische Infrastruktur bestmöglich auch der einheimischen Bevölkerung zugutekommt. Solche partizipativen Modelle sind in Ungarn noch wenig ausgebildet – obwohl sich auch hier interessante Ansätze entwickelt haben.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Fest steht, dass Erlebnistourismus auch zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen muss. Der bereits begonnene Weg von der Besucherwirtschaft (visitor economy), die vor allem auf die Perspektive der Touristen ausgerichtet war, muss in Richtung eines „neuen Tourismus“ fortgesetzt werden. Pointiert formuliert heißt das: Was kann der Tourist den Einheimischen bringen, wie können diese – nicht nur finanziell – profitieren? Eine neue Gewichtung traditioneller Konzepte wäre dafür notwendig: Overtourism mit seinen Auswirkungen vermeiden; den Spaßfaktor beibehalten, aber ressourcenschonender ausrichten; Potenzial in der Begegnung und dem Austausch sehen; Konzepte für einen sensibleren Umgang mit der Umwelt in die Angebote einbauen. In Kopenhagen etwa bezahlen Touristen für ihre Stadtbesichtigung mit dem Kajak nichts, wenn sie am Ende etwas Treibholz und Plastikmüll zurückbringen. Das soll bedeuten: den Tourismus so aufstellen, dass dadurch nicht neue Probleme geschaffen, sondern eher Probleme gelöst werden. Gerade gemeinsam mit dem ungarischen Teil wäre das eine reizvolle Aufgabe – für die unsere Gäste grenzüberschreitend sicherlich ansprechbar sind.
Alois Lang hat als Regionalmanager für den Neusiedler See bei Burgenland Tourismus und danach bis zur Pensionierung 2021 im Nationalpark gearbeitet. 2005 bis 2008 koordinierte er für IUCN die Initiative Grünes Band Europa. Balázs Kovács, Gründer der GD Consulting Beratungsfirma in Wien, war Leiter des ungarischen Tourismusamts in Österreich und im Bereich Destinationsentwicklung, v. a. auch für die Region Neusiedler See, aktiv.
Conclusio Der Tourismussektor hat sich diversifiziert. Vielfältige Angebote im Natur-, Kultur-, Wein- und Freizeitbereich können Gäste von März bis Martini in die Region holen. Was ist zu tun? Es gilt, die Angebote in diesen Bereichen stärker als bisher gemeinsam mit den Nachbarregionen weiterzuentwickeln und so die grenzüberschreitende Region zu profilieren. Als Grundlage für Entscheidungen braucht es die regelmäßige Veröffentlichung relevanter Zahlen, vor allem auch, um kritische Entwicklungen rasch zu erkennen und mit gezieltem Marketing gegensteuern zu können.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Bettenauslastung 1979/2000/2019 ohne Camping und „tourismusferne“ Betriebe
250
237
200
150 119
112
98
100 76
99
71
80
108
97 85 75
76
73
94 77
87
75 62
50
92
67 59
75 65
63
81 71
68
46
15
0
Entwicklung der Bettenauslastung in zehn Gemeinden in der Region Neusiedler See Diese Tabelle zeigt einen Vergleich der Entwicklung der Bettenauslastung in zehn Gemeinden in der Region Neusiedler See und im gesamten Burgenland im Abstand von jeweils rund 20 Jahren (1979, 2000, 2019). Besonders aussagekräftig ist die daraus errechnete Zahl der Vollbelegstage pro Gästebett und Jahr, denn sie gibt einen Überblick über die Länge der Tourismussaison an einem Standort – mit einer beachtlichen Bandbreite von 62 bis 112 Tagen (2019). Die St. Martins Therme in Frauenkirchen sticht dabei mit 237 Tagen heraus. Die 20-Jahre-Schritte wurden gewählt, um eine aussagekräftige Tendenz der Entwicklung der einzelnen Gemeinden bis zu den Restriktionen durch COVID-19 deutlich zu machen.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Landtourismus mit pannonischer Prägung Ein Beitrag von Mario Baier, Tourismusmanager
Drei touristische Potenziale sollten unbedingt weiter gestärkt werden, weil sie mit der Region selbst zu tun haben: pannonischer Lifestyle, Naturtourismus und Landtourismus, der seit Corona einen Boost erlebt. Was braucht es dafür? Ein Blick auf die Landesstatistik zum Tourismus im Burgenland macht es deutlich: Der Tourismus am Neusiedler See hat sich zumindest quantitativ in den vergangenen beiden Jahrzehnten nur unwesentlich verändert. Fielen Anfang der 2000er-Jahre noch mehr als 60 Prozent der Übernachtungen im Burgenland auf die Region Neusiedler See, sind es heute mit rund 1,6 Millionen Gästeübernachtungen nur noch knapp über 50 Prozent. Das allein hat jedoch keine besondere Aussagekraft, denn die Investitionen der öffentlichen und privaten Hand waren in dieser Zeit vor allem im Beherbergungs-, Thermen- und Kursektor im Süden des Landes ungleich höher als im Norden. Zudem sind diese Angebotsbereiche ganzjährig verfügbar und im Bereich der Kur von einer überdurchschnittlich langen Aufenthaltsdauer geprägt.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Fakt ist, die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus dem In- und Ausland in der Region Neusiedler See war schon vor etwa 20 Jahren ähnlich hoch wie heute. Und das zu einer Zeit, in welcher der 10- bis 14-tägige Urlaubsaufenthalt unserer deutschen Nachbarn in Österreich bereits schon länger kein Thema mehr war. Nun – was ist passiert in dieser Zeit? Was hat sich verändert, verbessert, was wurde zu wenig beachtet? Hätte man doch stärker wachsen können? Wo liegen die Chancen für die Zukunft?
Keine Berge, keine Städte, aber pannonischer Lifestyle
Rund 97 Prozent der Touristen besuchen Österreich wegen des alpinen Charakters unseres Landes und der Kulturstätten. Hier kann der Neusiedler See nicht mitreden. Daher hatte sich die Region schon früh etwas anderes einfallen lassen, um sich Gehör zu verschaffen: die Behauptung, man sei die Sonnenseite Österreichs. Diese Positionierung hat perfekt funktioniert. Bis heute kann insbesondere der Neusiedler See mit dieser von Gott gewollten Stärke österreichweit und teils auch international bestens punkten. Ins Burgenland kommt man, um Sonne zu tanken! Schon viel früher im Jahr als sonst irgendwo kann man am Neusiedler See die Natur erleben und genießen, Rad fahren, Wassersport betreiben oder Golf spielen und – was viele Gäste gern machen – sich einfach im Freien bewegen und gemütlich auf der Terrasse beim Gastwirt sitzen. Eine Positionierungsstrategie, die also voll aufgegangen ist und bis heute ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Die zweite Komponente der Positionierung, die bis heute sehr gut funktioniert, ist, sich kulturell anders zu präsentieren: als „pannonische Region“. Auch diese Image- und Kulturfacette hat hohe Anziehungskraft. Sie ist in den Köpfen der Gäste hängen geblieben, belegt die sogenannte Exotik des Nordburgenlands im Vergleich zu anderen österreichischen Regionen und ist wiederum ein Alleinstellungsmerkmal. Allerdings hätte man sich als „pannonische Region“ im Wettbewerb noch wesentlich stärker differenzieren können, hätte man rechtzeitig beispielsweise auf den Erhalt der pannonischen Baukultur und auf regionaltypische Architektur gesetzt. Etwa durch Investitionen in kleine, aber feine Unterkünfte im landestypischen Stil. Hier wurde einiges an Potenzial liegen gelassen. Den Beweis dafür erbringt die touristische Anbietergruppe „Pannonisch Wohnen“ des Burgenland Tourismus, die stets eine hohe Anziehungskraft und Nachfrage bei jeder Art von Gästen ausgelöst hat. Authentische, landestypische Unterkünfte mit viel Charme und Stil, lokale Gastgeber, die sich persönlich um die Gäste kümmern und die Geschichte und Kultur ihrer Region widerspiegeln, sowie vernünftige Qualität und Preise sind das Erfolgsrezept. Darauf baut letztlich auch der alpenländische Tourismus auf. Schon seit vielen Jahren boomt der Landtourismus in vielen europäischen ländlich strukturierten Regionen und trägt dazu bei, den ländlichen Raum vor Abwanderung und dem Sterben der Infrastruktur zu bewahren. Mit dieser Perspektive könnte heute ein stärker ausgebauter „pannonischer Landtourismus“ wesentlich mehr Gäste bewegen, sich in der Region Neusiedler See einige wirklich schöne Tage zu machen. Und das nicht nur im Juli und August. Offensichtlich ist den Burgenländern nie so ganz bewusst gewesen, welche Stärke in ihrer eigenen Identität liegt Denn die Entwicklung im kleinstrukturierten Beherbergungssegment ging oft in eine ganz andere Richtung. In den 1970er- und 1980er-Jahren konnte man rund um den See mit billigem Massentourismus und einfachen Unterkünften gutes Geld verdienen. Aus einfachen Zimmern wurde herausgeholt, was ging, und, im Gegensatz zu den alpinen Regionen, der Ertrag nicht in die Qualitätssteigerung dieser Unterkünfte investiert, sondern in die Steigerung des eigenen Lebensstandards. Vielleicht war man aber auch einfach zu wenig stolz auf die eigenen Wurzeln und die eigene Identität und hat sich nach vielen Jahren der Entbehrungen endlich frei gefühlt, ebenfalls am wirtschaftlichen Fortschritt Österreichs teilhaben zu können.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Jedenfalls bietet dieses Thema auch heute noch ein ausbaufähiges touristisches Angebot, wenn nicht sogar eine noch stärkere Positionierungsmöglichkeit. Die Politik könnte die (Re-)Qualifizierung und Umsetzung innovativer pannonischer Hotel- und Beherbergungsprojekteauf dem Land fördern und noch sehr viel bewegen. Damit wäre man touristisch am Puls der Zeit und könnte bei der Nachfrage von Gästen aus dem In- und Ausland punkten. Diese Chance ist noch keineswegs vertan. Ein Ort wie Mörbisch könnte der Inbegriff eines charmanten pannonischen Dorfes sein – mit landestypischen Unterkünften, einer belebten Seepromenade, netten Restaurants, gemütlichen Buschenschenken, Läden und Boutiquen, Handwerk und Brauchtum, kleinen Events usw. Ein solcher Ort könnte sommers wie winters die vielen Besucher der großen Kulturfestivals zum Bleiben bewegen. Angesichts der Tatsache, dass in den Sommermonaten zwischen Seefestspielen, Römersteinbruch und Family Park rund eine Million Tagesgäste unterwegs ist, ist es fast unglaublich, wie wenig sich die touristische Infrastruktur in puncto Beherbergung, Gastronomie, Dienstleistungen bis hin zur Schifffahrt in dieser Ecke des Neusiedler Sees in den vergangenen 20 Jahren weiterentwickelt hat. Könnten nur einige Prozent dieser Tagesgäste mit kreativen Angeboten zum Übernachten verleitet werden – die Wertschöpfung des tatsächlich sehr erfolgreichen TagesEventtourismus am Neusiedler See wäre für alle Bereiche der burgenländischen Wirtschaft ungleich höher und breiter.
Naturtourismus: Ein Nationalpark wie kein anderer
Sicherlich hat man gut daran getan, das unmittelbare Gebiet rund um den Neusiedler See schon früh als UNESCO-Welterbe zu deklarieren und 1993 den Nationalpark zu gründen. Beides waren vorausschauende und verantwortungsvolle Maßnahmen, auf die die burgenländische Politik noch heute stolz sein darf. Dadurch ist bis heute ein einzigartiges Erlebnis im Naturtourismus möglich, während das Ufer von touristischer Verbauung und Verschandelung verschont geblieben ist. Das bedeutet aber nicht, dass man an der einen oder anderen Stelle nicht mehr unternehmerische Kraft und Kreativität investieren könnte. Damit ist aber kein Massen-Naturtourismus gemeint. Das Nationalparkzentrum Neusiedler See – Seewinkel zeigt mit seinen Führungen vor, wie unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden können. Aber auch der St. Martins Therme & Lodge ist es gelungen, mit dem höchst erfolgreichen Angebot der Seewinkel-Safari ein immer breiteres Publikum anzusprechen – und dieses Publikum für die Region zu begeistern oder sogar erstmals hierherzubringen. Die Verbindung dieser Angebote mit der regionalen Kulinarik und dem burgenländischen Wein stellt ein Top-Seller-Produkt dar, eine einmalige Experience, mit der kein anderer Nationalpark in Österreich mithalten kann. Wer auf diese Weise schon einmal pannonische Luft geschnuppert hat, bekommt leicht Lust auf mehr Urlaub am Neusiedler See. Schade, dass es bis heute nur wenige Nachahmer solch kreativer touristischer Angebote gibt. Aufgrund der Tatsache, dass die Natur 365 Tage im Jahr geöffnet hat, ist hier noch viel Potenzial vorhanden, um mehr aus dieser Ressource zu machen; z. B. auch ein guter Nächtigungstourismus mit hoher Wertschöpfung. Wer sich schon einmal auf eine Naturtourismus-Fachmesse begeben hat, weiß, welch internationales hochwertiges und kaufkräftiges Publikum sich hinter dieser Zielgruppe verbirgt. Zweifellos stellen das Naturgebiet und der ländliche Raum rund um den Neusiedler See – auch bei niedrigem Wasserstand – die großen touristischen Ressourcen des Landes dar. Darin liegen weit mehr Wachstumschancen als im Bereich des Segel- und Surfsports, der vor allem als tagestouristisches Freizeitangebot seine Bedeutung hat.
Hin zum burgenländischen Landtourismus
Nicht erst seit der Pandemie verspürt der ländliche Raum in vielen Ländern Europas eine gesteigerte Nachfrage nach naturnahen Freizeit- und Urlaubserlebnissen. Die Anziehungskraft der ländlichen Regionen entwickelt sich immer mehr zu einem Gegentrend zu Globalisierung und Urbanisierung. Vielerorts ist eine neue Sehnsucht nach idyllischen Dörfern, gemütlichen Kleinstädten und authentischen ländlichen Regionen
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
entstanden. Nach einer Provinz, die von Offenheit, Vitalität, Kooperation, sozialer Nähe und Kommunikation geprägt ist. Der Wunsch nach einem guten Leben auf dem Land wächst. Wir erleben eine Art Renaissance des ländlichen Raums und damit auch eine neue Sehnsucht nach einem Tourismus im ländlichen Raum. Für das Nordburgenland bietet diese Entwicklung als Tourismusregion, aber auch als Lebensstandort für die Bevölkerung tatsächlich viele ungeahnte Chancen. Zum einen können kleine Orte wieder ihre Potenziale nutzen, die sie immer schon hatten. Zum anderen eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten für den Tourismus, der den Dörfern Resilienz verleiht. Vieles ist schon vorhanden, etliches kann und muss geschärft werden. Insofern kann auch das Nordburgenland zu einem Zukunftsraum werden, der von starker Regionalität geprägt ist und Bewohnern wie Besuchern eine hohe Lebensqualität bietet. Ein Ort der Resonanz, wo Erholung, naturverbundenes Reisen, gesundes und aktives Dasein sowie Kontakte zwischen Einheimischen und Gästen mehr Raum für Selbstverwirklichung bieten. Viele Stadtmenschen haben nahe gelegene Gebiete durch die Corona-Pandemie oft erstmals richtig als Reiseziele und Naherholungsziele kennengelernt. Was braucht es dafür, um das zu entwickeln? Unter anderem etwa Nutzungskonzepte für leer stehende Gebäude, innovative Unterkunftskonzepte, bedacht entwickelte Zweitwohnsitze, Co-Working-Spaces für Einwohner und Menschen aus der Stadt, lokale Spezialitäten und regionale Kulinarik, den Dorfladen, das Handwerk, Traditionelles und Typisches. Das Spektakuläre tritt eher in den Hintergrund. Darin liegt die Chance für den Landtourismus im Burgenland: Die konsequente Entwicklung dieses Segments kann auch dem ländlichen Raum eine neue Zukunftsperspektive verleihen. Voraussetzung dafür sind klare Strategien und Ziele. Etwa die notwendige Qualitätssteigerung im Bereich der Beherbergung; Innovation im Bereich der touristischen Freizeitinfrastruktur und des Erlebnisangebots. Zwingend notwendig ist dafür die enge Zusammenarbeit auf allen Ebenen zwischen den unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten (Landwirtschaft, Raumordnung, Tourismus) über die regionalen Strukturen bis zur Anbieterbasis vor Ort. Letztlich soll die Weiterentwicklung eines burgenländischen Landtourismus auch zu einer positiven Destinationsentwicklung beitragen. Das könnte eine Professionalisierung der gesamten Branche nach sich ziehen, Innovationen und Investitionen auslösen, den Gästenutzen steigern und damit die Gästenachfrage ankurbeln, aber auch die Lebensqualität der Menschen im Nordburgenland verbessern und Wertschöpfung für die gesamte Wirtschaft des Landes erzeugen. Mario Baier, diplomierter Tourismuskaufmann, ist Geschäftsführer von MB-Tourism Consulting. Er war von 2010 bis 2017 Geschäftsführer von Burgenland Tourismus. Schwerpunkte: Destinationsmanagement und -entwicklung. Stationen u. a. Österreich Werbung Wien, Köln und Mailand; General Manager von Piemont Tourismus.
Conclusio Die Region hat zwei Claims erfolgreich gesetzt: die Sonnenseite Österreichs zu sein und die Positionierung als „pannonische Region“. Beides sind Alleinstellungsmerkmale. Was ist zu tun? Die Politik könnte mit den erarbeiteten Image- und Kulturfacetten noch viel bewegen und darauf aufbauend innovative pannonische Beherbergungsprojekte fördern. Gezielte Maßnahmen könnten Orte wie Mörbisch mit seinem architektonischen Kulturerbe zum Inbegriff eines charmanten pannonischen Dorfes machen, das zu längeren Aufenthalten motiviert.
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Tourismus in einer einzigartigen Landschaft sichern Ein Beitrag von Patrik Hierner, Tourismusverband Nordburgenland
Der Tourismus ist aufgrund von geänderten Gästeanforderungen und klimatischen Veränderungen im Umbruch begriffen. Daher gilt es, Entwicklungen zu fördern, die auf Flexibilität, innovative Angebote und Nachhaltigkeit setzen. Der Neusiedler See ist seit Jahrzehnten das touristische Aushängeschild des Burgenlands. Doch auch hier ändern sich die Voraussetzungen für einen langfristig abgesicherten Erfolg. Die unbestreitbare Einzigartigkeit der pannonischen Landschaft sowie andere wichtige touristische Vorzüge der Region – Wein und Kulinarik, Kulturveranstaltungen und Festivals sowie das Radroutennetz – bleiben auch in Zukunft Basis für eine positive Entwicklung.
Breite Ausrichtung unumgänglich
Aufbauend auf diesen Vorteilen muss man sich jedoch auch neuen Herausforderungen für die regionale Tourismuswirtschaft stellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Zu den wichtigsten Anforderungen zählt, ein verändertes Gästeverhalten hinsichtlich Informationsbeschaffung mittels neuer Technologien umzusetzen. Die digitale Urlaubsbegleiterin „Burgi“ wurde Ende 2022 auch deshalb entwickelt, um diese geänderten Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist eine Web-App, die regionale Ausflugstipps bietet und die Burgenland Card integriert. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind weitere Grundvoraussetzungen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Gerade der Neusiedler See mit schwankenden Wasserständen ist ein Paradebeispiel dafür, dass eine thematisch breite Ausrichtung für eine erfolgreiche Destination unumgänglich ist. Die Entwicklung regionaler Angebote, die für Gäste auch bei niedrigeren Wasserständen attraktiv sind, ist daher weiter voranzutreiben. Dazu zählen z. B. die aktuelle Entwicklung von „Weinwandern am Neusiedler See“ oder eine zielgruppengerechte Verbesserung des radtouristischen Angebots, etwa in Form spezieller Familien-Radrouten. Wie auch in anderen Regionen bewirkt der Klimawandel im Nordburgenland Veränderungen im Gästeverhalten. Radtouren werden im Hochsommer weniger nachgefragt, spielen aber in der Vor- und Nachsaison eine größere Rolle. Das Angebot ist dafür entsprechend zu adaptieren, wobei alle Stakeholder (Unterkünfte, Radverleih, Gastronomie etc.) an einem Strang ziehen müssen.
Entwicklung nachhaltiger touristischer Angebote
Eine besonders große Herausforderung für den langfristigen Erfolg von Destinationen ist die Entwicklung nachhaltiger touristischer Angebote. Hier ist ein ehrlicher Zugang zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein gefragt. Es reicht keinesfalls, sich mit „Greenwashing“ ein Umweltdeckmäntelchen überzustülpen. Schon heute legen immer mehr Reisende Wert auf ressourcenschonende Angebote.
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Zweifellos wird sich die Nachfrage hier weiter verstärken und künftig werden immer mehr Menschen bei ihrem Buchungsverhalten auf umweltgerechte An- und Abreise oder nachhaltigkeitszertifizierte Gastgeber und Destinationen abzielen. Ganz besonders gefordert sind in diesem Zusammenhang die Unterkunftsbetriebe. Gerade in diesem Bereich sind Transparenz und Vergleichbarkeit durch Buchungsplattformen in hohem Maße gegeben. Schon jetzt besteht z. B. auf der Plattform Booking.com eine Filtermöglichkeit nach dem Kriterium „Travel Sustainable Level“. Auch Reiseveranstalter verlangen immer häufiger gezielt nach nachhaltigkeitszertifizierten Betrieben und geradezu ein Muss sind solche Zertifikate künftig für Unternehmen, die im Geschäftstourismus reüssieren wollen.
Neue Angebotsformen bei Unterkünften
Aufgrund veränderter Kundenwünsche entwickeln sich international neue Angebotsformen bei Unterkünften, die auch für die Region Nordburgenland eine größere Rolle spielen können. Dazu zählen etwa Tiny Houses, also kleine, transportable Häuser zur touristischen Vermietung. Sie gelten als nachhaltig, sind zumeist sehr energieeffizient, verbrauchen weniger Ressourcen und schneiden beim Kosten-Nutzen-Verhältnis für Gäste meist gut ab. Glamping, eine Art luxuriöses Camping, hat in den vergangenen Jahren europaweit ebenfalls an Bedeutung gewonnen. Ähnlich wie bei den Tiny Houses gibt es auch hier steigende Nachfrage und ein Bedürfnis nach außergewöhnlichen Reiseerlebnissen, insbesondere für Umweltbewusste. Campingurlauber schätzen meist den direkten Kontakt zur Natur und das Gefühl von Gemeinschaft und Freiheit. Im Vergleich zum herkömmlichen Camping werden beim Glamping auch Personen angesprochen, die nicht auf Komfort verzichten wollen. Insofern ergeben sich hier neue Marktsegmente, die bei zielgruppengerechter Bewerbung als Gäste für die Region zu gewinnen sind.
Beauftragte für Nachhaltigkeit
Wie die Unterkunftsbetriebe stehen auch die Tourismusdestinationen bezüglich Nachhaltigkeit untereinander im zunehmenden Wettbewerb. Der Tourismusverband Nordburgenland hat sich daher – ebenso wie die beiden anderen burgenländischen Destinationen und die Landesgesellschaft Burgenland Tourismus – zum Ziel gesetzt, das nachhaltige touristische Angebot der Region deutlich zu stärken. Zu diesem Zweck wurden mit Jahresbeginn 2024 Nachhaltigkeitsbeauftragte in allen drei Teilregionen des Landes angestellt. Entsprechend den Kriterien des österreichischen Umweltzeichens werden die Destinationen im Detail evaluiert und zielführende Maßnahmen ausgearbeitet. Resümee: Der Tourismus am Neusiedler See ist angesichts sich wandelnder Gästeanforderungen, klimatischer Veränderungen und eines wachsenden Umweltbewusstseins gefordert, Entwicklungen zu fördern, die auf Flexibilität, innovative Angebote und Nachhaltigkeit setzen. Damit positioniert sich die Region Nordburgenland strategisch für eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Patrik Hierner, Studium der Geografie mit Schwerpunkt Regionalentwicklung und Tourismusforschung, ist Geschäftsführer des Tourismusverbands Nordburgenland. Er ist Reiseleiter und Autor.
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Naturschutz und Tourismus – Immer noch Gegenspieler? Ein Beitrag von Bernhard Kohler, Biologe des WWF
Über das Verhältnis von Naturschutz und Tourismus wird meist nur im Konfliktfall nachgedacht. Dabei bestünde ein grundsätzliches gemeinsames Interesse an intakter Natur und Landschaft. Ein Blick auf die Region Neusiedler See und ihre Schutzgebiete. In unserer Gesellschaft ist bis heute zu wenig Bewusstsein dafür vorhanden, in welchem Ausmaß der Mensch von der Natur abhängig ist, trotz und vielleicht sogar wegen aller zivilisatorischen Errungenschaften. Das führt u. a. dazu, dass über das Verhältnis zwischen Naturschutz und Tourismus meist nur im Konfliktfall nachgedacht wird – und zwar dann, wenn touristische Vorhaben ganz offensichtlich zur Schädigung von Natur und Landschaft beitragen. Dabei bestünde doch ein grundsätzliches gemeinsames Interesse von Naturschutz und Tourismus an einer intakten Natur und Landschaft. Insbesondere, wenn man Tourismus als eine Form der Landnutzung begreift, die untrennbar mit besonderen kulturellen und natürlichen Ressourcen verknüpft ist. Dieses gemeinsame Interesse sollte jedenfalls durch die Definition der Aufgaben und Ziele des Natur- und Landschaftsschutzes deutlich werden. Naturschutz will einerseits die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen erhalten – etwa saubere Luft, sauberes Wasser und funktionierende Ökosysteme – und andererseits die Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Natur bewahren. Beide Aufgaben sind untrennbar miteinander verbunden. Naturschutz ist eindeutig mehr als bloßer Ressourcenschutz für die elementaren menschlichen Lebensgrundlagen. Er wirkt in Bereiche hinein, die mit Lebensqualität, Erholung, einem seelischen Reichtum und ästhetischer Empfindung zu tun haben – Komponenten, die auch für den Tourismus zentral sein sollten.
Werbung und Realität
Orientiert man sich an Werbeinhalten des Tourismus, sollte die aktive Erhaltung von lokaler Eigenart, natürlicher Vielfalt und landschaftlicher Schönheit ein grundlegendes Anliegen aller im Tourismus Tätigen sein. Tatsächlich ist das oft nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene der Fall. Droht im Zuge wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Vorhaben eine weitere Zerstörung und Verarmung von Natur und Landschaft, dann erhebt der Tourismus nur selten hörbar seine Stimme. Anders ist nicht zu erklären, dass in einer österreichweit einzigartigen Tourismusregion wie dem Neusiedler-See-Gebiet Entwicklungen zugelassen werden, die dessen Eigenart und Schönheit großflächig zerstören. Trotz der begrenzten räumlichen Ressourcen wuchern in allen Gemeinden an den historischen Ortsrändern landschaftsfressende, ästhetisch triste Gewerbegebiete, Siedlungsflächen und Infrastrukturanlagen. Sie machen die Orte der Region zu einem traurigen Duplikat aller nur denkbaren städteplanerischen Fehlentwicklungen, die in den nächstgelegenen Großstädten Wien und Bratislava zu beobachten sind. Besonders sticht die Entwicklung des Raums zwischen Parndorf und Neusiedl am See mit seinen ressourcenverschwendenden Großkaufhäusern, Parkplätzen, Industrieanlagen, ausladenden Verkehrsflächen und eingestreuten Wohngebieten hervor. Hier fehlt ganz klar eine überlegte und koordinierte Raumplanung. Repliken finden sich im Seewinkel, am Westufer des Neusiedler Sees und in der Wulka-
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Ebene bis nach Eisenstadt und dessen neu gewuchertem Speckgürtel. Alle wissen, die Bodenressourcen sind endlich – dennoch ist ein Ende dieses Trends nicht in Sicht. Auch wenn dieser Trend das Resultat einer an sich begrüßenswerten wirtschaftlichen Entwicklung ist, stellt sich die Frage: Wann werden andere für die Region essenzielle Wirtschaftsbereiche wie der Tourismus dadurch in Mitleidenschaft gezogen? Schon jetzt müssen Besucherinnen und Besucher der Region ihren Blick wie mit unsichtbaren Scheuklappen auf die verbliebene Schönheit der Landschaft richten.
Den Wert der Landschaft erkennen
In welchem Ausmaß die Landschaft beansprucht wird, ist mehrfach zu bemerken. Etwa bei den Bemühungen, in der Region wieder einen naturnäheren Wasserhaushalt herzustellen. Siedlungen und Gewerbeparks in ehemaligen Feuchtgebieten erfordern großflächige Maßnahmen für den präventiven Hochwasserschutz bzw. für Entwässerungen. Der Grundwasserspiegel ist im Seewinkel und im Hanság, verstärkt durch landwirtschaftliche Bewässerung, deutlich abgesunken. Die Vorratsbildung für Dürrezeiten ist dadurch eingeschränkt. Das ist nicht nur für den Fortbestand europaweit bedeutender Feuchtgebiete problematisch, sondern auch für einen Tourismus, der auf dem Alleinstellungsmerkmal dieser Natur aufbaut. Insofern sollte man sich auch hinsichtlich touristischer Potenziale überlegen: Einkaufszentren, Autohäuser und Reihenhaussiedlungen gibt es überall in Europa. Einen besonderen Anreiz für einen Besuch der Region bilden sie nicht. Sodalacken, Salzsümpfe und Alkalisteppen samt reicher Vogelwelt von dieser Qualität gibt es in Mitteleuropa nur hier. Aber auch am See zwingen der Ausbau der Seebäder und die Verbauung von historischen Überschwemmungsräumen zur regelmäßigen Ableitung von „überschüssigem“ Wasser, das bei ausbleibenden Niederschlägen fehlt. Mit jeder Ableitung geht dem See zudem Salz verloren und damit ein Stück seines Charakters als salzhaltiger Steppensee.
Symptombekämpfung statt Renaturierung
Die Region ist durch starke Schwankungen der Niederschlagsmengen und extreme Standortverhältnisse geprägt. Die zahlreichen Feuchtgebiete fungierten in der Region wie Wasserspeicher. So konnte die Erholung nach Dürrephasen wesentlich rascher und gründlicher erfolgen. Bis heute sind rund 80 Prozent der Feuchtgebiets-Ausstattung verloren gegangen. Weil grundlegende Besonderheiten der Region wie der Salzgehalt des Bodens und der Gewässer früher unangetastet blieben, war nach natürlichen Schwankungen eine Rückkehr zur Ausgangssituation problemlos möglich. Heutzutage lösen natürliche Schwankungen unberechenbare Entwicklungen aus, weil wir der Landschaft mit ihrer Eigenart zunehmend auch die Resilienz genommen haben. Der Tourismus steht diesen Entwicklungen weitgehend hilflos oder sogar verständnislos gegenüber. Statt für Renaturierungsmaßnahmen zu plädieren, lässt er sich zu unüberlegter Symptombekämpfung hinreißen. Etwa, wenn Gemeinden aus Sorge um ihre Tourismuseinkünfte Resolutionen veröffentlichen, in denen zur „Rettung des Sees“ eine künstliche Zufuhr von Donauwasser gefordert wird. Dabei sollten sich die Probleme, die eine Dotation mit sich bringt, mittlerweile herumgesprochen haben. Es wird hier offensichtlich, dass der Tourismus seine eigene Lebensgrundlage nicht verstanden hat: die Eigenart, Vielfalt und Schönheit der Natur in unserer Region in seinem ureigenen Interesse zu bewahren.
Naturerlebnis lässt sich nicht beschleunigen
Das Erkennen dieses Defizits wird nicht zuletzt dadurch erschwert, dass einige Tourismusverantwortliche nach wie vor auf der Welle des „schneller, weiter und mehr“ reiten, das weite Teile unserer nicht-nachhaltigen und ressourcenverschwendenden Wirtschaft prägt. Auf kurzlebige Massenevents und Großveranstaltungen zu setzen, die überall anderswo genauso stattfinden könnten, geht ebenso gegen den Strich jeder vernünftigen Tourismusstrategie wie die Förderung von Geschwindigkeit, Durchsatz und Quantität.
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Eine langfristige Bindung der Besucher an die Region wird nur über unverwechselbare Natur- und Kulturerlebnisse, erholsame Entschleunigung und Individualität zu erreichen sein.
Ein Beispiel, wie das gelingen kann, sind touristische Konzepte, wie sie der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel verfolgt. Das Angebot ist darauf ausgerichtet, die Besucher länger in der Region zu halten. Anders als z. B. im Nationalpark Donau-Auen, wo es keine Beherbergungsmöglichkeiten gibt und Tagesbesuche dominieren, lassen sich in der Region Neusiedler See Aktivitäten so strukturieren, dass die Menschen angeregt werden zu bleiben, zu nächtigen. Andernfalls profitiert nur das Busunternehmen oder es wird der Individualverkehr verstärkt – das Rad ins Auto gepackt, an einem Tag hierher und wieder zurück. Alles, was beschleunigend wirkt, ist aber kontraproduktiv für die Natur und die Regionalwirtschaft. Insofern ist es nur konsequent, Beherbergungen kleinteilig zu strukturieren und Massenabfertigungen zu vermeiden. Dann profitieren jene touristischen Akteure, die gut verwurzelt sind. Und nur dann findet eine Rückkoppelung mit der Region und dem Naturschutz statt. Etwa dadurch, dass ein stärkeres Augenmerk auf regionale Ressourcen wie das Grundwasser gelegt wird. Insellösungen sollten unbedingt vermieden werden. Das Gesamtangebot in der Region mit Ungarn ist reichhaltig, man braucht mindestens eine Woche Aufenthalt, um ein bisschen etwas gesehen und erlebt zu haben. Insofern ist es wichtig, die Region gemeinsam und gleichmäßig, auch hinsichtlich wirtschaftlicher Fragen, zu entwickeln.
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Was Entschleunigung konkret bedeutet, zeigt sich auch am Beispiel des Radtourismus. Es macht einen Unterschied, ob das wörtlich genommene „Erfahren“ der Region mit einem möglichst flotten E-Bike auf asphaltierten Radwegen erfolgt oder ob eine genussreiche Erkundung der Natur auf bequemen Fußwegen stattfinden kann. Die E-Bike-Variante verkommt schnell zum technikgestützten, einzig auf das Erleben des eigenen Körpers fokussierten Kilometerfressen. Sie schafft eine nur sehr oberflächliche Beziehung zur Landschaft. Die Fußgeher-Variante (lässt sich durchaus mit einem maßvollen Gebrauch von Fahrrädern kombinieren) hingegen führt zu einer Fülle von Entdeckungen, die in eine zutiefst bereichernde Beziehung zur Region münden können. Wer an diesem Gegensatz zweifelt, sollte als Fußgeher versuchen, die Zitzmannsdorfer Wiesen und ihre Tier- und Pflanzenwelt auf dem asphaltierten Rad- und Fußweg südlich von Weiden am See zu erleben. Die wegen des Asphalts bald schmerzenden Füße und die wegen der permanenten Kollisionsgefahr notwendigen häufigen Fluchtsprünge in die umgebende Vegetation werden ihn darüber belehren, dass der Tourismus in der Region – bis auf einige löbliche Ausnahmen – noch nicht gelernt hat, Eigenart, Vielfalt und Schönheit der Natur effektiv für sich zu nutzen. Es bleibt zu hoffen, dass der Tourismus dieses Defizit bald erkennt und entsprechende Initiativen setzt. Ausdruck für eine solche Haltungsänderung könnte eine aktive Beteiligung an der Entwicklung und Gestaltung von naturtouristischen Angeboten sein. Gute naturtouristische Programme wachsen nicht auf den Bäumen, sie sind das Ergebnis von aufwendiger Entwicklungsarbeit. Es braucht dazu engagierte und fachlich kompetente Personen, gute Ideen sowie Geld für die Ausarbeitung, Erprobung, Umsetzung und laufende Aktualisierung von attraktiven Programmen. So wie im Kulturbetrieb erfolgreiche Theaterstücke, Konzerte und Ausstellungen nicht ohne aktive Förderung zustande kommen, brauchen auch Umweltbildung und Naturvermittlung entsprechende institutionelle, personelle und finanzielle Rahmenbedingungen, um breitenwirksam zu werden. Während aber im Kulturbereich ein umfangreicher Apparat vorhanden ist, der dafür sorgt, dass kreative Ideen sich letztlich in touristisch wirksamen Angeboten niederschlagen, gibt es in der Naturvermittlung diese Voraussetzungen kaum. Hier könnte die Tourismuswirtschaft zum eigenen Vorteil mithelfen, eine abwechslungsreiche, originelle und qualitativ hochwertige Angebotslandschaft zu schaffen. Eine aktive Anteilnahme des Tourismus an der Aufbereitung und Vermittlung der Naturschätze in der Region wird letztlich auch dazu führen, dass dieser Wirtschaftszweig gemeinsam mit dem Naturschutz seine Stimme erhebt, wenn es gilt, unersetzbare Güter in Natur und Landschaft gegen unbedachte Inanspruchnahme und Zerstörung zu verteidigen. Bernhard Kohler, Studium der Zoologie und Botanik an der Universität Wien, ist Biologe und Senior Conversion Advisor im WWF Österreich. Er war an zahlreichen Studien in der Region Neusiedler See beteiligt.
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Es bräuchte mehr Initiative Ein Beitrag von Ewald Tatar, Veranstalter
Das Nova Rock Festival bringt jährlich weit über 100.000 Besucher nach Nickelsdorf. Wie kann es gelingen, für Gäste von Großveranstaltungen weitere Angebote zu schaffen, um sie länger in der Region zu halten? Wir haben beim Nova Rock Festival in Nickelsdorf 50.000 bis 60.000 Besucher pro Tag. Das Festival dauert vier Tage. Das sind sehr viele Menschen, für die in einem abgelegenen Festivalgelände für kurze Zeit eine Infrastruktur in der Größe von Wiener Neustadt errichtet wird: Es gibt Supermärkte, Einkaufsmöglichkeiten und Weinverkostung. 2023 hatten wir einen Anteil von rund 38 Prozent an deutschen Besuchern. Vier bis sechs Prozent kommen aus anderen Nachbarländern. Deutsche Gäste fahren – das liegt fast in der Natur der Sache – zum Festival wie in ein Ghetto: Sie verlassen die Autobahn, betreten das Festivalgelände und fahren am Ende wieder zurück. Von der tollen Umgebung haben sie kaum etwas mitbekommen. Viele Besucher wissen nicht einmal, dass es 15 Kilometer entfernt den Neusiedler See gibt. Didi Tunkel hat 2023 erstmals Burgenland Tourismus auf dem Gelände präsentiert; da wurde schon einen Schritt weiter gedacht. Aber man könnte rund um das Festival viel mehr machen. Ich selbst rege die Leute an, sich auch die Umgebung anzusehen. Wir organisieren ein Shuttle-Service nach Podersdorf, wo sie sich im Strandbad einen schönen Tag machen können. Wir geben auf der Website Tipps für Freizeitprogramm, weisen auf das Designer Outlet Parndorf hin. Aber wir können keine Heurigen-Touren veranstalten oder Trips zu den Weißen Eseln im Nationalpark. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Dennoch versuche ich seit Jahren, initiativ zu sein. Ich möchte dafür drei Beispiele nennen:
Packages mit Nächtigungen im Hotel
Die Besucher beim Nova Rock Festival sind etwa zwischen 20 und 60 Jahre alt. Anders als bei Frequency in St. Pölten, das ein sehr junges Publikum hat, sind unsere Gäste zu einem guten Teil durchaus bereit, sich den Aufenthalt etwas kosten zu lassen. Wir haben einen VIP-Bereich mit sehr teuren Karten, der jedes Jahr ausverkauft ist. Um dieses Angebot weiterzuentwickeln, habe ich das Diamond VIP-Ticket erfunden, bei dem Nächtigungen mit Sektfrühstück und ein Aufenthalt in der St. Martins Therme & Lodge dabei sind. Die Gäste werden von uns mit dem Bus abgeholt und wieder heimgebracht. Von der St. Martins Therme erhalten wir aber nicht mehr als 50 Zimmer. Mittlerweile konnten wir auch das Resort Scheiblhofer für unser Angebot gewinnen. Die Pakete, die wir anbieten, verlängern definitiv den Aufenthalt der Festival-Gäste in der Region. Und eigentlich hätte ich erwartet, dass in der Folge jemand auf mich zukommt und meine Initiative aufgreift. Egal, ob das Hotels sind oder andere touristische Anbieter. Dass das nicht passiert, wundert mich schon.
Caravaner wären gut ansprechbar
Bei Nova Rock haben wir etwa 5.000 bis 6.000 Stellplätze. Ich schätze, von den Gästen kommen 4.000 tatsächlich mit einem Caravan hierher. Dieser Anteil wächst jedes Jahr. Wir sprechen also von einem hochinteressanten Segment. Diese Fahrzeuge kosten eine Stange Geld. Der Caravan-Tourist ist flexibel, hat Fahrräder und zum Teil auch ein Moped mit, ist auf der Suche nach schönen Plätzen und guter Gastronomie. Aus diesem Potenzial wird touristisch in der Region noch zu wenig gemacht. Dabei wären die Leute, die wir in die Region holen, für touristische Konzepte gut erreichbar. Schon allein deshalb, weil sie sehr flexibel sind. Man könnte ihnen – wesentlich leichter als stationären Hotelgästen – das Leben in der Region näherbringen, Angebote machen und sogar Routen vorschlagen. Ein Beispiel: Gäbe es einen Stellplatz in Sankt
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Margarethen, könnten Besuche in Rust, Mörbisch, in der Oper im Steinbruch empfohlen werden. Dazu ein Stopp bei einem Heurigen, eine Fahrt mit dem Tretboot, ein Ausflug auf die Rosalia, ein Besuch in der Burg Forchtenstein, ein gutes Abendessen in einem Gasthaus. Die Caravaner sollten definitiv von Campinggästen unterschieden werden. Diese Klientel ist mobil, neugierig, bereit, das Land zu erkunden, und nicht unbedingt sparsam. Für die Ansprüche, die diese Gäste vermutlich haben, gibt es in unserer Region bislang viel zu wenig an Service und Betreuung.
Die Stadt zum Festival machen
Als ich mit Lovely Days vor einigen Jahren nach Eisenstadt gekommen bin, wollte ich etwas aufbauen. Schon Anfang der 2000er-Jahre hatten wir versucht, das Jazz Fest Wiesen auf den Haydnsaal auszudehnen. Wir brachten Acts wie Ray Manzarek von den Doors in den Haydnsaal . Das Konzept hat zwar funktioniert, aufgrund der räumlichen Entfernung zu Wiesen hat sich daraus aber nie eine Symbiose entwickelt. Mit Lovely Days habe ich erneut versucht, die Konzertreihe mit dem Umfeld zu verbinden. Allerdings hat sich in Eisenstadt kein Nährboden entwickelt. Mein Ansatz, eine Marching Band durch Eisenstadt marschieren zu lassen, um die Innenstadt stärker einzubeziehen, fand keinen Widerhall. Dabei wäre Eisenstadt prädestiniert für den Montreux-Gedanken: die Stadt zum Festival zu machen. Bei Lovely Days sind 7.000 bis 9.000 Menschen in der Stadt, von denen sich ein Teil sicherlich für weitere Aktivitäten gewinnen lässt. Ansprechbar wären auch jene Leute, die im Lindenstadion campieren; dort gibt es keinerlei Infrastruktur. Das bedeutet, dass diese Gäste ohnehin in die Stadt spazieren, um zumindest essen zu gehen oder einzukaufen. Was liegt näher, als zu überlegen, wie man die Festivalwochenenden zeitlich nach vorne oder hinten verlängern kann? Der Haydnsaal eignet sich ideal für Jazz-Konzerte oder auch Unplugged-Konzerte. So könnten die Leute länger in der Stadt gehalten oder öfter hierhergebracht werden. Um eine solche Dynamik entstehen zu lassen, bräuchte es aber Strukturen, die eine Vernetzung fördern. Das sehe ich in Eisenstadt nicht. Auch wenn es sicherlich willkommen wäre, wenn ich Ideen entwickle und das Risiko übernehme. Ewald Tatar ist mit rund 400 Veranstaltungen im Jahr einer der größten Eventveranstalter des Landes. Er hat als DJ begonnen, entwickelte einige Wiesen Festivals mit und hat u. a. das Nova Rock Festival und Lovely Days ins Leben gerufen.
Conclusio Großveranstaltungen (Nova Rock, Mörbisch, Oper St. Margarethen etc.) holen Zehntausende Besucher in die Region. Dieses Potenzial wird für den Tourismus bislang zu wenig genutzt. Was ist zu tun? Diese Besuchergruppen müssen stärker als potenzielle Aufenthaltsgäste verstanden werden. Es gilt, sie durch Rahmenprogramme und weitere lokale Angebote in der Region zu halten. Hier ist mehr Initiative gefragt: Hotels könnten Packages anbieten, Kommunen könnten Caravaning-Plätze fördern, Betriebe könnten Ausflugsziele stärker promoten. Eisenstadt hat die Chance, zur Festivalstadt zu werden.
1. ENTWICKLUNG DES TOURISMUS
Ein wertvolles Zusatzangebot für den Wiener Tourismus Ein Beitrag von Norbert Kettner, Geschäftsführer WienTourismus
Es sind qualitativ hochwertige Angebote, aber auch Trends wie „Transformative Travel“, die Synergien zwischen WienTourismus und der Region Neusiedler See ermöglichen. Die große Chance für die Region Neusiedler See besteht darin, Versuchslabor zu sein, denn es kam hier vergleichsweise spät zur Entwicklung des Tourismus. Das ermöglichte, Fehler anderer zu beobachten, sie aber selbst nicht zu wiederholen. Man denke an die Herausforderungen, die Intensivtourismus für einzelne Destinationen mit sich bringt. Insofern ist es Gebot unserer Zeit, Balance im Umfeld eines extensiven Tourismusangebots zu finden: zu beobachten, was eine Region aushalten kann und will, wo Grenzen zu ziehen sind. Individuelle Hebel zu definieren, bei denen man ansetzt. Zieht man Parallelen zwischen Wien und Nordburgenland, könnte man sagen, dass in Wien der öffentliche Raum und in der Region die Natur ein wertvolles Gut darstellen, auf das man aufpassen muss. So, wie wir aus der Innenstadt keinen Vergnügungspark machen wollen, sollte man das auch nicht mit der Natur tun. Ganz nach dem Vorbild der Angelsachsen lässt sich im Sinn eines Verknappungsmarketings dem Gast vielmehr vermitteln, dass man dieses Asset gerade für ihn schützt. Das gestiegene Verkehrsaufkommen ist eine der wesentlichsten Herausforderungen. Im Nordburgenland dürfte das an Wochenenden sowie vor allem während Festspielen und Veranstaltungen zum Tragen kommen, etwa in St. Margarethen, Mörbisch oder Parndorf. Hier braucht es Lösungsansätze, wenn man bedenkt, welche Bedeutung Nachhaltigkeit und Klimaschutz auch im Tourismus aufweisen. In Wien befinden wir uns in privilegierter Situation: Mit dem breit ausgebauten öffentlichen Verkehr ist das „Last Mile“-Problem unkompliziert gelöst. Immer weniger Menschen entscheiden sich, eine Millionenstadt per Auto zu bereisen. Für die lokale Bevölkerung bedeuten Verkehr und die „Letzte Meile“ einen Druckpunkt: Sind Straßen aufgrund von Events oder Saisonwechsel verstopft, belastet dies unmittelbar die Tourismusakzeptanz. Das Nordburgenland selbst ist zwar nicht dicht besiedelt, aber von einem bevölkerungsintensiven Großraum beeinflusst – von Wien, Bratislava und Györ.
Ein Markt für Wien?
Wir beobachten im internationalen Tourismus seit Längerem den Trend des „Transformative Travel“: Gäste wollen keine Best-of-Listen mehr abarbeiten. Sie wollen nunmehr in den „Social Canvas“ eintauchen – sich auf die Menschen vor Ort und ihr Lebensumfeld einlassen. Damit ist man rasch bei den kulturellen Ausprägungen einer Destination angelangt – wie etwa dem Wein, der in Wien wie auch im Burgenland wichtiges Thema ist. Die Veränderung touristischen Verhaltens ist Ausdruck eines Megatrends, der bleiben wird. Noch wirkt er sich nicht auf die Aufenthaltsdauer aus, doch muss es – seit der Pandemie – als Erfolg betrachtet werden, dass diese auch nicht gesunken ist. In Wiens Städtetourismus liegt sie derzeit bei 2,3 Tagen. Zurück zu „Transformative Travel“: Das spielt auch in Metropolregionen keine unwichtige Rolle. Gäste, die nach Wien reisen und die Region erkunden wollen, werden das weniger mit dem Auto tun, sondern angebotsorientiert. Diese Angebote muss man schaffen. Es mag paradox klingen, dass gerade jene Gäste,